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Geheimauftrag: Verführung

PROLOG

North Carolina, Militärinternat

vor 17 Jahren

Sie hatten ihm den Kopf rasiert und ihn in ein Militärinternat gesteckt. Konnte man sich etwas Schlimmeres vorstellen? Da er erst fünfzehn war, lagen noch einige Jahre vor ihm, bis er die Schule beenden würde. Er hatte also genug Zeit, es herauszufinden.

Troy Donavan stand im Türrahmen der ihm zugewiesenen Baracke und suchte den Raum mit den Augen nach seinem Spind ab. Ungefähr die Hälfte der Doppelbetten war belegt von Jungs, deren Haare ebenso kurz rasiert waren wie seine – auch in diesen Punkt hatte sein Vater sich durchgesetzt. Endlich war das lange Haar seines Sohnes ab, für das sich Dr. Donavan so geschämt hatte. Obwohl der angesehene Arzt sich kaum weniger geschämt haben dürfte, als sein Sohn dabei erwischt wurde, wie er in den Computer des Verteidigungsministeriums eindrang.

Jetzt war er in sein „Gefängnis“ nach North Carolina gebracht worden, das beschönigend als Militärinternat bezeichnet wurde. Sein Vater hatte dafür gesorgt, dass der Richter einem Vergleich zustimmte. Troy schloss die Hand fest um den Riemen seiner Tasche, um den Impuls zu unterdrücken, die nächstliegende Fensterscheibe einzuschlagen.

Er schritt die Reihe der Doppelbetten ab, bis er in der letzten Reihe ein Bett fand, das mit seinem Namen gekennzeichnet war. Er warf seine Tasche auf das leere untere Bett.

Jemand ließ seinen Fuß, der in einem makellos sauberen Schuh steckte, vom oberen Bett herunterbaumeln. „Du bist also der Robin-Hood-Hacker“, hörte er eine sarkastische Stimme von oben. „Willkommen in der Hölle.“

Das fing ja gut an. „Danke. Und nenn mich nicht so.“

Troy richtete sich auf, um zu sehen, wer ihn da so freundlich willkommen hieß.

Der Junge, der oben lag, trug eine Brille und las.

Troy hasste es, wenn jemand ihn mit dem Namen ansprach, den die Presse ihm gegeben hatte. Er hatte zwar mit illegalen Mitteln die korrupten Machenschaften von Angehörigen des Verteidigungsministeriums und einer Gruppe von Kongressmitgliedern aufgedeckt, aber eigentlich war es ihm nur darum gegangen, die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erringen.

Ganz egal aus welcher Perspektive man das Ganze betrachtete, er war kein Gutmensch oder Robin Hood, verdammt noch mal.

Er öffnete seine Tasche, die Unterwäsche und mehrere Uniformen enthielt, und versuchte, nicht in den kleinen Spiegel, der an der Tür seines Spinds hing, zu blicken. Er hatte sich noch nicht an seinen kahlen Anblick gewöhnt.

Wenn er nur seinen Computer hätte. Direkte soziale Kontakte waren nicht seine Stärke. Der vom Gericht beauftragte Psychiater hatte gesagt, dass er Schwierigkeiten habe, sich auf andere Menschen einzulassen, und deshalb in die Cyberwelt geflüchtet sei. Der Möchtegern-Freud hatte recht gehabt.

Und jetzt saß er fest in dieser bescheuerten Baracke mit einer ganzen Gruppe von anderen Menschen.

Er setzte sich neben seine Tasche auf das Bett. Irgendwie musste er hier weg. Eine Hand tauchte von oben auf und hielt ihm ein tragbares Videospiel hin.

Es war zwar kein Computer, aber immerhin elektronisch. Er nahm das ihm hingehaltene Gerät und ließ sich nach hinten auf sein Bett sinken. Der Junge von oben machte keine einzige dumme Bemerkung mehr. Vielleicht war er doch nicht so übel.

