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Geheime Vermächtnisse

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PROLOG

„Bitte!“

Ella hätte nicht sagen können, wie oft sie das in ihrem Leben schon gehört hatte, doch dieses eine Mal würde ihr für immer im Gedächtnis bleiben.

„Bitte, Ella, geh nicht.“

Unschlüssig stand sie am Abflugschalter vom Sydney International Airport. Pass und Bordkarte bereits in der Hand, schaute sie in die flehenden Augen ihrer Mutter. Sie waren dunkelbernsteinfarben mit goldenen Pünktchen, wie ihre eigenen.

Durfte sie der zarten Frau wirklich zumuten, allein mit ihrem Ehemann zurechtzukommen? Aber wie hätte Ella bleiben können, nach dem, was zwischen ihr und ihrem Vater vorgefallen war?

„Du hast doch so ein schönes Heim …“, versuchte ihre Mutter es weiter.

„Nein!“ Sie durfte nicht schwach werden. „Das Apartment habe ich nur gekauft, weil ich geglaubt habe, du würdest ihn endlich verlassen und mit mir dort einziehen. Aber du bist wieder schwach geworden.“

„Ich kann es einfach nicht.“

„Unsinn!“, erwiderte Ella mit fester Stimme. „Ich habe dir jede nur mögliche Hilfestellung gegeben, doch du weigerst dich immer noch.“

„Er ist mein Mann …“

„Und ich bin deine Tochter.“ In Ellas goldenen Augen flammte unterdrückte Wut auf. „Er hat mich brutal geschlagen, Mum!“

„Weil du ihn verärgert und herausgefordert hast und mich überreden wolltest, ihn zu verlassen.“ Obwohl ihre sizilianische Mutter bereits seit dreißig Jahren als Frau eines Australiers hier lebte, war ihr Englisch immer noch ziemlich dürftig.

Ella wusste, dass sie über dieses leidige Thema noch stundenlang diskutieren konnten. Führen würde es zu nichts. Außerdem wurde die Zeit knapp. Also sagte sie, was sie sich zu sagen vorgenommen hatte, und gab ihrer Mutter eine letzte Chance.

„Komm mit mir.“ Sie reichte ihr das Ticket, das sie heimlich besorgt hatte.

„Wie? Ich …“

„Deinen Pass habe ich auch eingesteckt.“ Ella zog ihn aus der Tasche und gab ihn ihrer Mutter, in der Hoffnung, sie würde endlich begreifen, wie ernst es ihr war. Und dass sie alles genau durchdacht und geplant hatte. „Komm mit mir nach Sizilien. Deine Schwestern würden dich mit offenen Armen empfangen. Du könntest dir ein neues Leben aufbauen …“ Sie sah, wie ihre Mutter mit sich rang.

Gabriella vermisste ihre Heimat schmerzlich und sprach ständig von ihren Schwestern. Wenn sie nur den Mut aufbringen würde, sich zu trennen, war ihre Tochter bereit, ihr in jeder erdenklichen Weise zu helfen und zur Seite zu stehen.

„Es … es geht nicht.“

Ihre Mutter war nicht zu überzeugen, und damit musste Ella dieses schmerzliche Thema abschließen. „Tut mir leid, dann muss ich jetzt gehen.“

„Ich wünsch dir eine schöne Reise.“

„Ich fahre nicht in Urlaub, Mum.“ Sie wollte, dass ihre Mutter endlich begriff, wie ernst die Situation war, und dass sie nicht nur für ein paar Wochen unterwegs sein würde. „Ich werde mir eine Arbeit suchen und zukünftig in Europa leben.“

„Aber du hast gesagt, du willst dir Sizilien ansehen.“

„Kann sein, dass ich auch dafür Zeit finde.“ Ella wusste es wirklich nicht. „Aber das steht in den Sternen. Ich hatte ja gehofft, mit dir zusammen dorthin zu fahren. Jetzt werde ich wohl erst mal in Rom bleiben.“

