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Geheimnisse der Nacht

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Wir Kinder hätten schlafen sollen …

Doch wir erwachten, wie auf einen stummen Lockruf hin. Wir krochen in die Eingänge unserer Zelte und Wagen, wie Motten angezogen von den züngelnden Flammen des Lagerfeuers und von den düsteren, springenden Schatten der fremden Frau, die dort tanzte.

Keine Musik war zu hören. Ich wusste, es gab keine, aber es schien mir doch, als füllte eine Melodie meinen Kopf, als ich um die bemalte Zeltklappe spähte und ihr zusah. Sie drehte sich, ihre Tücher wirbelten ihr wie Geister hinterher, und ihr Haar, schwarz wie die Nacht, schien im Schein des Feuers blau zu leuchten. Sie wand und drehte sich und sprang im Kreis. Dann jedoch blieb sie ganz ruhig stehen, und ihre Augen, die wie leuchtende Kohlestücke waren, vertieften sich genau in meine. Ihre blutroten Lippen verzogen sich zu einem furchtbaren Lächeln, und sie lockte mich mit einem Finger.

Ich versuchte zu schlucken, aber der Klumpen aus kalter Angst in meiner Kehle ließ es nicht zu. Ich leckte mir die Lippen, warf dann einen Blick zur Seite, auf die Zelte und die bemalten Wagen meiner Sippe, und sah die anderen Kinder unserer Bande, die nach ihr spähten, genau wie ich es tat. Einige meiner Vettern waren älter als ich, andere jünger. Die meisten sahen mir sehr ähnlich. Ihre olivenfarbene Haut war glatt, die Augen sehr rund und groß, und zu dicht von Wimpern umrahmt für Jungen, wenn sie auch bei den kleinen Mädchen schöner als alles andere aussahen. Ihre Haare waren ungeschnitten, wie meine, doch sie waren sauber und rabenschwarz.

Wir waren alle Zigeuner und stolz darauf. Die tanzende Frau … auch sie war eine Zigeunerin. Ich wusste es auf den ersten Blick. Sie gehörte zu uns.

Und sie lockte mich immer noch mit ihrem Finger.

Dimitri, der drei Jähre älter als ich war, sah mich von oben herab an und flüsterte: “Geh zu ihr. Oder traust du dich nicht?”

Nur um zu beweisen, dass ich mutiger war als er, richtete ich mich auf und trat aus dem Zelt meiner Mutter. Meine bloßen Füße bewegten sich mit jedem zögerlichen Schritt nur wenige Zentimeter auf dem kühlen Erdboden vorwärts. Als ich mich vorwagte, begannen auch die anderen, von meiner Kühnheit selbst ermutigt, hervorzutreten. Wir sammelten uns langsam um die schöne Fremde, wie Sünder, die sich um die Füße einer Göttin scharten, um sie anzubeten. Und während wir das taten, wurde ihr Lächeln immer breiter. Sie lockte uns näher, hatte dabei einen Finger auf ihre Lippen gelegt, und dann setzte sie sich auf einen Baumstamm in der Nähe des Lagerfeuers.

“Wer ist sie?”, flüsterte ich Dimitri zu, denn auch er hatte sich uns jetzt angeschlossen, beschämt, schien es mir, nicht von Anfang an unser Anführer gewesen zu sein.

“Trottel, weißt du denn gar nichts? Sie ist unsere Tante.” Er schüttelte verständnislos den Kopf und wandte seinen hingerissenen Blick dann wieder der Frau zu. “Ihr Name ist Sarafina”, klärte er mich auf. “Sie kommt manchmal zu uns … du bist wohl zu jung, um dich an ihren letzten Besuch zu erinnern. Sie darf eigentlich nicht hier sein. Wenn die Erwachsenen sie finden, gibt es Ärger.”

“Warum?” Auch ich war von der geheimnisvollen Fremden wie gefesselt, als sie sich auf den Baumstamm setzte und die Lagen ihrer bunten Röcke um sich ausbreitete. Sie öffnete ihre Arme, um die Jungen willkommen zu heißen, die sich zusammengeschart um sie herum auf den Boden gesetzt hatten. Ich saß ihr am nächsten, gleich zu ihren Füßen. Noch nie hatte ich eine so schöne Frau gesehen. Aber da war noch etwas anderes an ihr. Etwas … Überirdisches. Etwas Furchtbares.

Und da war noch die Art, wie ihr Blick immer wieder meinem begegnete. Es lag ein Geheimnis in diesem schwarzen Blick – ein Geheimnis, das ich nicht zu sehen vermochte. Etwas in den Schatten, verborgen.

“Warum wird es Ärger geben?”, flüsterte ich erneut.

“Warum, warum! Sie ist eine Ausgestoßene!”

Erstaunt zog ich meine Brauen nach oben. Ich wollte gerade fragen, warum, als die Frau – meine Tante Sarafina, die ich nie zuvor im Leben gesehen hatte – zu sprechen begann. Ihre Stimme klang wie eine Melodie. Fesselnd, tief, verlockend.

“Kommt, meine Kleinen. Oh, wie ich euch vermisst habe.” Ihr Blick wanderte über die Gesichter der Kinder, und der Ausdruck darin war kaum zu ertragen, so starke Gefühle lagen darin. “Aber die meisten von euch erinnern sich wohl gar nicht an mich?” Ihr Lächeln verblasste. “Und du, kleiner Dante. Du bist jetzt … wie alt?”

“Sieben”, sagte ich ihr, meine Stimme nicht lauter als ein Flüstern.

“Sieben Jahre”, antwortete sie mit einem schweren Seufzen. “Ich war hier am Tag, als du geboren wurdest, weißt du.”

“Nein. Das … wusste ich nicht.”

“Es ist auch egal. Oh, Kinder, ich habe euch so viel zu erzählen. Aber zuerst …” Sie zog einen Beutel auf, der ihr von der Schärpe um ihre Hüfte baumelte, und daraus zog sie fantastische Dinge, die sie an alle verteilte. Süßigkeiten und Gebäck, wie wir es noch nie gekostet hatten, verpackt in leuchtend buntes Papier. Glitzernden Tand an Ketten, und funkelnde Steine aller Arten, geschnitzt als Vögel oder andere Tiere.

Mir gab sie einen schwarzen Onyx in Form einer Fledermaus. Ich zitterte, als sie den kalten Stein in meine Handfläche legte.

Als der Beutel leer war und die Kinder wieder ruhig, begann sie, zu erzählen. “Ich habe so viele Dinge gesehen, meine Kleinen. Dinge, die ihr nicht glauben würdet. Ich bin in die Wüstenländer gereist, und habe dort Gebäude gesehen, so groß wie Gebirge – jeder Stein größer als ein Zigeunerwagen! Sie sind vollkommen und glatt und verlaufen zu einer Spitze.” Sie benutzte ihre Hände, um vor uns die Form dieser Wunder aufzuzeigen. “Niemand weiß, wer sie gebaut hat, und auch nicht, warum. Einige sagen, sie seien schon immer dort gewesen. Andere sagen, sie wurden als Denkmäler für alte Könige gebaut … und dass die Leichen dieser Regenten sich immer noch darin befinden, zusammen mit unbeschreiblichen Schätzen!” Als wir unsere Augen weit aufrissen, nickte sie eindringlich, bis ihre rabenschwarzen Locken tanzten und ihre Ohrringe klimperten. “Ich bin über das Meer gereist … zu dem Land dahinter, wo es Kreaturen gibt mit Hälsen, so lang wie … wie diese Eibe dort. Sie gehen auf Beinen wie Stelzen und knabbern die jungen Blätter aus den Wipfeln der Bäume. Sie sind goldgelb und gefleckt! Und aus den Köpfen wachsen ihnen Äste!”

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Sicher dachte sie sich nur Geschichten aus.

“Oh, Dante, aber es stimmt”, beschwor sie mich. Und ihre Augen hielten meine gefangen, ihre Worte waren nur für mich bestimmt, dessen war ich mir sicher. “Eines Tages wirst auch du diese Dinge sehen. Eines Tages werde ich sie dir selbst zeigen.” Sie streckte ihre Hand aus und fuhr mir durch die Haare. Dann beugte sie sich zu mir hinab und flüsterte mir ins Ohr. “Du bist mein ganz besonderer Junge, Dante. Du und ich, wir sind auf eine Art verbunden, die stärker ist selbst als die Bindung zu deiner eigenen Mutter. Merke dir meine Worte gut. Ich werde eines Tages zu dir zurückkehren. Wenn du mich brauchst, werde ich kommen.”

Ein unerklärliches Zittern durchfuhr meinen Körper.

Im selben Moment erstarrte ich. Das Keifen meiner Großmutter war nicht zu überhören. “Ausgestoßen!”, schrie sie, kam aus ihrem Zelt gerannt und fuchtelte mit ihrem Finger in Sarafinas Richtung, wie man es tat, um das Böse abzuwehren – die zwei mittleren Finger angelegt, der Zeigefinger und der kleine Finger ausgestreckt. Sie zischte dabei, sodass ich unwillkürlich an eine Schlange mit einer gespaltenen Zunge denken musste.

Die Kinder rannten in alle Richtungen davon. Sarafina aber erhob sich langsam, und so anmutig, wie es nur ging. Nur ich blieb bei ihr stehen. Ohne nachzudenken stand ich ebenfalls auf und drehte mich zur Großmutter um, als wollte ich die bezaubernde Sarafina beschützen. Als könnte ich es wirklich. Ich hatte ihr jetzt meinen Rücken zugedreht, und als sie ihre Hände auf meine Schultern legte, spürte ich, wie ich ein ganzes Stück größer wurde.