Troy begann zu spielen.

1. KAPITEL

Hillary Wright brauchte dringend eine Ablenkung auf ihrem Flug von Washington D. C. nach Chicago.

Als sie sich auf den Fensterplatz sinken ließ, blies ihr die Lüftung recycelte Kabinenluft ins Gesicht. Schnell schloss sie die Kopfhörer an und machte die Augen zu. Sie wollte nur endlich in Chicago ankommen und den schlimmsten Fehler, den sie je in ihrem Leben gemacht hatte, vergessen machen.

Hillary wechselte mehrmals den Sender, bis sie etwas fand, das ihr gefiel. Passagiere drängelten sich durch den Mittelgang auf der Suche nach ihren Plätzen in den Reihen weiter hinten. Normalerweise hätte sie auch auf einem der günstigeren Plätze gesessen, aber heute flog sie zum ersten Mal erster Klasse. Auf Kosten der CIA. Eine vollkommen verrückte Vorstellung. Bis vor einem Monat kannte sie die CIA höchstens aus dem Fernsehen. Und jetzt musste sie dieser Organisation helfen, um nicht ins Gefängnis zu kommen.

Sie ließ sich tiefer in ihren Sitz sinken und legte den Arm über die Augen. Sie war so nervös, dass sie ihre erste Reise nach Chicago überhaupt nicht genießen konnte.

Früher hatte sie davon geträumt, der Kleinstadt in Vermont, in der sie aufgewachsen war, zu entkommen. Ihr Job als Event-Managerin in Washington war ihr zuerst wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen. Sie hatte interessante Menschen getroffen, über die sie ansonsten höchstens in der Presse gelesen hätte. Politiker, Filmstars und Angehörige der High Society.

Und ihren Freund, dessen exklusiver Lebensstil sie vollkommen geblendet hatte. So geblendet, dass sie nicht gesehen hatte, wer er wirklich war. Er hatte sich als Wohltäter aufgespielt und reiche Geschäftspartner dazu gebracht, Geld an gemeinnützige Organisationen zu spenden, die in Wirklichkeit gar nicht existierten.

Wie dumm sie gewesen war. Wieder einmal hatte sie dem falschen Mann vertraut, und jetzt musste sie zusehen, wie sie sich aus diesem Schlamassel wieder befreite.

Von nun an würde sie besser auf der Hut sein.

Sie lauschte der Musik und versuchte, die Außenwelt komplett auszublenden. Konzentrier dich auf deine Aufgabe. Bleib ruhig. Du musst nur dieses Wochenende überstehen.

Sie würde den Geschäftspartner ihres Exfreundes Barry auf der Party in Chicago identifizieren und eine offizielle Aussage bei Interpol machen. So würde sie dabei helfen, die Machenschaften einer internationalen agierenden Geldwäscheorganisation aufzudecken. Danach würde sie ihr altes Leben wieder aufnehmen.

Sie würde großartige Partys veranstalten, über die in den großen Tageszeitungen berichtet würde, und ihre Karriere würde sich kometenhaft entwickeln. Ihr Versager-Ex würde im Gefängnis in Klatschmagazinen über sie lesen und sich noch umschauen. Vielleicht würden sogar Fotos von ihr in den Magazinen erscheinen. Fotos, auf denen sie so heiß aussah, dass Barry in seiner Zelle Höllenqualen leiden würde.

Dieser Dreckskerl.

Sie presste Daumen und Zeigefinger an den Nasenrücken, um die Tränen zu unterdrücken.

Jemand tippte ihr auf die Schulter und unterbrach sie dabei, sich selbst zu bemitleiden. Sie zog einen Kopfhörer aus dem Ohr und als sie aufblickte sah sie … einen Anzug. Einen dunkelblauen Anzug und eine edle Krawatte mit einer Vintage-Krawattennadel.

