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Geheimnis in blauen Augen

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Barbara McCauley

Geheimnis in blauen Augen

Der Hotelmanager Sam Prescott ist von der neuen Kellnerin Kiera Daniels fasziniert. Wie aus dem Nichts ist sie in Wolf River aufgetaucht, wo er das Hotel der vermögenden Blackhawk-Familie leitet. Aber trotz seines Verlangens ahnt er, dass sie etwas vor ihm verbirgt: Wenn er in ihre blauen Augen blickt, sieht er dort ein Geheimnis! Doch selbst nach einer heißen Nacht offenbart sich Kiera nicht. Erst als Sam zufällig ihren richtigen Nachnamen erfährt, versteht er, warum sie so lange geschwiegen hat ...

1. KAPITEL

Jetzt könnte sie schon in Paris sein.

Seufzend schaute Kiera auf die Digitalanzeige ihres Armaturenbrettes. Einundzwanzig Uhr zweiunddreißig, texanische Zeit. Wäre sie heute Morgen in das Flugzeug gestiegen, wäre sie vor zwei Stunden auf dem Flughafen Charles de Gaulle gelandet und würde in diesem Moment ihr Zimmer im Hotel Château Frontenac beziehen. Sie würde sich etwas beim Zimmerservice bestellen und dann in einem antiken Himmelbett herrlich schlafen.

Stattdessen parkte sie vor „Sadie’s Shangri-La Motel“.

„Willkommen. Parken Sie Ihren Wagen vorn, Ihr Pferd hinten“, leuchtete ein Schriftzug in Pink auf dem Schild auf, das außerdem freie Zimmer anpries.

Kiera wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, also vergrub sie den Kopf in den Händen und tat beides.

„Verflixt, Trey, warum musstest du mir das antun“, schluchzte sie wütend. „Verdammt, verdammt, verdammt.“

Ganze zehn Sekunden lang schimpfte sie vor sich hin, dann wischte sie sich die Tränen ab und klappte die Sonnenblende herunter, um ihr Gesicht im beleuchteten Spiegel anzuschauen. Furchterregend, das war ihr erster Gedanke – unternimm etwas ihr zweiter. Noch immer vor sich hinfluchend, wühlte sie in ihrer Handtasche und zog ihre Schminkutensilien heraus. Sorgfältig tupfte sie Puder auf die langsam abklingenden blauen Flecken, die ihr linkes Auge zierten. Nicht unbedingt perfekt, aber so musste es gehen. Es war stockdunkel, daher kam eine Sonnenbrille leider nicht infrage, es sei denn, sie wollte Aufmerksamkeit erregen, und das wollte sie ganz bestimmt nicht.

Nachdem sie sich das Haar etwas mehr ins Gesicht gekämmt hatte, um das Veilchen zu verdecken, stieg sie aus dem Wagen und streckte ihre verspannten Glieder. Sie war zu müde, um sich darum zu scheren, dass ihr Rock, der vor zehn Stunden noch makellos weiß gewesen war, inzwischen aussah wie ein zerknittertes Papiertaschentuch. Auch dass ihre ärmellose Bluse, die heute Morgen beim Verlassen der Ranch sauber und strahlend grün gewesen war, jetzt eher einem verwelkten Salat glich, machte ihr nichts mehr aus.

Es ist, wie es ist.

Ein Lastwagen donnerte am Motel vorbei und riss Kiera aus ihren Gedanken. Sie nahm ihre Handtasche, holte tief Luft und marschierte dann zum Empfangsbüro des Motels. Noch immer war es sehr heiß, und die Schwüle umgab sie wie ein feuchtwarmes Tuch. Eine Dusche, dachte Kiera sehnsüchtig, während sie die schwere feuchte Abendluft einatmete. Sie brauchte dringend eine Dusche, um all den Schmutz und Schweiß der stundenlangen Fahrt abzuwaschen.

Als sie die Glastür öffnete, erklang über ihr eine Glocke, und der Geruch von Kaffee war deutlich wahrnehmbar. Die Empfangsdame, eine Blondine mit wilder Mähne, stand hinter dem Tresen, die Hände auf die üppigen Hüften gestützt und den Blick auf einen kleinen Fernseher in der Ecke gerichtet.

