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Gefangene der Sehnsucht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. 30
  36. 31
  37. 32
  38. 33
  39. 34
  40. 35
  41. 36
  42. 37
  43. 38
  44. 39
  45. 40
  46. 41
  47. 42
  48. 43
  49. 44
  50. 45
  51. 46
  52. 47
  53. 48
  54. 49
  55. 50
  56. 51
  57. 52
  58. 53
  59. 54
  60. 55
  61. 56
  62. 57
  63. 58
  64. 59
  65. 60
  66. 61
  67. 62
  68. Epilog
  69. Anmerkungen der Autorin
  70. Dank

Über die Autorin

Kris Kennedy ist Ehefrau, Mutter, Psychotherapeutin und Autorin. Sie glaubt, dass jede Frau es verdient, von einem guten Buch in eine andere Welt entführt zu werden. Sie stammt aus Philadelphia, lebt inzwischen aber mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einem Hund im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA.

 

Für die Männer in meinem Leben, die mich Mutter, Ehefrau und Schriftstellerin sein lassen und die mich an den Tagen, an denen ich eigentlich nur Autorin war, so sehr unterstützten. Aber besonders für meinen Mann, zuallererst und am allermeisten, für alles.

Für meinen Sohn, der mir während meiner Arbeit immer angespitzte Bleistifte und saubere Radiergummis – ungefähr fünfzig an der Zahl – wortlos auf den Schreibtisch gelegt hat.

Für meine wunderbare Agentin Barbara Poelle, dafür, dass sie weiß, wer was lieben wird, und dann jeden zum Lesen bringt, auch wenn er sehr, sehr beschäftigt ist.

Für meine fantastische Verlegerin Abby Zidle, für eine ganze Menge Geduld und Unterstützung, als ich ohne Muse durch diese Geschichte gewandert bin.

Für meine Leserinnen und Leser, die leidenschaftliche Liebesgeschichten, dickköpfige Ritter, eigenwillige Frauen und Abenteuer in Hülle und Fülle lieben. Hier liegt eine lange Reise vor uns!

1

England, Juni 1215

Zuerst sah es so aus, als wollten sie beide denselben Hahn haben.

Aber als Jamie die schlanke Frau noch eine Weile beobachtete, wurde ihm klar, dass sie überhaupt nicht an dem Federvieh interessiert war. Ebenso wenig wie er.

Er zog sich in die Schatten zurück, die die Werksteinhäuser der Cheap Street warfen, während sich am Abendhimmel schwere, dunkle Wolken aufzutürmen begannen. Jamie war der Hahn nur aufgefallen, weil ein Priester ihn sich angeschaut hatte und Jamie zurzeit auf der Suche nach einem Mann Gottes war. Aber der dort drüben war lediglich ein x-beliebiger Pfarrer, der sich ein Federvieh anschaute. Weder der Mann noch das Tier war Jamies Ziel.

Und auch nicht das der Frau, denn ihr Blick wanderte gleichmütig weiter.

Auf der anderen Seite der Straße hatte man sich in dreckstarrende Durchgänge verzogen, um von dort aus das Treiben auf dem Marktplatz zu beobachten. Der Abendnebel zog in schmalen Bändern um die Beine der Menschen, als sie durch die dunkel werdenden Straßen eilten. Jamie legte den Kopf schief, um die Frau besser beobachten zu können. Die Kapuze tief in die Stirn gezogen, die Laterne war aus, stand sie fast reglos da, alles signalisierte: Jagd und Verfolgung.

Er sollte das wissen.

Jamie ließ die Augen rasch über den noch immer geschäftigen Marktplatz schweifen, schlüpfte aus seiner Gasse, um die Frau aufzusuchen. Er ging um den Block herum und schlich sich von hinten an sie heran, als die Marktbuden schlossen, um Platz für die wilderen, nächtlichen Unterhaltungen zu schaffen, die zu erwarten waren.

»Habt Ihr etwas im Auge?«, fragte er leise.

Sie zuckte zusammen und stolperte zur Seite. Rasch, mit einer anmutigen Bewegung, fing sie sich jedoch sofort wieder. Ihre schmale Hand berührte leicht die rohe Mauer, die Fingerspitzen zitterten.

Alles, was er von der Frau sehen konnte, waren die dunklen Dinge an ihr. Ihre Augenbrauen standen leicht schräg vor Argwohn, fein geschwungene tintenschwarze Bögen auf einer breiten, blassen Stirn, eingerahmt von der dunklen Kapuze.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte die Frau mit kalter Stimme, ihre Hand war unter ihrem Umhang verschwunden.

Sie hatte eine Waffe. Wie … bemerkenswert.

Er neigte den Kopf in Richtung der Menschenmassen. »Habt Ihr Eure schon gefunden?«

Sie sah verblüfft aus, während sie einen Schritt zurückmachte und gegen das Mauerwerk stieß. »Meine was, Sir?« Obwohl verwirrt, fuhr sie damit fort, die Menschen zu beobachten, musterte jeden, der sich auf dem Platz aufhielt, mit einem raschen Blick. Genau wie er es tat, wenn er auf der Jagd war.

»Eure Beute. Hinter wem seid Ihr her?«

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihn. »Ich mache Einkäufe.«

Er lehnte sich mit der Schulter an die Mauer am anderen Ende, gelassen. Ich bin nicht gefährlich, sollte ihr das sagen. Weil sie es sein könnte. »In einem finsteren Seitengässchen lässt sich aber kein gutes Geschäft machen. Ihr wäret besser bedient, wenn Ihr mit einem der Markthändler verhandeln würdet.«

Ihre Augen waren von einem dunklen Grau, und ihr Blick war höchst eindringlich. Sie betrachtete Jamie einen Moment lang und schien dann zu einer Entscheidung gekommen zu sein. Sie zog die Hand unter ihrem Umhang hervor und wandte sich wieder den Menschenmassen zu.

»Vielleicht laufe ich vor meinem Mann und seinem schrecklichen Jähzorn davon«, sagte sie. »Ihr solltet jetzt gehen.«

»Wie schrecklich ist sein Jähzorn denn?«

Sie stieß mit ihrer kleinen Faust in die Luft. »So schrecklich.«

Jamie drehte sich um und ließ wie sie die Augen über die Menschen auf dem Marktplatz wandern. »Soll ich ihn für Euch töten?«

Sie lachte leise. Die dunkle Kapuze, die sie sich über den Kopf gezogen hatte, bewegte sich in kleinen Wellen um ihr blasses Gesicht. Lange, schwarze Locken fielen ihr über die Schultern. »Wie ritterlich von Euch. Würdet Ihr das so einfach tun? Aber schließlich habe ich nicht gesagt, dass ich vor einem Ehemann davonlaufe. Ich sagte, dass es vielleicht so sein könnte.«

»Ah. Und was sonst könntet Ihr hier wollen?«

»Vielleicht will ich Hähne stehlen.«

Ah. Sie wusste also, dass jemand, der sie beobachtete, glauben musste, dass sie das Federvieh haben wollte. Und weil das so war, sollte er auch nicht seinem Wunsch nachgeben, darüber zu lächeln. Denn eine Frau, die merkte, dass sie beobachtet wurde, war eine gefährliche Frau.

Er wandte sich um und schaute zu dem Platz, auf den, den Gerüchten nach, Father Peter am Abend kommen würde, um sich mit einem alten Freund zu treffen, einem Rabbi. Jamie hatte genaue Anweisungen erhalten, die mit »Greift Euch den dämlichen Priester« begannen und mit »Bringt ihn mir« aufhörten. Ein gnadenloses königliches Herbeizitieren eines fähigen Illuminators und Agitators, der frühere Einladungen ausgeschlagen hatte. Aber in diesen Tagen lehnten schließlich viele Menschen eine Einladung König Johns ab, weil man von denen, die eine angenommen hatten, sehr oft nie wieder etwas gehört hatte.

Jamie ließ seine Augen über den Marktplatz wandern. Der fragliche Hahn saß in einem Käfig auf einem Käfig auf einem Käfig, alle gefüllt mit Hähnen, die versuchten, sich zu brüsten. Der oberste, der all diese Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war ein besonders prächtiges Exemplar seiner Gattung.

»Die grünen Schwanzfedern?«

Sie nickte. Jamie nickte ebenfalls, als sei es üblich, sich in dunklen Gassen zu verstecken und über den Diebstahl eines Tiers zu reden. »Hübsch. Stehlt Ihr des Öfteren?«

»Tut Ihr es?«

»Ständig.«

Sie wandte ihm ihr blasses Gesicht zu, ihre grauen Augen blickten kühl und prüfend. »Ihr lügt.«

»Vielleicht. So wie Ihr.«

Warum kümmerte es ihn? Sie war weder sein Ziel noch ein Hindernis auf seinem Weg und deshalb außerhalb seines Interessenbereiches. Aber etwas an ihr weckte in ihm den Wunsch zu bleiben.

Sie zog kaum merklich eine ihrer anmutig geschwungenen dunklen Augenbrauen hoch. »Wollten wir denn ehrlich zueinander sein? Das war mir nicht bewusst.«

»Nein, aber Ihr würdet es ohnehin nicht sein«, entgegnete er und schaute wieder zu der Menschenmenge hinüber. Noch immer keine Spur von dem Priester. »Ihr haltet Euch nicht oft bei solchen Menschenansammlungen auf. Ich hingegen springe immer mit Räubern und Dieben und jenen herum, die in solchen Abgründen der Menschlichkeit, wie diese schmale Gasse, zu Hause sind; deshalb kenne ich mich in diesen Dingen aus.«

Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie das Gesicht verzog. Sie lächelte. »Ah. Wie günstig für mich. Ein Lehrmeister.« Sie schwieg. »Springen Diebe herum?«

»Ihr solltet sie um ein Feuer herumspringen sehen.«

Sie lachte leise. Jamie war ein wenig überrascht, dass er es amüsant fand, die Absicht dieser Fremden herauszufinden.

Für einen Augenblick herrschte Schweigen, ein seltsam kameradschaftlich anmutender Zustand.

