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Geheimnis einer Wüstennacht

1. KAPITEL

„Ihre Einsätze bitte, Mesdames et Messieurs.“

Scheich Tahir Al’Ramiz schaute ausdruckslos in die Runde am Spieltisch, während die Umstehenden ihm atemlose Aufmerksamkeit zollten, begierig, seine nächste Aktion zu sehen. Sein Blick blieb an dem Stapel von Jetons hängen, die er innerhalb der letzten Stunde gewonnen hatte.

Ein Kellner bot ihm eine frische Flasche eisgekühlten Champagners an. Tahir nickte und wandte sich der Frau zu, die wie hingegossen neben ihm saß. Blond, attraktiv und willig. Jeder der anwesenden Gäste hatte sich ihr zugewandt, als sie das traditionsreiche, opulent ausgestattete Casino von Monte Carlo betrat.

Sobald sie sich bewegte, funkelte das Vermögen an Diamanten, das sie in Form eines ausgefallenen Halsschmucks trug, im Schein der antiken Kristalllüster mit ihren bemerkenswerten Augen um die Wette. Und ihr extravagantes silbernes Abendkleid war ein Musterbeispiel dafür, was außerordentlicher Reichtum und ein Weltklasse-Designer zusammen bewerkstelligen konnten.

Ihr Lächeln war das gleiche, das ihm alle Frauen zukommen ließen, seit Tahir erwachsen war – sinnlich, intim und voller Versprechen.

Er schenkte ihr ein Glas Champagner ein, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verspürte das gleiche Gefühl wie bereits den ganzen Abend über.

Gähnende Langeweile.

Beim letzten Mal hatte es zwei Tage gedauert, bis er seines Aufenthaltes in Monte Carlo müde wurde. Diesmal war er gerade erst angekommen.

„Letzte Chance für Ihre Einsätze, Mesdames et Messieurs.“

Tahir unterdrückte einen tiefen Seufzer und suchte den Blick des Croupiers. „Quatorze …“, murmelte er träge.

Der Croupier nickte und platzierte seine Jetons. Nach einem kollektiven Atemholen beeilten sich die Spieler auf der anderen Tischseite, seinem Beispiel zu folgen, und in der letzten Sekunde ihre Einsätze zu machen.

„Vierzehn?“, staunte die Blondine mit aufgerissenen Augen. „Du setzt alles auf eine Zahl?“

Tahir hob achtlos die Schultern und griff nach seinem Glas. Gleichmütig beobachtete er, wie das leichte Zittern seiner Hand den Champagner zum Moussieren brachte.

Wie lange hatte er nicht geschlafen? Seit zwei Tagen? Oder drei? Er war zuerst in New York gewesen, wo er endlich diesen Mediendeal abschloss und zur anschließenden Party blieb, dann in Tunesien zum Cross-Over-Rennen, es folgten geschäftliche Meetings in Oslo und Moskau und schließlich die Kreuzfahrt nach Monaco …

Konnte es sein, dass sich sein exzessiver Lebensstil langsam an ihm rächte?

Tahir überlegte flüchtig, ob es sich lohne, ernsthaft darüber nachzudenken oder besorgt zu sein, doch dafür fehlte ihm die Energie.

Mit einer geschickten Drehung seiner Hand brachte der Croupier das Rad und die Roulettekugel zum Rotieren. Tahir spürte den Druck von schmalen Fingern durch den feinen Wollstoff auf seinem Schenkel. Die Atemfrequenz seiner Begleiterin steigerte sich von Sekunde zu Sekunde, und ihre Hand bewegte sich in Richtung seiner Hüfte.

Fühlte sie sich vielleicht durch den Nervenkitzel des Spielens sexuell erregt? Fast beneidete er sie darum. Selbst wenn sie sich hier und jetzt nackt auszöge und über ihn herfiele, würde er nichts empfinden. Sie schenkte ihm ein weiteres schwüles Lächeln, eine unmissverständliche Einladung, und lehnte sich so weit herüber, dass ihre Brüste sich gegen seinen Arm pressten.

