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Geheimnisvoll wie die Highlands

1. KAPITEL

Die Schaltung des alten Bentleys hakte, als Derek versuchte, in den vierten Gang zu schalten. Zunächst ächzte das Getriebe noch, doch dann tuckerte das betagte Auto weiter über die schmale Landstraße, die sich sanft durch das malerische heidebedeckte Tal schlängelte. Verdammte alte Kiste, fluchte er innerlich. Er hätte sich einen vernünftigen – schnellen – Wagen für diesen Ausflug leihen sollen, anstatt zu versuchen, mit dem Oldtimer seines Großvaters die lange Strecke von Edinburgh bis in die Highlands zu bewältigen.

Das war eine dumme Idee gewesen, und es hob Dereks ohnehin schon schlechte Laune nicht, sich das einzugestehen. Dumm und unnötig, schalt er sich selbst. Aber er hatte testen wollen, ob das alte Auto, das offensichtlich in den vergangenen Jahren wenig bewegt worden war, noch funktionierte. Wenn er die absurde Bedingung im Testament seines Großvaters tatsächlich akzeptierte, dann wollte er wenigstens wissen, ob es sich lohnte. Denn der Bentley gehörte zum Erbe, das John Douglas hinterließ, genau wie die Wohnung in Edinburgh mit all den vielen Erinnerungsstücken an seine Eltern, mit den Bildern, die seine Mutter gemalt hatte – und an denen Derek so hing. Doch er würde das alles nur bekommen, wenn er den letzten Wunsch seines Großvaters erfüllte. Und er war sich nicht sicher, ob er dazu bereit war.

Missmutig blickte Derek auf die bewaldeten Berge, die majestätisch in der Ferne aufragten und über deren Kamm die Abendsonne orangegolden leuchtete. Heiraten – einfach lächerlich! Und dann auch noch innerhalb von zwei Monaten! Er wusste, was der alte Teufel sich dabei gedacht hatte. John Douglas war ein harter Mann gewesen, aber der Familienname, die Fortführung der Douglas-Linie bedeutete ihm alles. Wie oft hatte er Derek erklärt, dass er als letzter männlicher Spross für einen Erben zu sorgen habe. Nur deshalb, da war er sich sicher, hatte sein Großvater ihn nach dem plötzlichen Unfalltod seiner Eltern überhaupt bei sich aufgenommen. Und nach seinen Maßstäben erzogen.

Er verzog das Gesicht, als die bitteren Erinnerungen an diese Zeit ihn überfielen, und trat aufs Gaspedal. Besser er beeilte sich, damit er Glenlaird noch erreichte, solange es hell war. Außerdem musste er jemanden finden, der ihm den Weg zum Cottage beschrieb, denn er hatte keine Ahnung, wo es genau lag. Wozu, fragte er sich zum hundertsten Mal, besaß sein Großvater, der sein ganzes Leben in Edinburgh verbracht hatte, ein Haus in den Highlands? Soweit er sich erinnern konnte, hatte der alte Mann nie etwas davon erwähnt. Umso erstaunter war Derek gewesen, dass es bei der Testamentseröffnung bei den Dingen aufgelistet stand, die er erben würde. Natürlich nur, wenn er sich auf diese lächerliche Bedingung einließ. Ansonsten fiel alles an eine wohltätige Stiftung. Derek biss die Zähne aufeinander. Selbst über den Tod hinaus versuchte sein Großvater also noch, ihm seinen Willen aufzuzwingen.

Eigentlich hatte er geglaubt, John Douglas’ Einfluss endgültig entronnen zu sein. Denn Derek war schon lange finanziell unabhängig, führte mit seinen beiden Freunden das erfolgreiche Investmentunternehmen Highland Ventures, das inzwischen für mehr als nur ein Auskommen sorgte. Und als sie vor ein paar Jahren eine Niederlassung in London gründeten, hatte er sich sofort bereit erklärt, die Leitung dort zu übernehmen. Er war froh gewesen über diese Chance, woanders neu anzufangen, selbst wenn die Freundschaft zu seinen beiden Kompagnons Rory und Alan ihn auch weiterhin mit Edinburgh verband. Das Geschäft forderte seine ganze Aufmerksamkeit, und das war Derek ganz recht so. Denn so blieben die Besuche in Schottland und damit auch die Zeit, die er mit seinem Großvater verbringen musste, auf ein Mindestmaß beschränkt.