Vor ihnen floss ein wahrhafter Strom menschlichen Wahnsinns vorbei. Oder besser gesagt: Jubels, aber von der wahnsinnigen Sorte. Der Bürgerkrieg drohte auszubrechen. Auf den Straßen von Dorset bis York herrschte das Gefühl des Überschwangs, eine schwer zu beschreibende Ausgelassenheit, die die Menschen trunken machte. Und hemmungslos. Um Mitternacht würde diese Stimmung in Gewalt umschlagen. So war es immer. Das Königreich war wie im Fieber, erregt und hektisch, erhitzt von Krankheit.

»Ich bin sicher, ich sollte Angst vor Euch haben«, sagte sie ruhig.

»Das solltet Ihr ganz gewiss«, bestätigte Jamie grimmig.

»Ich sollte Euch vielleicht niederstechen.«

Er verrückte seine Schultern am Mauerwerk und schaute auf die Frau hinunter. »So weit müssen wir es ja nicht kommen lassen.«

»Natürlich wusste ich das gleich.« Ihre Stimme war kühl und wohlklingend. »Dass Ihr gefährlich seid. Schon als ich Euch das erste Mal sah.«

»Wann war das? Als ich mich hier an Euch heranschlich?«

Wieder verzog sie leicht das Gesicht, das wie aus Alabaster geschnitzt wirkte. »Als ich Euch auf der anderen Seite der Straße sah.« Sie neigte leicht den Kopf und wies auf die Kirche jenseits des Marktplatzes.

Ah. Sie hatte scharfe Augen. Denn Jamie war in der Lage, mit seiner Umgebung zu verschmelzen, sich sozusagen unsichtbar zu machen. Das war ein Teil dessen, was ihn so erfolgreich sein ließ. Das und seine Unbarmherzigkeit.

»Ihr habt mich gesehen?«, murmelte er. »Was hat mich verraten? Der Durchgang? Das Herumschleichen?«

Sie sah ihn an. »Eure Augen.«

»Ah.«

»Eure Kleidung.«

Er sah überrascht an sich hinunter.

»Die Art, wie Ihr Euch bewegt.«

Jamie hob den Kopf und verschränkte schweigend die Arme vor der Brust, forderte die Fremde mit dieser Geste auf fortzufahren. Sie tat ihm den Gefallen.

»Euer Geruch.«

Er ließ die Arme sinken. »Mein Geruch …?«

»Euer Lächeln«, sagte sie und wandte sich ab.

»Nun, das hieße ja, so ungefähr alles«, stellte er fest. Er musste etwas sagen, damit sie weitersprach, denn mit jedem Wort, wurde sie faszinierender, obwohl er nicht sicher war, dass es aus den üblichen Gründen war. Den lebensnotwendigen Gründen, die einen Mann am Leben hielten oder ihn umbrachten.

»Wonach genau rieche ich denn? Nach einem hungrigen Bären oder als hätte ich im Blut meiner Opfer gebadet?«

»Als würdet Ihr bekommen, was Ihr wollt.«

Sie hatte also auch eine gute Nase. War klug und hübsch. Und sie war eine Lügnerin.

Sie schaute wieder hinüber zu den Menschen, die auf der Straße vorbeiströmten. »Und was ist mit Euch, Sir? Seid Ihr auf der Suche nach einem Hahn?«

»Nein.«

»Nach einer Hure?«

Er schnaubte.

»Vielleicht nach einer Knoblauchzehe?«

Er schwieg. Dann sagte er ihr aus einem Impuls heraus die Wahrheit. »Ich suche einen Priester.«

Sie zuckte kaum merklich zusammen, ein kleines unterdrücktes Zucken, das die Spitzen ihrer Locken zum Schwingen brachte.

Das Zusammenzucken hätte einfach nur eine überraschte Reaktion auf seine lässige und respektlose Art, über einen Mann Gottes zu reden, sein können. Oder darauf, dass sie überhaupt miteinander sprachen. Oder darauf, dass sie bis jetzt noch nicht angegriffen worden war.

Aber Jamie hatte drei Viertel seines Lebens damit verbracht, es herauszufinden, wenn Menschen etwas verbargen, und diese Frau verbarg ganz gewiss etwas.

Sie stieß sich von der Wand ab. »Ich muss jetzt meinen Hahn holen gehen.«

Er grinste. »Man wird Euch vermissen.«

Sie lächelte ihn über die Schulter an. Es war wieder dieses kühle, atemberaubende Lächeln, und er wusste, warum er sich so lange mit ihr aufgehalten hatte. »Ihr werdet nicht lange allein bleiben. Die Straßenwache wird bald kommen, Euch zu holen, dessen bin ich mir sicher.«

Er lachte. »Seid vorsichtig«, sagte er. Es war eine Warnung, die aus irgendeinem, ihm bis jetzt unbekannten Winkel seines Innersten plötzlich aufgetaucht war.

Wieder warf sie ihm dieses kleine Lächeln zu, das, wie er bemerkte, durchaus nicht kalt war. Es war verstohlen. Verhalten. Wunderschön.

Sie schlüpfte aus ihrem engen Zufluchtsort, tauchte in das wogende Meer von Körpern ein und ging direkt auf den Hahn mit den grünen Federn zu. Ihr abgetragener schwarzer Umhang blähte sich, sodass sie über den Schmutz der Straße zu schweben schien. Dann, kurz bevor sie die Käfige erreichte, bog sie scharf nach links ab – und sein Weg den Hügel hinunter begann.

Als er das Haus des Rabbis, in dem sich der Priester und seine gefährlichen Handschriften laut Hörensagen befinden sollten, endlich entdeckt hatte, war der Rabbi verschwunden. Der Priester war verschwunden. Die Dokumente waren verschwunden. Und die Frau mit den grauen Augen war verschwunden.

König John würde nicht erfreut sein.

Jamie machte sich daran, die Frau zu suchen.

2

Darf ich stören?«

Die leise gesprochenen Worte rissen ihn mitten im Gehen herum. Er blieb stehen. Sie war es, die Frau mit den grauen Augen, die ihm zuvorgekommen war, sich seine Beute geschnappt hatte.

Jamie kämpfte den Drang nieder, die Frau zu packen und zu schütteln, als ihm klar wurde, dass sie auch ohne einen solchen Ansporn reden wollte. Dennoch, sein Bedürfnis fand kaum Befriedigung. »Was?«, stieß er aus. »Wo ist der Priester?«

»Ein paar schreckliche und stinkende Männer haben ihn weggeschleppt.«

Das raubte ihm für einen Moment den Atem. Es musste ihm anzusehen sein, denn sie nickte mitfühlend. »Ja, wirklich. Ich war genauso entsetzt.«

»Vielleicht nicht in demselben Maße.«

»Nein, vielleicht nicht ganz. Immerhin habt Ihr zwei Schocks erlitten und ich nur einen. Aber ein schrecklicher Schock ist es dennoch, nicht wahr?«

»Ja, schrecklich«, bestätigte er finster. »Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr den Priester nicht habt?«

»Natürlich habe ich ihn nicht. Aber ich könnte Eure Hilfe brauchen, um ihn wiederzufinden.«

Was erwiderte man auf ein solches Ansinnen? »So, könntet Ihr das?«

Sie sah ihn forschend an. »Habt Ihr gedacht, es sind Eure Männer, die mit Father Peter auf und davon sind? Sie sahen nicht wie Eure Männer aus, also macht Euch keine Gedanken, dass es Euch gelungen ist, mir meinen Priester zu stehlen.«

»Ich habe mir keine Gedanken gemacht«, widersprach er trocken. Er setzte keine Männer ein, im Allgemeinen, ausgenommen seinen Freund und Gefährten Ry, der zurzeit die Pferde für einen Ritt sattelte, den sie heute Nacht nun wohl doch ohne einen dickschädeligen Priester in ihrer Obhut unternehmen würden. »Warum sagt Ihr, dass es nicht meine Männer waren?«

»Kommt«, sagte sie und zog ihn am Ärmel mit sich. »Sie haben diesen Weg genommen.«

Er folgte ihr den engen Durchgang entlang, wachsam und hoffend, sich mit ihr zusammen durch eine weitere dunkle Gasse schleichen zu können, ohne dass sie sich umdrehte und ihm den Schädel einschlug.

»Ich weiß, dass es nicht Eure Männer sind«, erklärte sie, während sie durch die verwinkelten, kopfsteingepflasterten und dreckigen Gassen eilten, »weil diese Männer böse Augen hatten und gemein und barbarisch aussahen. Eure Männer würden schmutzig und gefährlich aussehen.«

Er starrte auf den Rücken ihrer umhangverhüllten Gestalt, die die schmale Gasse gleichsam hinunterflog. »Wollt Ihr mir etwa schmeicheln?«

»Schmeicheln? Nichts davon ist ›schmeichelhaft‹. Ich sage Euch, dass diese schrecklichen Männer den eure haben. Wir müssen ihn zurückholen, wie einen Sack Weizen.«

»Warum?«

Sie blieb am Ende der Gasse stehen, kurz bevor diese in die High Street einmündete. Dort ging es geschäftig zu, überall waren Menschen, die ihrem Ziel zueilten. Es war noch nicht ganz dunkel, aber die Gewitterwolken hatten dem Abend ein frühes Ende gesetzt. Die Laternen waren angezündet worden. Menschen hasteten nach Hause oder hinaus in den dunklen, windgepeitschten Abend. Die hölzernen Läden der Geschäfte und Werkstätten wurden geschlossen und verriegelt, während durch die Ritzen der geschlossenen Windläden darüber orangefarbenes Licht flackerte, Kerzenlicht, als Familien und Freunde sich in der Wärme zum Essen und zum Beisammensein einfanden.

Jamie verabscheute diese Zeit des Abends.

Seine Gefährtin wandte sich zu ihm um, ihre geschwungenen dunklen Augenbrauen verflachten sich, als sie ihn tadelnd ansah. »›Warum?‹ Was soll Eure Frage bedeuten? Dieses ›Warum‹?«

Über ihren Kopf hinweg sah Jamie zwei Männer, die einen bewusstlosen Priester mit sich zerrten. Drei weitere Männer in ledernen Rüstungen trotteten hinterher. Die fünf bogen in eine Straße, die nur zu einem Ort führte: zum Hafen.

