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Gegen jede Vernunft

1. KAPITEL

Anna hielt sich bewusst im Hintergrund und hoffte inständig, ihre gelassene Miene würde über das Chaos in ihrem Innern hinwegtäuschen. Immerhin hatte sie dafür eine Woche lang vor dem Spiegel geübt.

Dies war ganz sicher der demütigendste Abend ihres Lebens. Ihr Verlobter – pardon: Exverlobter! – würde eine andere Frau heiraten. Allegra Jackson, die er heute anlässlich einer glanzvollen Party dem erlauchten Publikum präsentieren wollte.

Vielleicht wäre es weniger dramatisch gewesen, hätte es sich bei dem frischgebackenen Bräutigam nicht um Prinz Alessandro gehandelt, den Thronerben des idyllischen Inselkönigreichs Santina. Anstatt der zukünftigen Königin an seiner Seite war sie jetzt die verschmähte Braut und musste nun auch noch im Ballsaal des Palasts die Verlobung der beiden mitfeiern!

Ein Umstand, den die Klatschpresse mit hämischer Genugtuung genüsslich breittrat.

Wieder, wieder und wieder …

Seit Alex sie so schmählich und in aller Öffentlichkeit zugunsten einer anderen hatte fallen lassen, war Anna keine ruhige Minute vergönnt gewesen. Dazu hatte er nicht einmal so viel Anstand besessen, sie persönlich von der Lösung ihrer Verlobung zu unterrichten. Sie hatte es durch eine Schlagzeile in der Morgenzeitung erfahren.

Es war einfach nur beschämend.

Genau wie das echte und geheuchelte Mitleid, das ihr jeder entgegenbrachte. Oder die wissenden Blicke – und überraschenderweise sogar ein Hauch von Tadel. Als wäre das royale Desaster ihre Schuld! Dabei war nicht sie von Paparazzi erwischt worden, wie sie einen anderen Mann küsste, sondern Alex mit Allegra Jackson!

„Du musst der Einladung Folge leisten, Kind“, hatte ihre Mutter verlangt. „So verlangt es das Protokoll.“

Das verfluchte Protokoll interessiert mich kein bisschen! Das sagte Anna aber nicht laut, sondern dachte es nur. Trotzdem empfand sie es als Zumutung, gute Miene zum bösen Spiel machen zu müssen. Ihr Leben lang war sie treu und brav dem Protokoll und der Pflicht gefolgt. Und was hatte sie davon? Strafe und Erniedrigung.

Sweetheart, tu es für mich“, flehte ihre Mutter und umfasste ihre Hände. „Königin Zoe ist meine liebste und älteste Freundin. Sie wäre schrecklich enttäuscht, wenn wir nicht da wären, um sie zu unterstützen.“

Sie unterstützen? Anna wusste nicht, ob sie hysterisch lachen, oder über die Ungerechtigkeit des Schicksals in Tränen ausbrechen sollte. Doch sie unterwarf sich dem eisernen Willen ihrer Mutter.

Als König Eduardo einen Toast auf das glückliche Paar ausbrachte, hob Anna artig das Champagnerglas, um auf Alex und die Frau zu trinken, die ihr übersichtliches, geordnetes Leben von oben nach unten gekehrt hatte.

Dem Himmel sei Dank waren heute Abend keine Pressefotografen zugelassen! Natürlich lauerten die Paparazzi außerhalb der Palastmauern, aber für den Moment war sie vor ihnen sicher. Trotzdem musste sie Haltung bewahren, lächeln und so tun, als drohe sie nicht, jeden Moment vor Scham tot umzusinken.

Anna nippte an ihrem Champagner. Noch etwa eine Stunde musste sie durchhalten, dann durfte sie sich endlich im Hotel ins Bett verkriechen.