John Douglas’ plötzlicher Tod vor einer Woche war dennoch ein Schock für Derek gewesen. Mit einem Schlag hatte es ihn zurückkatapultiert in einen Teil seines Lebens, an den er nicht gerne dachte. Die Ereignisse hatten ihn regelrecht überrollt.

Am schlimmsten war es für ihn, jetzt in der Wohnung seines Großvaters zu leben. Er musste die Sachen durchgehen und ordnen, und die Konfrontation mit all den Erinnerungsstücken und vor allem mit den Bildern seiner Mutter, die die Zimmer im oberen Stockwerk zierten, war fast mehr, als er ertragen konnte. Denn es riss die Wunde, die der Verlust seiner Eltern ihm als Kind zugefügt hatte, schmerzhaft wieder auf. Warum der Alte die Kunstwerke niemals hergeben wollte, obwohl er doch so wenig von seiner malenden Schwiegertochter gehalten hatte, war Derek immer ein Rätsel gewesen. Nicht ein einziges Gemälde hatte er je bekommen, nicht eines, ganz egal, was er gesagt, wie er argumentiert oder wie viel Geld er dem Alten dafür angeboten hatte.

Und dann gestern die Testamentseröffnung mit dieser völlig überraschenden, erschreckenden Klausel. Würde er die Bilder tatsächlich nur bekommen, wenn er auf die lächerliche Bedingung seines Großvaters einging? Allein der Gedanke, dass sie in fremde Hände gelangen könnten, war etwas, an das er nicht denken wollte. Er brauchte jetzt vor allem Zeit, um sich darüber klar zu werden, was er tun sollte.

Der Ausflug nach Glenlaird, zu dem er sich heute Morgen spontan entschlossen hatte, schien ihm genau das Richtige zu sein, um den Kopf freizubekommen. Und um Elaine Gelegenheit zu geben, nach London zurückzukehren. Er konnte immer noch nicht fassen, dass sie ihm einfach nach Edinburgh nachgereist war. Dabei hatte er ihr ausdrücklich gesagt, dass das seine Angelegenheit war. Derek fluchte unterdrückt. Dadurch hatte sie mitbekommen, was im Testament seines Großvaters stand, und das war der Anlass eines heftigen Streits zwischen ihnen gewesen. Er hatte ihr gesagt, dass er sie nicht mehr in der Wohnung seines Großvaters vorfinden wollte, wenn er zurückkam. Und er ging davon aus, dass er deutlich genug gewesen war. Glaubte sie im Ernst, er würde sie jetzt heiraten, nur weil sein Großvater sich diese hirnrissige Bedingung ausgedacht hatte? Eigentlich müsste sie ihn inzwischen besser kennen. Denn selbst wenn er sich tatsächlich genötigt sehen sollte, so etwas zu tun, würde seine Wahl ganz sicher nicht auf Elaine fallen. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie mehr von ihm wollte als eine Affäre; aber so funktionierte das nicht. Jedenfalls nicht bei ihm.

Und deshalb steckte er jetzt in der Klemme. Es musste doch irgendeine andere Lösung geben, verdammt! Eine, bei der er bekam, was er wollte, ohne sich tatsächlich binden zu müssen. Er würde jedenfalls nicht kampflos aufgeben, so viel stand fest. Das Geld war ihm egal, er besaß selbst genug. Doch die anderen Dinge konnte er nicht einfach so aufgeben, auf keinen Fall. Er musste sich etwas ausdenken, ein Schlupfloch finden, eine Art, wie er diese Bedingung umgehen konnte.