Jamie packte seine neue Begleitung am Arm und hinderte die Frau daran weiterzugehen, zwang sie, ihn anzusehen.

Genau genommen hatte er nicht die Absicht, sie noch länger bei Bewusstsein zu lassen. Aber wenn er sie jetzt besinnungslos schlug, würden es Leute beobachten. Und wenn er sie jetzt gehen ließ, so argwöhnte er, würde sie diesen Männern folgen und sie ansprechen oder sie beißen oder etwas gleichermaßen Aufmerksamkeiterregendes tun. Auf jeden Fall würde sie irgendetwas unternehmen, um die Männer davon abzuhalten, sich mit ›ihrem‹ Priester davonzumachen. Und Aufmerksamkeit war das Letzte, was Jamie wollte.

Drei verschiedene Parteien waren jetzt an Father Peter interessiert. Eine Straße voll von betrunkenen Feiernden schien da eine überflüssige Ergänzung zu sein.

Er würde also den richtigen Zeitpunkt abwarten. Die Männer konnten mit Father Peter auf dem Weg zum Hafen sein, aber dass sie sich jetzt aufteilten, um mehrere Schiffe anzusteuern, verriet Jamie, dass sie über kein eigenes Schiff verfügten. Um diese Tageszeit würden sie jedoch keine Passage bekommen, auch nicht auf einem der kleinen Fischerboote. Wollten sie zu einer Überfahrt kommen, so mussten sie in die Taverne gehen, die nah am Kai lag, in den Red Cock, den Roten Hahn, in dem sich die Kapitäne, die Ruderer und anderes wassergeborgenes Treibgut versammelten.

Die Männer mit Father Peter waren soeben an der Schenke vorbeigegangen. Jamie hingegen blieb jetzt davor stehen.

Letztendlich würden die Entführer es kapieren. Also würde er warten. Er ging jede Wette ein, dass nicht alle fünf samt zusammengesacktem Priester in der Schenke aufkreuzen würden. Sie würden sich also trennen, und das würde er nutzen. Er würde die Unglücklichen, die in die Taverne geschickt werden würden, überwältigen, wenn sie sie wieder verließen.

Es war ein Plan. Dass er improvisiert und riskant war, zählte nicht: Jamie hatte sein ganzes Leben bisher so gestaltet.

Und er würde, das entschied er, die Wartezeit darauf verwenden, mehr über diese Heimatlose im dunklen Umhang zu erfahren, bevor er sie bestenfalls nicht mehr als eine lästige Störung betrachten und schlimmstenfalls gefesselt und geknebelt zurücklassen würde.

Er zog sie zurück ins Dunkle. »Das bedeutet, dass ich eine Antwort haben will. Warum wolltet Ihr den Priester? Wer hat Euch nach ihm geschickt?«

»Mich geschickt?« Sie wandte sich um, in ihrem blassen Gesicht spiegelte sich Zorn. »Warum wollen jene Männer ihn, das solltet Ihr besser fragen.«

»Mich kümmert nicht, was ›besser wäre zu fragen‹. Ich will eine Antwort.«

Sie grub weiter, als wäre er Erde unter ihrem Zorn. »Diese Barbaren schleppen ihn in diesem Moment mit sich fort. Das sollte Euch kümmern. Warum wollt Ihr ihn? Vielleicht können wir damit anfangen, bei unserem Wunsch nach Antworten. Genau genommen ist das die Art Frage, die ich sehr viel angebrachter finde.«

»Er hat etwas, was ich haben will.«

Seine rasche, ehrliche Erwiderung ließ sie innehalten. Sie blinzelte, lange Wimpern glitten hinunter, als sie zu Boden schaute. Er folgte ihrem Blick. Die Spitzen von abgetragenen Schuhen schauten unter ihrem Rocksaum hervor. Sie hob den Kopf.

»Hat er das?« Ihre blassen Wangen waren jetzt gerötet. »Das ist keine Antwort. Natürlich hat er etwas, was Ihr begehrt; warum sonst ihn suchen? Ich bin auch wegen etwas hinter ihm her. Er hat viele Dinge, die ich will. Ich möchte diese Dinge unbedingt haben.«

»Welche Art von Dingen?«

»Zierrat. Ein Stück scharlachrotes Tuch. Verträge, die er bezeugte. Truhen voller Münzen und Reliquien aus dem Heiligen Land.«

Sie zählte vieles auf, doch nichts davon waren die Dinge, deretwegen Father Peter offiziell gejagt wurde. Was interessant war, da sie geradezu alles andere unter der Sonne genannt hatte.

»Redet Euch ein, was immer Euch Trost bringt«, schloss sie und wandte sich wieder Richtung High Street, »und lasst uns endlich handeln. Bitte. Oder sie werden entkommen.«

Ein kurzer, heftiger Donner rollte am Himmel. Jamie schloss die Finger um ihren Arm, knapp oberhalb ihres Ellbogens.

»Mistress, ich rede mir nichts ein, um mich zu trösten.« Er zog sie so nah an sich heran, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen sehen zu können. »Ich mache mir weder etwas aus Trost noch aus Euch. Euch wird das nicht klar sein, aber ich habe bis jetzt sehr viel Selbstbeherrschung gezeigt. Ihr lügt mich an, habt nichts verraten. So etwas ist schwer. Ich bin beeindruckt. Und gereizt.« Ihr Atem ging ein wenig kürzer und schneller. »Also warum versucht Ihr es nicht mit der Wahrheit, und wir ›können endlich handeln‹?«

»Er ist mein Onkel«, sagte sie rasch.

»Peter von London ist Euer Onkel«, wiederholte er ungläubig.

»So gut wie.«

»Was überhaupt nichts bedeutet. Wisst Ihr, was Euer ›Onkel‹ getan hat?«

»Euren König verärgert.«

»Und zwar mächtig.«

Er sah sie schlucken. »Jeder ärgert Euren einfältigen, dummen König. Einfältigen, gefährlichen, mordenden König. Vielleicht sind diese Männer Männer des Königs«, fügte sie unheilvoll hinzu.

»Vielleicht«, gab er fast reuevoll zu. »Aber gebt acht, Frau, denn ich bin noch schlimmer als diese Männer.«

Die Farbe wich aus ihrem Gesicht wie Wasser, das sich vom Strand zurückzieht. Sie riss ihren Arm zurück, und Jamie ließ sie los. Sie taumelte rückwärts, atmete heftig. Die Gedanken, die durch ihren Kopf wirbelten, hätten ebenso gut auf dem hin und her schwingenden Wirtshausschild über ihrem Kopf stehen können: Achtung, Gefahr. Lauf weg.

Sie hatte es gewusst, dass er für sie eine Gefahr bedeutete, als sie ihn um seine Hilfe anging. Sie mochte nicht erkannt haben, dass er ein Mann des Königs war – »einfältiger, gefährlicher, mordender König« war eine starke Untertreibung –, aber sie wusste genau, dass er nicht hier war, um ihren »Onkel« zu retten. Sie hatte die Gelegenheit genutzt und ihm vertraut.

Eine bedauerliche Fehleinschätzung.

Er legte eine behandschuhte Hand auf das Türblatt, genau über ihrem Kopf, und drückte die Tür zur Schenke auf.

»Los, hinein jetzt!«

3

Dort hinein?« Eva blieb wie angewurzelt stehen und starrte diesen unmöglichen Mann an. »Nein. Warum?«

»Weil ich mit Euch sprechen muss«, sagte er, legte die Hände auf ihre Schultern und drehte sie Richtung Eingang. Seine Hände waren stark – eisenbewehrt. »Weil ich nicht nass werden will, wenn der Himmel gleich seine Schleusen öffnet. Weil ich zu extremeren Maßnahmen greifen werde, als nur darum zu bitten, wenn Ihr nicht sofort gehorcht.«

Sie schwieg.

»So ist es besser. Und jetzt hört zu. Jene Männer, die den Priester haben – wir lassen sie die Stadt verlassen«, erklärte er mit diesem tiefen, einschmeichelnden Tonfall, mit dem Höflinge und Männer mit Macht sprachen, nicht aber Rüpel in schwarzen Umhängen. Er war also wandlungsfähig. Nicht vertrauenswürdig. »Ich kann am Stadttor kein Handgemenge für mich entscheiden. Könnt Ihr es?«

Sie zögerte, dann schüttelte sie den Kopf.

»Gut. Dann sind wir einer Meinung. Wir werden es diesen barbarischen Entführern erlauben, die Stadt zu verlassen, und sie dann aufstöbern.«

Sie sah ihn argwöhnisch an. »Und was wird aus Father Peter?«

Er legte erneut seine panzerbehandschuhte Hand auf das Türblatt. »Ich schlage vor, wir machen einen Schritt nach dem anderen. Geht hinein. Jetzt. Und setzt Euch.«

Eva tat es, weil ihre Möglichkeiten zu wählen in der Tat beschränkt waren: entweder der Gefahr folgen oder Father Peter verlieren.

In der Tat machten Alternativen wie diese die Dinge wesentlich einfacher. Gefahr schreckte Eva nicht. Oder genauer gesagt, sie hatte sich daran gewöhnt. Unklarheit hingegen lehrte sie das Fürchten. Keinen Plan zum Handeln zu haben erschreckte sie. Ebenso wie Dunkelheit. Das Dunkle machte ihr panische Angst.

Zumindest hatte dieser Halunke einen Plan, ebenso wie er ein bösartig scharfes Schwert und ein Arsenal von Messern hatte. Nur aus diesem Grund würde sie wie Pech an ihm kleben, bis sie Father Peter gerettet hatten. Dann würde sie sich in Rauch auflösen, und dieser Rüpel würde sie nie wieder zu Gesicht bekommen.

Aber dass er ihr Befehle erteilte, als sei sie ein Hund, das war schlicht überflüssig.

Er stieß die Tür zur Taverne auf. Sie knarrte. Aber was knarrte in England nicht? Feucht, kalt und voll von verrostetem Eisen und Trunkenbolden, war es nicht das, was sie sich gewünscht hatte? Aber sie war nun einmal hier, mit einer Mission, die noch geheimer war als die, Priester zu retten, deren illuminierte Texte vor zehn Jahren ihre Welt erhellt und sie letztlich davon überzeugt hatten, dass es so etwas wie Erlösung gab – auch wenn niemals für sie.