„Entschuldigen Sie bitte, Madam. Sie sitzen auf meinem Platz.“

Eine ruhige und höfliche Stimme, die nicht den leisesten Anflug der schlechten Laune offenbarte, die viele Reisende zu haben schienen. Das Gesicht des Besitzers dieser Stimme lag im Schatten – das Sonnenlicht, das durch das Fenster hinter ihm schien, umrahmte seinen Kopf, sodass sie nur sein braunes Haar erkennen konnte, das so lang war, dass er es hinter die Ohren gesteckt hatte. Er trug eine Armbanduhr von Patek Phillipe und einen perfekt geschnittenen Caraceni-Anzug. Designer, die Hillary erst ein Begriff waren, seitdem sie in Washington für High-Society-Kunden gearbeitet hatte.

Und sie saß tatsächlich auf seinem Platz.

Schuldbewusst zuckte sie zusammen und tat so, als ob sie auf ihrem Ticket nach der Sitznummer schauen musste, obwohl sie längst wusste, was dort stand. Mein Gott, wie sie es hasste, am Gang zu sitzen. Sie hatte innerlich gebetet, dass der Sitz neben ihr frei bleiben würde. „Bitte entschuldigen Sie. Sie haben recht.“

„Wissen Sie was?“ Er legte seine Hand auf die Lehne des freien Sitzes. „Wenn Sie lieber am Fenster sitzen, bleiben Sie dort. Ich nehme einfach diesen hier.“

„Sind Sie sicher?“

„Keine Sorge.“ Er verstaute seine Aktentasche im Gepäckfach über ihren Köpfen, bevor er sich setzte.

Dann wandte er sich ihr zu und jetzt schien das Licht so, dass sie ihn ganz sehen konnte – und was sie da sah! Er war heiß! Ein kantiges Gesicht, lange Wimpern, die ihren Blick auf seine grünen Augen lenkten. Er war wahrscheinlich Anfang dreißig, was sie aus den kleinen Falten schloss, die um seine Augen erschienen, als er sie offen anlächelte.

Hillary legte den Kopf zur Seite, um ihn ausgiebiger zu betrachten. Er kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht genau, woher … Sie schüttelte das Gefühl ab, ihn schon einmal gesehen zu haben. Auf den Partys, die sie in Washington geplant hatte, hatte sie so viele Leute getroffen. Ihre Wege konnten sich bei vielen Gelegenheiten gekreuzt haben. Allerdings hatte sie ihn bestimmt nicht von Nahem gesehen, denn sie hätte ihn bestimmt nicht vergessen.

Das Flugzeug setzte sich in Bewegung, und er schnallte sich an. „Sie fliegen nicht gerne.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Sie wollen am Fenster sitzen, aber die Sichtblende ist heruntergelassen. Ihre Kopfhörer haben Sie schon angeschlossen und Sie halten sich an der Armlehne fest.“

Gut aussehend und aufmerksam. Hm …

Sie wollte ihn gern in dem Glauben lassen, dass sie nervös war, weil sie Angst vor dem Fliegen hatte. „Erwischt. Sie haben recht.“

„Möchten Sie vielleicht etwas trinken? Das hilft manchmal.“

Er streckte die Hand nach oben, um auf den Knopf über seinem Kopf zu drücken und die Stewardess zu rufen. Hillary griff nach seinem Handgelenk, um ihn aufzuhalten. Als sie ihn berührte, hatte sie das Gefühl, als wäre ihr ein leichter Stromschlag versetzt worden. Sie schienen beide statisch aufgeladen. Jedenfalls hoffte sie, dass das der Grund war …

Sie räusperte sich und kreuzte die Arme vor der Brust, um ihre Hände zu verbergen. „Das ist nicht nötig. Die Stewardess informiert gerade über die Sicherheitsvorkehrungen …“, sie sprach leiser, „… und versucht, uns mit Blicken zu töten, weil wir reden.“

Verschwörerisch lehnte er sich zu ihr hinüber. „Dann werde ich Sie ablenken, bis die Stewardess Zeit für uns hat.“

Er war ihr jetzt so nah, dass sie die bösen Blicke der Stewardess überhaupt nicht mehr wahrnahm. Sie war fasziniert von seinen grünen Augen, aus denen er sie mit unverhohlenem Interesse ansah.

