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Gegensätze ziehen sich … aus?

1. KAPITEL

„Mr. Kelly?“

Dylan, der in seinem Büro im 30. Stock des Kelly-Towers am Schreibtisch saß, blickte auf. Sein Assistent Eric stand zitternd im Türrahmen. „Was gibt’s?“

Mit leicht bebender Stimme begann Eric: „Ich … da ist … ich weiß nicht, wie …“

Dylan schob seinen Stuhl zurück und stützte das Kinn auf seine ineinander verschränkten Finger. „Atmen Sie tief durch, stellen Sie sich Ihren Lieblingsort vor oder zählen Sie bis zehn. Hauptsache, Sie denken daran, dass ich ein viel beschäftigter Mann bin. Kommen Sie also bitte zur Sache.“

Eric gehorchte, und zwar so schnell, dass Dylan befürchtete, der junge Mann würde hyperventilieren. „Ich muss mal kurz an Ihren Computer“, brachte sein Assistent heraus.

„Lassen Sie sich nicht abhalten.“ Dylan machte ihm Platz.

Eric setzte sich und tippte mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit auf der Tastatur herum, als wäre er bereits mit einem Laptop auf dem Schoß zur Welt gekommen. „Ein Freund von mir arbeitet für ein Online-Nachrichtenmagazin und hat mir gesagt, ich müsste mir das hier unbedingt ansehen.“

Um Dylans Mund zuckte es. „Mal im Ernst, wenn diese ganze Aufregung nur damit zu tun hat, dass in irgendeinem Blog Fotos von mir veröffentlicht wurden, wie ich diese schicke kleine Turmspringerin mit Spaghetti füttere, die ich letzte Woche in Luxemburg kennengelernt habe …“

Er unterbrach sich und schob sich mit seinem Stuhl so schnell wieder an den Schreibtisch, dass Eric ihm mit einem Satz ausweichen musste.

Denn auf dem Bildschirm waren keine Fotos von ihm zu sehen, und auch nicht von der kleinen Turmspringerin. Ebenso wenig von Spaghetti. Die Live-Übertragung mit Digitalkamera ließ ihn das alles vergessen und brachte ihm seine Lebensaufgabe – das Familienunternehmen, für das er sich tagtäglich einsetzte – schlagartig wieder in Erinnerung.

Zum Kelly-Tower gehörte ein 2000 Quadratmeter großer Platz unweit der belebten George Street im Zentrum von Brisbane. In seiner nördlichen Ecke stand eine sechs Meter hohe silberne Skulptur in Zickzackform – ein Symbol für den beeindruckenden Vermögenszuwachs, den die Zusammenarbeit mit der Kelly-Investmentgruppe gewährleistete.

Normalerweise stand die Skulptur einsam und stolz da, und nur gelegentlich ließen sich ein paar besonders mutige Tauben auf ihren glatten Zacken nieder. Doch heute drängten sich Kamerateams und Reporter mit Mikrofonen und Aufnahmegeräten um sie und hatten noch etwa zehnmal so viele Schaulustige angelockt.

Soweit Dylan es trotz seiner plötzlichen heftigen Kopfschmerzen, Erics nervösem Spiel auf der Computertastatur und der aufgeregten Stimme des Reporters beurteilen konnte, hatte sich eine Frau mit Handschellen an die Skulptur gefesselt – offenbar eine verrückte Art von Protest.

Gegen Handschellen hatte Dylan nichts einzuwenden, im Leben männlicher Singles hatten sie durchaus ihren Platz. Nur nicht unbedingt mitten an einem hektischen Arbeitstag und nicht vor seinem Gebäude! Zudem würde es als Leiter des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit seine Aufgabe sein, die Aktion als wesentlich uninteressanter darzustellen, als sie es in Wirklichkeit war.

