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Geheimnisvoll und unwiderstehlich

1. KAPITEL

Mimi Fiorini Ryan betrachtete das Plakat für das Londoner Modewochenende und überflog die Liste der Veranstaltungen, bis sie zu einem kleinen Absatz kam, der ihr Herz schneller schlagen ließ. In einer eleganten, gestochenen Schrift wurde hier ihre gesamte Zukunft auf den Punkt gebracht:

Die Firma Langdon Events ist stolz darauf, Ihnen im Namen der Tom-Harris-Stiftung für körperbehinderte Bergsteiger eine exklusive Modenschau zu präsentieren.

Mimi Ryan, eine der talentiertesten Designerinnen der jungen Londoner Modeszene, wird Ihnen die Kollektion ‚Neue Klassiker‘ von ihrem Label Studio Designs vorstellen.

Der Vorverkauf läuft bereits.

Die Wörter verschwammen fast vor ihren Augen. Mimi musste ein paarmal blinzeln, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich wach und dass dies kein Traum war.

„Na, was sagst du dazu? Du siehst ein bisschen benommen aus.“

Poppy Langdon, die hinter ihrem Schreibtisch saß, beugte sich nach vorn. „Findest du es schrecklich? Ich fürchte, ich kann nicht mehr viel daran ändern – schließlich haben wir nur noch eine Woche Zeit.“

Ob sie es schrecklich fand – die Tatsache, dass sie ihre Kollektion endlich öffentlich präsentieren konnte, nachdem sie jeden Abend und jedes Wochenende dafür gearbeitet hatte? Schrecklich?

Mimi lächelte Poppy an. Sie kannten sich erst seit ein paar Wochen, hatten sich aber schnell angefreundet. Mimi hatte volles Vertrauen, dass sie Poppy etwas so Wichtiges wie die Organisation ihres Traums guten Gewissens überlassen konnte.

„Nein, ich finde es überhaupt nicht schrecklich. Es ist nur, dass …“

„Also los, spuck’s schon aus. Sag’s mir gleich, dann hast du es hinter dir.“

Mimi stand auf, ging um den Schreibtisch herum und umarmte sie spontan.

„Weißt du, ich arbeite jetzt schon so lange auf diesen Tag hin. Er bedeutet mir so unendlich viel, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Tausend Dank, dass du mir eine Chance gibst. Ich finde die Anzeige gar nicht schrecklich, im Gegenteil. Ich finde sie wunderbar!“

Poppy stieß einen erleichterten Seufzer aus und erwiderte die Umarmung.

„Das freut mich sehr! Aber eigentlich sollte ich dir danken. Wenn du dich letzte Woche nicht bei mir gemeldet hättest, gäbe es die Gala gar nicht. Die Show wird bestimmt ein Riesenhit. Wir haben jetzt schon eine Menge Karten verkauft!“ Mimi strahlte.

Poppy zog ein Gesicht. „Und das trotz dieser infernalischen Hitze! Warum ist es im Juni eigentlich schon so heiß? Wie schaffst du es nur, in Schwarz immer so cool und elegant auszusehen?“

Mimi zögerte einen Moment mit der Antwort. Wenn Poppy wüsste, wie viel Mühe hinter diesem Look steckte! Aber schließlich wollte sie nicht nur eine gute Designerin sein, sondern sie musste dieses Image auch verkörpern. Den schwarzen Hosenanzug hatte sie selbst entworfen und in nur einer Woche maßgeschneidert. Dazu passten das mokkafarbene Seidenshirt und die goldene Armbanduhr, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, perfekt.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie schulterzuckend. „Wahrscheinlich hängt es mit den Naturfasern zusammen, die ich für meine Entwürfe verwende. Außerdem halte ich mich meist in geschlossenen Räumen auf.“ Sie zeigte auf den Becher, der auf Poppys Schreibtisch stand. „Wie schmeckt der Eiskaffee?“

