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Geheimnis im Schloss der Träume

Linda Goodnight

Geheimnis im Schloss der Träume

1. KAPITEL

Dr. Konstantine trat auf den Flur heraus. Ein Blick in sein Gesicht genügte Fürst Aleksandre d’Gabriel, um zu wissen, dass er eine schlechte Nachricht überbringen würde.

„Es tut mir leid, Eure Hoheit, ich kann nichts mehr machen.“ Der Leibarzt der Familie hatte die Augen auf den Marmorboden gerichtet. „Ihr Sohn wird sterben.“

Aleks hatte das Gefühl, man hätte ihm einen Dolch ins Herz gestoßen. Sein vierjähriger Junge lag unmittelbar hinter dieser dicken alten Schlossmauer und war dem Tod geweiht. Könnte er bloß den Platz mit ihm tauschen!

Er war der Herrscher von Karvanien, ein mächtiger, reicher, kampferprobter Mann. Trotzdem konnte er nur hilflos mit ansehen, wie die Infektion die Leber seines Kleinen zerstörte. Er ballte die Hände zu Fäusten und hätte am liebsten aus Frustration und Verzweiflung gegen die Wand getrommelt.

Tröstend fasste seine Mutter ihn am Arm. „Irgendetwas müssen wir doch noch tun können. Vielleicht sollten wir einen weiteren Arzt zu Rate ziehen?“

Dr. Konstantine blickte auf. „Wir haben bereits alle führenden Hepatologen auf der Welt konsultiert, Eure Hoheit. Einzig eine Transplantation, ein kleines Organstück von der richtigen Person, könnte sein Leben retten. Nichts mehr und nichts weniger.“

Irena d’Gabriel, die achtundfünfzigjährige Fürstinmutter, war noch immer eine hübsche Frau, aber in den letzten Wochen von Prinz Nicos Krankheit sichtbar gealtert. „Bitte entschuldigen Sie, Doktor. Ich wollte Sie und Ihre Fähigkeiten in keiner Weise infrage stellen. Es ist einfach nur …“ Hilflos hob sie eine Hand.

Aleks wusste genau, was sie empfand. Sie liebte den mutterlosen Jungen abgöttisch, den sie vor über vier Jahren aus Amerika hergebracht hatte. Ohne sie hätte er nie von seinem Sohn erfahren.

Das Schicksal und entschlossenes Handeln hatten ihm Nico geschenkt. Er würde sein Kind nicht kampflos aufgeben. „Irgendwo muss sich ein passender Spender finden lassen. Wir werden weitersuchen.“

„Tausende sind schon getestet worden, Eure Hoheit.“

Seine treuen Untertanen hatten sich zuhauf gemeldet, doch sie alle waren nicht geeignet gewesen. Was damit zusammenhing, dass Nico nicht rein karvanischer Abstammung war.

Aleks rang die aufsteigende Übelkeit nieder sowie die Erinnerung an die Amerikanerin, die er nicht vergessen konnte. Alles war seine Schuld. Er trug die Verantwortung dafür, dass in den Adern seines Sohnes auch anderes Blut floss und er überhaupt erkrankt war. Aber Nico wäre ohne Sara Presleys Gene nicht der Junge, der er war.

„Ich hätte einen Vorschlag.“ Dr. Konstantine sah ihn an. „Darf ich offen sprechen?“

Aleks lachte freudlos auf. Der Arzt hatte ihn von klein auf betreut. Er hatte seine Kinderkrankheiten kuriert und seine Verletzungen behandelt. Ihm gehörte sein volles Vertrauen. „Ihre Neigung für offene Worte habe ich bis jetzt nicht unterbinden können. Und wir sind momentan an einem Punkt angelangt, an dem wir verzweifelte Maßnahmen ergreifen müssen. Was möchten Sie sagen?“

„Was ist mit Prinz Nicos leiblicher Mutter?“

„Nein!“, protestierte Irena, und Dr. Konstantine und Aleks blickten sie starr an. Sie war blass geworden und hatte die Hände vor den Mund geschlagen. Ihre schmalen Finger zitterten.

