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Geheimnis einer Hochzeitsnacht

1. KAPITEL

„Was wollen Sie damit sagen – Sie können die Sache nicht mehr durchziehen?“ Harriet Flint starrte in das gerötete Gesicht des jungen Mannes, der ihr in ihrem Lieblingsrestaurant gegenübersaß. „Wir haben eine Vereinbarung getroffen, und bei diesem Lunch wollten wir die Details der Hochzeit festlegen. Ich verlasse mich auf Sie.“

„Aber die Dinge haben sich völlig geändert. Das müssen Sie einsehen.“ Seine Miene drückte Unmut und Trotz aus. „Als wir unsere ursprüngliche Vereinbarung trafen, war mir alles egal. Die Frau, die ich liebe, hatte mich verlassen. Damals schien es eine gute Idee, wenigstens eine Menge Geld zu verdienen und einmal um die Welt zu reisen. Doch jetzt ist Janie zu mir zurückgekehrt – für immer. Wir wollen heiraten, und das werde ich durch nichts und niemanden gefährden.“

„Aber wenn Sie ihr erklären würden, dass …“

„Erklären?“ Peter Curtis lachte verächtlich. „Sie meinen wirklich, ich sollte ihr sagen, dass ich während unserer Trennung eingewilligt habe, eine absolut Fremde zu heiraten – gegen Geld?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, es tut mir leid, Miss Flint, unser Deal ist gestorben. Ich werde nicht riskieren, dass sie mich noch einmal verlässt. Diese Frau ist das Wichtigste in meinem Leben. Das werden Sie doch sicher verstehen.“

„Bei mir geht es um ein Erbe, dass mir mindestens ebenso viel bedeutet“, entgegnete Harriet kalt. „Und ich werde dieses Erbe verlieren, wenn ich nicht bis zu meinem nächsten Geburtstag einen Ehemann finde. Offensichtlich haben Sie das nicht ganz verstanden.“

Sie hielt einen Moment inne. „Denken Sie nach. Eine Hochzeit ist eine verdammt teure Angelegenheit. Ich bin sicher, dass auch Ihre Janie das weiß. Sie könnten sie doch sicher davon überzeugen, dass eine steuerfreie Summe ein kleines Opfer wert ist – besonders wenn ich den ursprünglich vereinbarten Betrag noch einmal erhöhe.“

„Nein“, versetzte er bestimmt. „Das würde sie ganz und gar nicht verstehen. Wie auch?“ Er erhob sich, blieb jedoch noch kurz stehen und blickte mit einem Stirnrunzeln auf sie herab. „Herrgott noch mal, Miss Flint – Harriet –, Sie müssen sich keinen Ehemann kaufen. Wenn Sie andere Kleider tragen und etwas mit Ihrem Haar anstellen würden, dann wären Sie durchaus attraktiv. Warum betrachten Sie es nicht als glückliche Fügung und konzentrieren sich darauf, echte Liebe zu finden?“

„Vielen Dank für Ihren ungebetenen Rat“, erwiderte Harriet kühl. „Ich ziehe es vor, die Dinge auf meine Art zu regeln. Und ich habe nicht vor, mich an einen Mann zu binden – jetzt nicht und später auch nicht. Ich will Karriere machen.“

„Nun, ich kann nicht der Einzige gewesen sein, der auf Ihre Anzeige geantwortet hat. Wenden Sie sich an einen der anderen.“

Aber du, dachte sie böse, bist der Einzige, den Großvater mir als Ehemann abgekauft hätte. Keiner sonst entspricht so völlig dem Bild des aufrechten jungen Engländers.

„Hoffentlich werden Sie Ihre Entscheidung nie bereuen“, bemerkte sie, als Peter sich zum Gehen wandte. „Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Was natürlich nicht stimmte. Am liebsten hätte sie ihm den Hals umgedreht. Ihm und seiner zickigen Freundin, die nur mit dem Finger schnippen musste, um Harriets Hoffnungen ein jähes Ende zu bereiten.