„Komme gleich“, sagte die Frau, ohne auch nur aufzuschauen.

Kiera unterdrückte ein Stöhnen. Da sie in Texas geboren und aufgewachsen war, wusste sie, was „komme gleich“ wirklich bedeutete: Es konnte sich noch eine Weile hinziehen.

In den vergangenen drei Jahren hatte sie in New York gelebt, und das hatte sie ungeduldig gemacht. Sie hatte sich an all die hektischen Leute gewöhnt, den Lärm und den Stress des Straßenverkehrs, an die Wolkenkratzer und die städtische Enge. Und an die Delikatessenläden an jeder Ecke.

Der Gedanke an die New Yorker Delis erinnerte Kiera daran, dass sie den ganzen Tag lang nichts gegessen hatte. Für eins dieser DeliSandwiches könnte sie jetzt glatt einen Mord begehen. Ein riesiges Käse-Schinken-Sandwich mit Salat und Tomaten und …

„Nein!“

Unwillkürlich zuckte Kiera zusammen und umklammerte ihre Tasche. Die Blondine hob angewidert die Hände.

„Ich wusste, dass man diesen beiden nicht trauen kann“, rief sie aus und deutete ärgerlich auf den Fernseher. „Seit acht Wochen kümmert sie sich um diese faulen, nichtsnutzigen Kerle, und was hat es dem armen Mädchen gebracht?“

Kiera war sich nicht sicher, ob die Frau – Mattie, der Name stand auf dem Plastikschild, das an ihrem weißen Poloshirt steckte – wirklich eine Antwort erwartete, doch sie bezweifelte es.

„Einen Tritt in den Allerwertesten, das bekommt sie. Diese beiden Kerle sind wirklich das Letzte.“ Kopfschüttelnd schnappte Mattie sich die Fernbedienung und stellte den Ton leiser, bevor sie sich umdrehte und ihre knallroten Lippen zu einem Lächeln verzog. „Sie wollen einchecken?“

Kiera zögerte und überlegte kurz, ob sie nicht doch versuchen sollte, ein Hotelzimmer in der Stadt zu finden. Irgendetwas, was nicht so weit entfernt von allem war. Irgendetwas, was … sicherer schien. Dann fiel ihr ein, wie viel Bargeld sie bei sich hatte, und ihre Entscheidung war gefallen. „Auf dem Schild draußen steht, dass Sie noch etwas frei haben.“

„Sicher.“ Mattie ging zum Computer. „Einzel- oder Doppelzimmer?“

„Ein Einzelzimmer, bitte.“

Mattie ließ ihre langen rot lackierten Fingernägel über die Tastatur wandern. „Mit Kochnische?“ Kiera hatte eigentlich nicht vor zu kochen, aber andererseits hatte sie auch nicht vorgehabt, überhaupt hier zu sein. „Ja, gern.“

„Wie lange wollen Sie bleiben?“, fragte Mattie.

„Ich … ich bin nicht sicher.“ Verflixt, das ist alles absurd, dachte sie. „Vielleicht eine Woche oder so.“

„Name?“

Kiera wand sich innerlich. Sie traute sich nicht, ihren richtigen Namen zu benutzen. Jedenfalls nicht ihren Nachnamen. „Kiera Daniels.“

Mattie gab den Namen in den Computer ein, druckte dann ein Formular aus und schob es über den Tresen. „Zahlen Sie mit Kreditkarte?“

Kiera dachte an den Namen auf ihrer Kreditkarte. Wenn sie die Karte benutzte, konnte man sie leicht bis hierher verfolgen, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ihr Name die eine oder andere Frage heraufbeschwören könnte. „Ich, äh, würde lieber bar zahlen.“

Mattie runzelte die Stirn. „Dann brauche ich eine Anzahlung für zwei Nächte.“

„In Ordnung.“ Kiera zog ihre Brieftasche heraus und öffnete sie. Plötzlich fiel ihr ein, dass ein Großteil ihres Bargeldes aus Euros bestand, die ihr hier ganz sicher nicht weiterhelfen würden. Sie zählte die erforderlichen Dollarscheine ab und legte sie auf den Tresen. Wenn sie sehr, sehr sparsam war, dann überstand sie vielleicht zwei oder drei Tage, bevor ihr das Bargeld ausging.

