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Gefühltes Herz

Rigor Mortis

Gefühltes Herz

Homoerotische Geschichten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Mit den Worten der Geige

 

 

Kapitel 1

Da saß er nun und war mehr als genervt. Abermals entzog er der Frau neben sich seine Hand. Irgendetwas war bei der Buchung des Escort Services schiefgelaufen, er hatte ganz sicher nicht mit Extras gebucht. Frauen waren ihm zuwider, wollten Aufmerksamkeit, teure Geschenke und vor allem waren sie falsch. Jede, die er bisher kennengelernt hatte, war so und keine konnte sich im Entferntesten vorstellen, dass er nicht an ihr interessiert war. Seit seiner Jugendzeit stand fest, dass er auf die männlichen Vertreter seiner Spezies ein Auge geworfen hatte.

Der Saal wurde verdunkelt, einzig ein Lichtstrahl erhellte einen Punkt auf der Bühne, in den ein junger Mann trat. Die Geige führte er zwischen Schulter und Kinn und zog mit dem ersten Ton alle in seinen Bann. Duncan wusste nicht, ob es wirklich des Geigers Welt war, in die dieser die Zuhörer entführte, doch hoffte er es. So melodisch, so einfühlsam und verzaubernd. Nicht mal die Hand, die sich wieder auf seine legte, konnte seine Aufmerksamkeit erregen.

Diese Melodie, dazu dieser Mann … Es war, als wäre er in einem Traum gefangen, aus dem er nicht mehr aufwachen wollte. Drahtig erschien der junge Mann auf der Bühne, und doch so imposant. Magisch zog er Blicke an, wie Duncan nur ungern feststellte, und doch war es das, was er brauchte. Er war ein Geschäftsmann und suchte dringend eine Attraktion für ein Event seiner Firma. Chinesische Geschäftspartner wollten kommen, dazu sollte eine erstklassige Aufführung stattfinden. Duncan sah gerade seine Eintrittskarte in den chinesischen Markt.

Er strich sich durch sein hellbraunes, kurzes Haar, als auch schon die letzten Klänge verstummten und der Applaus für den jungen Geiger den Saal erfüllte. Duncan musste erst seine zweite Hand zurückerobern, um zu applaudieren, was ihm einen bösen Seitenblick einbrachte. Für was hielt sich die Frau nur?, fragte er sich, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder der Bühne zu. Nach einem Pianisten, einer hervorragenden Sängerin und einer Harfenspielerin leerte sich langsam der Saal. Auch Duncans Begleitung stand auf, klimperte mit ihren künstlichen Wimpern und sah ihn auffordernd an. „Können wir?“

Er zückte seinen Geldbeutel. „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt und bitte merken Sie sich: Sie sind lediglich eine Begleitung, die nett auszusehen hat.“ Mit diesen Worten drückte er ihr ein paar Scheine in die Hand, wandte sich von ihr ab und ging zum Garderobeneingang. Ihr erbostes und gleichzeitig errötendes Gesicht blieb ihm somit erspart. „Mister Stone, es freut uns, Sie zu sehen!“, begrüßte man ihn, und ließ ihn ohne weitere Überprüfungen durch.

Zufrieden lächelnd lehnte Jerad an der kühlen Backsteinmauer, hatte die Augen geschlossen und nahm seine Umgebung mit allen Sinnen wahr. Es war ein toller Auftritt gewesen, die Symbiose der Instrumente mit der Akustik des Saals war geradezu perfekt. Immer noch hörte er seine Geigenklänge von den Wänden widerhallen, gedämpft, jedoch auch abgeschwächt ergab es noch ein wundervolles Klangbild. Selten hatte er solch eine Atmosphäre erlebt, die Menschen, die mitgezogen wurden, der Applaus, der ihn in seinem Tun bestätigte.

Ein Schatten traf ihn, herb wehte ein Geruch um seine Nase. „Guten Tag, mein Name ist Duncan Stone, ich möchte Sie gerne buchen!“

Instinktiv streckte Jerad seine Hand aus und erfasste die erahnte vor ihm. „Guten Tag, Mister Stone, ich bin Jerad Moore. Für Buchungen ist meine Mutter zuständig!“ Tief sog Jerad den Geruch des Mannes ein, der sich vor ihm aufgebaut hatte. Moschus, eine leichte Nuance Tabak hing an ihm und ein Hauch von einem alten, teuren Whisky.