„Himmlisch!“, erwiderte Poppy und fächerte sich mit einer Broschüre Luft zu. „Ich wusste ja gar nicht, dass es ein italienisches Bistro direkt um die Ecke gibt. Du hast immer so tolle Einfälle!“

Mimi schüttelte den Kopf. „Nein, dieses Bistro kenne ich von früher. Als ich noch auf der Uni war, bin ich damals mit meinen Eltern oft dort essen gegangen. Der Kaffee ist immer noch sehr gut.“

„Der reinste Nektar“, erwiderte Poppy lächelnd. „Aber ich habe auch noch eine Überraschung für dich.“ Sie schnappte sich eine der Akten auf ihrem Schreibtisch und schlug sie auf. „Das Hotel hat uns ein paar Vorschläge für den Catwalk geschickt. Ich weiß, dass du dir eine elegante, niveauvolle Show wünschst, und dafür ist der Ballsaal nahezu perfekt. Aber wir müssen ihnen genau mitteilen, wie viel Platz wir für die Gala brauchen werden, weil sie gerade dabei sind, einige Teile des Hotels zu renovieren. Hast du noch ein bisschen Zeit?“

Über diese Frage konnte Mimi nur lachen. Sie wäre ohne Weiteres auch die ganze Woche über im Büro geblieben, wenn Poppy es so lange mit ihr ausgehalten hätte.

„Na klar, gar kein Problem. Wie wär’s mit einer zweiten Runde Eiskaffee? Bin gleich wieder zurück …“

Wenn es einen Oscar für die männliche Hauptrolle im eigenen Drama gegeben hätte, wäre Hal Langdon bestimmt als Erster nominiert worden.

Mithilfe seiner Krücke hievte er sich mühsam aus dem schwarzen Londoner Taxi heraus. Allerdings hatte er inzwischen Übung mit diesem Transportmittel, denn schließlich hatte er zahllose Trips zwischen seinem Châlet in den Schweizer Alpen und dem örtlichen Krankenhaus hinter sich gebracht.

Sobald er aufhörte, sich auf die Krücke zu stützen und das Gewicht auf den anderen Fuß verlagerte, schoss der Schmerz wie glühendes Eisen durch sein linkes Bein. Sein linker Knöchel steckte in einem Plastikverband. Hal war unglaublich froh gewesen, als man ihn endlich von dem schweren Gipsverband um seinen zertrümmerten Knöchel und das gebrochene Bein befreit hatte. Erst danach war ihm klar geworden, wie lange es noch dauern würde, bis er sich wieder normal bewegen konnte.

Aber genau das hatte er vor.

Einen langsamen und qualvollen Schritt nach dem anderen.

Er würde der Welt beweisen, dass er wieder gehen konnte – der Welt, und vor allem auch sich selbst. Denn eins stand fest – sein altes Leben lag hinter ihm, und er hatte keine Ahnung, was die Zukunft für ihn bereithielt.

Die Ärzte hatten jedenfalls keinen Zweifel daran gelassen, dass es mit dem Bergsteigen für ihn vorbei war. Keine Berge mehr, keine riskanten Sportarten mehr, keine Expeditionen mehr wie früher, bei denen er die spannendsten Orte der Welt gefilmt hatte.

Hal zweifelte nicht daran, dass sie mit ihrer Diagnose richtiglagen. Nicht nur wegen seines Körpers, der sich schon lange über den physischen Stress beschwert hatte, den er ihm zugemutet hatte. Nein, es ging dabei um etwas viel Wichtigeres.

An dem Tag, als er seinen alten Bergsteigerfreund verloren hatte, war auch sein altes Leben vorbei gewesen.

Tom Harris hatte ihm mehr als einmal das Leben gerettet, seitdem sie sich damals auf der Uni kennengelernt und die ersten verrückten Abenteuer miteinander erlebt hatten. Tom war sein bester Freund gewesen – der ältere Bruder, den er nie gehabt hatte.