Ihr dunkeläugiger Proteus zeigte auf einen Tisch ganz hinten im Raum. »Dort drüben. Hinsetzen.«

Wieder dieser Befehlston. Sie wollte murren. Stattdessen sah sie sich um, schaute auf die wackeligen Bänke und die dicken lauten Engländer, die wie nasse Wäsche auf der Leine über einem Tresen hingen, hinter dem eine Phalanx von Huren residierte. Dennoch, gab Eva zu, war es hier gar nicht so anders als in Frankreich. Abgesehen vielleicht vom Fehlen von Wandbehängen. Ein paar davon wären gar nicht so verkehrt, um die Flecken und schartigen Mauerrisse zu verdecken und die schreckliche Zugluft abzuhalten, die durch sie hereindrang.

Aber in Wahrheit hingen Männer in jedem Winkel der Welt, den sie gesehen hatte, wie nasse Wäsche auf der Leine an Huren, und die Engländer konnten kaum dafür getadelt werden, dass sie Ale tranken, um sich an ihnen festzuklammern, anstatt, zum Beispiel, an einem feinen Burgunder.

Ihr Begleiter stapfte in seinen schweren Stiefeln über die sich wölbenden Dielen auf den hinteren Teil des Tresens zu, der sich längs des ganzen Raumes erstreckte. Dieser Mann war dreist und eine Gefahr, sie hatte das gewusst – genau genommen hatte er es ihr gesagt –, aber jetzt enthüllte sich der Beweis dafür umso deutlicher im Schein der Fackeln.

Sein stoppeliges kantiges Kinn zeugte entweder von einem stumpf gewordenen Rasiermesser oder von einer urwüchsigen Natur, aber sein Haar, lang und dunkel und ungekämmt und kaum gebändigt von einem Lederband, ließ nur Gesetzlosigkeit erkennen. Sein Umhang war unauffällig und wadenlang. Darunter trug er einen schwarzen gesteppten und ärmellosen Waffenrock, der, wie sie annahm, das Kettenhemd bedeckte, obwohl er auch einen Kittel mit längeren Ärmeln darüber trug, als sollte dieser das Eisen darunter verbergen. Sowohl der Waffenrock als auch der Kittel waren vorn geschlitzt, reichten bis zur Mitte der Oberschenkel und waren an den Seiten geschlitzt. Schmutzige kniehohe Stiefel vervollständigten die Kleidung. Es waren aber die dunklen und hautengen Beinlinge, die Evas Aufmerksamkeit länger als nötig fesselten. Sie zwang sich, ihren Blick davon loszureißen.

Er trug kein Wappen auf seinem dunklen Waffenrock, trug keine Farben, die ihn hätten identifizieren können. Doch jeder Mann hatte entweder einen Lord, oder er war selbst einer. Selbst ein gefürchteter, gnadenloser Söldner, ein Brabançon, erklärte sich jemandem zugehörig. Normalerweise dem englischen König. Und nach dem Augenausdruck dieses Mannes zu urteilen, war es sehr einfach, ihn als Mann des Königs einzuordnen.

Aber irgendwie konnte sie nicht glauben, dass etwas so … Wunderschönes so schrecklich sein könnte. Und er war in der Tat wunderschön, auf eine harte Art; welch eine herrliche Männlichkeit, sehr groß und schlank, nur schwere Hitze und durchdringende Augen. Ein Tier im besten Mannesalter.

Er schaute über die Schulter und runzelte die Stirn, als er sah, dass sie sich nicht nach »dort drüben« begeben und sein »Hinsetzen« nicht befolgt hatte.

»Hinsetzen«, knurrte er. »Und dableiben.«

Sie kniff die Augen zusammen und fuhr ihn an, wenn auch sehr leise.

Er erstarrte.

Die anderen in der Schenke waren viel zu betrunken oder anderweitig beschäftigt, um davon Notiz zu nehmen, dass eine Frau einen Mann anbellte. Aber ihre Begleitung war weder betrunken noch abgelenkt. Falls der Ausdruck in seinem Gesicht irgendetwas anzeigte, dann, dass er verblüfft war. Und vielleicht ein wenig wütend. Oder auch mehr als ein wenig.

Eva setzte sich, mit dem Rücken zur Wand.

Die meisten der anderen Tische waren von Männern und ein paar Frauen besetzt, aber die Mehrheit der Gäste stand in kleinen Gruppen zusammen und trank und lachte. Mehrere Fackeln brannten in eisernen Ringen an den Wänden und warfen einige Schritte weit ein rötlich braungelbes Licht. Auf jedem Tisch standen ein paar dicke Kerzen, festgesteckt in erstarrtem Talg. Eine Gruppe Männer in halbhohen Stiefeln und kurzen Umhängen stand am anderen Ende des schmalen Raumes, halb vorgebeugt, und begleitete anfeuernd ein Würfelpaar aus Knochen, das klickernd über den Boden auf die Wand zurollte. Ein Schrei brandete auf; jemand hatte gewonnen.

Niemand versuchte, die Ausgelassenheit zu beenden. Eine Schenke, die über die Sperrstunde hinaus geöffnet hatte, interessierte nicht in diesen Tagen, in denen das Land am Rande einer Rebellion gegen seinen König stand.

Evas Begleiter kehrte an den Tisch zurück. Eine Frau mit zwei Krügen in den Händen folgte ihm. Ale, entschied Eva, als sie die bräunliche Brühe misstrauisch beäugte.

»Was immer das hier auch gekostet hat – Ihr habt zu viel dafür bezahlt«, bemerkte sie und schaute auf.

Der Mann starrte lange auf sie herunter, ganz so, als legte er sich eine Taktik zurecht. Vielleicht überlegte er, ob er ihr ein Messer zwischen die Rippen jagen sollte. Aber die Entscheidung war jetzt gefallen, zum Guten oder zum Schlechten. Man konnte nur hoffen, dass dieser Halunke nicht gerade jetzt das Verlangen verspürte zuzustechen.

Endlich setzte er sich. Unglücklicherweise tat er das, indem er sich direkt neben sie auf die kurze Bank fallen ließ, ebenfalls mit dem Rücken zur Wand. Seine Hüfte drückte hart gegen ihre. Dann griff er nach seinem Krug.

Das Gefühl seines Oberschenkels an ihrem schockierte Eva. Da sie nicht daran gewöhnt war, von einem solchen Gefühl schockiert zu werden, bewegte sie sich unbehaglich und beugte sich vor, um ihren Begleiter zu betrachten.

»Euch mag das nicht bewusst sein, Sir, aber in anderen Teilen der Welt sprechen Menschen nicht mit anderen Menschen, als hätten sie Fangzähne und Pfoten.«

Er hob den Blick zu ihr – wie blau seine Augen waren, selbst in diesem schummrigen Kerzenlicht –, dann setzte er seinen Krug ab und wischte sich mit dem behandschuhten Handrücken den Mund.

»Nein? Faszinierend. Ich hingegen habe in fast jeder Gegend dieser Welt festgestellt, dass Frauen nicht bellen.« Seine blauen Augen wanderten über sie, begannen an ihrem Ausschnitt und bewegten sich dann kühn tiefer. Sie errötete. »Northumbria«, sagte er schließlich und sah ihr wieder in die Augen.

»Verzeihung?«

»Euer Akzent. Northumbria, vielleicht Wales.« Seine Augen wanderten wieder über sie. Selbst im schummrigen Schein der Fackeln und Kerzen war seine männliche Begutachtung ihrer weiblichen Formen eindeutig. »Engländerin.«

»Keltin. Bretagne«, erwiderte sie rasch.

»Vielleicht«, murmelte er, und es war offensichtlich, dass er ihr nicht glaubte.

Ihre Wangen röteten sich. Sie waren so lästig, diese intelligenten, schlauen Schwertträger. Es bestürzte Eva zu erfahren, dass ihr Akzent wahrnehmbar war. Sie hatte hart daran gearbeitet, ihn abzulegen, alles hinter sich zu lassen, als sie vor zehn Jahren aus England geflohen war. Ihr Zuhause, ihre Familie, ihren Akzent: Alles war bei der Fahrt über den Kanal über Bord geworfen worden.

Aber bei diesem Mann hier – vielleicht würde wenig verborgen bleiben. Oder sicher.

Die großen Hände, panzerbehandschuht bis zum Handgelenk, die jetzt auf dem Tisch ruhten, sahen aus, als seien sie sehr gut im Zerstören. Aber dann wiederum gab es da diese Andeutung eines Grübchens neben seinem linken Mundwinkel, allerdings nur, wenn er richtig lächelte. Sicherlich war es dazu bestimmt, Frauen zu erregen.

Was ihn nur umso gefährlicher machte. Doch nein, die Dinge, die wirklich zählten, die Dinge, die Eva beachten musste, waren seine Narben. Eine zog sich über den Rand seiner Unterlippe bis hinauf über einen hohen Wangenknochen, wo sie unter seinen Haaren verschwand. Eine andere, schartigere, zog sich über sein stoppeliges Kinn.

Aber am allerwichtigsten waren seine Augen. Funkelnd, mitternachtsblau und, vor allem, tief blickend.

Vielleicht hatte sie einen Fehler gemacht, ihn um seine Hilfe zu bitten.

»Ganz nah dran, Sir, Eure Vermutungen über mich«, erwiderte sie und ließ ihre Stimme leicht und lässig klingen. Das war eines ihrer beständigen Talente: so zu tun, als sei nichts wichtig. »Seid Ihr im Schachspielen auch so gut, wie Ihr es im Rätselraten seid? Ich werde nie mit Euch spielen. Das Herz würde mir dabei flattern.«

Ein Mundwinkel hob sich, und jenes leichte Grübchen zeigte sich tatsächlich in seiner Wange, und Eva flatterte das Herz tatsächlich ein klein wenig. Aber dieses Flattern war sehr viel stärker, als sie es jemals zuvor erlebt hatte, fühlte sich wie ein Miniaturerdbeben in ihrem Bauch an, das schwere heftige Erschütterungen produzierte.