Erleichtert sah Derek, dass die Abzweigung nach Glenlaird endlich in Sicht kam. So weit, so gut, dachte er, während er den Blick über das weite Tal mit dem kristallklaren See schweifen ließ. Bisher war er so in Gedanken versunken gewesen, dass er auf seine Umgebung gar nicht richtig geachtet hatte. Erst jetzt nahm ihn der Anblick mit einem Mal merkwürdig gefangen. Diese Berge hatten etwas Erhabenes, Stolzes, dem man sich nicht entziehen konnte, wenn man sie betrachtete. Er schluckte, als das schmerzhafte Gefühl des Verlustes zurückkehrte, das ihn immer quälte, wenn er in diesem Teil von Schottland war. Die ersten Jahre seines Lebens war er in den Highlands aufgewachsen, und er spürte, dass ihn immer noch viel mit dieser Landschaft verband. Das würde sich wohl nie ändern. Aber dieser Teil seiner Vergangenheit war unwiederbringlich verloren, und die Erinnerungen taten weh. Deshalb vermied er sonst Besuche in dieser Gegend, wenn sie nicht zwingend nötig waren.

Doch jetzt hatte er eine Mission, und er gedachte sie zu erfüllen. Dieses Cottage gab ihm Rätsel auf. Es musste einen Grund geben, warum sein Großvater das Haus gekauft hatte. Laut den Unterlagen des Notars gehörte es ihm schon seit fast fünfzig Jahren, also eine halbe Ewigkeit. Wieso hatte er es nur nie erwähnt? Mr. Peters wusste nichts über den Zustand, obwohl er schon lange der Anwalt der Familie Douglas war. Und es existierten auch nirgendwo Bilder oder Pläne davon. Derek zuckte die Achseln. Also würde er sich einfach überraschen lassen müssen.

Endlich tauchten die Häuser des Dorfes am Rand des breiten Loch Lairds auf. Die Gebäude selbst wirkten klein und ein wenig geduckt, doch die meist weißen, aber gelegentlich auch farbig gestrichenen Fassaden gaben dem Ort ein freundliches Gesicht. Auf der Hauptstraße hielt Derek schließlich vor einem Pub. Die Sonne ging gerade hinter den Bergkämmen unter, und er hoffte sehr, dass ihm irgendjemand den Weg zum Cottage weisen konnte, bevor es dunkel wurde.

Aber die Straße war wie ausgestorben, deshalb ging er kurz entschlossen in das „Fiddler’s“. Die drei Männer an der Bar drehten sich neugierig zu ihm um, und auch der Wirt, der hinter der dunklen Holztheke stand, blickte auf. Ansonsten war der kleine Gastraum leer.

„Entschuldigen Sie, könnten Sie mir vielleicht sagen, wie ich von hier aus zu Bend’s Cottage komme?“, fragte Derek in die Runde. Einen Moment herrschte Schweigen, während die Männer ihn unverhohlen musterten und offenbar taxierten.

„Bend’s Cottage, eh?“ Einer der Gäste, ein alter Mann mit einem etwas zerschlissen aussehenden Schlapphut auf dem Kopf, blickte misstrauisch. „Was woll’n Sie’n da?“

„Ist das wichtig?“, gab Derek kühl zurück. Er würde den Teufel tun und seine Privatangelegenheiten mit irgendwelchen Fremden besprechen.

Der Alte fixierte ihn weiter feindselig mit seinen kleinen Augen.

„Aber da ist doch …“

„Lass gut sein, Al“, mischte sich der Wirt ein. Er hatte flammend rotes Haar, ein rosiges Gesicht und einen Vollbart. „Sie müssen die Straße weiter durchfahren, wieder aus dem Ort raus“, meinte er an Derek gewandt. „Nach ungefähr drei Meilen kommen Sie an eine Abzweigung. Wenn Sie sich dort rechts halten, führt Sie der Weg direkt auf das Cottage zu. Es liegt ein bisschen versteckt in einer kleinen Senke, aber eigentlich können Sie es nicht verfehlen.“

„Danke.“ Während Derek die Tür aufschob und wieder ins Freie trat, spürte er förmlich die Blicke der Männer, die ihm nachsahen, im Rücken. So viel zu den Vorzügen des Dorflebens, wo jeder über jeden Bescheid weiß und jeder Fremde sofort auffällt, dachte er mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen. Aber schließlich hatte er erfahren, was er wissen wollte, und das war die Hauptsache.

