Logo weiterlesen.de
Geheimnisvoll - und so verführerisch

1. KAPITEL

„Sie müssen Dr. Leonora Winston sein.“

Leonie blickte auf. Sie wartete schon seit einigen Minuten in dem Salon, in den das Hausmädchen sie geführt hatte, jedoch nicht auf den großen, dunkelhaarigen Mann, der dort auf der Schwelle stand. Er war ihr fremd, und sie runzelte die Stirn.

Er sah wirklich gut aus, das musste sie zugeben. Weitere positive Eigenschaften konnte sie aber beim besten Willen nicht entdecken. Der Unbekannte wirkte arrogant, und seine grünen Augen blickten kalt. Jemand, der nichts außer seiner eigenen Meinung gelten lässt, war ihr spontanes Urteil.

Sein Tonfall hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass der Mann sie ans Ende der Welt wünschte, und sie kam sich wie ein Eindringling vor. Obendrein hatte er sie mit „Leonora“ angeredet, was ihr stets leichtes Unbehagen bereitete. Sie war zwar auf diesen Namen getauft worden, da ihre Großeltern Leo und Nora hießen, wurde allerdings von Kindheit an nur Leonie genannt.

Der Fremde maß sie abfällig von Kopf bis Fuß. Leonie wusste nicht, womit sie sein feindseliges Verhalten verdient hatte, denn sie sah diesen Mann zum ersten Mal. Sie ließ sich ihre Unsicherheit jedoch nicht anmerken, sondern gab sich gelassen und wich seinem Blick nicht aus.

„Luke Richmond, wenn mich nicht alles täuscht “, erwiderte sie ungerührt, weil ihr mittlerweile eingefallen war, um wen es sich handeln musste. Sie war durchaus in der Lage, mit Männern wie ihm fertig zu werden.

Er presste die Lippen zusammen und sah sie drohend an. „Sie finden die Situation vielleicht amüsant, Dr. Winston, aber …“

„Nennen Sie mich bitte Leonie“, unterbrach sie ihn und lächelte betont freundlich. „Außerdem muss ich Ihnen widersprechen, denn ich finde die Situation eher ärgerlich als amüsant.“

„Weil Sie Rachel erwartet hatten?“ Spöttisch verzog er den Mund. „Keine Angst, sie wird bald kommen – es ist eine ihrer vielen Marotten, immer unpünktlich zu sein.“

Sie fand diese Kritik an seiner Mutter einer Fremden gegenüber mehr als taktlos.

Erst jetzt schloss er die Tür hinter sich und kam ins Zimmer. „Bevor Sie sich mit Rachel treffen, wollte ich mit Ihnen unter vier Augen sprechen.“

Leonie stand vor der Terrassentür, und die Frühjahrssonne schien ihr warm in den Rücken. Dennoch fröstelte sie, so sehr machte ihr die angespannte Atmosphäre zu schaffen. Nicht nur Luke Richmonds abweisende Haltung, sondern vor allem seine Erscheinung machte sie befangen. Er musste gut einsneunzig groß sein, hatte breite Schultern, schmale Hüften und lange, muskulöse Beine. Die schwarzen Jeans und der gleichfarbige Rollkragenpullover unterstrichen seine athletische Figur und beeindruckende Größe, ließen ihn jedoch etwas Furcht einflößend wirken.

Leonie rief sich zur Ordnung. Sie durfte sich durch Äußerlichkeiten nicht beeindrucken lassen und sein unhöfliches Betragen nicht persönlich nehmen. Sein Verhalten hatte bestimmt nichts mir ihr zu tun. Wahrscheinlich hatte er nur schlechte Laune, oder er gefiel sich in der Rolle des Machos.