Interessant befand er und lächelte sein Gegenüber an. „Sehen Sie mal hier …“, dabei zog Duncan einen Prospekt aus seiner Tasche. „Sie würden in einem alten Opernhaus auftreten. Der Klang darin ist äußerst ansprechend. Diese alten Stuckarbeiten wurden ausgearbeitet. Sie hätten eine riesige Bühne, und dieses altertümliche Ambiente ist hervorragend geeignet, um ihren Klängen noch mehr Flair zu verleihen.“ Gewinnend lächelnd zwinkerte Duncan seinem Gegenüber zu, der jedoch ziemlich unbeeindruckt schien und nicht auf den Prospekt achtete.

Verwundert runzelte der Geschäftsmann die Stirn, denn gerade damit hatte er schon manchen Künstler gelockt, das Ambiente versprach Geld, einflussreiche Leute und Presse. „Nun sehen Sie es sich doch einmal an, es ist wundervoll und für Sie sicherlich ein Sprungbrett, es werden ausländische Geschäftsmänner da sein. Zudem diese Kulisse. Sehen Sie die Malereien und die Ausstattung?“ Immer wieder tippte Duncan auf den Prospekt und hielt ihn Jerad unter die Nase.

„Was tun Sie da?“, unterbrach ihn eine Frau, mittleren Alters. Blonde Locken flossen über ihre Schultern, ihre grünen Augen funkelten ihn regelrecht an.

„Hallo Mum, dieser Mann will mich gerade von dem Ambiente überzeugen, er möchte mich buchen. Mister Stone, das ist meine Mutter“, lächelte Jerad immer noch und sah geradewegs durch die beiden vor ihm stehenden hindurch.

„Sie sollten meinem Sohn eher was hören lassen, als ihm was zeigen zu wollen. Er muss den Klang wahrnehmen, um sich entscheiden zu können, ob er auftreten möchte.“

Verwirrt und leicht verärgert über diese Forderung fischte Duncan sein Handy aus der Jacke und suchte ein Klangbeispiel von dem alten Opernhaus.

Endlich hatte er ein angemessenes gefunden und spielte es ab, den Bildschirm netterweise Jerad zugewandt, der jedoch die Augen schloss und den Klängen lauschte. „Leicht verzerrt, was allerdings auch an dem Handy liegen kann. Der Widerhall scheint sehr gut zu sein, dämpft nicht zu viel. Gefällt mir wirklich gut.“

„Und die Kulisse?“, forderte Duncan endlich ein Wort des Lobes. Nicht umsonst hatte er das Opernhaus gekauft und restaurieren lassen. Es hatte ihn fast eine halbe Million gekostet.

Jerads Mutter räusperte sich und lächelte sanft. „Mister Stone, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, doch mein Sohn ist fast blind. Er sieht lediglich schemenhafte Umrisse.“

Duncans Mund war auf einmal staubtrocken, selten war er sich so unterbelichtet vorgekommen. Wieso hatte er das nicht bemerkt? Erst jetzt sah er Jerad in die Augen, die einen leichten, weißen Schleier vorwiesen und doch dem Grün in keiner Weise an Intensität nahmen. Sie ähnelten einem Smaragd, intensiv und dunkel. „Es tut mir leid, dessen war ich mir nicht bewusst“, entkam es ihm mit leicht irritierter Stimme.

Jerad lachte in sich hinein, dieser eben noch so überzeugte Mann knickte ein wie eine Blume, die unter einen Fuß geraten war.

Amüsant und doch eine gewohnte Situation für ihn. Selten bemerkte es jemand. Immer wieder hielt man ihm Dinge vor die Nase, die er sich ansehen sollte, und so gern er es getan hätte, es war nicht möglich. Doch manchmal schätzte er es, nicht sehen zu können, denn er hatte andere Möglichkeiten Dinge wahrzunehmen. Nicht oberflächlich wie manch anderer, er sah tiefer, intensiver.

