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Gegen alle Vernunft

1. KAPITEL

„Sieht so aus, als hätte ich die Party verpasst.“

Emily Wood betrachtete missmutig die Überreste der Feier, doch nun drehte sie sich überrascht um. Stephanie hatte den Partyraum neben den Büros schon vor einer Stunde verlassen, in ausgelassener Stimmung und voller Pläne für ihre Hochzeit, die in einem Monat stattfinden würde. Auch die anderen Angestellten waren nach und nach gegangen und hatten Emily zwischen ein paar Tischen voller krümelübersäter Teller und halb leerer Champagnergläser zurückgelassen.

„Jason!“, stieß sie hervor, als sie den Mann entdeckte, der in der Tür lehnte. „Du bist wieder in London!“

„Mein Flugzeug ist vor einer Stunde gelandet“, erwiderte Jason und betrachtete zerknirscht das Durcheinander. „Ich dachte, ich würde es noch rechtzeitig zur Party schaffen, aber offensichtlich habe ich mich geirrt.“

„Du kommst gerade richtig zum Aufräumen“, antwortete Emily leichthin. Sie ging quer durch den Raum und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Wange zu küssen. „Wie schön, dich zu sehen.“ Seine Haut war warm, und die kräftige Zitrusnote seines Aftershaves stieg ihr in die Nase.

Sie war überrascht, dass der unerschütterliche geradlinige Jason so einen intensiven Duft trug. Als Junge hatte er sie aus vielen Schwierigkeiten befreit und Highfield später für eine hochkarätige Karriere im Bauwesen verlassen. Er war ihr Chef und der älteste Freund der Familie. Ob er auch ihr Freund war, stand auf einem ganz anderen Blatt. Sein kühler Gesichtsausdruck erinnerte sie daran, dass Jason sie schon immer leicht missbilligend betrachtet hatte.

Sie lächelte und trat einen Schritt zurück. Jason hatte sich nicht vom Fleck gerührt, doch Emily bemerkte ein leises Zucken in seinen Mundwinkeln. Es sah beinahe wie ein Lächeln aus.

„Ich wusste gar nicht, dass du in der Stadt bist“, sagte sie.

Als Gründer und Generaldirektor von „Kingsley Engineering“ befand sich Jason den größten Teil des Jahres auf Reisen. Emily konnte sich nicht erinnern, wann sie von ihm mehr als einen schnell über den Flur huschenden dunklen Anzug gesehen hatte; vielleicht war sie ihm auch einmal im Chaos eines Familientreffens in Surrey begegnet. Ganz bestimmt aber hatte er nie zuvor den Kontakt zu ihr gesucht.

Er ist nicht meinetwegen hier, sondern wegen der Party, dachte Emily und begann, die mit Zuckerguss verschmierten Teller einzusammeln.

„Ich dachte, es wäre allmählich Zeit für mich, nach Hause zu kommen.“ Jason betrachtete die abgeräumten Tische. „Die Party scheint ein Erfolg gewesen zu sein. Aber etwas anderes habe ich auch nicht erwartet.“

Ein Erfolg, kein Spaß. Typisch Jason. Sie runzelte die Stirn. „Ach, und warum?“

„Weil du ein ziemlich fleißiger kleiner Promi bist, Em.“

Emily fuhr verärgert auf. Aus Jasons Mund hörten sich diese Worte nicht nach einem Kompliment an. Dass sie sich auf einem Fest amüsierte, machte schließlich noch kein oberflächliches Partygirl aus ihr. Es überraschte sie, dass er sie mit ihrem Spitznamen aus Kindertagen rief.

„Kleine Em“, hatte er sie gehänselt und an ihren Zöpfen gezogen. Inzwischen waren sie sich allerdings kaum noch begegnet. Obwohl Emily seine Angestellte war, hatte sie ihn in den fünf Jahren, die sie schon bei Kingsley Engineering arbeitete, nur selten zu Gesicht bekommen. Schließlich war er fast ständig auf Geschäftsreise.

„Ich wusste nicht, dass du über mein gesellschaftliches Leben Buch führst“, sagte sie halb amüsiert.

