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Geheimnis einer Tropennacht

1. KAPITEL

Nick Papaeliou hatte noch nie einen so seltsamen Abend erlebt.

In der Öffentlichkeit ausgetragene Auseinandersetzungen waren ihm ein Gräuel. Er wollte stets alles unter Kontrolle haben, sogar seine Gefühle. Und was war vor kaum einer Stunde passiert? Seine Freundin, besser gesagt Exfreundin, hatte sich betrunken und in aller Öffentlichkeit Streit mit ihm gesucht. So ein Verhalten war natürlich unverzeihlich und der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Susannas Wunsch nach einer ‚festen Beziehung‘ war ihm schon lange auf die Nerven gegangen. Jetzt hatte ihr Verhalten ihm den perfekten Grund geliefert, Schluss zu machen. Er hätte die Beziehung längst beendet, wenn er nicht mitten in schwierigen Verhandlungen gesteckt hätte.

Und dann diese Party heute Abend, bei der es sich nicht um eine langweilige Veranstaltung mit Models handelte, sondern um die Einladung eines Modeschöpfers, der nach Höherem strebte. Der Wein floss in Strömen und löste so manche Zunge. Auch Susannas. Vor vierzig Leuten hatte das Model ihm eine Szene gemacht – hatte getobt, geschluchzt, gebettelt.

Natürlich hatte er die Party umgehend verlassen. Am Laptop in seinem Penthouse würde er die hässliche Szene schnell vergessen. So hatte er es geplant, doch es war ganz anders gekommen.

Unauffällig musterte er die blonde junge Frau an seiner Seite im Taxi. Sie hatte auf der Party gekellnert und hatte das Haus gleichzeitig mit ihm verlassen. Obwohl er sich zu dieser Schönheit überhaupt nicht hingezogen fühlte, hatte er sie auf einen Kaffee in einem Café in der Nähe eingeladen und sich ihre Geschichte angehört. Wie so viele andere Frauen ihres Alters träumte sie von einer Karriere als Schauspielerin. Aufgeregt und voller Optimismus erzählte sie von ihren Plänen.

Ihre unbeschwerte Jugendlichkeit hatte ihn gerührt. Gleichzeitig hatte er ihr behutsam zu verstehen gegeben, dass er nicht an einer Beziehung interessiert war.

Aber wie lange wollte er sein Junggesellenleben eigentlich noch führen? Als Nick Mitte zwanzig war, war sein Vater gestorben, seine Mutter war ihm vor acht Jahren gefolgt. Fehlte ihm der Druck der Eltern, zu heiraten und die obligatorischen zwei Komma zwei Kinder in die Welt zu setzen? Oder lag es an der steilen Karriere, die ihm Reichtum und Macht eingebracht hatte? Für eine Frau war in seinem Leben auf Dauer einfach kein Platz.

Und jetzt hatte er die liebenswerte Lily kennengelernt, die freiberuflich als Model arbeitete und auch sonst fast jeden Job annahm, um sich bis zu dem ersehnten Durchbruch als Schauspielerin über Wasser zu halten. Diese junge Frau löste fast Vatergefühle in ihm aus.

Deshalb saß er jetzt neben ihr im Taxi. Sie hatte ihn auf einen Absacker zu sich eingeladen. Seine Ausflüchte, er müsse nach Hause, um zu arbeiten, hatte sie nicht gelten lassen.

„Niemand arbeitet mitten im Winter um Mitternacht an einem Samstag.“ Lily war schockiert.

Er fand ihre erfrischende Naivität amüsant. Außerdem rührte es ihn, wie sie versuchte, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Auch sie war ja Zeugin der unschönen Szene mit Susanna gewesen. Außerdem schien sie großen Respekt vor ihm zu haben. Ihre großen blauen Augen verrieten sie. Nick war es gewöhnt, seine Mitmenschen zu beeindrucken.

Nach langer Fahrt durch ein Gewirr von Straßen mit unbeleuchteten Reihenhäusern hielt das Taxi schließlich am Zielort. Lily bestand darauf, den Fahrpreis zu entrichten, obwohl sie doch wissen musste, dass es sich bei ihrem Begleiter um einen Milliardär handelte.