Doch als mich die wütenden Blicke meiner Großmutter trafen, glaubte ich, auf die Größe eines Flohs zusammenzuschrumpfen.

“Kannst du meine Anwesenheit nicht wenigstens alle paar Jahre ertragen, alte Vettel?”, fragte Sarafina. Ihre Stimme war nicht länger liebevoll oder weich und warm. Sie war tief, klar … und bedrohlich.

“Du hast hier nichts zu suchen!”, gab meine Großmutter ihr zu verstehen.

“Doch, das habe ich”, antwortete sie. “Ihr seid meine Familie. Und ob es dir gefällt oder nicht, ich gehöre zu euch.”

“Du bist kein Teil dieser Familie. Du bist verflucht. Verschwinde!”

Um uns herum brach Chaos aus, als die Mütter, die von den Geräuschen wach geworden waren, aus ihren Zelten und Wagen rannten, ihre Kinder zu sich holten und schnell in Sicherheit brachten. Sie taten, als wäre der meuchelnde Wolf an unserem Lagerfeuer aufgetaucht, und nicht eine ausgestoßene Tante von seltener Schönheit, die fremdartige Geschenke und unglaubliche Geschichten mitbrachte.

Auch meine Mutter kam gerannt. Als sie auf mich zueilte, steckte ich die Fledermaus aus Stein in meinen Ärmel. Sie blieb stehen, ehe sie mich erreicht hatte, und sah Sarafina in die Augen. “Bitte”, war alles, was sie sagte.

Es folgte ein Augenblick der Stille, in der etwas zwischen den beiden Frauen geschah. Eine Nachricht, unausgesprochen, trieb meiner Mutter Tränen in die traurigen Augen.

Sarafina beugte sich hinab und presste ihre kühlen Lippen auf meine Wange. “Wir treffen uns wieder, Dante. Zweifle nie daran. Aber für jetzt, geh. Geh zu deiner Mama.” Sie gab mir einen sanften Stoß und nahm ihre Hände von meinen Schultern.

Während ich auf meine Mutter zuging, hasste ich sie fast, weil ich die geheimnisvolle Sarafina verlassen musste, ehe ich von ihren Geheimnissen erfahren konnte. Sie packte mich fest am Arm und rannte so schnell zu unserem Zelt, dass sie mich fast hinter sich her schleifte. Im Inneren schloss sie die Klappe und nahm mein Gesicht in ihre Hände. Sie fiel vor mir auf die Knie. “Hat sie dich angefasst?”, schluchzte sie. “Hat sie dich gezeichnet?”

“Sarafina würde mir nicht wehtun, Mama. Sie ist meine Tante. Sie ist nett und schön.”

Doch meine Mutter schien meine Worte nicht zu hören. Sie beugte meinen Kopf zu einer Seite, dann zur anderen, strich meine Haare aus dem Weg und suchte meine Haut ab. Ich hatte schnell genug davon und machte mich los.

“Du darfst nie wieder in ihre Nähe gehen, verstehst du mich, Dante? Wenn du sie siehst, musst du sofort zu mir kommen. Versprich es!”

“Aber warum, Mama?”

Ihre Hand schlug auf meine Wange, so schnell, ich wäre gefallen, hätte sie mich nicht mit der anderen festgehalten. “Stell keine Fragen! Versprich es mir, Dante! Schwör es bei deiner Seele!”

Ich senkte meinen Kopf. Der Schlag schmerzte, doch ich murmelte zustimmend. “Ich verspreche es.” Ich schämte mich der Tränen, die in meinen Augen brannten. Sie kamen eher durch den Schreck als durch den Schmerz. Meine Mutter erhob kaum jemals die Hand gegen mich. Ich verstand nicht, warum sie es in dieser Nacht tat.

Dann kniete sie sich noch einmal hin, ihre Hände auf meinen Schultern, ihr ausgezehrtes Gesicht nahe an meinem. “Dieses Versprechen musst du halten, Dante. Wenn du es brichst, ist deine Seele in Gefahr. Merk dir meine Worte gut.” Sie atmete tief durch, seufzte und küsste die Wange, die sie gerade erst geschlagen hatte. “Und jetzt ins Bett mit dir.” Sie hatte sich etwas beruhigt, und ihre Stimme klang fast wieder normal.

Ich war alles andere als ruhig. Etwas hatte in dieser Nacht mein Blut aufgewühlt. Ich kroch in mein Bett, zog mir die Decke über den Kopf und ließ die kleine, kalte Steinfledermaus aus meinem Ärmel in meine Hand fallen. Unter der Decke, wo meine Mutter mich nicht sehen konnte, hielt ich sie fest und strich mit dem Daumen über ihre harte Oberfläche. Mama blieb noch eine ganze Weile neben meinem Bett stehen, ehe sie die Lampe ausblies und sich zusammenrollte – nicht auf ihrem eigenen Bett, sondern auf dem Boden neben meinem, mit einer abgetragenen Decke als einziges Kissen.

Als ich die ruhigen Atemzüge meiner Mutter hörte, rollte ich mich an den Rand des Zeltes und stieß meinen Zeigefinger durch das kleine Loch dort. Ich hatte es in den Stoff gemacht, damit ich die Erwachsenen noch lange, nachdem sie die Kinder zu Bett geschickt hatten, um das Feuer sitzend beobachten konnte. In der Dunkelheit riss ich das Loch ein wenig weiter auf. Und durch das winzige Loch beobachtete und belauschte ich nun Großmutter, die Weise unserer Bande, die älteste und verehrteste Frau aller Familien dabei, wie sie sich der schönsten Frau stellte, die ich je im Leben gesehen hatte.

“Warum quälst du uns, indem du in unsere Mitte zurückkehrst?”, fragte Großmutter. Die tanzenden Flammen bemalten ihr ledernes Gesicht in Orange und Braun, in Schatten und Licht.

“Warum? Du, meine eigene Schwester, fragst mich warum?”

“Schwester, pah!” Großmutter spuckte auf den Boden. “Du bist mir keine Schwester, sondern ein Dämon. Ausgestoßen! Verflucht!”

Ich schüttelte verwundert den Kopf. Was konnte Sarafina meinen? Schwester? Sie konnte kaum mehr die Schwester der alten Frau sein als … als ich selbst.

“Sag mir, warum du hierherkommst, Dämon! Es sind immer die Kinder, die du bei deiner Rückkehr um dich versammelst. Es geht um eines von ihnen, nicht wahr? Dein elender Fluch hat sich an eines von ihnen weitergegeben! Nicht wahr? Nicht wahr?”

Sarafina lächelte zurückhaltend. Ihr Gesicht, eingetaucht in das Leuchten des Feuers, schien gleichzeitig engelsgleich und dämonisch. “Ich komme, weil ihr alles seid, was ich habe. Ich werde immer wiederkehren, alte Frau. Immer. Lange nachdem du zu Staub zerfallen bist, werde ich zurückkehren, und den Kleinen Geschenke bringen. In ihren Augen finde ich die Liebe und die Akzeptanz, die meine eigene Schwester mir verweigert. Und es gibt nichts, was du tun kannst, um es zu verhindern.”

Ehe Sarafina sich abwendete, sah sie an Großmutter vorbei und direkt in meine Augen. Als hätte sie die ganze Zeit gewusst, dass ich sie von der anderen Seite des kleine Lochs in der Zeltwand aus beobachtete. Sie hatte mich nicht sehen können. Und doch muss es so gewesen sein. Ihre Lippen zuckten fast unmerklich an ihren Mundwinkeln, und ihr Mund bewegte sich. Auch wenn kein Laut hervorkam, wusste ich, welche Worte sie flüsterte. Denk an mich.

Dann drehte sie sich mit fliegenden Röcken um und verschwand in der Nacht. Ich sah nur für einen Augenblick, wie die Farben ihrer Schals einem Kometenschweif gleich hinter ihr her zogen. Dann verschluckte sie die Schwärze der Nacht, und ich konnte sie nicht mehr sehen.

Ich legte mich auf meine Kissen und zitterte vor unerklärlicher Angst.

Ich war es. Meine Tante war meinetwegen gekommen. Tief in meiner Seele war es mir klar. Was sie von mir wollte, konnte ich nicht erraten. Warum ich so sicher war, blieb mir ein Rätsel. Aber bis ins Innerste wusste ich, dass sie tatsächlich einen Grund hatte, trotz des Hasses, der ihr entgegenschlug, zurückzukehren.

Und dieser Grundwar ich.

Langsam, langsam senkte sich der Rauch der Lagerfeuer. Das Licht der Flammen wurde trüber, und die Hitze – so echt, sie hätte schwören können, sie auf ihrem Gesicht zu spüren – kühlte ab.

Morgan De Silva blinzelte sich den Traum aus den Augen. Sie sah sich nicht länger durch die großen dunklen Augen eines kleinen Jungen ein Zigeunerfeuer an. Sie saß auf dem Fußboden eines staubigen Dachbodens und starrte auf die vergilbten Seiten eines handgeschriebenen Tagebuchs. Das Leder des Einbands war mit dem Alter butterweich geworden. Die Vision, die dieses Spinnennetz aus Worten auf den Seiten gewoben hatte, war sehr lebendig gewesen. Sie war fast … Wirklichkeit. So wirklich, als sei sie selbst in diesem Zigeunerlager in der Vergangenheit gewesen, statt hier an der Küste von Maine im Frühjahr 1997.