„Solltest du doch noch nach Sizilien kommen, dann grüß deine Tanten von mir“, sagte Gabriella rau. „Erzähl ihnen …“

„Erzähl ihnen nicht, willst du wohl sagen“, unterbrach Ella sie müde. Ihre Mutter würde allein dafür, dass sie mit zum Flughafen gefahren war, zu Hause Ärger bekommen. Da erwartete sie doch wohl nicht, dass sie ihren Tanten vormachte, wie fantastisch ihr Leben hier in Australien war. „Soll ich etwa für dich lügen?“

„Warum tust du mir das an?“, drehte Gabriella den Spieß um, wie immer, wenn Ella ihr widersprach oder sie sich in die Enge getrieben fühlte.

Vielleicht bin ich ihr sogar ähnlicher, als mir lieb ist, dachte Ella voller Unbehagen, da ihr Ähnliches durch den Kopf ging.

Warum tust du mir das an, Mum? Warum hast du nicht protestiert, als du mit ansehen musstest, wie mein eigener Vater mich geschlagen hat? Warum hast du nicht den Mut, alles hinter dir zu lassen?

Natürlich sagte sie das nicht laut. Seit jenem Tag hielt Ella ihre Gefühle und Gedanken streng unter Verschluss und teilte sie mit niemandem. Nicht einmal mit ihrer Mutter. „Ich muss gehen.“ Sie schaute zur Anzeigetafel hoch und schluckte mühsam. „Mum …“, versuchte sie es ein letztes Mal. „Bitte komm mit mir …“

„Lebwohl, Kind.“ Gabriella weinte, als sie das sagte, ihre Tochter nicht.

Sie hatte keine Tränen mehr seit dem schrecklichen Tag vor zwei Monaten. Stattdessen umarmte sie stumm ihre schluchzende Mutter. Kurz darauf stieg sie in den Flieger, schaute auf den leeren Platz an ihrer Seite und versuchte, ihr Schuldgefühl zu unterdrücken. Doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass es nichts mehr gab, was sie sonst noch hätte versuchen können.

In den siebenundzwanzig Jahren, die sie auf der Welt war, hatte Ella den größten Teil ihrer Zeit damit zugebracht, ihre Mutter aus dem Schussfeld ihres Vaters zu halten. Das hatte sogar ihre Berufswahl beeinflusst. Um schnell auf eigenen Beinen zu stehen, suchte Ella sich möglichst lukrative Jobs und verbannte ihre hochfliegenden Träume in den Hinterkopf.

Als Junior-Assistent in den unterschiedlichsten Branchen arbeitete sie sich mit Fleiß und Zielstrebigkeit in die Chefetagen hoch und wurde schließlich Privatsekretärin eines Kommunalpolitikers. Zwei Jahre blieb sie in Canberra, mit den Gedanken stets bei dem Elend zu Hause, bis sie genügend Geld zusammen hatte, um in der Nähe von Sydney eine Eigentumswohnung zu kaufen. In der Hoffnung, ihre Mutter würde zu ihr ziehen, wechselte sie sogar in einen schlechter bezahlten Job, nur um schließlich einsehen zu müssen, dass all ihre Mühen vergebens waren.

Sie konnte ihrer Mutter nicht helfen. Nicht gegen deren Willen.

Zuletzt blieb ihr nur noch, einen radikalen Schnitt zu machen, wenn sie nicht selbst untergehen wollte. So packte Ella ihre Koffer und startete mit vorzüglichen Referenzen und leidlichen Italienischkenntnissen im Gepäck in ein neues Leben.

Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, für ein paar Wochen oder Monate eine Auszeit zu nehmen, um sich von dem Schock des Erlebten zu erholen. Stattdessen richtete sie ihren Fokus darauf, baldmöglichst eine neue Arbeit zu finden, was sich als weit komplizierter herausstellte als angenommen.