„Nach dieser Klangprobe würde ich das Opernhaus gerne einmal besuchen, wenn es möglich wäre.“ Er sah zu der großen Schattierung, die Duncan Stone war. Dieser lächelte, unbemerkt von seinem Gegenüber, erleichtert. „Das ist schön, herzlichen Dank. Wann darf ich Sie abholen lassen?“

Während Jerads Mutter alles Weitere besprach, versuchte ihr Sohn diesen Mann besser sehen zu können. Er hatte ihn gerochen, alle Nuancen, und doch hätte er nun zu gerne das Gesicht gesehen, seine Augen, sein Erscheinungsbild. Duncan schien von sich überzeugt und sehr selbstbewusst. Irgendetwas schien an ihm zu sein, dass er sich was auf sein Aussehen einbilden konnte, und genau das hätte Jerad gern gesehen. Doch so musste er warten, bis seine Mutter mit ihm alleine war.

Duncan ließ sich erschöpft in seinen Wagen sinken, fuhr mit seiner Hand über das lederbezogene Lenkrad und schloss die Augen. Zum ersten Mal ertastete er das Leder, versuchte, es zu fühlen, doch schon bald war es ihm zu dumm, denn wieso hatte er Augen, wenn nicht zum Sehen?

Jerad dagegen lehnte sich in seinem Sitz zurück, während seine Mutter das Auto lenkte. „Wie sah dieser Mister Stone aus?“

Das Schmunzeln hörte er sofort aus ihrer Stimme heraus. „Recht attraktiv und sehr geschäftsmäßig. Teure Uhr, teurer Anzug, sehr imposant.“

„Seine Augen?“ Das interessierte Jerad mehr.

„Ein wunderschönes Braun, wie Bernstein. Es klingt wie ein sanfter Bass, geht in den Körper und verankert sich dort.“ Das liebte er an seiner Mutter, sie konnte ihm erklären, wie etwas aussah. Als Kind hatte er noch mehr gesehen, doch das war zu lange her. Farben verband er nur noch mit Klängen. „Er gefällt dir?“, erkundigte sich Linda Moore bei ihrem Sohn.

Sein Blick ging aus dem Seitenfenster, eine komische Angewohnheit, die er noch aus seiner Kindheit hatte. „Er hat etwas Interessantes an sich. Bevorzugt edlen Whisky und Tabak, aber eher gelegentlich als regelmäßig, der Geruch war nicht sehr ausgeprägt. Sein Selbstbewusstsein ist sehr präsent und doch, ein Hauch von Unsicherheit liegt in seiner Stimme.“

Lächelnd konzentrierte Linda sich auf die Straße, sie hatte auch die Blicke von Duncan Stone gesehen, die mehr Interesse an ihrem Sohn zeigten als nur an seinem Talent.

Auch wenn sie es immer noch befremdlich fand, dass ihr Sohn auf das gleiche Geschlecht stand wie sie, seine Sinne daran schärfte, so war es auch interessant. Er hatte ein feines Gespür für Menschen, doch meist nur für andere. So hatte Linda seit drei Jahren wieder einen Mann an ihrer Seite, nachdem Jerads Vater früh gestorben war und das dank ihres Sohnes. Sein feines Gespür hatte ihr den richtigen Mann gezeigt.

Selbst schaffte er es allerdings nicht, den richtigen Partner zu finden. Durch seine Behinderung, die er ungern so bezeichnete, war es nicht gerade leicht für ihn. Jerad liebte Discobesuche, Spaziergänge, las gerne, liebte es, im Internet zu surfen, was dank eines Sprachcomputers möglich war. Auch malte er gern oder hörte Geschichten und Musik. Doch damit konnten viele nichts anfangen, meinten Rücksicht nehmen zu müssen oder wollten mit ihm Dinge machen, die sie mit jedem anderen tun konnten. Kino, Fernsehen, einer hatte ihn sogar mal zu einer Sightseeingtour eingeladen.

Nicht wirklich Dinge, die er genoss, denn dafür sollte man sehen können. Lindas Gedanken schweiften zu Duncan Stone. War er ein Kandidat für ihren Sohn? Mit Sicherheit nicht. Ein Geschäftsmann, scheinbar sehr gut in seinem Metier, und so offen, wie die Welt mittlerweile auch war, outet sich selten und steht zu seiner männlichen Liebe. So schwieg sie lieber über die Blicke des Mannes, der ihren Sohn fasziniert beobachtet hatte.