»Ich spiele tatsächlich Schach.«

Sie hob die Hand, die Handfläche ihm zugewandt, hielt sie in den kleinen Lichtkreis, den der Kerzenstummel auf ihrem Tisch warf. »Non. Ich könnte es nicht ertragen. Stattdessen vielleicht Mühle?«

Er sah überrascht aus. »Würfel?«

»Habe ich Euch beleidigt? Dann vielleicht Versteckspielen, wie die kleinen Kinder. Ich werde mich verstecken, und Ihr werdet mich niemals finden.«

Er lachte leise. »Ich würde Euch finden, Mädchen.«

Ein Zittern ging durch ihren Bauch, heiß und prickelig.

»Wales?«, sagte sie und war an der Reihe, sein Heimatland zu erraten, aber ihr Ziel war es, ihn abzulenken.

Sie war sich ziemlich sicher, dass er genau wusste, was sie tat, aber er antwortete ohne Zögern. »Niemals.«

»Edinburgh?«

»In der Nähe. Vor langer Zeit.«

»Ah, das dachte ich mir. Ich höre es Euch noch an.«

»Der Norden hat so seine Eigenart.« Er strich mit einem Finger seines Handschuhs müßig über den Rand seines Bierkruges.

Eine Gruppe Männer tauchte im Eingang auf, in Umhänge gehüllt, ihre Holzsohlen klackten hart auf der Türschwelle. Eva spürte eher, als dass sie es sah, wie sich die Aufmerksamkeit ihres neuen Gefährten auf die Ankömmlinge richtete, wie die eines Bogenschützen, der sein Ziel anvisierte. Dann ließ seine Aufmerksamkeit nach, aber sie hätte nicht erklären können, woran sie es erkannte, denn er hatte keinen Muskel bewegt. Es war irritierend, einen Mann neben sich zu haben, der gefährliche Entschlossenheit wie eine Kerze entzündete und sie dann ebenso unvermittelt wieder löschte.

In der Ecke am anderen Ende des Raumes wurde ein misstönend klingendes Lied angestimmt, in dem es obszön und anstößig zuging. Eva richtete sich auf und betrachtete den Bierkrug, dann hob sie ihn entschlossen hoch und trank einen Schluck. Sie schnitt eine Grimasse und setzte den Krug im gleichen Atemzug ab.

»Das Ale hier ist ziemlich schlecht«, sagte er.

»Das Ale ist überall schlecht«, erklärte sie und beugte sich vor. »Warum trinkt Ihr es?«

Er schürzte die Lippen, als hätte er nie zuvor über diese Frage nachgedacht.

»Ihr solltet den Wein aus dem Herzogtum Burgund kosten«, sagte sie ernst.

Eine dieser dunklen, geschwungenen Augenbrauen hob sich. »Sollte ich das?«

»Ganz gewiss.« Sie verschränkte die Hände ineinander und beugte sich so weit vor, dass ihre Rippen die breite Tischkante berührten, dabei machte sie sich ein Bild bewusst. »Ich könnte Euch von einem Tal erzählen, wo die Trauben wachsen – wir könnten durch die Weinberge klettern –, und die Luft, sie ist immer warm, und der Staub zwischen unseren Zehen fühlt sich kühl an, und von der Kuppe des Hügels schaut man auf das Land, das sich unter einem wellt, als lebe etwas unter der Ackerkrume. Wie ein Riese, der sich unter seinen Laken reckt, seine Knochen richtet. Ah, und die Trauben. Sie sind ganz außerordentlich.«

Er beobachtete sie, seine Augen waren überschattet. Die Kerze zwischen ihnen auf dem Tisch flackerte. »Ja, außerordentlich«, wiederholte er. »Wie ist Euer Name, Mistress?«

»Die Höflichkeit erfordert, dass Ihr Euch zuerst vorstellt, Sir.«

»Ich bin nicht höflich.«

Sie winkte ab. »Bei mir werdet Ihr es sein. Ihr werdet es unvermeidbar finden.« Sie zog eine Braue hoch. »Euer Name, Sir.«

»Jamie.«

»Jamie. Jamie«, wisperte sie.

Es fühlte sich an, als läge es Jahre zurück, dass sie den Namen eines Mannes ausgesprochen hatte. Vielleicht war es auch so. Es hatte in all diesen Jahren niemanden gegeben außer ihr und Father Peter und ihrem Schützling Roger.

Und jetzt war da dieser gefährliche Mann, gefährlich nicht nur wegen der Klingen, die er verborgen am Körper trug – was ihn natürlich besonders gefährlich machte –, sondern wegen dem, was in ihrem Bauch passierte, wenn sein Mund sich wie jetzt zu diesem leichten, schiefen Lächeln verzog, als sie seinen Namen zweimal wiederholt hatte.

»Und Eurer, Mistress?«

Sie zögerte. »Eva.«

»Eva, Eva«, murmelte er, genau wie sie seinen Namen gemurmelt hatte, außer dass sie keinesfalls so viel latente Sinnlichkeit in zwei gemurmelte Worte gelegt hatte.

Zwei gleich gemurmelte Worte.

»Findet Ihr es nicht höchst seltsam, dass wir beide hier sitzen und über Nichtigkeiten reden?«, fragte sie. »Und das, obwohl wir gegeneinander kämpfen werden? Schließlich wollen wir beide dasselbe haben, und nur einer von uns wird es bekommen.«

Die Bank kippte nach vorn, als er sich vorbeugte. Seine Hand in dem Kettenhandschuh fiel auf den Tisch neben ihre blasse.

»Höchst seltsam, in der Tat«, erwiderte er. »In meinem Leben gibt es keine Nichtigkeiten.«

»Nun, es gibt das hier.« Sie klopfte auf die Tischfläche zwischen ihnen, den knappen Zoll zwischen ihren Händen, der brennenden Kerze und der kalten Luft.

»Ja, das gibt es«, stimmte er mit tiefer Stimme zu. Er schaute auf ihre Hände. »Was habt Ihr mit Euren Fingernägeln gemacht?«

»Sie sind bemalt.« Eva ballte die Finger zur Faust und entzog sie so seinem Blick. »Es ist nichts. Nur eine Gewohnheit, die die Zeit vertreibt.«

»Sie sehen wie Zeichnungen aus.«

»Sie sehen so aus, weil sie es sind.«

»Sie haben mich an Ranken erinnert. Lasst mich sehen.«

Sie nahm ihre zur Faust geballte Hand vom Tisch. »Ranken. Und Blüten.«

Er schaute auf. »Wie?«

»Mit sehr feinen Pinseln, nicht dicker als ein Grashalm.«

»Das ist … bemerkenswert.«

Sie sah ihn aus schmalen Augen an. »Ich möchte Euch nicht schockieren, Sir, aber bei Eurem Interesse für kleine Ranken scheint Ihr mir nicht der Mann zu sein, der Priester jagt.«

Er hätte aus Marmor gemeißelt sein können, denn er verzog keine Miene oder zeigte sonst eine Reaktion. »Nein?«

Sie schüttelte den Kopf. »Lasst es mich deutlicher sagen: Wenn man Euch so ansieht, würde man kaum glauben, dass Ihr Priester jagt.« Etwas regte sich leicht in seinem Gesicht. Ein Lächeln.

Sie nickte nachdenklich. »Ich kann ihn Euch trotzdem nicht überlassen, das müsst Ihr wissen.«

Jetzt wieder die marmorgleiche Reaktion. Es gefiel ihr nicht, mit Marmor zu reden.

»Ihr denkt, ich scherze«, sagte sie scharf.

»Ich denke nichts dergleichen«, sagte er mit jener tiefen, kräftigen Stimme, die sie bereits kannte. »Ich halte Euch für resolut und verbissen, und wenn Ihr etwas tut, Eva, dann denke ich, Ihr tut es für die Ewigkeit.«

Sie hielt den Atem an, der aus ihr herausbrechen wollte, kaschierte ihre Entrüstung als leises Lachen. Die Art, wie sich ihr Name aus seinem Munde angehört hatte, war ganz und gar nicht schicklich. »Dem ist gewiss nicht so. Die Dinge, die ich tue, sind unbedeutend und interessieren niemanden. Ich bin nichts und niemandem verpflichtet.«

Er sah sie an. »Was ist mit dem Priester?«

Nun gut. Jetzt zöge sie es vor, mit Marmor zu reden, statt verhört zu werden. Sie verengte die Augen. »Wie seid Ihr überhaupt dazu gekommen, Priester zu jagen?«

»Ich hatte einen Hang dazu«, sagte er, und seine Stimme klang so tief, dass sie fast vibrierte. Eva hatte sich vorgestellt, Marmor würde eine höhere Tonlage haben. Doch seine war wie Erde und Felsen und die Dinge, die darunterlagen.

»Wisst Ihr, dass Ihr eine erbärmlich schlechte Lügnerin seid?«, fragte er, während er sich zurücklehnte und sie beobachtete.

Eva fuhr mit der Hand über den Tisch, als würde sie Krumen fortwischen. »Was Ihr nicht sagt. Wie könnte man so etwas nicht wissen? Ich lüge so, dass man es merkt, aber das scheint weniger gefährlich zu sein, als die Wahrheit preiszugeben, nicht wahr?«

Das Lächeln, das in seinem wunderschönen Gesicht gelegen hatte, verschwand. Er war wieder ernst, wie eine Wespe.

»Was wisst Ihr über den eure?«, verlangte sie zu wissen. Hatte dieser Mann die leiseste Ahnung, was für ein großartiger Mensch Father Peter war, welche Reichtümer diese Welt verlieren würde, sollte ihm je etwas Schlimmes widerfahren?