Es war Januar, und Ella tauschte den heißen australischen Sommer gegen Italiens nasskalten Winter ein. Trotzdem erschien ihr Rom bunter, betriebsamer und chaotischer als alles, was sie zuvor gesehen hatte. Straßenhändler und Bettler stürzten sich auf sie, sobald sie vors Hotel trat, doch davon ließ sie sich nicht abschrecken.

Begeistert eroberte sie Roms enge Gassen und weite Plätze, stand staunend vor dem Petersdom, dem Kolosseum, gelangte über die Spanische Treppe zur Piazza di Spagna, besichtigte die Sixtinische Kapelle und das Vatikanmuseum. Und sie warf eine Münze in den Trevibrunnen, wie ihre Mutter es ihr aufgetragen hatte. Allerdings mit wenig Hoffnung, da sie nicht glaubte, dass ihre Mum sich je aus ihrer qualvollen Ehe befreien würde.

Ella tat ihr Bestes, um sich von den schweren Gedanken an Zuhause abzulenken, doch selbst während der Zugfahrt zur Ostia Antiqua und der Besichtigung der alten Hafenanlage holte sie die Vergangenheit ein. Während sie fröstelnd am Strand entlang­spazierte, fragte sie sich, wann der Schmerz, die Trauer und das schlechte Gewissen endlich nachlassen würden.

Je eher ich eine Arbeit finde, die mich ablenkt, umso besser …

„Sie haben eine Menge Berufserfahrung für jemand Ihren Alters“, wurde ihr regelmäßig bescheinigt, „aber …“

Wohin sie kam und bei wem auch immer sie sich vorstellte, es war stets dasselbe. Ihre Vita und Bewerbungsunterlagen beeindruckten, doch selbst wenn sie in der Lage war, die Bewerbungsgespräche auf Italienisch zu führen, hieß es im Ergebnis, dass ihre Sprachkenntnisse einfach nicht für die Jobs reichten, die ihr vorschwebten.

„Sie verstehen unsere Sprache offenbar viel besser, als Sie sie sprechen“, bedauerte Claudia, die reizende Angestellte einer Vermittlungsagentur. „Gibt es denn eine Branche, die Sie besonders interessiert?“

Ella wollte schon resigniert den Kopf schütteln, doch dann gab sie sich einen Ruck. Warum nicht nach den Sternen greifen, wenn sie ohnehin nichts zu verlieren hatte? „Die Filmindustrie.“

„Wir vermitteln keine Schauspieler.“

„Nein, nein … was mir vorschwebt, ist die Arbeit hinter den Kameras. Als Regisseurin.“ Das war es, was sie schon immer hatte werden wollen.

Claudia runzelte die Stirn, starrte auf den PC-Monitor und schüttelte bedauernd den Kopf. „Tut mir leid“, sagte sie. Doch als Ella sich bedankte und verabschieden wollte, hielt die hübsche Brünette sie zurück. „Warten Sie, ich habe hier einen Klienten … Corretti Media, sie sitzen in Sizilien, Palermo.“

„Ich habe schon von dem Unternehmen gehört.“ Es gab kaum etwas in der weltweiten Filmindustrie, was Ellas jahrelanger, sehnsüchtiger Recherche entgangen wäre.

„Firmenchef ist Alessandro Corretti …“, las Claudia vom Bildschirm ab, „… sein Bruder Santo fungiert als Produzent.“

„An den Namen erinnere ich mich“, stellte Ella erfreut fest, behielt aber für sich, was ihr sonst noch in diesem Zusammenhang einfiel. Nämlich, dass Santo Corretti offenbar mehr Aufsehen mit Skandalen und seinem Ruf als notorischer Playboy erregte als mit seinen Filmproduktionen. Doch auch Claudia schien informiert zu sein.