„Nun, in Anbetracht unserer gemeinsamen Geschichte sehe ich das als meine Pflicht an. Außerdem tauchst du so oft in den Klatschspalten auf, dass man dich unmöglich übersehen kann.“

Emily lächelte ihn kess an. „Sag bloß, du liest die Klatschpresse?“

„Ich lese sie täglich, und ich kann es morgens kaum erwarten.“

Sie brach in helles Gelächter aus. Die Vorstellung, wie Jason über Fotos von alternden Playboys brütete, war einfach zu komisch. Allerdings war seine Bemerkung wohl kaum scherzhaft gemeint – er machte nie Witze. Emily hatte sich schon oft gefragt, ob Jasons Sinn für Humor vielleicht operativ entfernt worden war.

„Meine Assistentin sieht die Klatschspalten für mich durch“, fuhr Jason ernst fort. „Ich muss schließlich wissen, was meine Mitarbeiter im Schilde führen.“

Ja, so war er. Das war der wahre Jason, den sie kannte und an den sie sich erinnerte. Er hatte nie gezögert, mit ihr zu schimpfen oder sie mit einem strengen Blick zu strafen.

Emily zauberte ein süßes Lächeln auf ihr Gesicht. „Nun, wie du siehst, war es eine ziemlich wilde Party. Es gab Kuchen und Luftschlangen, und irgendwer hat sogar die Karaoke-Maschine rausgeholt. Skandalös!“

„Vergiss den Champagner nicht.“

Emily griff nach einem leeren Sektglas. „Wie hast du das erraten?“

„Ich habe ihn bestellt.“

„Tatsächlich?“ Sie konnte ihr Erstaunen nicht verbergen, und wieder zuckte es sachte um Jasons Mundwinkel.

Er lehnte lässig in der Eingangstür. „Also wirklich, Emily. So ein strenger Vorgesetzter bin ich nun auch nicht. Außerdem habe ich ernsthaft versucht, rechtzeitig auf diese Party zu kommen. Schließlich hat Stephanie mehr als fünf Jahre für Kingsley gearbeitet.“

„Ach, deshalb bist du hier. Wahrscheinlich verleihst du in solchen Fällen eine Art Ehrenmedaille.“

„Die gibt es erst nach zehn Jahren Firmenzugehörigkeit“, gab Jason zurück. Emily blieb der Mund offen stehen. Er machte wohl Witze. Als sie das verräterische Glitzern in seinen Augen sah, begriff sie, dass er tatsächlich gescherzt hatte. Zwei Witze an einem Tag! Was war in Afrika nur mit ihm passiert?

Emily fühlte sich bei dem ungewohnten Geplänkel etwas unbehaglich. Sie unterbrach ihre Aufräumarbeiten und sah Jason genauer an. Natürlich trug er einen Anzug aus edler grauer Seide und dazu eine dezente marineblaue Krawatte. Sein schokoladenbraunes Haar war kurz geschnitten und hatte dieselbe Farbe wie seine Augen. Er sah frisch, sauber und gepflegt aus. Sein kleines überlegenes Lächeln ließ ihn distanziert und unerreichbar wirken. Emily hatte dieses Lächeln nie gemocht, aber sie hatte es als Teil von Jason akzeptiert. Es gehörte einfach zu ihrem zwölf Jahre älteren Schwager, der stets unnahbar und ein bisschen geringschätzig wirkte.

Er hatte sich nie an ihren albernen Kinderspielen beteiligt. Wenn sie, ihre Schwester Isobel und Jasons jüngerer Bruder Jack sich in die unmöglichsten Situationen manövrierten, war es stets Jason, der ihnen aus der Klemme half und hinterher die verdiente Standpauke hielt. Wenn sie sich auch manchmal über ihn ärgerte, so stellte Emily doch nie Jasons natürliche Autorität infrage.

Als Emily vor fünf Jahren nach London kam und einen Job suchte, schickte er sie zu Stephanie, die damals bereits die Personalabteilung leitete. Er hielt sich gerade so lange in London auf, wie sie als Sekretärin eingearbeitet wurde, und verschwand dann nach Asien, um ein Bauprojekt zu leiten. Seitdem hatte er sie nur im Büro getroffen, wo er stets kühle professionelle Distanz wahrte.