Er ließ den alten Bentley wieder an, und kurz darauf fand er die Abzweigung, die der Wirt ihm genannt hatte, ohne Probleme. Bend’s Cottage lag, wie der Name schon andeutete, tatsächlich hinter einer Biegung, versteckt in einer schmalen Senke. Die Dämmerung hatte jetzt bereits eingesetzt, doch Derek konnte das kleine weiße Häuschen mit dem Strohdach und dem markanten Schornstein an der Schmalseite, der für diese Art von Cottages so typisch war, schon deshalb nicht verfehlen, weil hinter den Sprossenfenstern Licht brannte. Außerdem war ein kleiner, heller Mini davor geparkt.

Derek spürte, wie er sich anspannte. War er etwa den ganzen weiten Weg hergekommen, um hier Einbrecher zu überraschen? Oder war das Cottage bewohnt, und er wusste nur nichts davon? In den Unterlagen war jedenfalls nicht von irgendwelchen Mietern die Rede gewesen.

Er ließ das Auto oben an der Straße stehen und bewegte sich vorsichtig und leise durch die beginnende Dunkelheit auf das unter ihm liegende, hell erleuchtete Haus zu. Es wirkte sehr gepflegt. Neben dem Eingang stand eine alte, verwitterte Holzbank, und ein hübsches Klettergewächs bedeckte einen Teil der gekalkten Wand. Ein Blick durch das Fenster zeigte ein gemütlich aussehendes Wohnzimmer mit alten, teilweise antiken Möbeln darin. Die Vorhänge waren halb zugezogen, deshalb konnte Derek den Raum nicht ganz überblicken. Aber ein sich bewegender Schatten bewies, dass sich eindeutig jemand im Haus befinden musste. Und als er an die Tür trat, hörte er dahinter ganz deutlich ein rumorendes Geräusch.

Sollte er anklopfen? Derek entschied sich dagegen und setzte lieber auf den Überraschungseffekt. Schließlich wusste er nicht, was ihn im Haus erwartete.

Auf alles gefasst, legte er die Hand an die Klinke und schob die Tür mit einem Ruck auf. Das Türblatt stieß jedoch fast sofort auf einen Widerstand und bewegte sich nicht mehr weiter. Doch Derek hatte so viel Schwung in seine Bewegung gelegt, um den vermeintlichen Eindringling zu überrumpeln, dass der Gegenstand, der die Tür blockierte, mit einem lauten Scharren nachgab. Der Weg war so plötzlich frei, dass Derek unwillkürlich mit einem großen Schritt in den Raum stolperte. Er hörte ein lautes Poltern und einen spitzen, überraschten Schrei. Sekunden später fiel ihm jemand von oben in die Arme. Das kam so unerwartet, dass Derek instinktiv zugriff. Er versuchte noch, das Gleichgewicht zu halten, aber es gelang ihm nicht. Stattdessen wurde er umgerissen und landete zusammen mit dem anderen unsanft auf dem Boden.