Morgan blätterte langsam um, begierig darauf, weiterzulesen …

Das Klingeln des Telefons drang aus weiter Ferne zu ihr und hinderte sie daran. Mit einem ergebenen Seufzen schloss sie das große Buch und legte es vorsichtig in die alte Schranktruhe, zurück auf einen Haufen anderer, die genauso aussahen. Als sie den Deckel der Truhe schloss, knarrten die Scharniere, und eine winzige Staubexplosion stob ihr ins Gesicht. Sie rieb ihre Hände aneinander, dann an ihrer Jeans, und blies die Kerzen aus, die ihre einzige Lichtquelle im Raum gewesen waren. Schließlich eilte sie die schmale, steile Dachbodentreppe hinab.

Sie hatte nicht erwartet, etwas anderes als Spinnenweben und Staub dort oben zu finden. Das heruntergekommene Haus näher zu untersuchen war nur eine neue Art Zeitvertreib, keine Neugierde. Wenn ihre eigene Arbeit irgendwie fortgeschritten wäre, sie hätte sich nie die Mühe gemacht, in dem alten, baufälligen Haus herumzustöbern.

Und das wäre ein schlimmer Fehler gewesen.

Sie rannte die Treppen im Flur hinab, zwischen Wänden, an denen der Putz abblätterte und die Latten darunter hervorkamen, bis zum nächsten Treppenabsatz. Diese Treppe war breiter, aber nicht besser erhalten als der Rest des Hauses. Der dritten Stufe von oben fehlte ein Brett, über das sie auf dem weiteren Weg nach unten automatisch hinweg trat, während das Telefon weiter klingelte.

Wenn es noch ein Anwalt oder ein weiterer Geldeintreiber war, dachte sie atemlos, würde sie sich auf die Jagd machen und sie alle umbringen.

Die breite Treppe führte in ein riesiges Zimmer, das früher, vor einem Jahrhundert oder so, prächtig gewesen sein musste. Jetzt war es mit nichts weiter gefüllt als herzzerreißenden Echos und einem Kabelgewirr, das aus der gewölbten Decke ragte, wo einst ein funkelnder Kronleuchter gehangen haben musste. Hinter diesem Zimmer und einigen Türen lag ihr Zimmer. Ihr … Büro. Wenigstens für den Augenblick. Aber nur, bis sie ihr Vermögen zurückgewonnen hatte und triumphierend nach L.A. zurückgekehrt war.

Also etwa genau das Gegenteil von der jämmerlichen Abreise aus der Stadt.

Ihr Herz klopfte vor Anstrengung, als sie es so weit geschafft hatte, sie rang nach Atem, und außerdem war ihr schwindelig. Sie drückte eine Hand auf ihre Brust. Es war lächerlich für eine Zwanzigjährige, so schnell zu ermüden, aber so war es eben. Sie war nie gesund gewesen, und das würde sie auch nie sein. Aber wenigstens hatte ihr Zustand sich noch nicht verschlechtert. Bald würde es so weit sein. Und sie hatte doch noch so viele Dinge zu erledigen.

Endlich hob Morgan das Telefon ab, das genau so veraltet war wie der Rest des Hauses. Der Hörer wog wenigstens ein Kilogramm, schätzte sie, und die Drehscheibe schien ihren gewöhnlich hoch technisierten Geschmack verspotten zu wollen.

Falls ihr “Hallo?” verärgert klang, dann weil sie es kaum abwarten konnte, mehr von den Tagebüchern auf dem Dachboden zu lesen, und mehr über ihren Verfasser herauszufinden. Sie mochte kurz davor stehen, zuzugeben, selbst eine untalentierte Lohnschreiberin zu sein, aber eine gute Schreibe erkannte sie immer noch, und was sie bisher dort oben gelesen hatte, war gut geschrieben. So gut, dass es wehtat.

“Morgan? Wieso hat das so lange gedauert? Ich habe schon angefangen, mir Sorgen zu machen.”

Ihr Ärger verflog, als sie David Sumners vertraute Stimme hörte. Ihr Onkel ehrenhalber – auch wenn sie ihn schon lange nicht mehr so nannte – war die einzige Person, die sich nicht von ihr abgewendet hatte, als sie innerhalb weniger Stunden vom verwöhnten reichen Mädchen zum mittellosen Waisenkind geworden war. Er war außerdem die einzige Person, von der sie zurzeit gerne etwas hörte.

“Hey, David”, sagte sie, “ich war nur am … Stöbern. Das Haus ist riesig, weißt du.”

“Nein, ich weiß es nicht, schließlich habe ich es noch nie gesehen. Du klingst etwas außer Atem.”

“Das liegt an den zwei Stockwerken.”

Sie bemerkte sein Zögern. Er neigte dazu, sich viel mehr Sorgen um sie zu machen, als nötig war.

“Wie ist das Haus eigentlich?”, fragte er schließlich.

“Die reinste Ruine”, berichtete sie ein wenig ironisch, einerseits, um ihn zu beruhigen, und andererseits, weil sie ihn zu gern ein wenig aufzog. “Und das geschieht dir recht, weil du es gekauft hast, ohne es dir vorher anzusehen. Wer macht so etwas überhaupt?”

Sie sah sein Gesicht fast vor sich, die Lachfalten um die Augen, den kahl werdenden Kopf. David war ihr bester Freund, solange sie sich erinnern konnte. “Ein Freund der Familie”, hatten ihre Eltern immer gesagt. Aber Morgan war es immer so vorgekommen, als könne er die Familie kaum ertragen.

Natürlich hatte er die ganze Zeit gewusst, wie es um ihre Eltern wirklich bestellt war. Sie selbst hatte es erst vor Kurzem erfahren, durch die Schlagzeilen der Regenbogenpresse und durch die Aasfresser im Gerichtssaal.

“Ich habe es wegen der Lage gekauft, das weißt du genau”, erklärte David geduldig. “Und ich vertraue meinem Immobilienguru, was solche Dinge angeht. Das Haus wird sowieso abgerissen.”

“Ja, und es trägt selbst seinen Teil dazu bei. Sogar während wir uns unterhalten.”

Er schwieg einen Augenblick. “So schlimm, was?”

Morgan hätte sich ohrfeigen können. Manchmal war sie eine richtige egoistische kleine … “Ist es nicht”, sagte sie schnell. “Das war nur ein Scherz.” Sie sah sich in dem Zimmer um, das sie sich zum Wohnen ausgesucht hatte. Es war vor langer Zeit einmal Bibliothek oder Arbeitszimmer von jemandem gewesen.

Der kleine Junge aus dem Tagebuch kam ihr in den Sinn, und sie fragte sich, ob ihm dieses Haus gehört hatte. Als er älter war vielleicht, als er sich entschieden hatte, seine Memoiren zu schreiben.

Aus dem Augenwinkel konnte sie ihn sehen. Eine dunkle, breitschultrige Gestalt beugte sich über den Schreibtisch, eine Schreibfeder in der langen eleganten Hand. Ihr Herz machte einen Sprung, und sie hielt den Atem an, als sie sich zu ihm drehte. Aber da war nichts. Kein Mann, keine Gestalt, keine Schreibfeder. Nur ihr Computer mit dem leuchtend blauen Bildschirm. Was auch immer sie gesehen hatte, war im gleichen Augenblick wieder verschwunden. Eine Vision. Eine Gedankengestalt. Vielleicht eine etwas zu reale Fantasie.

Ein Schaudern kroch ihren Rücken hinauf, aber sie schüttelte es ab.

“Beschreib es mir”, forderte David sie da.

“Was?” Morgan musste sich zwingen, ihren Blick von dem alten Schreibtisch zu lösen.

“Das Haus. Beschreib es mir.”

Ihr Blick huschte noch einmal hinüber zum Schreibtisch. Niemand dort. Mit einem Seufzen versuchte sie, Davids Bitte nachzukommen. “Früher muss es atemberaubend gewesen sein. Die Verzierungen um den Kamin sind abgestoßen und verblasst, aber immer noch prächtig. Ich glaube, sie sind aus Hartholz. Du solltest das ganze Teil herausnehmen, ehe du den Rest abreißt. Und jedes Fenster hat einen handgeschnitzten Rahmen. Dieser Ort … ich weiß nicht. Er hat was.”

“Allerdings ganz anders, als das, was du gewöhnt bist”, sagte David.

“Ja, na ja, es ist nicht Beverly Hills, und es kommen keine Filmstars zu den Poolparties … aber dann würde ich ja auch nicht zum Arbeiten kommen, nicht wahr?”

“Und, kommst du? Zum Arbeiten?”

Morgan blickte auf den leuchtenden blauen Bildschirm ihres Computers – der den Mahnungen der Nachlassverwalter nur entgangen war, weil sie ihn bei sich an der Universität in L.A. gehabt hatte, als ihre Eltern verunglückt waren und das wahre Ausmaß ihrer Finanzen ans Licht kam. Sie waren pleite und so hoch verschuldet, dass Morgan die tatsächlichen Zahlen kaum begreifen konnte. Zuerst hatte es einfach keinen Sinn ergeben. Ihr Vater war ein erfolgreicher Regisseur, ihre Mutter eine Schauspielerin, die zwar vor einem Jahrzehnt am Höhepunkt ihrer Karriere angekommen war und sich jetzt mit kleineren Rollen begnügte, die mit dem Leben aber zufrieden schien.

