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Gefangen im Palazzo der Leidenschaft

1. KAPITEL

„Ein dringender Aufruf für Ms Giselle Barton, Flug 13-30 nach Rom. Bitte kommen Sie umgehend zu Schalter sechs im Abflugterminal. Ms Giselle Barton – bitte sofort zu Schalter sechs.“

Lily Barton – nur ihre Mutter, die Lily schmerzlich vermisste, hatte sie je Giselle genannt – kämpfte sich gerade durch den Flughafen, während sie ihren unhandlichen Koffer hinter sich herzog. Sie steuerte auf die lange Schlange zu, die am Schalter zweiundfünfzig wartete, um für den Flug nach Rom einzuchecken. Fassungslos stöhnte sie auf, als ihr klar wurde, dass Schalter sechs am anderen Ende lag, wo sie gerade hergekommen war.

Das Taxi, das sie sich an diesem kalten Dezembermorgen zwei Tage vor Weihnachten bestellt hatte, war verspätet bei ihrem Apartment eingetroffen. Auf der Fahrt zum Flughafen kamen sie dann in dem Schnee der vergangenen Nacht nur langsam voran, sodass Lily sicher der letzte Passagier in der Schlange für den Flug nach Rom sein würde. Was zur Folge hatte, dass man ihr vermutlich den schlechtesten Platz im Flugzeug zuweisen würde – wahrscheinlich eingequetscht zwischen zwei übergewichtigen Geschäftsmännern. Sicher würden diese den ganzen Flug über auf den Ausschnitt ihres blauen Pullovers unter ihrer dicken Jacke starren, die sie gegen das frostige englische Wetter schützen sollte.

Zu ihrem Unglück war auch noch eine der Rollen des alten, verbeulten Koffers abgebrochen, als der Taxifahrer ihn vor dem Flughafen aus dem Kofferraum hob. Da sie sich nicht mehr einhaken ließ, hatte Lily es in ihre ohnehin schon übervolle große Schultertasche gesteckt, die nun noch schwerer war als zuvor. Ihr Koffer drohte jetzt ständig umzufallen, als sie ihn hinter sich herzog.

Sollte man sie jetzt auch von der Liste für den Flug nach Rom streichen, da sie so spät dran war und die Maschine vielleicht überbucht, wie oft zu dieser Jahreszeit, würde sie sich einfach hinsetzen und weinen. Denn ein weiterer Tiefschlag würde diesem ohnehin schon katastrophalen Tag die Krone aufsetzen.

„Ms Giselle Barton – bitte kommen Sie umgehend zu Schalter sechs in der Abflughalle.“

„Ist ja gut“, murmelte Lily, als die Ansage erneut über den Lautsprecher dröhnte. Sie umfasste den Griff ihres Koffers, um in die Richtung zu gehen, aus der sie gekommen war. Die Stimme hatte diesmal herrischer geklungen, was wahrscheinlich bedeutete, dass man sie tatsächlich von der Passagierliste gestrichen hatte. Und zweifellos würde man ihr anbieten, ersatzweise einen Flug nach den Feiertagen zu nehmen.

Verdammt!

Lily hatte sich in letzter Minute dazu entschieden, Weihnachten in Rom bei ihrem Bruder zu verbringen. Felix war vor einigen Monaten dorthin gezogen, um als Assistent bei Graf Dmitri Scarletti zu arbeiten. Sie hatte diesen Entschluss gefasst, nachdem ihr ursprünglicher Plan für die Feiertage ins Wasser gefallen war. Dabei hätte sie doch wissen sollen, dass Danny, mit dem sie sich seit zwei Monaten traf, seine geschiedene Mutter Weihnachten nicht allein lassen würde. Erstens lebte er noch bei Miriam, und zweitens hatte diese sehr deutlich gemacht, dass sie nicht die Absicht hatte, Lily zu sich einzuladen. Genau der richtige Zeitpunkt, wie sie bedauernd beschlossen hatte, um diese Beziehung zu beenden, die vermutlich sowieso zum Scheitern verurteilt war.

Zum Glück hatte sie sich emotional nicht ernsthaft auf Danny eingelassen, der an derselben Schule als Lehrer arbeitete wie sie. Es hatte zwar Spaß gemacht, mit ihm ins Kino oder zum Essen zu gehen, aber seine dominante, fordernde Mutter war ihr ein Gräuel.

Aufregung machte sich in ihr breit, kaum dass Lily sich dazu entschieden hatte, über Weihnachten nach Rom zu fliegen. Sie war noch nie dort gewesen oder überhaupt irgendwo anders außerhalb von England. Und es wäre schön, ihren Bruder nach all den Monaten der Trennung wiederzusehen. Der Tod ihrer Eltern hatte sie beide noch mehr zusammengeschweißt. Sie telefonierten und mailten sich zwar regelmäßig, doch es war etwas ganz anderes, tatsächlich Zeit mit dem temperamentvollen Felix zu verbringen.

Nun ja, es wäre aufregend gewesen, Weihnachten bei ihrem Bruder in Rom zu sein, nachdem Danny sich als eine solche Enttäuschung erwiesen hatte. Da man sie jedoch von der Passagierliste streichen würde, musste sie die Feiertage wohl in England vor dem Fernseher verbringen, mit einer Tüte Chips. Na toll, sagte sich Lily. Sie hatte einfach nicht richtig nachgedacht!

Erhitzt und besorgt kam sie schließlich am anderen Ende des Gebäudes an, um sich in einer überfüllten Halle wiederzufinden. Verwirrt suchte sie nach Schalter sechs.

Doch es schien diesen Schalter nicht zu geben. Fünf, ja. Und auch Schalter sieben. Aber keinen Schalter sechs …

„Miss Barton?“

Lily drehte sich so abrupt um, dass sie beinah über ihren Koffer gefallen wäre. Sie blies sich eine platinblonde Strähne aus dem Gesicht, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die schöne, dunkelhaarige Flugbegleiterin, die sich hinter einem nicht nummerierten Schalter erhoben hatte und einen guten Kopf größer war als sie mit ihren knapp einssechzig. „Ich bin Lily Barton, ja …“

Zweifelnd sah die andere Frau sie an. „Lily? Aber …“

„Schon in Ordnung. Das ist eine Familienangelegenheit.“ Lily hatte keine Lust, ihr zu erklären, dass ihr Bruder den Namen Giselle als Kind nicht hatte aussprechen können. Zunächst hatte er „Lelly“ zu ihr gesagt, später war dann „Lily“ daraus geworden. Und dabei war es zum Glück geblieben. Denn „Giselle“ klang wie der Name irgendeiner ältlichen Tante. Vielleicht würde sie eines Tages wirklich zu einer werden, aber im Moment zog sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren eindeutig „Lily“ vor. „Sehen Sie.“ Sie fischte ihren Ausweis aus der Umhängetasche und hielt ihn der anderen Frau vor die Nase.

Bedauernd stellte sie fest, dass das Foto ihr nicht gerade schmeichelte. Sicher, ihr langes, glattes und natürlich platinblondes Haar sah recht annehmbar aus, aber sie hatte die blauen Augen bei dem Blitzlicht weit aufgerissen, sodass sie ein wenig erschrocken dreinblickte. Da sie nicht hatte lachen dürfen, wirkte sie leicht bekümmert und ihr Hals beinah zu zart für die hellblonde Mähne.

„Falls Sie mir sagen wollen, dass ich heute doch nicht nach Rom fliegen kann“, begann sie und steckte den Ausweis zurück in die Tasche, „möchte ich Sie vorwarnen. Sollte jetzt noch etwas schiefgehen, werde ich vermutlich einen hysterischen Anfall bekommen.“

Die kühle Miene der Frau wurde ein wenig weicher. „Harter Vormittag, was?“

Lily verdrehte die Augen. „Könnte man so sagen.“

Als die Flugbegleiterin leise lachte, war von ihrer geschäftsmäßigen Art nichts mehr zu spüren. „Dann bin ich froh, dass ich Ihnen nicht noch mehr Schwierigkeiten machen muss.“

„Ach nein?“ Jetzt war es an Lily, zweifelnd dreinzublicken. Und hoffnungsvoll.

„Ganz und gar nicht. Bitte, lassen Sie mich den hier nehmen.“ Die Frau umfasste den Griff von Lilys Koffer, ehe sie davonging. Sie schaffte es sogar, den Koffer mit dem abgebrochenen Rad elegant hinter sich herzuziehen. Natürlich!

„He!“ Schnell hatte Lily die Frau eingeholt und griff nach deren Arm. „Wo wollen Sie denn mit meinem Koffer hin?“

Geduldig lächelte diese. „Ich gebe den Koffer für Sie auf. Danach bringe ich Sie in die VIP-Lounge.“

Überrascht sah Lily sie an, ehe sie den Kopf schüttelte. „Da muss eine Verwechslung vorliegen.“ Obwohl es kaum zwei Frauen mit dem Namen Giselle Barton geben würde – die obendrein beide heute einen Flug nach Rom gebucht hatten. „Ich habe Economyclass gebucht. Also steht mir demnach nur ein Platz in der überfüllten Abflughalle zu – falls ich Glück habe.“ Sie lächelte bedauernd.

Die schwarzhaarige Schönheit erwiderte ihr Lächeln. „Heute Morgen wurde für Sie umgebucht.“

„Umgebucht?“ Flehentlich blickte Lily sie an. „Sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass ich nach Norwegen fliege oder irgendwo anders hin, wo es garantiert noch kälter ist als in England.“

Wieder lachte die Flugbegleiterin. „Nein, Sie fliegen nicht nach Norwegen.“

„Dann nach Island? Oder vielleicht Sibirien?“ Gequält verzog Lily das Gesicht. Der Dezember war in diesem Jahr in England besonders kalt gewesen. Auch wenn sie annahm, dass in Rom nicht mehr als zehn Grad wären, wäre es dort zumindest um einiges wärmer als im verschneiten London.

„Auch dort fliegen Sie nicht hin. Sie stehen immer noch auf der Liste für den Flug nach Rom.“

„Da bin ich ja erleichtert!“ Lily runzelte die Stirn. „Hören Sie, mir ist durchaus bewusst, dass ich mit meinem zerzausten Aussehen wie ein Landei wirken muss, aber ich brauche wirklich keine Hilfe. Es ist nur so, dass ich heute zum ersten Mal fliege, und offenbar lässt meine Organisation ziemlich zu wünschen übrig.“

Die Flugbegleiterin biss sich auf die Lippe, offenbar um ein Lachen zu unterdrücken. „Deshalb habe ich ja auch vor, für Sie einzuchecken.“

„Ehe Sie mich zur VIP-Lounge bringen?“, wiederholte Lily langsam.

„Ja. Wenn Sie mir bitte einfach folgen wollen …?“

Doch Lily blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Ich glaube, es liegt eine Verwechslung vor. Ja, ich bin tatsächlich Giselle Barton. Und ich habe einen Flug nach Rom gebucht. Aber in der Economyclass …“

„Jetzt nicht mehr“, versicherte die andere Frau knapp. „Graf Scarletti hat heute Morgen persönlich bei der Airline angerufen und einen Platz in der ersten Klasse für Sie gebucht. Außerdem hat er angeordnet, dass man sich persönlich um Sie kümmern soll – vor und während des Flugs.“

Graf Scarletti?

Graf Dmitri Scarletti?

Etwa der vermögende, einflussreiche Mann mit russischen und italienischen Vorfahren, für den Felix zurzeit in Rom arbeitete? Nun ja, zwei würde es sicher nicht davon geben. Also musste er es sein!

„Am Flughafen Leonardo da Vinci steht dann ein Wagen für Sie bereit“, fügte die Frau mit neidvollem Blick hinzu.

Felix sollte sie doch in Rom am Flughafen abholen …

Aber vielleicht brauchte Graf Scarletti ihren Bruder heute in seinem Büro, sodass dieser Lily nicht wie vereinbart abholen konnte. Vielleicht hatte der Graf deshalb für sie umgeplant?

Felix würde ihr zweifellos alles erklären, sobald sie in seinem Apartment angekommen war, das er in Rom gemietet hatte …

Als Lily einige Stunden später am Flughafen Leonardo da Vinci ausstieg, war sie ganz benommen von all der Fürsorge vor und während des Flugs.

Sonia, so hieß die Flugbegleiterin, hatte pflichtbewusst ihren Koffer aufgegeben, ehe sie sie zu der VIP-Lounge geführt hatte – obwohl Lily trotz Umbuchung nicht zu den VIPs gehörte.

Dort war sie von weiteren Angestellten mit Essen und Getränken versorgt worden, ehe man sie kurz vor dem Abflug persönlich in die Maschine begleitet hatte – zu ihrem Sitz in der ersten Klasse, wo ihr kein übergewichtiger Geschäftsmann die Sicht versperrte. Man hatte ihr Champagner und Kanapees gereicht, bis sie beim besten Willen nichts mehr hinunterbekommen konnte. Nach dem dritten Glas Champagner war sie schließlich eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, als das Flugzeug landete.

Falls sie angenommen hatte, dass dieser persönliche, ihr etwas peinliche Service ein Ende hatte, sobald sie erst einmal ausgestiegen war, dann hatte sie sich geirrt. Kaum hatte sie die Ankunftshalle betreten, entdeckte sie ein Schild mit ihrem Namen, das ein großer, muskulöser Mann in Chauffeuruniform hochhielt – wobei dieser Mann eher wie ein Bodyguard aussah.

Nachdem er sich als Marco vorgestellt und überprüft hatte, dass sie tatsächlich Giselle Barton war, hob er ihren schweren Koffer hoch, als wäre dieser leicht wie eine Feder. Dann trug er ihn nach draußen zu der Limousine, die im Halteverbot parkte. Lily blieb also nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Ihre Versuche, ihm in schlechtem Italienisch Fragen zu stellen, scheiterten kläglich. Erst als sie Felix’ Namen und den des Grafen Scarletti erwähnte, erhielt sie ein knappes „Sì“ als Antwort. Mehr sagte er nicht, während er sich versicherte, dass sie hinten in der Limousine bequem saß. Dann schloss er entschieden die Tür und verfrachtete ihr Gepäck in dem geräumigen Kofferraum.

All das wurde von Dutzenden Paaren neugieriger Augen beobachtet, während die Menschen sich offenbar fragten, ob die Frau mit dem langen, silberblonden Haar, den abgetragenen Jeans und der dicken Jacke wohl irgendeine Berühmtheit war – die ihre Kleidung offensichtlich in einem Secondhandladen kaufte.

Als Marco endlich hinter das Steuer der langen schwarzen Limousine schlüpfte und sich wenig später in den Verkehr einreihte, war Lily vor Verlegenheit errötet. Die gläserne Trennscheibe zwischen Vorder- und Rücksitzen vereitelte obendrein jeden weiteren Versuch, Fragen zu stellen.

Da ihr nichts anderes übrig blieb, lehnte Lily sich in ihrem Ledersitz zurück und genoss die Aussicht, als sie ins Zentrum der Stadt fuhren.

Mit der Temperatur hatte sie richtig gelegen. Es war zwar nicht unbedingt T-Shirt-Wetter, aber bestimmt um die zehn Grad wärmer als in England. Und von Schnee war weit und breit nichts zu sehen. Obendrein schien die Sonne und ließ alles in hellerem, wärmerem Licht erstrahlen. Lily war begeistert von Rom. Von den vielen Autos allerdings weniger. Mehr als einmal wäre Marco um Haaresbreite mit einem anderen Wagen zusammengestoßen, doch in seiner stoischen Ruhe achtete er nicht auf die wild gestikulierenden Fahrer.

Es schien ihr, als würde an jeder Straßenecke ein imposantes Museum, eine Statue, ein Brunnen oder eine Krippenszene stehen – wobei es schließlich auch bald Weihnachten war. Viele der Straßencafés waren geöffnet – auch wenn die Kunden Mantel und Schal trugen, um sich warm zu halten.

Kein Wunder, dass Felix sich in diese Stadt verliebt hatte. Und offenbar nicht nur in die Stadt. Vor einigen Wochen hatte er ihr mitgeteilt, dass er sich mit einer jungen Italienerin namens Dee traf, die er ihr so bald wie möglich vorstellen wollte.

Rom war offenbar eine Stadt, in der man sich schnell verliebte …

Verwirrt runzelte Lily die Stirn, als Marco etwa eine halbe Stunde später nicht vor einem Apartmentkomplex hielt, sondern vor einem imposanten Tor aus massivem Holz, das mindestens viereinhalb Meter hoch und in eine Mauer eingelassen war.

Automatisch ging es wieder zu, nachdem er es passiert hatte, wenig später aus dem Wagen stieg und ihr die hintere Tür aufhielt.

Trotz des geschäftigen Lärms in der Stadt war es hinter diesen Mauern seltsam still, wie Lily merkte, als sie in dem schattigen Innenhof ausstieg. Richtiggehend gespenstisch.

Lily zog die Jacke fester um sich und wandte sich an den Chauffeur. „Mi scusi, signor – parla inglese?“

„No“, antwortete er knapp. Dann trat er an den Kofferraum, um ihr Gepäck herauszunehmen.

Gesprächig ist er nicht gerade, dachte sie bedauernd. Eine große Hilfe war er ihr also nicht.

Ihr wurde bewusst, dass die ganze Aufmerksamkeit, die man ihr am Londoner Flughafen und während des Flugs geschenkt hatte, ihr ein falsches Gefühl der Sicherheit gegeben hatten. Denn tatsächlich hatte sie den Flughafen Leonardo da Vinci mit einem Mann verlassen, den sie eigentlich gar nicht kannte und von dem sie gerade einmal seinen Vornamen wusste. Und nicht Marco hatte Felix erwähnt und den Namen des Grafen, sondern sie selbst. Obendrein hatte er sie zu einem Gebäude gebracht, das aussah, als wäre es einmal ein Palast gewesen. Aber es könnte sich ebenso gut um ein Bordell handeln, wenn auch ein teures und exklusives.

Lily dachte an die Artikel, die sie in den letzten Jahren in verschiedenen Zeitungen gelesen hatte. Es ging darum, dass blonde, blauäugige Frauen lukrativ verkauft wurden. Frauen, die scheinbar spurlos verschwunden waren. Dabei hatte man sie irgendwo eingesperrt, um ihre Körper so lange zu benutzen und zu missbrauchen, bis sie nicht mehr jung genug waren, um die Aufmerksamkeit der reichen Kunden erregen zu können. Entweder entledigte man sich ihrer dann, oder sie wurden in ein anderes Bordell verschleppt, wo die Kunden nicht so wählerisch waren.

Sie war wirklich ein Landei! Man sollte sie nicht allein auf die Straße lassen. Und ihr ganz sicher nicht erlauben, allein nach Rom zu fliegen …

Nun doch ein wenig verängstigt, drehte sie sich zu dem Chauffeur um, der ihren Koffer auf dem mit Kopfsteinen gepflasterten Innenhof abstellte. „Signor, ich muss wirklich …“

„Das ist alles, danke, Marco.“

Einen Moment lang war Lily wie erstarrt, und ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie die raue, autoritäre Stimme hörte. Schließlich drehte sie sich um und sah zu dem Balkon im ersten Stock hoch. Ihr stockte der Atem, als sie den Mann entdeckte, der dort oben im Schatten stand und zu ihnen herunterblickte. Sie konnte seine Züge nicht ausmachen, sah aber selbst aus diesem Abstand, dass er groß war und eine ungezügelte Kraft ausstrahlte.

Handelte es sich vielleicht um den Bordellbesitzer?

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich im Stillen. Natürlich stimmte das nicht, weil dies kein Bordell war. Sicherlich gab es eine vernünftige Erklärung dafür, dass man sie hierher gebracht hatte. Die ihr der Mann oben auf dem Balkon sicher geben konnte, da er in perfektem Englisch gesprochen hatte, das nur einen leichten Akzent verriet.

Lily drehte sich wieder um, weil sie Marco für seine Hilfe danken wollte – und stellte erschrocken fest, dass er bereits im Haus verschwunden war, während sie wie gebannt zum Balkon hochstarrte.

Ob das Absicht gewesen war? Hatte man sie ablenken wollen, damit Marco ungesehen verschwinden konnte und sie dem anderen Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?

Wieder sah sie hoch, diesmal wütend. Verdammt, sie war sechsundzwanzig Jahre alt, britische Staatsbürgerin und Lehrerin mit einem kleinen Apartment in London! Da würde sie sich ganz sicher nicht von einem Mann einschüchtern lassen, der ihr noch nicht einmal sein Gesicht zeigte.

„Ach du meine Güte!“, stieß Lily leise hervor. Der Mann schien ihre wirren Gedanken erraten zu haben, denn plötzlich trat er an die Balustrade und sah zur ihr herunter.

Sie hatte recht gehabt. Er war mindestens einen Kopf größer als sie. Und selbst in dem teuren Designeranzug, dem schneeweißen Hemd und der sorgfältig gebundenen grauen Seidenkrawatte verströmte er eine ungezügelte Kraft. Er hatte breite Schultern, schmale Hüften und lange Beine.

Doch es waren sein südländisch geschnittenes Gesicht und sein mitternachtsschwarzes Haar, die Lily faszinierten. Er hatte einen dunklen Teint, helle Augen, eine gerade Nase, ein ausgeprägtes Kinn und wohlgeformte Lippen. Er lächelte nicht, vielmehr wirkte sein perfekt geschnittenes Gesicht arrogant.

Er sah aus, als wäre er einer ihrer verrückten Fantasien entsprungen – ein Mann, wie ihn sich jede Frau wünschte.

Er hob eine perfekt geschwungene schwarze Braue, und ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen, als er auf ihren atemlosen Ausruf von eben reagierte. „Ich fürchte, so weit bin ich noch nicht, Miss Barton.“

Der Mann kannte ihren Namen! „Und ich fürchte, Sie sind mir gegenüber im Vorteil, Signor.“

Er nickte knapp, ehe er zu der Treppe ging, die vom Balkon in den Innenhof hinunterführte. „Wenn Sie einen Moment warten – ich komme herunter, dann stelle ich mich Ihnen vor …“

„Nein!“

Abrupt blieb er oben an der Treppe stehen. „Nein?“

„Nein.“ Lily ließ sich nicht beirren. Sie straffte die Schultern. Herausfordernd sah er sie an, aber sie wollte sich nicht von ihm einschüchtern lassen. „Sie können mir auch von dort oben sagen, wer und was Sie genau sind.“

„Wer und was ich genau bin?“, wiederholte er in sanftem, aber ein wenig drohendem Ton.

„Genau.“ Lily nickte.

Der Mann legte den Kopf schräg, während er sie gnadenlos von dem silberblonden Schopf bis zu den engen Stiefeln musterte. Er wirkte ein wenig amüsiert, als sein Blick zurück zu ihrem Gesicht glitt, das nun leicht gerötet war. „Was glauben Sie denn, wer ich bin?“, meinte er langsam.

Sie war froh, dass er nicht mitbekam, wie schnell ihr Herz klopfte. „Wenn ich das wüsste, müsste ich ja nicht fragen.“

Der Mann schien völlig entspannt, wie er dort oben an der Treppe stand. „Lassen Sie mich mal überlegen … Am Flughafen sind Sie zu einem Mann ins Auto gestiegen, der Ihnen unbekannt ist, und haben ihm gestattet, Sie irgendwohin zu fahren, obwohl Sie das Ziel nicht kannten. Und all das haben Sie zugelassen, ohne die geringste Ahnung zu haben, wer oder was Sie am Ende dieser Reise erwartet?“ Seine hellen Augen funkelten nun verächtlich.

Lily spürte, wie ihr die Wangen brannten. Ihr war schon bewusst geworden, was sie getan hatte. Da konnte sie es nicht gebrauchen, wenn ein arroganter und gefährlich attraktiver Italiener – mit Betonung auf „gefährlich“ – es ihr unter die Nase rieb.

Finster sah sie ihn an. „Ich dachte, der Fahrer würde mich zum Apartment meines Bruders bringen. Offensichtlich hätte ich ein bisschen vorsichtiger sein sollen …“

„Ein bisschen?“, wiederholte er missbilligend. „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie haben sich extrem naiv verhalten.“

„Doch, ich nehme es Ihnen übel.“ Sie funkelte ihn verärgert an. „Und falls Sie auf den Gedanken gekommen sein sollten, von meiner Familie Lösegeld zu fordern, ehe Sie mich freilassen, kann ich Ihnen nur sagen, dass mein Bruder – als einzig noch lebender Verwandter – genauso arm ist wie ich.“

„Ach ja?“ Seine Miene hatte nun etwas Hartes, Einschüchterndes.

„Ja“, erwiderte Lily zufrieden. „Und jetzt sagen Sie mir, wer Sie sind und was Sie wollen.“

Ungläubig schüttelte der Mann den Kopf. „Sie haben wirklich keine Ahnung, oder?“

„Eins weiß ich – dass Ihre Verzögerungstaktik mich allmählich durcheinanderbringt.“ Sie presste die Fingerspitzen in die Handflächen. „Ich weiß auch, dass ich die feste Absicht habe, zur Polizei zu gehen und von diesem Vorfall zu berichten, sobald ich freigelassen werde.“

Erstaunt zog er die Brauen hoch. „Dann wäre es wohl kaum in meinem Interesse, Sie freizulassen, stimmt’s?“

Was ihr selbst bewusst geworden war, kaum dass sie die Worte ausgesprochen hatte. „Es ist wohl verständlich, wenn ich wissen will, wer Sie sind und warum ich hier bin.“

„Das ist es“, gab er langsam zurück. „Ich bin Graf Dmitri Scarletti, Miss Barton.“ Seine Haare schimmerten blauschwarz, als er sich leicht verbeugte. „Und Sie stehen zur Zeit im Innenhof des Palastes der Scarlettis.“

Oh.

Der Arbeitgeber ihres Bruders.

Der Mann, der angeordnet hatte, dass man sich bis zu ihrer Ankunft hier um sie kümmerte.

Und sie hatte es ihm gerade damit zurückgezahlt, dass sie ihn bezichtigte, sie entführt zu haben und gefangen halten zu wollen!

2. KAPITEL

Unter anderen Umständen hätte Dmitri sich vielleicht über Giselle Bartons entsetzten Gesichtsausdruck amüsiert, als sie seine Worte verarbeitete. Doch im Moment konnte er nichts Amüsantes an dem finden, was irgendein Mitglied der Familie Barton sagte oder tat. Selbst eines, das so unerwartet hübsch war wie Giselle …

Unverwandt betrachtete er sie, als er die Treppe hinunterging. Noch nie hatte er Haare in dieser Farbe gesehen, die so seidig waren und von solcher Fülle, das man als Mann versucht war, die Finger hindurchgleiten zu lassen …

Ihre Augen hatten die Farbe eines klaren Sommertags, auch wenn ihr Blick im Moment aufgewühlt wirkte. Die Nase war klein und gerade über einem perfekt geschwungenen Mund, der dazu geschaffen schien, geküsst zu werden. Das schmale Kinn hingegen hatte sie nun trotzig gehoben, während Giselle ihn stirnrunzelnd ansah.

Ihre Figur konnte er unter der unförmigen Jacke, die sie über einem blauen Pullover trug, nicht genau ausmachen.

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