Die kleine Rede des Königs endete, und die Band begann, einen Walzer zu spielen. Anna stellte ihr Glas auf dem Tablett eines vorbeikommenden Kellners ab und wandte sich den hohen Glastüren zu, die auf die Terrasse führten. Wenn sie nur für einen Moment entfliehen konnte, würde sie den Rest der Zeit sicher mit mehr Grazie und Würde überstehen.

„Anna, ich habe schon überall nach Ihnen Ausschau gehalten!“

Gequält schloss sie die Augen. Ausgerechnet Graziana Ricci! Widerwillig wandte Anna den Kopf, um die exaltierte Gattin von Amantis Außenminister mit einem strahlenden Lächeln zu begrüßen. Aber es war nicht Signora Riccis kosmetisch verjüngtes Gesicht, das ihren Blick fesselte, sondern der Mann an ihrer Seite.

Einer der vielen Engländer, die Santina in letzter Zeit zu bevölkern schienen, vermutete sie.

Er war groß, trug, wie fast alle männlichen Gäste, einen maßgeschneiderten Smoking und sah einfach umwerfend aus. Auf eine jungenhafte Weise, die allerdings absolut nicht jugendfrei war. Eher teuflisch gefährlich, wenn sie den glitzernden Blick aus kaffeebraunen Augen richtig interpretierte. Seine markanten Gesichtszüge hätten einer Skulptur von Michelangelo gehören können. Folgerichtig sah Anna den fremden Adonis plötzlich nackt auf einem Marmorpodest stehen – natürlich nur vor ihrem inneren Auge – und spürte, wie heiße Röte ihre Wangen überzog.

Als sie dann auch noch bemerkte, dass sich das Grübchen in seinem kräftigen Kinn vertiefte, sobald er lächelte, war sie vollends verloren. Ihr Herz stolperte, setzte einen Schlag aus, und dann noch einen.

Stress! sagte sie sich. Das ist einfach nur der Stress der letzten Zeit, deshalb auch die erotische Halluzination.

„Darf ich vorstellen? Das ist Leo Jackson“, flötete Signora Ricci und merkte nicht, dass Anna sich bei dem Namen versteifte, da sie selbst wie ein schmachtender Teenager am Arm ihres Begleiters hing und ihn schamlos anhimmelte. „Leo ist Allegras Bruder“, erklärte sie unnötigerweise.

„Wie nett …“, murmelte Anna frostig und wusste nicht, wohin mit ihrer Frustration und der wachsenden Wut. Allegras Bruder! Als ob seine Schwester ihr Leben nicht schon genug auf den Kopf gestellt hatte! Jetzt sah sie sich auch noch einem weiteren Jackson gegenüber, wo sie doch die ganze Familie zum Teufel wünschte! Das mochte nicht unbedingt höflich sein und war auch absolut uncharakteristisch für sie, momentan aber trotzdem genau das, was sie fühlte.

„Willkommen auf Santina, Mr Jackson. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, ich war gerade auf dem Weg zu … einer Verabredung.“

Das war eine dreiste Lüge. Annas Wangen färbten sich noch dunkler als zuvor. Aber nicht, weil sie log, sondern weil Leo Jacksons spöttisch erhobene Braue vermuten ließ, dass er sie durchschaute und ihre wahren Gedanken erriet. Jetzt zuckte es auch noch um seinen gut geschnittenen Mund. Anna wurde schrecklich heiß.

War es nur Verlegenheit oder noch etwas anderes?

Vielleicht eine entschuldbare und durchaus nachvollziehbare Empörung? Immerhin war seine Schwester der Grund dafür, dass Hunderte von Partygästen sie jedes Mal neugierig und sensationslüstern anstarrten, sobald Alex sich seiner neuen Verlobten zuneigte und ihr etwas ins Ohr raunte.

„Wie schade … Anna“, sagte Leo Jackson geschmeidig und benutzte ihren Vornamen so selbstverständlich, als hätte er jedes Recht dazu.