Aleks verstand ihre Reaktion. Er teilte ihre Ablehnung. Doch hatte er nicht gerade selbst an Sara gedacht? „Sie wird nicht einwilligen.“

Bei dem Gedanken an die Frau, die ihn zurückgewiesen und das gemeinsame Kind von sich gestoßen hatte, krampfte sich sein Magen zusammen. Sie hatte weder ihn noch den Sohn geliebt. Damals war ihr der Kleine egal gewesen. Es würde sie jetzt genauso wenig interessieren, ob der Junge lebte oder starb.

„Sie müssen sie kontaktieren, Eure Hoheit. Sie ist Prinz Nicos letzte Hoffnung.“

„Hör mir zu, Aleksandre.“ Die Fürstinmutter hatte die Sprache wiedergefunden. „Diese Amerikanerin hat ein Herz aus Stein. Sie wird sich weigern. Mit ihr in Verbindung zu treten wird nur Probleme schaffen, die wir nicht gebrauchen können. Wir haben schon genug zu tragen. Überleg dir die Konsequenzen. Was sie von dir verlangen könnte. Und von deinem Sohn.“

Ja, seine Mutter hatte recht. Sara hatte ihm bereits einmal übel mitgespielt. Und mit Nico gewissermaßen als Pfand könnte sie versuchen, einen Preis zu fordern, den er nicht bezahlen wollte. Aber hatte er überhaupt eine Wahl?

„Sollte sie eine passende Spenderin sein, wäre sie ein Geschenk des Himmels“, sagte Dr. Konstantine eindringlich.

Wenn sie geeignet ist und wenn sie einwilligt“, antwortete Aleks grimmig. So viele Wenns. Eine Frau, die ihr Neugeborenes im Stich ließ, würde sich wahrscheinlich wegen ihres Kindes keiner Operation unterziehen – es sei denn, der Anreiz war groß genug.

„Ich will sie nicht dahaben, Aleksandre. Sie wird uns verletzen. Sie wird dir wehtun. Und ebenso Nico. Ich ertrage es nicht, dies noch einmal mit ansehen zu müssen.“

Der Fürst hob die Hand. „Stopp! Es ist meine Entscheidung. Ich brauche einen Moment, um nachzudenken.“

Der Arzt und Irena deuteten eine Verbeugung an und hüllten sich in Schweigen. Unter dem warmherzigen und zugleich vorwurfsvollen Blick seiner Mutter bekam er leichte Gewissensbisse.

Ohne sie hätte Karvanien keinen Thronerben und er keinen Sohn. Niemand außer ihm selbst verstand Saras Verrat besser als seine Mutter. Sie versuchte nur wie immer, ihre beiden liebsten Menschen zu beschützen.

Aleks schloss die Augen, um zur Ruhe zu kommen. In vielen Kampfsituationen hatte er gelernt, seine Umgebung auszublenden und sich an einen friedlichen Ort in sich selbst zurückzuziehen, wo die Klugheit zu Hause war. Und auch jetzt gelang es ihm, seine Angst vor einem Wiedersehen mit Sara zu ignorieren und sich auf die Rettung seines Jungen zu konzentrieren.

Angestrengt hörte er in sich hinein und stellte sich vor, am Strand unterhalb des Schlosses entlangzugehen. Sooft seine Zeit es ihm erlaubte, schlenderte er am Meer entlang, das ihm Trost vermittelte.

Eines Tages würde er seinen Sohn das Segeln, Fischen und Motorbootfahren lehren. Er würde ihm erzählen, wie Generationen von Karvaniern das Meer als Verteidigungslinie, Handelsstraße und Nahrungsquelle genutzt hatten.

Aber zuerst musste Nico überleben, wozu er eine Organspende benötigte. Diese konnte nur von seiner leiblichen Mutter stammen. Tief atmete Aleks ein und öffnete die Augen. Ihm war nun klar, was er zu tun hatte.