Was, in aller Welt, fragte sie sich, während sie Peter nachblickte, soll ich jetzt bitte tun? Das Ultimatum, das ihr Großvater ihr gestellt hatte, war unerbittlich.

Nun, für den Rest des Tages musste sie das unerwartet aufgetauchte Problem jedenfalls aus ihren Gedanken verbannen. Ein äußerst heikles Meeting lag vor ihr, das ihre ganze Konzentration erforderte.

Sie winkte den Kellner heran, der mit bekümmerter Miene an ihren Tisch trat und den unberührten Teller Penne arrabbiata betrachtete.

„Hat Ihnen das Essen nicht geschmeckt, Signorina?“

„Doch, doch“, versicherte sie rasch. „Ich – ich war einfach nicht besonders hungrig, das ist alles.“ Etwas hat mir gründlich den Appetit verdorben.

Wie hatte Peter sie genannt? Durchaus attraktiv? Zornig schüttelte Harriet den Kopf. Wie herablassend!

Vermutlich kam sie nach ihrem unbekannten Vater. Ihre Haare waren noch das Beste an ihr – voll, glänzend und von einem warmen Kastanienbraun. Wenn sie sie offen gelassen hätte, dann würden sie ihr jetzt in wilden Locken über den Rücken fallen. Ihre Augen waren rauchgrau, von dichten langen Wimpern umrahmt, doch der Rest ihres Gesichts schien Harriet in keiner Weise bemerkenswert. Wenn ihr Dad also so aussah, was, in aller Welt, hatte dann die honigblonde, wunderschöne Caroline Flint in ihm gesehen? Es sei denn natürlich, er hatte über Tonnen von Charme verfügt.

Wenn das der Fall war, dann bin ich zweimal leer ausgegangen, dachte Harriet zynisch.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte sie nie auch nur das geringste Interesse daran gehabt, sich in eine unverbindliche Affäre nach der nächsten zu stürzen – sei es nun mit einem verheirateten Mann oder mit einem Junggesellen.

Wenn sie allerdings ehrlich war, dann hatte sich bisher auch keine wirkliche Gelegenheit dazu geboten. In ihrer ersten Zeit in London war sie zwar mit dem einen oder anderen Mann ausgegangen, aber keine dieser Begegnungen konnte sie wirklich begeistern. Nicht, dass sie das bedauerte.

Harriet stand auf. Plötzlich hatte sie es eilig, das Restaurant zu verlassen. Sie griff nach der Jacke ihres langweiligen schwarzen Leinenanzugs und ging nach vorne zum Empfang, wo Luigi, der Restaurantbesitzer, abrechnete.

Luigi war gerade mit einem großen jungen Mann beschäftigt, der von der Straße hereingekommen war, während Harriet sich noch ihren Weg durch die Tischreihen bahnte. Der Typ sieht auch so aus, als gehöre er auf die Straße, dachte sie verärgert. Sie war es nicht gewohnt, warten zu müssen. Noch dazu wegen jemandem wie ihm!

Die verblichenen Jeans, abgetragenen Turnschuhe und das ausgeleierte T-Shirt des Mannes entsprachen ganz und gar nicht dem üblichen Dresscode in Luigis Restaurant. Dann noch das überlange dunkle Haar und das unrasierte Gesicht – eine wenig beruhigende Erscheinung.

Eigentlich hätte Harriet erwartet, dass man den Fremden schon längst hinausgebeten hätte. Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil: Luigi strahlte über das ganze Gesicht, und – lieber Gott – jetzt holte er doch tatsächlich noch sein Scheckheft heraus!

Will er den Kerl etwa dafür bezahlen, dass er geht, fragte sich Harriet verblüfft. Du lieber Himmel, war das etwa ein Schutzgelderpresser?

Jedenfalls nahm er das Geld entgegen und steckte es eilig in eine schäbige Brieftasche, die gleich darauf wieder in seiner Jeans verschwand.

Ein paar Worte, ein kurzer Handschlag, offenbar war der Mann zufrieden. Für einen Moment sah Harriet sein Gesicht – die gerade Nase, die fein geschwungenen Lippen. Vielleicht konnte man ihn nicht im klassischen Sinne gut aussehend nennen, aber attraktiv war er in jedem Fall. Er hatte breite Schultern und eine athletische Figur.

Auch seine Augen fielen Harriet auf – schwarz wie die Nacht. Sein Blick begegnete ihrem jedoch voller Gleichgültigkeit, und schon im nächsten Moment war der geheimnisvolle Fremde verschwunden.

Es war merkwürdig, doch irgendwie fühlte sich Harriet erschüttert. Unbewusst glättete sie den Kragen ihrer weißen Bluse.

Als ob es eine Rolle spielte, wie sie aussah! Als ob sie sich nicht tagtäglich die größte Mühe gab, sich völlig unauffällig zu kleiden, das Haar streng aus dem Gesicht zu kämmen und zu einem Knoten zusammenzufassen. Das Beispiel ihrer Mutter ständig vor Augen, tat sie wirklich alles, um nur ja keine männliche Aufmerksamkeit zu erregen.

Und schon gar nicht von Männern wie diesem eben, dachte sie wütend, während sie nach der Kreditkarte in ihrer Handtasche suchte.

Doch Luigis gute Laune schien heute Gott und die Welt zu umfassen, denn er wollte nichts von einer Bezahlung wissen.

„Sie haben nichts gegessen, Miss Flint, und lediglich Wasser getrunken. Ihr Freund war auch nicht besser. Ich hoffe, dass Sie bei Ihrem nächsten Besuch größeren Appetit mitbringen.“

Bei meinem nächsten Besuch werde ich vermutlich mein ganzes Erbe verloren haben, dachte Harriet bitter, zwang sich aber zu einem dankbaren Lächeln.

Als sie sich zum Gehen wandte, hielt Luigi sie auf, indem er ihr vertraulich zuflüsterte: „Dieser Mann, der gerade hier war – mir ist aufgefallen, dass Sie ihn beobachtet haben, und vermutlich haben Sie sich gefragt, wer er ist.“

Zu ihrer Verärgerung errötete Harriet leicht. „Das geht mich wirklich nichts an …“

„Nein, nein, es wird Sie interessieren. Sie waren schließlich die Erste, der das Bild aufgefallen ist und die es bewundert hat.“ Luigi deutete mit einer ausschweifenden Geste auf ein gerahmtes Gemälde an der Wand. „Ich hätte es ihm sagen sollen.“

„Ihm sagen?“, wiederholte Harriet langsam. Sie schaute auf das Gemälde, das seit etwa drei Wochen dort hing, und plötzlich weiteten sich ihre Augen. „Sie meinen – er hat das gemalt?“

„Sí.“ Luigi nickte und lächelte belustigt. „Sein Äußeres passt doch perfekt, oder? Der brotlose Künstler, der ums Überleben kämpft.“ Er zuckte die Achseln. „Aber er hat Talent. Das haben Sie selbst gesagt, Signorina.“

Harriet betrachtete das Gemälde erneut. Es stimmte schon, das hatte sie gesagt. Von Anfang an hatte das Bild sie gefesselt, auch wenn es nicht der Art Kunst entsprach, die ihr normalerweise gefiel.

Auf den ersten Blick schien es sich um eine relativ simple Komposition zu handeln: eine mediterrane Landschaft mit strahlend blauem Himmel, im Hintergrund die Weite des Ozeans. Im vorderen Teil des Bildes befand sich ein kleines Felsplateau, auf dem ein Tisch mit einer halb leeren Flasche Wein und zwei Gläsern stand. Eines der Gläser war umgefallen, sodass die blutrote Flüssigkeit hinaustropfte. Direkt unterhalb des Felsens, verloren im Sand, lag der vergessene Schuh einer Frau, eine hochhackige Sandale. Sonst nichts.

Es handelte sich um ein Gemälde, das Fragen aufwarf, Spekulationen provozierte. Doch das war nicht der Hauptgrund, weshalb es Harriet derart faszinierte. Vielmehr verströmte das Bild ein so schweres goldenes Licht, dass sie das Gefühl hatte, mitten in die Essenz von Hitze zu schauen. Darin bestand das ungewöhnliche Talent des Malers, das dem Bild eine ganz neue Dimension verlieh.

Doch gleichzeitig war das Gemälde auch ein wenig verstörend. Das mysteriöse Stillleben schien eine unterschwellige Wut auszustrahlen, die geradezu greifbar wirkte.

Aus einem Impuls heraus fragte Harriet: „Steht es zum Verkauf?“

Luigi schüttelte bedauernd den Kopf. „Es tut mir leid – aber es ist bereits versprochen. Der Künstler hat allerdings weitere, gänzlich andere Arbeiten, für die er einen Markt finden möchte. Ich habe bereits einige interessierte Käufer zu ihm geschickt. Er akzeptiert Kommissionen.“

Er hielt einen Moment inne und betrachtete Harriet nachdenklich. „Aber was er wirklich braucht, Signorina, ist ein Mäzen, jemand mit Kontakten in die Kunstwelt. Der Junge braucht endlich eine Ausstellung in einer bekannten Galerie.“

Luigi griff unter die Theke und reichte dann eine billige Visitenkarte herüber. Darauf stand lediglich der Name „Roan“, darunter eine Handynummer.

Harriet betrachtete die Karte und fragte sich, ob Roan der Vor- oder Nachname war. „Ziemlich schlicht.“

„Es ist nicht einfach, wenn man noch am Beginn seiner Karriere steht.“

„Ja, vermutlich nicht.“ Sie steckte die Karte in das Seitenfach ihrer Handtasche, hegte allerdings die Absicht, sie später zu entsorgen. Nach der Verkäuflichkeit des Bildes zu fragen war ein reiner Impuls gewesen – und sie vergaß das Ganze besser schnell wieder.

Außerdem habe ich genug eigene Probleme, auf die ich mich konzentrieren muss, dachte Harriet seufzend, als sie auf die Straße hinaustrat. Eilig begann sie, in Richtung Büro zu marschieren. Harriet liebte ihren Großvater – natürlich tat sie das –, und sie verdankte ihm auch eine ganze Menge, aber sie machte sich keine Illusionen über ihn.

Gregory Flint war so etwas wie ein Dinosaurier. Tyrannosaurus Rex in Person. Das war schon immer so gewesen, und er sah offenbar keinen Grund, irgendetwas daran zu ändern – nicht in seinem Alter und bei seinem Gesundheitszustand.

Harriet konnte sich nur zu gut ausmalen, wie es gewesen sein musste, als ihre Mutter im zarten Alter von achtzehn Jahren trotzig erklärt hatte, dass sie schwanger sei, dass eine Heirat mit dem Vater des Kindes nicht infrage käme und dass sie einer Abtreibung niemals zustimmen würde. Die darauf folgende Explosion war ohne Frage gewaltig gewesen.

Auf jeden Fall hatte der Vorfall dafür gesorgt, dass zwischen Caroline Flint und ihrem Vater ein echtes Zerwürfnis entstand. Caroline wurde sogar aus ihrem Zuhause verbannt, als sie sich standhaft weigerte, das Baby nach der Geburt zur Adoption freizugeben. Sechs Jahre vergingen, ehe wieder ein Kontakt hergestellt wurde.

„Dein Großvater möchte dich kennenlernen, Darling“, verkündete ihre Mutter eines Tages wie aus heiterem Himmel. „Das heißt wohl, dass auch die verlorene Tochter eine zweite Chance bekommt. Wunder gibt es immer wieder.“

Carolines damaliger Freund, ein arbeitsloser Gitarrist namens Bryn, hatte auf Harriet herabgeschaut und gesagt: „Vermassele es bloß nicht, Prinzessin. Wir könnten einen Goldesel gut gebrauchen.“

Am darauffolgenden Tag waren sie nach Gracemead gefahren, und als das Taxi um die letzte Ecke bog und sich mit einem Mal das Anwesen der Flints vor ihnen erstreckte, stockte Harriet der Atem. Nach den unzähligen billigen Apartments, die sie gewohnt war, schien es geradezu unmöglich, dass sie mit einem so wunderschönen magischen Ort verbunden sein konnte – einem echten viktorianischen Landsitz.