Arroganter Fatzke! Wie demütigend, dass ihr bei der Art und Weise, wie er ihren Namen aussprach, heiße Schauer über den Rücken liefen. Sanft, fast zärtlich mit einem rauen Unterton.

Als wäre sie nicht die langweilige, verklemmte Anna, sondern die hinreißende, aufregende …

„Dennoch ist es so“, erwiderte sie steif und biss die Zähne zusammen.

Lieber Himmel, was ist nur mit mir los? Seit wann bin ich denn so überspannt?

Wo war die ruhige, souveräne, zurückhaltende Anna geblieben? Sie benahm sich ja fast so albern wie die peinliche Signora Ricci!

Diese zog gerade einen reizenden Schmollmund, zumindest hielt sie selbst die absurde Grimasse offenbar dafür. „Es wird nicht länger als einen Moment Ihrer Zeit in Anspruch nehmen“, versprach sie. „Ich hatte nämlich gehofft, Sie könnten morgen für Leo eine Sightseeing-Tour auf Amanti arrangieren. Er beabsichtigt dort nämlich ein Luxushotel zu errichten.“

Anna sah Leo Jackson an. Sein spöttisch amüsiertes Lächeln konnte sie nicht über das gefährliche Glimmen in den dunklen Augen hinwegtäuschen. Und noch viel gefährlicher war, wie ihr verräterischer Körper auf die stumme Herausforderung reagierte. Sie war zwar die offizielle Repräsentantin für Tourismus auf der Nachbarinsel Amanti, was aber nicht hieß, dass sie Mr Jackson als persönliche Reiseleiterin zur Verfügung stehen musste.

Es wäre ein großer Fehler, diesem Mann näher als unbedingt notwendig zu kommen. Außerdem hatte seine Schwester ihr die Zukunft gestohlen. Auch wenn das nicht sein Fehler war, würde sie ständig daran erinnert werden, wenn sie Zeit mit ihm verbrachte. Nein, sie wollte nichts mit Leo Jackson zu tun haben. Mit niemandem aus seiner Familie.

„Leider habe ich andere Verpflichtungen, Signora Ricci. Aber ich kann jemanden …“

„Was könnte wohl wichtiger sein, als Amantis Zukunft und wirtschaftliche Entwicklung?“, unterbrach die Gattin des Außenministers sie. „Und Sie sind nun mal die Beste für diesen Job. Was könnten Sie schon Wichtiges zu tun haben, jetzt, wo Sie keine Hochzeit mehr vorbereiten müssen?“

Ein Hieb in den Magen hätte sie nicht schmerzhafter treffen können. Und wäre Anna nicht so friedliebend, hätte sie Signora Ricci auf der Stelle erwürgt. Aber Anna Constantinides war dazu erzogen worden, eines Tages die perfekte Königin abzugeben. Sie war stark und konnte mit Schmach und Demütigungen umgehen.

„Wenn es Ihnen morgen nicht passt, können wir es auch verschieben.“ Leo Jackson zog eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie Anna. „Meine Privatnummer. Rufen Sie an, wann es Ihnen passt.“

Sie musste die Karte akzeptieren, wenn sie nicht als unhöflich gelten wollte. Als seine Finger ihre berührten, zuckte Anna zurück, weil es sich anfühlte, als wäre sie mit einer offenen Flamme in Berührung gekommen. Zum Glück wurde Signora Riccis Aufmerksamkeit gerade von einer ältlichen Matrone beansprucht, die ihr wild gestikulierend irgendetwas erzählte.