Duncan verteilte sein Gleichgewicht unruhig mal auf das linke Bein, dann auf das rechte. Immer wieder gingen seine Blicke zur Uhr und dann die Straße entlang. Sein Fahrer war vor drei Stunden losgefahren, um Jerad Moore abzuholen.

Dessen Mutter hatte am Morgen absagen wollen, da sie selbst erkrankt war. Mit seinem ganzen Verhandlungsgeschick hatte Duncan sie überzeugt, ihren Sohn alleine zu ihm fahren zu lassen. Immerhin war Jerad kein kleiner Junge, er war ein 26-jähriger Mann, der schon selbst entscheiden konnte, was er wollte.

Endlich fuhr der schwarze Jeep vor. Zögernd stieg Jerad mit dem Geigenkoffer in der linken Hand aus, blieb stehen und lauschte, während sich seine Nasenflügel weiteten. Tief durchatmend ging Duncan auf ihn zu: „Mister Moore, ich freue mich, dass Sie hier sind.“ Dabei ergriff er die Hand seines Gegenübers.

„Jerad reicht vollkommen, Mister Stone. Es wird gleich regnen, vielleicht sollten wir unser Gespräch nach drinnen verlegen?“

Verwundert blickte sich Duncan um und dann sah er es: Dicke, fast schwarze Wolken sammelten sich am Himmel. „Sie haben recht, dann folgen Sie mir, bitte“, sagte er und sah dabei Jerad unsicher an. „Also, Ihre Mutter deutete an, ich möchte Ihnen bitte behilflich sein. Also, wie kann ich Ihnen helfen?“

Der junge Mann, gab keine Antwort, lächelte leicht, legte eine Hand auf die Schulter des recht großen Mannes. Selbst war Jerad knapp einen Meter achtzig, doch dieser Mann überragte ihn noch um zehn Zentimeter. Viele Menschen rannten durch den Saal, als die beiden eintraten, sodass Jerad es selbst dann bemerkt hätte, wenn er taub gewesen wäre. „Vorbereitungen?“, fragte er interessiert.

„Ja, für das Event, es findet in einer Woche statt. Jerad, ich bin mir bewusst, dass es kurzfristig ist, und doch würde ich mich über Ihren Auftritt freuen.“

Nickend nahm dieser es zur Kenntnis und blickte sich um. Schemenhaft zu sehen war wenigstens etwas, wie er fand, so konnte er sich ein grobes Bild von dem Raum machen, in dem er sich befand. Doch hier waren einfach zu viele Menschen, die ihm wie Vorhänge die Sicht versperrten. „Wie soll man so was wahrnehmen?“, grummelte er in seinen nicht vorhandenen Bart.

„Wie meinen Sie das?“. Duncan runzelte die Stirn und sah sich um. Alles war klar zu sehen, wenn man nur genau guckte. „Entschuldigung, wie viel sehen Sie denn?“

„Ich sehe Schatten, unterschiedliche graue, weiße und schwarze Töne. Meiner Mutter malte ich mal ein Bild, sie meinte es sah aus wie Geister“, lächelte Jerad. Ein Lächeln, das Duncan noch nie so geschenkt bekommen hatte, es ließ sein Herz einige Takte schneller schlagen.

„Hier sind zu viele Menschen, richtig?“. Das Nicken war ihm Antwort genug, und schon schrillte ein Pfiff durch den Saal. „PAUSE!“, verkündete Duncan. Irritierte Blicke trafen ihn, und doch verließen die Leute den Saal. „Mal sehen, ob es Ihnen nun leichter fällt.“

Der Saal leerte sich schnell und Jerad konnte wirklich mehr erkennen. Er durchquerte den Saal und berührte die Wände. Als er an der Bühne ankam, stieg er hinauf, packte seine Geige aus und stimmte ein paar Töne an.

Die Akustik war faszinierend. Rein und klar, sanft und doch mit einer Härte versehen, die zu den Klängen gehörte. Wollte er eigentlich nur ein paar Töne spielen, wurde jetzt ein ganzes Stück daraus. So sehr zog ihn der Klang in seinen Bann, verzauberte ihn selbst. Auch Duncan stand dort, den Mund leicht geöffnet, lauschte dem Spiel, doch noch mehr faszinierte ihn der Mann, der solche verzaubernden Klänge erschaffen konnte.

