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Über den Autor

Gerald Hörhan schloss sein Harvard-Studium in angewandter Mathematik und Betriebswirtschaft magna cum laude ab. Er arbeitete für McKinsey und sammelte Wall-Street-Erfahrung bei JP Morgan, ist Eigentümer eines international tätigen Corporate-Finance-Unternehmens und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in Investmentbanking, Corporate Finance und Alternative Investments. Mit seinem ersten Buch, Investment Punk, landete er einen Bestseller und schockierte die Finanzwelt.

Inhalt

Über den Autor

Countdown

Ihr seid Arschkriecher

Generation Zero

Die Welt, in der ihr lebt

Plan B

Abendessen eins

Der Weg der Sachbearbeiter

Aufsteigen

Start up!

Sanfter Start

Neun Begriffe, die ihr als Unternehmer braucht

Abendessen zwei

Investieren für Anfänger

Abendessen drei

Aktien

Anleihen

Fonds

Abendessen vier

Immobilien

Firmenbeteiligungen

Epilog

drei
Ihr seid Arschkriecher

Ihr seid den Politikern scheißegal. Bevor ihr dieses Buch weiterlest, will ich, dass euch das klar ist. Es gibt keine Regierung, die fürsorglich auf euch herabblickt und macht, dass am Ende alles gut wird. Die Politiker kümmern sich nicht um euch. Im Gegenteil. Wenn sie eine gesellschaftliche Gruppe abzocken, seid ihr immer die erste Wahl. Sie zocken euch mit jedem Euro an zusätzlicher Staatsverschuldung und mit jeder aus Rücksicht auf die Alten verweigerten Verwaltungsreform ab. Jetzt gerade lasten sie euch die Kosten für die Sanierung Europas auf. Sie stecken eure Zukunft in den Rettungsschirm für den Euro. Die Milliarden, die nach Griechenland, Irland, Portugal und bald vielleicht nach Spanien, Italien, Frankreich, Belgien und Zypern fließen, werdet ihr verdienen und in Form von Steuern und Abgaben bezahlen müssen. Ihr werdet dafür bluten, dass zum Beispiel Griechenland durch Faulheit, Korruption, Schattenwirtschaft und Bilanzfälschung pleitegegangen ist. Eure Zukunft versickert in den Straßen von Athen, in denen die Griechen gegen ihre alte Misswirtschaft demonstriert und dabei Geschäfte geplündert und Autos zerstört haben.

Die Politiker stehlen euch eure Zukunft wissentlich und nicht etwa, weil sie keine andere Wahl hätten. Sie könnten Beamte feuern, sinnlose Gesetze abschaffen und die Staatsbetriebe verkaufen. Doch es gäbe immer irgendwelche Gruppen, die sich aufregen würden. Ihr seid die Einzigen, die sich alles gefallen lassen.

Auch bei Griechenland haben alle die Alternative gekannt, aber niemand hat sie gewählt. Die EU hätte Griechenland einem Insolvenzverfahren nach dem Vorbild des amerikanischen „Chapter 11“ für bankrotte Firmen unterziehen müssen. So haben die Amerikaner General Motors und viele Fluglinien saniert. Ein von der EU bevollmächtigter und vom griechischen Parlament akzeptierter Experte hätte die griechischen Staatsgeschäfte übernehmen, heilige Kühe wie die Beamtenprivilegien schlachten, Gespräche mit den Gläubigern führen und über einen teilweisen Schuldenerlass, längere Stundungen und Zinssenkungen verhandeln müssen. Als Experten hätte die EU jemanden holen müssen, der sanieren kann. Zum Beispiel den Investor Warren Buffett. Der hat 1991 bei der damals maroden und später an die Citibank verkauften Investmentbank Salomon Brothers bewiesen, dass er mit ruhiger und sicherer Hand sanieren kann. Buffett ist jetzt 81. Mit 85 wäre er fertig gewesen und Griechenland hätte dann als Vorzeigenation dagestanden.