„Ich weiß nicht, wann das sein wird, Mr Jackson. Wäre es nicht besser, wenn ich Ihnen jemand anderen besorge?“

„Kann es sein, dass Sie etwas gegen mich persönlich haben?“ Der stählerne Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Wie sollte ich, da wir uns gar nicht kennen?“

Leo hob die dunklen Brauen und ließ seinen Blick beziehungsvoll durch den überfüllten Ballsaal zu dem frischverlobten Paar schweifen. „Tja, wie sollten Sie …“

Schlimm genug, dass sie diese Party mitmachen musste, aber sich vom Bruder ihrer Erzrivalin verhöhnen lassen zu müssen, war einfach zu viel des Guten! Und wieder war es ihre Erziehung, die Anna rettete. „Erzählen Sie mir doch von dem Hotel, das Sie planen, Mr Jackson. Worin liegen für Amanti die Vorteile dieses Bauvorhabens?“

Leo Jackson ließ sich mit der Antwort Zeit und musterte Anna stattdessen mit neu erwachtem Interesse von Kopf bis Fuß. „Haben Sie noch nie von der Leonidas-Group gehört?“

Bemüht, ihre Überraschung nicht zu zeigen, begegnete sie seinem intensiven Blick so gelassen wie möglich. „Wer hätte nicht von einer der luxuriösesten Hotelketten der Welt gehört, die ihrer besonderen Klientel zudem den perfekten Service bietet?“, entgegnete sie gelassen. „Arbeiten Sie für die Leonidas-Group, Mr Jackson?“

Sein warmes tiefes Lachen fuhr ihr durch Mark und Bein. „Nicht ganz getroffen, Anna“, erwiderte er neckend. „Mir gehört die Hotelkette.“

Wieder benutzte er ihren Namen, und wieder prickelte es auf ihrer Haut wie von Champagnerperlen. „Was für ein Glück für Amanti.“ Etwas Intelligenteres fiel ihr einfach nicht ein. Aber wie hätte sie von Leo auch auf Leonidas schließen können? Auf jeden Fall musste Leo Jackson unglaublich reich sein, wenn er der Inhaber war.

„Vielleicht könnten Sie ja doch noch einmal über unsere morgige Verabredung nachdenken?“ Während er sprach, neigte sich Leo Jackson vertraulich zu ihr.

„Ich werde noch einmal meinen Terminkalender befragen“, versprach sie kühl und spürte, wie ihr Herz einen Sprung machte. Wenn Allegra Jackson nur halb so charmant wie ihr Bruder war, konnte sie Alex fast verstehen.

„Also, ich könnte mir vorstellen, dass Sie sich weit von Santina wegwünschen, sobald Sie morgen früh die Zeitung aufschlagen.“

Anna war, als griffe eine eisige Hand nach ihrem Herzen. Die Morgenblätter! Sie würden voll sein mit Fotos und Artikeln über die Verlobungsparty des Jahres: Alex und Allegra … und Anna Constantinides an ihrer Seite, die gut erzogene Erbin und verlassene Braut.

In der Tat, sie wäre liebend gern anderswo, und Leo Jackson zeigte ihr einen Weg, sich ihrer Pflicht auf akzeptable Weise zu entledigen. Wenn sie ihn nach Amanti begleitete, würde sie zwar nicht komplett und für immer dem Fokus der Presse entfliehen, sich aber zunächst außer Schussweite begeben. Einen wichtigen Investor zu betreuen, würde sie nicht nur ablenken, sondern die Paparazzi vielleicht auch davon abbringen, in ihr nur die verzweifelte Exverlobte des Prinzen zu sehen.

„Gerade fällt mir ein, meine Verabredung ist gar nicht morgen. Ich muss die Termine verwechselt haben“, log sie dreist.

