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Gefangen & gefoltert

Jürgen Friemel

Gefangen & gefoltert

Ragnor Saga: Die Hüter AMAs - Band 2


Ich möchte mich ganz besonders bei Beate Rocholz für ihr großartiges Cover-Design bedanken, welches der gesamten Saga ein Gesicht gegeben hat.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Prolog

"Inspektionsflug 97, Prüfposition 12, Planet Makar. Keine besonderen Vorkommnisse. Fusionsenergiepegel negativ. Stabil auf Kulturstufe vier. Entwicklungsgeschwindigkeit normal."

Das stabförmige automatische Raumschiff der „Grauen Legionen“, welches diesen sternenarmen Sektor alle fünfzig Standardjahre anflog, beendete seine dreistündige Routineüberprüfung mit diesem Eintrag ins Logbuch des Bordcomputers. Es hatte die gesamte Oberfläche Makars nach atomaren Energiequellen abgescannt und die automatischen Oberflächenauswertungen mit denen der letzten Inspektion verglichen. Dieser Statusbericht entsprach genau den Erwartungen der Herren des automatischen Raumschiffes. Die Anhänger Amas waren, wie diese es nach ihrer Ansicht verdient hatten, in eine vorindustrielle Epoche zurückgestürzt worden, als Strafe für ihre Weigerung, Ximon zu dienen. Ihre Erinnerungen an die Epoche der Sternenreiche waren getilgt. Der Raumhafen, ehemals auf dem Südpol Makars gelegen, und seine weitere Umgebung waren vor tausend Jahren im atomaren Feuer der Energiegeschütze vergangen. Dort war alles Leben vernichtet und alle Spuren der ehemaligen Hochtechnologie getilgt worden. Nur eine leblose, unbewohnbare Einöde war zurückgeblieben.

Die Überprüfung war schließlich beendet, das Raumschiff verließ seine Umlaufbahn und jagte mit Höchstbeschleunigung in den Raum. Dies geschah alles völlig unbemerkt von den Bewohnern Makars, die, falls ein paar von ihnen das kurz aufflammende, helle Lichtpünktchen der Impulstriebwerke gesehen hatten, höchstens eine seltene Sternschnuppe im sternenarmen Himmel Makars vermutet haben würden.

Die Orte der Handlung

Kapitel 1

„Ragnor, sind die Grauesel endlich reisefertig?“, schallte Mennos Stimme ungeduldig über den Vorplatz des geräumigen Blockhauses, in welchem der junge Mann seine Kindheit verbracht hatte. Es lag, recht einsam und von Fremden nur äußerst selten besucht, im engen Felsental von Calfors Klamm, am äußersten Rande des Königreiches Caer.

„Ja, ich bin fast fertig. Alle Tragegestelle sind fest montiert“, rief Ragnor beim Verlassen der Scheune zum Haus hinüber. Dann blieb der Junge einen Moment auf dem Vorplatz stehen. Er sah wehmütig zu der großen Hütte hinüber, die mit ihren zugenagelten Fensterläden irgendwie traurig aussah, so als ob sie spürte, dass sie allein zurückbleiben würde. Auf dem großen Vorplatz waren Hausrat, Kleidung und Ausrüstungsgegenstände, die sie mit nach Kaarborg nehmen würden, bereits zu großen Bündeln, passend für die Traggestelle der Tiere, verschnürt und als Packen ordentlich in Reih und Glied aufgestellt worden.

In diesem Moment traten Tana, Lars und Menno reisefertig gekleidet aus dem Haus. Der junge Mann sah die Tränen in Tanas Augen schimmern. Er konnte ermessen, wie schwer es den beiden Alten fiel, nach den langen Jahren ihres friedlichen Lebens hier, das stille Tal im rauen Grenzgebirge zwischen dem großen Nordwald und dem Königreich Caer, welches ihnen Zuflucht und Heimat geboten hatte, zu verlassen. Doch Rurigs Ernennung zum Grafen von Kaarborg, nach dem jähen gewaltsamen Tod seines Bruders, hatte alles verändert. Es war natürlich außerhalb jeder Diskussion gewesen, dass sie nun alle nach Kaarborg ziehen würden, um ihrem Freund in seinem neuen Amt beizustehen. Vor allem auch, um Ragnors weitere Ausbildung und Erziehung sicherzustellen, die nicht nur Rurig sehr am Herzen lag.

Ragnor ging mit den beiden Alten hinüber zur Scheune, wo Maramba, Ragnors hochgewachsener schwarzer Kamerad, der von jenseits des Binnenmeeres aus den heißen Urwäldern von Gromor stammte, Wintervorräte, Werkzeuge und Waffen sauber verschnürt und bereitgestellt hatte. Während Lars, Tana und Menno die Lasttiere aus dem Stall holten, eilte Ragnor zu seinem Freund hinüber, um ihm beim Hinaustragen der letzten schweren Packen zu helfen. Maramba lächelte seinem jungen Freund zu und fragte freundlich: „Na, Ragnor. Bist du schon sehr gespannt auf dein neues Zuhause?“

„Ja, sehr“, antwortete der Junge spontan. „Aber trotzdem fällt es mir nicht leicht, hier wegzugehen. Ich kann mich nicht so richtig freuen, wenn ich sehe, wie schwer es Tana und Lars fällt, Calfors Klamm zu verlassen“, setzte er leise aufgrund seiner eben gezeigten spontanen Freude fast ein wenig beschämt hinzu.

Der Schwarze nickte verständnisvoll und meinte nur: „Ja, wenn Menschen älter werden, fällt ihnen ein größerer Ortswechsel immer schwer, insbesondere dann, wenn sie einige Jahrzehnte an einem so einsamen Ort gelebt haben.“

Ihr Gespräch wurde durch die achtzehn Grauesel und vier Lastpferde unterbrochen, die Menno, Lars und Tana gerade aus dem Stall trieben, damit sie nun beladen werden konnten. Alle Tiere trugen bereits die, von Ragnor montierten, festen Tragegestelle, welche Menno mit großem Geschick in den letzten drei Wochen hergestellt hatte. Die Tiere würden ihre Last allerdings nicht den weiten Weg bis nach Burg Kaarborg schleppen müssen, sondern nur bis zu ihrer Zwischenstation in der nahe gelegenen freien Stadt Mors. Dort würden sie sich zwei Wagen beschaffen, die viel zweckmäßiger für eine so lange Reise waren. Trotzdem wurde für ihren Teilumzug nach Mors eine erheblich größere Anzahl Tragtiere benötigt, als normalerweise für die Jagd im großen Nordwald oder für den Tauschhandel mit der nahen Grenzstadt eingesetzt wurden.

Nachdem die Tiere beladen worden waren, holte Ragnor Mennos grauen Hengst und seine Chorosani-Stute Amarana aus dem Stall. Die beiden Pferde würden als Reittiere für Tana und Lars dienen, denn die beiden Alten waren nicht mehr so gut zu Fuß, dass sie die Strecke nach der freien Reichsstadt Mors auf eigenen Beinen hätten bewältigen können. Ragnor hatte seiner Stute Amarana bereits am gestrigen Abend ihre Aufgabe erklärt und sie dabei mit ernstem Ton ermahnt, sehr vorsichtig mit Tana umzugehen.

Die Stute hatte es ihm nach einigem Zögern schließlich auch versprochen. Er hatte ihr versichert, als er ihren Unwillen nach seiner Erläuterung dieser langweiligen Aufgabe bemerkt hatte, dass er sie ab Mors wieder selbst reiten würde.

Ragnor, der sonst nur mit seinem eigenen Pferd telepathisch kommunizierte, hatte auch Mennos grauen Hengst Kima auf dieselbe Weise instruiert, mit Lars vorsichtig zu sein. Das etwas nervöse Pferd war ansonsten hin wieder recht widerborstig. Dieser erstmalige telepathische Kontakt mit einem Menschen hatte den Hengst offensichtlich so beeindruckt, dass er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit ganz ruhig da stand und auf die Abreise wartete.

Bevor Ragnor mit den beiden Pferden die Scheune verließ, sah er sich noch einmal gründlich an der Stätte um, in der er als Kind so oft gespielt hatte. Alles war nun leer geräumt und sehr still. Irgendwie sah es hier ganz fremd aus, denn auch die Dreihornziegen, die sonst immer drüben im Gatter gestanden und den Stall mit ihrem Meckern belebt hatten, waren nicht mehr da. Menno und er hatten sie heute am Morgen im Tal frei gelassen, wo sie verwildern würden, denn es war nicht möglich gewesen sie mitzunehmen, um sie in Mors zu verkaufen.

Dann war es endlich soweit! Als letzten Akt ihres endgültigen Abschiedes von Calfors Klamm hatten Menno und Maramba noch die Tür von Haus und Scheune mit starken Brettern verschlossen. Die beiden halfen, als sie damit fertig waren, Lars und Tana, die der Versiegelung ihres Hauses mit brennenden Augen zugesehen hatten, auf die Pferde. Jeder der beiden Alten nahm je zwei der Lastpferde an den langen Zügel, während Menno, Maramba und Ragnor jeder je sechs Grauesel führen würde. Sie waren froh, auf diese Weise nur bis Mors reisen zu müssen, was etwa vier bis fünf Tage in Anspruch nehmen würde. Dort würden sie ihren überschüssigen Proviant und Teile des Hausrats verkaufen. Dann würden sie zwei große Planwagen erwerben, welche es ihnen erlauben würden, die lange Reise nach Kaarborg deutlich bequemer zu gestalten.

Sie waren nun zum Abmarsch bereit. Der alte Lars hob die rechte Hand und gab das Zeichen zum Aufbruch. Bevor er anritt, schüttelte er entschlossen seine traurige Stimmung ab und sagte mit klarer fester Stimme: „Vorbei ist vorbei. Wir wollen uns nun auf unsere Reise und unsere neue Aufgabe konzentrieren. Außerdem freue ich mich darauf, die Mädchen in Mors noch einmal wiederzusehen“, setzte er mit einem Augenzwinkern hinzu. Nun musste sogar Tana lachen und meinte: „Alter schützt vor Torheit nicht! Die Männer sind unverbesserlich, egal wie alt sie sind.“

Alle lachten mit und so fand ihr Abschied aus Calfors Klamm doch noch in einer positiven Aufbruchsstimmung statt.

Während sie den Aufstieg zum Pass in Angriff nahmen, fragte sich Ragnor, wie es in Kaarborg wohl sein würde und was ihn dort erwarten würde. Aber zuerst würde er in Mors seine erste große Liebe Ana zum letzten Mal wiedersehen. Dieser Wermutstropfen dämpfte die Freude auf seinen neuen Lebensabschnitt doch erheblich. Er erkannte plötzlich überrascht, dass es ihm im Grunde genauso ergehen würde wie Lars und Tana, wenn sie schließlich Mors in Richtung Kaarborg für immer verlassen würden. Lars hatte also nur zu Recht gehabt, als er einmal zu ihm gesagt hatte, dass jeder Neuanfang auch fast immer einen Verlust mit sich bringt, der erst verarbeitet werden muss.

In diesem Moment unterbrach ein scharfer Ruck in der Führleine seinen melancholischen Gedankengang, da die beiden letzten Grauesel seiner Kette stehengeblieben waren, um an einem Busch einige süße Beeren zu naschen. Einige kräftige Hiebe mit der langen biegsamen Gerte, die er für solche Zwecke bei sich trug, ließ die beiden Leckermäuler schnell von ihrem Vorhaben Abstand nehmen. Sie setzten sich, wenn auch laut protestierend, wieder in Bewegung.

Auf der Passhöhe, nach dem Durchtritt durch die schmale Schlucht, die Calfors Klamm mit dem Hauptpass nach Mors verband, wurden die Tiere bereits wieder abgeladen. Die beiden Alten machten sich umgehend daran, Zelte für das Nachtlager aufzuschlagen. Ragnor, Menno und Maramba gingen mit vier Eseln noch einmal zurück, um mit einigen Bäumen, welche sie vor drei Tagen gefällt hatten, die Schlucht zu blockieren. Das ergab zwar kein unüberwindliches Hindernis, würde aber allen Fremden, die sich hier her verirrten, signalisieren, dass hier niemand mehr lebte und wahrscheinlich nichts mehr zu holen war. Es würde sie dann vielleicht davon abhalten, bis nach Calfors Klamm vorzudringen.

Als die vier Männer nach Abschluss der schweißtreibenden Arbeiten am späten Nachmittag zum kleinen Lager zurückkehrten, hatten Lars und Tana die drei kleinen Reisezelte aufgeschlagen. Tana war gerade dabei, das Abendessen auf einem kleinen Feuer zuzubereiten. Sie hatte die letzten Tage ordentlich Kanincheneintopf vorgekocht und in zwei große irdene Töpfe für den Transport abgefüllt. Einen Teil dieses Eintopfes wärmte sie nun in einem kleinen kupfernen Kessel auf. Er verbreitete einen köstlichen Duft, welcher die Männer bei ihrem Rückweg durch das enge Felsental schon von Weitem begrüßt und ihnen bewusst gemacht hatte, wie hungrig sie nun doch waren.

Ragnor trat sofort zu Tana als sie den Lagerplatz erreicht hatten und fragte, genießerisch schnuppernd: „Ist das Essen bald fertig? Menno hat wie gewöhnlich Hunger!“

Tana schmunzelte, denn sie wusste um den mächtigen Appetit des stämmigen braunhaarigen Mannes. Sie deutete mit der linken Hand zu einem niedrigen Felsen gegenüber der Feuerstelle und antwortete: „Ja. Sag dem Vielfraß und auch den anderen Bescheid. Die Essschalen stehen da drüben.“

Als sie dann kurze Zeit später alle beim Essen saßen, fragte Maramba den alten Lars: „Sag mal, bist du schon einmal in Kaarborg gewesen?“ Als der Alte nickte, forderte Ragnor ihn auf: „Komm, erzähl uns doch einmal ein wenig davon, was uns erwarten wird, wenn wir erst einmal in Kaarborg sind.“

Der Alte stellte seinen Teller zur Seite, lächelte verständnisvoll und meinte: „Du meinst wohl, was dich erwartet. Da muss ich dich leider enttäuschen, denn das weiß ich natürlich auch nicht so genau. Über die Grafschaft und die Burg Kaarborg kann ich euch natürlich etwas erzählen.“

An Menno gewandt, fuhr er fort: „Komm, hol doch mal ein paar Becher und einen der Weinschläuche der Mädchen. Wir wollen sie doch nicht alle voll wieder nach Mors zurücktransportieren. Das wäre doch ziemlich dumm, nicht wahr!“

Mennos braune Augen leuchteten erfreut auf. Er sprang, obwohl er sonst eher Anhänger der gemächlichen Bewegung war, umgehend auf und kehrte kurze Zeit später mit fünf Bechern und zwei Weinschläuchen zurück. Als ihn Tana fragend anblickte, meinte er sofort entschuldigend: „Nur, falls der eine nicht reichen sollte.“

Energisch erhob sich die Alte, nahm ihm mit einem vielsagenden Blick den zweiten Schlauch wieder ab und verkündete sehr bestimmt: „Einer ist mehr als genug.“

Als sie wegging, um den ledernen Weinschlauch zurückzutragen, wechselte Mennos, zur Schau getragene, Betroffenheit in ein verschmitztes Grinsen über. Er flüsterte den Männern zu, während er fröhlich einschenkte: „So! Jetzt können wir sicher sein, dass wir diesen Schlauch vollständig leeren dürfen. Ohne diesen kleinen Trick hätte sie uns dauernd ermahnt nicht so viel zu trinken.“

Lars grinste nun ebenfalls und bemerkte trocken: „Du bist ganz schön gerissen, mein Lieber. Pass nur auf, dass du dir mit deinen Spielchen nicht mal selbst ein Bein stellst.“

Dann prosteten sich die Männer zu. Als die alte Tana sich ebenfalls wieder zu ihnen gesetzt und ihren Becher in Empfang genommen hatte, begann Lars der Runde von ihrer neuen Heimat Kaarborg zu erzählen: „Die Grafschaft Kaarborg liegt im Süden von Caer und ist nach dem Kernland des Königs, der Grafschaft Caer, das zweitgrößte Fürstentum des Königreiches. Die Grafen von Kaarborg sind seit je her enge Verbündete des Königshauses. Sie sind seit Jahrhunderten auch verwandtschaftlich, durch einige Heiraten, mit dem Königshaus verbunden. Militärisch kommt der Grafschaft Kaarborg eine äußerst wichtige Funktion zu, da drei Viertel der Grenze zum Königreich Lorca in dieser Grafschaft liegen. Aufgrund der allzeit schwierigen Beziehungen zu Lorca besitzt die Grafschaft recht starke Streitkräfte. Sie unterhält, neben einem Kontingent von einhundert Panzerreitern und ihren Knappen, auch Grafenritter genannt, ein permanentes Regiment gut ausgebildeter Fußsoldaten. Dieses Regiment von eintausend Mann wird von den freien Bauern von Kaarborg gestellt, die achtzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie leisten alle fünf Jahre ein halbes Jahr Dienst in diesem Regiment. Das bedeutet, dass jeder waffenfähige freie Bauer vom fünfzehnten Lebensjahr bis zum Alter von fünfunddreißig Jahren in Kaarborg alle fünf Jahre für ein halbes Jahr seinen Waffendienst ableistet. Während er diesen Wehrdienst leistet, ist der Bauer in diesem Jahr von allen Abgaben befreit, damit er einen Verwalter zur Weiterführung seines Hofes einstellen kann. Dieses System ist einzigartig in Caer und erlaubt es dem Grafen von Kaarborg, binnen kürzester Zeit neun weitere aktive Regimenter auszuheben, die im Kriegsfalle sofort einsatzbereit wären. Darüber hinaus kann er noch einmal fünf weitere Regimenter Altmilizen ausheben, die, falls man den Gerüchten glauben darf, mindestens so gut sind wie die jüngeren Aktiven. Die anderen Grafschaften und Baronien tun meist nichts oder nur wenig für die Ausbildung ihrer Soldaten. Sie setzen bei den üblichen, meist begrenzten Streitigkeiten lieber Söldner ein, sodass ihre Bauernregimenter in der Regel im Kriegsfalle wenig nützlich sind. Neben diesen Streitkräften, die größtenteils auf Burg Kaarborg stationiert sind, unterhält der Graf von Kaarborg sechs große Festungsanlagen mit stattlichem Landbesitz, welche er an verdiente Mitglieder des niederen Landadels vergeben hat. Diese haben aus den Erlösen ihrer Güter die Burgen zu unterhalten. Die etwa zweihundert Mann starken Besatzungen jeder dieser Burgen bestehen aus Berufssoldaten und werden ebenfalls direkt vom Grafen bezahlt. Dies stellt ihre Loyalität gegenüber dem Grafen sicher und schränkt damit eventuelle Machtgelüste seiner Ministerialen entscheidend ein. Neben diesen großen Burganlagen gibt es noch eine ganze Reihe kleinerer Burgen und Wehrtürme, welche meist vom niederen Landadel zur Verteidigung ihrer Güter errichtet wurden. Diese stehen nicht unter der direkten Kontrolle des Grafen, sondern sind Privatbesitz. Es ist natürlich klar, dass diese recht große permanente Streitmacht hohe Kosten verursacht. Das dafür notwendige Geld verdient die Grafschaft zum größten Teil mit dem Seehandel, welcher über den größten Hafen von Caer, Santander, abgewickelt wird. In Santander sind übrigens, wie auch auf der Insel Kaar, jeweils weitere fünfhundert gräfliche Berufssoldaten als Stadtwache stationiert. Die wichtigste Verkehrsader in Kaarborg ist die Mors, welche ab dem Kaarsee sogar für kleinere Seeschiffe schiffbar ist. Sie mündet bei Santander ins Binnenmeer. Aufgrund des Fluss- und Seehandels besitzt Kaarborg neben seinen Landstreitkräften eine stattliche Flotte von fünfundzwanzig Kriegsgaleeren, welche den Fluss, den Kaarsee und den Hafen von Santander schützen. Doch nun zum eigentlichen Ziel unserer Reise, zur Burg Kaarborg, unserer neuen Heimat.“

An dieser Stelle unterbrach der alte Lars kurz seinen Bericht, um sich mit einem großen Schluck des aromatischen Rotweines, welcher von jenseits des Meeres aus Zephir kam, die Kehle anzufeuchten. Dann fuhr er in seiner Beschreibung fort: „Die Burg Kaarborg liegt auf einer Insel mitten im Kaarsee, dem größten Binnensee im Königreich Caer. Durch diese Lage ist sie gegen jede Art von Angriffen gut geschützt und kann nur per Schiff oder über eine große, hölzerne Brücke erreicht werden, die zur Straße nach Caerum führt. Die ganze Insel und der kleine Hafen sind von einer steinernen Wehrmauer mit Wachtürmen umgeben. Das Zentrum der Insel bildet die Burg Kaarborg, welche die mächtigste und größte Burg in ganz Caer ist. Sie verfügt über eine Mauer, die eineinhalbmal so hoch ist wie die Stadtmauer von Mors. Die Burg nimmt etwa ein Drittel der Inselfläche ein. Der Rest der Insel wird von Dorf Kaarborg, dem Turnierplatz, einigen Lagerhäusern, den Vorratsschuppen, den Marställen, der gräflichen Gärtnerei und, nicht zuletzt, von den Gast- und Freudenhäusern eingenommen. Insgesamt hat die Insel wohl etwas mehr als fünftausend Einwohner. Die Insel Kaar ist also im Grunde genommen eine Stadt wie Mors, welche ebenfalls kaum mehr Einwohner besitzt. Von diesen fünftausend Bewohnern der Insel leben etwas mehr als zweitausend in der Burg. Das sind die eintausend Mann des momentan diensttuenden Milizregimentes, fünfhundert Mann Festungsbesatzung, zweihundert Mann gräfliche Ritter mit ihren Knappen und die sonstigen Burgbediensteten. Die restlichen dreitausend Bewohner verteilen sich auf das Dorf, die Gastbetriebe, den Hafen und die Flotte. Dazu kommen je nach Jahreszeit so an die fünfhundert Reisende, welche sich meist nur zeitweise auf Kaar aufhalten. Hierbei handelt es sich meist um Händler, Flussschiffer, Beamte und Soldaten.“

An dieser Stelle beendete der Alte seine Einführung und nahm erneut einen tiefen Schluck aus seinem Becher.

„Ah, ist dieser Rotwein gut“, meinte er mit einem verschmitzten Grinsen, das Tana zu einem eher gequälten Lächeln zwang. Sie sah es gar nicht gern, wenn Lars größere Mengen Alkohol trank. Dann sah der Alte prüfend in die Runde, wobei sein Blick an Ragnor hängen blieb. Er bemerkte den gespannten, fragenden Blick des Jungen und sprach ihn deshalb an: „Das war ein kurzer allgemeiner Überblick über die Grafschaft Kaarborg. Willst du noch irgendetwas Spezielles wissen?“

Der Junge, obwohl er von der Beschreibung des Alten ganz fasziniert gewesen war, nahm diese Gelegenheit sofort wahr und fragte, trotz der ironischen Abfuhr, die ihm Lars vorher erteilt hatte, nochmals hartnäckig nach: „Was meinst du, wird mich auf der Insel erwarten?“

Lars lächelte verständnisvoll über die Frage, strich sich über seinen weißen Bart und meinte dann: „Ich denke, Rurig wird dich in die Ritterausbildung von Burg Kaarborg stecken, damit du dich auf deine Ritterprüfung, die wohl in etwa zwei Jahren stattfinden wird, weiter vorbereiten kannst.“

Ragnor war sehr zufrieden mit dieser Antwort. Er hatte schon Bedenken gehabt, dass Rurigs plötzliche Ernennung zum Grafen seiner, im vergangenen Jahr begonnenen, Ausbildung ein jähes Ende bereiten würde. Nachdem er jetzt eine Vorstellung hatte, wie es mit ihm weitergehen würde, plagte ihn schon die Neugier, was die anderen in Kaarborg wohl machen würden. Also fragte er, an seinen alten Mentor gerichtet, weiter: „Was wirst dann du und die anderen in Kaarborg machen?“

Der Alte überlegte einen Moment und meinte achselzuckend: „Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch keine so rechte Ahnung. Ich weiß nur, dass Rurig uns gebeten hat, ihm zur Seite zu stehen und nach Kaarborg zu kommen. Wie das genau aussehen wird, wissen wir noch nicht. Vielleicht werde ich wieder unterrichten.“

Menno verdrehte bei den Worten des Alten die Augen und meinte etwas theatralisch: „Die armen Schüler. Vielleicht hätten wir dich doch besser in Calfors Klamm gelassen.“

„Du hast es gerade nötig“, brummte der Alte und warf Menno einen missbilligenden Blick zu, „etwas mehr Bildung hätte dir sicherlich nicht geschadet.“

Alle lachten ob des Disputs, der seit Jahren zwischen diesen beiden Männern ablief. Als alte Freunde ließen beide gleichermaßen keine Gelegenheit aus, den anderen auf den Arm zu nehmen.

Ihre weitere Reise nach Mors verlief geruhsam und ohne irgendwelche Zwischenfälle. Es zeigten sich weder Banditen, noch trafen sie auf ihrem Weg durch den großen Pass in Richtung Mors Händler, die auf dem Weg in den großen Wald waren. Dies war ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Zeiten unsicherer geworden waren. Der Sieg über die Banditen hatte den stillschweigenden Burgfrieden zwischen Händlern und Gesetzlosen empfindlich gestört. Nun trauten sich die, ansonsten recht hart gesottenen, Händler gar nicht mehr in den großen Nordwald.

Auch aus diesem Grund war es vielleicht ganz gut, dass sie Calfors Klamm nun verließen, um nach Kaarborg ins Herz von Caer zu ziehen. Die Erinnerung an diesen harten Kampf um die Stadt Mors war immer noch sehr lebendig in Ragnor. Es war das erste Mal gewesen, dass er in einem größeren Gefecht mit einigen hundert Beteiligten dabei gewesen war. Er hatte dabei den Anführer der Gesetzlosen, Kraak den Ork, einen berüchtigten Schwertkämpfer, im Zweikampf getötet. Aber es war mehr als knapp gewesen. Der Ork war klar der bessere Schwertkämpfer gewesen. Der Junge hatte den Kampf nur gewonnen, weil sein Quasarschwert die gegnerischen Waffen, Schild und Schwert, zerbrochen hatte.

Sein Schwert Quorum und sein Dolch Quart waren ein Teil seines Erbes und seiner Herkunft. Sie hatten, zusammen mit einem blauen Umhang, welcher ein unbekanntes Wappen trug, neben ihm gelegen, als Lars und Rurig ihn als Neugeborenen gefunden hatten. Es waren wundersame Waffen, aus einer extrem harten Substanz, die Quasar genannt wurde. Man konnte mit diesen Waffen nicht nur kämpfen, sondern sich sogar meditierend in ihre kristalline Struktur hineinversetzten. Wenn er sich während eines Kampfes auf die Waffen konzentrierte oder starke Gefühlsausbrüche hatte, leuchtete der Quasar hell auf. Dann erhöhte sich seine Durchschlagskraft so sehr, dass die Waffen dann in der Lage waren, selbst Eisenschwerter zu zerschlagen. Eines Tages würde er vielleicht das Rätsel seiner Herkunft lösen können. Er würde sich auf die Suche nach Antworten machen, wenn er erwachsen und ein Ritter sein würde.

Gegen Mittag des fünften Reisetages erreichten sie die Passhöhe und konnten kurze Zeit später die vertraute Silhouette der Stadt Mors im Tal vor sich liegen sehen.

Sie rasteten auf einem kleinen Felsplateau, auf dem einige verkrüppelte Bergkiefern, die zwischen den Felsen wuchsen, spärlichen Schatten spendeten, bevor sie den Abstieg nach Mors in Angriff nahmen.

Ragnor band seine Grauesel an eine der Kiefern an, sodass sie sich an den kargen Grasbüscheln, welche hier oben wuchsen, laben konnten. Der Junge nahm ihnen mit tatkräftiger Unterstützung von Maramba die schweren Packen ab, damit sie sich ungehindert ihrer Nahrungsaufnahme widmen konnten.

Während der Schwarze nach getaner Arbeit zu Tana hinüberging, um einen Schluck Wasser zu trinken, trat Ragnor an den Rand des kleinen Felsplateaus hinaus, um einen Blick auf die Stadt im Tal zu werfen. Ein wenig müde nahm er seinen Helm ab, den er wie auch das Kettenhemd, auf Mennos Geheiß hin, während ihrer Reise ständig trug. Er legte ihn auf einen kleinen Felsen und wischte sich erleichtert den Schweiß von der Stirn. Die Mittagssonne hatte bereits ordentlich an Kraft gewonnen – jetzt, da der Übergang vom Frühjahr zum Frühsommer im Norden von Makar fast vollzogen war. Der Junge schüttelte erleichtert seine, vom Schweiß verklebten nackenlangen, Haare auf, um sie im kühlen Bergwind, welcher hier beständig wehte, zu trocknen.

Er trat noch ein paar Schritte weiter vor, um besser sehen zu können. Dann wanderte sein Blick hinunter ins Tal, wo sich das silberne Band der Mors in der Ferne verlor. Fast liebevoll glitt sein Blick über die Stadt, in der seine Liebste mit ihren Schwestern lebte. Er war glücklich, dass er einen bescheidenen Beitrag bei der Vernichtung von Kraaks Bande hatte leisten können. Er wagte nicht, sich vorzustellen, was da unten passiert wäre, und wie es in der Stadt jetzt aussehen würde, wenn die Plünderung durch die Gesetzlosen und die verräterischen Söldner geglückt wäre. Seine Bekanntschaft mit dieser Stadt war zwar erst kurz. Dennoch mochte er ihre Bewohner, von denen er einige, wie Karl den Schmied oder Grugar den Verwalter des Kontors der Frauen, schätzen gelernt hatte. Als seine Gedanken zu Ana, seiner Liebsten, zurückkehrten, schlich sich ein scharfer Schmerz in seine Brust. Es wurde ihm schmerzlich bewusst, dass sie ihre Gefährtenschaft, die ihm so viel bedeutete, beenden mussten, wenn die Reisenden in einigen Tagen nach Kaarborg weiterzogen. Fast unwillig schüttelte er seine aufkeimende Eifersucht auf den neuen Gefährten, den Ana sicher früher oder später wählen würde, ab. Er sagte sich, dass es unbillig wäre, Ana an sich zu binden, ohne sie wenigsten einige Male im Jahr für ein paar Tage besuchen zu können. Doch obwohl er in seinem Kopf die bevorstehende Trennung als unvermeidlich akzeptierte, blieb ein leiser bohrender Schmerz zurück, den er nicht abzuschütteln vermochte. Ragnor löste seinen Blick von der Stadt und nahm seinen Helm wieder auf. Dann ging er zu seinen Freunden hinüber, um einen Schluck Wasser zu trinken.

Die trockene Hitze hier oben machte doch ganz schön durstig. Menno reichte ihm wortlos einen Wasserschlauch, den der Junge fast abwesend entgegennahm. Dabei schüttete er sich prompt den ersten Wasserschwall aus dem Schlauch über das Kettenhemd.

„Wo hast du nur deine Gedanken?“, fragte Menno schmunzelnd, wobei seine Augen wissend funkelten.

„Das Kettenhemd wird rosten, wenn du es weiter so fleißig wässerst“, fügte er breit grinsend hinzu, um den Jungen von seinen schwermütigen Gedanken ein wenig abzulenken.

Ragnor nahm den Ball dankbar auf und antwortete, nachdem er einen tiefen Schluck aus dem Wasserschlauch genommen hatte, mit gespieltem Ernst: „Du hast sicher recht. Ich werde Tana gleich fragen, ob ich das Kettenhemd mit ihrem Halstuch abtrocknen darf, damit es keinen Schaden nimmt.“

Menno lachte laut über die pfiffige Antwort. Genauso wie Ragnor wusste er nur zu gut, wie sehr Tana ihr seidenes Halstuch liebte, welches von jenseits des Binnenmeeres stammte. Sie wäre mehr als entsetzt gewesen, falls sie Ragnors Worte vernommen hätte.

Die liebe Tana war jedoch glücklicherweise in ein Gespräch mit Lars vertieft, in welchem es offensichtlich um die Ladungskapazität ging, welche sie für ihre Weiterreise nach Kaarborg benötigen würden. Wie immer waren sich die beiden in diesem Punkt überhaupt nicht einig. Während Lars mit nüchternen Argumenten für eine deutliche Verschlankung ihres Hausstandes eintrat, da er davon ausging, dass der Hausrat größtenteils in Kaarborg vorhanden sein würde, verteidigte Tana jedes einzelne Stück ihrer Habe mit Zähnen und Klauen. Endlich hatte Lars von der Diskussion genug, die er eh nicht gewinnen konnte und rief ein wenig barsch zu Maramba, Menno und Ragnor herüber, um den fruchtlosen Disput endlich beenden zu können: „Beladet die Tiere wieder. Wir wollen aufbrechen, damit wir die Stadt noch vor Sonnenuntergang erreichen. Ich habe keine Lust, in der Dunkelheit den Pass hinunter zu stolpern.“

Kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichten sie schließlich das äußere Holztor, welches die Gemarkung von Mors vom Gebiet der Baronie Niewborg abgrenzte. Als sie sich näherten, erkannte sie der diensthabende Leutnant der Stadtwache sofort, grüßte ehrerbietig. Er winkte sie ohne jegliche Prüfung freundlich durch. Als Ragnor als letzter Reiter der Gruppe die Wachsoldaten passierte, die nicht zur Stadtwache, sondern zu Hauptmann Yörns königlichen Soldaten gehörten, hörte er, wie einer der Soldaten, der offenbar mit ihm am Flusstor gekämpft hatte, zu seinen Kameraden sagte: „Das ist der Junge. Er hat mit seinem Zauberschwert den Schild und das Schwert des Orks zerschlagen, als ob sie aus Ton wären. Eiskalt hat er Kraak niedergemacht.“

Der Junge errötete sichtlich beschämt, als der diese Worte vernahm, wenn er daran dachte, welche Angst er ausgestanden hatte, als er während des Kampfes hatte feststellen müssen, dass Kraak mit seiner Schwertkunst absolut im Vorteil gewesen war. Es störte ihn nun sehr, dass man ihn als Helden ansah, obwohl er sich überhaupt nicht so fühlte.

Am eigentlichen Stadttor tat Hauptmann Yörns erster Leutnant Dienst. Ragnor wollte ihm impulsiv die Hand reichen, doch Leutnant Briscot verneigte sich nur knapp und grüßte ihn mit den Worten: „Willkommen, edler Ragnor.“

Nun wurde es Ragnor zu viel. Ärgerlich streckte er dem Leutnant unübersehbar und auffordernd die Hand hin und sagte dabei laut und deutlich: „Herr Leutnant. Wir beide sind Kampfgefährten. Von einem 'edlen Ragnor' ist mir nichts bekannt.“

Etwas überrascht, aber respektvoll lächelnd, ergriff der Leutnant die dargebotene Hand und drückte sie kräftig. Dann sagte er, plötzlich wieder so locker, wie Ragnor ihn bei ihrer ersten Begegnung kennen und schätzen gelernt hatte: „Ihr habt Euch Eure Bescheidenheit gut bewahrt. Ihr werdet allerdings schnell merken, dass die wildesten Versionen Eures Zweikampfes mit dem Ork im Umlauf sind. Ihr seid der Held dieser Stadt, ob es Euch nun gefallen mag oder nicht.“

„Oh je!“, seufzte Ragnor. „Das kann ja heiter werden! Ich hatte mir eigentlich vorgestellt, mich ganz normal in Mors bewegen zu können.“

Leutnant Briscot lachte mitfühlend und meinte mit einem leicht bedauernden Kopfschütteln: „Ich fürchte, das wird Euch vermutlich nicht gelingen.“

Daraufhin hob Ragnor ergeben und schon ein wenig resignierend die Schultern. Dann verabschiedete er sich etwas hastig vom Leutnant, als er bemerkte, dass die anderen während ihres kurzen Gesprächs bereits weitergezogen waren.

Als er schließlich ebenfalls am Kontor der Frauen anlangte, waren die anderen bereits nicht mehr auf der Gasse zu sehen, doch das Tor stand weit offen. Grugar, der Verwalter und Freund der Familie, stand unter dem Tor und begrüßte ihn herzlich mit den Worten: „Sei mir willkommen, junger Freund. Bevor wir ein Schlückchen zusammen nehmen, lass uns zuerst die Tiere abladen und versorgen.“

Als er Ragnors fragenden Blick bemerkte, schmunzelte er und fügte rasch hinzu: „Die Frauen sind oben und bereiten ein großes Abendessen vor. Es herrscht eine ziemliche Hektik in der Küche, seitdem uns eure Ankunft bekannt gemacht wurde.“

„Wieso bekannt gemacht wurde? Wir sind doch gerade erst hier angekommen!“, fragte der Junge überrascht nach.

Mit einem Mal lachte Grugar dröhnend los, wobei sein stattlicher Bauch heftig wackelte. Dann bemerkte er grinsend: „Ja, du bist jetzt ein äußerst wichtiger Mann. Wir wurden umgehend von einem Läufer der Stadtwache informiert, nachdem ihr draußen das Vortor erreicht hattet.“

Ragnor schüttelte ungläubig den Kopf. Dieser überflüssige Rummel um seine Person begann ihm bereits jetzt schon mächtig auf die Nerven zu gehen. Die kurze Irritation verflog schnell und wurde von einem warmen Hochgefühl verdrängt, als ihn Ana beim Betreten des Wohnhauses mit einer zärtlichen Umarmung am Fuß der Treppe begrüßte. Er freute sich sehr über die ehrlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbrachte und empfand eine frohe Leichtigkeit, welche ihn die bevorstehende Trennung für einen Moment vergessen ließ.

Als er später am Abend mit Ana im Bett lag, liebten sich die beiden voller Hingabe bis zur körperlichen Erschöpfung. Danach lagen sie noch lange eng umschlungen wach, ohne ein Wort zu sagen. So, als ob das Schweigen es ihnen erlauben würde, diese Nacht für die Ewigkeit festzuhalten. Erst in den frühen Morgenstunden schliefen die beiden endlich ein.

Am nächsten Tag kümmerten sich Lars, Tana und Anas Schwester Bela um den Verkauf der überflüssigen Vorräte und Ausrüstungsgegenstände aus Calfors Klamm. Dann kauften sie alles ein, was für eine lange Reise so an Vorräten und Ausrüstungsgegenständen benötigt wurde.

Ragnor ging zusammen mit Menno und Maramba zum benachbarten Pferdehändler, wo sie die vierundzwanzig Grauesel verkauften und dafür sechs kräftige Zugpferde erwarben. Diese benötigten sie zusätzlich zu den zwei vorhandenen Lastpferden für die beiden Wagen, mit denen sie nach Kaarborg reisen wollten. Während Maramba die sechs Pferde ins Kontor führte, machten sich Menno und Ragnor ins Stadtviertel der Wagner auf, um dort zwei geeignete Wagen zu erwerben.

Auf dem Weg quer durch die Stadt bis ins Viertel der Wagner, welches auf der anderen Seite der Stadt lag, bemerkte der Junge, dass sie auffällig freundlich, ja ehrerbietig gegrüßt wurden, wann immer sie einem Stadtbewohner begegneten. Die Bürger blieben dann meist stehen und sahen dem stämmigen Seemann und dem groß gewachsenen, jungen Mann noch eine Zeit lang hinterher, nachdem diese sie passiert hatten, wobei sie sich dabei meist lautstark über die vergangenen Ereignisse unterhielten.

Diese Erfahrung stand in krassem Gegensatz zu seinen ersten Erfahrungen hier, als ihn die Bürger der Stadt nie beachtet, geschweige denn, gegrüßt hatten.

Als sie an ihrem Ziel anlangten, wo die Wagner der Stadt ihre Produkte auszustellen und zu verkaufen pflegten, waren die beiden sehr überrascht, vom dicken Bürgermeister persönlich begrüßt zu werden. Dieser hieß sie am Tor in Begleitung von Mark da Loza, dem königlichen Stadtverweser, willkommen. Nach einem feuchtwarmen Druck seiner feisten Hand, folgte unmittelbar und unvermeidlich eine schwülstige Rede: „Lieber Menno, edler Ragnor! Ihr habt Euch große Verdienste um unsere Heimatstadt Mors erworben. Wir hatten leider bisher keine Gelegenheit, uns bei Euch und Eurem hoch geborenen Freund, dem Grafen von Kaarborg, angemessen zu bedanken. Jedermann weiß, dass ich ein sparsames Stadtoberhaupt bin....“

An dieser Stelle ging seine Rede im schallenden Gelächter der anwesenden Bürger unter, die sich neugierig um die kleine Gruppe versammelt hatten und einer rief für alle vernehmlich laut: „Wohl eher geizig!“, was das Gelächter noch verstärkte.

Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, fuhr der Bürgermeister, sichtlich um Fassung bemüht, fort: „Obwohl ich 'sparsam' bin“, wobei er das Wort „sparsam“ sorgsam betonte, „möchte sich die Stadt dankbar erweisen.“

Er klatschte in die Hände, ein Tor im Hof öffnete sich, einige Stadtsoldaten schoben zwei nagelneue, mit festen Planen und ledernen Zugleinen versehene Wagen heraus und stellten sie mitten im Hof ab.

Menno, Ragnor und der Stadtverweser folgten dem Bürgermeister zu den Wagen in den Hof. Dieser legte mit einer betonten Geste – er liebte große Gesten – seine Hand auf die Deichsel des einen Wagen und verkündete, sichtlich stolz, an Menno und Ragnor gewandt: „Diese beiden Wagen überreichen wir Euch als Dank für die Errettung unserer Stadt. Mögen sie Euch sicher nach Kaarborg bringen.“

Der Rest ging in den Hochrufen der Bürger unter. Menno dankte dem Bürgermeister mit feierlichen, gut gesetzten Worten, sodass sich Ragnor nur wundern konnte, wo der Seemann diese geschraubte Sprache wohl gelernt haben mochte.

Dann wurde sich wieder unter heftigem Händeschütteln verabschiedet, wobei der Bürgermeister versprach, die Wagen unverzüglich ins Kontor der Frauen bringen zu lassen.

Der Stadtverweser, ein alter Freund des Grafen, hatte die ganze Zeit, ohne ein Wort zu sagen, freundlich lächelnd dabei gestanden. Nun begleitete er Menno und Ragnor unter dem Beifall der anwesenden Bürger hinaus auf die Straße. Dort angekommen, gab er seine würdige Haltung auf und bemerkte schelmisch lachend: „Wirklich eine bemerkenswerte Gabe. Ihr habt auf jeden Fall eine Menge Geld gespart und der Bürgermeister, dieser alte Schlaufuchs, hat etwas für seine Beziehungen zum mächtigsten Grafen von Caer und seine eigene Popularität bei den Bürgern getan. Sein Ansehen hatte durch sein missglücktes Engagement mit den Söldnern stark gelitten. Wahrlich ein gutes Geschäft für alle Beteiligten, aber: Besonders für ihn!“

Menno und Ragnor lachten ebenfalls, denn sie hatten den Bürgermeister schon in der Vergangenheit als gewieften Geschäftsmann kennengelernt, der nicht immer nur legale Wege einschlug, wenn es galt, seine Ziele umzusetzen.

Als Mark da Loza sich schließlich von Ragnor per Handschlag verabschiedete, sagte er aufmunternd: „So, mein junger Freund. Ich wünsche dir viel Glück bei deiner Ritterausbildung in Kaarborg. Streng dich ordentlich an, denn ich möchte dich in spätestens eineinhalb Jahren bei der Ritterprüfung in Caer wiedersehen. Du wirst in Kaarborg übrigens meinen Neffen ‚Hamkar da Loza‘ treffen. Grüße ihn bitte von mir, auch wenn es ihn wahrscheinlich kaum interessieren wird, denn er ist ein junger aufgeblasener Schnösel.“

„Vielen Dank für Eure Freundlichkeit. Ich versichere Euch, dass ich mich anstrengen werde, Euch und Rurig nicht zu enttäuschen. Die Grüße an Euren Neffen werde ich selbstverständlich ausrichten“, antwortete der Junge etwas verlegen über die, für ihn unerwartete, Anteilnahme des hochgestellten Herren.

„Komm, lass uns jetzt zu Karl gehen, um deine neue Rüstung zu probieren“, sagte Menno, als sie bereits wieder auf dem Weg Richtung Marktplatz waren.

„Welche Rüstung?“, fragte Ragnor überrascht. „Ach, hab ich dir gar nicht erzählt, dass Rurig, vor seiner Abreise bei Karl dem Schmied noch eine Vollrüstung mit Panzerhelm bestellt hat. Er wollte, dass du über eine komplette Ausrüstung verfügst, wenn du in Kaarborg deine Ritterausbildung aufnimmst“, antwortete ihm sein väterlicher Freund mit einem Schmunzeln. „Du bist jetzt fast voll ausgewachsen. Also hat Rurig beschlossen, dir jetzt schon eine eigene Vollrüstung als Anerkennung für deinen Sieg über Kraak zu schenken und nicht erst nach deinem Ritterschlag“, setzte er erläuternd hinzu.

Ragnor erwiderte nichts, freute sich aber sehr, dass Rurig so viel Vertrauen in ihn setzte, dass er seine Ritterprüfung bestehen würde. Er wusste zwar nicht genau, wie hoch der Preis für eine Vollrüstung war. Er hatte ja noch nie eine gesehen. Aber wenn er daran dachte, was allein der Schild gekostet hatte, musste es eine wahrhaft stolze Summe sein, die Rurig da für ihn ausgegeben hatte.

Kurz darauf betraten sie Karls Werkstatt, wo sie der Schmied schon voller Ungeduld empfing: „Es wird Zeit, dass ihr beide endlich kommt. Ich hoffe nur, dass die Maßangaben Rurigs und seine Vermutungen über Ragnors Wachstum gestimmt haben, sonst habe ich eine lange Nachtschicht vor mir.“

„Nur mit der Ruhe“, sagte Menno gemütlich, wie es so seine Art war. „Du hast doch sicher ein Bier für mich, während ich euch bei der Anprobe zusehe?“

„Ich muss dich heute leider enttäuschen. Mein Vorrat an Kaarborger Bier ist aufgebraucht. Du musst heute trocken zuschauen. Ich gehe schnell die Rüstung für die Anprobe holen, damit du nicht so lange ohne Gerstensaft herumsitzen musst“, antwortete ihm Karl mit einem bedauernden Achselzucken.

Als der Schmied schließlich die Rüstungsteile auf einem kleinen Wagen hereinbrachte, konnte sich Ragnor beim besten Willen nicht vorstellen, dass man so viel Eisen mit sich herumtragen konnte. Als Erstes musste er eine dick wattierte, ärmellose Weste anziehen. Dann begann Karl ihm, Stück für Stück, die Rüstung anzulegen. Zuerst wurde der Brustpanzer mit den Lederriemen festgeschnallt, dann die Arm- und Beinschienen, die Panzerhandschuhe und zuletzt stülpte ihm der Schmied den Panzerhelm über.

Menno, der interessiert zusah, erkannte sofort, dass es sich um eine der besten Rüstungen handelte, die er je gesehen hatte. Hierbei fiel ihm insbesondere die präzise gearbeitete Gelenkpanzerung auf, die in der schweren Vollrüstung offenbar eine perfekte Beweglichkeit ermöglichte. Es war eines der neuen Modelle, das man nicht nur vom Pferd aus, sondern auch am Boden im Schwertkampf gut verwenden konnte. Die gute Beweglichkeit der Rüstungsteile war vor allem dann entscheidend, wenn man im Kampf vom Pferd gestoßen wurde. Viele unbewegliche Rüstungen brachten ihren Trägern nur deshalb den Tod, weil sie es nicht erlaubten, dass ihre Träger schnell genug wieder aufstehen konnten, um wieder in Kampfposition zu kommen.

Nachdem die Rüstung komplett angelegt war, testete Karl mit dem Jungen Komfort und Beweglichkeit. Er ließ ihn Auf und Ab gehen, ließ ihn Kniebeugen machen und probierte mit ihm das Aufstehen aus der Rückenlage. Dabei machte er sich auf einer kleinen Schiefertafel Notizen, was noch zu ändern war. Als Ragnor die Rüstung wieder abgelegt hatte, war er zwar nicht in Schweiß gebadet, aber es war doch recht anstrengend gewesen, sodass er sich erst einmal setzte.

„Nun, wie passt das Teil?“, fragte Menno den Jungen.

„Ich glaube gut“, antwortete Ragnor ein wenig unsicher. „Ich habe bisher keinerlei Erfahrung mit Rüstungen. Wenn ich Karl glauben darf, ist sie sehr beweglich. Es ist mir relativ einfach gelungen, wieder aufzustehen, das hätte ich anfänglich nicht vermutet. Aber an das Gewicht werde ich mich erst noch gewöhnen müssen. Außerdem denke ich, dass ich meine Taktik im Schwertkampf anpassen muss, wenn ich in der Rüstung kämpfe. Man ist sehr viel langsamer, aber dafür gegen mittelschwere Treffer recht gut geschützt.“

Menno nickte zustimmend, stand dann auf und ging zu Karl hinüber. „Hast du noch viel zu ändern?“, fragte er seinen alten Freund. Karl schaute auf die Schiefertafel und meinte: „Nein, es sind nur Kleinigkeiten. Ich werde euch morgen früh im ersten Morgengrauen die Rüstung, in einer Kiste verpackt, persönlich im Kontor vorbeibringen. Es ist nämlich die beste Rüstung, die ich je gemacht habe.“

Menno lächelte und fragte neugierig: „Sag mal, du alter Gauner. Das Ding muss doch ein Vermögen gekostet haben?“

„Da hast du ausnahmsweise mal recht. Eine moderne Rüstung in dieser Qualität können sich nur Wenige leisten. Sie hätte einhundertfünfzig Goldtalente gekostet, wenn mich Rurig, dieser Hundling, nicht wieder auf einhundert heruntergehandelt hätte. Ich habe eben ein weiches Herz, wenn es um Ragnor geht“, antwortete der Schmied mit einem schiefen Lächeln. „Und weißt du, was das Härteste ist? Nachdem Rurig bezahlt hat, hat er mir erzählt, dass ihn die Rüstung persönlich gar nichts koste. Er hat einhundert Goldtalente von Mark da Loza für die Bezahlung verwendet“, setzte er lachend hinzu.

Ragnor, der dem Gespräch gefolgt war, war erschüttert ob der genannten Summen, und beschloss sich sowohl bei Rurig, als auch bei Mark da Loza zu bedanken. Das mochte insbesondere im Fall von Mark da Loza eine Weile dauern. Er wusste nicht, ob er ihn vor seiner Ritterprüfung wiedersehen würde. Einhundert Goldtalente war ein enormer Geldbetrag. Ein einfacher Arbeiter verdiente etwa zehn Kupferpfennige am Tag. Ein Silbertalent war einhundert Kupferpfennige und ein Goldtalent wiederum einhundert Silbertalente wert.

Kapitel 2

Auf ihrem Rückweg ins Kontor machten die beiden in einer der zahlreichen Schenken Rast, um einen kleinen Frühschoppen einzunehmen, wie Menno sich ausgedrückt hatte. Sie traten durch eine dunkle, niedrige Tür in den Schankraum, welcher vor einer großen Theke und einigen schweren Tischen beherrscht wurde.

Sie setzten sich an einen der mächtigen Eichentische, welcher an einem der beiden kleinen, bleiverglasten Fenster stand, das den Schankraum nur spärlich beleuchtete, sodass dort ein eher schummriges Zwielicht herrschte. Daran konnten auch die wenigen, stark rußenden Kerzen, die auf den Tischen standen, nur wenig ändern. Außer ihnen waren nur einige wenige Gäste, wahrscheinlich Handwerker, anwesend, die hier ihren Frühschoppen einnahmen und die beiden Männer nicht weiter beachteten.

Die mürrische Schankmagd brachte ihnen zwei große Krüge mit dunklem Bier und kassierte, was in Caer eher unüblich war, sofort den fälligen Betrag. Doch auch das konnte Mennos gute Laune an diesem Tag nicht trüben. Er hob seinen Krug, prostete Ragnor zu: „Auf unseren erfolgreichen Einkauf und deine neue Rüstung!“

Er nahm, ebenso wie Ragnor, einen tiefen Schluck und wischte sich mit einem genussvollen Stöhnen den Schaum aus dem Bart. Gemütliche Kneipen und Bier waren, neben Frauen und gutem Essen, Mennos große Leidenschaft.

Während sich der Seebär und sein junger Schützling angeregt über ihre weiteren Reisevorbereitungen unterhielten, traten vier, in dunkle Umhänge gehüllte, Männer durch die niedrige Tür. Menno sah kurz auf und bemerkte dabei, dass die anderen Gäste die Schenke inzwischen wieder verlassen hatten. Routiniert glitt sein Blick über die Fremden. Er bemerkte sofort, dass sie unter den Umhängen Schwerter trugen. Außerdem stellten sie sich so an die Theke, dass er und Ragnor beim Verlassen der Schenke unmittelbar an ihnen hätten vorbeigehen müssen. Mit einem Mal war seine gute Laune wie weggewischt. Sein siebter Sinn, auf den er sich bisher immer hatte verlassen können, schlug Alarm. Plötzlich war er sich sicher, dass der seltsame Besuch ihnen galt. Einen Moment bedauerte er, dass er Axt und Kettenhemd, ja sogar seine sechs Wurfmesser, die er sonst immer bei sich trug, im Kontor gelassen hatte. Er war, ebenso wie der Junge, nur mit seinem Dolch bewaffnet. Aber wer hätte in Mors, nach dem großen Sieg über die Banditen, auch so etwas erwartet. Während er die Lage analysierte, versuchte er möglichst unbefangen zu wirken, um die Fremden nicht zu provozieren, bevor er sich über die notwendigen Gegenmaßnahmen im Klaren war. Also hob er erst einmal den Krug und prostete dem Jungen zu. Dann sagte er lächelnd, leise in lockerem Plauderton, aber mit einem zwingenden, fast beschwörendem Blick, welcher dem Jungen deutlich signalisierte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war: „Bleibe ganz ruhig sitzen und drehe dich nicht um. Es wird vielleicht Ärger geben. Hinter uns stehen vier Fremde mit Schwertern an der Theke und ich fürchte, die wollen was von uns. Wir trinken jetzt ganz langsam aus, stehen dann gemächlich auf und gehen anschließend langsam in Richtung Tür. Sollten sie uns angreifen, nichts wie hinter die Theke und versuchen, zur Hintertür rauszukommen. Falls sie uns folgen oder es nicht klappt, müssen wir eben irgendwie mit ihnen fertig werden.“ Während er das sagte, lächelte er weiter, als ob er sich über irgendeine Nichtigkeit mit dem Jungen unterhalten würde.

Ragnor war gespannt wie ein Flitzebogen. Einen Gegner im Rücken zu haben, ohne sich umdrehen zu dürfen, war eine neue, äußerst unangenehme Erfahrung für ihn. Die Zeit, bis die Bierkrüge endlich leer wurden, schien sich endlos zu dehnen. Es wurde erst leichter zu ertragen, als er vorsichtig und unauffällig seine rechte Hand auf den Dolchgriff von Quart legte. Sofort sandten die Quasarkristalle, aus denen die Klinge des Dolches bestand, ihre beruhigenden Impulse aus. Es gelang Ragnor mit ihrer Hilfe, seine innere Ruhe wiederzufinden und einigermaßen gelassen der Dinge zu harren, die da kommen würden.

Dann war es nicht mehr aufzuschieben: Die Beiden nahmen ihren letzten Schluck und Menno flüsterte, während er sich langsam erhob: „Wir nehmen diese steinernen Bierkrüge mit. Sie sind, so glaube ich, als Wurfgeschosse für den Fall der Fälle ganz brauchbar. Stell‘ den Deinen also erst dann auf die Theke, wenn du an der Tür bist oder sicher ist, dass ich mich geirrt habe.“

Ragnor nahm die Hand vom Dolchgriff und stand ebenfalls auf. Er konnte nun, als er sich hinter Menno Richtung Tür bewegte, zum ersten Mal die vier Fremden sehen, die bisher in seinem Rücken gestanden hatten. Er konnte ihre Gesichter im Halbdunkel des Schankraumes nicht erkennen. Ihre überbetont lässige, fast aufreizend wirkende Körperhaltung, mit der sie an der Theke lehnten, strahlte jedoch eine unausgesprochene Herausforderung aus.

Kaum waren sie an das Ende der Theke getreten, reagierten die Vier. Sie warfen ihre Umhänge ab, zogen unangenehm aussehende Kurzschwerter mit breiten, gezackten Klingen hervor und bildeten einen Halbkreis vor der Tür, um diese abzuschirmen. Menno und Ragnor reagierten wie vereinbart und wichen hinter die Theke zur Hintertür aus. Doch als Menno versuchte, diese zu öffnen, musste er feststellen, dass sie von außen verschlossen worden war. Die unfreundliche Schankmagd war beim Aufbau dieser Falle also mit von der Partie gewesen!

Die vier Fremden lachten höhnisch, als sie sahen, wie Menno an der verschlossenen Hintertür scheiterte.

„Ihr kommt hier nicht mehr lebend raus“, knurrte einer von ihnen, ein kräftiger, untersetzter Kerl mit dunklen, struppigen Haaren, der offenbar der Anführer der Schurken war. Er deutete anklagend mit der linken Hand auf Menno und zischte dabei hasserfüllt: „Jetzt wirst du dafür büßen, dass du deine Kameraden verraten hast und durch deine Schuld mein Bruder Masur sterben musste.“

Menno nutzte die Zeit, in der sich der Söldner erklärte, um Ragnor zuzuflüstern: „Jetzt hilft wohl nur noch ein Frontalangriff. Also ohne Hände mit Krug und Dolch im Salto über die Theke und drauf. Wollen doch mal sehen, was Marambas Ausbildung wert ist!“

Mit zwei Schritten Anlauf gingen die beiden Freunde mit einem Salto über die Theke und standen plötzlich nur noch wenige Schritte von ihren Gegnern entfernt. Bevor diese sich von ihrer Überraschung erholt hatten und reagieren konnten, flogen bereits zwei schwere steinerne Bierkrüge durch die Luft. Menno traf seinen Gegner voll am Kopf, sodass dieser wie ein Stein zu Boden stürzte. Daraufhin stürmte er auf den Anführer der Bande los. Ragnors Wurf war nicht ganz so effektvoll gewesen, denn der Krug traf den hageren Mann, auf den er gezielt hatte, mitten auf die Brust. Der kraftvolle Wurf trieb seinem Gegner erst mal die Luft aus den Lungen und ließ ihn ebenfalls schwer zu Boden stürzen.

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