„Anscheinend liegt hier wohl ein großes Missverständnis vor, Mr. Richmond …“

„Wenn hier jemand etwas falsch verstanden hat, dann Sie, Dr. Winston“, fiel er ihr ins Wort. „Ich weiß nicht, unter welchem Vorwand Sie sich ein Treffen mit meiner Mutter erschlichen haben …“

„Mr. Richmond …“

„Es wird Ihnen allerdings nichts nützen …“

„Mr. Richmond …“

„… denn meine Mutter gibt generell keine Interviews …“

„Ich bin keine Journalistin!“

„… und Historikerinnen auch nicht“, beendete er den Satz und blickte sie vernichtend an. „Den Grund dafür dürften Sie kennen“, fügte er nach einer bedeutungsvollen Pause hinzu.

Das stimmte allerdings. Leonie erinnerte sich noch ganz genau an den Skandal, den eine nicht autorisierte Biografie über Rachel Richmond vor zwei Jahren erregt hatte. Das Leben der Diva wurde darin in den schillerndsten Farben geschildert, und es wurden viele pikante Andeutungen gemacht, für die der Autor die Beweise schuldig geblieben war.

Und im Mittelpunkt aller Spekulationen stand damals wie heute niemand anders als Luke Richmond persönlich.

Er war siebenunddreißig Jahre alt, attraktiv und mehrfacher Oscarpreisträger für das beste Drehbuch. Daher hatten die Medien ein reges Interesse an ihm, zumal ihn ein großes Geheimnis umgab: Niemand wusste, wer sein Vater war.

Rachel, die mittlerweile schon über fünfzig Jahre auf der Bühne und vor den Kameras stand und eine gefeierte Persönlichkeit war, hatte vor siebenunddreißig Jahren trotz der Schwangerschaft weder geheiratet, noch den Namen des Vaters ihres Kindes preisgegeben.

Zur Zeit von Lukes Geburt, Mitte der sechziger Jahre, hatte man von einer Diva wie Rachel Richmond noch ein untadeliges Privatleben erwartet, und die mächtigen Filmgesellschaften hatten sogar eine entsprechende Klausel in die Verträge aufgenommen. Rachel hatte sich ganz souverän darüber hinweggesetzt. Sie hatte gelächelt und geschwiegen und ihren kleinen Sohn mit zu den Dreharbeiten genommen.

Dank ihres Charmes war es ihr gelungen, einen Vorfall, der leicht das Ende ihrer Karriere hätte bedeuten können, in einen persönlichen Triumph zu verwandeln. Sie war als vorbildliche Mutter gefeiert worden, die das Wohl ihres Kindes in den Mittelpunkt stellte, und ihr Bild mit dem Säugling auf dem Arm mitten im Studio hatte die Herzen der Nation gerührt.

Im Lauf der Jahre kamen immer wieder andere Gerüchte auf, wer Lukes Vater sein könnte. Aber da Rachel sich niemals dazu geäußert hatte, waren es Gerüchte geblieben.

Nachdenklich betrachtete Leonie den Mann, der ihr gegenüberstand. Hatte ihm das Geheimnis um seine Abstammung etwas ausgemacht? Wusste er, wer sein Vater war? Wenn ja, dann konnte er ebenso eisern schweigen wie seine Mutter.

Leonie atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch. „Mr. Richmond, vermutlich hat man Sie nicht informiert, weshalb …“

„Dr. Winston, ich dachte, Sie hätten mich verstanden!“ unterbrach er sie. „Das richtet sich nicht gegen Sie als Person“, fügte er gönnerhaft hinzu. „Ganz im Gegenteil, ich habe Ihre Biografie über Leo Winston gelesen und halte Sie für eine gewissenhafte Historikerin und begabte Schriftstellerin.“

Leonie sah ihn überrascht an, denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass er ihr Buch kannte. „Danke. Aber da es sich um meinen Großvater handelt, ist mir das Schreiben nicht besonders schwer gefallen.“

Er nickte. „Mag sein. Andererseits gehören seine Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs auch heute noch zu einem der bestgehüteten Geheimnisse der britischen Regierung, und die Recherche war sicher nicht einfach.“

Luke Richmond hatte ihr Erstlingswerk also tatsächlich gelesen! Das war erstaunlich.