Und jetzt war Tom tot – bei einem Sturz gestorben, den Hal Nacht für Nacht in seinen Träumen in Technicolor wieder erlebte und an den er jedes Mal erinnert wurde, wenn er sein Bein betrachtete oder wenn er die kleine Erhöhung auf seinem Kopf spürte, die von seiner Schädelfraktur zeugte. Der Unfall war erst fünf Monate her, aber die Erinnerung an diese schrecklichen Minuten in den Bergen war so frisch wie eh und je. Genauso lebendig wie am Anfang, genauso schmerzhaft, genauso traumatisch.

Ein Teil von ihm war an jenem Tag auch gestorben.

Und deshalb war seine Entscheidung, nach London zurückzukehren und für die Benefizveranstaltung von Toms Stiftung zu arbeiten, ebenso logisch wie verrückt. Denn immer, wenn Toms Name erwähnt wurde, war es, als würde man ihm einen Eispickel in die Eingeweide jagen.

Aber was wäre die Alternative gewesen? Schließlich war er es ja gewesen, der Tom vorgeschlagen hatte, eine Wohltätigkeitsveranstaltung für körperbehinderte Bergsteiger zu organisieren – ein soziales Anliegen, für das Tom sich in den vergangenen Jahren immer stärker engagiert hatte.

Daher hatte Hal sich über Poppys Hilferuf auch nicht gewundert. Sie hatte sich bitter darüber beschwert, dass sie mit dem ganzen Berg an Arbeit allein nicht mehr fertig wurde. Typisch Poppy – sie wusste genau, welche Knöpfe sie drücken musste, damit er sich noch schuldiger fühlte. Denn er hatte sie mit der gemeinsamen Firma im Stich gelassen, um sein sorgenfreies, abenteuerliches Leben als Fotograf führen zu können.

Doch es ging bei diesem Ruf um mehr, und das wusste sie genau.

Hal musste in einer doppelten Funktion bei der Veranstaltung präsent sein, sowohl als Toms Freund als auch als Mitbegründer von Langdon Events. Und ob es ihm nun gefiel oder nicht, dieser Verantwortung konnte er sich nicht entziehen – auch wenn es bedeutete, dass er dauernd an den schrecklichen Unglücksfall erinnert werden würde.

Aber er würde die nächsten Wochen genauso überstehen wie die letzten fünf Monate: Schritt für Schritt und Tag für Tag. Tage voller Selbstvorwürfe über die Umstände von Toms Tod.

Vielleicht war Arbeit ja jetzt genau das richtige Gegenmittel. Und schließlich tat er es nicht zuletzt auch für seinen Freund.

Stirnrunzelnd betrachtete er das blank polierte Messingschild neben der Eingangstür des eleganten Stadthauses, in dem Langdon Events im zweiten Stock ihr Büro hatten.

Eine steile Steintreppe führte hinauf zum Eingang, was Hal mit Missfallen registrierte. Aber er dachte gar nicht daran, die Rampe für Behinderte zu benutzen, auch wenn Poppy ihn deswegen wahrscheinlich einen Sturkopf nennen würde.

Gerade als er das Gebäude betreten wollte, öffneten sich die Glastüren, und eine hübsche junge Frau trat heraus. Ohne ihm Beachtung zu schenken, eilte sie an ihm vorbei und überquerte mit schnellen Schritten die Straße.

Amüsiert sah Hal ihr nach, wie sie sich zielstrebig einen Weg durch die Menge der Touristen bahnte, die hier in Covent Garden natürlich besonders häufig anzutreffen waren.

Eine Frau mit einer Mission.

Sie sah weder nach rechts noch nach links. Besonders fiel Hal der geschmackvolle schwarze Hosenanzug auf, der ihre schlanke Figur betonte. Aber war er nicht ein wenig zu warm für diesen heißen Tag? Dann bog sie um die Ecke, und Hal kehrte mit einem Ruck zu seiner eigenen Mission zurück.