Die Menschenmenge teilte sich, und Erics Freund ermöglichte Dylan mit seiner Kamera einen besseren Blick auf die Person, die ihm den Nachmittag verdorben hatte. Sie hatte einen hellen Teint, dunkle Augen und langes, dunkles, welliges Haar, das sie sich wegen des Winds immer wieder aus dem Gesicht schütteln musste. Ihr geblümtes Oberteil betonte ihre Figur an genau den richtigen Stellen und verhieß genau die geschwungenen Kurven, die einen Mann mit schwächerem Willen sehr ablenken konnten. Dazu trug die junge Frau eine weiße wadenlange Hose, die ihren äußerst betrachtenswerten Po betonte, und ein Paar knallrosa Sandaletten mit geradezu absurd hohen Absätzen. Und dann natürlich die Handschellen.

„Was machen wir denn jetzt?“, flüsterte Eric.

Dylan zuckte zusammen, denn die junge Frau hatte ihn seinen Assistenten fast vergessen lassen.

Er griff nach der Maus und wollte die Website schließen, als eine Windböe der Frau das Haar aus dem Gesicht blies und sie plötzlich direkt in die Kamera sah.

Dylan hielt mitten in der Bewegung inne und blickte starr in ein Paar braune Rehaugen: große, wunderschöne, tiefbraune Augen mit langen Wimpern, die ihnen ein verletzliches, reumütiges Aussehen verliehen …

Er spürte, wie sich sein Magen zusammenzog und ihn eine plötzliche Hitze überkam, gefolgt von einem Adrenalinstoß. Warum, konnte Dylan nicht genau sagen, aber er wollte diese Frau beschützen. Mit geballten Händen stand er auf, um sich auf denjenigen zu stürzen, der an diesem verletzlichen Ausdruck schuld war.

In diesem Moment fuhr sich die junge Frau mit der Zunge über ihre sinnlichen rosa Lippen und lächelte dem Mann hinter der Kamera kokett zu.

Dylan fluchte leise, schloss die Website und ohrfeigte sich in Gedanken, denn normalerweise war er, was seinen Beschützerinstinkt betraf, äußerst wählerisch. Die einzigen Menschen, die er rigoros verteidigte, hießen ebenfalls Kelly und waren mit ihm verwandt. Weiter reichte sein Vertrauen nicht.

Seine Familie jedoch musste unbedingt zusammenhalten. Denn der Nachteil daran, reicher als der sagenumwobene König Midas und bekannter als der Ministerpräsident zu sein, bestand darin, dass Dylan und seine Familie immer erst als „die Kellys“ gesehen wurden. Egal, wie betörend eine Frau sein mochte, wie angesehen ihre Familie und wie echt ihre Aufrichtigkeit – alle hatten es auf etwas abgesehen: auf Dylans Reichtum, seine Verbindungen oder seinen Namen.

Deshalb vergnügte er sich nur noch mit denen, die seinen Körper begehrten und sonst nichts. Diese Strategie funktionierte schon seit einer Weile recht gut. Dass keine einzige seiner Gespielinnen seinen Beschützerinstinkt so heftig angesprochen hatte wie die junge Frau mit den sanften braunen Augen – darüber konnte und wollte Dylan jetzt nicht nachdenken.

Er stand auf und eilte aus dem Büro zu den Aufzügen.

„Sir!“, rief Eric, als dieser ihn völlig außer Atem einholte. „Was soll ich tun?“

„Hierbleiben“, erwiderte Dylan. „Und sagen Sie Ihrer Mutter, dass Sie heute spät nach Hause kommen. Ich habe das Gefühl, der Tag könnte noch ziemlich lang werden.“

Wynnie taten die Handgelenke weh.

Selber schuld, dachte sie. Das kommt davon, wenn man neue Handschellen nicht vor dem ersten Einsatz ausprobiert.

Professionell wie immer ließ sie sich die Schmerzen jedoch nicht anmerken und lächelte der Horde Reporter zu, die noch nicht ahnten, dass sie bald ihre besten Freunde sein würden.

„Was hat KInG Ihnen getan?“, rief jemand.

Wynnie wandte sich der nächsten Kamera zu und erwiderte: „Sie haben mich nicht ein einziges Mal zurückgerufen. Typisch, oder?“

Einige Frauen in der Menschenmenge stimmten ihr zu.