Jedenfalls hatte Morgan das geglaubt. Sie musste dann rasch lernen, dass sie in einer Seifenblase gelebt hatte. Im Blut ihrer Eltern war bei der Autopsie genug Kokain festgestellt worden, um den Gerichtsmediziner die Frage stellen zu lassen, wie sie überhaupt hatten fahren können.

Sie waren Junkies, und ihr ganzer Lebensstil war eine Lüge gewesen.

Das Haus und alles was darin war, musste verkauft werden, um einen Teil ihrer Schulden decken zu können. Morgan hatte ihr Studium abgebrochen, die Gebühren waren bereits Monate im Verzug. Und anscheinend waren ihre Freunde genau so falsch, wie David es immer prophezeit hatte, denn als die Wahrheit erst einmal herausgekommen war, hatten sie Morgan zurückgelassen wie ihre Garderobe vom letzten Jahr, und diejenigen, die Morgan immer unterwürfig erschienen waren, amüsierten sich heimlich über ihre problematische Situation. Während ihrer letzten Tage auf dem Campus hatte sie an jedem schwarzen Brett Ausschnitte aus der Klatschpresse gefunden, die lauthals das geheime, von Drogen überschattete Leben des berühmten Paars, das scheinbar alles besaß, verkündeten. Der Albtraum hinter dem Märchen und das arme kleine reiche Mädchen, das übrig blieb, um die Scherben zusammenzufegen, wurden dabei nicht ausgelassen.

Sie war gedemütigt aus L.A. geflohen, ohne Ziel und ohne dass ihr etwas blieb außer dem, was sie noch hatte einpacken können. In Davids Auffahrt war sie nur mit ihrem Maserati – Gott sei Dank auf ihren Namen registriert – eingebogen und dem Zeug, was sie in einen winzigen Kofferraum hatte quetschen können. Er war ihre letzte Hoffnung, obwohl sie fast befürchtet hatte, auch er würde sich angewidert von ihr abwenden, wie alle anderen auch.

Aber das tat er nicht. Er half ihr dabei, das Auto zu verkaufen, es gegen einen bescheidenen Gebrauchtwagen einzutauschen und das restliche Geld einzustecken. Als sie dann ein Versteck brauchte, wo sie sich ihre Wunden lecken konnte, durfte sie sein Haus in Maine benutzen, mietfrei, solange sie es brauchte.

Doch es sollte nicht für lange sein, hatte sie sich vorgenommen. Sie wollte ja schon immer eine berühmte Drehbuchautorin werden. Nun würde alles ein wenig früher als geplant beginnen. David war Filmproduzent. Er würde ihr dabei helfen, die richtigen Leute kennenzulernen, und ihr Drehbuch vielleicht sogar selbst produzieren. Er hatte versprochen, ihr eine Chance zu geben und alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen.

Alles was sie brauchte … war eine Geschichte.

“Morgan?” Davids Stimme riss sie grob von dem Pfad, den ihre Gedanken gewandert waren. “Hast du mich gehört? Ich habe gefragt, wie du mit dem Drehbuch vorankommst?”

Blinzelnd starrte sie den leeren Bildschirm an. Der Cursor bewegte sich sozusagen im leeren Raum. “Toll. Großartig. Es geht super voran.” So super, dass sie sich entschieden hatte, lieber dieses uralte Wrack von einem Haus zu inspizieren, statt weiter auf den leeren Bildschirm zu starren. Die einzige Taste auf ihrer Tastatur, die ständig in Bewegung war, war “Löschen”. Sie hatte nur Müll hervorgebracht, seit sie angekommen war. Müll.

“Weißt du, es ist ganz normal, wenn du Schwierigkeiten mit dem Anfang hast”, beruhigte David sie. “Zwing dich zu nichts. Du hast eine Menge durchgemacht. Dein Verstand braucht Zeit, das alles zu verarbeiten.”

Morgan zuckte mit den Schultern. “Daran liegt es nicht”, erwiderte sie.

“Nein?”

“Natürlich nicht. Es ist sechs Monate her. Ich bin vollkommen darüber hinweg.”

“Vollkommen darüber hinweg, deine Eltern zu verlieren, dein Vermögen, dein Heim, deine Ausbildung und das, was du für deine Identität gehalten hast?” Er schnalzte mit der Zunge. “Das glaube ich kaum.”

“Na ja, bin ich aber. Und um dir die Wahrheit zu sagen, herauszufinden, adoptiert zu sein, hat eine Menge Dinge erklärt. Ich meine, du weißt ja, meine Eltern haben sich nie viel … um mich gekümmert.”

“Das lag am Kokain, Schatz. Nicht an der Adoption. Nicht an dir.”

Sie räusperte sich, als ihre Kehle trocken wurde, und gab sich in Gedanken einen Tritt. “Und was den Rest angeht … ich hole mir alles zurück, David. Alles, was ich verloren habe. Und noch mehr.”

Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. “Daran zweifle ich kein bisschen.”

“Ich auch nicht.” Ihr Blick ruhte auf dem leeren Bildschirm. Die Zweifel, die sie zu leugnen versuchte, erstickten sie fast. Verdammt, warum konnte das Schreiben eines Blockbuster-Drehbuchs nicht so einfach sein, wie sie immer gedacht hatte? Bei so vielen Filmen war sie völlig sicher gewesen, ihr könne im Schlaf etwas Besseres gelingen.

“Also, wann kann ich mit dem Drehbuch rechnen?”, hakte David nach.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und wünschte bei Gott, sie wüsste es. “Ein Meisterwerk braucht Zeit, … und es ist … so unberechenbar.”

“Ich brauche noch ein Projekt für den Herbst. Ich halte eine Spalte für dich frei, Morgan. Drei Monate. Ich brauche das Material in drei Monaten. Schaffst du das? Es über den Sommer zu schreiben und mir bis September zu schicken?”

Sie hob ihr Kinn, schluckte verkrampft, und sagte. “Ja. Ich werde es bis September fertig haben. Kein Problem.”

Großes Problem.

“Toll”, freute sich David. “Du kannst das schaffen, Morgan. Du wirst richtig gut sein.”

“Natürlich werde ich das.”

“Brauchst du sonst noch etwas?”

“Nein, nein, es geht mir gut.”

“Dein Erspartes reicht noch aus?”

Die Wahrheit konnte Morgan ihm einfach nicht gestehen. Sie hatte auf Davids Anraten hin ihre Konten geleert, ehe die Anwälte und Gläubiger an ihr Geld gelangen konnten, und sie hatte noch das Bargeld von ihrem Auto. Aber auch wenn sie keine Miete bezahlen musste, gab es andere Ausgaben. Das Telefon, die Elektrizität, und essen musste sie auch. Die Wahrheit war, dass das Geld auf ihrem Girokonto ihr durch die Finger floss.

“Es geht mir gut”, sagte sie deshalb.

“Gut. Gut. Lass mich wissen, wenn du irgendetwas brauchst.”

“Mach ich, David.”

Einen Augenblick lang schwieg er. “Wie steht es mit deiner Gesundheit?”

Sie atmete scharf ein und seufzte. “Du weißt, ich kann es nicht leiden, wenn man mich für kränklich hält.”

“Habe ich gesagt, du wärest kränklich?”

“Nein.”

“Und?”

“Die kalte klare Luft hier oben wirkt wahre Wunder”, log sie erneut. Was konnte sie ihm sonst sagen? Die Wahrheit? Dass es kalt, trostlos und feucht war, und sie es hasste, wenn ein später Apriltag, an dem es 15 Grad warm wurde, schon eine Hitzewelle darstellte? Während sie normalerweise bei 26 Grad neben dem Pool an ihrer Sommerbräune arbeitete, wäre sie zu Hause gewesen?

Aber es brachte ja nichts, sich etwas Unerreichbares zu wünschen.

“Ich sollte Schluss machen, David”, flüsterte sie, während ein Klumpen in ihrer Kehle sie am Sprechen hindern wollte. “Wenn ich bis Herbst fertig sein soll, muss ich mich wirklich an die Arbeit machen.”

“Okay, Schatz. Ruf einfach an, wenn du etwas brauchst.”

“Mach ich, David. Danke.”

Morgan legte den alten Hörer auf seine Gabel und biss auf ihre Unterlippe. Sie drehte den klapprigen Holzstuhl in Richtung des Computerbildschirms, versicherte sich noch einmal, dass wirklich niemand darin saß, und setzte sich endlich hin. Sie legte ihre Hände über die Tastatur und befahl sich selbst, etwas zu schreiben, jetzt, heute, sonst musste sie aufgeben und sich einen Job suchen. Das Problem war nur, sie konnte nichts.

Schreiben war das Einzige, was sie je wollte, und sie war früher gut gewesen. Oder … wenigstens hatte sie das gedacht. In der Schule waren ihre Aufsätze immer gelobt worden. Die Theatergruppe hatte sogar eines ihrer Stücke aufgeführt. Alle hatten es gemocht. Die Kritiker auf dem Campus, die Lokalpresse …

Aber damals war sie noch Morgan De Silva gewesen, die brillante Tochter eines berühmten Regisseurs und einer beliebten Schauspielerin, das Mädchen mit dem verzauberten Leben, dem der Erfolg sicher war. Jetzt war sie Morgan De Silva, in Ungnade gefallen, weg vom Fenster, mittellos, obdachlos, aus der Stadt vertrieben in eine Zukunft, die düsterer war, als sie es sich noch vor einem Jahr hatte ausmalen können.