Er sollte sich wenigstens an ihren Namen erinnern. Elsa? Erica? Es fiel ihm nicht ein … weil es ihm nicht wichtig genug war, oder ließ sein Gedächtnis vielleicht nach?

Tahirs Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln. Unglücklicherweise funktionierte sein Gedächtnis wie ein Präzisionsuhrwerk. Und es gab Dinge, die würde er nie vergessen.

Egal, wie sehr er es versuchte!

Das war’s … die Blondine hieß Elisabeth. Elisabeth Karolin Roswitha, Gräfin von Markburg …

Applaus brandete um ihn herum auf und riss ihn aus seinen Gedanken. Weiche Lippen streiften erst seine Wange, dann seinen Mund.

„Du hast schon wieder gewonnen, Tahir!“ Ihre Augen funkelten aufgeregt. „Es ist einfach fantastisch!“

Tahir verzog den Mund pflichtschuldigst zu einem Lächeln und hob sein Glas. Er beneidete sie wirklich. Wie lange war es her, dass er sich für etwas derart hatte begeistern können?

Spielbanken reizten ihn nicht mehr, wie er gerade feststellen musste. Dicke Geschäfte abzuschließen? Manchmal. Extremsportarten? Wenn er dabei tatsächlich seinen Hals riskierte, schon. Sex?

Tahir schaute auf und sah, dass ein zweiter weiblicher Gast hinzugekommen war. Eine dunkelhaarige Verführerin mit rubinroten Ohrringen, die bis auf die nackten Schultern reichten. Für das Kleid, das sie trug, wäre sie in einigen Ländern auf der Stelle verhaftet worden.

Und er fühlte nichts …

Sie blieb direkt neben ihm stehen und beugte sich so weit herab, dass sie ihm einen ungehinderten Einblick zwischen ihren prallen Brüsten hindurch bis zum Nabel gewährte.

„Tahir, Darling! Es muss eine Ewigkeit her sein!“

Ihre kirschroten Lippen teilten sich, und mit der rosigen Zungenspitze fuhr sie die Konturen seiner Lippen nach. Aber er war einfach nicht in Stimmung.

Plötzlich fühlte er sich entsetzlich ausgelaugt. Nicht physisch. Es war diese heimtückische graue Belanglosigkeit, die schon seit Langem wie eine erstickende Decke über seiner Seele lag. Tahir war seines Lebens müde …

Abrupt zog er sich von dem aufdringlichen Vamp zurück. Es war erst wenige Monate her, dass er in Buenos Aires eine Nacht mit ihr verbracht hatte, doch ihm erschien es wie in einem anderen Leben.

„Elisabeth …“, wandte er sich an die Blondine neben ihm. „Darf ich dir Natasha Leung vorstellen? Natasha, das ist Elisabeth von Markburg.“ Er gab dem Kellner ein Zeichen, der sofort eine zweite Champagnerflöte hervorzauberte.

„Ah, meine Lieblingsmarke …“, schnurrte Natasha, nachdem sie an der goldenen Flüssigkeit genippt hatte und rückte noch näher an ihn heran. „Danke, Darling.“

Über ihre nackte Schulter hinweg fing Tahir den ausdruckslosen Blick des Croupiers ein.

„Ihren Einsatz, s’il vous plait.“

„Quatorze“, murmelte Tahir.

„Quatorze?“ Der erstaunte Ausdruck in den dunklen Augen des Croupiers strafte seine professionell gelassene Haltung Lügen. „Oui, Monsieur.“

„Noch mal die Vierzehn?“, entsetzte sich Elisabeth mit schriller Stimme. „Du wirst alles verlieren! Die Chance, dass dieselbe Zahl zweimal hintereinander kommt, ist gleich null!“

Tahir zuckte gelangweilt die Achseln und als er den diskreten Klingelton seines Handys hörte, zog er es aus der Tasche. „Dann verliere ich eben.“

Der schockierte Ausdruck auf dem geschminkten Gesicht seiner Begleiterin hätte ihn fast zum Lachen gereizt. Für manche Menschen war das Leben so verdammt einfach.

Er schaute aufs Handydisplay und runzelte die Stirn. Nur sein Anwalt und die vertrauenswürdigsten Broker kannten seine Nummer. Von denen war es niemand.