»Ich kenne seinen Gebrauch der Farben«, entgegnete Jamie und schaute in die Kerzenflamme. »Grün und Rot und ein höllenschwarzes Schwarz. Er hat mich mit Tigern bekannt gemacht, mit denen die Seitenränder einer Buchseite bemalt waren. Ich war sechs. Ich hätte diese Kreatur tagelang anschauen können. Meine Mutter erzählte, ich hätte ihr gesagt, dass ich den Tiger habe brüllen hören.«

Sie lachte leise, obwohl es mehr wie ein kleines geräuschvolles Ausatmen klang. »Der Everoot-Psalter. Ihr kennt also seine Arbeit.«

»Aye. Seine Schriften, seine Buchmalerei.«

»Gefährliche Dinge, nicht wahr?«

»Aye.«

»Englands König denkt nicht allzu gut über diese Dinge.«

»John denkt nicht so gut über sie«, stimmte er zu.

»Aber Ihr schon.«

Sein Blick verließ sie nie, war Antwort genug. Die Tür zur Schenke wurde erneut aufgestoßen, und wieder drang kalte, feuchte Luft herein.

»Es ist mehr als traurig«, sagte sie nachdenklich, »dass er sicherlich zu Eurem grausamen König gebracht wird, um beseitigt zu werden.«

Jamie sprang auf. Eva tat es ihm gleich.

Seine Augen verengten sich. Ihre ebenso.

»Setzt Euch hin«, sagte er. »Habt Ihr einen Dolch?«

Sie klopfte auf ihre Röcke.

»Das dachte ich mir. Ich werde jetzt gehen und sehen, wie die Dinge stehen. Ihr wartet hier, bis ich zurückkomme. Sollte aber irgendetwas vorfallen und ich noch nicht wieder da sein, bevor der Idiot dort drüben von seinem Stuhl fällt«, er deutete auf einen Kaufmann mit Leinenmütze, der so mit Ale abgefüllt war, dass diese Prophezeiung nur ein paar Augenblicke brauchen würde, um wahr zu werden, »geht Ihr nach Fishamble zum Stadttor – meidet die üblen Gassen. Erwartet nicht, unsere Beute noch zu entdecken; die Männer werden das Tor bereits passiert haben.«

Er drückte ihr mehrere Münzen in die Hand. »Für die Torwächter«, erklärte er grimmig. »Nach Einbruch der Dunkelheit öffnen sie das Tor nicht aus Freundlichkeit.«

»Aber das ist viel zu viel …«

»Solltet Ihr unsere Beute auf der Landstraße nicht entdecken, dann haben sie ohne Zweifel haltgemacht. Vermutlich im Goat, einem kleinen Gasthaus an der Straße nach Osten.«

»Aber …«

»Nennt dem Wirt meinen Namen; man wird sich um Euch kümmern.«

»Aber …«

»Hört auf zu reden«, befahl er und beugte sich über den Tisch, bis sein vernarbter, perfekter Mund ihrem viel zu nahe war. »Und wenn Ihr mich noch einmal anbellt, werde ich Euch fesseln und Euch auf eine Art heulen lassen, wie Ihr sie Euch noch nie habt träumen lassen, Mädchen aus der Bretagne.«

Sie standen sich gegenüber, leicht vorgebeugt, und starrten sich an, wütend und erregt – zumindest Eva; Jamies Gesicht verriet wenig, als die Tür der Taverne sich ein weiteres Mal knarrend öffnete und dann zuschlug. Eva schaute sofort weg; eine nützliche Angewohnheit, erwachsen aus zu vielen Jahren des Davonlaufens und des Sichversteckens. In diesem Fall, wie schon in so vielen anderen, rettete es ihr das Leben.

Die Männer, die Father Peter entführt hatten, betraten in diesem Moment die Schenke.

Unter anderen Umständen wäre dies ein Glücksfall gewesen. Jetzt aber, im Schein der Fackeln, war Eva deutlich sichtbar, und das war außergewöhnliches Pech, weil diese Männer sie zuvor bereits gesehen hatten. Als sie Father Peter an ihr vorbeischleppten, bewusstlos.

Wenn die Entführer sie jetzt sahen, würden sie sie wiedererkennen. Dann würden sie sie packen. Sie vielleicht sogar töten. Und Father Peter wäre verloren.

Und Gog … ihr wurde die Kehle eng bei dem Gedanken an Roger in all seiner Unbesonnenheit. Roger, kaum fünfzehn, der ihr wie ein Bruder war und der im Wald draußen vor der Stadt auf sie wartete. Was würde Gog ohne sie anfangen?

Langsam hob sie den Blick zurück zu Jamie, in kleinen Graden, wie die Schattenlinie auf einer Sonnenuhr. Der Hall schwerer Schritte auf Dielen dröhnte mit jedem Pulsschlag in ihrem Kopf. Ein Zittern durchströmte sie wie ein Fluss mit wandernden Strudeln und Wirbeln. Angst und Wut vermischten sich, wie sie es so oft taten. Sie war bereit, wegzulaufen oder anzugreifen, würde nicht wissen, was von beidem sie tun würde, bis sie es tat.

Aber in diesem Moment, wie eine Hand, die ihr ein Geschenk reichte, kam ihr ein neuer Gedanke: Küss ihn …

Und genau das tat sie.

4

Sie hatten sich leicht vorgebeugt und starrten sich an, wütend und erregt – zumindest Jamie; Eva sah einfach nur mörderisch entschlossen aus, als sie ihm die Hände auf die Schultern legte, sich noch weiter vorbeugte und ihn küsste.

Er bewegte sich nicht. Ihre Lippen glitten über seine, übten nicht mehr Druck aus als ein Atemhauch.

»Was tut Ihr da?«, sagte er, aber er sprach leise und zog sich auch nicht zurück.

Ihre Lippen bildeten eine gewisperte Antwort an seinem Mund, machten sie ihm intensiv und aufreizend als ein Objekt unverfälschter Lust bewusst.

»Sie sind hier«, hauchte sie. »Die Männer mit den bösen Augen.« Ihre zierlichen Hände packten seine Schultern fester. »Ich glaube nicht, dass es ihnen gefallen würde, mich hier wiederzusehen.« Sie streifte seinen Mund mit ihrem, hauchte kleine, winzige Küsse von einer Seite seiner Lippen zur anderen, als wäre sein Mund eine Spur, der sie folgte.

»Was meint Ihr mit ›wieder‹?«, wollte er wissen, aber er fragte es an ihren Lippen.

Ihre Blicke trafen sich, ihre Köpfe neigten sich leicht zurück, ihre Lippen waren nur einen Atemhauch voneinander entfernt.

»Ich glaube, dass sie mich gesehen haben. Zwar nur für einen Moment, aber das würde selbst in deren beschränkten Schädeln Fragen wecken. Sie werden sagen: ›Warum ist sie hier, wenn sie vorhin auch dort war?‹, und ich werde ihnen das nicht beantworten können.«

Jamie hob den Blick. Ein Mann mit breiter Brust, der hinter dem Tresen stand, sprach mit einem der barbarischen Kerle und zeigte dann auf eine Tür in der Nähe von Jamies und Evas Tisch.

»Ihr könntet wohl nicht etwas Grausames tun, zum Beispiel ihnen die Augen ausstechen?«, fragte Eva und klang verzweifelt.

»Nein«, sagte er mit ruhiger, gefasster Stimme. »Das würde nur Aufmerksamkeit erregen.«

Eva schluckte. »Natürlich.«

Dann bewegte er sich, überraschte sie damit, was seltsam war, weil sie sich ja schon so nah waren. Er spreizte die Finger und schob sie tief in ihr Haar. Dann hob er ihr Gesicht, sodass sie ihn ansehen musste.

Leder. Nachtluft. Kalter Stahl. Männliche Kraft. Er war all dies. Dann beugte er den Kopf und küsste sie.

Es war eine sehr konkrete Sache, dieser Wechsel, wer jetzt wen küsste. Sie bestimmte den Ablauf nicht länger. Er hatte die Führung übernommen und führte sie seinen gefährlichen Weg entlang, und es waren heiße, federleichte Küsse und große, erfahrene Hände auf ihren Hüften und … Feuer.

Sengend heißes Feuer brannte in ihrem Schoß, als sie ihm folgte, als wäre er der Hirte. Sie ließ es geschehen, dass er sie weit über die Bank zurückbeugte, ließ sich von ihm mit Lippen entzücken, die sich wie tanzende Lichter über ihre bewegten, die so zart waren, dass sie einatmen musste, um sicher zu sein, dass sie gegeben worden waren.

Er neigte den Kopf zur Seite, sein behandschuhter Daumen lag an ihrem Kinn, und seine Finger streichelten die Grübchen unter ihren Ohren. Er war streichelnder Atem und sinnliche Lippen, die über sie glitten wie Sonnenstrahlen über Wasser. Warum presste er nicht einfach seine Lippen auf ihre, wie sie es bei anderen gesehen hatte? Warum machte er es nicht so, wie sie es wollte, dass er es tat? Warum … so?

Oh, deshalb.

Er leckte sie. Strich mit der Spitze seiner warmen Zunge über ihre keuchenden Lippen – wann hatte sie zu keuchen angefangen? – und schickte ein verwirrendes Gefühl von Hitze durch ihren Körper.

Und hier war sie nun, allein in einer Schenke, beraubt all ihrer Zurückhaltung. Sie wurde wahnsinnig. Sie glitt mit der Hand über die abgenutzte Oberfläche der Bank, rutschte sogar noch näher zu ihm, bis ihre Fingerspitzen seinen harten Oberschenkel berührten.

Sein Kuss schweifte nicht umher, seine Hingabe an ihre Lippen ließ nicht nach, er packte einfach ihre Hand und drückte sie auf seine Brust, spreizte mit dem Daumen ihre Finger. Sie war es, die begann, sie über seine Brust gleiten zu lassen, sie war es, der sich alles zu drehen begann, sie war es, die sich plötzlich und ohne eigentlichen Grund fühlte, als müsste sie weinen. Hatte das Gefühl, als würde sie in diesen Kuss hineinkriechen.

Seine Hand beschrieb einen kühnen Weg hinunter zu ihrer Taille und schob sich unter ihren Umhang, zerrte am zerschlissenen Stoff ihres Kleides, zog ihn fest über ihre Brüste. Es war diese erfahrene männliche Hand, die Eva noch einmal überdenken ließ, auf welch unbekümmerte Weise sie in diese Schenke geraten war und an diesen Mann, der so sonnenleichte Küsse gab.