Zehn Minuten später trat er aus dem Fahrstuhl heraus. Sein Knöchel tat höllisch weh, das T-Shirt klebte nass am Rücken. Hal atmete ein paarmal tief durch und humpelte dann die wenigen Schritte hinüber zum Büro, wo er zuletzt vor über einem Jahr gewesen war.

Es schien sich nicht viel verändert zu haben. Als Erstes fiel ihm der riesige Schreibtisch auf, hinter dem seine Schwester saß. Richtig, sie hatten ihn damals ja gekauft, damit sie beide hier arbeiten konnten. Aber für eine Person war er eindeutig zu groß. Außerdem war er mit Bergen von Akten und Papieren bedeckt, sodass Poppy dahinter fast verschwand. Der Anblick versetzte Hal einen Stich, sein Schuldbewusstsein wurde noch größer.

Er stützte sich auf seine Krücke, und Poppy hob den Kopf. „Oh, das ging aber schnell, Mimi. Wie hast du nur …? Hal!“ Poppy stieß einen spitzen Schrei aus, dann sprang sie von ihrem Stuhl auf und warf sich ihm in die Arme. Dabei stieß sie mit dem Knie zufällig gegen sein linkes Bein.

„Au!“ Hal zuckte zusammen und umarmte sie linkisch mit einem Arm.

„Bitte entschuldige! Dein Bein – das hatte ich ja fast vergessen.“ Poppy trat einen Schritt zurück und musterte ihren Bruder von Kopf bis Fuß. „Du siehst irgendwie verändert aus. Hängt es mit deinen Haaren zusammen? Du könntest übrigens mal wieder zum Friseur gehen, finde ich. Oder ist es dein Jackett? Nein, auch nicht.“

Hal schnaubte, und Poppy lachte laut. Sie strahlte ihn an und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Mit diesem Plastikstiefel kannst du zwar keine Modenschau gewinnen, aber er ist hundertmal besser als der schreckliche Gipsverband. Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, dass du kommst? Dann hätte ich dich doch vom Flughafen abholen und bemuttern können!“

„Vom Flughafen abholen? Mit deiner Sardinenbüchse von einem Sportwagen?“

„Na ja …“ Poppy wies auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, auf den Hal sich vorsichtig niederließ. Das Büro war so klein, dass sie über seine Beine steigen musste, um auf die andere Seite zu gelangen.

„Los, erzähl schon, großer Bruder! Wie geht’s dir? Wie war’s in Frankreich? Wie lange kannst du bleiben? Ich ertrinke nämlich gerade in Arbeit, wie du siehst. Übrigens kannst du natürlich jederzeit bei mir übernachten. Meine Mitbewohnerinnen würden sich liebend gern um dich kümmern. Na, was sagst du dazu?“

Er hob protestierend die Hände. „Moment, Moment, lass mich doch auch mal etwas sagen! Also, Frankreich ist toll, aber ich habe das Chalet vermietet und meine Sachen eingelagert. Ich bleibe auf jeden Fall so lange, bis wir Toms Gala über die Bühne gebracht haben. Und ich übernachte auch sehr gern auf deiner Couch, vielen Dank. Aber ich will bestimmt nicht, dass sich jemand um mich kümmert. Das habe ich nämlich gerade hinter mir.“

„Wow“, erwiderte Poppy beeindruckt und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. „Wer hätte das gedacht? Du liebst dein Chalet doch über alles. Wieso hast du es dann vermietet?“

Hal musste daran denken, wie sehr sich die Mitarbeiter von Langdon Events in Frankreich bemüht hatten, ihn vor der Presse zu beschützen, die ihn nach dem schrecklichen Unfall geradezu belagert hatte. Nach fünf Monaten war ihm schließlich die Decke auf den Kopf gefallen, und ihm war klar geworden, dass nur ein Ortswechsel Heilung bringen konnte.