Doch den Großteil der Verantwortung tragen in der EU wie einst in der Sowjetunion Apparatschiks, die nie gewählt wurden, und die wollen keine Entscheidungen treffen, sondern bürokratische Prozesse abwickeln.

Welches Problemland auch immer als Nächstes auftaucht, die Politiker werden weiter von eurer Zukunft stehlen. Aus reiner Bequemlichkeit. So viel sie können. Sie werden es so lange tun, bis nichts mehr davon übrig ist. Ihr macht es ihnen zu einfach. Aus drei Gründen.

Erstens. Ihr wehrt euch nicht. Ihr seid der für das System äußerst bequeme und ziemlich dekadente historische Sonderfall einer jungen Generation, die den Alten lieber in den Arsch kriecht, als zu revoltieren. Ihr habt euch angepasst. Statt Konfrontation, Konflikt, Dynamik und damit Entwicklung zu bringen, verhaltet ihr euch passiv und abwartend. Ihr bringt nichts in Gang. Ihr denkt nicht quer.

Ihr seid keine Punks und nicht einmal Hippies. Ihr seid Schafe. Ihr seht alle gleich aus, habt den gleichen Lebenslauf und bewerbt euch um die gleichen Jobs. Die Personalchefs müssen dann nur noch herausfinden, wer von euch am lautesten blökt.

Vor Kurzem habe ich ein paar von euch bei einer Hochzeit getroffen. Alles Leute zwischen 25 und 35, alle im gleichen Spießeranzug mit Stecktuch. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wo ihre Gehstöcke sind. Am liebsten hätte ich die ganze Gruppe in das Altenheim eingewiesen, bei dem ich im Aufsichtsrat sitze.

Wenn ich an der Wiener Wirtschaftsuni Kurse halte, ist es das Gleiche. Lauter Schnösel, die sich darüber austauschen, welcher Vater der wichtigere stellvertretende Vizedirektor von irgendwas ist.

Mit eurem Verhalten schadet ihr nicht nur euch selbst. Kollektive Arschkriecherei ist auch volkswirtschaftlich gesehen verhängnisvoll. Ohne Punks gibt es keine Entwicklung. Ohne Punks steht die Welt still. Ihr unterbrecht die ständige Ablöse von Alt und Neu. In euch versiegen die Kreativität und der Tatendrang der europäischen Mittelstandsgesellschaft, und wenn es keine Kreativität und keinen Tatendrang gibt, gibt es auch sonst nichts.

Weil ihr nie gegen das Alte revoltiert habt, seid ihr das Missing Link zwischen dem Wirtschaftsaufschwung der Vergangenheit und einem der Zukunft.

So hübsche Krawatten könnt ihr euch gar nicht umbinden, um dieses Versäumnis wieder wettzumachen. Ich scheiße auf Krawatten. Ich trage zerrissene Jeans, Nietengürtel und Doc Martens, wenn ich Lust dazu habe. Ich habe in der Schule kapiert, dass ich im Rechnen gut bin. Wenn ich damals eine Krawatte umgebunden hätte, um dem System zu gefallen, wäre ich irgendein armes Schwein in einer Buchhaltungsabteilung geworden. Mir war immer klar, dass ich niemals für so ein Leben um sieben Uhr morgens aufstehen würde. Ich bin Jahrgang 1975 und besitze heute rund hundert Wohnungen in Frankfurt, Wiesbaden, Stuttgart und Wien. Ich bin wirtschaftlich unabhängig und ich tue, was ich will. Meistens ist das Arbeiten, weil es mir Spaß macht. Ziemlich oft sind es aber auch wilde Partys. Am besten kann ich mich noch immer auf einem Metalfestival entspannen. Arschkriecher wie ihr dagegen kommen nie weit, auch wenn es manchmal so aussieht. Es fehlt ihnen an Augenhöhe, aufrechter Haltung und eigener Perspektive. Spaß haben sie auch keinen. Ihre Welt ist ziemlich eng und ekelhaft.