„Meine Mutter hat mir die Biografie empfohlen“, erklärte er, als hätte er ihr Erstaunen bemerkt. „Sie hält sie für eine ausgezeichnete Drehbuchvorlage.“

Leonie schauderte. Wie sie ihren Großvater kannte, würde er seine Zustimmung zu solch einem Projekt rundweg verweigern. „Mein Großvater möchte für sein Lebenswerk als Historiker geachtet werden und nicht für seine Missionen während des Krieges“, widersprach sie heftig.

Luke Richmond überhörte den Einwand. „Wirklich spannend, was er sich hat einfallen lassen. Für mich ist er eine Art Robin Hood des zwanzigsten Jahrhunderts. Das war dann auch der Grund, weshalb ich mich nach gründlichem Überlegen gegen eine Verfilmung entschieden habe – die Handlung hätte abgedroschen gewirkt.“ Er lächelte arrogant.

Wenn es seine Absicht gewesen war, sie zu beleidigen, war es ihm gelungen. Allerdings hätte sie es sich um keinen Preis der Welt anmerken lassen.

„Nach gründlichem Überlegen?“ wiederholte sie deshalb nur beiläufig und blickte betont umständlich auf ihre Armbanduhr. Rachel Richmond hatte sich mittlerweile schon um eine Viertelstunde verspätet.

„Ihr Großvater hat mich überzeugt, dass niemand etwas davon hätte, sein Leben zu verfilmen – er am allerwenigsten.“ Mit etwas gutem Willen konnte man Lukes Lächeln diesmal als humorvoll bezeichnen. „Außerdem konnten wir uns auf keinen Hauptdarsteller einigen.“

Leonie runzelte irritiert die Stirn. Ihr Großvater hatte ihr nie etwas über seine Verhandlungen mit Luke Richmond erzählt. Sie hatte noch nicht einmal gewusst, dass die beiden sich kannten.

„Wahrscheinlich war mein Großvater absichtlich unkooperativ.“ Gespielt gleichgültig zuckte sie die Schultern.

„Liegt das vielleicht in der Familie?“ Luke Richmond musterte sie von Kopf bis Fuß.

Sein unverschämtes Benehmen verschlug ihr den Atem, denn sie hatte ihm keinerlei Anlass dazu gegeben. Sie fand nur eine Erklärung für sein Betragen: Er war ein Zyniker. Sie würde ihm schon zeigen, was sie von einer solchen Einstellung hielt!

„Mr. Richmond …“

„Liebe Leonie, es tut mir so Leid, dass Sie so lange warten mussten!“ Unbemerkt hatte Rachel die Tür geöffnet und kam auf Leonie zu. Plötzlich wirkte der Salon heller, und die Atmosphäre schien freundlicher.

Niemand wäre auf die Idee gekommen, eine bereits über siebzigjährige Frau vor sich zu haben. Rachels Gesicht war faltenlos, und das blonde Haar fiel ihr, nach der neuesten Mode frisiert, offen auf die Schultern.

„Und du bist auch da, Darling, wie schön!“ Erfreut gab sie ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange, wandte sich dann jedoch sofort wieder an Leonie. Sie nahm ihre Hände und drückte sie herzlich.

„Was für eine natürliche Anmut!“ rief sie bewundernd aus.

Nach dem Empfang, den Luke ihr bereitet hatte, wirkte die Überschwänglichkeit seiner Mutter fast peinlich. Allerdings war ihre Freundlichkeit nicht gespielt. Rachel lächelte herzlich, und ihre grünen Augen funkelten.

Als anmutig bezeichnet zu werden empfand Leonie jedoch als ausgesprochene Übertreibung. Dazu war sie ihrer Meinung nach zu groß und viel zu burschikos. Sie trug lieber Hosenanzüge als Kleider, und ihr blondes Haar war so kurz geschnitten, dass sie es jeden Morgen problemlos waschen konnte und anschließend nur noch mit den Fingern in Form bringen musste. Auch auf ihr Gesicht bildete sie sich nichts ein. Sie hatte graue Augen, eine kurze Nase, volle Lippen und ein energisches Kinn.