„Hallo?“

„Tahir?“ Selbst nach der langen Zeit war diese Stimme nicht zu verkennen. Abrupt sprang Tahir von seinem Platz auf.

„Kareef …“

Nur eine außerordentliche Situation würde seinen ältesten Bruder dazu veranlassen, ihn nach so langer Zeit anzurufen. Tahir trat vom Tisch zurück und bedeutete den beiden Frauen mit einer ungeduldigen Geste, ihm nicht zu folgen. Die Menschenmenge um ihn herum teilte sich von allein, wie überall, wo er auftrat. Mit gefurchter Stirn durchquerte er den Spielsalon und zog sich in eine ruhige Ecke zurück, um Privatsphäre zum Telefonieren zu haben.

„Was für eine unerwartete Überraschung …“, murmelte er träge. „Welchem Umstand verdanke ich dieses Vergnügen?“

Stille am anderen Ende der Leitung. So ausdauernd, dass sich Tahirs Nackenhaare vor Unbehagen aufstellten.

„Ich möchte, dass du nach Hause kommst.“ Kareefs Stimme war so ruhig und beherrscht wie immer, als er endlich sprach. Doch was er sagte … nie hätte Tahir geglaubt, es jemals zu hören.

„Ich habe kein Zuhause mehr, schon vergessen?“, gab er sarkastisch zurück und spürte gleichzeitig, wie unfair es von ihm war, seine Bitterkeit an Kareef auszulassen. Sein Bruder war auf keinen Fall für die Schrecken seiner Vergangenheit verantwortlich zu machen. Besser, er hielt ganz den Mund.

„Jetzt hast du eines, Tahir.“

Etwas in Kareefs Stimme brachte seine Nackenhaare erneut dazu, sich zu sträuben. „Ich glaube kaum, dass du damit im Sinne unseres verehrten Vaters sprichst.“

„Unser Vater ist tot.“

Die unerwartete Nachricht schlug wie ein Blitz in Tahirs Hirn ein. Der brutale Despot, der seine Familie gequält und geknechtet hatte, war also für immer von ihnen gegangen. Dieser miese Tyrann, der seine Frau mit Huren und Dauergeliebten hinterging, seine Brut, wie er es nannte, mit Drohungen und drakonischen Strafen regierte und Tahir das Leben zur Hölle gemacht hatte – bis er alt genug war, um sich gegen seinen Vater zu wehren.

Und als er etwas tat, worauf der alte Scheich wahrscheinlich selbst aus gewesen war, schickte er seinen jüngsten Sohn ins Exil.

Tahir hatte es nie fertig gebracht, seinen Vater zufriedenzustellen oder ihm auch nur zu genügen, egal, wie verbissen er sich anstrengte. Seine gesamte Kindheit über marterte ihn die Frage, womit er den unversöhnlichen Hass seines Erzeugers verdiente. Inzwischen hatte er es längst aufgegeben, sich darüber noch Gedanken zu machen.

Langsam wandte er sich um und betrachtete den opulent ausgestatteten Spielsalon, mitsamt seinen vergnügungssuchenden Nachtschwärmern. Doch er sah nicht die elegante Gesellschaft exquisit gekleideter und gut aufgelegter Kosmopoliten, sondern Yazan Al’Ramiz‘ blutunterlaufene Augen, die geballten Fäuste und Speichelbläschen in dem struppigen Schnurrbart, wenn er sich einem seiner Tobsuchtsanfälle ergab.

Wahrscheinlich sollte er irgendetwas fühlen, doch die Nachricht vom Tod seines Vaters ließ Tahir völlig kalt. Wäre es nicht angebracht, wenigstens einige Fragen zu stellen? Wann war er gestorben? Woran?

„Dessen ungeachtet verspüre ich keinerlei Verlangen, je nach Qusay zurückzukehren“, informierte er seinen Bruder kühl, und lockte ihn damit unbeabsichtigt aus der Reserve.