Jetzt … jetzt wusste sie nicht mehr, ob sie wirklich Talent besaß oder ob es die ganze Zeit ihr Name gewesen war, der das Lob eingebracht hatte. Sie wusste überhaupt nichts mehr, nicht, wer sie war oder was sie machte oder warum die Worte aufgehört hatten zu fließen. Es schien, als wäre die Quelle in ihrem Inneren Teil der Illusion, die ihr ganzes Leben gewesen war. Als wäre sie ausgetrocknet, in dem Moment, als die Illusion in Scherben zersprang.

Sie senkte ihre Hände, ohne auch nur ein Wort auf den Bildschirm gebracht zu haben. Draußen heulte der Wind; die Lichter flackerten, gingen aus und kamen gleich darauf zurück. Das alte Haus ächzte im Wind. Wahrscheinlich würde sie selbst auch stöhnen, wenn sie so alt wäre wie das Haus. Und dann fragte sie sich, wie alt genau das sein mochte.

Diese Tagebücher … Es hatten keine Daten darin gestanden, aber sie waren offensichtlich vor langer, langer Zeit geschrieben worden. Wenigstens vor einem Jahrhundert – vielleicht eher vor zweien.

Vorhin hatte sie über den Verfasser der Tagebücher nachgedacht. Dante. Hatte er hier gelebt, dieser Mann, der ein Zigeunerjunge gewesen war, verzaubert von seiner ausgestoßenen Tante? War er vielleicht in genau diesem Zimmer gewesen, vor dem Feuer auf und ab gegangen und hatte seine Schreibfeder auf einem polierten antiken Schreibtisch nicht angerührt? Hatte er seine Muse so ungeduldig umworben wie sie selbst, und war er ebenso frustriert, als die Wörter nicht kommen wollten?

Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen stand sie auf und verließ das Arbeitszimmer. Sie ging durch die gespenstische Eingangshalle und die breite Treppe hinauf. Danach durchquerte sie einen Flur und ignorierte die Türen auf beiden Seiten. Sie hatte die meisten Räume hier oben noch nicht einmal betreten. Es waren einfach zu viele.

Aber ihr Ziel lag in keinem von ihnen. Ihr Ziel lag dahinter, die Hintertreppe hinauf, die auf den Dachboden führte, wo Spinnenweben Hof hielten und der Staub regierte. Sie kniete sich hin, wie sie es schon zuvor getan hatte, und fischte ein Streichholzbriefchen aus ihrer Jeanstasche. Damit zündete sie die Kerzen in dem prunkvollen Tafelleuchter an, der unten wie für sie bereitgestellt dastand. Als ihr weiches gelbes Licht sich ausbreitete, öffnete sie liebevoll den Deckel der handgearbeiteten Truhe und nahm den ersten Band heraus, strich darüber und öffnete ihn vorsichtig, um die mürben Seiten nicht zu beschädigen. Sie blätterte zu der Stelle, an der sie aufgehört hatte, und begann zu lesen. Und wieder verlor sie sich selbst in den Worten.

2. KAPITEL

Es dauerte dreizehn Jahre, bis ich Sarafina wieder sah. Dreizehn ganze Jahre, in denen ich viele Dinge lernte. Egal wohin wir gingen, man würde uns schließlich vertreiben. Egal wie ehrlich wir sein mochten, wir wurden von Fremden als Diebe beschimpft, die nichts über uns wussten. Also lernte ich auch, mir zu nehmen, was ich wollte, und sie alle zur Hölle zu wünschen. Meine Schlussfolgerung war, dass ich die Früchte der Verbrechen, die man mir zuschrieb, genauso gut genießen konnte. Wenn man mich erwischte, bezahlte ich für diese Verbrechen, egal ob ich sie begangen hatte oder nicht. Ich wollte lieber für mein eigenes Vergehen hängen, als für das irgendeines blassen Welpen, der Ehrlichkeit vortäuschte, und dem man ohne weitere Fragen glaubte, solange es einen Zigeuner in der Nähe gab, dem man die Schuld zuschieben konnte.

Doch so viel ich auch lernte, das entscheidende Wissen blieb mir vorenthalten, obwohl ich es ohne Unterlass suchte. Es gelang mir nicht, Sarafinas Geheimnis zu ergründen. Wer sie wirklich war, welche verwandtschaftlichen Beziehungen uns verbanden, warum man sie von unserer Truppe ausgeschlossen hatte.

Nicht vor jener Nacht, in der mein Leben fast ein Ende fand – in der es praktisch gesehen tatsächlich endete. Es endete – und ein neues begann. Es war später Herbst, und wir schrieben das Jahr 1848.

Damals war ich ein junger Mann. Hitzköpfig und unbesonnen. Meine Familie war gerade dabei, zusammenzupacken und wieder einmal weiterzuziehen. Nicht, weil wir des Ortes überdrüssig geworden waren, sondern weil die Anwohner uns beschuldigten, ihnen Vieh zu stehlen, und wir wussten, die Gesetzeshüter würden bald hinter uns her sein.

Ehe wir endgültig aufbrachen, hatte ich beschlossen, unseren Anklägern noch ein wenig Fleisch zu entwenden. Tatsächlich sollte es etwas mehr sein.

Es war Neumond; nur eine schmale silberne Sichel leuchtete am Himmel, als ich mich auf den Hof des Bauern schlich. Es war mir egal, was ich in dieser Nacht stehlen würde, solange ich nur irgendetwas mitnahm. Es war Vergeltung. Ein Ausgleich für die üble Nachrede, die mir und den meinen angetan worden war.

Das erste Tier, dem ich begegnete, war ein bärtiger Ziegenbock. Ich erinnere mich gut – beige und weiß und struppig. Die Hörner bogen sich von seinem Kopf. Die Hufe hätten dringend beschnitten werden müssen, wie bei einem alten Mann mit zu langen Fingernägeln.

Ich schlang ein Seil um seinen Hals und führte ihn von dem Schuppen fort, in dem er angebunden gewesen war, über den zerfurchten Boden, wo tagsüber die Hennen pickten und scharrten. Jetzt schliefen sie auf der obersten Stange des Zaunes und in den wirren jungen Trieben, die hier und da aus dem Boden schossen. Der Bock kam ohne Aufheben mit mir, bis ich durch das Gatter hindurchgegangen war und begann, mich vom Hof zu entfernen. Da blieb er plötzlich stehen, grub seine Vorderhufe in den Boden und begann, laut und anhaltend zu blöken. Es klang wie ein Schrei in der Nacht.

Ich hätte das Tier loslassen sollen. Aber der Stolz eines jungen Mannes nimmt sich manchmal zu wichtig, und in mir war er begleitet von Wut und Zorn und Frustration.

Also zog ich weiter an der Leine und zerrte das Tier durch saftige grüne Gräser, die feucht vom Tau der Nacht waren. Es bockte, zerrte und schüttelte seinen ruppigen Kopf von einer Seite zur anderen und blökte lauthals weiter.

Der Bauer rief nicht, er befahl mir nicht, stehen zu bleiben oder die Ziege loszulassen oder irgendetwas anderes. Ich wusste nicht einmal, dass er aus seinem Haus gekommen war. So stillschweigend kam der Tod in dieser Nacht zu mir. Erst verfluchte ich noch den störrischen Bock, zerrte und drehte ihn, mit dem Seil über der Schulter und dem Tier hinter mir. Im selben Moment lag ich auch schon mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, und in meinen Ohren dröhnte der Gewehrschuss, der wie aus dem Nichts gekommen war.

Es war unfassbar, wie schnell und einfach das alles geschah. Ohne Ankündigung, ohne Theater. Der Bauer hatte einfach den Abzug an seinem Gewehr betätigt und mit einem ohrenbetäubenden Knall eine Bleikugel in meinen Rücken gejagt.

Der Schock und der Schmerz wüteten in den Sekunden, nachdem ich zu Boden gefallen war, in mir. Ich fühlte einen Augenblick lang das Feuer der Kugelbahn und dann, wie ein Schwall von warmem Blut meine Kleider tränkte. Doch danach spürte ich etwas viel Beängstigenderes als den Schmerz.

Taubheit.

Es begann an meinen Füßen, wenn ich mich richtig erinnere. Und ich war mir dessen nicht bewusst, während es geschah, erst später, als ich die Schritte des Bauern näher kommen hörte. Ich merkte, dass ich mich nicht bewegen konnte, meine Füße nicht mehr spürte. Innerhalb kürzester Zeit breitete sich die Taubheit in mir aus und kroch meine Beine wie eine gleichmäßig steigende Flut hinauf. Dann meine Hüften, mein Becken, meinen Bauch. Sie stieg weiter, und der Schmerz, der wie Feuer in meinem Rücken brannte, verschwand. Er verschwand einfach.

Ich fühlte nichts mehr. Ich versuchte meine Arme zu bewegen, meine Beine, es war unmöglich.

Ich keuchte vor Schreck auf, als mein Körper sich auf einmal umdrehte, denn ich hatte nicht gespürt, wie sich die Stiefelspitze des Bauern in meine Seite grub, um mich auf den Rücken zu wenden. Der Hass in seinen Augen, als er auf mich hinabstarrte, sein wettergegerbtes Gesicht, wie die Rinde eines alten Kirschbaumes, und sein weißer ungekämmter Schnurrbart – das alles nahm ich voller Angst in Sekundenbruchteilen wahr.