Dann, ohne Vorwarnung, ließ er die Hände sinken. Das war alles. Er nahm einfach seine Hände fort und hörte auf, Eva zu berühren.

Sie fühlte sich, als wäre sie zurückgeschleudert worden.

Sie zerrte am Oberteil ihres Gewandes. Die Schnürung fühlte sich an, als würde sie sie einengen. Auch die Ärmel waren plötzlich viel zu eng – wer hatte sie gesäumt? Oh, ja. Das war sie gewesen. Der Stoff, alt und abgetragen, kratzte wie Zähne an ihren Handgelenken.

So viel zu Schenken und Küssen. Sie war mit beidem fertig.

Jamies steinharter Körper bewegte sich neben ihr. »Sie sind fort.«

»Das weiß ich«, schaffte sie, pikiert zu murmeln. Dabei hatte sie es gar nicht gewusst.

Die breiten Schultern, an die sie sich geklammert hatte auf so … so … lüsterne Weise, neigten sich vor, während er zum zweiten Mal aufstand.

»Ihr werdet hierbleiben«, sagte er grimmig. Seine Stimme klang wieder harsch, seine Augen blickten wieder hart, als hätten sie miteinander nichts geteilt, das so … was auch immer gewesen war. »Ich werde nachschauen, wie die Lage ist.«

»Und wenn ich nicht ›hierbleiben‹ möchte wie ein Hund, den Ihr zurückgelassen habt?«, fragte sie kalt.

Er betrachtete sie mit der gleichen Kälte. »Wünscht Ihr, dass ich Euch anbinde? Wie einen Hund?«

Sie keuchte. »Das würdet Ihr nicht wagen.«

Er beugte sich vor und schickte seinen gefährlichen, erregenden Atem an ihr Ohr. »Reizt mich nicht zu beweisen, welche furchtbaren Dinge ich tun kann, Eva. Die Ritterlichkeit ist in meinem Herzen vor langer Zeit gestorben. Provoziert mich nicht.«

Er richtete sich auf und ging zur Tür. Er stieß sie auf, knarrendes Ding, das sie war, und überschaute die Straße wie ein Mann, der eine verlassene Straße überschaute. Er sah ganz und gar nicht wie ein Mann aus, der die Arbeit von Kirchenmännern schätzte.

Er blickte zurück. »Ich komme wieder.«

Aber er kam nicht wieder. Weil er es nicht konnte.

Als er zum Kai ging, schwand seine Wut nach und nach. Evas Kuss hatte ihn so wirkungsvoll gestoppt wie ein Schlag auf den Kopf: Er war einfach zu Boden gegangen.

Am schlimmsten von allem war, dass er es gewusst hatte. Irgendwo in sich drinnen hatte er gewusst, dass er zu Boden gehen würde. Und ihr Kuss war ihm wichtiger gewesen als seine Beute.

Seine Wut fiel um einige Grade, bis tief hinunter in das Königreich der Eisberge. Grimmig richtete er seine Gedanken wieder auf das Naheliegende: Peter von London.

Hol den Priester zurück. Dann mach, dass du wegkommst von der Frau mit den grauen Augen und den Geschichten über sommerglühende Weinberge. Fort von den leichtsinnigen, sinnlichen Küssen, die ihn dazu gebracht hatten, eine Aufgabe zu vergessen. Zum ersten Mal in seinem Leben.

In Gedanken versunken beobachtete Eva die betrunkenen Engländer, die sich am Tresen lümmelten. Father Peter aus London herauszuschaffen hätte eigentlich eine einfache Angelegenheit sein sollen, eine Sache des Herzens und einiger günstiger Augenblicke. Stattdessen war sie dazu verdammt, hier zu sitzen und zu warten und mit einem gefährlichen Mann zu konspirieren. Einem abwesenden Mann. Sie setzte sich kerzengerade auf. Einem schon viel zu lange abwesenden.

Er würde nicht zurückkommen.

Ihr Atem ging plötzlich schneller, und sie versuchte, ruhig durchzuatmen. »Es ist nicht die Zeit für Panik«, murmelte sie, aber schon wollte ihr Bewusstsein davonwirbeln wie ein Kreisel, mitten hinein in all die schrecklichen Auswirkungen des Misserfolgs. In solchen Momenten konnte einem nur der Verstand weiterhelfen, nicht aber die Panik wirbelnder Kreisel. Sie öffnete den Mund und holte tief Luft. Es trocknete ihre Lippen. Denk nach. Denk nach.

Als sie diese Barbaren das letzte Mal gesehen hatte – als Jamie sich geweigert hatte, ihnen die Augen auszustechen –, hatten sie mit zwei Männern gesprochen, die das wettergegerbte Aussehen von Seeleuten gehabt hatten.

Der eine Wettergegerbte war fort, aber der andere stand noch dort am Tresen und führte in diesem Moment einen Krug zum Mund. Als Eva sein Benehmen und die Art, wie die anderen ihn behandelten, genauer betrachtete, schlussfolgerte sie, dass er ein Kapitän sein musste. Die Barbaren hatten bei ihm ihre Überfahrt gekauft.

Natürlich.

Wie könnten sie es auch riskieren, einen bewusstlosen Priester durch das Stadttor zu schleppen, vorbei an Torwächtern und Bewaffneten? Da war es doch weitaus klüger, zum Kai zu gehen – denn die einzigen Leute, die dort etwas beobachteten, waren Leute, die für die richtige Menge Münzen beide Augen zudrückten und nichts sahen.

Sie waren zum Hafen gegangen.

Jamie musste das gewusst haben.

Eva hielt sich sehr aufrecht, reckte das Kinn hoch, erhob sich und ging durch den Schankraum auf den Tresen zu. Sie griff unter ihrem Umhang nach ihrer Gürteltasche und nach ihrem Dolch, für den Fall, dass sie ihn brauchen würde.

Sie fühlte, dass ihre Augen brannten. Vor Wut. Das war es. Pure Wut, dass Jamie geglaubt hatte, sie austricksen zu können.

Aber da kannte er sie schlecht.

5

Wieder stand Jamie in einem Durchgang, dieses Mal zwischen der Schenke und dem Gipfel des Hügels, der zum Hafenviertel abfiel. Jamie ließ den Blick zwischen dem Eingang zur Schenke und dem Hafen hin und her schweifen. Scharfer, harter Regen fiel schräg vom Himmel, stach wie Pfeilspitzen in Krägen und weite Stiefel. Ein unangenehmer, kalter Wind wehte vom Fluss herauf durch die Straßen der Stadt.

Der Hafen wurde lebendig; die Ebbe setzte bald ein. Männer kletterten in kleine Boote. Taue flogen von Schiffen ans Ufer, Männer brüllten, Hunde bellten, Katzen schlichen umher. Es hätte Mittag an einem Sonnabend unten am Kai sein können.

Und den Hügel halb hinunter, mitten in dem Gedränge von Seeleuten und durchnässt vom Regen, waren die fünf Barbaren.

Ich benutze schon die Worte dieser heimatlosen Frau, dachte er flüchtig.

Zwei der Männer hatten den Priester zwischen sich genommen, sodass er aussah wie ein Betrunkener. Die anderen standen in einem schützenden Halbkreis herum, gekleidet in dicke Umhänge, die dunkel vom Regen waren.

Jamie zerrte sich die Kapuze über den Kopf und schaute ungeduldig zur Taverne hinüber, der Regen machte ihn blinzeln. Wo zum Teufel blieb der verfluchte Kapitän?

Na endlich, in diesem Augenblick verließ er die Schenke. Mit der grauäugigen Heimatlosen an seiner Seite. Jamie empfand einen seltsam ambivalenten Wunsch: vor Bewunderung zu grinsen oder Eva den schlanken Hals umzudrehen.

Der Kapitän streckte fast beschützend seine wetterraue Hand aus, während er Eva aus der Schenke führte und dann die Tür mit einem Fußtritt hinter ihnen zuschlug. Die Tür knarrte und schloss sich mit einem hohlen, feuchten Klang. Evas blasses Gesicht war zum Kapitän emporgewandt, als sie leise etwas sagte und ihm einen kleinen prallen Beutel gab, der, wie es zu vermuten stand, voller Münzen war. Münzen, die Jamie ihr gegeben hatte.

Er holte tief Luft, um sich nicht aufzuregen. Ungeduld hatte noch nie zu seinen Schwächen gezählt. Und daran würde sich jetzt auch nichts ändern. Er war an Umwege gewöhnt. Sein ganzes Leben hatte sich darum gedreht, Verläufe und Richtungen neu festzulegen. Eva war eine unerwartete Kurve auf seinem Weg, ein steiler Anstieg, mehr nicht. Er würde sie einfach zur Seite schieben.

»… als Eure Tochter.« Sie war dabei, dem Kapitän irgendeinen Plan oder eine Anweisung zuzumurmeln.

»Das wird Euch nicht weit bringen, Kind«, entgegnete der Seemann mit barscher Stimme. Die grauen buschigen Augenbrauen über den hart blickenden Augen hatte er zusammengezogen, während er die Straße vor ihnen absuchte. »Ihr werdet einen besseren Plan als den brauchen. Besonders wenn sich hier draußen ein skrupelloser Ritter herumtreibt, wie Ihr sagt …«

Jamie trat aus der Gasse, direkt vor ihnen, das Schwert gezogen.

»Was für ein Zufall«, sagte er und sah Eva an. »Ich habe gerade an dich gedacht.«

Eva schnappte nach Luft und sah den Kapitän an, aber der war klug genug, Jamie nicht aus den Augen zu lassen. Oder genauer gesagt: Jamies Schwert.

»Ich weiß jetzt, ich hätte dich niemals allein lassen sollen mit all dem Geld«, sprach Jamie in einem tadelnd-zärtlichen Ton weiter. »Wofür hast du es ausgegeben?«

»Jamie.« Der Regen strömte über Evas schockiertes Gesicht, ließ ihre blassen Wangen schimmern.

Der grauhaarige Seemann sah zwischen den beiden hin und her.

»Meine Frau«, erklärte Jamie freundlich, dann zeigte er mit der Schwertspitze auf den Beutel. Der Kapitän streckte ihn Jamie auf der flachen Hand entgegen, präsentierte ihn wie einen Teller mit Essen, wobei er Eva zuflüsterte: »Von einem Ehemann habt Ihr aber nichts gesagt.«

»Weil er ein sehr schlechter Ehemann ist«, fauchte Eva. Ihre Kapuze, die sie zum Schutz gegen den Regen aufgesetzt hatte, umhüllte ein weißes Gesicht, ihre dunklen Brauen glichen einer strengen Linie über ihren wütenden Augen. »Und es ist nicht sein Geld. Sein Geld ist hier.« Sie legte die Hand auf ihren Körper, wo sich unter dem Umhang ihre Gürteltasche befand.

Der Kapitän warf einen kurzen Blick nach unten, ehe er den Blick wieder direkt auf die Spitze von Jamies Schwert richtete.

Jamie lächelte. »Ich gebe ihr nur selten Geld. Sie gibt es immer so unbedacht aus. Ballenweise Stoff, Gewürze, Schiffskapitäne.« Er wies mit einem Kopfnicken auf den inzwischen durchfeuchteten Geldbeutel, der immer noch auf der flachen Hand des Mannes lag. »Ich bin glücklich, ihn Euch geben zu dürfen, Sir, und wäre noch glücklicher, wenn Ihr mir dafür ein wenig behilflich seid. Es wird Euch nur ein wenig von Eurer Zeit kosten.«

Der Kapitän drückte den Geldbeutel an seine Brust.

Eva schien das als eine entmutigende Entwicklung zu betrachten. Sie machte einen kleinen ausweichenden Schritt zur Seite, aber Jamie packte blitzschnell zu und schloss die Hand um ihren Nacken, noch ehe sie den Fuß wieder auf den Boden gesetzt hatte. Er sah den Kapitän unverwandt an, fühlte aber unter seinem Daumen, dass Eva schluckte.

Der Kapitän starrte Eva an – oder besser, Jamies Hand um ihre Kehle – und räusperte sich. »Was braucht Ihr, Sir?«

»Jene Männer dort entführen einen Priester.«

»Das hat sie mir gesagt.«

»Hat sie das? Ich möchte die Burschen aufhalten.«

»Das will sie auch.«

Jamie lächelte. »Dann decken sich unsere Interessen ja.«

»Was soll ich dabei tun?«

Ein plötzlicher Schrei am Ende der Straße ließ sie alle herumfahren. Dort, oben auf dem Hügel, standen drei der Entführer, sie sahen durchnässt und wütend aus. »Herrgott, Käpt’n, die Flut läuft auf. Was zum Teufel hält Euch …«

Sie verstummten beim Anblick ihres Kapitäns, Geldbeutel in der Hand, und Jamies, der ihm den Weg verstellte, das Schwert in der einen Hand, die andere um Evas Kehle geschlossen.

Einen Moment lang sperrten sie Mund und Nase auf.

Es war die Art von langem, erstarrten Moment, der es dem Schock erlaubte, sich zum Handeln zu wandeln. Jamie war sich ziemlich sicher, wie dieses Handeln aussehen würde. Vier gegen einen, wenn er den Kapitän zum Lager der Barbaren zählte. Wieder fühlte er Eva schlucken. Also stand es wohl eher fünf gegen einen.

»Jamie«, wisperte sie.

Sein Verstand überschlug die Möglichkeiten.

»Ich kann helfen«, hauchte sie.

Er lockerte seinen Griff und stieß sie zurück in die Gasse, dann folgte er ihr. Die Männer stürmten die Straße herunter. Der Kapitän folgte Eva und Jamie in den Durchgang und drückte sich ihnen gegenüber mit dem Rücken fest an die Mauer. Jamie hielt sein Schwert mit beiden Händen vor der Brust hoch, bereit, zum tödlichen Hieb auszuholen. Auch er drehte sich mit dem Rücken an die Mauer.

»Es waren drei«, wisperte Eva.

»Das habe ich gesehen.«

Sein Herz hämmerte, seine Hände öffneten und schlossen sich wieder um das Heft, es waren minimale Korrekturen, um seinen Griff zu vervollkommnen. Jede Faser seines Körpers schrie nach Entspannung. Kampf. Verstümmeln. Aufschlitzen. Zerstören. Das war es, wofür er gemacht war.

Er hielt den Blick auf die Straße vor ihnen gerichtet. »Wie gut seid Ihr mit Eurer kleinen Klinge, Eva?«

»Ich kann zustechen, etwas besser als mittelmäßig«, sagte sie sofort. »Aber ich habe ein Versprechen gegeben, heute niemanden zu töten.«

Er nahm es schweigend zur Kenntnis. Das Geräusch laufender Schritte kam näher.

»Es ist ein äußerst ernstes Versprechen«, versicherte sie ihm.

»Eva, Ihr solltet entweder noch einen hilfreichen Plan parat haben oder aber davonlaufen. Jetzt

Die Schritte erreichten die Gasse. Eva duckte sich tief, als der erste Mann erschien, mit gezogenem Schwert. Jamie stieß sich von der Mauer ab, und Eva … sprang auch hervor.

Zusammengekugelt krachte sie dem ersten Mann wie ein Findling gegen die Knie. Er taumelte rückwärts und prallte gegen den Soldaten, der dicht hinter ihm war. Beide stürzten, fielen der Länge nach aufs Straßenpflaster, traten wie wild mit den Füßen. Jamie stürzte sich in das Gewühl.

Es war ein stummer, rascher Kampf. Mit geschickten Hieben durchschnitt er den Brustpanzer des dritten Mannes, als der um die Ecke stürmte und über seine am Boden liegenden Kumpane stolperte. Jamie fuhr herum und trat ihm genau in dem Augenblick gegen den Kopf, als er sich wieder aufrappeln wollte. Dieses Mal knallte er auf wie ein Stein und blieb liegen.

Eva kämpfte wie eine Wahnsinnige, trat mit den Holzsohlen ihrer Schuhe zu, kratzte und riss die Männer an den Haaren, zog sie an den Ohren, bis sie einen am Nacken zu fassen bekam und ihm, einfach so, etwas Lebenswichtiges zusammendrückte. Er kippte bewusstlos zur Seite.

Mit ähnlicher Effizienz, wenn auch gewaltsamer, erledigte Jamie den dritten Mann und, bevor die Augen des Soldaten ganz in ihre Höhlen zurückgerollt waren, wurde die Ladung Eisen, Leder und stummes Fleisch über die schmutzigen, heubestreuten Kopfsteine in den Durchgang gezogen, außer Sichtweite.

Der Kapitän stand vornübergebeugt da, mit seinem spitzen gezogenen, aber nicht benutzten Dolch. Er schaute auf die verstreut am Boden liegenden Körper und Schwerter, auf Eva, die zwischen den bewusstlosen Männern lag. Jamie griff in das Durcheinander, nach ihrer Hand.

Der Kapitän sah ihn an. »Schon lange verheiratet?«

»Erst seit Kurzem«, entgegnete Jamie knapp, während er Eva aus ihrer Lage befreite. »Da wäre noch eine Menge mehr Geld für Euch drin, Kapitän, wenn Ihr die Abfahrt hinauszögert, bis ich an Bord bin.«

»Einverstanden«, sagte der Kapitän entschlossen. »Aber wenn die hier wieder aufwachen« – er zeigte auf die daliegenden Männer – »und nach Euch den Hügel heruntergerannt kommen, wird eine verzögerte Abfahrt Euch nichts nützen. Und mir auch nicht.«

»Sie werden kein Problem sein«, beruhigte Jamie ihn.

Der Kapitän ging davon, während Jamie die letzten zwei Spießgesellen neben den ersten zerrte. Eva half ihm, dann standen sie Seite an Seite und starrten auf die Männer hinunter.

»Ihr habt ihn sauber erledigt«, sagte Jamie zwischen zwei Atemzügen.

Sie nickte, atmete schwer und strich sich mit dem Handrücken eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich wirke auf viele Männer so. Sie sehen mich und sind all ihrer Sinne beraubt.«

Er ließ sich auf ein Knie nieder und begann, die Körper der Soldaten abzutasten. Er suchte nach irgendeinem Hinweis darauf, wer sie sein könnten, wer sonst noch auf der Jagd nach dem Priester war.

»Warum seid Ihr nicht davongelaufen?«, fragte er, während er Taschen und Beutel durchsuchte.

»Warum habt Ihr mich nicht erwürgt?«

Er schüttelte den Kopf. »Vermutlich habe ich tief im Innern vermutet, dass Ihr Euch zusammenkugeln könnt wie eine Katze, Euch gegen die Männer werft und sie niederschlagt, dass sie wie die Fliegen umfallen.«

Die Durchsuchung der Bewusstlosen hatte nichts ergeben, enthüllte nur, dass diese Männer nicht wussten, wie man kämpfte. »Kommt. Helft mir bei den Beinlingen.«

Sie hockte sich sofort hin und begann, die Schnürbänder, mit denen die Beinlinge an der Unterjacke befestigt waren, aufzumachen, und sagte: »Ich hätte das von Euch nicht erwartet, Jamie.«

Er zerrte an den Stiefeln eines Mannes. »Was?«, knurrte er.

»Das hier, das mit den Beinlingen. Ich hätte Euch für einen Mann gehalten, der schöne Frauen schwachmacht, nicht aber in dunklen Gassen bewusstlose Männer auszieht.«

Er hielt in seiner Arbeit inne und schaute zu ihr hinüber, die Hand auf seinen Oberschenkel gestützt. »Sollte das Bedürfnis entstehen, Eva, kann ich eine schöne Frau schwachmachen. Und ausziehen.«

Was als Nächstes geschah, war die kurze Unterbrechung wert, die seine Antwort erforderlich gemacht hatte: Leichte Röte flog über ihr Gesicht. Ihre helle Haut und ihre fein geschnittenen Gesichtszüge wirkten, als würde sich eine rosafarbene Blüte der Sonne zuwenden.

Und das, dachte Jamie entschieden, ist einfach lächerlich.

Der Regen wurde heftiger, fiel von Windstößen getrieben vom Himmel, tränkte die heubestreuten Straßen, nässte Gebäude und Menschen, die ...

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