„Mutter, du hast recht damit, dass Sara Presley nicht bereitwillig herkommen wird. Ich stimme auch mit Ihnen überein, Doktor, dass sie unsere einzige Hoffnung ist. Sie muss herkommen. Und sie wird herkommen.“

„Du kannst sie nicht dazu zwingen. Sie befindet sich nicht auf karvanischem Grund und Boden.“

„Noch nicht.“

„Aleksandre, was hast du vor?“

„Sie wird sich nicht meinetwegen und noch nicht einmal um ihres Sohnes willen nach Karvanien bemühen. Doch wird sie herfliegen, wenn der Anreiz groß genug ist.“

„Wofür du sorgen wirst?“

„Ich weiß genau, was für sie am meisten zählt.“

Und als Soldat, der seine Truppen schon in den Kampf geführt hatte, wusste er ebenfalls, wie wichtig es war, eine Strategie zu haben und den Feind zu kennen. Also schmiedete er einen Schlachtplan.

„Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es das vermutlich auch nicht“, sagte Sara Presley lachend, während sie eine Kiste mit Romanen auspackte.

„Aber was, wenn der Preis doch echt ist?“ Penny Carter, ihre Freundin und Miteigentümerin des Buchladens „The Book Shelf“, wedelte zum x-ten Mal in den letzten zwei Tagen mit dem Brief herum. „Wenn du tatsächlich die fantastische Reise in ein europäisches Wellnesshotel gewonnen hast, das sogar ein Schloss ist?“

Sara winkte verächtlich ab. „Dann hätte ich zunächst einmal irgendwo mitmachen müssen, oder?“

„Ja, das stimmt wohl. Vielleicht will uns einer unserer Lieferanten für unseren hervorragenden Umsatz belohnen?“

„In dem Fall müsste die Reise für uns beide sein.“ Sara roch an dem neuen Buch. „Ich liebe diesen Duft.“ Hoffentlich konnte sie die Freundin endlich von dem Thema abbringen. Der Preis war entweder ein Scherz, oder man würde von ihr Tausende Dollar verlangen oder die Kreditkartennummer, wenn sie sich dort meldete. Nein, so dumm war sie nicht.

„Was ist mit dem Gewinnspiel, an dem du auf der Messe vor einem Monat teilgenommen hast?“

Gedankenverloren betrachtete Sara die Buchhülle, die ein sexy lächelnder Cowboy zierte. Das Bild sprach sie nicht im Mindesten an. Kein noch so attraktiver Mann hatte es in den letzten fünf Jahren geschafft, ihren Schutzwall zu durchbrechen. Sie hatte sich einmal gründlich die Finger verbrannt, und das reichte.

„Ja, das wäre möglich.“

Penny ließ einen Schrei los und deutete auf den Briefkopf. „Ruf sofort diese Nummer an, sonst sterbe ich noch vor Neugier. Wellnesshotel ‚Castle-by-the-Sea‘. Wenn das nicht romantisch klingt.“

„Und wenn schon. Die einzigen Romanzen, die ich erleben werde, stehen in den Büchern, die wir verkaufen. Der Brief ist reine Bauernfängerei. Es kann nicht anders sein. Das Glück hat mich vor einer Ewigkeit verlassen.“ Schnell wandte sie sich den Regalen zu.

Penny stellte sich neben sie und stemmte die Arme in die Hüften. „Hör mir zu, Sara. Du hast jetzt jahrelang mit der Vergangenheit zugebracht. Ständig hast du das Internet durchforscht, um herauszufinden, wer dein Baby adoptiert hat. Und du hast die ganze Zeit versucht, über den Mistkerl hinwegzukommen, der dich im Stich gelassen hat.“

Tränen stiegen in Sara auf. Ihr Magen krampfte sich wie immer zusammen, wenn sie an ihren kleinen Sohn dachte, den sie verloren hatte. Und sie musste so häufig an ihn denken. „Bitte nicht, Penny.“