Eine Wohltat für ihr Ego. Und eine hervorragende Ablenkung.

Auf einmal stellte das Paar, das vor ihnen saß, seine Rückenlehnen abrupt zurück und sie konnten sehen, dass sie sich heftig küssten.

„Ich kann gar nicht verstehen, warum die Stewardess uns böse anschaut und nicht die beiden.“

„Vielleicht feiern sie ihren Jahrestag.“ Fragend zog er eine Augenbraue nach oben.

Hillary schnaubte.

„Glauben Sie nicht an die Liebe?“

„Wollen Sie mir etwa erzählen, dass Sie an die wahre Liebe glauben?“ Sie dachte an seinen teuren Anzug, die Grübchen in seinen Wangen und seinen ungezwungenen Charme. „Bitte fassen Sie es nicht als Beleidigung auf, aber Sie scheinen mir nicht der Typ zu sein, der sich gern fest bindet.“

Ups, da war sie vielleicht doch etwas zu weit gegangen.

Er lachte jedoch nur leise und legte sich eine Hand auf die Brust.

„Es bricht mir das Herz, dass Sie so schlecht von mir denken“, erwiderte er melodramatisch.

Nun musste auch Hillary lachen. Sie schüttelte den Kopf und konnte nicht mehr aufhören. Dabei spürte sie, dass ihre Anspannung nachließ. Als sie bemerkte, dass er sie unverwandt ansah, wurde sie wieder ernst.

Er zeigte auf das Fenster. „Wir sind jetzt in der Luft. Sie können die Sichtblende öffnen und sich entspannen.“

Entspannen? Für einen Moment war sie verwirrt, doch dann fiel ihr wieder ein, dass er dachte, sie leide unter Flugangst. Und dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie wirklich nervös war.

Barry, dieser Mistkerl. Und sein Komplize, den sie auf der Wohltätigkeitsveranstaltung an diesem Wochenende in Chicago identifizieren sollte. Sie hatte ihn nur zweimal gesehen und hoffte, dass er sie nicht wiedererkennen würde.

Sie begann, nervös mit dem Verschluss des Anschnallgurtes zu spielen. „Danke für Ihre Hilfe …“

„Troy.“ Er streckte die Hand aus. „Ich bin Troy, aus Virginia.“

„Und ich bin Hillary, aus Vermont.“ Sie bereitete sich innerlich auf den nächsten Stromschlag vor und schüttelte seine Hand. Ja, es fühlte sich wieder so an wie vorhin. Hitze zog sich von ihrer Hand ihren Arm hinauf. Trotz aller Vorsätze, Männer in nächster Zeit auf Abstand zu halten, konnte sie die körperliche Reaktion nicht unterdrücken. Andererseits, was war falsch daran, sich von jemandem angezogen zu fühlen?

Wenn sie an die Aufgabe dachte, die vor ihr lag, wurde sie nur wieder nervös. Also beschloss sie, sich lieber weiter von dem gut aussehenden Mann neben ihr ablenken zu lassen.

„Also, Troy, was verschlägt Sie nach Chicago?“

Troy hatte Hillary Wright sofort erkannt, als er das Flugzeug betreten hatte. Sie sah genauso aus wie auf dem Foto, das sich in ihrer Interpol-Akte befand. Einschließlich der Sommersprossen auf der Nase und dem roten Haar.

Auf dem Foto war jedoch nichts von ihrem Körper zu sehen, was ein grobes Versäumnis war. Sie war … sexy. Sie hatte Kurven und lange Beine und etwas Unschuldiges an sich. Normalerweise stand er nicht auf naive Frauen, aber wann hatte er sich jemals darum geschert, das Erwartete zu tun?