„Wir leben sehr bescheiden“, sagte sie entschuldigend, als sie in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel suchte.

Nick machte eine höfliche Bemerkung, musste jedoch zugeben, dass ‚bescheiden‘ noch untertrieben war. Die ganze Gegend machte einen heruntergekommenen Eindruck, und dieses Haus bildete keine Ausnahme.

Solchen Verhältnissen war er durch harte Arbeit längst entwachsen. Seine Eltern waren griechische Einwanderer und mit dem zufrieden gewesen, was sie sich erschaffen hatten. Schon als Kind hatte Nick sich in den Kopf gesetzt, es zu etwas zu bringen. Nach Abschluss des Studiums mit Auszeichnung hatte er einen so kometenhaften Aufstieg in der Finanzwelt hingelegt, dass seine Kollegen aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen waren. Schritt für Schritt hatte er sein eigenes Finanzimperium aufgebaut. Er war der Boss, auf ihn hörte man im Big Business.

Wer so wohlhabend und einflussreich war, verfügte natürlich auch über das dazugehörende Drum und Dran. Nick nannte ein Anwesen im sonnigen Süden und einen Landsitz sein Eigen. Leider fand er nur selten Zeit, sich dort aufzuhalten. Meistens hielt er sich in seinem Penthouse in einem der Nobelviertel Londons auf. Selbstverständlich ließ er sich in seiner Luxuslimousine chauffieren und nahm den Hubschrauber, wenn er es besonders eilig hatte.

Jetzt fand er sich also im Flur eines renovierungsbedürftigen Hauses wieder. Zwar hatte sich jemand die Mühe gemacht, die Wände in einem freundlichen Gelbton zu streichen, doch der abgetretene Teppich machte den positiven Eindruck gleich wieder zunichte.

Während Lily sich erleichtert ihrer Stiefel entledigte, machte Nick die Haustür zu und nahm dabei nicht die sich nähernden Schritte wahr. Erst als er Lilys erschrockenen Aufschrei hörte, wurde ihm bewusst, dass sich noch jemand im Haus befand.

„Rosie! Wieso bist du noch auf?“ „Wer ist das?“, fragte eine ungewöhnlich rauchige Frauenstimme.

Nick drehte sich um und sah in Augen von einem unglaublichen Blau, die ihn wütend anfunkelten. Sie gehörten einer Frau, die all ihre Reize unter einem voluminösen Bademantel, unter dem noch ein schrecklich kitschiger Schlafanzug hervorlugte, versteckte.

„Also wirklich, Rose! Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass du nicht auf mich zu warten brauchst. Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

Die Frau, die Nick auf Ende zwanzig schätzte, machte ein ungläubiges Gesicht.

„Das wage ich zu bezweifeln, Lily. Du kannst doch nicht um ein Uhr nachts mit einem wildfremden Mann hier aufkreuzen! Wieso ist es eigentlich so spät geworden? Du wolltest heute doch früher nach Hause kommen.“

„Das hatte ich auch vor, aber dann … Das ist übrigens Nick, Rose. Nick Papaeliou. Du hast sicher schon von ihm gehört.“

„Nein, habe ich nicht“, antwortete Rose kurz angebunden. „Du weißt ganz genau, dass ich keine Ahnung von den Models habe, mit denen du herumhängst.“

„Model?“ Nick traute seinen Ohren nicht. Und wieso wurde er so unglaublich verächtlich gemustert? „Sie halten mich für ein Model?“

„Was denn sonst?“

„Bitte entschuldigen Sie sie, Nick. Sie meint es nicht so. Rose ist sehr um mich besorgt. Ständig hat sie Angst, ein großer böser Wolf könnte über mich herfallen. Eigentlich finde ich das ja sogar ganz cool. Wozu sind große Schwestern sonst da?“

„Rose ist Ihre Schwester?“ Nick betrachtete die kleine wohlgeformte Frau etwas genauer. Noch immer blickte sie ihn abweisend an. Ihre Wangen hatten sich leicht gerötet.

„Sie brauchen mich gar nicht so erstaunt anzusehen“, sagte Rose kühl.