Das Gespräch zwischen Gregory Flint und seiner abtrünnigen Tochter fand unter vier Augen statt. Harriet wurde von einer älteren rundlichen Frau, die bereits Carolines Nanny gewesen war, in die Küche entführt und dort mit Milch und selbst gebackenen Keksen versorgt. Mrs. Wade erfüllte mittlerweile auch die Aufgaben einer Köchin und Haushälterin.

Als sich Harriet endlich wieder zu ihrer Mutter gesellen durfte, lächelte diese, allerdings mit einer Art seltsam starrer Entschlossenheit. Ihre Augen waren gerötet.

„Das wird ein Spaß, Sweetie. Du wirst nämlich bei deinem Grandpa bleiben und eine ganz tolle Zeit erleben. Vermutlich wird man dich nach Strich und Faden verwöhnen, nicht wahr, Mrs. Wade?“

„Bleibst du denn nicht auch?“, fragte Harriet erstaunt, doch Caroline schüttelte nur den Kopf.

„Ich muss zurück zu Bryn, Darling. Er hat eine tolle Tour durch Amerika vor sich, bei der er eine berühmte Sängerin begleitet. Wir werden Ewigkeiten unterwegs sein, deshalb ist es besser, wenn du hierbleibst. Gracemead ist ein wundervoller Ort für ein Kind“, fügte sie hinzu, wobei sich für einen Augenblick ein Schatten auf ihr hübsches Gesicht legte.

Nun, wenigstens damit hat sie recht gehabt, dachte Harriet bitter. Sie hatte von diesem Tag an nie wieder bei ihrer Mutter gelebt und sah sie nur noch hin und wieder, wenn sie zu Besuch kam. Allerdings wurden selbst diese Besuche mit der Zeit immer seltener.

Gracemead jedoch wurde zur Konstante in Harriets Leben, ihr Zuhause und ihre Zuflucht. Von Anfang an hatte sie den Eindruck, dass die alten Gemäuer sie tröstend umfingen, um ihr das Gefühl des Verlassenseins zu nehmen. Und sie erwiderte diese Umarmung mit aller Macht – tief in ihrem Innern wusste sie, dass sie hierhergehörte.

Eine Beziehung zu ihrem Großvater aufzubauen hatte länger gedauert. Zunächst verhielt er sich wortkarg und schroff. Erst als er sie eines Tages in seinem Arbeitszimmer vorfand, tief versunken in eine Ausgabe von Black Beauty, änderte sich ihr Verhältnis.

Harriet war zunächst gar nicht aufgefallen, dass sie nicht allein war. Als sie irgendwann aufschaute und feststellte, dass ihr Großvater sie beobachtete, hatte sie im ersten Moment Angst, er könne böse sein. Doch sein Lächeln war überraschend zärtlich. „Deine Mutter hat das auch immer getan, wenn sie gelesen hat“, sagte er und deutete auf die Haarsträhne, die Harriet sich geistesabwesend um den Finger gewickelt hatte. „Und Black Beauty war auch ihr Lieblingsbuch.“

Gregory Flint setzte sich in einen Schaukelstuhl am Kamin und begann, mit seiner Enkelin zu sprechen, wobei er geduldig ihren zögerlichen Antworten lauschte und sie ermutigte, weniger schüchtern zu sein und ihre Meinung frei zu äußern.

Wenn sie jetzt zurückblickte, dann musste Harriet zugeben, dass ihre Kindheit trotz der Abwesenheit ihrer Mutter ziemlich glücklich gewesen war. Anfangs gab es noch Postkarten aus den Staaten, später aus Europa, nachdem die Beziehung zu Bryn in die Brüche gegangen war und Caroline mit einem Profi-Tennisspieler zusammenkam.