Zweitens. Ihr habt keinen politischen Einfluss. Ihr seid nicht vernetzt und schafft es nicht, Lehrer oder Gewerkschaften auf eure Seite zu ziehen. Eure Lobbyisten sind ahnungslos und haben keinen Zugang zur Macht. Selbst gute Lobbyisten könnten nichts für euch tun. Ihr seid zu wenige und habt zu wenig wirtschaftliche Macht, um eine politische Stimme zu haben.

Es ist ganz egal, welche Partei ihr wählt. Ihr seid als Zielgruppe für alle Lager uninteressant. In euch zu investieren bringt nichts. Politikern reicht es völlig, im Namen der Jugendpolitik ein paar Besprechungskränzchen einzurichten. Dort produzieren grauhaarige Funktionäre Papiere mit technokratischen Namen. „Sichtweisen und lebensweltliche Perspektiven Jugendlicher zum Thema Herausforderungen der nationalen und europäischen Jugendpolitik“ heißt eines, das ich vor Kurzem gelesen habe. Wie alle kommt es zu dem Schluss, dass ihr Politik scheiße findet.

Als Reaktion darauf versprechen euch die Politiker alles Mögliche, aber mehr als ein paar Imagekampagnen kommen dabei nie heraus. Diese Imagekampagnen gehen immer nach hinten los, weil auch in der Politik gilt, dass gute Werbung ein schlechtes Produkt nur umso schneller ruiniert. Den Politikern ist das egal. Sie kümmern sich lieber um die Alten, weil die sie an der Macht halten.

Im Gegensatz zu euch können die Alten sich sehr wohl wehren, weil sie schon jetzt viele sind und ihre Zahl weiter steigt. Sie haben politischen Einfluss. Sie können den Gewerkschaften beitreten und sie bilden den Verwaltungsapparat. Ihre Lobbyisten sind abgedankte Politiker mit jahrzehntelanger Erfahrung. Sie können die Post, die Bahn oder den ganzen Staat lahmlegen. Auf die Stimmen der Alten kommt es an, doch die wählen keine Partei, bloß weil die so nett zum Nachwuchs ist. Sie wählen jene Partei, die nett zu ihnen selbst ist. Das ist ihr demokratisches Recht und ein genetisch programmierter Reflex, der mit dem Alter zunimmt. Je älter ein Mensch wird, desto mehr hat er die Tendenz, sich nur noch um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Drittens. Ihr kriegt es gar nicht richtig mit, wenn ihr abgezockt werdet. Ihr durchschaut die ökonomischen und politischen Zusammenhänge zu wenig. Bei den Protesten der spanischen Jugend gegen ihre miese wirtschaftliche Lage verpassten die Organisatoren den Demonstranten erst einmal Schnellkurse, damit sie wussten, wogegen sie überhaupt demonstrierten. Sie mussten mit ganz simplen Dingen wie dem Unterschied zwischen einer Zentralbank und einer Kommerzbank anfangen. In Frankreich haben Jugendliche sogar gegen die Anhebung des Rentenalters demonstriert, obwohl sie eine ihrer wenigen Chancen wäre, dass für sie noch etwas vom Sozialstaat übrig bleibt. Sie haben nicht einmal kapiert, dass sie es sind, die dafür bezahlen müssen, wenn die Alten mit 55 in Rente gehen.

Eure Schulen haben euch die ökonomischen und politischen Zusammenhänge nicht erklärt. Sie sind vor hundert Jahren stecken geblieben. Lehrergewerkschafter, Schuldirektoren, obskure Bildungspolitiker und andere Bürokraten erpressen das Schulsystem und verhindern jede Modernisierung.

Deshalb lernt ihr dort mit veralteten Methoden veraltete Dinge, die größtenteils wirtschaftsfeindlich, zukunftsfeindlich und internetfeindlich sind. Ihr lernt dort, ob die Saurier von links nach rechts oder von rechts nach links gewedelt haben, aber nichts darüber, wie die Wirtschaft funktioniert. Das gesamte System stammt aus einer Zeit, als Wissen noch nicht immer und überall abrufbar war und es noch darauf ankam, aus dem Gedächtnis zu schöpfen.