Die Freundin drehte sie zu sich und blickte sie mitfühlend an. „Sara, ich will dir nicht wehtun. Du bist für mich wie eine geliebte Schwester. Aber ich habe zu lange mit angesehen, wie du dich quälst und fertigmachst. Du bist jetzt siebenundzwanzig und musst endlich wieder zu leben anfangen und nach vorne schauen.“

„Das kann ich nicht.“ Sara schniefte. „Mein Junge ist irgendwo da draußen. Ist er glücklich und gesund? Liebt ihn seine Adoptivmutter so, wie ich ihn liebe?“ Wie oft hatten sie beide schon darüber geredet. Auch war ihr klar, dass die Freundin recht hatte. Sie war damals eine mittellose Studentin gewesen, die bloß ihr Stipendium gehabt hatte und keine Familie, die ihr hätte beistehen können. Also hatte sie notgedrungen beschlossen, die Zukunft ihres Kindes zu sichern, indem sie es zur Adoption freigab. „Mich lässt der Gedanke nicht los, dass es schon irgendwie gelaufen wäre, wenn ich das Baby behalten hätte.“

„Wenn der Mistkerl Aleks dageblieben und der Mann gewesen wäre, den du in ihm sahst, dann hätte es funktioniert. Doch es war anders. So ist das Leben. Es spielt dir zuweilen sehr übel mit, aber es geht weiter. Und gerade will es dir offenbar etwas Gutes tun.“ Penny hielt ihr den Brief entgegen. „Ergreif die Chance, Sara. Gestatte dir, einmal glücklich zu sein.“

Zögerlich nahm Sara das Schreiben. Die Beharrlichkeit der Freundin machte sie langsam mürbe. Sie brauchte eine Veränderung. Vielleicht war eine Abwechslung nicht schlecht. Sie musste endlich ihre Gewissensbisse, das Verlustgefühl und die Niedergeschlagenheit überwinden.

„So gern ich es möchte, glaube ich eigentlich nicht, dass es sich um einen echten Preis handelt. Ich bin kein Mensch, der tolle Reisen nach Europa gewinnt.“

„Ich erlaube mir, anderer Meinung zu sein“, sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen, und sie drehten sich um. „Wenn Sie Sara Presley sind, haben Sie tatsächlich den Hauptpreis gewonnen.“

Von ihnen unbemerkt, hatte ein großer, imposanter Mann mit leicht ergrauten Schläfen das Geschäft betreten. Er trug einen eleganten Anzug und wirkte wie einer der gewieften Anwälte, die man aus dem Fernsehen kannte.

„Wer sind Sie?“, fragte Sara. „Woher wissen Sie von dem Preis?“

„Ich bin der Bevollmächtigte der Jury, die die Gewinner ermittelt hat. Da Sie bis jetzt noch keinen Anspruch auf Ihren Preis erhoben haben, bat mich der Eigentümer des Wellnesshotels, bei Ihnen vorbeizuschauen. Er war der Ansicht, man sollte Ihnen einen offiziellen Besuch abstatten, um Ihnen zu versichern, dass alles seine Richtigkeit habe.“

„Sie machen keine Scherze?“ Sie deutete auf den Brief. „Er enthält keine leeren Versprechungen?“

„Nein.“ Der Mann kam näher und reichte ihr einen braunen Umschlag. „Darin finden Sie eine Hotelbroschüre, ein Hin- und Rückflugticket und Bargeld.“

„Bargeld? Flugticket?“, stieß Sara mit piepsiger Stimme hervor und nahm mit bebenden Händen die Sachen heraus.

Penny blickte ihr über die Schulter. „Das wirkt alles total echt.“

„Ich fasse es nicht.“ Sara blätterte kurz durch die Broschüre. Sie sah Bilder von Frauen bei einer Massage oder Gesichtspackung. Auch zeigten Fotos herrliche Zimmer in einem alten Schloss, das auf einer Anhöhe unmittelbar über dem Meer thronte. „Ich fliege erster Klasse?“ Verblüfft betrachtete sie das Ticket.