Manchmal sahen sie sich in Surrey bei einem Familientreffen. Und dort war Jason, wie er immer gewesen war – rechthaberisch und ein bisschen langweilig, aber eben … Jason.

Emily drehte sich wieder zu dem Tisch mit den Papptellern um. „Bleibst du diesmal länger in der Stadt?“

„Ein paar Monate hoffe ich. Ich muss mich um einige Dinge hier vor Ort kümmern.“ Er plauderte scheinbar zwanglos, doch in seiner Stimme lag ein Unterton, der Emilys Neugier weckte. Jasons verschlossenes Gesicht gab nichts preis.

„Dinge vor Ort?“, wiederholte Emily und versenkte einen weiteren Stapel Pappteller im Papierkorb. „Ich wusste gar nicht, dass „Kingsley Engineering“ ein lokales Projekt betreut.“ Jason war auf Bewässerungssysteme für Entwicklungsländer spezialisiert. Soweit sie wusste, führte er keine Bauvorhaben in London durch.

„Es hat nichts mit der Firma zu tun“, antwortete Jason leise.

„Ist es etwas Familiäres?“ Emily dachte an Jasons schweigsamen Vater und seinen rüpelhaften Bruder, der nun mit ihrer eigenen Schwester verheiratet war. War jemand in Schwierigkeiten oder krank? Sie runzelte die Stirn, und wieder zuckten Jasons Mundwinkel vielsagend, als er den Kopf schüttelte.

„Du bist ganz schön neugierig, weißt du das? Wenn du es unbedingt wissen willst: Es hat nichts mit der Familie zu tun. Es ist etwas Persönliches“, sagte er ironisch, und sie fühlte sich wieder wie das ungezogene kleine Mädchen, das sie für den lässigen Teenager Jason zweifellos gewesen war. Und auch für den jungen Mann. Als sie eine Zahnspange bekam, hatte er schon seine eigene Firma gegründet und die erste Million verdient.

„Sorry, keine weiteren Fragen.“ Sie lächelte ebenso ironisch zurück, entschlossen, locker zu wirken, obwohl sie ihre Neugier kaum noch zügeln konnte. Was für persönliche Angelegenheiten konnte Jason Kingsley haben? Im Büro brodelte die Gerüchteküche um das Privatleben des Chefs, denn wenn er sich in London aufhielt, ließ er sich bei offiziellen Anlässen mit ständig wechselnden Begleiterinnen sehen. Meistens handelte es sich um glamouröse oberflächliche Frauen, die in Emilys Augen überhaupt nicht zu Jason passten.

Doch Emily interessierte sich nicht besonders für Jasons private Angelegenheiten. Warum sollte sie auch? Sie sah ihn schließlich kaum. Zwar waren ihre Familien durch die Ehe ihrer älteren Schwester mit Jasons jüngerem Bruder verbunden, doch Jason ließ sich so gut wie nie in Highfield blicken, dem Dorf, in dem sie beide aufgewachsen waren. Und er hatte schon erwähnt, dass es nicht um die Familie ging. Was konnte es also sein?

Es hatte auf keinen Fall etwas mit ihr zu tun, so viel war klar. Wahrscheinlich ging es um etwas so Langweiliges wie alte Schulden oder einen eingewachsenen Zehennagel. Plötzlich sah sie vor ihrem geistigen Auge, wie Jason beim Arzt auf dem Untersuchungstisch saß. Er war mit einem dieser scheußlichen Nachthemden aus Papier bekleidet. Die Vorstellung war lächerlich, doch zugleich faszinierte sie Emily, denn ihre blühende Fantasie machte es ihr leicht, sich vorzustellen, wie Jasons nackte Brust aussah.

Sie schlug die Hand vor den Mund, um das hervorbrechende Gelächter zu ersticken.

Jason sah sie an und schüttelte den Kopf. „Es fiel dir schon immer leicht, das Leben von seiner heiteren Seite zu nehmen, stimmt’s?“, fragte er sarkastisch.