„Eigentlich sind wir Stiefschwestern“, erklärte Lily lächelnd. „Ist das nicht unglaublich? Man hört immer wieder, dass Stiefgeschwister sich nicht verstehen, aber Rose und ich gehen durch dick und dünn.“ Zärtlich lächelte sie ihr zu. Sie überragte ihre Stiefschwester um mindestens 15 Zentimeter. „Ich habe Nick auf einen Absacker eingeladen, Rosie. Kümmerst du dich bitte darum? Ich muss mal kurz nach oben.“

Wie üblich nahm Lily zwei Stufen auf einmal. Das hatte sie schon als Kind getan. Die süße, immer fröhliche Lily, die in jedem Menschen nur das Gute sah. Auch in diesem Mann, der ihr immer noch verblüfft nachsah. Wahrscheinlich fragte er sich, wie diese langbeinige Blondine mit dem bis zur Taille reichenden Haar eine Stiefschwester haben konnte, die das genaue Gegenteil von ihr war.

Rose betrachtete ihn nun eingehend. Der Mann sah unverschämt gut aus, hatte ein markantes, sinnliches Gesicht, schwarzes Haar und unglaublich lange Wimpern. Es kostete sie erhebliche Willensstärke, den Blick nicht zu senken. Wahrscheinlich handelte es sich bei diesem Nick um einen drittklassigen Schauspieler, der ihr eine Rolle vorspielte.

„Bleiben Sie immer auf, bis Ihre Schwester nach Hause kommt, Rose?“ Sie überhörte die Frage, bedachte ihn nur mit einem geringschätzigen Blick, wandte sich um und ging in die Küche.

„Es ist mir egal, ob Sie mich für unhöflich halten, Mr. Papaeliou. Lily wird immer wieder von nichtsnutzigen, gut aussehenden Männern enttäuscht. Das möchte ich in Zukunft verhindern.“

Offensichtlich hatte sie sich gerade selbst ein heißes Getränk gemacht, denn das Wasser im Kessel war noch heiß. Statt einem Glas Portwein oder Likör schenkte sie ihm einen Becher Kaffee ein, den sie ihm abweisend reichte. Dann baute sie sich mit verschränkten Armen vor Nick auf.

„Meine Schwester hat ihr Leben ganz gut im Griff, wenn man davon absieht, dass sie zu vertrauensvoll ist. Jedenfalls kann sie darauf verzichten, sich mit einem drittklassigen Schauspieler einzulassen.“

Zum ersten Mal in seinem Leben war Nick sprachlos. „Drittklassiger Schauspieler?“, fragte er schließlich ungläubig.

„Was sonst? Ihr Machogehabe können Sie sich für Ihre Actionfilme aufheben. Mich beeindrucken Sie damit nicht. Leider fliegt Lily auf gut aussehende Typen. Aber bisher hat sie noch jeder enttäuscht.“

Fassungslos hatte Nick sich ihre Kommentare angehört. Am liebsten hätte er diese Rose sofort über seine Person aufgeklärt, doch er hatte keine Lust, morgens um ein Uhr mit einer Frau zu streiten, die ihn angriffslustig wie ein Rottweiler anfunkelte. Also rang er sich lediglich ein Lächeln ab und sagte kühl: „Dann sind Sie also ihr Wachhund. Sehr nobel von Ihnen. Weiß Lily das? Oder verbellen Sie ihre Verehrer nur, wenn Ihre Schwester Ihnen mal kurz den Rücken zuwendet?“ Er stellte den vollen Becher Kaffee auf den Küchentisch. „Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber weder bin ich ein strohdummes Model, das mit dem nächstbesten attraktiven Mädchen ins Bett geht noch ein drittklassiger Schauspieler.“

„Nein? Ist doch egal, ob Model, Schauspieler, Regisseur – es spielt keine Rolle. Lily hat gerade eine unglückliche Beziehung hinter sich, und ich möchte verhindern, dass sie gleich wieder Schiffbruch erleidet. Sie haben also keine Chance, tut mir leid.“

Nick, der es gewöhnt war, dass ihm die gesamte Damenwelt zu Füßen lag, hatte den Eindruck, im falschen Film zu sein. Erst die Szene mit Susanna, über die bestimmt irgendein Klatschblatt berichten würde und nun diese Auseinandersetzung mit einer wildfremden Frau, die kein Blatt vor den Mund nahm.