Wie gern hätte er Poppy alles erzählt, was ihm auf der Seele lag! Aber daran war nicht zu denken, denn schließlich hatte er Tom sein Wort gegeben. Trotzdem konnte er seiner Schwester nichts vormachen.

„Es hat mit Tom zu tun, stimmt’s?“, fragte sie mit ruhiger Stimme. „Du hast es einfach nicht mehr ausgehalten, dort zu leben, wo er mit Aurelia so glücklich war. Oh Hal, es tut mir so schrecklich leid!“

Hal nickte. „Ja, die Erinnerungen wurden mir einfach zu viel. Ich brauche eine Auszeit. Unser Team in Frankreich schafft die Arbeit auch ohne mich, daher kam mir diese Gala gerade recht.“ Er zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln. „Also, schieß los! Sag mir, was ich tun kann. Was für verrückte Sachen hast du dir für die Veranstaltung ausgedacht?“

„Das wirst du schon noch hören, großer Bruder. Jedenfalls bin ich froh, dass du endlich da bist. Ich brauche deine Hilfe, und zwar sofort!“

Mimi hob ihr Tablett mit den Eiskaffees über die Köpfe eines Touristenpärchens, das mitten auf dem Bürgersteig stand und mit dem sie fast zusammengestoßen wäre.

Die Hitze und der Stress der vergangenen Wochen machten sich langsam bei ihr bemerkbar.

Natürlich hatte sie Poppy auch nichts davon gesagt, dass sie gerade erst die letzten Pailletten auf das bodenlange Abendkleid aufgenäht hatte, das eins der Glanzstücke ihrer Kollektion sein würde.

Zusätzlich zu den Vorbereitungen für die Modenschau hatte Mimi auch noch die Abschlussfeier ihrer Studentinnen organisieren müssen. Sie hatte keine einzige freie Minute für sich gehabt, aber es hatte sich gelohnt. Das Abendkleid sah fantastisch aus, und es war genau eine Woche vor der Show fertig geworden.

Ihre erste eigene Modenschau! Die erste Kollektion, die sie selbst entworfen und genäht hatte!

In wenigen Tagen würde ihr Traum Wirklichkeit werden. Nur noch eine Woche, mehr nicht! Nur noch sieben Tage!

Das war die Chance, auf die sie seit Jahren gewartet hatte. Jahre, in denen sich ihr Traum, eine eigene Kollektion zu entwerfen, wie eine Fata Morgana angefühlt hatte. Nein, junge Frauen wie sie, die einen Strickladen in einem Londoner Vorort besaßen und unter dem Verlust eines Elternteils litten, konnten sich einen solchen Traum eigentlich gar nicht leisten.

Doch nun sah es so aus, als würde ihre Vision Wirklichkeit werden. Dieser Gedanke beflügelte Mimi, und wenige Minuten später stand sie bereits mit ihrem Tablett im Flur vor Poppys Büro. Von innen ertönte das glockenhelle Lachen ihrer Freundin, gefolgt von einer männlichen Stimme. Sie schien Besuch zu haben.

Zögernd klopfte Mimi an die Tür und trat ein. Zuerst fielen ihr die langen Beine eines Mannes auf, die ihr den Weg versperrten. Er wirkte wie eine Mischung aus Playboy und Biker. Nur eins irritierte sie – links trug er einen ganz normalen Turnschuh. Sein rechter Fuß hingegen steckte in einer Art Plastikverband.

Verwirrt sah sie von seinen Füßen auf sein Gesicht. Ein durchdringender Blick aus tiefbraunen Augen traf sie so unvermittelt, dass sie fast errötet wäre.

Ohne die Krücke und die feine Narbe, die sich über seine Stirn zog, hätte man ihn glatt für ein Model halten können. Dazu passten auch die alte Lederjacke, seine breiten Schultern und die schmalen Hüften.