„Verdammt, Tahir! Hör wenigstens für einen Moment auf, mir den arroganten, gefühllosen Bastard vorzuspielen! Du wirst hier gebraucht. Es sind Dinge geschehen … ach, verflixt … ich wünsche mir, dass du herkommst.“

Tahir verspürte ein seltsames, unbekanntes Gefühl im Magen. „Wie kann ich dir helfen?“, fragte er rau. Kareef war immer sein Lieblingsbruder gewesen. Das einzige Familienmitglied, zu dem er als kleiner Junge aufgeschaut hatte. „Was ist dein Problem?“

„Eigentlich ist es kein Problem …“ Kareefs Stimme klang angespannt. „Aber unser Cousin hat auf den Thron verzichtet, als er herausfand, dass er gar nicht Xavier ist, sondern der verschollen geglaubte Scheich Zafir Al’Farisi von Calista. Statt seiner werde ich König von Qusay, und ich möchte dich bei meiner Krönung dabeihaben.“

Langsam und völlig in sich versunken, ging Tahir zurück in Richtung des Roulettetisches. Kareefs Neuigkeiten waren kaum fassbar und nur schwer zu glauben. Ihr Cousin, mit dem sie als Kinder gespielt hatten, war nicht der Sohn des alten Königspaares gewesen, sondern ein fremdes Kind, das sie aus unbewältigter Trauer um Xavian an seine Stelle gesetzt hatten.

Hätte ihm jemand anderer als Kareef diese haarsträubende Geschichte erzählt, er hätte ihn einen Lügner genannt. Aber sein Bruder war absolut aufrichtig und verantwortungsvoll. Er würde einen perfekten König abgeben. Beide älteren Brüder!

Glücklicherweise lebte ihr Vater nicht mehr, sonst hätte er Anspruch auf den Thron gehabt! Eine Herzattacke, wie Kareef ihm unaufgefordert informiert hatte. Kein Wunder, dachte Tahir zynisch, der alte Scheich hatte sein ausschweifendes Leben geliebt und auf kein Laster verzichtet.

Am Tisch wurde er von seinem fast vollen Glas Champagner und zwei Frauen erwartet, deren heiße Blicke ihm vermittelten, dass er heute Nacht von ihnen haben konnte, was immer er begehrte. Verächtlich schürzte er die Lippen. War er seinem alten Herrn vielleicht ähnlicher, als er es bisher gedacht hatte?

„Tahir!“ Elisabeth klatschte aufgeregt in die Hände. „Du wirst es nicht glauben, aber du hast schon wieder gewonnen!“

Das Gemurmel in der Menge um ihn herum erstarb. Jedes Augenpaar war erwartungsvoll auf Tahir gerichtet, als sei er ein Magier oder Zauberer. Vor ihm stapelte sich sein Gewinn. Der bis dato gelassene Croupier wirkte ziemlich blass und erschüttert.

„Für die Angestellten.“ Tahir warf ihm einige der höchsten Jetons hin und entzog sich den gierigen Frauenhänden, die ihn zum Sitzen nötigen wollten.

„Merci, Monsieur.“ Wie durch Zauberhand kehrte die Farbe ins fahle Gesicht des Croupiers zurück.

Tahir griff nach seinem Glas, nahm einen großen Schluck und ließ das prickelnde Getränk genüsslich durch seine Kehle rinnen. In dieser Sekunde fühlte er sich fast glücklich. Endlich hatte das Schicksal mal etwas richtig gemacht! Kareef würde der beste König, den das Land je gesehen hatte.

Er stellte das Glas auf den Tisch zurück und nickte den beiden Frauen zu, die ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrten. „Bon Nuit … es tut mir leid, euch verlassen zu müssen, aber wichtige Geschäfte …“ Er zuckte gelangweilt die Schultern und wandte sich ab.

„Warte!“, rief Elisabeth ihm nach. „Du hast deinen Gewinn vergessen!“

Tahir schaute über die Schulter zurück und begegnete gleich mehreren Dutzend Augenpaaren. „Teilt ihn unter euch auf …“

Der Türsteher vollführte eine tiefe Verbeugung, als Tahir an ihm vorbei in die nächtliche Schwüle trat. In diesem Moment kam von der Seeseite eine erfrischende Brise auf. Tahir atmete ein paarmal tief durch, um seinen Mund spielte ein leichtes Lächeln.