Jetzt knechten und quälen euch die Lehrer mit Überflüssigem von damals, um ihre Machtposition zu behalten. Informationen auszuwählen und zu verwerten lehren sie euch nicht, weil sie es selbst nicht können.

Es wäre besser, das gesamte Bildungssystem über Nacht per Dekret abzuschaffen und es komplett neu aufzustellen, als es so weiterlaufen zu lassen. Selbst dann, wenn es in der Übergangsphase ein Jahr gar keine Schule gäbe.

Selbst das kommunistische China fördert unternehmerisches Denken, wo es nur kann, während eure Schulbücher die Wirtschaft diffamieren. Ihnen zufolge sind Reiche immer auf Kosten der Ärmeren reich und Unternehmensgewinne resultieren aus Ausbeutung und Betrug. Unternehmer sind darin böse, am Profit orientierte Menschen, die Mitarbeiter durch Maschinen ersetzen und somit Arbeitsplätze nicht schaffen, sondern vernichten wollen. Kapitalismus und Globalisierung sind nirgends so verrufen wie bei uns.

Die Demonstranten, die vor der Bastille in Paris dem spanischen Beispiel folgten, beschimpften die Politiker nicht als Vollstrecker des Willens der Alten, sondern als Vollstrecker des Willens des internationalen Finanzkapitalismus. Falls ihnen nicht hinterher jemand einen Kurs verpasst hat, wissen sie vermutlich bis heute nicht, was das eigentlich ist.

Zur Sicherheit impft euch das staatliche Schulsystem Angst ein. Seid brav, sagt es, sonst werdet ihr scheitern, wenn ihr nicht gehorcht, zerstört ihr euer Leben. Das hat das Schulsystem zwar schon immer behauptet, aber bisher ist keine Generation so sehr darauf hereingefallen wie ihr.

Ich hielt es schon als Schüler für richtig gefährlich, den Konzepten von Lehrern zu vertrauen, die weder frei noch reich noch glücklich waren, sondern in diesem verkorksten Bildungssystem als verbitterte Zahnrädchen mit einem latenten Hang zum Alkoholismus und zu Depressionen vegetierten. Heute weiß ich, dass gesunde, wache und intelligente Schüler daran zu erkennen sind, dass sie mit den kaputten Schulen nicht können.

Wer sich diesem Bildungswesen unterordnen kann, ist von seiner Typologie her der perfekte Systemerhalter. In eurem Fall läuft das auf die Rolle dessen hinaus, der fügsam den Schuldenberg abträgt, den die Alten für euch anhäufen. Es läuft auf die Opferrolle hinaus.

Ich kenne einen Medienunternehmer, der, immer wenn er junge Leute aufnimmt, nach dem gleichen Muster vorgeht. Zuerst wirft er alle Bewerbungen von Vorzugsschülern weg. Danach mustert er jene Bewerber aus, die ein einschlägiges Studium absolviert haben. Zuletzt sieht er nach, ob unter den Verbliebenen Schulabbrecher sind, die die Chuzpe hatten, sich trotzdem zu bewerben. Weil sie zwar noch nie ins System gepasst haben, aber diesen Job unbedingt wollen. „Ich brauche keine Leute, die schon den ganzen Verblödungsapparat des Staates durchlaufen haben“, sagt er. „Ich brauche Leute, die bewiesen haben, dass sie mit diesem Apparat in natürlichem Konflikt stehen.“

Ich mache es im Prinzip genauso. Wenn einer auf seiner Facebook-Seite keine Partyfotos hat und nur mit Krawatte zu sehen ist, weil er gar so brav ist, bekommt er bei mir keinen Termin. Damit beweist er, dass er ein Schaf ist, und Schafe kann ich nicht brauchen. Sie sind zum Schlachten da, oder um Wolle aus ihnen zu machen, aber nicht um mit ihnen etwas aufzubauen.