Mattie starrte auf die Scheine, die Kiera so sorgfältig und widerstrebend abgezählt hatte, bevor sie wieder aufsah. Kiera trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, als die andere Frau aufmerksam ihr Gesicht betrachtete.

„Ehemann oder Freund?“

„Wie bitte?“

„Kleines, ich weiß, es geht mich nichts an“, meinte Mattie geradeheraus. „Aber das Veilchen, das Sie da haben, ist unschwer zu übersehen.“

Instinktiv hob Kiera die Hand und zog ihre Haare ins Gesicht, sodass sie ihr Auge bedeckten. So viel zum Thema Makeup, dachte sie. „Nein … ich … es ist nicht so, wie Sie denken. Ich bin vom Pferd gefallen.“

Mitleidig schaute Mattie sie an. „Wie ich schon sagte, es geht mich nichts an. Aber wenn eine Frau nachts allein in mein Motel kommt und aussieht, als hätte sie so einiges durchgemacht, dann kann ich nicht anders, dann muss ich nachfragen, das halte ich für meine Pflicht.“

Sehe ich wirklich so schrecklich aus? Kiera blickte an sich hinab und dachte an ihre vom Weinen geröteten Augen. Sie sah tatsächlich ziemlich mitgenommen aus.

„Wenn Sie jemanden brauchen …“, fuhr Mattie fort, „… ich kenne mich mit Männern aus. Ich weiß, dass da draußen ein paar Gute herumlaufen, aber, Kleines, meiner Erfahrung nach sind die meisten Mistkerle.“

Nach ihren jüngsten Erfahrungen stimmte Kiera dieser Einschätzung eigentlich zu, doch sie wollte das Thema lieber nicht weiter vertiefen. „Danke, aber im Moment hätte ich gern einfach nur meinen Schlüssel.“

„Sicher.“ Mattie zuckte nun mit den Schultern, stopfte das Geld in eine Schublade und gab Kiera einen Schlüssel. „Zimmer 107.“

„Danke.“

„Übrigens“, meinte Mattie, als Kiera sich umdrehte. „Wenn Sie die Absicht haben, eine Weile hierzubleiben und einen Job brauchen … im Hotel in der Stadt suchen sie gerade Mitarbeiter.“

„Danke, aber …“

„Ich könnte ein gutes Wort für Sie einlegen“, bot Mattie an. „Meine Schwester Janet ist die Leiterin der Personalabteilung. Ich bin überzeugt, dass sie einen Posten für Sie finden könnte.“

„Ich bin nicht …“

„Sie brauchen nicht einmal Erfahrung zu haben“, fuhr Mattie fort. „Das Hotel bietet seit der Erweiterung alle möglichen Jobs. Mit all den Messen, Konferenzen und der neuen Hochzeitskapelle ist es meist ausgebucht. Wie ich hörte, ist die neue Besitzerin, Clair Blackhawk, eine gute Arbeitgeberin.“

Blackhawk?

Als sie den Namen hörte, blieb Kiera fast die Luft weg. Sie starrte die Empfangsdame an und musste schlucken, bevor sie mit matter Stimme fragte: „Blackhawk?“

„Na ja, so hieß sie, aber sie hat vor ein paar Wochen geheiratet, daher weiß ich nicht genau, wie sie jetzt heißt. Oh, warten Sie …“ Mattie schnippte mit den Fingern „… Carver. Clair Carver.“

Kieras Herz klopfte so laut, dass sie sich kaum konzentrieren konnte. Der Name Carver sagte ihr nichts. Aber Blackhawk … du meine Güte, war es möglich? Sie musste sich zusammenreißen, um nicht Matties Arm zu packen und sie geradeheraus zu fragen, ob …

„Alles in Ordnung, Kleines?“

Kiera blinzelte. „Was?“

„Sie sehen ein bisschen blass aus. Alles in Ordnung?“

„Es ist einfach nur ein langer Tag gewesen.“ Der längste meines Lebens, dachte sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Vielen Dank, aber es geht mir gut, wirklich.“

Mattie nickte. „Ihr Zimmer ist das letzte auf der linken Seite. Wenn Sie etwas brauchen, dann rufen Sie mich einfach an.“

„Danke.“

Mit zitternden Knien drehte Kiera sich um und ging zurück zu ihrem Wagen. Eine ganze Weile saß sie dort und starrte völlig benommen auf die dunklen Schatten, die die Pappeln vor dem Motel warfen.