“Diebisches Zigeunerpack.” Er spuckte mich an, drehte sich um und ging dann mit seinem Ziegenbock davon.

Nein, er hatte mich nicht umgebracht.

Die Erleichterung darüber wurde schnell überschattet von dem Wissen, dass er es getan hätte. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, weil ich in den nächsten Minuten sowieso sterben würde. Ich konnte nicht spüren, wie sich unter mir eine Blutlache bildete, die immer größer wurde und das Gras rot färbte. Aber ich nahm wahr, wie das Leben sich aus meinem Körper stahl, spürte, wie ich langsam durch den Blutverlust immer schwächer wurde. Spürte, wie ich … starb.

Ich hörte, wie seine Schritte sich entfernten. Hörte, wie die Tür seines maroden Hauses zuknallte. Und dann umgab mich das sanfte Geräusch des leise säuselnden Nachtwinds, der in den Bäumen flüsterte. Meinen Namen flüsterte.

“Oh, süßer Dante”, drang eine Stimme aus der Nähe an mein Ohr. Nicht der Wind. Dieses Mal nicht. “Das Unglück ist viel schneller über dich gekommen, als ich gehofft hatte.”

Ich bewegte meine Augen in die Richtung, aus der die Stimme kam. Meine Augen schienen der einzige Teil meines Körpers zu sein, der noch meinem Willen unterstand.

Sarafina stand neben mir, von der Nacht eingerahmt wie ein düsterer Engel. Die schwarzen Wolkenfinger legten sich über die Sterne hinter ihr. Ich versuchte zu sprechen, aber meine Worte waren so leise, sie konnte sie nicht hören. Dann kniete sie sich nieder und beugte sich über mich, und mit dem letzten Rest Kraft, der noch in mir war, gelang es mir, zu sprechen. “Sarafina … ich sterbe.”

Ihre sanfte Hand strich mir das dunkle Haar aus der Stirn. “Nein, Dante. Du weißt genau, ich werde das nicht zulassen.”

“A-aber …”

“Still. Es ist fast Zeit.” Sie blickte mich an, und ich fragte mich, was sie sah. “Du bist schon fast verblutet. Es dauert nur noch einen Augenblick.”

Voller Panik riss ich die Augen auf; meine Kehle war wie zugeschnürt. “Sarafina!”, krächzte ich. Die Angst hatte meiner Stimme neue Kraft verliehen, auch wenn sie immer noch nicht mehr war als ein raues Flüstern. “Bitte!”

“Vertrau mir, mein Liebling. Du wirst nicht sterben.”

“Aber …”

“Du wirst nicht sterben”, beruhigte sie mich wieder.

Mein Geist verließ nach und nach meinen Körper und die Dunkelheit umwölkte meinen Blick immer mehr. Dennoch bemerkte ich, dass sie sich nicht verändert hatte, seit ich ihr zum letzten Mal begegnet war. Sie war nicht gealtert. Nichts an ihr war anders.

“Siehst du. So ist es besser.”

Meine Augen öffneten sich, fielen zu, öffneten sich wieder. Mein Atem war flach und spärlich, und ich konnte meinen Herzschlag spüren. Er schlug mir in den Ohren, langsamer, immer langsamer … langsamer …

“Hör mir zu, mein besonderer Schatz.” Ihre Stimme schien aus so weiter Ferne zu kommen, als würde sie aus den Tiefen einer Höhle mit mir sprechen. “Du musst eine Wahl treffen, und es muss jetzt sein. Keine Zeit, lange zu überlegen. Willst du sterben? Hier und jetzt? Oder leben, auch wenn es bedeutet, im Exil zu leben, wie ich es tue? Von der Familie gehasst, ausgestoßen und vertrieben?”

Ich fühlte mich schwach. Als verwandelte ich mich in einen Schatten. Ich verstand ihre Fragen nicht.

“Leben oder Tod, Dante? Antworte. Wenn du zögerst, wird dir die Wahl genommen. Du wirst sterben. Sag es mir jetzt. Was soll es sein? Leben … oder Tod?”

Ich bemühte mich, ein einziges Wort zu bilden, hörte aber nicht, wie es meine Lippen verließ, spürte nicht, wie sie sich bewegten. Alles, was ich tun konnte, war, das Wort zu denken und mir vorzunehmen, es laut auszusprechen. Leben.

“Gut.”

Sie bewegte sich. Meine Sicht verschwamm, und ich konnte nicht sehen, wohin sie ging und was sie tat. Dann drückte sie plötzlich etwas Warmes und Feuchtes an meine Lippen. “Trink, Dante. Dieses Elixier wird dir das Leben schenken. Trink”, flüsterte sie.

Die warme schwere Flüssigkeit benetzte meine Lippen und belebte meine Sinne. Sofort folgte das erschreckende Gefühl, mehr zu brauchen. Ich schloss meinen Mund um die Quelle, die sie mir anbot, und trank davon wie ein Säugling. Leben schien in mir zu erwachen, gemeinsam mit einem Hunger, den ich nie vorher gekannt hatte. Meine Arme bewegten sich, meine Hände klammerten sich an ihre Beute, hielten sie fest an mein Gesicht gepresst, während sich die köstliche Flüssigkeit in meinen Mund ergoss.

“Genug!”

Sarafina packte meinen Schopf und riss meinen Kopf zurück. Erst in diesem Moment bemerkte ich, dass es ihr Handgelenk gewesen war, an dem ich mich so begierig gelabt hatte. Ihr Blut, das ich so durstig getrunken hatte. Sie entzog mir ihren Unterarm, nahm einen Schal aus ihrem Haar und wickelte ihn fest um die Wunde.

Voller Entsetzen spürte ich, wie mein Magen sich zusammenzog. Ich wendete meinen Kopf von ihr ab und wischte mit dem Handrücken über meinen Mund.

“Es ist in Ordnung, Dante”, flüsterte sie. “So wird unser Geschenk eben weitergegeben.”

Ich sah hinab auf meine Hände, rot von dem Blut, das ich von meinem Mund gewischt hatte. Aber lebendig. Stark. Ich bewegte meine Finger, ballte sie zu Fäusten.

“Was ist passiert?”, fragte ich sie leise. “Was … was hat das zu bedeuten?” Und noch als ich es sagte, verließ die Taubheit meinen Körper. Das Gefühl kam zurück in meinen Oberkörper, meine Beine und meine Füße, stärker als zuvor.

Meine Sinne surrten vor neuen Eindrücken. Meine Haut kribbelte, allein weil die Luft sie berührte. Meine Augen schienen viel intensiver zu sehen, präziser, als sie es je zuvor getan hatten. Und durch meine Adern floss reine Kraft.

Sie riss mir mein Hemd vom Leib und den Stoff in Streifen, während sie zu mir sprach. “Es ist ein Geschenk, junger Dante, auch wenn die Alte es einen Fluch nennt. Ein Geschenk, das ich dir gegeben habe. Du wirst jetzt niemals sterben. Niemals älter werden. Und auch wenn deine Familie sich von dir abwenden wird, du wirst nie allein sein, wie ich es gewesen bin. Denn nun sind wir zu zweit. Für immer.”

Den restlichen Stoff meines Hemdes ballte sie zusammen und drückte ihn in die Wunde an meinem Rücken, was mir enorme Schmerzen verursachte. Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Sie band mehrere der Streifen eng um mich, die den Stoffballen dort fixieren sollten, streckte mir dann eine Hand entgegen und half mir auf. Im selben Moment erkannte ich den Umriss des alten Mannes, der hinter ihr lauerte.

Ich öffnete meinen Mund, um sie zu warnen.

Doch ehe ich ein Wort sagen konnte, drehte Sarafina sich mit solcher Geschwindigkeit um, dass mir schwindelig wurde. Das Gewehr des Bauern flog durch die Luft, außer Sichtweite, und feuerte ziellos in die Wälder, als es auf den Boden auftraf. Und Sarafina, die schöne, elegante Frau, die mich so in ihren Bann gezogen hatte, packte den Bauern an seinem Hemd und riss ihn an sich. Ehe ich überhaupt reagieren konnte, hatte sie ihren Mund an seinen Hals gelegt.

Ich hörte die Geräusche … und sah, trotz der Dunkelheit jetzt sehr deutlich, was sie tat. Sie trank … sein Blut. Labte sich an seiner Kehle. Am Anfang schlug der Bauer auf ihren Rücken ein und trat nach ihr, doch dann … ergab er sich einfach. Ich hörte sein Seufzen, beobachtete, wie er die Augen schloss und sogar seine Arme um sie schlang. Er ließ seinen Kopf zurückfallen und rieb seine Hüften an Sarafinas, während sie weiter an seinem Hals saugte.

Und dann war kein Leben mehr in ihm.

Sie ließ sein Hemd los, und sein lebloser Körper fiel zu Boden. Leer. Eine Lumpenpuppe. Vollkommen ausgesaugt.

Mit einem ihrer Schals tupfte Sarafina sich vornehm die Mundwinkel, während sie sich zu mir umdrehte. Ich starrte sie an und bewegte den Mund, ohne einen Laut von mir zu geben.