Wenn ich in Diskussionsrunden auf Politiker treffe, sind sie in vielen Punkten ganz meiner Meinung. Vor allem in Sachen ökonomischer Bildung. Nach einer Talkshow schüttelte mir einmal die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner die Hand. „Sie haben ganz recht“, sagte sie. „Wir müssen die Jugend besser bilden.“ Sie versicherte mir, dass ihre Regierung an entsprechenden Konzepten arbeiten würde. Bei einer Diskussionsrunde des ORF saß ich neben dem österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann und dem damaligen Vizekanzler Josef Pröll. Vor allem Pröll betonte, dass ökonomische Bildung unbedingt in die Lehrpläne gehöre. Wenig später trat Pröll von seinem Amt zurück und bekam einen wohldotierten Posten in der staatsnahen Wirtschaft. In Sachen Lehrplan ist inzwischen weder in Deutschland noch in Österreich etwas passiert. Dafür wurde am Bildungssystem weiter gespart.

Viele von euch glauben trotzdem weiter an den Sozialstaat und dessen guten Willen. Eine meiner ehemaligen Mitschülerinnen hat aus diesem Glauben die letzte Konsequenz gezogen. Sie war in der Schule immer besser als ich und hatte in Betragen immer nur Einsen. Sie hat brav studiert und einmal einen befristeten, schlecht bezahlten Job gehabt. Irgendwann war sie dreißig und arbeitslos. In ihrem Frust schrieb sie Briefe an Politiker. Wann erfüllt ihr eure Versprechen?

Bis auf einen schrieben alle freundlich und verständnisvoll zurück. Sie gaben ihr Ratschläge, wohin sie sich wenden könne. Einer wollte sich sogar persönlich nach einer Stelle für sie umsehen. Sie freute sich über so viel Engagement. Job hat sie allerdings noch immer keinen. Als ich zuletzt von ihr hörte, erwartete sie ihr zweites Kind und ihr gleichaltriger Mann, dem es beruflich ähnlich ging, litt an Burn-out.

PS: Eine Zentralbank, auch Notenbank genannt, ist für die Geld- und Währungspolitik eines Landes zuständig. Sie verwaltet die Währungsreserven, refinanziert Geschäftsbanken sowie den Staat und steuert die Zinshöhe. Sie bringt Banknoten in Umlauf, womit sie die Inflation beeinflusst. Eine Geschäftsbank vergibt Kredite, verwaltet Spareinlagen und handelt mit Wertpapieren und verwahrt sie.

PPS: „Internationaler Finanzkapitalismus“ ist ein Überbegriff für die moderne Form der globalen Wirtschaft, die von Börsen und Aktienmärkten, Investmentfonds, Analysten und Ratingagenturen sowie von Aufsichtsbehörden wie der deutschen BaFin oder der österreichischen FMA geprägt ist. Mangels Kenntnis einer breiten Öffentlichkeit über die im internationalen Finanzkapitalismus wirkenden Kräfte wird er von zahlreichen Verschwörungstheorien umrankt.

zwei
Generation Zero

Artige junge Leute wie ihr sind nett, aber entbehrlich. Besonders wenn die Zeiten schlechter werden. Deshalb hat die Wirtschaftskrise keine Gruppe so hart getroffen wie euch. Im Juni 2011 lag die Arbeitslosenquote in Deutschland bei 7,4 Prozent und die Jugendarbeitslosigkeit bei 9,1 Prozent. In Österreich waren es 5,6 beziehungsweise 8,2 Prozent.