„Ist das so?“

Sein tanzender Blick und das neckende Lächeln sandten heiße Schauer über ihren Rücken, doch äußerlich blieb Anna völlig gelassen. „Wenn Sie immer noch an einer Besichtigungstour auf Amanti interessiert sind, können wir gleich morgen früh um neun aufbrechen.“

„So früh? Ich glaube kaum, dass ich bis dahin die Ausschweifungen dieser wilden Partynacht verdaut haben werde.“

Auf keinen Fall wollte sie sich vorstellen, wie genau diese Ausschweifungen wohl aussehen mochten – trotzdem beschleunigte sich Annas Puls. „Punkt neun, Mr Jackson, oder gar nicht.“

Allegras Bruder lachte leise. „Wow, Sie sind ja knallhart! Aber okay, Sie sollen Ihren Willen haben, Sweetheart.“ Bevor sie auch nur ahnte, was er vorhatte, nahm Leo Jackson ihre Hand und zog sie an seine Lippen. Dann schaute er plötzlich auf und musterte sie scharf.

Ob er ahnte, dass sich sein angedeuteter Handkuss wie ein Brandmal auf ihrer Haut anfühlte? Sein triumphierendes Grinsen ließ das vermuten. „Also bis morgen, Sweetheart. Ich freue mich darauf.“

Abrupt entzog Anna ihm ihre Hand. „Ich bin nicht Ihr Sweetheart, Mr Jackson.“

„Noch nicht, aber warten wir ab, was der morgige Tag bringt …“

Nach einer ruhelosen Nacht stand Anna früh auf, duschte und wählte eine bewusst seriöse Garderobe aus. Sie war Amantis Tourismus-Repräsentantin und nicht Leo Jacksons Date, das durfte sie auf keinen Fall vergessen. Also entschied sie sich nach kurzem Zögern für Rock und Blazer in steingrauem Leinen. Die karminrote Seidenbluse war ihr einziges Zugeständnis, was Farbe betraf. Dazu trug sie graue Pumps und schlichte Perlen. Das dunkle schimmernde Haar steckte sie zu einem strengen Knoten hoch. Nachdem sie das Bild mit einem Hauch Mascara und Lipgloss abgerundet hatte, trat Anna einen Schritt zurück und betrachtete kritisch ihr Spiegelbild.

Sie wirkte souverän und kompetent. Genauso, wie sie es beabsichtigte. Ob ihr Kunde sie umwerfend fand oder nicht, konnte ihr herzlich egal sein.

Lügnerin!

Anna runzelte die Stirn. Sie durfte sich keine Schwachheiten leisten. Ihr Outfit war nicht unattraktiv, sondern professionell … und so würde sie es in Zukunft grundsätzlich halten. Das sollte ihr die Kontrolle über ihr Leben zurückgeben, die in den letzten chaotischen Wochen gefährlich ins Wanken geraten war. Was sie jetzt demonstrieren musste, war Ruhe inmitten des Sturms. Gelassenheit im Aufruhr allgemeiner Sensationslust. Selbstsicherheit und Grazie angesichts von Häme und Schadenfreude.

Aufmunternd zwinkerte sie sich zu, wirbelte herum, nahm Handy und Handtasche vom Nachttisch auf und kontrollierte noch einmal ihren Terminkalender. Um zwanzig vor neun verließ sie ihr Hotelzimmer. Ihr Stockwerk lag zwei Etagen unter Leo Jacksons Hotelsuite, doch bevor sie ihn dort abholte, fuhr sie mit dem Lift nach unten, um sich im Frühstücksrestaurant noch rasch mit einem Vollkorn-Muffin und einer Tasse Kaffee zu stärken. Drei Minuten vor der verabredeten Zeit klopfte sie an Mr Jacksons Tür.

Nichts geschah. Mit erhobenen Brauen schaute Anna auf die Uhr an ihrem Handgelenk und klopfte erneut. Diesmal kräftiger. Jetzt war es Punkt neun.

„Mr Jackson?“, rief sie unterdrückt, um andere Hotelgäste nicht zu stören und presste lauschend ihr Ohr an die Tür. Nichts. „Sind Sie da?“, fragte sie dann.