Jeder konnte sofort erkennen, was sie war: eine Wissenschaftlerin mit Blick für das Wesentliche und wenig Sinn für dekoratives Beiwerk.

„Vielen Dank für das Kompliment.“ Leonie neigte leicht den Kopf und versuchte, Lukes spöttisches Lächeln zu übersehen. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut, denn Rachels Enthusiasmus war ihr beinah noch unangenehmer als die Feindseligkeit ihres Sohnes.

„Du solltest ihre Hände jetzt loslassen, Rachel. Deine Begeisterung ist Dr. Winston offensichtlich peinlich“, forderte Luke, der die Szene amüsiert beobachtet hatte, seine Mutter trocken auf.

Leonie errötete. „Sie täuschen sich“, antwortete sie scharf und wandte sich dann wieder an Rachel. „Ihr Sohn scheint anzunehmen, ich hätte mich hier eingeschlichen …“

Sein Anflug von Heiterkeit verflüchtigte sich sofort. „Es ist keine Annahme, sondern eine Tatsache.“ Luke presste die Lippen zusammen.

Endlich gab Rachel Leonies Hände frei und drehte sich zu ihrem Sohn um. „Darling, denk daran, Leonie kennt dich noch nicht, und dein eigenartiger Sinn für Humor muss sie daher befremden.“ Sie lächelte nachsichtig. „Hast du Janet gebeten, uns Tee zu bringen?“

„Nein.“ Er schien allein die Frage als Zumutung zu empfinden.

„Dann hol es bitte nach“, forderte Rachel ihn freundlich auf. „Wenn der Tisch gedeckt ist, kannst du uns rufen. Leonie und ich gehen jetzt in den Garten.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, hakte sie Leonie ein und öffnete die Terrassentür.

Arm in Arm schlenderten die beiden Frauen den schmalen Weg entlang und genossen den Sonnenschein. Rachel plauderte angeregt. „Ich möchte Ihnen so gern mehr über mich erzählen, Leonie. Ich habe noch nie im Leben eine Dozentin für Geschichte kennen gelernt. Es muss wahnsinnig interessant sein, an einer Universität zu lehren, noch dazu in einem Fach, das immer noch eine reine Männerdomäne ist. Ich finde …“

Leonie hörte nur mit halbem Ohr zu, da Rachel auf Kommentare keinen Wert zu legen schien. Das war ihr nur recht, denn so konnte sie ihren Gedanken nachhängen. Wie wütend Luke sie angesehen hatte, als Rachel mit ihr in den Garten gegangen war! Wäre er dazu befugt gewesen, hätte er sie bestimmt auf der Stelle des Hauses verwiesen.

Rachel drückte ihr den Arm. „Wie schön, dass Sie gekommen sind!“ Ihre grünen Augen waren auch in Wirklichkeit so groß und strahlend, wie man sie aus ihren Filmen kannte. „Ich habe Ihr letztes Buch so bewundert.“

„Es war auch mein erstes, Miss Richmond. Ich …“

„Bestimmt wird es nicht Ihr einziges bleiben, das wäre zu schade. Und nennen Sie mich doch bitte Rachel. Jeder tut das, sogar Luke.“

Das war ihr, Leonie, bereits aufgefallen, und es hatte sie befremdet. Noch viel weniger allerdings konnte sie, eine unbedeutende Persönlichkeit, den gefeierten Star Rachel Richmond schon beim ersten Treffen beim Vornamen nennen.

Obwohl sie sich überrumpelt fühlte, kam sie dem Wunsch ihrer Gastgeberin nach. „Rachel“, begann sie zögernd. „Ihr Sohn scheint anzunehmen …“

„Kümmern Sie sich nicht um Luke!“ Rachel lachte. „Er ist wirklich ein lieber Junge, aber er bildet sich leider ein, mich beschützen zu müssen.“

„Junge? Mit siebenunddreißig ist ein Mann doch kein Junge mehr!“ Leonie schüttelte den Kopf.