Viele Posten bleiben einfach deshalb frei, weil ihr dafür nicht infrage kommt. Vielen von euch mangelt es an den einfachsten Grundkenntnissen. Ich brauche in meiner Firma keine doppelten Doktoren in Physik und Wirtschaft. Ich brauche Leute, die Deutsch und Englisch in Wort und Schrift sowie die Grundrechnungsarten beherrschen und die richtige Arbeitseinstellung haben. Außerdem müssen sie einen gewissen Geschäftssinn und ein Gefühl für Geld haben, Excel, Powerpoint und Word beherrschen sowie Datenbanken benutzen und mit Plattformen wie Facebook und Xing umgehen können. Wenn sie eine wirtschaftliche Ausbildung haben, sollten sie eine Bilanz lesen können, schließlich darf ich auch von einem Arzt erwarten, dass er mit einem Stethoskop umgehen kann. Das ist meistens schon zu viel verlangt. Die wenigsten Bewerber sind in der Lage, online einen Flug zu buchen, vom Bilanzlesen ganz zu schweigen. Bei manchen Absolventen der Wirtschaftsunis muss ich froh sein, wenn sie den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn kennen. Kein Wunder, dass ihr inzwischen über einen Praktikantenplatz lauter jubelt als einst eure Eltern über einen gut bezahlten Job mit nahezu lebenslanger Beschäftigungsgarantie. Die USA geben den Beschäftigungstrend schon vor. Als Erstes kommen unbezahlte Praktika. Danach entscheiden eure Chefs, wer ein bezahltes Praktikum machen darf. Erst danach gibt es vielleicht einen Job.

Kathrin, mit der ich vor Kurzem beim Novarockfestival in Nickelsdorf bei Wien war, erzählte mir stolz von einem für sie offenbar besonders interessanten Praktikumsangebot. Ein Jahr in einem bekannten Wiener Theater. Pressearbeit. Vierzig Stunden die Woche. Kathrin ist Berlinerin und hätte nach Wien übersiedeln müssen. Gehalt hätte sie keines bekommen, nicht einmal ein kleines, dafür gab es einfach zu viele Interessenten. Kathrin ist 32 Jahre alt. Herzliche Glückwünsche. Und euch allen viel Erfolg bei der Jobsuche.

Richtig schlecht sind die Zeiten noch gar nicht, aber das System will euch schon jetzt nicht mehr wirklich. Das macht euch planlos. Ihr wisst nicht, was ihr tun sollt. Woher auch.

Ihr habt euch toll auf die Zukunft vorbereitet, die einmal vor euren Eltern lag, aber nicht auf eure eigene. Das System hat euch falsch konditioniert, mit dem falschen Wissen abgefüllt und jetzt sagt es: „Sorry, wir halten euch auf dem Laufenden.“

Besser wird's nicht. Mit dem Export eurer Milliarden in kaputte Staaten importiert eure Regierung schleichend die dortigen sozialen Verhältnisse. In Spanien ist es am schlimmsten. Dort liegt die Jugendarbeitslosigkeit schon bei 45 Prozent. 29 Prozent der jungen Akademiker sitzen ohne Job bei Papa und Mama vor dem Fernseher und können kein eigenes Leben anfangen. In Griechenland ist jeder Dritte unter 25 arbeitslos. In Portugal liegt die Zahl bei 21 Prozent, in Irland bei 30 und in Frankreich und Italien bei 27 Prozent. Der Virus der Jugendarbeitslosigkeit wird sich in Mitteleuropa im gleichen Maß ausbreiten, in dem ihr auf bessere Zeiten hofft, während eure Regierung euer Geld verschenkt. Schon jetzt liegt die durchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit in der EU bei 20,5 Prozent.

Im direkten europäischen Vergleich werden Deutschland und auch Länder wie Österreich immer gut dastehen. Deutschland ist mit seiner Exportmacht ein globalisiertes Land und wird deshalb weiter prosperieren. Doch immer weniger Bürger werden davon profitieren. Ihr am allerwenigsten.