Wynnie blickte jeder einzeln in die Augen und fuhr fort: „In der vergangenen Woche habe ich mit führenden Männern und Frauen lokaler und bundesstaatlicher Regierungen darüber gesprochen, was wir gemeinsam tun können, um die Umweltschäden zu reduzieren, die jeder Bewohner dieser Stadt anrichtet. Diese Beamten, anständige Menschen mit Familien und mittleren Einkommen, waren begeistert, motiviert und voll guter Ideen. Aber die Kelly Investment Group, das größte Unternehmen der ganzen Stadt, das mehrere Hundert Mitarbeiter hat und über jede Menge Kapital verfügt, hat es immer wieder abgelehnt, sich auch nur mit mir bei einer Tasse Tee zu unterhalten – mit einer jungen Frau, die neu in der Stadt ist und Freunde finden möchte.“

Wieder war Gemurmel zu hören, diesmal schon etwas lauter.

„Was muss ein Unternehmen denn tun, damit es mit Ihnen Tee trinken darf?“, rief eine tiefe Stimme.

Wynnie biss sich auf die Lippe, um nicht zu lachen. Denn diese Frage kam von ihrer guten Freundin Hannah, die mit ihr zusammen für die Clean Footprint Coalition arbeitete und jetzt einen Radioreporter so ansah, als hätte dieser die Frage gestellt.

„Leute, versucht euch einmal an die eindrucksvollen Bilder aus den Achtzigern zu erinnern: an die Umweltschützer, die sich an Bulldozer gekettet haben, um die Abholzung von Urwäldern zu verhindern“, sagte Wynnie energisch. „Und nun betrachtet mit kritischem Blick das 21. Jahrhundert mit seinen Riesenunternehmen wie die Kelly Investment Group. Das sind die Bösewichte der Gegenwart, Bösewichte mit Macht, Einfluss und vielen Ressourcen, die einfach weitermachen wie bisher, während wir anderen einen Beitrag leisten: Wir duschen kürzer, um Wasser zu sparen, recyceln Altpapier und stöpseln Geräte aus, wenn wir sie nicht benutzen. Stimmt’s?“

Viele ihrer Zuhörer nickten. Hätte jetzt jemand eine Faust hochgehalten, wäre Wynnie nicht überrascht gewesen. Die deutlich spürbare Solidarität ließ ihr Herz heftig klopfen, und ihre schmerzenden Handgelenke waren fast vergessen.

Sie sprach leiser weiter, damit ihrer Zuhörer näher kommen mussten. „Wusstet ihr, dass diese Skulptur rund um die Uhr beleuchtet wird? Sogar mitten an einem hellen sonnigen Tag wie jetzt sorgen dreißig Leuchten dafür, dass sie schön glänzt!“

Als die Menschen finster das silberne Gebilde hinter ihr betrachteten, konnte Wynnie ihren Unmut förmlich spüren. Das allein war schon ein Triumph angesichts des Goliaths, den sie herausforderte.

Ihre Chefs hatten lange recherchiert und überlegt, auf wen sie ihre Lobbyarbeit ausrichten sollten. Immer wieder waren sie bei den Kellys gelandet, der bekanntesten, angesehensten und faszinierendsten Familie der Stadt. Sie hatten unglaublich viel Einfluss. Sollte es Wynnie gelingen, sie als erstes Unternehmen für eine Partnerschaft mit der Clean Footprint Coalition zu gewinnen, würde das für ungeheuer viel Aufmerksamkeit sorgen – und Brisbane würde ihr praktisch zu Füßen liegen.

„Ich mache mir Gedanken über die Umwelt“, fuhr Wynnie fort. „Wie ihr alle hier und auch die Umweltgruppen, die sich zur CFC, zur Clean Footprint Coalition, zusammengeschlossen haben. Und die Kelly Investment Group mit ihren mehreren Hundert gleichgültigen Firmenkunden, die sie vertreten, ist der größte Umweltzerstörer, den man je gesehen hat.“

„Genau!“, schrie Hannah, und die Menge stimmte mit ein, bis der Ruf auf dem ganzen Platz widerhallte.