Doch Rachel lachte wieder. „Für mich wird Luke immer ein Junge bleiben. Und glauben Sie mir, er ist nicht so schlimm, wie er sich gibt. Sie wissen ja, Hunde, die bellen, beißen nicht.“

Obwohl sie stark bezweifelte, dass dieses Sprichwort auf Luke Richmond zutraf, nickte Leonie. Was ging dieser Mann sie auch an? Sicher hatte sie ihn heute das erste und letzte Mal gesehen. Sie blickte auf die Uhr.

„Es ist schon ziemlich spät, Miss Richmond … Rachel“, verbesserte sie sich sofort. „Ich …“

„Wie lange brauchen Sie eigentlich für die Strecke von London bis hier?“ erkundigte sich Rachel interessiert.

„Eine gute Stunde. Und da ich heute Abend noch eine Verabredung habe …“

Rachel nickte. „Es war sehr freundlich von Ihnen, mir Ihren Samstagnachmittag zu opfern, Leonie. Ich komme in letzter Zeit nur noch sehr selten in die Stadt.“ Sie blickte sich in ihrem Garten um. „Ich liebe das Leben auf dem Land, besonders im Frühling. Das frische Grün und die bunten Farben der ersten Blumen vertreiben alle düsteren Gedanken.“ Sie seufzte.

Auch Leonie liebte den Frühling, wenn auch aus viel praktischeren Gründen. Für sie bedeutete der Winter, morgens im Dunkeln zur Uni zu müssen und abends im Dunkeln zurückzukehren. Daher war sie immer froh, wenn die Tage wieder länger wurden.

Ohne darauf zu achten, dass Rachel plötzlich traurig wirkte, stellte sie die Frage, die ihr schon lange auf der Zunge lag. „Obwohl Sie mich überhaupt nicht kennen, haben Sie mich plötzlich angerufen und kurzfristig um eine Besprechung gebeten. Warum?“

Als Rachel sich vergangene Woche völlig unverhofft am Telefon gemeldet hatte, war sie so überrascht gewesen, dass sie dem Treffen zugestimmt hatte, ohne nach ihren Beweggründen zu fragen. Was für ein Interesse sollte ein Star wie Rachel Richmond an einer unbekannten Geschichtsdozentin haben? Luke schien es auch nicht klar zu sein. Deshalb verdächtigte er sie auch, sich dieses Interview durch zweifelhafte Methoden erschlichen zu haben.

Und er hatte ihr keine Gelegenheit gegeben, seinen Irrtum aufzuklären.

Sosehr sie sich in den vergangenen Tagen auch den Kopf zerbrochen hatte, sie hatte sich die Einladung nicht erklären können. Auch Jeremy war dazu nichts eingefallen. Er hatte sie lediglich damit geneckt, dass sie nun wohl in Zukunft mit den Schönen und Reichen Champagner trinken würde.

Jeremy …

Leonie lächelte unwillkürlich, als sie an ihren Freund und Kollegen dachte. Er war Informatikdozent. Seine Seminare waren stets überfüllt, und die Studenten rissen sich darum, bei ihm Examen machen zu dürfen. Während sie sich für die Vergangenheit interessierte, ging es ihm ausschließlich um die Erarbeitung moderner Forschungsmethoden.

Gegensätze ziehen sich eben an, dachte Leonie und freute sich schon auf das Abendessen, zu dem er sie eingeladen hatte.