Er war auf dem Weg zu einer Krönung …

Tahir flog tief über die Dünen der endlos scheinenden Wüste hinweg. Mit sich allein in seinem Privat-Helikopter gab er sich dem berauschenden Freiheitsgefühl hin, das ihm diese karge und dennoch so majestätische Landschaft vermittelte.

Sein unruhiges Blut floss kühl und gleichmäßig durch die Adern. Er spürte weder Müdigkeit, noch Langeweile. Hier gab es keine Speichellecker, die sich an seine geschäftlichen Erfolge anhängen wollten, keine Vamps mit lockenden Blicken und gierigen Händen. Nicht einmal Paparazzi, die darauf aus waren, über seine nächste Affäre zu berichten.

Lag es wirklich nur an der eigentümlichen Schönheit der Wüste, dass sich seine Lebensgeister so unerwartet gehoben hatten? Er fühlte sich frei wie schon lange nicht mehr. Nicht einmal der Gedanke an Qusay belastete ihn in diesem Moment.

Nicht seine Familie. Nicht seine Vergangenheit.

Wüsten hatte er in den letzten Jahren wahrlich genug gesehen. Er kannte sie alle – von Nordafrika bis Australien und Südamerika. Autorennen, Paragliding, Bungee-Jumping. Immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick, nach einer neuen Gelegenheit, sein Leben zu riskieren.

Die seltsame Stimmung, in der er sich befand, hielt an. Irgendwann musste Tahir sich eingestehen, es lag an diesem Land, das er gerade überflog und das bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr seine Heimat gewesen war. Der Platz, den er nie wieder hatte aufsuchen wollen.

Dieser verstörende Gedanke traf ihn wie ein gewaltiger Schlag, der auch den Hubschrauber erfasst zu haben schien, sodass er ins Schlingern geriet. Instinktiv riss Tahir den Steuerknüppel zu sich und zog den Helikopter dadurch hoch über die Sanddünen. Was er aus dieser Position sah, ließ seinen Mund schlagartig trocken werden und pumpte Adrenalin gleich flüssiger Lava durch seine Venen.

Die zunehmende Dunkelheit war keine verfrüht hereinbrechende Abenddämmerung, wie er gedacht hatte, sondern ein ausgewachsener Sandsturm. Hätte er die vorgeschriebene Flughöhe eingehalten, wären ihm die Warnzeichen viel früher aufgefallen. Stattdessen hatte er wieder einmal seinem Abenteurergeist freien Lauf gelassen, war viel zu niedrig geflogen, davon überzeugt, trotz der sich ständig verändernden Wüstenlandschaft, nach Sicht navigieren zu können.

Doch was ihm hier entgegenschlug, wuchs sich in rasender Geschwindigkeit zu einem Sandsturm der Sorte aus, die Straßen untergrub, Flussläufe veränderte, Leben vernichtete und einen Helikopter wie ein Spielzeug herumwirbeln und zu Boden schmettern konnte, wo er in Tausend Stücke zerbrach.

Es war keine Zeit mehr, ihm zu entkommen oder irgendwo sicher zu landen.

Dessen ungeachtet umklammerte Tahir mit aller Kraft das Steuerruder und kämpfte verbissen darum, den Helikopter durch den Sturm voranzutreiben. Automatisch wechselte er in den Gefahrenmodus und setzte ein Notsignal ab, obwohl er wusste, dass es dafür längst zu spät war.

Plötzlich überkam ihn eine kalte Ruhe. Er würde sterben.

Der verlorene Sohn erhielt seine gerechte Strafe …

Er war nicht tot.

So leicht machte es ihm das Schicksal dann doch nicht. Offenbar hielt es noch viel Schlimmeres für ihn bereit – entweder Tod durch Verdursten in der Wüstenhitze, oder er starb an seinen Verletzungen, was angesichts der Schmerzen, die ihn peinigten, noch wahrscheinlicher war.

Das Glück, das ihm am Spieltisch in Monte Carlo noch hold gewesen war, hatte ihn offensichtlich verlassen.