Emily ließ die Hand sinken und schenkte Jason ein strahlendes Lächeln. „Oh ja, auch wenn es in Gesellschaft mancher Menschen etwas mühsam ist.“

Seine Augen wurden schmal, doch er schwieg.

Emily wusste, dass Jason ihr freches Auftreten missbilligte. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie skeptisch er sie gemustert hatte, als sie nach London gekommen war und ihn nach einem Job gefragt hatte. Rückblickend musste sie zugeben, dass sie tatsächlich leichtsinnig gewesen war. Völlig unbekümmert hatte sie angenommen, dass Jason ihr Arbeit geben und sie auch dafür bezahlen würde. Dabei war völlig klar, dass er an ihren beruflichen Fähigkeiten große Zweifel hatte – die sie in den vergangenen fünf Jahren hoffentlich zerstreuen konnte. Sie war bereit, die jüngste Chefin der Personalabteilung zu werden, die „Kingsley“ je gehabt hatte. Stephanie behauptete, Jason selbst hätte ihren Aufstieg angeordnet. Doch als er sie nun ironisch anlächelte, fühlte sie sich wieder wie das dumme kleine Mädchen, das sie einmal gewesen war.

„Stephanie heiratet also nächsten Monat.“ Jason dachte laut nach. „Dieser Timothy – ist der okay?“

„Er ist wundervoll.“ Emily bemühte sich, ihre Stimme fest klingen zu lassen. „Ehrlich gesagt: Ich bin nicht ganz unschuldig daran, dass die beiden zusammen sind.“

Skeptisch zog Jason eine Augenbraue hoch. „Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich“, antwortete sie leicht gereizt. „Tim ist der Freund eines Freundes von Isobel, und sie hat mir erzählt, dass Annie ihr gesagt hat …“

„Das hört sich viel zu kompliziert an.“

„Für dich vielleicht“, gab Emily zurück. „Ich fand es ziemlich einfach. Annie sagte also …“

„Erzähl mir die Kurzfassung“, unterbrach Jason sie, und Emily verdrehte die Augen.

„Also gut. Ich war zu einer Party eingeladen und habe die beiden gefragt, ob sie nicht auch hingehen wollten …“

„Das kann ich mir gut vorstellen.“

„Also, es war eine Spendenparty“, erklärte Emily weiter. „Für unheilbar kranke Kinder. Jedenfalls haben sie sich dort das erste Mal gesehen und …“

„Es war Liebe auf den ersten Blick, richtig?“, warf Jason spöttisch ein.

Emily runzelte die Stirn. „Nein, natürlich nicht. Aber wenn ich nicht ein bisschen nachgeholfen hätte, wären sie sich nie über den Weg gelaufen. Außerdem war Timothy nach dem Tod seiner Frau ein bisschen schüchtern, und Steph verabscheut Blind Dates und …“

„Du musstest also Händchen halten?“

„Ich musste sie dazu bringen, miteinander Händchen zu halten. Natürlich lässt sich Liebe nicht erzwingen …“

„Allerdings.“

Emily sah Jason neugierig an, verwundert über den dunklen Unterton in seiner Stimme. „Jedenfalls werden sie in wenigen Wochen heiraten, es hat sich also alles gut entwickelt.“

„Sehr gut sogar.“ Jason war näher an sie herangetreten, und wieder nahm sie den intensiven Duft seines Aftershaves wahr. Plötzlich spürte sie die Hitze seines Körpers, und ein erregendes Prickeln lief ihr über die nackten Arme und den Rücken hinab. Er war wirklich sehr nah gekommen.

„Du hast Zuckerguss im Haar.“ Sanft strich er ihr eine klebrige Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Berührung war nur ein Hauch, doch Emily erstarrte. Sie wusste, dass sie völlig zerzaust aussah. Aus ihrer Frisur hatten sich ein paar Strähnen gelöst, und ein Kaffeefleck prangte auf ihrem Rock.