Rachel blieb stehen, nahm die Hand von Leonies Arm und blickte überrascht auf. „Der Grund für meinen Anruf? Sie kennen ihn nicht?“

Leonie schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen blassen Schimmer.“

Rachel runzelte die Stirn. „Was für eine verfahrene Situation! Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt! Ich habe Ihre Biografie über Leo Winston gelesen …“

„Das hat mir Ihr Sohn bereits gesagt – anscheinend hat er das Buch sogar auch gelesen.“ Leonie wurde wieder wütend, als sie an Luke Richmonds verächtlichen Kommentar denken musste. „Ich freue mich natürlich, dass die Biografie Ihnen gefallen hat, und fühle mich sehr geschmeichelt …“

„Mein liebes Kind, ich habe Sie nicht hierher kommen lassen, um Ihnen Komplimente zu machen.“ Rachel lächelte. „Das hätte ich auch am Telefon erledigen können. Nein, Leonie, ich möchte Sie bitten, meine Biografie zu schreiben – eine autorisierte diesmal.“

Leonie konnte ihr Gegenüber nur sprachlos ansehen, denn mit dieser Bitte hatte sie nicht gerechnet.

2. KAPITEL

“Rachel Richmond hat dich wirklich gebeten, ihre Memoiren zu schreiben?“ Jeremy sah von seinem Teller auf und blickte Leonie über den Tisch hinweg ungläubig an.

Sie nickte. „Angeblich ist sie schon seit Jahren auf der Suche nach einer Autorin, der sie zutraut, dass sie die Wahrheit über ihr Leben taktvoll und einfühlsam an die Öffentlichkeit bringt.“

„Und die Wahl ist auf dich gefallen, du Glückliche! Ich gratuliere.“

Leonie teilte seine Begeisterung nicht. „Ich bin Wissenschaftlerin und keine Schriftstellerin, Jeremy“, wandte sie ein. „Das habe ich auch Rachel gesagt, aber sie ließ das Argument nicht gelten. Sie ist der Ansicht, dass mein Buch über Leo meine Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat und meine aufrichtige und anteilnehmende Darstellungsweise auch ihre Biografie zu einem Riesenerfolg werden lassen wird.“

„Da muss ich ihr zustimmen. Du bist nicht nur eine gewissenhafte, sondern auch eine sensible Autorin.“ Er lächelte bewundernd.

Jeremy war ein jungenhafter Typ. Er hatte blaue Augen und trug das blonde Haar so lang, dass es ihm in die Stirn fiel. Wie verabredet, aßen sie in seinem Lieblingsrestaurant zu Abend, und Leonie hatte sich schick gemacht, jedoch bewusst auf hochhackige Schuhe verzichtet, um ihn nicht zu überragen.

„Dein Lob tut mir gut.“ Sie lachte.

„An einen derartigen Auftrag hatten wir beide nicht gedacht, als wir über den Grund für die unverhoffte Einladung rätselten.“ Jeremy blickte versonnen. „Rachel Richmond hat in der Öffentlichkeit schließlich immer wieder betont, wie wenig sie von den Memoiren bestimmter Stars hält. Ich kann es immer noch nicht richtig fassen.“

Leonie erging es nicht anders, und trotz der großen Ehre, die Rachel ihr erwiesen hatte, war sie sich nicht sicher, ob sie den Auftrag wirklich annehmen sollte. Einerseits hätte sie es liebend gern getan und freute sich schon auf die Arbeit, andererseits gab es ein gewichtiges Argument, das dagegen sprach: Luke Richmond.

Nach dem ersten, für sie so unerfreulichen Zusammentreffen hatte sie ihn nicht mehr gesehen, da er nicht zum Tee erschienen war. Falls sie Rachels Biografie wirklich schreiben würde, konnte sie sich seine Reaktion darauf lebhaft vorstellen. Er würde ihr unterstellen, dass sie das Treffen mit Rachel allein zu diesem Zweck unter Vorgabe falscher Gründe arrangiert hatte.

Genau deshalb hatte sie sich von Rachel eine Woche Bedenkzeit ausgebeten.

„Du hast das Angebot doch angenommen, oder?“ Als hätte Jeremy ihre Gedanken erraten, runzelte er die Stirn.

