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Gefangen im Packeis

Christa-Maria Zimmermann

Gefangen
im Packeis

Die abenteuerliche Fahrt der
Endurance

Auf der Empfehlungsliste zum
Friedrich-Gerstäcker-Preis für Literatur 2001
und der Auswahlliste zum
Evangelischen Buchpreis 2002

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Weitere Bücher in dieser Ausstattung im Arena-Taschenbuch:
Harald Parigger: Der Dieb von Rom (Band 50663)
Rainer M. Schröder: Das Geheimnis des Kartenmachers (Band 50664)

Weitere Titel der Autorin im Arena-Taschenbuch:
Hundert Tage bis Lhasa (Band 50255)
Die Straße zwischen den Welten (Band 2996)

Das gleichnamige Hörspiel ist im Handel erhältlich.

 

 

 

 

 

Christa-Maria Zimmermann,
geboren in Wels/Österreich, aufgewachsen in Düsseldorf,
studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Wien und arbeitete
als Redakteurin bei einer Düsseldorfer Zeitung. Seit einigen Jahren
arbeitet sie als freie Autorin und wurde vor allem durch ihre
historischen Kriminalromane für Erwachsene und durch ihre
historischen Kinder- und Jugendbücher bekannt.

In „Gefangen im Packeis“ lebt eines der packendsten Entdeckerabenteuer
neu auf. Es schlägt selbst den wenig abenteuerinteressierten Leser in
seinen Bann.
Süddeutsche Zeitung

Inhaltsverzeichnis

Personenverzeichnis

Oktober/November 1914

Januar 1915

Februar 1915

März 1915

April 1915

Mai 1915

Juni bis Oktober 1915

Oktober 1915

November/Dezember 1915

Januar bis März 1916

April 1916

Noch immer April 1916

Juni bis August 1916

August 1916

Nachwort

Personenverzeichnis

Sir Ernest Shackleton Leiter
Frank Wild Stellvertreter (Chief)
Frank Worsley Kapitän (Skipper)
Lionel Greenstreet Erster Offizier
Humberth Hudson Navigationsoffizier
Thomas Crean Zweiter Offizier
Alfred Cheetham Dritter Offizier
Louis Rickenson Erster Maschinist
A.J.Kerr Zweiter Maschinist
Dr. Alexander Macklin Schiffsarzt
Dr. James McIllroy Schiffsarzt
James Wordie Geologe
Leonard Hussey Meteorologe
Reginald James Physiker
Robert Clark Biologe
Frank Hurley Fotograf
George Marston Künstler
Thomas Orde-Lees Ingenieur (Proviantmeister)
Harry Mc Neish (Chippy) Schiffszimmermann
Charles Green Koch
Walter How Vollmatrose
William Bakewell Vollmatrose
Timothy McCarthy Vollmatrose
Thomas McLeod Vollmatrose
John Vincent Vollmatrose
Ernest Holness Heizer
William Stevenson Heizer
Peter Blackborrow (Blacky) Steward

Oktober/November 1914

Ich hockte in dem engen Spind, mit Krämpfen in den Beinen von der Bewegungslosigkeit, und kämpfte gegen die Übelkeit. Das bisschen Tee, das Billy mir heute Morgen in die Kajüte geschmuggelt hatte, wollte wieder heraus, ich spürte es schon fast in der Kehle sitzen. Ich hatte seit gestern keinen Krümel gegessen, denn ich wusste, dass ich am ersten Tag an Bord immer seekrank wurde, bis der Körper sich an die Bewegungen des Schiffes gewöhnt hatte. Und die waren heftig, denn die Endurance, die ja mit Packeis fertig werden sollte, hatte einen speziell geformten Rumpf, der die Wellen besonders stark spüren ließ. Auf und ab, auf und ab – mein Magen schlug einen Purzelbaum.

Die stickige Luft in dem Spind und der Geruch des Ölzeugs, unter dem Billy mich versteckt hatte, verstärkten die Übelkeit noch. Kalter Schweiß überzog mein Gesicht und meinen ganzen Körper. Meine Zähne klapperten. Ich drückte die Spindtür auf und ließ mich auf den Boden gleiten. Schließlich konnte ich mich nicht auf Billys Sachen übergeben. Wie immer, wenn ich seekrank war, fragte ich mich, warum ich vor zwei Jahren von zu Hause ausgerissen war und auf einem Schiff angeheuert hatte. Ich hatte Abenteuer erleben wollen, aber nicht sterbenselend in der Ecke liegen.

Die Kajütentür wurde aufgerissen, jemand schrie: »Befehl vom Ersten: Alle Mann –«

Die Stimme brach ab, jemand schnappte nach Luft, dann wurde die Türe zugeschlagen und Schritte klapperten die Treppe hoch und übers Deck. Ich stöhnte. Was war schlimmer? Meine Entdeckung oder die Übelkeit? Ob wir wohl weit genug vom Land entfernt waren? Den Hafen von Buenos Aires hatten wir gestern verlassen, aber gab es da nicht noch ein paar vorgelagerte Inseln? Jedenfalls war es jetzt zu spät, darüber nachzugrübeln. Die Tür ging wieder auf, eine Hand packte mich am Kragen und stellte mich auf die Füße.

»Marsch zum Boss mit dir!«

Ich schielte nach hinten. Die Hand und die Stimme gehörten Frank Wild, dem Stellvertreter von Sir Ernest Shackleton. Ich hatte noch nie einen Offizier gesehen, der derartig ruhig und höflich und freundlich mit seiner Mannschaft umging, sogar mit den einfachen Matrosen. Billy hatte ihn deshalb erst für einen ziemlichen Weichling gehalten, auch weil Wild so schmächtig war und irgendwie hübsch mit dunkelblauen Augen und blonden Haaren, obwohl die schon ziemlich schütter waren und sein Spitzbart auch. Aber ich wusste, dass er mit Shackleton bis auf 100 Meilen an den Südpol vorgestoßen war. Er konnte einen anblicken, dass es einem durch und durch ging, und wenn er einem Mann sagte: »Spring!«, dann sprang der ziemlich schnell.

Während er mich vor sich herschob, als ob ich eine Gummipuppe wäre, sagte er noch: »Hol die drei aus seiner Kabine. Sie müssen davon gewusst haben«, und die trappelnden Schritte entfernten sich wieder.

Ich war froh, dass der Weg übers Deck führte und ich ein paar Augenblicke lang die frische salzige Luft einatmen konnte. Aber dann wurde ich in die Kajüte geschoben, die ich schon von meiner Bewerbung vor fünf Tagen kannte, und Officer Wild meldete: »Blinder Passagier entdeckt.«

Eine volle Minute lang blieb es ganz still. Ich hob den Kopf. Vor dem Tisch unterm Bullauge, der mit Seekarten bedeckt war, standen Sir Ernest Shackleton und Kapitän Worsley und starrten mich an. Dann machte Sir Ernest einen Schritt nach vorn, holte tief Luft – und dann brach ein Donnerwetter los, wie ich es noch nie erlebt hatte, dabei bin ich eine ganze Menge gewöhnt. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern und wagte nicht mehr, den Blick zu heben. Am liebsten wäre ich weggelaufen, aber ich spürte Officer Wild dicht hinter mir. Und außerdem würden alle noch schlechter von mir denken, wenn ich mich wie ein Feigling benahm. Das hier musste einfach durchgestanden werden.

Nach einiger Zeit war ich sogar dankbar für meine Übelkeit, denn ich musste mich derartig anstrengen, meinen Mageninhalt nicht Sir Ernest vor die Füße zu spucken, dass ich auf seine Drohungen nicht mehr achten konnte. Dass die Fische sich freuen würden, einen fetten Brocken wie mich serviert zu kriegen, das hatte ich noch verstanden, und dass ich von Glück sagen könnte, wenn ich auf der nächstbesten Insel ausgesetzt würde. (Dabei bin ich gar nicht fett, bloß ziemlich groß und kräftig für mein Alter, deshalb hatte ich ja auch geschwindelt und behauptet, ich wäre schon 18.) Er drohte mir noch weitere Strafen an, aber ich konnte nicht mehr zuhören, denn der Brechreiz erfasste meinen ganzen Körper. Die Tür ging wieder auf.

»Matrose Bakewell, Matrose How, Matrose McLeod«, verkündete Officer Wild.

»Was habt ihr euch dabei gedacht, ihr Idioten?«, donnerte Sir Ernest. »Am höchsten Mastbaum sollte man euch aufknüpfen, alle vier! Ich werde euch in Ketten legen lassen, bis wir in Südgeorgien sind, und euch von da zurück nach England schicken. Und zwar als Gefangene.«

Er schrie so laut, dass seine Stimme bestimmt auf dem ganzen Schiff zu hören war. Ich fing an zu zittern, obwohl ich das wirklich nicht wollte. Sir Ernest war bei der Marine gewesen, und da herrschten strenge Sitten, das hatte ich schon oft gehört. Captain Scott hatte auf seiner ersten Expedition in die Antarktis tatsächlich einen Mann wegen Ungehorsams in Ketten legen lassen. Und gab es vielleicht die neunschwänzige Katze noch, die zum Auspeitschen verwendet wurde? Himmel, Tod und Teufel! Billy war mein einziger Freund und jetzt brachte ich ihn ins Unglück. Ich presste die Fingernägel in die Handflächen, um den Brechreiz zu unterdrücken, und öffnete den Mund.

»Ich bin ganz allein schuld, Sir. Ich habe mich versteckt. Die anderen können nichts dafür.«

»Wie kannst du es wagen, meinen Befehl zu missachten?« Seine Stimme dröhnte wie ein Nebelhorn. »Ich habe dir gesagt, dass du zu jung bist und dass ich dich nicht an Bord haben will.«

Jawohl, das hatte er. Vor fünf Tagen schon. Ich hatte ihn gleich erkannt, obwohl er älter aussah als auf dem Foto in seinen Büchern. Zwei tiefe Falten liefen von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln, das Gesicht war voller, die Gestalt groß und mächtig. Er hatte mich mit seinen durchdringenden Augen gemustert und gesagt, dass der jüngste Mann an Bord 20 wäre, und drunter wollte er nicht gehen.

Billy hatte er angeheuert und mich nicht. Ich durfte bloß während der Ankerzeit in Buenos Aires als Küchenhilfe und Hundepfleger an Bord bleiben. Dabei hatte ich gar nicht gesagt, dass ich erst 16 war.

»Dies ist keine Vergnügungsfahrt, sondern eine Expedition. Weißt du überhaupt, was das bedeutet?«

»Jawohl, Sir. Ich habe nämlich Ihre Bücher gelesen. ›Im eisigen Süden‹. Und ›Das Herz der Antarktis‹. Dreimal sogar. Und überhaupt alles über Sie. Was in den Zeitungen steht, meine ich.«

Sir Ernest schnaufte ein paar Mal laut. »Ein Bücherwurm! Auch das noch! Und was weißt du?«

Ich schluckte die saure Brühe hinunter, die mir in den Mund gestiegen war. Zur Hölle mit der Übelkeit. Jetzt würde ich reden! »Dass Sie der berühmteste Polarforscher sind. Dass Captain Scott Sie auf seine erste Südpolexpedition mitgenommen hat, von 1902 bis 1904. Dass Sie vor fünf Jahren eine eigene Expedition unternommen haben und so weit gekommen sind wie noch nie ein Mensch vor Ihnen und dass der König Sie deshalb zum Sir gemacht hat. Und vor zwei Jahren ist Captain Scott noch einmal zum Südpol aufgebrochen und hat ihn auch erreicht, aber auf dem Rückmarsch ist er mit seinen Leuten erfroren und der Norweger Amundsen war schon vor ihm da.«

Sir Ernest schnaufte noch einmal. »Wenn uns die Vorräte ausgehen, dann bist du der Erste, der geschlachtet wird, dass du’s nur weißt.«

Ob das ein Scherz sein sollte? Seine Stimme klang nicht lustig. Und bei seiner eigenen Expedition hatte er alle Ponys erschossen.