„Wie es aussieht, hat dieser Mann einen ziemlichen Verschleiß an persönlichen Assistentinnen!“, stellte sie mit rollenden Augen fest. „Ja, Santo sucht tatsächlich nach einer neuen PA. Von Ihnen würden unter anderem Flexibilität und Mobilität erwartet, weil die Drehorte ständig wechseln. Daneben sollten Sie über ausreichend … Toleranz verfügen, da er so etwas wie ein Garant für Ärger und Skandale ist und einen ziemlich schlechten Ruf genießt, was den Umgang mit Frauen betrifft.“

Ella begegnete Claudias zweifelnder Miene mit festem Blick. Vor ihrem inneren Auge taten sich die exotischsten Szenerien auf, und mit ihnen die Chance, unschätzbare Erfahrungen für ihren Traumjob zu sammeln. Zumindest wäre es ein erster Schritt auf dem Weg dorthin …

„Vielleicht würde er über Ihre fehlenden Sprachkenntnisse eher hinwegsehen, wenn ich ihm sagen könnte, dass Sie bereits Erfahrung in der Filmbranche besitzen.“

„Mein Italienisch wird schnell besser werden“, versprach Ella selbstbewusster, als sie sich fühlte.

Immer noch schien Claudia nicht restlos überzeugt. „Dann wäre da noch das Optische …“

Diesmal fühlte sich Ella ernsthaft angegriffen. Sie hatte nach langer Überlegung ein exquisites graues Businesskostüm gewählt, das sogar fürs australische Parlament gereicht hatte. Okay, inzwischen waren drei oder vier Jahre ins Land gegangen, und das politische Parkett war nicht unbedingt mit einem internationalen Catwalk zu vergleichen …

„Santo Corretti erwartet makelloses Aussehen und Auftreten.“

Ella zwang sich zu einem Lächeln. „Das wird er bekommen … beides.“

„Un momento, per favore.“

Es fiel Ella schwer, ihre Aufregung während des darauf folgenden Telefonats im Zaum zu halten. Zum ersten Mal wollte sie einen Job wirklich haben und spürte, wie sie errötete, als Claudia sich mit prüfendem Blick vorbeugte und dann bestätigte, dass die Bewerberin außerordentlich attraktiv sei.

Ob ihre bernsteinfarbenen Augen und das honigblonde lange Haar tatsächlich als eine Art Visitenkarte gelten konnten? Denn so lautete die Beschreibung der Arbeitsvermittlerin. Die Antwort war offenbar nein, weil Claudia bedauernd mit den Schultern zuckte, nachdem sie aufgelegt hatte.

„Tut mir leid, das war seine gegenwärtige PA. Obwohl sie entschlossen scheint, ihren Job aufzugeben, will sie es ihm offenbar nicht zu leicht machen, wie sie sich ausdrückt. Dieser Santo Corretti scheint ja wirklich … speziell zu sein.“

„Trotzdem, vielen Dank für Ihre Mühe.“

Ella versuchte, nicht allzu enttäuscht zu sein und gönnte sich einen Espresso, nachdem sie die Agentur verlassen hatte. Durchs Fenster des kleinen Cafés starrte sie freudlos auf das geschäftige Treiben außerhalb, von dem sie sich auf einmal furchtbar ausgeschlossen fühlte. Schon ein flüchtiger Blick auf die eleganten Römerinnen machte ihr bewusst, wie hoch der Anspruch sein musste, den Santo Corretti an seine PA legte.

Egal! Ich bin ja nicht einmal sicher, ob ich überhaupt in Sizilien arbeiten und auf den Spuren der Vergangenheit meiner Mutter wandeln will …

Oder doch?

Plötzlich fühlte sie ihr Herz ganz oben im Hals schlagen. Nein, so leicht würde sie sich nicht entmutigen lassen. Anstatt gleich die nächste Agentur auf der Suche nach einem anderen Job zu entern, schlenderte Ella an den aufregend dekorierten Schaufenstern der angesagtesten Designer-Boutiquen entlang und überlegte, was für einen Stil Santo Corretti wohl von seiner PA erwartete.

Und genau das fragte sie kurz darauf eine perfekt gestylte Verkäuferin. Sie nannte zwar nicht seinen Namen, sondern sagte nur, sie habe ein wichtiges Einstellungsgespräch in der Filmbranche vor sich. Wie sich herausstellte, hatte sie mit der Wahl der Boutique einen wahren Glücksgriff getan, da sie nicht nur bezüglich ihrer Garderobe gut beraten, sondern ihr auch gleich noch ein angesagter Friseur und ein Kosmetikstudio empfohlen wurden.

Als Ella am frühen Nachmittag in ihrem Hotel auscheckte, schimmerte ihr langes, lockiges Haar wie flüssiges Gold und wurde als glänzende Flut im Nacken mit einer schlichten Spange zusammengehalten. Ein raffiniert unauffälliges Make-up ließ sie frisch und kompetent wirken, wozu auch die sorgfältig manikürten und lackierten Fingernägel passten.

Auf dem Weg zum Flughafen dachte sie an die Insel, die sie nur von verblichenen Fotos kannte, die ihre Mutter wie einen Schatz hortete. Trotz ihrer Begeisterung angesichts der majestätischen, schneebedeckten Berge, der schillernden azurblauen See und der reizvollen Küstenlinie mit den pittoresken Dörfern und antiken Stätten war Ella nicht sicher, ob sie sich dieser Herausforderung gewachsen fühlte. Bisher war ihre mutigste Entscheidung im Leben die gewesen, Australien zu verlassen und damit ihr altes Leben aufzugeben.

Als sie in Palermo aus dem Flieger stieg und ihr Gesicht der blassen Wintersonne entgegenhielt, sagte sie sich, dass dies der erste Schritt in ihr neues Leben sein könnte. Ein Leben, das sie vielleicht sogar ihrem heimlichen Traum näher brachte.

Oder sich als riesiger Fehler erwies. Sie würde es schnell herausfinden.

Ella schob das Kinn vor und stieg in ein weißes Taxi. „Corretti Media“, sagte sie lässig und hielt den Atem an, aus Furcht, der Fahrer könnte sie nach der Adresse fragen oder behaupten, keine Firma dieses Namens zu kennen. Doch sie hatte Glück. Er nickte nur und fädelte den Wagen in den fließenden Verkehr ein. Währenddessen zog Ella einen Schminkspiegel hervor, kontrollierte ihr Make-up, richtete die Frisur und lächelte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu.

Die neuen, perlweiß schimmernden Kronen waren noch etwas ungewohnt. Niemand würde je erahnen, wie hoch der Preis gewesen war, den sie dafür hatte zahlen müssen … und das nicht in Geld.

Ella ließ den Spiegel zuschnappen und verbannte jeden Gedanken an ihren Vater in den Hinterkopf.

Als das Taxi vor dem Corretti Media Tower anhielt, entstieg ihm eine sehr entschlossene junge Frau, die den Fahrer entlohnte und ohne zu zögern das hohe Gebäude betrat. Mit selbstsicherem Lächeln und einem gut vorbereiteten Satz in flüssigem Italienisch informierte sie die Rezeptionistin, dass sie wegen der freien Stelle als persönliche Assistentin des Produzenten gekommen sei.

„Un attimo, Signorina.“ Die Empfangsdame griff nach dem Hörer, und kurz darauf betrat Ella den gläsernen Lift, der sie in gefühlter Überschallgeschwindigkeit nach oben entführte. Dort wurde sie von einer ausgesprochen attraktiven, tränenüberströmten jungen Frau empfangen, die ihr einen ledergebundenen Terminkalender und einen Wagenschlüssel in die Hand drückte.

„Buona fortuna!“, wünschte sie ihrer Nachfolgerin mit bebender Stimme und zischte etwas in Richtung der offenstehenden Bürotür, das Ella sogar verstand. „La prima volta che m’inganni la colpa è tua, ma la seconda volta la colpa è mia!“

Ella hatte es ab und zu von ihrer Mutter gehört: Legst du mich einmal herein, bist du der Schuft, hintergehst du mich ein zweites Mal, Schande über mich!

„Ich nehme an, das ist ein Nein?“

Die tiefe Stimme ließ Ella aufhorchen. Als der Sprecher sich zu ihnen gesellte, konnte sie sogar die Bereitschaft der Unglücklichen verstehen, ihm eine zweite Chance einzuräumen. Eine dritte würde er wohl nicht bekommen, da seine PA mit einem erstickten Schluchzen in Richtung Lift floh und Ella einfach ihrem Schicksal überließ.

Grünbraune Augen begegneten bernsteinfarbenen. Um seine perfekt geschnittenen Lippen spielte der Hauch eines Lächelns, und auf der schmalen, unrasierten Wange prangte der deutlich sichtbare Abdruck einer Frauenhand.

„Sind Sie wegen eines Bewerbungsgesprächs hier?“, fragte er auf Italienisch.

Als Ella nickte und sich ihm ebenfalls auf Italienisch vorstellte, dirigierte er sie mit dem Kinn in Richtung seines Büros. Sie folgte ihm bereitwillig.

Er selbst brauchte sich nicht vorzustellen.

1. KAPITEL

Santo schreckte aus dem Schlaf hoch. Sein Herz raste, und als er die Hand ausstreckte, ertastete er nicht den erwarteten warmen und wohltuenden Frauenkörper. Mühsam hob er die schweren Lider. Anstatt in seinem Bett mit einer willigen Geliebten an der Seite, lag er auf einem fremden, extrem unbequemen Sofa.

Was war in der letzten Nacht geschehen?

Sein Hirn fühlte sich dumpf und umnebelt an. Statt eines klaren Bilds lieferte es ihm nur unzureichende Erinnerungsfetzen und blitzlichtartige Impulse, die ihn irritierten und verunsicherten. Auf dem Boden lag eine leere Whiskyflasche. Santo stieg über sie hinweg, um ins Badezimmer zu gelangen. Als er an sich heruntersah, stellte er fest, dass er immer noch den Hochzeitsanzug trug, allerdings fehlte die Krawatte, und das Hemd war am Hals offen und total zerknautscht.

Mechanisch überprüfte Santo die Innentaschen seines Jacketts und dachte dabei an Ella, seine PA, die diese Kontrolle mehrfach von ihm verlangt hatte, bevor er aufgebrochen war, um seinem Bruder bei dessen Hochzeit als Trauzeuge zur Seite zu stehen. Die Ringe waren noch da.

Santo benetzte sein Gesicht mit kaltem Wasser und begutachtete mit düsterem Blick die zahlreichen Blessuren auf Wangen und Stirn. Die verräterischen Liebesbisse an seinem Hals beunruhigten ihn weit weniger als das verfärbte Auge und die aufgeplatzte Lippe. Und dann kehrte die Erinnerung schlagartig zurück.

Alessandro!

Hastig eilte er ins Zimmer und griff zum Telefon, um einen Wagen zu bestellen. Doch da die offenkundig unerfahrene Nachtschicht an der Hotelrezeption taktlos fragte, wohin er zu fahren wünsche, legte er gleich wieder auf und trat ans Fenster. Von seinem luxuriösen Aussichtspunkt konnte er die Paparazzi draußen lauern sehen.

Überrascht stellte Santo fest, dass er die Vorstellung momentan nicht ertrug, ihnen oder seinem Bruder ganz allein gegenüberzutreten.

„Können Sie mich abholen?“

Trotz der unchristlichen Stunde hatte Ella automatisch zum Hörer gegriffen und das Gespräch mit geschlossenen Augen entgegengenommen. Nach vier Monaten als Santos PA war sie es gewohnt, zu jeder Tages- und Nachtzeit angerufen zu werden. Allerdings hatte sich ihr Boss noch nie so schrecklich angehört wie an diesem frühen Morgen. Seine tiefe Stimme war immer noch unglaublich sexy, obwohl sie belegt klang und deutlich seine innere Anspannung verriet.

Schrecklich und unglaublich sexy waren durchaus zutreffende Beschreibungen für Santo Corretti, dachte Ella, hob die Lider und sah zur Uhr hinüber.

„Es ist kurz vor sechs“, stellte sie kühl fest, „und Sonntag.“

Was eigentlich Grund genug sein müsste, das Telefonat zu beenden und sich noch einmal auf die Seite zu drehen. Doch Schlaf würde sie ohnehin nicht mehr finden, zumal sie die ganze Nacht mit seinem Anruf gerechnet hatte. Darum hatte sie auch die weichen Lockenwickler im Haar und die passende Garderobe auf dem Stuhl neben dem Bett, bereit zum Hineinschlüpfen.

Wie ganz Sizilien hatte Ella das Hochzeitsdrama gestern Nachmittag life im Fernsehen verfolgen können und die halbe Nacht sämtliche Nachrichtensendungen gesehen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Selbst ihre Mutter in Australien, die aus Heimweh und Nostalgie regelmäßig italienische Sendungen und Nachrichten einschaltete, würde inzwischen wissen, dass die in ganz Italien allseits beachtete Hochzeit von Santos Bruder Alessandro in letzter Minute geplatzt war.

Und zwar in der sprichwörtlich letzten Minute, in der seine Braut Alessia Battaglia ihn vor dem Altar stehen lassen hatte und durch den Mittelgang der Kirche entflohen war.

Jetzt wartete die Weltöffentlichkeit darauf, wie zwei der mächtigsten und berüchtigsten Familien Siziliens auf diesen Eklat reagieren würden.

Daher hatte Ella geahnt, dass Santo ihre Dienste möglicherweise noch vor Montagmorgen benötigte. „Heute ist mein einziger freier Tag“, fühlte sie sich trotzdem bemüßigt, ihren Boss zu erinnern. Natürlich war sie als seine PA nicht zur Hochzeit eingeladen worden. Stattdessen musste sie dafür sorgen, dass Santo nüchtern und perfekt gekleidet rechtzeitig vor der Kirche auftauchte und wie gewohnt eine hinreißende Figur machte.

„Ich muss Alessandro vom Polizeipräsidium abholen. Er ist letzte Nacht verhaftet worden.“

Resigniert schloss Ella die Augen. Sie fragte lieber nicht nach Details. Doch insgeheim überlegte sie, was noch alles passiert sein mochte. Während der Fernsehübertragung hatte sie stumm ein Glas Sekt in Richtung Bildschirm erhoben, als Santo vor der Kirche aus dem Wagen gestiegen war. Da hatte er noch mit seinem Bruder geplaudert und gescherzt.

Die beiden könnten Zwillinge sein, und wer auch immer für ihre überwältigende Attraktivität verantwortlich war, verdiente auf alle Fälle einen zweiten Toast. Beide Männer waren hochgewachsen und breitschultrig. Beide trugen das lackschwarze Haar kurz geschnitten und ließen die Frauenwelt mit ihrem trägen Schlafzimmerblick aus braungrünen Augen nur so dahinschmelzen.

Doch es gab auch Unterschiede.

Zwei Jahre trennten die Brüder. Als Erstgeborener des verstorbenen Patriarchen Carlo Corretti trat Alessandro dominanter und rücksichtsloser auf, während Santo sich in der Rolle des lebenslustigen Genießers und Herzensbrechers gefiel. Was ihre zynische, sorglose Arroganz betraf, standen sie einander allerdings in nichts nach.

„Nun machen Sie sich schon auf den Weg und holen mich ab“, forderte Santo, als wollte er diese Tatsache bestätigen.

Ella seufzte und tröstete sich damit, die ewig wiederkehrenden Dramen und Skandale der Correttis bereits in wenigen Wochen für immer hinter sich lassen zu können, falls sie ...

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