Im Laufe der Jahre wurden die Lebenszeichen ihrer Mutter immer seltener, bis sie schließlich ganz ausblieben. Beim letzten Kontakt – eine Karte zu Harriets einundzwanzigstem Geburtstag – schien Caroline mit einem ehemaligen Polospieler in Argentinien zu leben. Doch es war keine Adresse beigefügt, und seitdem hatte Harriet nichts mehr von ihrer Mutter gehört. Irgendwann hatte sie akzeptiert, dass diese Frau nach ihren eigenen Regeln lebte, wobei die Existenz einer Tochter offenbar in eine weit zurückliegende Vergangenheit gehörte.

Ihr Großvater hingegen war fest entschlossen, dass sie nicht dem Beispiel ihrer Mutter folgte – zumindest nicht, wenn er es irgendwie verhindern konnte. Konsequenterweise wurde Harriets Leben von einer Art sanften Diktatur bestimmt, ihre Freiheit eingeschränkt, und ihre Entscheidungen würden regelmäßig infrage gestellt.

Die Tatsache, dass sie beinahe verstehen konnte, warum dem so war, machte die Situation nicht unbedingt leichter oder weniger belastend.

Den ersten großen Krach mit ihrem Großvater gab es, als Harriet achtzehn war und gerade die Klosterschule verlassen hatte. Damals verkündete Gregory, dass er ein Internat in der Schweiz gefunden habe, in der seine Enkelin ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern und einen Gourmetkochkurs absolvieren könne.

Harriet starrte ihn nur ungläubig an. „Du meinst, das ist alles, was ich noch zu lernen brauche? Sprachen und Kochen? Das kann nicht dein Ernst sein. Man könnte fast glauben, wir lebten im vorigen Jahrhundert!“

Die Augenbrauen des alten Herrn zogen sich ärgerlich zusammen. „Hast du etwa andere Ideen?“

„Natürlich!“ Harriet versuchte es mit ihrem gewinnendsten Lächeln. „Ich habe entschieden, ins Familienunternehmen einzusteigen. Ich möchte den Flint-Namen in die nächste Generation führen.“

„Wie bitte? Du willst für Flint Audley arbeiten?“ Gregory lachte spöttisch. „Wo kommt denn diese verrückte Idee her?“

„Es ist doch ein ganz naheliegender Gedanke“, beharrte sie.

„Das finde ich absolut nicht! Was verstehst du denn von Haus- und Vermögensverwaltung? Mieterbelange, Verträge, Instandhaltung, die tausend kleinen Dinge, um die man sich kümmern muss. Du – eine vorwitzige Göre, die gerade erst die Schule verlassen hat!“

„Ich weiß genauso viel wie du und Gordon Audley, als ihr in den Fünfzigern angefangen habt.“ Harriet hob trotzig das Kinn. „Und ganz gewiss genauso viel wie Jonathan Audley mit seinem Abschluss in Musik“, fügte sie spitz hinzu. „Jonathan wurde mit offenen Armen willkommen geheißen – selbst von dir. Dabei würde ich den locker in die Tasche stecken!“

Sie hielt kurz inne. „Weil ich nämlich keine ‚vorwitzige Göre‘ bin, wie du behauptest. Ich bin eine Flint, und ich weiß, was ich will. Ich verdiene eine Chance, mich zu beweisen.“ Etwas ruhiger setzte sie hinzu: „Ich … ich dachte, du würdest dich freuen.“

„Da irrst du dich!“ Gregorys Ton klang geradezu schneidend. „Ich habe ganz andere Pläne für deine Zukunft, Mädchen.“

„Ja, ich weiß. Höfliche französische Konversation irgendwo in den Alpen.“ Harriet schüttelte den Kopf. „Großvater, das würde niemals funktionieren. Ich würde mich zu Tode langweilen! Nein, ich möchte mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen, so wie andere Menschen auch.“ Sie holte tief Luft. „Ich habe Montag ein Vorstellungsgespräch bei Larry Brotherton. Es geht um die Stelle als Assistentin in der Abteilung für Miet-Revision.“

„Niemand“, versetzte ihr Großvater düster, „hat es für nötig gehalten, mich darüber zu informieren. Dabei bin ich offiziell immer noch der Vorstandsvorsitzende.“