Aber es gab noch etwas Undefinierbares, das nichts mit dem Ego eines Models zu tun hatte. Obwohl er kein Wort geredet hatte, strahlte er eine unglaubliche Ruhe und Tiefe aus.

Das Büro war fast zu klein für seine starke Präsenz. Er hatte eine Autorität, wie man sie nur selten traf. Gewiss gehörte er nicht zu der Art von Kunden, die sich in ihren Strickladen verirrte.

Ob er ein Kunde von Poppy war? Oder vielleicht ein Freund? In diesem Moment sah Poppy auf und winkte sie herein.

„Mimi, wunderbar, du kommst genau im richtigen Moment. Ich versuche gerade, meinen Bruder zu überreden, gemeinsam mit uns deine Modenschau zu organisieren. Aber Hal sperrt sich noch ein bisschen.“

„Oh nein, das stimmt nicht“, widersprach Hal. „Vergiss nicht, wie oft ich dir am Anfang deiner Modelkarriere geholfen habe. Das reicht für den Rest meines Lebens. Aber wenn du einen Fotografen brauchst, können wir gern darüber reden.“

Ihr Bruder!

Mimi konnte sich nicht rühren, sie blieb stocksteif stehen, als hätte man sie am Boden festgenagelt.

Besonders seine Stimme nahm sie gefangen – tief, ein wenig heiser und sehr sinnlich. Anders als alles, was sie sonst in ihrem Alltag vernahm. Ein Wirbelwind an männlicher Energie, ja, so nahm sie Poppys Bruder wahr.

Glücklicherweise schien Poppy nichts davon zu merken. Dankbar umarmte sie ihn und verkündete: „Es kann durchaus sein, dass ich darauf zurückkommen werde. Aber in dieser Woche brauche ich vor allem Hilfe, um die Show vorzubereiten. Was können wir tun, um dich umzustimmen?“

„Wie wäre es mit einem leckeren Eiskaffee?“, schlug Mimi vor, die endlich ihre Sprache wiedergefunden hatte.

„Ja, natürlich, Mimi, das ist eine gute Idee. Bitte entschuldige, wie unhöflich von mir! Hal, das ist die junge Designerin, deren erste Kollektion wir nächste Woche auf der Gala zeigen werden. Mimi, ich möchte dir meinen Bruder Hal vorstellen – die andere Hälfte von Langdon Events.“

Hal griff nach seiner Krücke und wuchtete sich mühsam hoch. Plötzlich merkte Mimi, wie erhitzt sie war und wie ihre feuchten Haare am Kopf klebten. Kein schöner Anblick, wenn sie jemanden beeindrucken wollte.

„Nein, bitte, bleiben Sie doch sitzen“, protestierte sie und trat einen Schritt nach vorn. In diesem Moment streckte Hal ihr die rechte Hand entgegen.

Es kam so unvermutet, dass sie die Balance verlor. Einer der beiden Becher mit Eiskaffee schwappte über und ergoss sich auf ihre Strümpfe und ihre besten schwarzen Pumps.

Sie hielt erschrocken die Luft an und spürte im nächsten Moment, wie Hal nach ihrem Arm griff, um sie zu stützen. „Bitte, entschuldigen Sie“, sagte er bedauernd. „Das war sehr ungeschickt von mir. Sind Sie okay?“

Alles, was Mimi wahrnahm, war seine überwältigende Aura. Er roch nach männlicher Energie und männlichem Elan, gemischt mit einem guten Schuss Attraktivität.

Dieses magische Aroma, kombiniert mit dem leichten Druck seiner Finger auf ihrem Arm, ließ einen erwartungsvollen Schauer durch ihren Körper rieseln. Die Empfindung war ebenso schockierend wie lustvoll und raubte ihr die Sprache.