Wynnie unterdrückte ein triumphierendes Lächeln. Wenn sie Menschen dazu bringen konnte, sich Gedanken über ihre Rolle im großen Geschehen der Welt zu machen, hatte sie das Gefühl, sie könnte die ganze Welt verändern. Diese Momente wirkten stärker als eine Piña Colada auf leeren Magen und waren sogar besser als Sex. Zum Glück, denn Wynnie arbeitete so viel, dass sie sich an Letzteres kaum noch erinnerte.

Als Wynnie in diesem Moment hinter sich etwas hörte, drehte sie sich abrupt um und spürte einen stechenden Schmerz in der Schulter, der Wynnie kurzeitig den Atem nahm. Hoffentlich hatte das niemand mitbekommen! Doch alle Kameras und Mikrofone schwenkten ohnehin nach links zum Kelly-Tower. Wynnie konnte sich schon denken, woran das lag. Die Handschellen und ihr Auftritt vor den Medienvertretern von Brisbane als deren neuer Racheengel waren nur der Auftakt gewesen, denn für einen berichtenswerten Auftritt brauchte jeder Engel als persönliches Gegenüber auch einen Teufel.

Wer das wohl in ihrem Fall sein würde – vielleicht ein übergewichtiger Sicherheitsmann ohne Autorität und ohne Plan? So ein rotgesichtiger Lakai, der sie wegscheuchen sollte?

„Kelly!“, rief ein Radioreporter.

„Hierher!“, meldete sich ein anderer.

Kelly? War etwa einer der Götter aus dem Turm zu ihnen hinabgestiegen? Wynnie ging in Gedanken die Mitglieder der Familie Kelly durch, über die sie in den vergangenen Tagen etwas gelesen hatte. Bestimmt war es nicht der Chef höchstpersönlich, Quinn Kelly. Er hatte Menschenansammlungen immer gemieden und lebte sehr zurückgezogen. Darüber war Wynnie froh, denn Quinns Fähigkeit, sogar die hartnäckigsten Gegner mit einem einzelnen Blick niederzustrecken, war legendär.

Dann vielleicht Brendan Kelly? Er war der Anwärter auf den KInG-Thron, aber nicht allzu freundlich gegenüber der Presse. Wenn es einer von den beiden ist, esse ich meine Schuhe, dachte Wynnie. Allerdings liebte sie ihre Schuhe. Sie gehörten zu den wenigen Dingen, die sie aus Verona mitgebracht hatte. Vielleicht konnte sie stattdessen Rosenkohl essen, den sie hasste – es war also ein fairer Kompromiss.

Wenn es weder Quinn noch Brendan war, und da weder der jüngere Bruder Cameron, ein Ingenieur, noch die jüngste Schwester Meg, für KInG arbeiteten – dann blieb nur noch der Mann, dessen Foto Wynnie sich mit einem großen roten Reißnagel durch die Stirn innen an die Bürotür gehängt hatte. Der Mann, an den sie hoffentlich irgendwann nach mehreren Wochen des Verhandelns, Drängens und Nervens herankommen würde. Denn sie hoffte, dass er ihr dabei helfen könnte, den Traum der Clean Footprint Coalition wahr werden zu lassen.

Es war Dylan Kelly, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, der Zweite in der Erbfolge und das repräsentative Gesicht von KInG. Seinem Charme erlag jede Frau, die ihn im Fernsehen sah. Ständig wurde er dabei fotografiert, wie er die hübschesten Frauen zu Benefizfeiern, Sportveranstaltungen und anderen Events ausführte und die nach Tratsch lechzende Stadt in Atem hielt.

Wie Wynnie vermute, war es nicht von Nachteil, dass auch Dylan zu den schönsten Männern gehörte, die die Erde je mit ihrer Gegenwart beehrt hatten. Wäre er kein Geschäftsmann, hätte sie unentgeltlich für ihn gearbeitet, um ihn zu einer schützenswerten Art erklären zu lassen.