„Und deshalb behelligt man dich nicht mit der Besetzung von Nachwuchspositionen.“ Harriet zuckte die Schultern. „Es kann ja auch sein, dass Mr. Brotherton mich ablehnt.“

„Das bezweifle ich stark.“ Gregory schwieg einen Moment, dann knurrte er: „Ich schätze, ich kann es dir nicht verbieten, wenn du wirklich fest entschlossen bist. Und Flint Audley ist immer noch besser als jede andere Firma – zumindest bis du vernünftig wirst und eine Familie gründest.“

Damals war sie zu erfreut über ihren Sieg gewesen, als dass sie groß auf die eigentliche Bedeutung dieser Worte geachtet hätte. In Wahrheit war die Arbeit bei Flint Audley in den Augen ihres Großvaters nur eine Überbrückung, bis Harriet ihre weibliche Pflicht erfüllte und eine günstige Heirat einging.

Als sie die Stelle tatsächlich bekam, stürzte sie sich mit Feuereifer in die Arbeit, sodass sie schon bald befördert wurde. Jetzt, sechs Jahre später, befand sie sich schon auf Management-Level, mit entsprechendem Gehalt, jährlichem Bonus und der Aussicht, die Filiale der Firma außerhalb von London zu erweitern. Zumindest wenn das Meeting an diesem Nachmittag nach ihren Vorstellungen verlief. Doch daran zweifelte sie keine Sekunde.

Es mochte ja sein, dass ihre Kollegen sie nicht besonders mochten. Sie wusste, dass man sie hinter ihrem Rücken „Harriet, den Drachen“ nannte. Ihre Leistungen konnte allerdings niemand bestreiten, und das war es, was für sie zählte.

Wenn doch nur Großvater genauso zufrieden wäre, dachte sie bitter. Seine Meinung zu ihrer Karriere hatte sich jedoch nicht geändert. Im vergangenen Jahr war er sogar noch sturer geworden, sodass sie auf ein regelrechtes Desaster zusteuerten.

„Gracemead ist ein Haus für eine Familie, nicht für eine alleinstehende Frau“, wetterte er. „Du hast genug Zeit verschwendet, Mädchen. Such dir einen vernünftigen Mann, und heirate ihn, oder ich werde mein Testament ändern. Dann wird Gracemead nach meinem Tod verkauft.“

Harriet starrte ihn nur mit offenem Mund an. „Großvater – das ist nicht dein Ernst!“

„Und ob“, erwiderte er harsch. „Ich setze dir eine Frist, Harriet. Wenn du bis zu deinem nächsten Geburtstag nicht verlobt oder, besser noch, verheiratet bist, dann kontaktiere ich meine Anwälte. Als unverheiratete Erbin bist du für jeden schmierigen Geldgeier ein gefundenes Fressen. Ich will endlich einen starken Mann an deiner Seite sehen!“

„Ich glaube das einfach nicht.“ Schock und Zorn hatten sie beinahe ohnmächtig gemacht. „Diese Denkweise gehört ins Mittelalter!“

Aber ein Gregory Flint ließ sich davon nicht beeindrucken. „Wenn du das Haus haben willst, dann wirst du tun, was ich verlange.“

Die Erinnerung an die Auseinandersetzung setzte Harriet auch heute noch zu. Als sie jetzt ihren verärgerten Gesichtsausdruck in einer Schaufensterscheibe gespiegelt sah, bemühte sie sich rasch, weniger grimmig dreinzuschauen. Sie hatte es sich zur Regel gemacht, persönliche Probleme nicht mit ins Büro zu nehmen, sodass niemand auch nur von ihren privaten Sorgen ahnte.

Und das wird auch in Zukunft so sein, schwor sie sich. Bei dem Meeting am Nachmittag musste sie sich ganz darauf konzentrieren, die Zustimmung für ihre Erweiterungspläne zu gewinnen. Allzu einfach würde es nicht werden – es war jetzt schon klar, dass Jonathan Audley sich rein aus Prinzip dagegenstellen würde. Als sie ihn vor Kurzem auf der Karriereleiter überholt hatte, war er unglaublich wütend gewesen, und sie wusste auch, dass sie ...

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