Genau deshalb war er heute hier, in diesem Flugzeug, in dem auch sie saß, anstatt dem Plan zu folgen, den sich die Agenten von Interpol und der CIA ausgedacht hatten. Er wollte sie kennenlernen, wenn sie noch nicht wusste, wer er war.

Beim Einchecken hatte er Glück gehabt. Der Fenstersitz neben ihr war noch frei. Es war fast zu einfach gewesen, und sie war vollkommen ahnungslos. Auf ihrer sommersprossigen Nase hätte ebenso gut „frisch vom Land“ stehen können.

Eine leicht nach oben geneigte Nase, die er gerne küssen würde, wenn er seinen Weg zu ihrem Ohrläppchen suchte. Von dem Foto wusste er, dass sie hübsch war, aber das Foto hatte die besondere Energie, die sie ausstrahlte, nicht einfangen können. Ebenso wenig wie die Unschuld.

Sie sollte sich nicht auf diesem Flug befinden.

Innerlich verfluchte Troy diejenigen, die bestimmt hatten, dass sie vor Ort sein sollte. Er hätte die Identifizierung in Chicago ohne Weiteres ohne sie vornehmen können, aber sie hatten darauf bestanden, dass sie dabei sein müsse, um sein Urteil zu bestätigen. Jetzt, da er sie gesehen hatte, war ihm klar, dass sie der Aufgabe am Wochenende allein nicht gewachsen war. Schließlich ging es um eine Gruppe von Betrügern, die im Schatten einer Wohltätigkeitsorganisation Geldwäsche betrieben und vor nichts zurückschreckten.

„Troy? Hallo?“ Hillary wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht. Er konnte sehen, dass ihre Fingernägel bis zum Nagelbett abgekaut waren. „Was haben Sie vor in Chicago?“

„Geschäfte.“ Das war die Wahrheit. „Ich arbeite mit Computern.“ Wieder wahr. Das reichte jetzt. Sie würde früh genug erfahren, wer er wirklich war … und sich dann bestimmt anders verhalten. Sich zurückziehen oder eingeschnappt sein. Die Leute verurteilten ihn entweder wegen seiner Vergangenheit oder seines Geldes. „Und was treibt Sie dorthin?“, fragte er, obwohl er es bereits wusste.

„Eine Wohltätigkeitsgala. Ich bin Event-Managerin und … mein Boss möchte, dass ich mir einen der Küchenchefs auf der Veranstaltung ansehe.“

Sie war eine lausige Lügnerin. Wenn er nicht bereits gewusst hätte, warum sie wirklich nach Chicago flog, hätte er spätestens jetzt bemerkt, dass etwas faul war an ihrer Geschichte.

„Einen Küchenchef… In Chicago … Und Sie arbeiten in Washington?“

„Ich bin auf Charity-Veranstaltungen spezialisiert. Mit der Planung der Gala in Chicago habe ich nichts zu tun. Ich will mir nur ein Bild davon machen, was die Konkurrenz so treibt. Es ist eine ziemlich große Angelegenheit, die sich über das ganze Wochenende zieht. Freitagabend geht es los. Verschiedene Partys und …“ Sie hielt verlegen inne. „Entschuldigen Sie, ich rede zu viel. Sie müssen ja nicht den ganzen Ablauf kennen.“

„Also sind Sie darauf spezialisiert, Partys für die Reichen und Berühmten auszurichten.“ Er lächelte aufgesetzt.

Verärgert presste sie die Lippen zusammen, bevor sie antwortete. „Denken Sie doch, was Sie wollen. Ich brauche Ihre Zustimmung nicht.“

Eine gute Einstellung. Warum also musste er sie so auflaufen lassen? Weil sie so verdammt hübsch aussah, wenn ihre Augen wütend funkelten?

Selten waren Menschen so direkt. Allerdings konnte man sich damit auch ganz schön in Schwierigkeiten bringen.