Lachend schob sie sich eine weitere widerspenstige Haarsträhne hinter das Ohr. „Ich weiß, ich sehe verheerend aus. Ich muss nur schnell noch die Reste hier aufräumen.“

„Lass das doch die Putzfrau machen.“

„Alice? Sie hat sich einen Tag freigenommen.“

„Du weißt, wie die Putzfrau heißt?“

„Ich werde bald die Personalabteilung leiten“, erinnerte Emily ihn. „Ihre Mutter ist krank, und sie ist über das Wochenende nach Manchester gefahren, um sie in einem Pflegeheim unterzubringen. Die Entscheidung ist ihr furchtbar schwergefallen, aber ich glaube, dass es richtig …“

„Sicher“, unterbrach Jason sie.

„Tut mir furchtbar leid, wenn ich dich mit Details langweile, aber ich dachte, du führst Buch über das Leben deiner Angestellten. Oder gilt das nur für diejenigen, die in der Klatschpresse auftauchen?“

„Ich mache mir eher Sorgen, dass ein Skandal ein schlechtes Licht auf ‚Kingsley Engineering‘ werfen könnte. Ob eine Putzfrau sich freinimmt, ist mir dagegen ziemlich gleichgültig. Aber es ist faszinierend, wie sehr du dich für das Leben anderer Leute interessierst.“

Emily fühlte, wie sie rot wurde. Sie mochte gelegentlich leichtsinnig sein, doch sie war noch nie in einen richtigen Skandal verwickelt gewesen. Aber für Jason ist das wahrscheinlich ein und dasselbe, dachte sie.

„Ich nehme an“, bemerkte sie spitz, „genau aus diesem Grund passe ich so gut in die Personalabteilung.“

„Ja, und nicht nur deshalb.“ Diesmal lächelte er wirklich, und auf seiner Wange zeichnete sich ein Grübchen ab. Das habe ich ganz vergessen, und ich wusste auch nicht mehr, dass seine Augen honigfarben werden, wenn er lächelt, dachte Emily. Abrupt drehte sie sich wieder zum Tisch um.

„Planst du auch Stephanies Hochzeit? Die ganz große Party?“

Emily blickte Jason an und strich sich erneut eine Haarsträhne zurück. „Die Hochzeit? Um Himmels willen, nein. Damit wäre ich völlig überfordert. Außerdem heiratet sie in dem Ort, in dem sie aufgewachsen ist.“

„Aber du wirst dort sein? Als Trauzeugin nehme ich an?“

„Ja, natürlich.“

Jasons Lächeln wurde breiter, und das Grübchen vertiefte sich. In seinen Augen blitzte etwas Dunkles, Beunruhigendes auf. „Du wirst tanzen, stimmt’s? Auf der Hochzeit?“, murmelte er heiser. Nie zuvor hatte er so mit ihr geredet. Der Klang seiner Stimme ließ sie erschauern. Sie runzelte die Stirn, und als sie verstand, worauf Jason mit seiner kleinen Bemerkung anspielte, erstarrte sie …

Die Hochzeit von Isobel und Jack, auf der Emily und Jason miteinander getanzt hatten. Sie war erst siebzehn und noch sehr dumm gewesen. In den sieben Jahren, die seitdem vergangen waren, hatten weder Jason noch sie selbst dieses Ereignis je erwähnt. Sie nahm an, dass er es vergessen hatte – genau wie sie. Beinahe … bis jetzt. Nun machte die Erinnerung daran sie äußerst verlegen.

„Natürlich“. Emily versuchte, unbekümmert zu wirken. Sie würde seine Anspielung einfach übergehen.

„Ich tanze furchtbar gern.“ Sie sah ihn forschend an, und trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre fühlte sie sich wieder wie ein unsicherer Teenager. Damals hatte sie sich ziemlich lächerlich gemacht, aber wenigstens konnte sie heute darüber lachen. Sie würde darüber lachen.

„Ich weiß“, erwiderte Jason. „Ich weiß noch sehr gut, wie wir miteinander getanzt haben.“ Und eine Sekunde lang umspielte ein Lächeln seinen Mund, während er ihren Blick erwiderte. Die Farbe seiner Augen war erstaunlich … wie Whisky oder Schokolade, aber mit goldenen Sprenkeln darin.

„Erinnerst du dich nicht mehr?“, fragte er mit gepresster Stimme. Es klang beinahe herausfordernd.