In seiner blauen Jeans und dem schwarzen T-Shirt sah Jerad wie ein Student aus, doch war seine Ausstrahlung des eines meisterlichen Geigenspielers. Er sah so abgehoben aus, als wäre an ihn kein Rankommen, so weit entfernt und doch so nah. Duncans Blick heftete sich auf die Lippen des Geigers, die sanft und entspannt schienen und geradezu einluden, auf ihnen zu verweilen. Wie gerne hätte er sie gekostet, liebkost.

„Mister Stone!“ Erschrocken fuhr er herum und blickte in die Augen seiner Assistentin. „Mister Chi ist am Telefon, er ist soeben mit seinen Kollegen gelandet und erwartet ein Treffen mit Ihnen. Er wird in einer halben Stunde hier ankommen.“

„Die sollten doch erst in drei Tagen ankommen.“ Duncans Gedanken flogen umher, das passte gerade gar nicht. Es war nichts vorbereitet, noch geplant. Eilig rief er die Arbeiter zurück, befahl ihnen, im Eiltempo die Dekoration fertigzustellen, erst dann wandte er sich Jerad zu. Der saß mit gerunzelter Stirn, am Rand der Bühne, hielt den Geigenkoffer auf seinem Schoß und schien ihn zu fixieren mit seinem Blick. Einbildung, schalt Duncan sich selbst, wie sollte der Mann ihn auch sehen? Langsam ging er auf Jerad zu, unwillkürlich erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht und abermals blieb sein Blick an dessen Lippen hängen, die ihn magisch anzogen.

„Die potenziellen Geschäftspartner aus China sind bereits eingetroffen und werden gleich hierher kommen.“ „Dann sollte ich wohl besser gehen.“ Jerad hüpfte von der Bühne. „Wie wäre es, wenn Sie noch etwas hier bleiben? Wollen Sie sich vielleicht die Umgebung …, also …“ Duncan stockte, ansehen war wohl nicht gerade das perfekte Wort, um einen fast Blinden zu überzeugen, hierzubleiben. Doch was sollte er vorschlagen? Ein einvernehmliches Schweigen entstand zwischen ihnen, was lediglich von den umherwuselnden Menschen unterbrochen wurde. Aber kein unangenehmes Gefühl breitete sich zwischen ihnen aus, es war fast schon vertraut und angenehm.

„Mister Stone, es ist uns eine Freude, Sie besuchen zu dürfen!“, durchbrach eine akzentbesetzte Stimme die Stille.

Duncan wandte sich dieser zu und erkannte seinen hoffentlich baldigen Geschäftspartner. „Mister Chi, die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ So begrüßte man sich, während Jerad analysierte. Mister Chi roch nach Jasmin und nach sexuellen Hormonen, die scheinbar explodierten, als dieser näher an Duncan trat.

Es war ein herber Geruch, der Jerad unangenehm in der Nase biss. Die Stimme bestätigte ihn in seiner Annahme, dass Mister Chi mehr Interesse an Duncan hegte als nur das Geschäftliche. Leicht nervös angehaucht schwankte diese zwischen Höhen und Tiefen, die allgemein als verführerische Stimmlage bekannt waren. Doch dann wechselte diese Stimme zu Interesse, und zwar an Jerad. „Wer ist dieser junge Mann?“, erkundigte sich Mister Chi, und musterte den Geiger.

Duncan lächelte. „Das ist Mister Moore, ein Geiger, der Sie am Festtag in eine andere Welt geleiten wird.“ Irritiert bemerkte er dann, wie Jerad Abstand zu seinem Geschäftspartner suchte. Irgendetwas sagte ihm, dass dieser schnellstens verschwinden wollte, doch wieso? „Setzen Sie sich doch, ich werde mit Mister Moore einige Getränke besorgen, dann können wir weiter reden!“, kam es gediegen freundlich von Duncan, dann fasste er Jerad am Ellenbogen und zog ihn bestimmend in Richtung der aufgebauten Bar. „Was ist los?“

„Dieser Mann … er ist interessiert an Ihnen, und zwar nicht geschäftlich. Sein Interesse ist geradezu penetrant wahrzunehmen.“ Ungläubig sah Duncan, den Mann vor sich an: „Sekunde, du ... Sie.“

„Du ist in Ordnung!“

„Danke, ebenfalls. Du willst mir sagen, Mister Chi ist homosexuell?“

„Korrekt, genau wie du und ich!“, schmunzelte Jerad und konnte sich die Entgleisung des Gesichtes vor ihm fast bildlich vorstellen.