Als sie wieder hineinging, blickte Mattie vom Fernseher auf.

Kiera schloss die Tür hinter sich. „Wegen dieses Jobs …“

Als Sam Prescott seine morgendliche Runde durch die Lobby des Four Winds Hotels machte, strafften die Pagen die Schultern, die Rezeptionistinnen lächelten noch strahlender, und die Männer des Parkservice gaben sich geschäftig. Das gesamte Personal des größten und luxuriösesten Hotels im Wolf River County wusste, dass dem aufmerksamen Blick des Hoteldirektors nichts entging. Da war es besser, wenn die weißen Marmorböden und die riesigen Glasfronten auf Hochglanz poliert waren, die schicken schwarzen Uniformen tadellos saßen und die üppigen Blumenarrangements frisch waren.

Sams ausdrucksstarkes Gesicht und das kantige Kinn harmonierten perfekt mit seinem dichten dunklen Haar und den braunen Augen. Es war eine Kombination, die erwachsenen Frauen einen Seufzer und jungen Mädchen ein Kichern entlockte. Anzüge von Armani standen Sam mit seiner Größe von fast einem Meter neunzig, dem Oberkörper eines Footballspielers und der schlanken Taille hervorragend.

Einige wenige glückliche Frauen wussten, dass er sogar noch besser aussah, wenn er gar nichts trug.

Joseph McFearson, der Portier des Hotels, hob grüßend die Hand an die zu seiner Livree gehörende Kappe, als Sam näher kam. „Morgen, Mr. Prescott.“

„Guten Morgen, Joseph.“ Der Portier war einer der wenigen Angestellten, die nicht den Kopf heben mussten, um Sam in die Augen zu schauen. „Wie geht es Isabel?“

„Sie beschwert sich ständig darüber, dass sich unsere Jungs nicht öfter melden“, brummte Joseph. „Sie meint, sie hätten das kalte Herz ihres Vaters geerbt.“

Sam lachte. Jedermann wusste, dass Joseph ein Herz aus Gold besaß, genauso wie alle wussten, dass seine Frau ihn vergötterte. „Bestellen Sie ihr einen schönen Gruß.“

„Gern.“ Joseph nickte. Als Sam weiterging, fügte er hinzu: „Rufen Sie Ihre Mutter an.“

Das sollte ich wirklich einmal tun, überlegte Sam und dachte daran, dass er schon seit einiger Zeit nicht mehr mit ihr gesprochen hatte. Vielleicht würde er ihr einfach Blumen schicken. Beim letzten Telefonat hatte er wieder einmal zu hören bekommen: „Samuel, du bist zweiunddreißig Jahre alt, wann hörst du endlich auf, in Hotels zu leben und schenkst mir Enkelkinder?“

„Sobald ich eine Frau wie dich gefunden habe“, hatte er geantwortet, um sie zu besänftigen. Allerdings hatte er nicht die Absicht, in absehbarer Zeit etwas an seinem Junggesellenstatus zu verändern.

Nachdem er seine Runde beendet hatte, trat Sam in den verspiegelten Fahrstuhl und ging in Gedanken seinen weiteren Tagesablauf durch. Um zehn Uhr hatte er ein kurzes Treffen mit Clair, um halb zwölf eine Verabredung zum Essen mit der Pressesprecherin der Texas Cattlemen’s Association, die mit ihm die Details der Konferenz planen wollte, die im Hotel stattfand, anschließend, um zwei Uhr, einen Termin mit dem Stadtrat und dem Bauausschuss. Das Four Winds war bereits größer als ursprünglich einmal geplant, und vor zwei Wochen hatte man bei der Stadt einen Antrag eingereicht, um einen zweiten, größeren Gebäudekomplex samt Konferenzsälen errichten zu können.

Die Fahrstuhltüren waren fast geschlossen, als sich eine Hand hineinschob, um sie aufzuhalten. Lange schlanke Finger, keine Ringe, kurze, aber gepflegte unlackierte Fingernägel. Automatisch drückte Sam auf den Knopf, um die Türen wieder zu öffnen.