Bevor er auf Roses Anschuldigungen reagieren konnte, kam Lily in die Küche gestürmt und entschuldigte sich für ihre lange Abwesenheit. Sie hatte das dringende Bedürfnis nach einer Dusche verspürt, um den Gestank nach Zigarettenrauch loszuwerden. Alle Partygäste hatten geraucht. Ob es sich tatsächlich um Tabak gehandelt hatte, entzog sich ihrer Kenntnis.

Selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit und nach einem anstrengenden Arbeitstag wirkte Lily unglaublich frisch und lebendig und sehr, sehr jung. Wie konnte ihre Schwester nur ansatzweise glauben, dass er, Nick Papaeliou, der jede Frau haben konnte, sich zu Lily hingezogen fühlen könnte?

„Habt ihr euch schon ein wenig angefreundet?“, fragte Lily fröhlich. Nick fing Roses abweisenden Blick auf. Lily trank ein Glas Wasser und wandte sich um, sodass sie Rose und Nick im Blick hatte.

„Klar“, behauptete Nick gewandt und lächelte Rose bedeutungsvoll zu. „Wir verstehen uns blendend.“

„Das ist ja wunderbar!“ Lily strahlte. „Du musst wissen, Rose, dass der arme Nick sich vorhin von seiner Freundin getrennt hat. Da mochte ich ihn nicht seinen trüben Gedanken überlassen und habe mich seiner angenommen.“

Das bedeutungsvolle Lächeln verschwand, als Rose wissend die Augenbrauen hochzog und nickte.

„Ich habe gar keinen trüben Gedanken nachgehangen, Lily.“ Nick war sich Roses wissendem Blick nur zu bewusst. „Das Ende unserer Beziehung hatte sich schon lange angekündigt. Spätestens morgen hätte ich mit Susanna Schluss gemacht.“ Es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, sich mit Menschen, die er gerade erst kennengelernt hatte, über sein Privatleben zu unterhalten.

„Wieso besuchen Sie eine Party mit einer Frau, der sie den Laufpass geben wollen?“, fragte Rose mit Unschuldsmiene. „Die arme Frau hat sicher gedacht, Sie machen sich etwas aus ihr.“

Nick biss sich auf die Lippe. „Wenn Sie Susanna kennen würden, kämen Sie nicht auf die Idee, sie als ‚arme Frau‘ zu bezeichnen.“

„Trotzdem …“ Rose schwieg vielsagend.

Einen Moment lang vergaß Nick Lily. „Trotzdem was?“

„Trotzdem muss es schrecklich sein, wenn jemand in aller Öffentlichkeit mit einem Schluss macht. Die Zeitungen sind ja voll von Berichten über Stars und Sternchen, die öffentlich ihre schmutzige Wäsche waschen. Aber noch schlimmer ist es, wenn man es in Anwesenheit von Freunden tut. Die arme Susanna muss ziemlich verzweifelt gewesen sein.“

Das Gespräch verwirrte Lily zunehmend.

Nick hatte alles um sich herum vergessen. Selbst Lily nahm er nicht wahr, obwohl sie ihm direkt gegenüberstand. „So, jetzt muss ich aber gehen“, sagte er schließlich.

„Ach, wie schade. Dann werde ich Ihnen wohl ein Taxi rufen müssen. Es kann allerdings dauern, bis eins hier ist. Wie Sie sicher bemerkt haben werden, wohnen wir ziemlich außerhalb.“ Rose wandte sich ihrer Schwester zu. „Du siehst erschöpft aus, Lily. Warum gehst du nicht ins Bett? Ich werde Nick Gesellschaft leisten, bis das Taxi kommt.“

„Sei nicht albern, Rose.“ Lily gähnte herzhaft. „Ich kann Nick doch nicht auf einen Drink einladen und mich dann verziehen.“

„Ich hatte schon etwas zu trinken. Ihre Schwester hat mir einen Becher Kaffee gemacht.“

„Aha. Rose hält nicht viel von Alkohol, Nick.“ Lily lächelte entschuldigend.