“Schau mich nicht so schockiert an, Dante. Begreifst du wirklich erst jetzt? Hmm? Wir sind Nosferatu. Wir sind untot.” Sie leckte sich die Lippen, legte ihren Kopf zur Seite und schenkte mir ein dünnes Lächeln. “Vampire”, flüsterte sie, und ich hätte schwören können, der Nachtwind nahm das Wort und wiederholte es tausendmal, in tausend Stimmen.

Vampire.

Ein Windstoß aus einer unsichtbaren Quelle ließ die Kerzenflammen flackern. Morgan löste ihre Augen von den verwitterten Seiten und sah sich automatisch um. Aber natürlich war niemand dort. Nichts war dort. Das alles war nicht echt.

Es war nicht echt.

“Oh mein Gott”, flüsterte Morgan. “Das ist kein Tagebuch. Keine Memoiren. Es ist … Es ist nur eine Geschichte. Eine unglaubliche, atemberaubende Geschichte!”

Oh, vielleicht nicht für den Mann, der sie geschrieben hatte. Der wunderbar wahnsinnige Künstler, der dieses Märchen erschuf, glaubte vielleicht sogar daran. Man stelle sich vor. Ein Mann, der tatsächlich dachte, ein Vampir zu sein. Ein Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach hier gewohnt hatte. Genau hier. In diesem Haus.

Etwas kratzte an der Fensterscheibe, und Morgan wirbelte herum, ihre Hand auf ihre Brust gedrückt, wo ihr Herz wild klopfte. Aber es war nur ein Ast, gebogen wie eine Klaue, der gegen das Glas schabte. Keine Kreatur der Nacht, die sich Dante nannte, war zurückgekommen, um ihre Tagebücher und ihr Haus für sich zu beanspruchen. Natürlich nicht. Vampire gab es nicht.

Das unerwartete Geräusch und der Schreck lösten ein Schwindelgefühl bei Morgan aus, und ihr Herz trommelte wild. Sie wartete, bis es sich beruhigt hatte. Die Atemnot verging, wie sie es immer tat. Sie nahm einige tiefe reinigende Atemzüge und sah auf ihre Uhr. Sie hatte stundenlang auf dem dunklen muffigen Dachboden gesessen, in der ausgedachten Welt eines Wahnsinnigen verloren. Und dabei hätte sie an ihrer eigenen fesselnden Geschichte arbeiten sollen.

Gott, wie sollte sie es jemals schaffen, in drei Monaten ein verkaufbares Drehbuch für David fertig zu haben? Besonders jetzt, wo sie nichts anderes wollte, als diese unglaubliche Geschichte weiterzulesen.

Sie fragte sich beiläufig, wie lange der fantasievolle Dante wohl für sein Buch benötigt hatte. Nicht lange, dachte sie – falls jedes Tagebuch auf dem Stapel gefüllt war. Und selbst dann wusste sie nicht, wie er es in einem einzigen kurzen Leben geschafft haben konnte, so viel zu schreiben.

Jetzt war er tot. Er musste tot sein, weil sie endlich ein Datum gefunden hatte und daran kein Zweifel bestehen konnte. Und seine Worte, seine Geschichten – sie lagen einfach da, unberührt. So lebendig, so wunderbar geschrieben; es brach ihr fast das Herz, dass sie nie der Welt mitgeteilt worden waren. Gott, wenn sie etwas so Gutes geschrieben hätte, und niemand es je gesehen hätte, wäre sie …

Oh.

Oh. Der Gedanke, der ihr gerade gekommen war! Es könnte doch ihre Arbeit werden. Für alle anderen konnten diese Worte von ihr stammen. Wer zum Teufel sollte je den Unterschied erkennen?

“Nein”, flüsterte sie laut. “Das wäre nicht richtig.”

Wäre es das nicht? widersprach ihr der Verstand. Sie hatte doch gerade entschieden, es wäre ein Verbrechen, dieses Werk nicht mit anderen zu teilen. Sie hatte gerade zugegeben, sie, wäre sie die Verfasserin, hätte es in Ewigkeit bedauert, wenn ihre Worte hier unentdeckt liegen blieben. Das geschriebene Wort war schließlich dazu da, gelesen zu werden. Nicht versteckt, sondern … geteilt. Erlebt.

Wieder kniete sie sich vor die Truhe und fuhr mit der Zunge über ihre trockenen Lippen. Was sollte schon Schlimmes passieren, fragte sie sich? Dante war lange genug tot, und niemand sonst konnte von diesen Tagebüchern wissen. Oder doch? Natürlich nicht! Wenn jemand davon wüsste, hätte er die Tagebücher nicht auf dem staubigen Dachboden verschimmeln lassen.

Und es waren so viele!

“Mein Gott”, flüsterte sie noch einmal. “Das ist die reinste Goldmine. Ich sitze hier auf einer echten Goldmine.” Und während sie dort saß und auf die mit Büchern gefüllte Truhe hinabstarrte, formte sich ein anderer Gedanke in ihrem Kopf. Die Bücher waren der Schlüssel dazu, alles wiederzubekommen, was sie wollte, alles, was sie verloren hatte. Reichtum. Macht. Ruhm. Ihre triumphierende Rückkehr nach L.A. All das lag vor ihren Füßen. Fast wie ein Geschenk – ihr hinterlassen von einem lange verstorbenen Wahnsinnigen namens Dante, der glaubte, ein Vampir zu sein.

Sie nahm behutsam das erste Tagebuch und drückte es gegen ihre Brust wie einen Liebhaber, als sie sich aufrichtete. Sie drehte sich um und trug es die Treppe hinab in ihr Arbeitszimmer.

Als sie dieses Mal die Hände über ihre Tastatur hielt, lag Dantes Tagebuch offen auf dem Tisch neben ihrem Computer. Und dieses Mal kamen die Worte.

3. KAPITEL

Maxine Stuart sah sich zum ungefähr zwölften Mal JFK auf ihrer kleinen TV/VHS-Kombination im Schlafzimmer an. In ihrem Schoß lag eine Ausgabe von Der Fänger im Roggen, und auf ihrem Nachttisch stand eine abgestandene Dose Cola, als sie die Sirenen hörte. Das Geräusch fuhr ihr in den Magen wie eine eiskalte Klinge. Sie stand langsam auf, und auch wenn sie nicht genau wusste, warum, trat sie ans Fenster und zog die Vorhänge zur Seite. Sie konnte die flackernden Blaulichter der Notfallfahrzeuge sehen, die auf dem Highway in der Ferne vorbeifuhren. In Richtung Süden. Sie sah in dieselbe Richtung und kniff die Augen zusammen, um das schwache rote Glühen am fernen Himmel besser erkennen zu können.

Ein vertrauter Jeep bog in ihre Auffahrt ein, und ungefähr eine Sekunde später hörte sie, wie die Vordertür ihres kleinen Hauses sich öffnete und wie ihre Mutter mit ihren Freunden sprach, als sie die beiden hereinließ. Maxine schaltete den Fernseher aus, drehte sich um und öffnete ihre Schlafzimmertür, während die Besucher durchs Haus eilten.

Ihre zwei besten Freunde kamen um die Ecke in den Flur und blieben stehen, als sie Maxine erblickten. Irgendetwas war los. Jason ließ sich nicht so einfach aus der Ruhe bringen, und er sah wirklich beunruhigt aus. Stormy – eigentlich hieß sie Tempest, aber den Namen hasste sie – war richtig blass. Maxines Mutter folgte ihnen auf dem Fuße.

“Also, was ist los, wo brennt’s?”, fragte Maxine.

“Die Spukzentrale”, erklärte Jason. “Sieht schlimm aus.”

“Furchtbar”, fügte Stormy hinzu. Ihre runden juwelenblauen Augen waren feucht. “Ich glaube, da ist keiner lebend rausgekommen.”

Spukzentrale war Maxines Spitzname für den großen namenlosen Regierungskomplex vor der Stadtgrenze. Das Hauptgebäude war riesig, und obwohl es weit ab von der Straße lag, war es durch einen hohen Elektrozaun geschützt, außerdem von mehreren Überwachungskameras umgeben und in einen Mantel des Schweigens gehüllt. Ein Forschungslabor – so lautete die offizielle Erklärung, und die leichtgläubigen Bewohner des Ortes waren davon überzeugt. Angeblich wurden dort medizinische Forschungen angestellt – sie suchten nach Heilmitteln gegen Krebs und AIDS, so etwas eben. Gute Arbeit. Fast heilig. Zu heilig, um sich einzumischen und herumzupfuschen. Wer wollte eine derart heilige Mission schon infrage stellen?

Maxine hatte ihre eigenen Theorien, wie bei den meisten Dingen, und gerade jetzt betete sie zu Gott, sie möge mit der, die sie immer für die wahrscheinlichste gehalten hatte – dass dort ein Militärlabor war, das sich mit bakteriologischer Kriegsführung und biologischen Waffen beschäftigte –, völlig danebenliegen.

Albtraumhafte Bilder aus Stephen Kings The Stand – Das letzte Gefecht wirbelten ihr durch den Kopf, und sie musste sich zwingen, etwas zu unternehmen. Sie drehte sich um und holte aus ihrem Zimmer ihre Jacke von einer Stuhllehne. Dann eilte sie den Flur hinab. “Gehen wir.”

“Gehen? Wohin?” Ihre Mutter eilte hinter den dreien her, die schnell zur Tür gingen. Als niemand antwortete, drängelte Ellen sich an den jungen Leuten vorbei und stellte sich ihnen direkt in den Weg. “Max, wehe, du gehst zu denen rüber. Du wirst bloß im Weg sein und dich womöglich noch verletzen.”