„Entschuldigung“, murmelte die Frau ein wenig außer Atem und bestieg den Fahrstuhl. Sie hatte den Kopf gesenkt und wühlte in ihrer weißen Handtasche.

Sie war größer als die meisten Frauen und schlank. Das lange Haar, das wie poliertes Ebenholz schimmerte, fiel ihr bis auf die Schultern. Sie trug ein hellrosa Kostüm, und unter der Jacke blitzte ein spitzenbesetztes Top hervor. Da sie immer noch etwas in ihrer Handtasche zu suchen schien, konnte Sam ihr Gesicht nicht sehen.

Allerdings duftete sie ausgesprochen gut.

„Welche Etage?“, fragte er und hob die Hand.

„Danke, ich mache das schon.“

Sie wollte den Knopf an ihrer Seite des Fahrstuhls drücken, hielt aber inne, als sie sah, dass er bereits leuchtete.

„Sechste?“ Dreh dich um, dachte Sam. Nur ein klein wenig in meine Richtung …

Sie rührte sich nicht. „Ja, danke.“

Ihre Stimme klang kühl, als wollte sie sagen, ich kann das allein regeln, lass mich in Ruhe.

Diskret beobachtete Sam sie im Spiegel – schließlich, argumentierte er, ist es mein Job, mich um die Menschen in diesem Hotel zu kümmern. Sie schien angespannt. Ihre Schultern und der Rücken wirkten ein wenig zu gerade, der Griff, mit dem sie ihre Handtasche hielt, ein wenig zu fest. Im sechsten Stock befanden sich ausschließlich Büros, was vermutlich bedeutete, dass sie aus irgendeinem geschäftlichen Grund hier war.

Er wollte sich gerade vorstellen, als das Handy in seiner Tasche zu vibrieren begann. Er zog es heraus und schaute auf die Anzeige. Clair.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich leise, und die Frau eilte davon. Sam trat ebenfalls hinaus und sah ihr hinterher, als sie den Flur entlangging. Dabei genoss er den Anblick von sanft schwingenden Hüften und langen sexy Beinen. Als sie vor der Tür der Personalabteilung stehen blieb, seufzte er. Zu schade. Wenn sie sich hier um einen Job bewarb, dann war sein Traum von ihrem weichen schwarzen Haar, das sich auf seinem nackten Oberkörper ausbreitete, ausgeträumt.

Regel Nummer eins lautete, sich nicht mit Angestellten einzulassen.

Als sein Handy erneut vibrierte, ging er ran. „Guten Morgen, Boss.“

„Du kannst heute Boss spielen, Prescott. Ich übergebe dir das Four Winds und verkriech mich wieder in mein Bett.“

Sam runzelte die Stirn. „Was ist los?“

„Ich glaube, das Virus, das mein Neffe letzte Woche hatte, hat beschlossen, mir ebenfalls einen Besuch abzustatten“, erwiderte sie schwach. „Kannst du Suz bitten, meine Termine zu verschieben?“

„Sicher.“ Sam bemerkte, dass die Frau aus dem Fahrstuhl noch immer vor der Personalabteilung stand. Sie hatte die Hand auf die Türklinke gelegt, bewegte sich jedoch nicht. „Sollen wir dir eine Suppe oder irgendetwas anderes rüberschicken?“

„Bitte“, stöhnte Clair, „sprich nicht von Essen. Jacob ist heute auch zu Hause, wenn ich also … oh, nein, nicht schon wieder. Bis später.“

Die Leitung war unterbrochen. Die Ärmste, dachte Sam, und steckte sein Handy wieder ein. Er konnte sich wahrlich bessere Arten vorstellen, einen Tag im Bett zu verbringen.

Bei diesem Gedanken wanderte sein Blick wieder den Flur entlang. Die Frau war verschwunden. Er konnte jedoch noch immer ihren Duft wahrnehmen. Ein weicher, angenehmer Duft, der seine Nase umschmeichelte.

Schade.

Er hatte nicht einmal ihr Gesicht gesehen.