„Ich glaube kaum, dass Mr. Papaeliou sich für meine Trinkgewohnheiten interessiert, Lily.“

„Ich heiße Nick.“

Diese Bemerkung wurde geflissentlich überhört. „Du schläfst ja schon im Stehen ein, Schwesterherz. Abmarsch ins Bett. Ich begleite Mr. Pa… Nick hinaus.“

„Aber …“

„Ich kann ja ausschlafen, aber du willst doch morgen früh gleich ins Fitnessstudio.“

„Also gut.“

Energisch schob Rose ihre Schwester zur Treppe. „Schlaf gut, Lily.“

Sowie Lily nach oben verschwunden war, zog Nick sein Jackett gerade, lehnte sich an die Wand und sah Rose an.

Die wurde sich plötzlich ihrer unangemessenen Bekleidung bewusst. Die gedämpfte Beleuchtung im Flur, die Tatsache, dass Lily wahrscheinlich in diesem Moment ins Bett kroch, die Art und Weise, wie Nick sie betrachtete … Nervös zog Rose den Bademantel fester um sich, damit auch ja keins der tänzelnden Rentiere, mit denen ihr Pyjama gemustert war, hervorblitzte. Sie hatte sich über das Weihnachtsgeschenk ihrer humorvollen Freundin gefreut. Doch jetzt wollte sie Autorität ausstrahlen und musste vermeiden, dass Nick einen Blick auf die trunken wirkenden Tiere erhaschte.

„Da Sie Lily jetzt ja ins Bett verfrachtet haben, wollen Sie Ihre Anschuldigungen wohl fortsetzen, oder?“ Nick kam ihr bedrohlich näher.

Rose musterte ihn beunruhigt. „Ich habe sie nicht ins Bett verfrachtet“, entgegnete sie.

„Den Eindruck machte es aber. So, dann rufen Sie mir jetzt bitte ein Taxi, damit wir es hinter uns bringen.“ Nick folgte ihr in die Küche und sah zu, wie sie sich an den Küchentisch setzte und in ihrem Handy nach der Telefonnummer der Taxizentrale suchte, die sie nun anrief. Dabei behielt sie ihn im Auge. Sie dachte gar nicht daran, sich von ihm einschüchtern zu lassen – von einem Mann, der die Frauen wechselte wie seine Hemden und sie ohne Schuldgefühle in aller Öffentlichkeit an die Luft setzte. Die arme Susanna!

Bis zur Ankunft des Taxis galt es fünfzehn Minuten zu überbrücken. Rose wollte gerade fortfahren, Nick die Meinung zu sagen, als der auf sie zukam und sich zu ihr hinunterbeugte. Sie spürte die volle Kraft seiner Persönlichkeit.

„Bevor Sie das tun, würde ich auch gern etwas sagen.“ Nick lächelte.

Was bildet der sich eigentlich ein?, überlegte sie und zwang sich zur Ruhe. Aus dieser Nähe betrachtet, waren seine Augen tiefgrün. Sie glitzerten eiskalt wie grüne Diamanten.

„Ich finde, Sie sollten sich mehr auf ihr eigenes Leben konzentrieren und Ihre Schwester ihr eigenes Leben führen lassen. Es ist doch unnatürlich, dass Sie wie eine Glucke auf ihre Heimkehr warten.“ Er wusste selbst nicht, was ihn dazu bewog, sich in die Angelegenheiten dieser Frau zu mischen. Es konnte ihm doch egal sein, wie sie ihr Leben gestaltete. Jeder musste selbst wissen, was er tat und was er ließ.

Rose saß wie vom Donner gerührt reglos auf dem Küchenstuhl. Insgeheim wusste sie, dass Nick recht hatte. Aber es war ihr nun einmal zur Gewohnheit geworden, sich um Lily zu kümmern. Die konnte sie nicht so einfach abschütteln. Ihre Eltern – ihre gemeinsame Mutter und Lilys Vater – waren gestorben, als die Schwestern noch klein waren. Rose und Lily waren bei ihrer Tante und deren Mann aufgewachsen, die sich selbst als Reisende auf der Suche nach dem Sinn des Lebens bezeichneten. Das bedeutete, dass sie ständig umherzogen, ohne sich um die Bedürfnisse der kleinen Mädchen zu scheren.