„Wie? Woher?“

„Nenn es ein Gespür für Blicke. Auch wenn ich sie nicht sehen kann, bemerke ich sie. So begeistert, wie du von meinen Fähigkeiten bist, umso mehr haben es dir meine Lippen angetan!“

Von Verlegenheit keine Spur, wie Duncan staunend bemerkte.

„Nun bist du verlegen, deine Schweißproduktion nimmt zu.“

„Ist ja gut, mehr musst du mir nicht über mein Befinden erzählen, es ist mir durchaus bewusst“, seufzte Duncan schwer und griff nach zwei Flaschen Wasser. „Du magst Mister Chi nicht?“

Ein heftiges Kopfschütteln kam von Jerad. „Er ist unsympathisch, seine Stimme hat einen merkwürdigen Klang, und ihn umgibt kein guter Geruch. Ich mag ihm nicht zu nahe sein.

Er bekommt was er will, wie scheint ihm egal zu sein. Die Leute in seiner Nähe sind alle sehr angespannt und nervös.“

Duncan nickte, er hatte es sich also nicht eingebildet. Auch wenn die Herrschaften alle lächelten, hatte er ein bedrückendes Gefühl verspürt, doch dies schnell verdrängt. Schweigend gingen sie zum Tisch, wo die vier Personen, inklusive Mister Chi, Platz genommen hatten. Duncan zog den Stuhl für Jerad näher an seinen und wies ihm sanft den Weg. Dieser lächelte erleichtert und setzte sich beruhigt.

Dagegen war es Mister Chi sichtlich nicht recht, er rückte auffällig nah neben den Geigenspieler und versuchte, diesen mit Blicken auszuziehen. „Sie sind also Geiger und werden uns in drei Tagen beglücken?“ Dieser Ton in der Stimme ließ es Jerad eiskalt den Rücken hinunterlaufen. Wo war seine Mutter, wenn er sie brauchte? Sie wusste immer, was zu tun war, und half ihm aus solchen Situationen raus.

Doch nun saß er hier, ganz auf sich allein gestellt, und ein merkwürdiges Gefühl überkam ihn. Diese Blicke des Mannes neben ihm ließen das ungute Gefühl immer intensiver werden.

„Ja, werde ich wohl, obwohl die Verhandlungen noch nicht beendet sind. Doch die Akustik des Saals ist geradezu atemberaubend!“, versuchte er es fachlich und distanziert. Duncan saß da, beobachtete die Situation, alles in ihm schrie danach, Jerad vor Mister Chi zu retten, und doch konnte er es nicht. Die Geschäfte, die dadurch zustande kommen sollten, wenn dieser Mann einwilligte, würden eine nette Summe hervorbringen und dazu noch einige Arbeitsplätze sichern.

„Wie wäre es, wenn Sie mich heute Abend zu einem Besuch des Museums begleiten würden? Dort soll es wunderschöne Gemälde geben.“

Langsam und provokant ließ Jerad die Zunge über seine Lippen gleiten, lächelte leicht abwertend.

„Eigentlich gerne, wenn Sie sich die Mühe machen wollen, mir jedes Bild zu erklären, sodass ich es auch sehe?“

Stirnrunzelnd sah ihn Mister Chi an. „Bitte?“

„Mister Chi, es mag Ihnen nicht aufgefallen sein, doch Mister Moore ist blind“. Duncan zog die Augenbrauen hoch. Das ließ den chinesischen Geschäftsmann erschrocken zurückweichen, selbst der Stuhl rückte mit ihm mit.