Seufzend schaute er auf die Uhr und ging auf sein Büro zu. Vor der Personalabteilung zögerte er kurz, marschierte dann aber weiter. Da Clair das Treffen mit ihm abgesagt hatte, konnte er die Zeit nutzen, um schon einmal die Monatsberichte vorzubereiten. So schnell, wie das Four Winds wuchs, kam er mit dem Papierkram kaum hinterher. Er hatte keine Zeit, schönen mysteriösen Frauen hinterherzulaufen.

Abrupt blieb er stehen.

Verdammt, warum nicht?

Selbst wenn sie sich um einen Job bewarb … noch ist sie ja keine Angestellte, überlegte er. Er drehte sich um und ging zurück zur Personalabteilung. Er war einfach nur neugierig.

Konnte ja nichts schaden, diesem sexy Körper ein Gesicht zuzuordnen.

Er trat ins Büro und schaute sich um. Janets Sekretärin saß nicht an ihrem Schreibtisch, und die Tür zum Büro der Personalleiterin war geschlossen. Niemand war zu sehen.

Wie ärgerlich, er hatte sie verpasst.

Mit den Händen in den Taschen ging Sam leise zu der geschlossenen Tür.

„Wie ich sehe, haben Sie bereits Erfahrungen in Restaurants gesammelt, Miss Daniels“, hörte Sam Janet sagen. „In welchen Positionen?“

„Als Hostess, Kellnerin, Mädchen für alles“, erwiderte die Frau. „Ein bisschen Küchenausbildung.“

„Können Sie nachts, am Wochenende und auch kurzfristig bei Bedarf zur Verfügung stehen?“

Sam wartete darauf, dass die Frau einen Mann oder Kinder erwähnte, doch das tat sie nicht, sondern antwortete nur, dass sie arbeiten könne, wann sie gebraucht würde.

„Miss Daniels …“

„Bitte nennen Sie mich Kiera.“

„Kiera, Sie haben Ihrer Bewerbung keinerlei Referenzen beigefügt. Könnten Sie mir sagen, wo Sie zuletzt gearbeitet haben?“

„Nein, Mrs. Lamott. Ich … es tut mir leid, aber das kann ich nicht.“

Keine Referenzen? Sam runzelte die Stirn. Janet konnte diese Frau doch nicht ohne Referenzen einstellen.

„Kiera.“ Janets Stimme wurde weicher. „Meine Schwester hat mir Ihre Situation geschildert, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, Ihnen so kurzfristig einen Termin zu geben.“

Situation? Sam beugte sich näher zur Tür. Was für eine Situation?

„Ich weiß das zu schätzen, und ich kann Ihnen versichern, dass ich hart arbeite und schnell lerne.“ Ein Hauch von Verzweiflung schlich sich in die Stimme der Frau. „Ich arbeite wann und so viel Sie wollen, mache die Jobs, die erledigt werden müssen, aber bitte geben Sie mir eine Chance.“

Sam kniff die Augen zusammen. Es spielte keine Rolle, wie die Frau aussah oder worin ihre „Situation“ bestand. Das Four Winds war kein Wohlfahrtsbetrieb. Hier ging es ums Geschäft. Das Hotel stellte Menschen aufgrund von Qualifikationen ein, nicht weil jemand bitte, bitte sagte.

Regel Nummer zwei: Die Hotelregeln galten für das gesamte Personal.

Sam wünschte, er könnte sehen, was sich in dem Büro abspielte. Er konnte die beiden Frauen sprechen hören, da sie jedoch die Stimmen gesenkt hatten, konnte er nicht mehr verstehen, was gesagt wurde. Er hatte sein Ohr schon fast an die Tür gepresst, als er Janet wieder verstand.

„Können Sie sofort anfangen?“

Was? Sam hob den Kopf und starrte böse auf die Tür. Janet hatte die Frau tatsächlich eingestellt, obwohl sie keinerlei Referenzen vorweisen konnte?

„Ja, natürlich. Danke.“ Die Stimme der Frau zitterte. „Vielen, vielen Dank. Sie werden es nicht bereuen, das verspreche ich Ihnen.“

„Gehen Sie nach unten und fragen Sie nach Francine. Sie wird Ihnen die Dienstkleidung aushändigen.“

Sam mischte sich selten in die Angelegenheiten seiner Abteilungsleiter ein, aber es gab Gelegenheiten, da war es nötig. Schließlich war alles, was im Four Winds geschah, in letzter Konsequenz auch seine Angelegenheit, und das betraf auch die Personalentscheidungen. Er richtete sich auf und bereitete sich darauf vor, den beiden Frauen gegenüberzutreten. Janet würde es vielleicht nicht gefallen, aber wenn er ihre Entscheidung rückgängig machen musste, dann würde sie …

Die Tür wurde geöffnet, und sein Verstand setzte einfach aus.