Er wollte sie also wirklich zwingen, darüber zu sprechen. Das dunkle Glitzern in seinen Augen verriet ihr, dass er sich über sie lustig machte. Sie setzte ein ironisches Lächeln auf und war entschlossen, diese Begegnung heil zu überstehen. „Aber ja. Wie könnte ich das vergessen?“

Jason schwieg.

Emily schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen, als handelte es sich um eine amüsante kleine Anekdote. Dabei war es eine ziemlich dumme Geschichte, die da vor sieben Jahren passiert war, die sie aber heute nicht mehr in Verlegenheit bringen konnte, auch wenn sie sich damals beschämt und gedemütigt gefühlt hatte.

Es ist nur, redete Emily sich ein, dass wir noch nie darüber gesprochen haben, nicht, als er mich eingestellt hat, und auch nicht, als er mich bei der Taufe unserer Nichte auf die Wange geküsst hat. Er war immer auf Distanz geblieben, und erst jetzt wurde Emily bewusst, wie froh sie darüber gewesen war. Doch nun war er hier, ganz nahe. Er holte all diese Erinnerungen ans Tageslicht und benahm sich so merkwürdig, dass sie ihn kaum wiedererkannte. Es brachte sie völlig aus der Fassung.

Sie bedachte ihn mit einem schiefen Lächeln. „Ich habe mich wohl ziemlich lächerlich gemacht.“

Jason hob eine Augenbraue. „So siehst du das?“

Ja, klar. Er würde es ihr nicht leicht machen. Sie kannte sein spöttisches Lächeln und die ironisch hochgezogene Augenbraue seit Kindertagen, doch die Distanz der letzten Jahre hatte sie vergessen lassen, wie stark seine Wirkung auf sie war.

„Erinnerst du dich wirklich nicht?“, fragte Emily mit gespieltem Schaudern. „Da kannst du aber froh sein.“

Jason schwieg einen Moment, während Emily das schmutzige Besteck zu einem ordentlichen Stapel aufzutürmen versuchte.

„Ich erinnere mich sehr gut daran“, sagte er schließlich ernst, und sie fühlte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Noch heute errötete sie bei dem Gedanken, wie jung und glücklich sie gewesen war – und wie furchtbar dumm.

Jason hatte sie zum Tanzen aufgefordert, wie es sich für den Bruder des Bräutigams gehörte. Für sie, das naive siebzehnjährige Mädchen, war er ein erfahrener Mann von neunundzwanzig Jahren, und sie war atemlos und euphorisch von drei Gläsern Champagner, als er sie in seine Arme nahm und einen Walzer mit ihr zu tanzen begann. Emily wusste, dass es sich um einen Pflichttanz handelte – sie hatte eigentlich mit dem langweiligen Jason Kingsley nicht einmal tanzen wollen.

Doch als er sie in die Arme nahm und im genau richtigen Abstand über die Tanzfläche führte, fühlte sie etwas ganz anderes. Das Gefühl war neu, prickelnd und beunruhigend schön. Sie war noch unberührt und hatte dieses süße Drängen nie zuvor empfunden. Und obwohl Jasons Blick ernst und der Walzer langweilig war, hob sie ihr Kinn und lächelte ihn mit ihrem ganzen Charme an. Dann sagte sie kokett zu ihm: „Du siehst ziemlich gut aus, weißt du.“

Jason schaute auf sie herab, der Blick verdrießlich und ernst, das Gesicht versteinert. „Danke.“

Das war nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. Zwar war sie nicht sicher, was man in einer solchen Situation zu sagen hatte, aber sie wusste, dass ihr nicht gefiel, was sie hörte. Dabei war er mit seinem dunklen Haar und den braunen Augen wirklich attraktiv. Sie konnte seine Wärme und Kraft fühlen, und die Wirkung des Champagners, der durch ihre Adern kreiste, ließ sie hinzufügen: „Möchtest du mich vielleicht küssen?“

Sie streckte ihm ihr hübsches kleines Kinn noch weiter entgegen, und sie war dumm genug, die Lippen zu spitzen und auf seinen Kuss zu warten. Ihre geschlossenen Augenlider flatterten vor Verlangen, sosehr wünschte sie sich, dass er sie küsste. Es wäre ihr erster Kuss gewesen, und in diesem Moment wollte sie ihn so sehr. Sie wollte Jason, und das war lächerlich, denn bevor er sie zum Tanzen aufgefordert hatte, war ihr niemals ein derartiger Gedanke in den Sinn gekommen.