“Ach komm, Mom. Ich bin zwanzig Jahre alt. Ich ärgere die Feuerwehrleute schon nicht. Ich will nur wissen, was los ist.”

“Dann lies es einfach in der Morgenzeitung nach, wie alle anderen auch.”

“Lieber Gott, wie kannst du bloß so nichts ahnend sein?”

Ellen Stuart seufzte. Sie sah besorgt aus, aber auch resigniert. Es war noch nie jemandem gelungen, Maxine von etwas abzubringen, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, und als ihre Mutter hätte sie sich langsam daran gewöhnen müssen, schließlich hatte sie es schon oft aus erster Hand erlebt, seit sie damals das drei Monate alte Waisenkind zu sich nach Hause geholt hatte. “Sei vorsichtig.”

“Immer doch.” Maxine nahm ihren Minirucksack vom Haken an der Tür. Die Vorderseite hatte sie mit einem Akte-X-Bügelbild dekoriert, auf dem die Worte Vertraue niemandem prangten. Sie warf sich den Rucksack über die Schulter, und die drei Freunde verließen gemeinsam das Haus.

Sie zwängten sich alle in Jasons milchkaffeefarbenen Jeep Cherokee. Er scherzte gerne, dass er die Farbe passend zu seiner Haut ausgesucht hatte. Und wirklich passte sie ziemlich genau. Maxine nahm auf dem Rücksitz Platz. Stormy, eine winzige Psychologiestudentin mit kurzen strubbeligen und gebleichten Haaren, stieg vorne neben Jason ein und schloss die Tür, während er bereits dabei war, in die Straße einzubiegen, die aus der Stadt hinausführte.

Maxine saß auf der Kante ihres Sitzes und steckte den Kopf zwischen den vorderen Nackenstützen hindurch. “Man kann das Feuer von hier aus sehen. Guckt euch das bloß mal an.”

Das taten sie. Stormy schüttelte sich und senkte ihre Augen; Jason starrte einen Augenblick wie hypnotisiert, fing sich dann wieder und stellte das Radio an. “Ich wusste, du würdest hinfahren wollen”, sagte er. “Es ist bei meinem Bruder über Funk reingekommen. Wenn er nicht bei der freiwilligen Feuerwehr wäre, wüsste ich wahrscheinlich bis jetzt nichts davon.”

“Immer noch nichts in den Nachrichten, Jay?”, fragte Stormy. Sie war nervös; das war sie immer, wenn sie mit dem Ring in ihrer Augenbraue spielte.

Er drehte weiter an der Sendereinstellung, gab dann aber auf und schüttelte langsam den Kopf. “Ich hatte mit Sonderberichten und so einem Mist gerechnet, aber kein Wort davon, nirgends.”

“Die berichten nur über das, was man ihnen sagt”, gab Maxine zu bedenken. “Auch wenn meine Mutter so naiv ist, an das System zu glauben, in diesem Land ist doch ‘Pressefreiheit’ ein Widerspruch in sich.”

“Ich mag deine Mom”, wagte Jason anzumerken.

Maxine blinzelte ihn an, als spräche er eine andere Sprache. “Ich mag sie auch. Was zum Henker hat das mit der Sache zu tun?”

“Ich finde nur, du solltest sie nicht naiv nennen. Das hat sie nicht verdient.”

Maxine schloss die Augen, schüttelte den Kopf und blickte Stormy Hilfe suchend an.

“Er hat recht”, sagte Stormy. “Deine Mom ist cool. Du hast so ein Glück.”

“Natürlich ist sie cool! Ich hätte mir doch wohl ein Zimmer im Wohnheim oder eine eigene Wohnung gesucht oder wäre gleich in einer anderen Stadt aufs College gegangen, wenn sie nicht cool wäre, statt zu Hause zu bleiben und auf eine Gemeindeschule zu gehen. Aber das hat doch nichts mit meiner Mutter zu tun und wie cool sie ist oder eben nicht! Ich rede hier über die Regierung! Vertuschungen. Geheime Operationen.”

Stormy zuckte mit den Schultern und senkte ihren Blick. Themen wie dieses waren ihr immer unangenehm. Aber Maxine hatte keine Hemmungen, darüber zu reden. Ihr war es eher unangenehm, fast ihr ganzes Leben lang sozusagen im Schatten dieses riesigen, umzäunten, gut bewachten Komplexes gelebt zu haben, ohne je zu wissen, was darin vor sich ging.

Sie wusste nur eine Sache ganz genau. Es war nicht Krebsforschung. Sie hätte ihre Eckzähne dafür gegeben, einen Blick hinter die hohen elektrischen Zäune werfen zu dürfen. Nur einen Blick. Jetzt würde vielleicht niemand jemals die Wahrheit erfahren.

Jason fuhr weiter und lenkte den Jeep auf die rechte Fahrspur, ehe sie die Stelle erreichten, an der die Unfallwagen auf beiden Seiten der Straße aufgereiht standen. Auf dem Asphalt lagen Leuchtfackeln. Orange-weiße Sägeböcke mit roten Reflektoren bildeten dahinter eine Grenze, die Unbefugte fernhalten sollte. Sie stiegen aus dem Jeep. In der Ferne loderten Flammen am Nachthimmel, und Maxine konnte bereits mit jedem Atemzug den Rauch in ihrem Mund schmecken.

“Hier lang.” Die junge Frau ging auf dem rechten Randstreifen an den geparkten Fahrzeugen vorbei, und ihre Freunde folgten ihr. Der brennende Gebäudekomplex lag auf der linken Seite, am Ende einer langen kurvenreichen Auffahrt. Sie führte die anderen vorwärts, bis sie, ohne behelligt zu werden, dem Eingang direkt gegenüber standen. Auf der anderen Seite, schon ein Stück die Auffahrt hinauf, standen die Feuerwehrleute mit dem Rücken zu ihnen. Sie waren sowieso ganz auf ihre Arbeit konzentriert. Maxine hockte sich neben einen Krankenwagen und zog die anderen mit sich hinunter.

Die Feuerwehrwagen waren anscheinend direkt durch das Tor am Ende der Auffahrt gefahren. Das Wachhäuschen in der Nähe war leer, das Tor selbst lag flach auf dem Boden. Der Zaun links und rechts davon war abgeknickt und zerbrochen. Die Überwachungskameras, die auf Pfählen gestanden hatten, waren in Stücke zerschmettert. Freiwillige Feuerwehrleute in gelben Jacken mit leuchtend silbernen Reflektorstreifen bedienten riesige Löschschläuche, die an die Tankwagen auf der Auffahrt angeschlossen waren. Jedes Mal, wenn sie die Flammen ein Stück zurückgetrieben hatten, rollten die Wagen ein Stück weiter, damit die Männer näher an die Feuersbrunst herankamen.

“Ich weiß nicht, wie die das aushalten. Lieber Gott, ich kann die Hitze bis hierher spüren”, sagte Stormy und legte ihre Handfläche an eine Wange.

“Es wundert mich, dass die Schläuche nicht schmelzen”, flüsterte Jason. “Wenn die noch näher herangehen …”

“Wenn die noch näher herangehen, können wir mit rein.”

Die anderen beiden starrten Maxine an, als wären ihr Hörner gewachsen.

“Was?”, entfuhr es beiden gleichzeitig.

“Du musst den Verstand verloren haben, Max”, meinte Jason entsetzt, während Stormy einfach nur den Kopf schüttelte. “Wir können da nicht rein.”

“Niemand beobachtet den Eingang. Die sind alle damit beschäftigt, das Feuer zu bekämpfen. Wir können rein, ohne uns auch nur anzustrengen.”

“Okay, ich werde das noch mal neu formulieren. Wir können schon rein. Wir sollten nur nicht.”

Jetzt war es an Maxine, entgeistert zu starren. “Was seid ihr, verrückt? Seit ich alt genug bin, diese lahme Krebsforschungsgeschichte zu durchschauen, will ich unbedingt hinter das Tor da.”

“Also seit du ungefähr sechs warst”, murmelte Stormy.

Maxine warf ihr einen vielsagenden Blick zu, beeilte sich dann aber, weiterzureden. “Versteht ihr denn nicht? Das ist unsere Chance. Keine Wachen, nichts. Wir können endlich die Wahrheit herausfinden.”

“Und was genau, glaubst du, kann man da drinnen noch sehen, Max?” Jason deutete auf das Gebäude. “Alles ist total von Flammen eingeschlossen.”

“Das weiß ich erst, wenn ich es versucht habe.”

Er seufzte, neigte seinen rasierten Kopf und fuhr mit der Hand darüber. Lange Zeit sprach keiner mehr ein Wort, während sie hockten und warteten und beobachteten. Zwanzig Minuten vergingen, ehe die Feuerwehr wieder ein Stück näher rückte. Maxine sprang auf, sah sich nach beiden Seiten um und rannte über die Straße. Ihre Freunde zögerten, dann folgten sie. Sie überquerten den Bürgersteig und rannten durch die Öffnung, direkt über dem Draht des umgefahrenen Tors, am verlassenen Wachhaus vorbei und zwischen die Bäume, die die Auffahrt säumten. Das waren eine Menge. Um den Ort noch besser vor zufällig vorbeikommenden Passanten zu schützen, dachte Maxine. Pinien. Natürlich waren es Pinien.

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