Im nächsten Moment flog die Tür auf, und Annas Herz machte einen verrückten Sprung. Grundgütiger! Warum warf sie allein der Anblick dieses Mannes mit dem Bad-Boy-Image nur derart um? Sie sollte nichts als Verachtung für ihn empfinden, stattdessen fühlte sie sich animiert wie ein alberner Teenager. Heiße Röte bedeckte ihre Wangen, als sie an seinen flapsigen Kommentar über die Ausschweifungen der wilden Partynacht von gestern Abend dachte. Und genau danach sah er aus, nur war leider nicht sie diejenige gewesen, mit der er …

Angesichts ihrer frivolen Gedankengänge wurde ihr nur noch heißer.

„Hallo Sweetheart“, begrüßte Leo sie völlig unangebracht und mit dem arroganten Lächeln, das sie bis in ihre unruhigen Träume verfolgt hatte. Und trotzdem, für einen kurzen Moment verspürte sie hinter der demonstrativen Sorglosigkeit eine kontrollierte Härte und Unnachgiebigkeit, die sie irritierte.

Hinter seinem lässigen Playboy-Charme erinnerte Leo Jackson an eine gefährliche Raubkatze auf Beutezug.

„Mr Jackson …“, sagte sie kühl und hoffte, er würde die pulsierende Ader an ihrer Kehle nicht bemerken. „Hatten wir nicht um neun eine Verabredung?“

Seine Augen funkelten amüsiert, während er sich mit den Fingern durchs Haar fuhr. Mit dem wilden Schopf und den dunklen Bartschatten wirkte er ungeheuer sexy und anziehend. Er trug immer noch seinen Abendanzug, allerdings waren Jackett und Hemd aufgeknöpft. Die Krawatte steckte wahrscheinlich in der Tasche. Den blütenweißen Hemdkragen verunzierte ein pinkfarbener Fleck.

Lippenstift, wie Anna stumm diagnostizierte. Und zwar nicht die Farbe, die Graziana Riccis aufgespritzte Lippen betont hatte. Also lag sie richtig mit ihrer Vermutung, dass er auf keinen Fall im eigenen Bett geschlafen hatte. Wenn überhaupt!

Streng verbot sie sich, darüber nachzudenken, was er sonst noch getan haben mochte … und mit wem. Nur mit Mühe konnte sie sich ein missbilligendes Schnauben verkneifen. Während sie wach gelegen und unentwegt an diesen Mann gedacht hatte, hatte er sie offenbar über Nacht völlig vergessen. Was für eine Erklärung sollte es sonst dafür geben, dass er ihr verspätet und dann noch in diesem derangierten Aufzug die Tür geöffnet hatte? Oder konnte es sein … er hatte doch wohl nicht immer noch eine Frau in seiner Suite?

Anna hoffte nur, dass ihre Wangen nicht so scharlachrot aussahen, wie sie sich anfühlten. „Ich … am besten komme ich später noch mal wieder.“

„Auf keinen Fall“, protestierte Leo Jackson und zog sie ins Zimmer.

Da sie schon im Gehen gewesen war, stolperte Anna und klammerte sich instinktiv an sein Hemd, um nicht zu fallen.

„Hoppla, tut mir leid …“ Lachend schloss er die Arme um ihre zarte Gestalt.

„Tut es überhaupt nicht!“ Erst verspätet realisierte Anna, was ihr gerade entschlüpft war. Egal, wie sehr dieser Mann sie irritierte und aufbrachte, sie hatte nicht das Recht, sich derart unhöflich zu zeigen. Ihr Leben lang war sie zu Disziplin erzogen und in allen Tugenden trainiert worden, die sie eines Tages als Königin von Santina würde verkörpern müssen. Und jetzt das!

„Gut, ich bekenne mich schuldig“, erwiderte Leo immer noch lachend. „Da Sie direkt in meinen Armen gelandet sind, tut es mir tatsächlich kein bisschen leid.“

Kein Mann hatte sie je so dicht an sich gepresst gehalten. Nicht einmal Alex. Sie hatte zwar gelernt, mit Männern zu tanzen – graziös und distanziert – und war durchaus schon umarmt worden, aber nie in dieser Art.