Der bevorstehende Abstieg der Mittelschicht wird keine Gruppe so hart treffen wie euch. Die breite europäische Mittelschicht, die der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat, steht vor dem Ende. Dem können Europas Politiker immer weniger entgegenhalten, und ihr werdet als Erste untergehen. Ihr, die ihr nicht einmal im sinkenden Boot sitzt, sondern an der Leine hinterherschwimmen müsst, weil ihr nie eine echte Chance auf Einstieg hattet. Die Alten bleiben noch eine Weile Mittelschicht, während ihr zur Unterschicht werdet.

Ihr seid einem System in den Arsch gekrochen, das sich in einem Schwächeanfall gerade auf ebendiesen setzt und euch dabei als Erste plattmacht.

Niemand dankt euch die Opferrolle. Im Gegenteil. Wer sich nicht wehrt, wenn er ausgebeutet wird, wird gleich noch einmal ausgebeutet. Und noch einmal und noch einmal. Irgendwann wird es für Uni-Absolventen nicht einmal mehr Plätze als Taxifahrer geben und ihr werdet dafür bezahlen müssen, wenn ihr irgendwo ein Praktikum machen wollt. Dann werdet ihr endgültig die Generation Zero sein. Zero Job. Zero Perspektive. Daran seid ihr selbst schuld, und zwar aus drei Gründen.

Erstens. Ihr seid faul. Ich wollte es euch vorher nicht sagen, aber jener Medienunternehmer, dessen Personalauswahl ich geschildert habe, mustert immer auch Bewerber ohne Migrationshintergrund aus. „Wenn ich Kinder des Sozialstaates zur Pünktlichkeit ermahne, muss ich fürchten, dass sie sich bei der Gewerkschaft beschweren oder ein Burn-out bekommen“, meint er. „Menschen mit Migrationshintergrund haben den Leistungsgedanken noch eher im Blut.“

Ihr würdet euch wundern, wie viele Firmenchefs so denken. Bloß reden sie nur untereinander darüber. Euch schicken sie freundliche Absagebriefe. Hart zu arbeiten, um dabei schnell und viel zu lernen, ist eher für Zuwanderer oder Vertreter der zweiten Generation ein Thema. Ihr wollt vor allem viel Freizeit. Auf die Art macht ihr euch als Generation allmählich zum Sozialfall.

Eure Eltern haben sich und euch den Fleiß allmählich abgewöhnt. Dabei waren sie selbst einmal fleißig. Als meine Mutter, bevor ich geboren wurde, beim österreichischen Staatsfernsehen anfing, war Samstag ein ganz normaler Arbeitstag und die Wochenarbeitszeit betrug 45 oder 46 Stunden. Passte das jemandem nicht, konnte er wieder gehen, und ich rede hier wohlgemerkt von einem Staatsbetrieb mit starker Gewerkschaft.

All die Gemächlichkeit im Berufsalltag hielt erst in den vergangenen Jahrzehnten Einzug. Sinkende Arbeitszeiten, immer mehr Urlaub und der überbordende Arbeitnehmerschutz, der inzwischen allen Beteiligten nur noch schadet. Richtig schlimm geworden ist es in den Achtzigern. Damals hat die Bochumer Band „Geier Sturzflug“ in ihrem Song „Bruttosozialprodukt“ alle verarscht, die an Wirtschaftswachstum glaubten. Der Satz „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt“ hat es sogar auf Platz 32 einer Wikipedia-Hitliste geflügelter Worte gebracht. In die Hände spucken – peinlich, oder?

Umfragen ergeben, für welche sozialen und politischen Ziele ihr euch am ehesten in die Hände spuckt. Reform des Bildungswesens? Rückbau des Staates? Raus aus der Schuldenfalle? Nichts dergleichen. Ganz oben steht bei euch der Kampf für attraktive Freizeitangebote. Worum es bei euch geht ist Kino, Shoppen und Chillen.

Ihr habt euch das Arbeiten so sehr abgewöhnt, dass ihr für ein halbes Jahr in die Psychiatrie müsst, wenn ihr mal ein bisschen anpacken sollt, und dann seid ihr auch noch stolz darauf.

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