„Leonie!“ rief er ungläubig aus, als sie ihm nicht antwortete. „Hinter dieser Geschichte sind die Medien schon fast vierzig Jahre her! Ganz bestimmt will Rachel endlich enthüllen, wer der Vater ihres Sohnes ist. Anders kann ich mir ihren plötzlichen Entschluss, ihre Memoiren zu veröffentlichen, nicht erklären.“

„Ich weiß nicht.“ Leonie seufzte. „Ehrlich gesagt, habe ich Probleme mit dem Auftrag, weil mir das Thema nicht liegt. Du hast letzte Woche selbst die Anspielung auf die Welt der Schönen und Reichen gemacht, und mit dieser Welt bin ich mein ganzes Leben noch nicht in Berührung gekommen.“

„Schreib das Buch, und du wirst dazugehören“, prophezeite Jeremy.

Leonie schüttelte den Kopf. Nein, diesen Ehrgeiz hatte sie nicht, denn ihr gefiel ihr Leben so, wie es war. Sie liebte das akademische Leben: die Lehrtätigkeit während des Semesters und die Forschungsarbeiten und Exkursionen während der vorlesungsfreien Zeit. Auch mit ihrer kleinen Zweizimmerwohnung war sie zufrieden, weil diese klein war und sich leicht in Ordnung halten ließ, so dass sie genug Zeit hatte, die Wochenenden bei ihren Eltern in Cornwall oder ihrem Großvater in Devon zu verbringen.

Seit sie Jeremy kannte, hatte sie es allerdings nur noch selten getan, denn die Samstagabende waren seit drei Monaten ausschließlich ihm vorbehalten. Sie gingen dann zusammen essen und redeten ausführlich miteinander. In der Woche blieb lediglich Zeit für einen kurzen Kino- oder Theaterbesuch.

„Sollte ich den Auftrag wirklich annehmen, müsste ich für die nächste Zukunft mein ganzes Leben umstellen“, bemerkte Leonie nachdenklich. „Rachel hat mich gebeten, die Wochenenden bei ihr in Hampshire zu verbringen und dort zu arbeiten, damit wir uns ungestört unterhalten können.“

„Natürlich wirst du das Buch schreiben, Leonie. Das ist doch selbstverständlich.“ Er beugte sich vor und drückte zärtlich ihre Hand. „Du machst dir doch nicht etwa Sorgen um unsere Beziehung?“

Unwillkürlich errötete sie, denn was Jeremy anging, war sie sehr unsicher. Sie traf sich nun schon seit einem Vierteljahr mit ihm, mochte ihn gern und fühlte sich in seiner Gegenwart ausgesprochen wohl. Sie wusste allerdings nicht, ob es mehr als Freundschaft war, was sie miteinander verband. Auf alle Fälle fürchtete sie, Jeremy würde sich nicht damit zufrieden geben, wenn sie in Zukunft nur einen Abend die Woche Zeit für ihn hätte.

„Leonie, deine Recherchen dauern doch keine Ewigkeit! Zwei, drei Monate, dann müsste Rachel dir alles erzählt haben, und du könntest die Wochenenden wieder zu Hause verbringen. Wenn es für dich kein Problem ist, warum sollte es für mich eins sein?“ Jeremy betrachtete sie aufmerksam. „Oder bedrückt dich etwas anderes?“

Leonie schluckte, weil sie es nicht über sich brachte, Jeremy von Luke zu erzählen. Es war ihr immer noch ein Rätsel, weshalb Luke sich ihr gegenüber so feindselig verhalten hatte. Eins wusste sie allerdings genau: Der Mann war ihr unheimlich, und am liebsten würde sie ihm nie wieder begegnen.

Taktvoll, wie sie war, hatte sie Rachel nicht gefragt, ob Luke ständig bei ihr wohnte oder sie nur am Wochenende besuchte. Schließlich ging es eine Außenstehende wie sie nichts an. Aber sie hätte es zu gern in Erfahrung gebracht, denn seine Nähe würde ihr einen entspannten Umgang mit Rachel und ein konzentriertes Arbeiten an der Materialsammlung für die Biografie unmöglich machen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Geheimnisvoll - und so verführerisch" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen