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Gefangene der Liebe

Sandra Marton

Gefangene der Liebe

PROLOG

Hoch in den Bergen von Kolumbien

Der Wald war dunkel.

Das Rauschen des Wasserfalls ohrenbetäubend.

Der Mond stand am Himmel – ein großer elfenbeinfarbener Globus, der durch das dichte Blattwerk der Bäume schimmerte und Lichtung und Wasserfall in ein Silberlicht tauchte.

Nackt stand Mia unter den schäumenden Fluten, die auf sie herabstürzten.

Matthew beobachtete sie aus einiger Entfernung und versuchte, sich an die Selbstbeherrschung zu erinnern, die sein Leben bisher geprägt hatte.

Doch wenn es um Mia ging, ließ ihn seine Selbstbeherrschung im Stich.

Er hatte diese Frau gesucht, gefunden und wieder verloren.

Jetzt saß sie in der Falle. Sie gehörte ihm – nein, das tat sie nicht. Schließlich hatte sie ihn wegen eines anderen Mannes verlassen. Obwohl sie ihn angeblich hintergangen hatte, wollte der andere sie zurück.

Und warum wollen Sie sie dann zurückhaben, hatte Matthew anfangs gefragt.

Eine ehrlich gemeinte Frage. Der Mann zeigte ihm ein Foto. Aber auf der Welt gab es viele schöne Frauen, warf Matthew ein. Warum musste es ausgerechnet diese sein?

Daraufhin lachte der Mann verlegen und behauptete, sie sei eben mehr als nur schön. Sie sei alles, was ein Mann sich nur wünschen könne.

Allein die Vorstellung erregte Matthew.

Doch es stimmte nicht. Sie war nicht alles, was ein Mann sich nur wünschen konnte.

Sondern viel mehr.

Das wusste Matthew, weil sie für kurze Zeit ihm gehört hatte. Sie war die Verkörperung von Eva, Isebel und Lilith in einer Person. Mal wild und unberechenbar wie ein Sommergewitter, dann sanft und süß wie ein Landregen im Frühjahr.

Ihr Anblick berührte seine Seele.

Ihr ovales Gesicht, die großen dunklen Augen über einer aristokratischen Nase und einem Mund, der jede Sünde wert war.

Ihr langes kaffeebraunes Haar fiel ihr in Locken über die Schultern, und er sehnte sich danach, es zu berühren.

Mia war hochgewachsen und schlank mit wohlgeformten Brüsten. Allein bei der Vorstellung, sie zu berühren, beschleunigte sich sein Herzschlag.

Und ihre Beine – wie geschaffen, um sich um die Taille eines Mannes zu legen. Matthew wusste noch genau, wie es sich angefühlt hatte, mit ihr zu schlafen.

Hatte er eigentlich den Verstand verloren?

Wer war Mia Palmieri? Sein Mädchen oder Hamiltons? Ob sie nur mit ihm spielte?

In diesem Moment drehte sie sich in seine Richtung.

Weil sie ihn nicht sehen konnte, blieb Matthew ruhig. Er war vollkommen schwarz gekleidet, wie bei einer Nachtübung mit den Sondereinsatztruppen oder später bei seiner Arbeit für den Geheimdienst. Im Schutz des nächtlichen Waldes blieb er absolut unsichtbar.

Ob sie seine Anwesenheit spürte?

Legte sie deshalb gerade den Kopf in den Nacken und hob das Gesicht dem Wasserfall entgegen? Warum umfasste sie jetzt ihre Brüste?

Bot sie sich ihm dar?

Matthew war so erregt, dass es schmerzte.

Vor einiger Zeit hatte er versprochen, sie zu dem Mann zurückzubringen, der sie suchen ließ.

Doch heute Nacht wollte er ein Versprechen erfüllen, das er sich selbst gegeben hatte.

Langsam bewegte er sich aus dem Dunkel zu der vom Mondlicht beschienenen kleinen Lichtung. Angespannt wartete er darauf, dass Mia wieder in seine Richtung sah. Natürlich könnte er sich bemerkbar machen, doch er wollte sehen, wie sie reagierte, wenn sie ihn plötzlich entdeckte.

Würde sie in seine Arme laufen und sich an ihn schmiegen? Wenn sie das täte …

Doch ihre Reaktion traf ihn unter die Gürtellinie.

Als sie ihn bemerkte, weiteten sich ihre Augen vor Überraschung. Sie stieß einen erstaunten Ruf aus und bedeckte schützend ihre Blöße.

Dabei mochte es sich noch um eine instinktive Geste handeln. Doch dann bekam er seine Antwort – leider die, die er nicht hören wollte.

„Nein“, sagte sie.

Zwar konnte er es nicht hören, aber dafür deutlich von ihren Lippen ablesen.

„Nein“, sagte sie wieder, und Matthew spürte, wie sein Adrenalinspiegel in die Höhe schnellte.

In Windeseile zog er sich aus und richtete sich auf, damit sie nicht übersah, wie erregt er war.

Dann stürzte er sich kopfüber in den dunklen See und zu seiner Beute.

1. KAPITEL

Cartagena, Kolumbien, zwei Wochen zuvor

Matthew Knight saß an einem Tisch vor dem Café Esmeralda, trank eine Flasche kolumbianisches Bier und fragte sich, was er eigentlich in Cartagena verloren hatte.

Vor Jahren war er schon einmal hier gewesen und hatte sich geschworen, nie mehr zurückzukehren. Doch das musste in einem anderen Leben gewesen sein – so jedenfalls kam es ihm vor.

Auch damals hatte er in diesem Café gesessen, am gleichen Tisch, vermutlich sogar auf demselben Stuhl, mit dem Rücken zur Wand. Den aufmerksamen Blick auf den belebten Platz gerichtet, um sofort gewarnt zu sein, falls Probleme auftauchten.

Bis heute waren die Erinnerungen an seinen ersten Aufenthalt in Cartagena, die ihn immer wieder mitten in der Nacht aus dem Schlaf rissen, noch sehr lebendig.

Doch darüber wollte er jetzt nicht nachdenken.

Offensichtlich hatte sich hier nichts verändert. Die gleichen Gerüche lagen über der Stadt, der Verkehr war genauso lebhaft wie früher, und sogar die Menschenmenge auf dem Platz setzte sich noch immer aus Soldaten, Polizisten und Touristen zusammen, Letztere mit Juwelen behängt und mit dicken Brieftaschen und Handys ausgerüstet – eine Freude für jeden Taschendieb.

In Cartagena blieb man besser auf der Hut.

Das wusste Matthew aus Erfahrung. Dabei hatte er sich eingebildet, ohnehin sehr vorsichtig und wachsam zu sein, doch leider nicht genug, wie sich herausstellte.

Aber er wollte jetzt nicht daran denken. Die Vergangenheit war tot.

Und Alita auch.

Matthew trank sein Bier aus.

Heute saß er als Privatperson hier, nicht als Agent eines Geheimdienstes, bei dem schwarz weiß bedeutete und weiß schwarz und nichts so war, wie es schien.

Mit seinen einunddreißig Jahren lag ihm die Welt zu Füßen.

Den athletischen Körperbau hatte er von seiner Mutter geerbt, einem indianischen Halbblut, die smaragdgrünen Augen von seinem texanischen Vater. Über eine seiner Wangen zog sich eine hauchdünne Narbe – ein Andenken aus einer eisigen Winternacht in Moskau, in der ein tschetschenischer Freiheitskämpfer ihm nach dem Leben getrachtet hatte.

Die Frauen liebten diese Narbe. „Damit siehst du richtig gefährlich aus“, hatte eine zierliche Blondine ihm erst vor einigen Nächten ins Ohr geflüstert. Woraufhin er der Kleinen gezeigt hatte, wie gefährlich er wirklich sein konnte.

Und er war reich.

Unglaublich reich – was er allein seiner Firma verdankte. Von seinem Vater hatte er keinen Cent gesehen. Wenn der eigene Vater einen jahrelang nicht beachtet oder einen bei den seltenen Begegnungen kritisiert, ist das eine ziemlich gute Leistung, dachte Matthew von Zeit zu Zeit.

Der Reichtum floss aus der Arbeit für Knight, Knight & Knight. Die Firma gehörte Matthew und seinen beiden Brüdern und hatte sich auf Risikomanagement spezialisiert. Vom Alter her trennte die Brüder jeweils ein Jahr, und alle drei hatten die gleiche harte Schule des Lebens hinter sich. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter waren sie von klein auf ihrem machtbesessenen Vater ausgeliefert. Als Teenager rebellierten sie, studierten einige Semester, gingen dann zu den Sondereinsatzkommandos beim Militär und heuerten anschließend beim Geheimdienst an.

Cameron, Alexander und Matthew Knight führten ein aufregendes Leben. Gefahr und Frauen – so hießen Matthews Drogen. Von beidem konnte er nie genug bekommen.

Außerdem durfte ein Krieger sich nie von seinen Gefühlen leiten lassen.

„¿Otra cerveza, señor?“

Matthew sah auf und nickte. Einzig und allein das Bier gefiel ihm noch an Cartagena.

Vor fünf Jahren hatte der Geheimdienst ihm eine Undercover-Agentin von der Drogenfahndung zur Seite gestellt. Gemeinsam sollten sie ein Drogenkartell unterwandern. Nach außen spielten sie ein Liebespaar, das Geld brauchte, um sich selbstständig zu machen. Natürlich war das nur ein Deckmantel, aber Alita machte sich einen Spaß daraus, Matthew zu necken, und versicherte ihm, er würde ganz oben auf der Liste stehen, falls sie sich jemals für einen Mann interessieren sollte. Matthew nahm es mit Humor.

Bis irgendjemand sie auffliegen ließ.

Vier bis an die Zähne bewaffnete Männer überfielen sie auf offener Straße und schleppten sie zu einer abbruchreifen Hütte im Dschungel. Dort schlugen sie Matthew bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, waren er und Alita an Stühle gefesselt.

Jetzt kannst du mal zusehen, wie ein Mann einer Frau Freude bereitet, Gringo. Nach diesem Satz hatte sich einer der Entführer unter dem Gejohle seiner Kumpane auf Alita gestürzt.

Wie eine Löwin kämpfte sie gegen den Mann. Währenddessen versuchte Matthew verzweifelt, sich von den Fesseln zu befreien, und musste hilflos mit ansehen, was passierte.

Als es vorbei war, zogen zwei der Killer Alitas Leiche nach draußen. Der dritte begleitete sie, weil er sich nach dieser harten Arbeit erleichtern musste, wie er sagte. Nur ein Mann blieb zurück, um Matthew zu bewachen. Er grinste, wobei er braune Zähne entblößte, und sagte, er würde sich jetzt auf die nächste Runde vorbereiten.

Er saß über zwei Linien weißen Pulvers gebeugt, als es Matthew endlich gelang, sich die Fesseln abzustreifen.

He, Amigo“, rief er seinem Bewacher leise zu.

Der Mann drehte sich um, stand auf und kam auf ihn zu. Im nächsten Moment hielt Matthew ihm den Mund zu und legte ihm den Arm um den Hals. Ein Ruck, und der Kerl war tot.

Zwei der anderen drei Männer schaltete er ebenfalls aus –mit der Waffe des Toten. Der vierte flüchtete verletzt ins Dickicht. Auch gut, dachte Matthew unbarmherzig. Noch vor Sonnenuntergang würde der Kerl zum Festmahl eines Jaguars werden.

Er selbst hatte noch etwas zu erledigen.

Zunächst musste er Alita beerdigen.

Was ihm sehr schwerfiel, nicht nur, weil die dichte Vegetation es ihm erschwerte, ein Grab auszuheben, sondern auch, weil ihm immer wieder die Tränen kamen.

Bevor er aufbrach, schwor er an ihrem Grab Vergeltung.

Im Wagen der Entführer kehrte er zuerst nach Cartagena zurück und fuhr dann nach Bogotá. Der Sicherheitsbeauftragte der Botschaft nahm seinen Bericht entgegen, brachte sein Bedauern zum Ausdruck und teilte ihm mit, dass es keine Suche nach dem entkommenen Killer geben würde. Als Matthew unbequeme Fragen stellte, orderte man ihn nach Washington zurück.

Glücklicherweise traf er dort seine Brüder Cameron und Alex. Bei einer Flasche altem Scotch gestanden sie einander, wie ernüchternd sie die Arbeit für den Geheimdienst fanden.

Das war die Geburtsstunde der Firma für Risikomanagement mit Sitz in Dallas. Die Gebrüder Knight boten ihren Kunden Lösungen für schwierige Probleme. Moralisch gab es an den Lösungen nichts auszusetzen, doch sie lagen oft am Rande der Legalität.

Schon bald hatte Matthew die Arbeit beim Geheimdienst und seinen Einsatz in Kolumbien vergessen …

Bis jetzt.

Bis sein Vater ihn um den Gefallen gebeten hatte, sich mit einem alten Freund zu treffen und ihm bei seinem Problem zu helfen.

Dass Avery um einen Gefallen bat, war neu. Doch seit Cameron nur knapp dem Tod entronnen war, hatten sich einige Dinge geändert. Trotzdem blieb Matthew bei allen Dingen, die seinen Vater betrafen, auf der Hut. Doch er erklärte sich bereit, Averys Freund zu treffen. Er würde sich dessen Probleme anhören. Aber er würde keinen Auftrag annehmen, der ihn wieder …

Ein Mann kam auf ihn zu. Nordamerikaner, Mitte vierzig, gute Figur. Vermutlich Soldat, allerdings trug er Zivilkleidung.

„Matthew Knight?“

Matthew stand auf und begrüßte den Fremden mit Handschlag.

„Ich bin Douglas Hamilton. Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung.“

„Kein Problem, Mr. Hamilton.“

„Oberst Hamilton.“ Obwohl seine Hand sich weich anfühlte, hatte der Oberst einen zupackenden Händedruck. Seine ultraweißen Zähne blitzten, als er lächelte. „Hat Ihr Vater Ihnen nicht erzählt, dass ich bei der US Army bin?“

Matthew bot Hamilton einen Stuhl an, bevor er den Kellner bat, noch zwei Flaschen Bier zu bringen.

„Mein Vater hat lediglich gesagt, dass Sie alte Freunde seien.“

Wieder dieses Haifischlächeln.

„Unsere Väter waren befreundet“, stellte Hamilton sofort richtig. Der Kellner brachte ihnen das eiskalte Bier, das Hamilton jedoch nicht weiter beachtete. „Wie geht es Avery?“

„Danke, gut.“ Matthew überlegte, warum er diesen Mann so unsympathisch fand.

„Vielen Dank, dass Sie so schnell hergekommen sind, Mr. Knight.“

Matthew antwortete nicht. Man erfuhr mehr, wenn man ab und zu schwieg.

„Es ist sonst nicht meine Art, Freundschaftsdienste einzufordern, aber ich musste so schnell wie möglich Kontakt zu Ihnen aufnehmen. Sie und Ihre Firma haben einen ausgezeichneten Ruf.“

„Sie hätten sich telefonisch mit uns in Verbindung setzen können. Wir stehen im Telefonbuch.“

Hamilton schüttelte den Kopf. „Darüber kann ich nicht am Telefon sprechen.“

„Worüber?“

„Sie kommen gleich zum Punkt. Das gefällt mir.“ Hamilton rang sich noch ein Lächeln ab. „Es geht um meine Verlobte. Ich fürchte, sie hat etwas angestellt.“

Das hatte Matthew geahnt. Es kam immer wieder vor, dass jemand Knight, Knight & Knight mit einer Privatdetektei verwechselte.

„Colonel“, sagte er höflich. „Ich fürchte, Sie sind bei unserer Firma an der falschen Adresse. Ich bin kein Privatdetektiv.“

„Ich weiß“, antwortete Hamilton und sprach leise weiter. „Was ich Ihnen jetzt sage, ist streng vertraulich.“

Hamiltons Verlobte hatte ihn mit einem anderen Mann betrogen. Das hatte sie also ‚angestellt‘. Wollte Hamilton den Nebenbuhler ausschalten? Dafür war die Firma nicht zuständig, Mord gehörte keinesfalls zu den Dienstleistungen von Knight, Knight & Knight.

„Meine Verlobte ist da in etwas verwickelt.“

„Hat sie eine Affäre?“

Der Oberst lachte harsch. „Wenn es doch nur so einfach wäre.“ Er zögerte und beugte sich dann zu Matthew. „Sie hat Drogen geschmuggelt.“

Das durfte doch nicht wahr sein! „Sie hat …“, fragte Matthew überrascht.

„Kokain. Wie Sie wissen, werden diplomatische Sendungen nicht vom Zoll kontrolliert. Mia hat die Botschaftspost benutzt, um Kokain in die Staaten zu schicken.“

Das war starker Tobak!

„Ist sie abhängig?“, fragte Matthew.

„Ich glaube nicht.“

„Was hat sie dann dazu bewogen?“

„Sie war wohl scharf auf das Geld.“

„Was ist passiert, als man sie erwischt hat?“

„Sie ist nicht erwischt worden. Jedenfalls nicht von den Behörden. Jemand hat mir einen Tipp gegeben.“

„Jemand, der Ihnen einen Gefallen schuldete.“

Hamilton lächelte bitter. „Wenn Sie es so nennen wollen. Ich habe mich um die Angelegenheit gekümmert.“

Im Klartext hieß das: Der Oberst hatte die Sache vertuscht.

Nach einer kurzen Pause fuhr Hamilton fort: „Ich habe Mia zur Rede gestellt und ihr gesagt, es sei alles in Ordnung. Statt dankbar zu sein, reagierte sie panisch. Sie glaubt, die Leute, denen das Kokain gehört, würden jetzt denken, sie habe sie betrogen, und Jagd auf sie machen.“

„Womit sie vermutlich recht hat“, sagte Matthew.

„Ich habe ihr versichert, dass sie bei mir sicher ist, doch sie hat mir nicht geglaubt. Das war vor vier Tagen.“ Hamilton atmete tief durch. „Seit gestern ist sie verschwunden.“

Matthew spürte ein Kribbeln im Nacken. „Sie meinen, sie ist entführt worden?“

„Vielleicht. Oder weggelaufen. Jedenfalls schwebt sie in großer Gefahr.“

Darüber bestand kein Zweifel.

„Haben Sie sich an die Behörden gewandt?“, fragte Matthew, obwohl er die Antwort kannte.

„Das geht nicht. Dann hätte ich die ganze Geschichte erzählen müssen. Mias Verstrickung …“

„Und Ihre eigene.“

Darauf reagierte der Oberst nicht.

Nach einer Minute des Schweigens nickte Matthew nachdenklich. „Ich erkenne Ihr Problem, Colonel, aber ich wüsste nicht, wie ich Ihnen helfen sollte.“

„Sie könnten Sie finden.“

„Das ist völlig unmöglich.“

„Sie kennen sich in diesem Land aus.“

Matthew musterte ihn. „Und Sie scheinen sich in meinem Leben auszukennen.“

Wortlos zog Hamilton ein Foto aus der Brusttasche. „Das ist Mia.“

Widerstrebend nahm Matthew das Bild und betrachtete es. Dass die Freundin des Obersts attraktiv war, hatte er sich schon gedacht, aber Mia Palmieri war der Traum eines jeden Malers und Bildhauers.

Das Foto war an einem windigen Tag am Strand aufgenommen worden. Die dunklen Locken der jungen Frau wehten in der Brise, das Oberteil ihres Bikinis schmiegte sich wie eine zweite Haut um ihre sexy Brüste. Endlose Beine, große dunkle Augen. Und ein Mund …

Allein der Mund war eine Sünde wert.

Matthews Körper reagierte sofort. „Sie ist sehr attraktiv“, sagte er.

„Sie ist wunderschön“, entgegnete Hamilton. „Ein Traum für jeden Mann. Ich will sie zurückhaben.“

„Dann gehen Sie zur Polizei.“

„Ich habe Ihnen doch gerade gesagt …“

„Ja, ich weiß, aber …“

„Sie hat sich mit dem Rosario-Kartell eingelassen. Haben Sie den Namen nicht schon einmal gehört, Mr. Knight?“

Matt presste die Lippen zusammen. „Wie kommen Sie darauf?“

„Weil ich Nachforschungen über Sie angestellt habe. Ich kenne die Geschichte. Sie haben damals Ihre Partnerin verloren. Wollen Sie zusehen, wie ich meine Verlobte an diese Leute verliere?“

Ein Windstoß fegte das Foto fast vom Tisch. Matthew fing es auf und betrachtete es erneut.

„Warum hat sie Kokain geschmuggelt?“

„Ich weiß es nicht.“

„Vorhin haben Sie gesagt, es sei ihr um Geld gegangen.“

„Wieso fragen Sie mich dann noch einmal?“

„Vielleicht hat sie es auch aus Abenteuerlust getan.“

„Der Grund spielt doch keine Rolle. Sie hat es getan, und jetzt …“

„Vielleicht hat sie es für Sie getan.“ Matthew lächelte kühl. „Vielleicht stecken Sie hinter dem Drogenschmuggel. Oder Ihre Verlobte wollte die Beziehung beenden und ist deshalb verschwunden.“

Hamilton biss die Zähne zusammen. „Wollen Sie jetzt mich beschuldigen?“

„Ich versuche lediglich, Ihnen zu vermitteln, was ich alles herausfinden könnte, wenn ich anfange, jeden Stein umzudrehen.“

„Dann machen Sie sich endlich an die Arbeit.“

Wieder betrachtete Matthew das Foto. Schade, dass es keine Porträtaufnahme war. Da lag etwas in Mia Palmieris Blick …

„Wer hat sie zuletzt gesehen?“

„Meine Köchin. Sie hat Mia das Mittagessen an den Pool gebracht. Als sie das Tablett später wieder abholen wollte, stand das Tor vom Garten offen, und Mia war verschwunden.“

„Ich möchte mich mit der Köchin und dem anderen Personal unterhalten.“

Jetzt strahlte Hamilton. „Vielen Dank, Mr. Knight.“

„Sie können mir danken, wenn Sie Ihre Verlobte wiederhaben, Colonel.“ Matthew warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Wo wohnen Sie?“

Hamilton nannte eine Adresse hoch über der Stadt, in einem Nobelviertel von Cartagena.

„Okay, wir sehen uns dann dort“, nickte Matthew zum Abschied.

In dem Geländewagen, den er gemietet hatte, betrachtete Matthew das Foto noch einmal eingehend. Wie ein Drogenkurier sah Mia Palmieri wirklich nicht aus. Doch aus Erfahrung wusste er, dass man sich nicht vom äußeren Anschein eines Menschen täuschen lassen durfte.

Aber irgendetwas lag in ihrem Blick …

Minutenlang blickte er nur starr auf das Bild und fuhr dann mit dem Finger unwillkürlich behutsam über Mias leicht geöffneten Mund.

Dann startete er den Motor, wendete den Wagen und machte sich auf die Fahrt in die Berge.

Hunderte Kilometer entfernt schrak Mia Palmieri in einem Hotelzimmer hoch in den Anden plötzlich aus dem Schlaf.

Sie hatte etwas auf ihren Lippen gespürt.

Ihr Herz klopfte schnell und stark. Vorsichtig berührte sie ihren Mund. Da war nichts.

Mia lachte erleichtert. Vermutlich hatte die Brise, die durch das offene Fenster wehte, sie gestreift.

Vor dem Einschlafen hatte sie die Tür abgeschlossen, die Sicherheitskette vorgelegt und einen Stuhl unter die Klinke geschoben, doch das Fenster stand offen. Ihr Zimmer lag im zweiten Stock. Es war sicher.

Natürlich war es sicher.

Eine Minute verging. Dann stand Mia auf, ging zum Fenster und schloss und verriegelte es.

Nun würde sie hoffentlich in Ruhe schlafen können.

Es dauerte allerdings noch eine Stunde, bevor sie wieder in einen unruhigen Schlaf fiel.

2. KAPITEL

Wo steckte Mia Palmieri?

War sie weggelaufen, oder hatte man sie entführt? Wer sich mit Leuten vom Drogenkartell einließ, spielte mit dem Feuer. Und das führte gleich zur nächsten Frage.

Warum sollte sie sich darauf einlassen, Drogen zu schmuggeln? Das war zwar sehr lukrativ, barg aber auch ein hohes Risiko. Außerdem hatte sie nicht nur sich, sondern auch ihren Verlobten in Gefahr gebracht, als sie die Diplomatenpost aus der Botschaft für ihre Zwecke missbrauchte. Wie es aussah, hatte Hamilton gute Aussichten, die Karriereleiter beim Militär weiter emporzuklettern.

Warum sollte sie ihre und seine Zukunft aufs Spiel setzen?

Fragen über Fragen.

Jetzt wollte Matthew sich die Antworten holen.

Hamiltons Villa war nicht nur luxuriös, sondern auch gut bewacht. Doch das traf auf die meisten Häuser in dieser Gegend zu. Ein zusätzlicher Stacheldraht sicherte die Oberkante der hohen Mauer und umgab das ganze Haus. Ein Zwinger deutete darauf hin, dass Hunde das Grundstück bewachten, vermutlich nachts.

Das Tor schwang erst auf, nachdem Matthew seine Personalien an der Fernsprechanlage durchgegeben hatte. Vor dem Haus begrüßte ihn der Oberst und führte ihn durch die eleganten Räume.

„Mia hat das Haus geliebt“, erklärte er.

Das mochte ja sein, obwohl die Wohnverhältnisse auf Matthew etwas merkwürdig wirkten.

In seinen Augen war die Beziehung zwischen Hamilton und seiner Verlobten nicht normal. Wenn eine Frau, die so aussah wie Mia Palmieri, Teil seines Lebens wäre, würde sie die Nacht in seinen Armen verbringen und nicht – wie im Haus des Colonels – in einem Bett, das in einem Zimmer am anderen Ende des Hauses stand.

„Sie schlafen nicht zusammen?“

Darauf reagierte Hamilton ungehalten. „Das geht Sie gar nichts an.“

„O doch, und daran gewöhnen Sie sich besser gleich, Colonel.“ Matthew ließ nicht locker.

„Natürlich haben wir miteinander geschlafen“, behauptete Hamilton. „Aber Mia bestand auf einem eigenen Zimmer.“

„Warum? Und jetzt sagen Sie bitte nicht, sie wollte ihre Privatsphäre schützen.“

Warum er das gesagt hatte, wusste Matthew selbst nicht genau, aber jedenfalls erzielte er einen Volltreffer. Denn Hamilton wirkte ziemlich verlegen. „Mia benutzt Sex, um zu erreichen, was sie will“, gab er zögerlich zu.

„Und was wollte sie von Ihnen, Colonel?“

Natürlich war die Frage rüde. Doch Matthew wollte mit ihr Hamiltons Reaktion testen.

„Nichts Bestimmtes. Sie …“ Jetzt bekam Matthew fast Mitleid mit dem Mann. „Sie bildete sich ein, damit die Oberhand zu behalten.“

„Das hat ja auch funktioniert. Sie hat direkt vor Ihrer Nase Kokain geschmuggelt.“

„Aber ich habe das Paket abgefangen, das habe ich Ihnen doch gesagt.“

„Aber Sie haben ihr nicht mit Konsequenzen gedroht.“

Zuerst befürchtete Matthew, der Oberst würde ihn hinauswerfen. Doch stattdessen ließ der Mann resigniert die Schultern fallen.

„Ich bin bestimmt nicht stolz auf meine Schwäche für Mia“, sagte er leise. „Aber ich liebe sie, und ich will sie zurückhaben.“ Die Köchin bestätigte, dass Mia einfach verschwunden war. Ohne die geringsten Anzeichen eines Kampfes, wie umgeworfene Stühle – nichts, rein gar nichts.

„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?“

„Si“, sagte sie nach kurzem Überlegen. „Die señorita hat ihr Mittagessen nicht angerührt. Vom Tablett hat nur eine Wasserflasche gefehlt.“

Das fand Matthew interessant. Wäre eine Frau, die ohne Anzeichen eines Kampfes entführt wurde, imstande, eine Wasserflasche mitzunehmen?

„Hat an dem Tag noch jemand hier gearbeitet?“

„Nein, señor.“ Die Köchin schüttelte den Kopf. Dann fiel ihr noch etwas ein. „Nur der Junge, der den Pool reinigt, war kurz da. Aber er war längst beim Nachbarhaus, als die señorita verschwand.“

Als Nächstes befragte Matthew den Jungen. Es dauerte fünf Minuten, bis er sich daran erinnerte, dass an dem Tag ein Taxi vorbeigefahren war. Vielleicht auf dem Weg zu Hamiltons Haus.

Anschließend, auf dem Rückweg zur Stadt, hielt Matthew bei einem Hotel und bat um eine Liste der örtlichen Taxiunternehmen. Bereits beim dritten Anruf hatte er Glück.

Für zehn Dollar fiel dem Mann in der Taxizentrale ein, dass er am Tag von Mias Verschwinden einen Wagen zu Hamiltons Haus geschickt hatte. Es kostete weitere fünfzig Dollar, um den Fahrer ausfindig zu machen. Der betrachtete lange das Foto, bevor er sagte, er könnte sich an die Dame erinnern.

Er hatte sie zu einem Mietwagenverleih gefahren.

Auch deren Angestellter erinnerte sich an Mia. Sie hatte um eine Wegbeschreibung nach Bogotá gebeten. Eine ganze Weile hatte er versucht, ihr die Fahrt auszureden, weil sie fünfzehn, sechzehn Stunden dauerte und gefährlich war, besonders für eine Gringa. Doch Mia hielt an ihrem Vorhaben fest, und der Angestellte zeichnete ihr die Route auf einer Karte ein. Wenigstens hatte sie sich für die kürzeste Strecke entschieden.

Eine halbe Stunde später verließ Matthew die Stadt, allerdings nicht auf Mias Strecke.

Jetzt glaubte er sicher, dass Mia weggelaufen war. Aber warum?

Eigentlich gab es nur zwei logische Erklärungen: Entweder floh sie vor dem Kartell, weil die Drogen, die sie hatte schmuggeln sollen, nicht an ihrem Zielort angekommen waren. Oder sie besaß die Drogen selbst und wollte das Geschäft ohne Mittelsmänner machen. Über beide Möglichkeiten wären die Drogenbarone nicht glücklich. Denn den Mittelsmann zu übergehen gehörte nicht zu ihren Methoden und widersprach ihrem Stil.

Eine Frau auf der Flucht vor ihrem Verlobten oder Killern hätte den ersten Flug nach Hause genommen.

Eine Frau jedoch, die mit gestohlenem Kokain unterwegs war, würde versuchen, ihre Verfolger abzuschütteln – beispielsweise indem sie in die Berge fuhr.

Mia hatte zwar behauptet, die kürzeste Route nehmen zu wollen, doch vermutlich hatte sie gelogen. Das hätte Matthew an ihrer Stelle nämlich auch getan.

Also hörte er auf seinen Instinkt und nahm die längste Strecke nach Bogotá.

Trotz des schlechten Zustands der Straße kam er gut voran, da so gut wie kein Verkehr herrschte. Aus Cartagena hatte er sich eine Thermoskanne Kaffee und einige belegte Brote mitgenommen. Bei Einbruch der Dunkelheit hielt Matthew am Straßenrand und aß zu Abend. Er war müde, aber da Mia bereits einen erheblichen Vorsprung hatte, musste er sich beeilen.

In jeder Stadt fragte er an Tankstellen und Restaurants, ob jemand Mias Wagen gesehen habe, und zeigte ihr Foto herum. Aber niemand hatte sie gesehen. Zwei Stunden vor Tagesanbruch fuhr er den Geländewagen in ein Dickicht, wobei er die Fenster geschlossen hielt. Als er sicher war, dass man den Wagen von der Straße nicht mehr erkannte, stellte er die Klimaanlage an, legte sich seine Neun-Millimeter-Automatik, die er immer bei sich trug, auf den Schoß und schlief ein.

Bei Sonnenaufgang machte er sich wieder auf den Weg, kam kurz darauf in eine Stadt und fuhr langsam ihre Straßen ab.

Plötzlich entdeckte er Mias Mietwagen vor einem Hotel, das schon bessere Tage gesehen hatte.

Er stellte den Wagen auf dem behelfsmäßigen Parkplatz ab, ging zur Rezeption und drückte auf die Klingel. Eine Minute später tauchte ein unausgeschlafener Typ mit halb aufgeknöpftem Hemd und ungekämmtem Haar auf.

„Wünscht der Herr ein Zimmer?“

Matthew lächelte freundlich und behauptete, bereits eines zu haben. Dann legte er Mias Foto auf den Tresen und sagte, seine Freundin sei vor ihm eingetroffen. Dummerweise habe er die Zimmernummer vergessen, und jetzt wollte er sie überraschen.

Der Mann sah ihn nur starr an.

Ohne ein weiteres Wort legte Matthew einige Banknoten auf den Tresen, die der Portier schnell einsteckte, bevor er ihm einen Zimmerschlüssel mit der Nummer 204 reichte.

Nachdem Matthew die Treppe hochgegangen war, durchquerte er einen langen, kaum beleuchteten Korridor und stand schließlich vor der richtigen Tür, an der er vorsichtshalber erst mal lauschte. Nichts rührte sich.

Langsam steckte er den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehte ihn herum und öffnete lautlos die Tür.

Keine Spur von Mia, aber Matthew entdeckte die Utensilien einer Frau: eine Handtasche, einen Koffer und einige Kleidungsstücke auf dem Bett.

Ihr Duft hing in der Luft. Ein Duft, der ihm schon in ihrem Zimmer in Hamiltons Villa aufgefallen war. Eine leichte feminine Note, die er mit einer Wiese weißer Blumen verband, die sich bis zu einem hellblauen Horizont erstreckte.

Sehr leise schloss Matthew die Tür hinter sich.

Im Koffer lagen lediglich zwei T-Shirts, an denen noch das Preisschild baumelte, eine weiße Baumwollhose und weiße Baumwoll-Dessous. Kein Kokain.

Ob Hamilton sie am liebsten in weißer Wäsche sah? Oder wollte Mia, dass er sie so sah?

Matthew verzog das Gesicht.

Gehörte sie ihm, trüge sie Seidenwäsche – in hellen Rosatönen oder elfenbeinfarben. Das passte zu ihrem kaffeebraunen Haar und den dunklen Augen. G-Strings würden ihre Hüften betonen. Und beim BH würde er darauf achten, dass er die Brüste umschmeichelte und sie hervorhob. Auch ein durchsichtiger BH wäre sexy, wegen der Brustspitzen, die sich darunter abzeichneten.

Bei dieser Vorstellung reagierte Matthews Körper sofort.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Erotische Fantasien über eine Frau, die weggelaufen war und deren Verlobter nicht wusste, ob sie überhaupt noch lebte. Zwar konnte er diesen arroganten Hamilton nicht leiden, doch so etwas verdiente selbst der nicht.

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