„Alles in Ordnung, mir geht’s gut“, stieß sie schließlich hervor. „Es ist nichts passiert.“ Mit einem kleinen, etwas unsicheren Lächeln befreite sie sich von seinem Griff und stellte das Tablett mit dem Kaffee auf dem Schreibtisch ab.

Poppy sah sie kopfschüttelnd an. „Bitte, ignoriere meinen Bruder einfach, Mimi. Ich glaube, er hat sich zu lange in der freien Wildnis herumgetrieben. Oder zu viel Bungee-Jumping gemacht. Große Höhenunterschiede sind schlecht fürs Gehirn.“

„Ich bin sozusagen die Vertretung der Firma in Übersee“, erklärte Hal und sah Mimi direkt an. Unter seinem forschenden Blick fühlte sie sich ausgesprochen unbehaglich. Dann runzelte er die Stirn – es sah so aus, als würde er darüber nachdenken, ob er sie irgendwoher kannte.

Eines war klar – wenn sie Hal Langdon vorher schon einmal getroffen hätte, hätte sie sich daran bestimmt erinnert.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss …?“

Schluckend erwiderte sie: „Mimi. Mimi Ryan.“

„Darüber kannst du dich auch wirklich freuen“, sagte Poppy mahnend zu ihrem Bruder. „Die Kollektion wird bestimmt ein Hit, und ich bin mir ganz sicher, dass wir eine Menge Geld für Toms Stiftung sammeln werden. Aber bis dahin gibt es noch eine Menge zu tun.“

Hal nickte und ließ sich vorsichtig wieder auf dem Stuhl nieder. „Ich hätte da einen Vorschlag“, sagte er. „Wie wär’s, wenn ich mich um die anderen Projekte der Firma kümmere, solange ich in London bin? Dann könntest du dich ganz auf die Gala konzentrieren und …“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Nach einem kurzen Blick auf das Display griff Poppy nach dem Hörer. „Bitte entschuldigt mich einen Moment“, sagte sie zu Mimi und Hal.

„Hallo, Maddy. Wie geht’s dir? Was? Oh, das tut mir aber sehr leid. Hast du schon mit ihr gesprochen? Was hat sie denn gesagt? Nun beruhig dich doch erst mal, meine Liebe. Atme tief durch … genau so. Ja, so ist es schon besser. Und jetzt fang noch einmal von vorn an – warum soll ich deine Hochzeit jetzt nicht mehr ausrichten?“

Sekunden wurden zu Minuten, während Poppy sich eifrig Notizen machte und sich bemühte, die aufgeregte Kundin am anderen Ende der Leitung zu beruhigen.

„Nun mach dir mal keine Sorgen“, sagte sie schließlich. „Ich kann heute noch nach Florenz fliegen, und dann sprechen wir morgen beim Frühstück in Ruhe über alles. Ja, ich kenne das Hotel, kein Problem. Gut, dann bis morgen früh, Maddy. Ja, ich weiß, ich weiß. Bis morgen!“

Poppy legte den Hörer auf die Gabel. Es herrschte bestürztes Schweigen.

„Habe ich richtig gehört – du willst heute noch nach Italien fliegen?“, fragte Hal dann empört. „Das kann doch wohl nicht wahr sein.“

„Doch, leider“, entgegnete Poppy niedergeschlagen. „Kannst du dich an das rothaarige Mädchen erinnern, mit dem ich in Marrakesch gearbeitet habe? Du meintest immer, sie habe einen unheimlich schlechten modischen Geschmack.“

„Die junge Frau, die mich in den Pool gestoßen hat, nachdem ich ihr gesagt habe, wie mager sie in ihrem Bikini aussieht?“

Poppy nickte. „Genau die. In drei Wochen heiratet sie einen unglaublich reichen italienischen Adeligen, und Langdon Events wird die Hochzeit ausrichten.“

„Wirklich? Seit wann machen wir das denn?“

„Hochzeiten sind eine sehr lukrative Einkommensquelle“, verteidigte sich seine Schwester.

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