Ihr Gesicht war so, wie er es sich vorgestellt hatte und noch ein bisschen schöner. Hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und volle, sinnliche Lippen. Weiche sonnengebräunte Haut unterstrich die ausdrucksstarken rauchblauen Augen. Augen, die aufgerissen wurden, als sie ihn registrierten.

Augen, von denen eins die verblassenden Anzeichen eines Veilchens trug. Eine Tatsache, die Sam traf wie ein Schlag.

„Sam, ich wusste nicht, dass Sie da sind.“ Lächelnd kam Janet zur Tür. „Das ist Kiera Daniels. Sam Prescott, der Direktor des Four Winds.“

„Mr. Prescott.“ Kiera lächelte steif. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Er nahm die Hand, die sie ihm entgegenstreckte; sie war weich und warm. „Wir sind hier nicht so förmlich, Kiera. Einfach nur Sam.“

„Ich habe Kiera für die Mittagsschicht im Adagio’s eingestellt“, sagte Janet. „Sie ist auf dem Weg nach unten zu Francine.“

„Willkommen im Four Winds.“ Er merkte, dass er noch immer ihre Hand hielt und ließ sie widerstrebend los. „Ich wollte auch in die Richtung und zeige Ihnen gern den Weg.“

„Danke, ich möchte Ihnen keine Mühe machen.“ Kiera schlang sich den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter. „Ich finde mich schon zurecht.“

„Es ist überhaupt keine Mühe.“

Sam sah den Widerstand in ihren Augen und wusste, dass sie sein Angebot gern abgelehnt hätte, es unter den gegebenen Umständen aber nicht konnte. Er hatte sie in die Ecke getrieben, und ihr blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.

Janet mischte sich ein. „Brauchten Sie etwas, Sam?“

Ob er etwas brauchte? Oh ja. Aber nicht von Janet. Er überlegte hastig. „Ich würde gern ein paar Statistiken mitnehmen zu meinem Termin heute Mittag mit der Cattlemen’s Association, damit ich ihnen versichern kann, dass wir genügend Personal haben, um eine Konferenz dieser Größe bewältigen zu können.“

„Kein Problem.“ Janet sah zu Kiera, und ihr Blick wurde weicher. „Wenn Sie irgendwelche Fragen haben oder etwas brauchen, dann zögern Sie bitte nicht, mich anzurufen.“

Sam verzog den Mund. Offensichtlich hatte Janet sich von ihrem Herzen leiten lassen, statt von ihrem Verstand.

Regel Nummer drei: Keine zu tiefen emotionalen Bindungen am Arbeitsplatz.

Daran würde er sich auch halten. Aber im Moment würde er auf Janets Entscheidung vertrauen.

Und Miss Kiera Daniels höchstpersönlich im Auge behalten.

„Ich weiß, wie beschäftigt Sie vermutlich sind“, sagte Kiera höflich, als sie mit ihm zusammen den Flur entlangging. „Ich möchte Ihnen wirklich keine Mühe bereiten.“

„Kein Problem.“ Er drückte den Knopf am Fahrstuhl und steckte die Hände in die Taschen. „Mein Termin für zehn Uhr wurde gerade abgesagt.“

Sie lächelte etwas gequält, bevor sie sich abwandte und am Riemen ihrer Handtasche zupfte. Da Kieras Aufmerksamkeit abgelenkt war, gestattete Sam sich das Vergnügen, ihren Duft einzuatmen und zu genießen.

Und aus Gründen, die absolut nichts mit den Hotelregeln zu tun hatten, wünschte er, Janet hätte Kiera nicht eingestellt.

„Eigentlich …“, er folgte ihr in den Fahrstuhl und traf eine Entscheidung, von der er annahm, dass er sie noch bereuen würde, „… habe ich die nächste Stunde ja sozusagen frei, da könnten wir eine kleine Tour durchs Hotel machen.“

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