„Es ist eine Reise, die ihresgleichen sucht. Eine solche Gelegenheit bekommt man nur einmal im Leben. Glauben Sie es nun?“

„So nach und nach.“

„Wunderbar. Ich werde den Eigentümer vom ‚Castle-by-the-Sea‘ also informieren, dass er Sie am Donnerstag erwarten darf“, erklärte der Fremde und wandte sich zum Gehen.

„Am Donnerstag? Diesen Donnerstag? Das ist bereits in zwei Tagen.“

Er drehte sich noch einmal um. „Ja, Miss Presley. Ist das ein Problem?“

Penny stieß sie an. „Nein, ist es nicht. Sie wird da sein.“

Sara wusste noch immer nicht so recht, wie ihr geschah. Nach der Ankunft in London war sie zu einem Privatjet geleitet worden, der sie zum „Castle-by-the-Sea“ geflogen hatte. Auf dem Rollfeld hatte eine Limousine gestanden, in der sie die kurze Strecke bis zu dem alten Schloss gefahren worden war, das mit seinen Kuppeln und Türmen ein wahrer Prachtbau war, in dem zweifellos einst ein europäischer Herrscher residiert hatte.

Und jetzt dürfte es ein Hotel für die Reichen und Berühmten sein, dachte sie, während sie jetzt auf das Portal zuging. Dort standen mehrere Angestellte in roten Uniformen, um sie in Empfang zu nehmen.

Bestimmt träumte sie! Sara kniff sich in den Arm. Nein, sie war hellwach. Dann liegt sicher doch ein Irrtum vor, überlegte sie, und ich werde noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder weggeschickt.

Aber auch das passierte nicht. Nachdem man sie zu einer Suite in einem Seitenflügel geführt hatte, wurde sie den restlichen Nachmittag verwöhnt. Herrlich entspannt von den Massagen und wohlig gesättigt von den köstlichen Speisen, schlief sie am Abend rundum zufrieden in dem Himmelbett ein.

„Miss Presley, Miss Presley.“

Wie aus weiter Ferne drang die sanfte weibliche Stimme an ihr Ohr. „Ich heiße Sara. Einfach nur Sara“, sagte sie noch schlaftrunken und zog die Daunendecke höher. Sie befand sich gerade in einem wunderschönen Traum.

„Okay, Miss Einfach-nur-Sara. Wie mir scheint, haben Sie eine gute Nacht verbracht.“

Ruckartig setzte sie sich auf und ließ den Blick durch das luxuriös eingerichtete Zimmer schweifen. Dann sah sie die junge Frau an und erkannte ihre persönliche Betreuerin Antonia. „Ich habe nicht geträumt. Es ist alles Wirklichkeit.“

„Ja, Miss, das ist es. Was möchten Sie zum Frühstück?“

„Kaffee ohne Milch und Zucker, bitte.“

„Bloß einen Kaffee?“ Die mollige Angestellte nahm eine Tasse von einem üppig beladenen Tablett. „Das ist nicht gerade ein gesunder Beginn eines geschäftigen Tages.“

„Was steht denn für heute auf dem Programm?“

Antonia reichte ihr die Tasse. „Eine ganz besondere Ehre. Der … Eigentümer vom ‚Castle-by-the-Sea‘ möchte Sie willkommen heißen.“

„Dies habe ich gehofft. Ich möchte mich sehr bei ihm bedanken“, erwiderte Sara, und die junge Frau betrachtete sie einen Moment nachdenklich, bevor sie sich abwandte.

Eine Stunde später stand Sara in einem Schlosstrakt, in dem offenbar die Hotelverwaltung lag, vor einer kunstvoll verzierten Flügeltür. Nach wenigen Augenblicken wurde sie von einem Bediensteten in roter Uniform von innen geöffnet.