„Ladies und Gentlemen“, ertönte nun eine Stimme von irgendwo hinter ihr. „Wie schön, dass Sie an diesem sonnigen Tag alle hier vorbeigekommen sind. Hätte ich gewusst, dass hier eine Party stattfinden würde, hätte ich Kanapees und Weinschorle für alle bestellt.“

Vereinzeltes Lachen, ein paar weibliche Seufzer und Journalisten, die ihre Mikrofone sinken ließen, sagten Wynnie, dass sie ihr Publikum verlor. Sie atmete tief ein, schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht und beschloss, ihrem charmant-glatten Gegenüber den Garaus zu machen.

In diesem Moment teilte sich die Menge, und ein Mann kam auf sie zu. Er trug ein hellblaues Hemd, eine dezent gestreifte Krawatte und einen dunklen Anzug. Mit dem Teufel, wie sie ihn sich vorstellte, hatte er wenig gemeinsam.

Als er näher kam, sah sie, dass sein maßgeschneiderter Anzug seinen durchtrainierten Körper perfekt betonte, der auf subtile Art Kraft und Macht ausdrückte. Seine markanten Gesichtszüge wirkten wie aus Granit gemeißelt. Sein dunkelblondes Haar war kurz, aber verwuschelt genug, dass jede Frau sich wünschte, mit den Fingern hindurchzugleiten und es zu zähmen – ihn selbst zu zähmen. Doch am meisten faszinierten sie seine unter halb geschlossenen Lidern verborgenen blauen Augen.

Und plötzlich stellte sie fest, dass Dylan Kelly sie mit seinen himmelblauen Augen ansah. Er schien sogar in sie hineinzublicken, als suche er die Antwort auf eine Frage, die nur ihm bekannt war. Sie spürte, wie sich ihr die Kehle zusammenzog. Und wie die Frage auch lauten mochte, Wynnie konnte nur „Ja“ denken.

Während sie versuchte, aufrechter zu stehen, wurde sie von ihren Handschellen zurückgerissen und stellte fest, dass sie eine sehr schutzlose Haltung innehatte: den Hals entblößt, die Brust vorgeschoben.

„Also, worum geht es hier?“, fragte Dylan Kelly und ließ den Blick zu den anderen Menschen gleiten.

Jemand wies mit dem Daumen auf sie. Unwillkürlich wandte er sich wieder zu ihr um und täuschte gekonnt Erstaunen vor. Sie straffte sich, sah ihm in die Augen und zog eine Braue hoch.

Er kam langsam zwei Schritte auf sie zu. Man hätte es für gemächliches Schlendern halten können, doch Wynnie erkannte das Raubtier, das sich seiner Beute näherte.

„Was haben wir denn hier?“

Als die Kameras über seine Schulter hinweg filmten, gab Wynnie sich einen Ruck. Der Mann vor ihr mochte noch so sehr ihrer verkümmerten Libido einheizen, doch sie durfte nicht vergessen, dass er ihr Gegner war – allerdings ein Gegner mit ausreichend Einfluss, um etwas zu verändern.

„Hallo“, sagte sie und rang sich ein Lächeln ab.

„Hallo.“ Er schob sich die Hände in die Hosentaschen, sodass sein Hemd sich über seiner Brust spannte und Wynnies Blick unwillkürlich zu seinem Reißverschluss glitt. „Wie geht’s?“

„Super“, erwiderte sie und ließ den Blick wieder nach oben gleiten. „Wirklich tolles Wetter, stimmt’s?“

Um seinen Mund zuckte es, und Dylan Kelly blieb stehen – so dicht vor ihr, dass ihr seine Körperhaltung verriet, wie verärgert er war. Die weiter entfernt stehenden Kameras jedoch fingen nur sein attraktives Gesicht ein.

Einen Moment lang wandte er den Blick ab, und sie konnte endlich wieder einatmen. Er betrachtete ihre High Heels und schien zu beschließen, sich außer Trittweite zu halten. Diese Feststellung gab Wynnie ihr Selbstvertrauen zurück – bis er noch näher kam. Sie konnte die winzigen Bartstoppeln auf seinen Wangen sehen und die Muskeln an seinen Oberarmen, die sich unter dem Hemd abzeichneten. Es überraschte sie selbst, wie heftig und unmittelbar sie auf diesen Mann reagierte.