Er wusste genau, wovon er sprach. Als er damals mit fünfzehn verurteilt worden war, hatte es seine ganze Anstrengung erfordert, die Auflagen des Gerichts zu erfüllen. Allerdings hatte das Militärinternat auch viel Positives in seinem Leben bewirkt. Er hatte Freunde gefunden und gelernt, sich an Regeln zu halten. Als er nach einer Weile wieder am Computer arbeiten durfte, hatte er angefangen, Software zu entwickeln, und sein Unternehmen gegründet, das ihm heute mehr Geld einbrachte, als sein Vater, der erfolgreiche Arzt aus gutem Hause, jemals verdient hatte.

Aber die Erlaubnis, wieder am Computer zu arbeiten zu dürfen, hatte ihren Preis. Jede seiner Bewegungen wurde vom FBI überwacht. Man befürchtete, dass er es wieder versuchen würde, jetzt, nachdem er einmal den Kick erlebt hatte, den der Einbruch in ein hochgesichertes System auslöste. Und in der Tat war die Verlockung groß.

Als er einundzwanzig war, trat man mit einem Angebot an ihn heran. Wenn er jemals wieder ein solches Hochgefühl erleben wolle, müsse er seine Fähigkeiten gelegentlich der US-Abteilung von Interpol zur Verfügung stellen.

Damals hatte er widerwillig zugestimmt, aber jetzt, mit zweiunddreißig Jahren, gefiel es ihm sogar, der „Mann auf Abruf“ zu sein, der für besonders heikle Operationen eingesetzt wurde.

Mit der Zeit bat man ihn sogar um Hilfe, wenn es um mehr als seine Computerkenntnisse ging. Sein Wohlstand öffnete ihm die Türen der Reichen und Mächtigen, und wenn Interpol einen Kontakt in diesen Kreisen brauchte, rief man ihn an. Seine Hauptaufgabe bestand jedoch immer noch darin, im Hintergrund seine Computerkenntnisse zu nutzen. Bei Aktionen wie der, die an diesem Wochenende bevorstand, wurde er höchstens einmal im Jahr eingesetzt, um seine Tarnung nicht zu gefährden.

Und genau diese Gefahr bestand jetzt, wenn Hillary Wright an der Operation teilnahm, weil sie ihre Rolle nicht überzeugend spielen würde.

Das war ihm klar gewesen, sobald er ihre Akte gelesen hatte, auch wenn es anscheinend niemandem sonst aufgefallen war. Verstehe wer will, dass man ihn zwar ein Genie nannte, aber nicht auf seinen Rat hörte. Deshalb hatte er es arrangiert, dass er sie vorher im Flugzeug traf. Er würde das ganze Wochenende nicht von ihrer Seite weichen und sicherstellen, dass sie die Operation nicht gefährdete.

Zugegeben, die Vorstellung, das Wochenende an ihrer Seite zu verbringen, war nicht unangenehm.

Zum ersten Mal seit Jahren war er nicht gelangweilt. Diese Frau hatte etwas, das ihn faszinierte, und es gab noch vieles, was er noch nicht von ihr wusste. Er würde also für den Rest des Fluges neben ihr sitzen und sich mit ihr unterhalten.

Bestimmt würde sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, sobald sie wusste, wer er war. Jemand wie sie würde sich nicht mit einem Mann von seinem Ruf einlassen, besonders nicht so kurz nachdem sie sich an ihrem Ex die Finger verbrannt hatte. Aber sie würde wahrscheinlich auch niemals erfahren, weshalb er tatsächlich an der Operation teilnahm.

Trotzdem stand seine Entscheidung fest, dieses Wochenende nicht von ihrer Seite zu weichen. Sie brauchte seine Hilfe, ob sie es wusste oder nicht.