Jerad bemerkte die Ablehnung und war recht glücklich darüber, nun lag der Fokus von Mister Chi wieder auf Duncan. Doch dieser war auch nicht begeistert und heilfroh, als die vier Geschäftsmänner der Hightech Firma aus China gingen. Erleichtert nahm er wieder neben dem Geiger Platz. „Ich tue ja viel, aber das geht eindeutig zu weit“, brummte er vor sich hin. „Wie sieht dieser Mister Chi aus?“, interessierte sich Jerad. Duncan sah ihn an:

„Er ist recht klein, vielleicht einen Meter und siebzig, schwarze Haare, braune Augen, nicht wirklich sympathisch, auch wenn er recht attraktiv ist.“

„Sein inneres Aussehen lässt nicht wirklich ein gutes Haar an ihm. Wie er von mir wegrückte, als sei ich ansteckend“, schmunzelte der Blondschopf und wirkte kurzweilig wie ein kleiner Junge, der sich einen Spaß daraus machte, andere zu ärgern. Wie gerne wäre Duncan darauf eingegangen, hätte auch gerne seinem inneren Kind freien Lauf gelassen, doch er musste sich über das Geschäft Gedanken machen. Chi hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, was er erwartete, als sie sich verabschiedet hatten, doch war er für solch einen Schritt bereit?

Sich selbst zu verkaufen, hingeben an einen schmierigen Geschäftsmann, der nicht sympathisch war und noch dazu ahnen ließ, nicht gerade normale, sexuelle Praktiken zu bevorzugen? All diese Gedanken schossen sekündlich durch Duncans Kopf, er wusste keine Antwort. Er war sicherlich kein Kostverächter, eine feste Beziehung war nicht nach seinem Sinn, diese verlangte Aufmerksamkeit und die meisten waren sowieso nur hinter seinem Geld her oder wollten ihn als Accessoire. Charme, gutes Aussehen und dazu noch Geld, er war eine gute Wahl, in jeder Hinsicht, auch wenn es ihm eindeutig an Zeit fehlte. Doch sich für Geld hinzugeben, war er dazu bereit? Eigentlich bezahlte er immer seine Begleitung, nicht umgekehrt.

Sein Blick wanderte zu Jerad, der lächelnd auf seinem Stuhl saß und dessen Nasenflügel sich mal wieder blähten. „Was riechst du?“

„Rosen, ein paar Fliedergerüche und deine Verzweiflung … Nein, Quatsch, das Letztere ist klar zu bemerken, du tippst mit deinem Fuß auf den Boden, sehr ungleichmäßig!“ Jerad hatte innerlich ein breites Grinsen auf den Lippen, was nicht mehr als Freude war, unbewusst schien Duncan es akzeptiert und realisiert zu haben, dass er blind war.

Nur so war die Frage zu erklären, und das erfüllte ihn mit Freude. Ein kribbelndes Gefühl machte sich in ihm breit, was ihn sich verlegen auf die Unterlippe beißen ließ.

„Hast du Lust noch mit mir auszugehen? Ich kenne einen tollen Club mit guten Drinks“, schmunzelte Duncan, dem die Nervosität seines Gegenübers nun auffiel.

„Eigentlich gerne, aber es ist schon spät. Ich muss auch wieder nach Hause und die Fahrt ist nicht gerade kurz.“ Bedauernd sah Jerad ihn an und innerlich sackte er zusammen. Er hätte gerne erfahren, wie es mit Duncan war.

„Du kannst gerne bei mir schlafen, wenn du möchtest, dann könnten wir morgen über die Bedingungen reden, was deinen Auftritt anbelangt.“ Ein zu verführerisches Angebot, was Jerad nicht abschlagen konnte und so griff er zu seinem Handy, sprach den Namen seiner Mutter hinein und wurde mit ihr verbunden. Linda war nicht wirklich begeistert von der Tatsache, die ihr Sohn ihr berichtete, und doch konnte sie nichts erwidern. Schließlich war er schon 26 Jahre alt und somit erwachsen. Darum ließ sich Jerad führen, verließ sich komplett auf Duncan und hoffte, dass er nicht enttäuscht würde.

Harte Beats umfingen ihn, schlossen seine Hülle regelrecht ein. Sich im Takt bewegend folgte er dem Mann vor ihm. Duncan drängte sich durch die Masse, versuchte, Stolperfallen aus dem Weg zu gehen und führte seinen Gast an seinen Stammtisch. Zwei Bier wurden vor sie gestellt und beide nahmen einen kräftigen Schluck. Dann beugte sich Jerad an Duncans Ohr, inhalierte dessen Duft:

„Was ist das hier für ein Club? Ich nehme kaum weibliche Parfums wahr.“

&

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