„Sie haben hier ja eine ganz schöne Menschenmenge um sich versammelt.“

Wynnie betrachtete die vielen Reporter und Kameras und rief sich in Erinnerung, warum sie hier war. Sie klimperte kokett mit den Wimpern und erwiderte fröhlich lächelnd: „Ja, nicht wahr?“

Die Zuschauer ließen ein zustimmendes Murmeln hören. Doch dass Wynnies Wangen von einer sanften Röte überzogen wurden, es in ihrem Magen kribbelte und ihre Knie sich weich anfühlten – das hatte nur mit dem teuflischen Funkeln in Dylan Kellys himmelblauen Augen zu tun.

Durch eine hastige Bewegung zerrten die Handschellen heftig an ihren Armen, und Wynnie wäre vor Schmerz fast zusammengezuckt. Stolz darauf, wie gut sie sich hielt, versprach sie sich selbst zur Belohnung zwanzig Minuten extra Meditieren, wenn sie wieder zu Hause wäre. „Die Handschellen haben die Aufmerksamkeit der Menschen erregt, aber geblieben sind sie, weil ich etwas zu sagen habe.“

„Und das wäre?“

„Dass Sie sich ziemlich verantwortungslos verhalten und es an der Zeit ist, Ihnen Beine zu machen“, erwiderte Wynnie unverblümt.

Bevor sie fortfahren konnte, zog Dylan Kelly seine Hose ein wenig hoch und hob das Bein. Der Anblick seiner sonnengebräunten muskulösen Wade ließ die mehrheitlich weiblichen Anwesenden erbeben. „Wie Sie sehen, verfüge ich bereits über Beine“, sagte er lächelnd.

Dann ließ er das Bein wieder sinken und sah sie an, doch seine Worte waren an die Zuschauer gerichtet. „Sie sollten nicht alles glauben, was die Presse schreibt. So schlimm bin ich nämlich gar nicht. Meine Mutter hat mir beigebracht, immer saubere Socken anzuziehen. Und als ich zwölf Jahre alt war, versuchte mein Vater, mir die Sache mit den Blumen und den Bienen zu erklären. Dabei hat er mir eine solche Angst eingejagt, dass ich zum verantwortungsbewusstesten Menschen auf der ganzen Welt geworden bin.“

Die anwesenden Frauen lachten leicht hysterisch, als stellten sie sich vor, wie es wäre, sich mit Dylan mal ein bisschen unverantwortlich zu benehmen. Aber die Männer in der Menschenmenge waren auch keinen Deut besser. Wynnie konnte ihre Gedanken förmlich lesen: Sie hätten ihm am liebsten ein Bier ausgegeben und sich möglichst lange in seiner Nähe aufgehalten, damit etwas Glanz von ihm auf sie abfiel.

„Mr. Kelly“, begann Wynnie, die unbedingt die Aufmerksamkeit der Zuhörer zurückgewinnen wollte. „Vielleicht sollte ich mal deutlicher sagen, worum es mir geht.“

Dylan Kelly sah sie an, und wieder hatte Wynnie das Gefühl, er würde tief in ihr Inneres blicken. Da sie weder die Hände in die Hüften stützen noch die Arme verschränken konnte – beides in ihrer Wirksamkeit stark unterschätzte Gesten –, stand Wynnie nur da und erwiderte Dylan Kellys Blick.