Eine Stewardess kam zu ihnen herüber. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen? Vielleicht ein Glas Wein?“

Hillarys Lächeln gefror ihr auf dem Gesicht und alle Unbeschwertheit verschwand. Die Erwähnung von Alkohol weckte schmerzliche Erinnerungen. „Nein danke.“

Auch Troy schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank.“ Er wandte sich zu Hillary um. „Sind Sie sicher, dass Sie nichts trinken wollen? Keinen Wein? Viele Leute trinken, um sich von ihrer Angst abzulenken.“

Sie richtete sich kerzengerade auf. „Ich trinke nicht“, antwortete sie bestimmt.

„Nie?“

Sie wollte nicht enden wie ihre Mutter, die mehrmals im Jahr in einer Entzugsklinik landete, während ihr Vater darauf hoffte, dass es dieses Mal klappen würde. Was es nie tat.

Sie wollte diesem Schicksal entgehen und hatte ihrem Zuhause den Rücken gekehrt, sobald sie alt genug war. In Washington hatte sie ein neues Leben anfangen wollen. Ein Leben, das sie sich weder von einem Drink noch von einem charmanten Mann zerstören lassen würde.

„Nie“, erwiderte sie. „Ich trinke niemals.“

„Dafür gibt es einen Grund“, stellte er fest, während er mit seinen Platinmanschettenknöpfen spielte.

„Den gibt es.“ Und um ehrlich zu sein, brauchte sie gar keinen Alkohol, weil sein Geruch vollkommen ausreichte, sie schwindelig zu machen.

„Aber den verraten Sie nicht.“

„Jedenfalls keinem völlig Fremden.“ Sie war mittlerweile gut darin, ihre schmutzigen Familiengeheimnisse zu verbergen. Das Planen von hochkarätigen Galas in Washington war ein Kinderspiel im Vergleich dazu, was es sie als Teenager für Anstrengungen gekostet hatte, die Fassade aufrecht zu erhalten.

Sie mochte aussehen wie ein naives Mädchen vom Land, aber das Leben hatte schon einiges dazu beigetragen, sie abzuhärten. Was der Grund dafür sein mochte, dass sie dem unbeschwerten Vergnügen, das ihr die vergangene Stunde mit Troy bereitet hatte, nicht recht traute.

Er war ganz anders, als sie zunächst gedacht hatte. Während des ganzen Fluges hatten sie sich … unterhalten. Über Künstler, die ihnen gefielen, Essen und Musik. Sie hatten herausgefunden, dass sie beide Jazzmusik und schlechte Horrorfilme mochten. Entgegen ihrer Erwartung war er sehr belesen und hatte einen scharfen Sinn für Humor. Seine Augen verrieten zwar, dass er an ihr interessiert war, aber ansonsten ließ er sich nichts davon anmerken.

Troy sah sie prüfend an, als er ihr nachdenkliches Schweigen bemerkte. „Stimmt etwas nicht?“

„Sie versuchen gar nicht, mich anzumachen“, platzte sie heraus.

Für einen kurzen Moment sah er überrascht aus, bis er sein draufgängerisches Grinsen aufsetzte. „Möchten Sie das denn?“

„Um ehrlich zu sein, gefällt es mir so ganz gut.“

Sie lehnte sich zurück und wartete, dass er aufhören würde zu grinsen. Er begriff doch hoffentlich, dass sie nicht versuchte, ihn anzumachen. Oder versuchte sie es doch?

Normalerweise stand sie nicht auf Männer wie ihn. Er trug das Haar zu lang und hatte mehrere feine Narben im Gesicht, die ihn so aussehen ließen, als ob er des Öfteren in Schwierigkeiten geriet. Eine dieser Narben durchzog eine Braue, eine andere hatte er am Kinn. Und eine weitere, fast verborgen von ein paar Haarsträhnen, an der Stirn.

Jedoch hatte sich Barry, der immer wie aus dem Ei gepellt und vollkommen respektabel aussah, in Wirklichkeit als das genaue Gegenteil ...

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