Rose, die fast sieben Jahre älter war als ihre Stiefschwester, hatte seit ihrem zehnten Lebensjahr für Lily gesorgt. Inzwischen war aus der Kleinen eine zweiundzwanzigjährige erwachsene Frau geworden. War sie wirklich noch darauf angewiesen, dass ihre vernünftige Schwester jeden Abend auf sie wartete?

„Es ist mir völlig egal, was Sie denken.“

„Was würde Ihre Schwester davon halten, wenn sie wüsste, dass Sie mir praktisch den Umgang mit ihr verbieten?“

„Sie würde mir dankbar sein.“

„Oder sie würde es als Einmischung in ihr Leben betrachten.“

„Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind, dass Sie sich einbilden, so mit mir reden zu können?“, fragte Rose erbost.

„Jedenfalls kein Model oder Schauspieler und auch kein lüsterner Regisseur.“ Nick richtete sich auf, zog sich einen Küchenstuhl heran und setzte sich direkt vor Rose.

„Es ist mir völlig gleichgültig, welchen Beruf Sie ausüben, Mr. Papaeliou.“

„Ich bin in der Finanzwirtschaft tätig. Und ich habe es wirklich nicht nötig, Frauen für – nicht vorhandene – halbseidene Projekte anzulocken.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass Sie Ihrer Freundin vor allen Leuten den Laufpass gegeben und sich innerhalb von Minuten das nächste Opfer gesucht haben.“

Nick war außer sich vor Wut. Noch nie war er Ziel eines so unfairen Verbalangriffs geworden. Noch dazu von einer Person, die ihn überhaupt nicht kannte! Normalerweise behandelten seine Mitmenschen ihn mit Samthandschuhen. Die einzige Ausnahme bildeten seine Exfreundinnen, die schon mal hysterisch oder ausfallend reagierten, wenn er sie verließ. Doch damit konnte er umgehen. Da er keiner Frau etwas versprochen hatte, war er sich keiner Schuld bewusst und hatte ein reines Gewissen. Worte wie Liebe und dauerhafte Beziehung nahm er gar nicht erst in den Mund. Roses Unterstellungen machten ihn sprachlos, doch statt sich zu verteidigen stand er auf und verließ die Küche.

Rose folgte ihm wortlos. Es war alles gesagt. Nick zog sich seinen Mantel über und ging zur Haustür.

Bei dieser Beleuchtung wirkte der Mann unglaublich sexy. Rose zog den Bademantel noch enger um sich, als ein Schauer der Erregung über ihren Rücken lief. Dieser Mann könnte jede Frau haben, dachte sie. Ein einziger Blick genügte, um Frauenherzen dahinschmelzen zu lassen. Gut, dass sie gerade noch rechtzeitig erkannt hatte, was für ein Herzensbrecher er war. Was hätte die arme Lily sonst wieder durchgemacht!

„Danke für den Kaffee“, sagte er kühl. „Und für die Gardinenpredigt. Ich möchte Ihnen einen Tipp geben: Machen Sie etwas aus Ihrem Leben, gehen Sie am Wochenende aus, dann hören Sie auch auf, sich unnötige Sorgen um Ihre Schwester zu machen. Ich warte draußen auf das Taxi.“

Als er die Tür öffnete, fuhr der Wagen auch schon vor.

Nick war wütend und verletzt und bekam von der Heimfahrt wenig mit. In seinem Penthouse blinkte der Anrufbeantworter. Als Nick Susannas weinerliche Stimme hörte, löschte er die Nachricht ohne sie bis zum Ende angehört zu haben.

Die Gedanken an die verflixte Rose, diesen kleinen Racheengel, ließen sich leider nicht löschen – im Gegenteil: sie verfolgten ihn bis zum Morgen.