Einen Moment lang war er so perplex, dass er sich nicht rühren konnte, geschweige denn etwas sagen. Es war ein Wunder, dass er nach ihrem Fall, den er mit seinem Körper abgefangen hatte, überhaupt noch Luft bekam. Nur eins drang unmissverständlich in sein Bewusstsein: Der Eindringling, der jetzt auf ihm lag, war ganz eindeutig eine Frau. Er wusste es deshalb so sicher, weil sich zwei wohlgerundete Brüste gegen seinen Brustkorb pressten und eine Flut aus kastanienbraunem, blumig duftendem Haar sein Gesicht bedeckte. Und diese Fremde, wer immer sie war, erholte sich sehr viel schneller von dem Schreck als er. Ehe er sich versah, hatte sie sich aus seiner Umarmung befreit und richtete den Oberkörper auf, sodass sie jetzt nicht mehr auf ihm lag, sondern auf ihm saß. Ihre Hände griffen nach seinen Unterarmen und drückten sie auf die Holzdielen, die er hart im Rücken spürte. Und dann stemmte sie sich mit ihrem – zugegeben nicht sehr beeindruckenden – Gewicht dagegen. Ihr Haar fiel wie ein Vorhang nach vorn und strich über sein Gesicht. In ihren blitzenden grünen Augen lag zuerst ein erschrockener Ausdruck, der seine eigene Fassungslosigkeit über diesen unerwarteten Zusammenprall zu spiegeln schien. Doch er wich recht schnell einem zornigen Funkeln. Schweigend fixierten sie sich ein paar endlose Sekunden lang, bis sie schließlich mit klarer und angenehmer, aber eindeutig empörter Stimme fragte: „Was zur Hölle haben Sie in meinem Cottage zu suchen?“

2. KAPITEL

„Würden Sie vielleicht die Freundlichkeit haben, von mir runterzugehen?“, stieß Derek heiser hervor, als sie keine Anstalten machte, sich zu bewegen.

„Erst wenn Sie mir sagen, was Sie hier wollen!“ Ihre Stimme zitterte nicht ein bisschen. Im Gegenteil. Es lag ganz eindeutig eine Herausforderung darin, und selbst wenn ihm im Moment nicht danach zumute war, musste Derek beinahe lächeln. Seine Lage mochte ihn hilflos erscheinen lassen, doch er war ziemlich sicher, dass es ihn wenig Mühe gekostet hätte, die Frau zu überwältigen. Sie war zierlich und wog fast nichts, und er war ihr körperlich bei Weitem überlegen. Aber das schien ihre Entschlossenheit, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen, nicht im Geringsten zu erschüttern. Diese Fremde hatte wirklich Nerven!

„Dasselbe wollte ich eigentlich Sie fragen“, brummte er unwillig und versuchte, seine Arme zu bewegen. Doch sie verstärkte sofort den Druck.

„Keine Dummheiten“, drohte sie nun. Langsam reichte es Derek. Was glaubte sie eigentlich, was sie da tat?

„Hören Sie, ich will Ihnen nicht wehtun, okay? Aber wenn Sie nicht gleich von mir runtergehen, dann kann ich für nichts mehr garantieren. Es ist nicht sehr bequem hier unten.“

„Wer sind Sie?“

„Bewegen Sie sich endlich, verdammt, dann sage ich es Ihnen.“ Derek konnte nicht fassen, wie stur diese Frau war. Und er war nah dran, seine Drohung wahr zu machen. Doch sie schien ein Einsehen zu haben, denn mit einem Mal gab sie ihn frei, sprang auf und ließ ihn aufstehen.

Erleichtert klopfte Derek sein Hemd und seine Hose ab und testete mit vorsichtigen Bewegungen, ob ihm irgendetwas wehtat. Außer seiner Schulter, die ein wenig schmerzte, schien er diesen Zusammenstoß jedoch glimpflich überstanden zu haben.

Erst jetzt hatte er wirklich Zeit zu begreifen, was passiert sein musste. Auf dem Boden lag eine umgefallene Trittleiter. Offenbar hatte die Frau auf dieser gestanden, um vielleicht etwas von dem großen Schrank neben der Haustür herunterzuholen. Sein schwungvoller Eintritt schien die selbst gezimmerte und etwas wackelig aussehende Konstruktion umgeworfen zu haben, sodass sie das Gleichgewicht verloren hatte und auf ihm gelandet war. Das klärte die Sachlage, aber nicht die Frage, was sie hier tat. Und wieso sie die Frechheit besaß, ihn über den Raum hinweg derart vorwurfsvoll anzusehen.