„Miss Presley, Fürst Aleksandre wird Sie jetzt empfangen.“

Sara setzte sich in Bewegung und verhielt dann plötzlich den Schritt. „Fürst? Ein richtiger Fürst?“

Der Mann nickte bedächtig. „Ja, natürlich.“ Er bedeutete ihr, weiterzugehen. „Bitte, Seine Hoheit erwartet Sie.“

Seine Hoheit? Menschenskind, sie war in einem echten Schloss mit einem echten Fürsten! Wie Penny das wohl finden würde? Mit weichen Knien betrat sie ein riesiges, hochherrschaftliches Büro und gewann einen ersten Eindruck von ihrem Wohltäter.

Der dunkelhaarige Mann wandte ihr den Rücken zu, auf dem er die Hände verschränkt hatte, und schaute aus dem Fenster. Er war groß und schlank, hatte breite Schultern und schien kaum älter als sie zu sein. In dem perfekt sitzenden Anzug machte er eine glänzende Figur, die ihr seltsamerweise irgendwie vertraut vorkam.

„Eure Hoheit“, sagte der Bedienstete, nachdem er sich geräuspert hatte. „Erlauben Sie mir, Ihnen Miss Sara Presley vorzustellen. Miss Presley, Seine Hoheit Fürst Aleksandre d’Gabriel.“

Bei dem Namen begann in ihr, die Alarmglocke zu schrillen, während der Fürst sich umdrehte und sie ausdruckslos anblickte.

„So sehen wir uns also wieder, Sara.“

2. KAPITEL

„Aleks!“

Er beobachtete, wie Sara blass wurde und sich an die Brust fasste. Gänzlich unerwartet, spürte er plötzlich den beunruhigenden Drang, zu ihr zu gehen, sie zu umarmen und ihr Sicherheit zu vermitteln.

Sogleich rief er sich ihr schändliches Verhalten ins Gedächtnis zurück und blieb steif hinter dem Schreibtisch stehen. Einst hatte er sie so geliebt, dass er ihretwegen alles aufgegeben hätte. Aber diese Liebe war seit Langem in Hass umgeschlagen. Sara war nur aus einem einzigen Grund hier. Wegen Nico.

„Du bist erstaunt, mich zu sehen.“ Natürlich war sie das, und er wusste ebenfalls, dass ein Überraschungsangriff zumeist bestens funktionierte.

„Aleks“, wiederholte sie und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

Er wappnete sich innerlich. Schimmerte da Hoffnung in ihren meergrünen Augen? Er trat einen Schritt zurück und blickte sie streng an. Im nächsten Moment blieb sie stehen und ließ den Arm sinken. Sie wirkte verloren, und er musste sich erneut gegen den Impuls wehren, zu ihr zu gehen.

Sara war noch genauso schön wie damals, hatte sich jedoch trotzdem verändert. Früher war sie froh und heiter gewesen, jetzt schien sie etwas melancholisch und traurig. Hatte sie vielleicht Schuldgefühle und bereute ihr Tun? Oder war das Leben nicht gut zu ihr gewesen?

Eigentlich hatte er gemeint, die Gefechte, sein Beinahetod und der langjährige Hass hätten ihn für diese Begegnung hart genug gemacht. Aber er erkannte zweifelsfrei, dass er jeden Körperkontakt mit ihr meiden sollte. Zumindest zurzeit, da er seine inneren Regungen nicht ganz im Griff hatte.

„Willkommen im ‚Castle-by-the-Sea‘. Ich hoffe, dass deine Unterkunft zufriedenstellend ist“, meinte er, und sie sah ihn verwirrt an. Ja, er hatte sie, wie beabsichtigt, total überrascht.

„Du bist ein Fürst?“

„Ja. Ich bin inzwischen der Herrscher von Karvanien.“

Es war zwingend nötig, dass sie verstand, welche Position und Macht er besaß, und den verliebten Mann vergaß, der er als Fünfundzwanzigjähriger gewesen war. Er musste Herr der Situation sein, was schwieriger war, als er gedacht hatte.