Tahir überlegte, ob er versuchen sollte, in die gnädige Ohnmacht zurückzusinken, die ihn bis eben umfangen hatte. Aber das ließ der höllische Schmerz hinter seinen Schläfen und in der Brust nicht zu. Sogar das Heben der Augenlider erwies sich als eine Tortur. Grelles Licht bohrte sich durch die sandverkrusteten Wimpern direkt in seine Augäpfel.

Gepeinigt stöhnte er auf und versuchte, mit der Zungenspitze die trockenen Lippen zu befeuchten. Doch alles, was er schmeckte, war Sand und der metallisch salzige Geschmack von Blut.

Tahir hatte eine vage Vorstellung davon, dass er sich halbwegs aufrecht im Pilotensitz festgeschnallt befand und versuchte mit hilflosen Bewegungen der zerschundenen Hände, den Gurt zu lösen. Er wollte aufgeben, da streifte ihn mit dem Wind der Geruch von Kerosin, und unter Auferbietung aller zur Verfügung stehenden Kräfte, gelang es ihm, den Gurt doch noch zu öffnen, um sich kopfüber aus dem Helikopter und dem unmittelbaren Gefahrenfeld zu rollen.

Und dann … nichts mehr …

Das Heulen des Windes ließ kontinuierlich nach, und der blaue Wüstenhimmel über ihm schien ihn zu verspotten. Er lebte, aber er war allein, inmitten der Wüste.

Noch dreimal verlor er das Bewusstsein, bevor es ihm gelang, sich mit dem Rücken gegen eine kleine Sanderhebung zu lehnen und in eine halbwegs sitzende Position zu bringen. Er wollte seinen schmerzenden Kopf betasten, doch bevor es ihm auch nur gelang, die Hand zu heben, verlor er erneut das Bewusstsein.

Diesmal wurde er durch ein seltsames Gefühl an seinen Fingern ins Leben zurückgeholt. Es war wie ein raues Streicheln. „Ein Wunder …“, murmelte er, noch völlig benommen.

„Määh …“

„Aber Wunder geben keine Laute von sich …“ Und sie lecken auch nicht, dachte er verschwommen und zwang sich, die Augen zu öffnen. Dicht an ihn geschmiegt lag ein kleines Zicklein, zu jung, um ohne seine Mutter unterwegs zu sein.

Zur Hölle! Konnte er nicht wenigstens in Ruhe sterben?

Das Tier rückte noch näher an ihn heran, und Tahir verspürte ein Druckgefühl an der Hüfte. Vage interessiert schob er eine Hand in die Tasche seiner Jacke und fand eine Wasserflasche. Wasser … ja, er erinnerte sich, dass er instinktiv nach der Flasche gegriffen hatte, als er vom Helikopterwrack wegkroch. Wie hatte er das vergessen können?

Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis es ihm gelang, die Flasche aufzuschrauben und an den Mund zu bringen. Nicht zu viel! ermahnte er sich. Es war zu gefährlich. Nach einem weiteren vorsichtigen Schluck ließ er den Arm wieder sinken.

Etwas zupfte an seinem Ärmel, und als Tahir erneut die Lider hob, sah er die kleine Ziege. In der ungeheuren Weite der Wüste hatte sie ausgerechnet bei ihm Schutz gesucht. Mit knirschenden Zähnen zwang er sich, seinen linken Arm über den Körper zu schieben und etwas von dem Wasser in die hohle Hand laufen zu lassen.

„Hier … trink, Ziege …“, murmelte er heiser.

Das Tier beeilte sich, seiner Aufforderung nachzukommen und mit letzter Energie schaffte Tahir es, die Flasche wieder zu verschließen, ehe sie ihm aus den Händen glitt. Um ihn herum wurde es schwarz, sein Kopf rollte kraftlos zur Seite und … Stille.

Annalisa goss einen Schwall Wasser in die Aluminiumschüssel und besprengte ihr erhitztes Gesicht. Ein himmlisches Gefühl!

Durch den wütenden Sandsturm hatte sich ihr geplanter Wüstentrip um einiges verzögert. Ihre Cousins hatten ohnehin geunkt, die Reise würde sich als ein Flop erweisen. Und zwar als einer, den sie möglicherweise nicht überlebte. Sie verstanden sie einfach nicht.