„Also, können wir jetzt wie vernünftige Menschen miteinander sprechen?“, fragte Derek und bemühte sich, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. Er stand immer noch im Türrahmen des kleinen Hauses, während sie sich in die Mitte des Raumes vor die cremefarbene Couch mit dem Blumenmuster zurückgezogen hatte, offenbar immer noch bereit, sich zu verteidigen, falls er sie angreifen sollte. Ihre ganze Haltung drückte Abwehr aus, und er war sicher, dass sie nicht gezögert hätte, sich noch einmal auf ihn zu stürzen, wenn er eine falsche Bewegung machte. Meine Güte, sah er denn wirklich so Angst einflößend aus?

Er musterte die hübsche Fremde. Ihr rötlich schimmerndes Haar reichte ihr bis über die Schultern und umrahmte ihr schmales, herzförmiges Gesicht mit diesen großen grünen Augen, die immer noch angriffslustig funkelten. Auf Nase und Wangen erkannte er einige vorwitzige Sommersprossen. Sie trug eine abgewetzte Jeans und ein lose fallendes weißes T-Shirt, das bessere Tage gesehen haben musste, doch unter der legeren Kleidung war sie schlank und zierlich. Das wusste er schließlich aus erster Hand. Erst jetzt wurde ihm wirklich klar, wie lächerlich ihr Angriff auf ihn gewesen war. Sie hätte keine Chance gehabt gegen ihn, aber mutig war sie, das musste er ihr lassen. Auch wenn es überhaupt nicht in seiner Absicht lag, sie anzugreifen.

„Okay“, sagte sie herausfordernd. „Dann also noch mal: Wer sind Sie, und was wollen Sie hier?“

Derek schnaubte.

„Wie gesagt – diese Frage müsste ich wohl eher Ihnen stellen“, meinte er. „Mein Name ist Derek Douglas, und ich weiß wirklich nicht, wie Sie auf die Idee kommen, das hier sei Ihr Cottage. Dieses Haus gehörte meinem Großvater, der letzte Woche verstorben ist, und da ich sein Erbe bin, ist es jetzt meins.“ Das stimmte zwar nicht ganz, jedenfalls noch nicht. Doch Derek beschloss, dass die Details in diesem Fall unwichtig waren. Es stand außer Frage, dass dieses Cottage Douglas-Eigentum war, was immer sich diese Frau einbildete. „Ich habe die Unterlagen erst gestern beim Notar eingesehen, und es besteht kein Zweifel, dass mein Großvater der rechtmäßige Eigentümer dieses Hauses ist. Hätten Sie also die Güte, mir zu erklären, was Sie hier machen?“

Die Fremde starrte ihn jetzt ungläubig an.

„Ihr Eigentum? Das ist doch völlig absurd. Dieses Haus gehörte meinem Großvater. Er hat hier bis zu seinem Tod gelebt, und zwar über fünfzig Jahre lang.“

Derek runzelte die Stirn und versuchte, sich noch einmal den Inhalt der Papiere in Erinnerung zu rufen. Nein, da wurde definitiv kein Mieter erwähnt.

„Ich fürchte, dann hat Ihr Großvater die ganzen Jahre über in fremdem Eigentum gelebt“, erklärte er und verschränkte die Arme vor der Brust. Langsam wurde er wirklich wütend, denn diese Unterhaltung schien nirgendwohin zu führen. Es war eine lange Reise gewesen, und die Auseinandersetzung mit Elaine hatte ihm eigentlich gereicht. Er verspürte wenig Lust, sich jetzt auch noch diesem streitbaren, aber offensichtlich wenig einsichten Exemplar des weiblichen Geschlechts zu stellen. Wie alt mochte sie sein? Vielleicht Mitte zwanzig, schätzte er. Und attraktiv, das ließ sich nicht leugnen. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass sie gehen musste. Weil das sein Cottage war. Und weil er allmählich die Geduld verlor.