Der Moment dauerte zu lange.

Nach einigen qualvollen Sekunden kam die Ernüchterung über Emily wie eine kalte Dusche. Sie öffnete die Augen und sah, dass Jason sie geradezu zornig anstarrte. Seine Augen waren schmal, die Lippen fest zusammengepresst, und er wirkte überhaupt nicht mehr freundlich – oder langweilig. Ihre Koketterie war verflogen. Sie fühlte sich so schal wie der Bodensatz in ihrem Champagnerglas. Beinahe fürchtete sie sich.

Dann änderte sich Jasons Gesichtsausdruck. Er blieb stehen und lächelte schwach. „Ich würde gern. Aber ich werde es nicht tun.“ Und bevor der Tanz richtig begonnen hatte, schob er sie sanft und bestimmt von sich und verließ die Tanzfläche.

Reglos stand Emily einige Sekunden da. Sie konnte nicht glauben, dass er sie auf der Tanzfläche stehen ließ und sie damit in aller Öffentlichkeit bloßstellte, aber noch demütigender war es, dass Jason sie so brüsk zurückgewiesen hatte. Sie war damals sicher, dass er sie nicht küssen wollte. Und weil sie siebzehn, betrunken und noch vollkommen unschuldig war, brachte sie es nicht fertig, die Tanzfläche hoch erhobenen Hauptes und mit straffen Schultern zu verlassen, wie sie es gern getan hätte. Betrunken stolperte sie über das Parkett, schon in Tränen aufgelöst, bevor sie den Tanzsaal verlassen hatte.

Wirklich eine Idiotin.

Jetzt lächelte sie Jason strahlend an und verbannte die Erinnerungen – und ihre Demütigung – in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses. „Keine Angst, ich werde dich ganz sicher nicht bitten, noch einmal mit mir zu tanzen, versprochen!“

Ein sanftes Lächeln lief über Jasons Gesicht. Er betrachtete sie aufmerksam, als nähme er die Maße ihres Körpers. „Aber Em, ich habe mich darauf verlassen, dass du mich heute zum Tanzen aufforderst.“

Emily lachte unsicher. „Nun, dann werde ich dich jedenfalls nicht bitten, mich zu küssen.“

„Darüber bin ich ganz besonders enttäuscht“, antwortete Jason mit weicher Stimme. Emily fuhr erschrocken zusammen und brachte kein Wort heraus. Dann wurde ihr klar, dass Jason sie einfach aufzog, wie sie es von jeher gewohnt war. Nur hatte er sie noch nie so geneckt.

Jason sah Emilys schreckgeweitete jadegrüne Augen und beobachtete, wie sie mit der Zunge die Unterlippe befeuchtete. Die unschuldige Geste ließ jäh heftiges Begehren in ihm aufwallen. Er ärgerte sich über sich selbst. Keinesfalls wollte er so für Emily empfinden … nicht noch einmal. Er hatte sie heute Abend nicht einmal treffen wollen.

Es blieben ihm nur wenige Monate in London, und Zeit, mit Emily Wood zu verbringen stand ganz unten auf seiner Prioritätenliste. Eigentlich war es nur wichtig, keine Zeit mit ihr zu verbringen. Er kannte genug passendere Frauen, mit denen er ausgehen konnte. Vernünftige, sachliche, geschäftsmäßige Damen, die seinen Ansprüchen genügten. Emily mit ihren Katzenaugen, dem koketten Lächeln und den endlos langen Beinen war nichts von alldem. Und vor allem: Sie war tabu. Und dafür gab es mehr Gründe, als er aufzählen konnte.

„Nun, wie fühlst du dich als angehende Abteilungsleiterin?“ Jason war entschlossen, das Gespräch wieder auf berufliche Themen zu lenken. „Die Jüngste, die wir je hatten.“

„Eigenartig.“ Emily zögerte.

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