Gerade mal sechs Monate nach dem Tod ihres Großvaters, dem fast unmittelbar der Verlust ihres geliebten Vaters folgte, bedeutete es alles für sie, hierherzukommen. Denn damit erfüllte Annalisa das letzte Versprechen ihrem Vater gegenüber …

Trotz der Trauer war es wundervoll, wieder an dem Ort zu sein, der für sie und ihn, während ihrer gemeinsamen Reisen, so besonders gewesen war.

Gleich nach ihrer Ankunft heute Morgen hatte sie als Erstes ihre Fotoausrüstung und das Teleskop gereinigt und präpariert. Ein Tag in der Wüste bedeutete einen ganzen Tag Staub und Hitze, und deshalb war die Aussicht, eine Oase ganz für sich allein zu haben, ein ungeheurer Luxus.

Erneut schöpfte sie mit beiden Händen Wasser aus der Schüssel, leerte sie über dem Kopf aus und schauderte wohlig, als das kühle Nass über ihr Haar, Schultern und Rücken herablief. Ein weiterer Schwall für das Dekolleté und die nackten Brüste, und sie fühlte sich wieder sauber und frisch. Lächelnd bohrte Annalisa die bloßen Zehen in den kleinen Sandpool zu ihren Füßen, der schneller austrocknete, als man bis zehn zählen konnte.

Die Sonne versank langsam am Horizont, und wenn sie das Lagerfeuer noch vor Einsetzen der Dunkelheit in Gang haben wollte, musste sie sich beeilen.

Als sie sich umwandte und das restliche Wasser ausschütten wollte, erregte etwas weit hinten am Horizont ihre Aufmerksamkeit. Sie verengte die Augen gegen die immer noch intensive Abendsonne zu einem schmalen Schlitz und konnte nicht glauben, was sie da sah.

Zunächst war es kaum mehr als ein dunkler Schatten, doch im Näherkommen erkannte sie, dass es ein Mensch war. Ein Mann, ziemlich groß und mit breiten Schultern. Nur mit seinem Gang stimmte etwas nicht. Und mit seinem Outfit! Schon komisch, hier, inmitten der Wüste, jemandem zu begegnen, der etwas trug, was wie ein Anzug aussah.

Automatisch griff Annalisa nach ihrem Handtuch und wickelte es um sich. Ihre Bewegungen wurden langsamer, als sie feststellte, dass der Fremde sich offenbar kaum auf den Beinen halten konnte. Er benutzte nicht einmal die Arme, um seinen taumelnden Gang auszubalancieren. Ob er betrunken war?

Annalisa schauderte. Bisher hatte sie in der Wüste nie Angst gehabt. Kein Einheimischer würde ihr etwas tun. Aber dieser Mann gehörte ganz offensichtlich nicht hierher. Woher sollte sie wissen, wie er reagierte, wenn er in dieser gottverlassenen Gegend auf eine einsame Frau traf?

Noch während sich ihre Gedanken überschlugen und sie das Handtuch über der Brust fest verknüpfte, überfiel sie eine seltsame Ruhe. Und ein Instinkt, der sich in den Jahren ausgebildet hatte, in denen sie ihren Vater begleitete, wenn er unterwegs war, um den Ärmsten der Armen zu helfen, sagte ihr, dass mit diesem Mann gesundheitlich etwas nicht stimmte.

Bereits in der nächsten Sekunde durchquerte sie leichtfüßig das Wadi, den kleinen Flusslauf, der das Wasser für die Oase spendete, und lief dem Fremden entgegen. Er sah aus, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Als er nur noch wenige Meter entfernt war, blieb sie stehen und blinzelte ungläubig. Doch es war keine Fata Morgana, der Mann war echt!

Groß, dunkelhaarig, bekleidet mit einem Smoking und schwarzen Lederschuhen. Sein weißes Hemd war über der muskulösen, tief gebräunten Brust zerrissen, und um den Hals hing etwas, das wohl einst eine Smokingfliege gewesen war.

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