„Ich kann mich nur wiederholen. Dieses Haus gehörte John Douglas, und jetzt gehört es mir. Damit sind Sie hier widerrechtlich eingedrungen, was immer der Grund dafür gewesen sein mag. Aber ich werde darüber hinwegsehen, wenn Sie jetzt gehen. Ich habe eine weite Fahrt hinter mir und wäre jetzt gerne allein.“ Er betonte die letzten beiden Worte bewusst, doch die Frau schien ihm überhaupt nicht zuzuhören.

Shaunas Gedanken überschlugen sich, und sie spürte, wie das Blut aus ihren Wangen wich.

„John Douglas?“, wiederholte sie fassungslos. „John Douglas war Ihr Großvater?“

Der große Fremde nickte.

Meine Güte, diesen Namen kannte sie seit Kindertagen. Sie hatte die Geschichte von John Douglas und ihrem Großvater Dutzende Male gehört, selbst wenn das, wovon die Erzählungen handelten, lange vor ihrer Zeit passiert war. Und wie die ganze Familie war auch sie davon ausgegangen, dass John Douglas mit ihrer aller Leben nichts mehr zu tun hatte. Doch wie es schien, war das ein Irrtum gewesen, und noch dazu einer, der jetzt vielleicht alles infrage stellte.

Shauna spürte, wie Panik in ihr aufstieg. Konnte das wirklich stimmen, was dieser Mann behauptete? Ihre Gedanken rasten zurück zu jenen traurigen Wochen vor zwei Jahren, als sie nach dem Tod ihres Großvaters seine Unterlagen geordnet hatte. Eine Urkunde über den Besitz des Grundstücks war nicht dabei gewesen, und sie erinnerte sich noch an ihre Verwunderung darüber. Aber es war ihr eigentlich nicht wichtig erschienen. Schließlich wusste doch jeder, dass Bend’s Cottage der Familie Connelly gehörte …

„Dieser hinterhältige Bastard!“ Sie spie die Worte beinahe aus. „Dann hat er Gramps die ganzen Jahre über betrogen! Er hat gesagt, mein Großvater könnte das Cottage zurückhaben, weil ihm überhaupt nichts daran läge. Er hat versprochen, es ihm zurückzugeben. Dafür gibt es Zeugen.“

„Zurückgeben?“, fragte der Mann. Er schloss die Tür und kam auf sie zu, doch Shauna war zu sehr in ihre düsteren Gedanken versunken, um auf ihn zu achten. Sie starrte ins Leere. Mein Gott, wenn das stimmte und dieser Derek Douglas auf seinem Recht beharrte, dann konnte er sie hinauswerfen, und sie hätte keine Befugnis mehr wiederzukommen. Das durfte auf keinen Fall geschehen! Sie würde erst gehen, wenn sie die Kette gefunden hatte. Sie musste sie einfach finden. Denn wie sollte sie ihrem Vater sonst helfen? Der Schmuck war ihre letzte Chance, und dieser Kerl würde sie nicht daran hindern, danach zu suchen. Kampflos würde sie ihm das Cottage jedenfalls nicht überlassen!

Doch als er jetzt dicht vor ihr stehen blieb und sie mit einem harten Ausdruck in seinen blauen Augen fixierte, wurde ihr erst vollends bewusst, auf was für einen ungleichen Kampf sie sich da einließ. Sie schluckte. Er überragte sie um einen ganzen Kopf, und seine Schultern waren beeindruckend breit. Überhaupt wirkte er durchtrainiert und muskulös – und ihr damit körperlich in jeder Hinsicht überlegen. Meine Güte, er konnte sie einfach packen und vor die Tür setzen, wenn er wollte! Aber das war nicht der einzige Grund, warum ihre Kehle trocken wurde, denn aus der Nähe betrachtet war er außerdem einer der attraktivsten Männer, die sie je gesehen hatte. Allein seine Kleidung unterschied ihn von allen, die Shauna kannte und mit denen sie fast täglich zu tun hatte. Seine helle Hose und das weiße Hemd waren ganz eindeutig aus edlen, teuren Materialien und betonten seine urbane, weltgewandte Ausstrahlung. Von einem blassen Städter war er jedoch meilenweit entfernt.

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