Mit leiser, fast ein wenig drohender Stimme forderte er sie auf: „Ja, sagen Sie mir doch bitte, was Sie von mir möchten.“

„Ich möchte, dass Sie die Sorgfalt, mit der Sie neue Schuhe kaufen, auch in Geschäftsdingen walten lassen. Ich möchte, dass Ihr Unternehmen seinen Teil tut und seine schädliche Auswirkung auf die Umwelt eingrenzt.“

„Honey, in meinem Unternehmen sitzen wir am Computer, und wir telefonieren. Regenwälder fällen wir viel seltener, als Sie glauben.“

„Das macht keinen Unterschied, solange Sie sich nicht so grün verhalten, wie Sie könnten.“

Wynnie blickte ihm weiter fest in die Augen und sagte nachdrücklich: „Lassen Sie mich einfach ausreden, dann können Sie nachts bestimmt besser schlafen.“

Dylans markantes, attraktives Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Eigentlich schlafe ich ausgezeichnet.“

Unwillkürlich stellte Wynnie sich vor, wie er ausgebreitet auf einem Doppelbett lag und die edle Decke seinen nackten Körper kaum bedeckte – den Körper, der nun leider in einem teuren Anzug steckte.

Sie blinzelte und rief sich in Erinnerung, dass sie bereits seit einer Stunde an eine scharfkantige Metallstatue gekettet in der heißen Sonne stand. „Möchten Sie denn, dass der Name Ihrer Familie für etwas Großartiges steht?“

Endlich schienen ihre Worte etwas zu bewirken: Seine Gesichtszüge wirkten plötzlich versteinert, und in seinen blauen Augen blitzte nicht mehr der Schalk.

Unwillkürlich stellte Wynnie ein weiteres Mal fest, wie atemberaubend er war. Sein durchdringender Blick schien sie stärker festzuhalten als die Handfesseln. Errötend spürte sie, wie ihr Herz schneller schlug und sich ihr Magen zusammenzog.

Seine Stimme klang rau, war jedoch laut genug für die Mikrofone. „Sowohl KInG als auch die Familie Kelly investieren jedes Jahr mehrere Millionen in den Umweltschutz, zum Beispiel in die Erforschung erneuerbarer Energien und in Wiederaufforstungsprojekte. Mehr als alle anderen Unternehmen in diesem Bundesstaat.“

„Das ist toll, aber Geld ist nicht alles“, entgegnete Wynnie und hielt seinem Blick stand, während die Kameras auf sie gerichtet waren. „Menschen zählen durch ihre Handlungen. Und durch die Handlungen, die in dem Gebäude hinter uns stattgefunden haben, sind monatlich über vierzigtausend Einweg-Pappbecher angefallen, der Wasserverbrauch ist höher als in meinem Vorort, und wegen des hier verbrauchten Papiers wurden mehrere Hektar Urwald gefällt. Ich möchte, dass Sie mir etwas versprechen: dass Sie künftig die Lösung sein werden und nicht mehr das Problem.“

Dylan Kelly schien keine passende Antwort parat zu haben, und Wynnie wurde von einem wilden Triumphgefühl erfasst. „Also, was sagen Sie dazu?“ Sie schenkte ihm ein freundliches, leicht kokettes Lächeln. „Wenn Sie mich auf einen Kaffee einladen, werde ich morgen jemand anders nerven – versprochen.“

Alle Menschen auf dem Platz schienen vor Spannung den Atem anzuhalten.

Als Dylan Kelly schließlich antwortete, war Wynnie fast froh über ihre Handschellen. Denn seine faszinierenden blauen Augen drückten so viel Selbstbewusstsein, Provokation und mühsam unterdrücktes Begehren aus, dass ihre Knie beinah wieder weich geworden wären.

„Sie möchten in meinem Büro einen Kaffee mit mir trinken?“, fragte er mit einer Stimme, die an geschmolzene Zartbitterschokolade erinnerte. „Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt?“

2. KAPITEL

Genau in diesem Moment tauchten Sicherheitsmänner auf, um die Menge diskret vom Platz zu komplimentieren. Touristen und Passanten hatten großartige Gratisunterhaltung bekommen und die Presse eine super Story. Wynnies Kampagne für ein größeres Umweltbewusstsein war erfolgreich gestartet. Alle waren also zufrieden – bis auf Dylan, der Wynnie ansah, als wäre sie ein unter seinem Schuhe klebendes Kaugummi.

„Das war ein ziemlich billiger Trick“, sagte er leise.

Wynnie schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht. „Ich ziehe es vor, als furchtlos, einfallsreich und unbeugsam bezeichnet zu werden.“

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