Dem Racheengel ging es nicht besser. Nachdem Rose wütend die Haustür zugeknallt hatte und ins Bett gegangen war, kreisten ihre Gedanken um Nick. ‚Machen Sie etwas aus Ihrem Leben‘, hatte er gesagt und damit genau ins Schwarze getroffen. Sie war jetzt neunundzwanzig Jahre alt, und was tat sie? Sie trug noch immer Pyjamas mit albernen Mustern und kümmerte sich um ihre Schwester, obwohl Lily inzwischen wirklich alt genug war, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Wann hatte sie zuletzt eine Party besucht? Ihr Onkel und ihre Tante, die darauf bestanden hatten, mit Tony und Flora angeredet zu werden, hatten alles getan, damit sie und die Mädchen ein wildes Leben ohne jegliche Verantwortung führen konnten. Das Leben war wunderbar und aufregend. Man sollte ihm mit Neugier und Begeisterung begegnen.

Rose wusste nicht, wie oft sie sich das hatte anhören müssen. Tony und Flora hatten auch behauptet, dass Bildung eine gute Sache war, aber in Maßen. Der beste Lehrmeister sei sowieso das Leben selbst. Diese Einstellung war Rose von Anfang an gegen den Strich gegangen. Das Nomadenleben war nichts für sie. Und gegen Hülsenfrüchte und Soja hatte sie eine starke Abneigung entwickelt. Aus Protest aß sie Hamburger und Pommes frites und steckte ihre Nase in Bücher, bis Tony und Flora sie schließlich nicht mehr drängten, sich zu amüsieren. Standhaft hatte sie sich geweigert, Zigeunerröcke und Patchworkjacken aus Secondhandläden zu tragen. Und sie hatte dafür gesorgt, dass auch Lily mit beiden Beinen auf dem Boden stand, trotz des Hippielebens, das ihre Verwandten führten.

Eigentlich hatte sie für Parties nie Zeit gehabt. Als Tony und Flora sich schließlich in ihrem Wohnmobil nach Cornwall aufmachten und die Schwestern ihrem Schicksal überließen, hatte Rose angefangen zu studieren und hart gearbeitet, um sich etwas aufzubauen. Ein gesichertes Einkommen war ihr sehr wichtig. Nicht zuletzt, um Lily ein Heim bieten zu können.

Lily führte ein recht unstetes Leben. Immer wieder wechselte sie die Jobs, bewarb sich hier mal für eine kleine Rolle, dort für einen Werbespot, ging jedoch meistens leer aus. Sie brauchte eine feste Größe in ihrem Leben, und das war Rose. Auf Rose war Verlass. Rose tröstete sie, wenn sie mal wieder an den Falschen geraten war.

Rose war klug genug, am nächsten Morgen kein Wort über die Vorfälle der vergangenen Nacht zu verlieren.

Doch eines Abends, als sie gemeinsam beim Essen saßen, sprach sie das Thema an. „Hast du eigentlich noch mal was von diesem Typen gehört? Wie hieß er doch gleich? Der dich neulich nach der Party nach Hause begleitet hat.“

Lily wickelte Spaghetti auf ihre Gabel und lächelte. „Du meinst Nick. Nick Papaeliou. Du willst mir doch nicht weismachen, dass du seinen Namen vergessen hast, Rosie? Ja, ich bin zweimal mit ihm ausgegangen.“

Rose verschluckte sich und trank schnell einen Schluck Wasser. „Zweimal? Das hast du bisher mit keinem Wort erwähnt.“

„Ich wollte es dir ja erzählen, Rosie, aber …“

„Aber was?“ Der schuldbewusste Blick ihrer Schwester war ihr nicht entgangen. Lily konnte ihr nicht einmal in die Augen sehen.

„Ich hatte Angst, du könntest mich ausschimpfen. Nick hatte den Eindruck, dass du ihn nicht leiden kannst.“

„Tatsächlich? Wie kommt er denn darauf? Der Mann muss verrückt sein.“

„Das ist er ganz sicher nicht. Er hat alles, was man sich nur wünschen kann. Er hat erzählt, du hättest ihn für einen drittklassigen Schauspieler gehalten.“ Lily lachte amüsiert. „Ich hätte gern sein Gesicht gesehen, als du ihm das an den Kopf geworfen hast. Er war entrüstet, als er mir das erzählt hat.“

„Kann sein, dass ich so etwas zu ihm gesagt habe“, antwortete Rose.

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