Und schon gar nicht hatte sie sich je so bedürftig, verlangend und verwegen gefühlt. Als könnte sie es nicht erwarten, seine Lippen auf ihren zu spüren. Seine nackte Haut auf ihrem bebenden Körper und …

Lächerlich! rief Anna sich streng zur Ordnung. Du kennst diesen Mann doch gar nicht! Es liegt einzig und allein am Stress der letzten Wochen.

Energisch machte sie sich frei und trat einen Schritt zurück. Mechanisch strich sie ihre Kleider glatt und kontrollierte, ob auch keine vorwitzige Haarsträhne dem strengen Knoten entschlüpft war.

Kopfschüttelnd sah Leo ihr zu. „Was ist los, Sweetheart? Angst vor dem, was du fühlen könntest, wenn du dich einmal gehen lässt?“, fragte er spöttisch.

„Hören Sie auf, mich Sweetheart zu nennen“, entgegnete sie förmlich. „Und versuchen Sie nicht, mich zu verführen. Es wird nicht funktionieren.“

Sie würde dafür sorgen, egal, wie animierend das herausfordernde Glitzern in seinen dunklen Augen auf sie wirkte.

„Tatsächlich? Sind Sie wirklich so kühl und beherrscht? Kein bisschen Wut auf meine Schwester und Ihren Exverlobten? Kein Verlangen, all das wenigstens für ein paar vergnügliche Stunden hinter sich zu lassen und zu vergessen?“

Energisch schob Anna das Kinn vor. War sie wirklich so leicht zu durchschauen? „Hört sich tatsächlich verlockend an“, änderte sie spontan ihre Taktik. „Allerdings müsste ich zuerst jemand Passenden für derartige Stunden finden.“

„Ah, jetzt bin ich aber verletzt!“, behauptete Leo Jackson theatralisch und reizte sie damit wider Willen zum Lachen.

Zum Glück konnte sie es sich im letzten Moment verkneifen. „Das bezweifle ich. Ich glaube kaum, dass Sie sich länger als einen Moment durch eine Absage irritieren lassen, Mr Jackson. Wie ich Sie einschätze, sind Frauen für Sie alle austauschbar.“

Täuschte sie sich, oder flackerte da irgendetwas anderes in seinem Blick auf als Spott und Amüsement? Ärger oder sogar Schmerz? Auf jeden Fall hatte sie sich schon wieder vergessen und war unverzeihlich barsch gewesen.

„Vergessen Sie, was ich gesagt habe“, bat sie. „Es war absolut unhöflich.“

„Und unhöflich zu sein, kommt für Sie nicht infrage, Anna, oder?“, fragte er überraschend ernst.

„So bin ich nicht erzogen worden“, erwiderte sie zurückhaltend und schaute beziehungsvoll auf die Uhr. „Uns läuft die Zeit davon, Mr Jackson. Das Boot wartet am Anleger. Wir hätten bereits vor fünf Minuten ablegen sollen.“

„Der Himmel verhüte, dass wir zu spät kommen!“

Da war er wieder, der neckende Tonfall, der Anna reizte und ärgerte … und sie dazu verleitete, sich unmöglich zu benehmen. „Besser, Sie stornieren den Bootstrip, und wir nehmen stattdessen meinen Flieger.“

„Flieger? Nach Amanti sind es nicht mehr als fünfundzwanzig Seemeilen. Wir brauchen keine Stunde, um mit dem Schiff überzusetzen, und vor Ort können wir einen Mietwagen ordern.“

Leo blieb gelassen, aber unnachgiebig. „Ich will mir die Küstenlinie ansehen, darum fliegen wir vor unserer Autotour einmal rund um die Insel, einverstanden?“

Instinktiv griff Anna zum Hals und tastete über die vertrauten Rundungen ihrer klassischen ...

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