„Dann warst du damals ein Prinz?“ Kurz fasste sie sich an die Stirn. „Warum hast du mir nichts erzählt?“

Angesichts ihres Verhaltens war er froh darüber. „Hätte es einen Unterschied gemacht?“

„Natürlich nicht, doch …“

Nein, er glaubte ihr nicht. „Mein Land hat Feinde. Um meine Freunde und mich zu schützen, habe ich die Uni lieber ohne jedes Aufheben besucht. Allerdings hatte ich stets Bodyguards in meiner Nähe.“

„So?“

Sie war ehrlich erstaunt über seine adelige Abstammung. Hätte sie davon gewusst, hätte sie ihn und seinen Sohn dann nicht so leicht verraten? Oder hätte sie die Information zu ihrem Vorteil genutzt?

„Erinnerst du dich an Carlo und Stephan?“

„Ich dachte, sie wären ebenfalls Studenten und Freunde aus deinem Land.“

„Was sie auch waren.“ Obwohl der Standesunterschied für eine gewisse Distanz gesorgt hatte, waren sie trotzdem Freunde gewesen. Und Carlo hatte den höchsten Preis für seine Treue gezahlt.

Sara schüttelte den Kopf, sodass ihre rotbraunen Locken tanzten. „Ich verstehe das alles nicht.“ Sie benetzte die Lippen, und Aleks wandte den Blick ab. Ihr Mund war offenbar genauso trocken geworden wie seiner, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. „Was soll das Ganze? Wieso bin ich hier?“

„Du bist die Gewinnerin unsres Hauptpreises.“

„Das glaubst du doch selbst nicht. Es geht um etwas anderes.“

Er war noch nicht bereit, die Karten aufzudecken. „Setz dich bitte. Du scheinst … beunruhigt.“

„Beunruhigt? Ich war in meinem Leben noch nie so verwirrt. Du bist vor fünf Jahren verschwunden, und jetzt werde ich plötzlich aus meinem Buchladen in ein Schloss gelockt. In dein Schloss. Und ich habe noch nicht einmal geahnt, dass du in einem wohnst. Nach all der Zeit habe ich nicht erwartet, dich je wiederzusehen.“

Was du auch ohne Nico nicht getan hättest. Fast hätte Aleks es laut gesagt, aber er wusste, dass er besonnen sein musste. Die Zukunft seines Sohnes hing von dieser Frau ab. Er musste Vorsicht walten lassen. Bislang funktionierte sein Schlachtplan ausgezeichnet. Er durfte nicht leichtfertig werden wie ein junger Soldat und alles verderben.

Gehorsam setzte Sara sich in den Sessel, zu dem er gedeutet hatte, und legte die Arme auf die Seitenlehnen. Aleks bemerkte, dass ihre Hände bebten und sich wieder diese Verletzlichkeit in ihrem Gesicht spiegelte. Sie war nervös und unsicher und hatte vermutlich Angst. Außerdem war sie ärgerlich. Wozu sie jedoch nach allem, was geschehen war, kein Recht hatte.

Ja, er konnte ihre Gefühlsregungen noch immer erkennen. Was kein Wunder war, denn die Erinnerungen an Sara hatten ihn lange genug gequält. Schnell verhärtete er sein Herz. Er würde jede Schwäche, die sie zeigte, zu seinem Vorteil nutzen.

„Falls du denkst, ich hätte dich hergebracht, weil ich es nicht länger ertrage, ohne dich zu sein, irrst du dich gewaltig.“

Sara errötete. „Welch ein Glück nach allem, was du gemacht hast.“

Nach allem, was er gemacht hatte? „Die kleine Unwahrheit hinsichtlich meiner Herkunft ist etwas völlig anderes als reiner Verrat. Insbesondere, da die harmlose Lüge darauf abzielte, alle Beteiligten zu schützen.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

„Das hast du sehr wohl.“

Herausfordernd sah sie ihn an. „Nein. Ich weiß lediglich, dass dein Vater krank wurde und du nach Hause zurückkehren musstest. Du hast versprochen, dich zu melden, aber ich habe nichts mehr von dir gehört.“

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