»Oder wir werfen dich den Eisbären zum Fraß vor!«

Wollte er mir eine Falle stellen und testen, ob ich wirklich seine Bücher gelesen hatte? Ich holte noch einmal Luft. »Es gibt keine Eisbären in der Antarktis, Sir. Eisbären gibt es nur am Nordpol.«

Er musterte mich schweigend. Seine Augen waren wirklich so durchdringend wie Messer. Ich kam mir vor wie ein Kaninchen vor der Schlange. Dann ging ein Zucken um seine Mundwinkel und er drehte den Kopf. »Einen Steward und Küchenjungen könnten wir noch brauchen, Skipper, oder?«

Der Kapitän nickte und blinzelte mir zu. Sollte das etwa heißen . . .?

»Du kriegst drei Pfund im Monat und keinen Penny mehr, verstanden?« Sir Ernests Stimme klang wieder normal. »Und jetzt verschwindet!«

»Aye, aye, Sir«, sagten die drei wie aus einem Munde.

Ich schwankte auf die Reling zu und tat, was ich schon seit mehr als einer halben Stunde tun wollte: Ich spuckte in hohem Bogen den verflixten Tee aus. Endlich! Das tat gut! Ich legte den Kopf auf das Holz, atmete tief ein und aus und fühlte, wie die Übelkeit nachließ und verschwand. Unter mir hob und senkte sich die Dünung des Atlantik. Über mir knatterten die Segel im Wind. Ich ließ die Finger über die glatte Reling gleiten. Davon hatte ich geträumt, so lange ich denken konnte. Ich wollte Abenteuer in fremden Ländern erleben. Und eines Tages hatte ich die düstere Schule in Rhondda und meinen strengen Vater und meine Stiefmutter satt. In der Nacht war ich aus meinem Fenster und über die Gartenmauer geklettert, war von einer Eisenbahnbrücke in einen offenen Kohlewaggon gesprungen und mit ihm bis Newport an der Südküste von Wales gekommen. Dort hatte ich als Schiffsjunge angeheuert.

Seit ich zur See fuhr, war mein Leben richtig aufregend geworden. Aber die Fahrt mit der Endurance würde alles übertreffen. Als ich sie zum ersten Mal betreten hatte, da hatte ich mir geschworen, dass keine Macht der Welt mich mehr von Bord bringen würde. Sir Ernest Shackleton fuhr in die Antarktis und ich sollte nicht dabei sein, weil ich zu jung war? Oh nein!

Ich richtete mich auf und machte mich auf den Weg in die Kombüse. Ich hatte es geschafft! Ich gehörte zur Mannschaft der Endurance! Und die war auf dem Weg zu einem der letzten großen Abenteuer, die auf der Erde noch möglich waren: zur Durchquerung der Antarktis.

Vor den Zwingern mit den Schlittenhunden hockte der Schiffsarzt und bürstete einen löwenköpfigen schwarzen Hund, der wohl hauptsächlich Neufundländer unter seinen Vorfahren gehabt hatte. Neben ihm stand der Zweite Offizier Crean und holte eine zottige, braun-weiß gefleckte Mischung zwischen Labrador und Husky aus dem nächsten Zwinger. Sofort entwand sich der Schwarze dem Griff des Arztes, stürzte sich auf den Gefleckten und packte ihn am Nackenfell. Der jaulte auf und versuchte vergebens, den anderen abzuschütteln.

»Willst du wohl loslassen, du Höllenbrut! Aus, sage ich! Aus!«

Dr. Macklin zerrte an der Leine und schlug dann mit der dicken Lederschlaufe auf den Neufundländer ein, aber der schien die Schläge überhaupt nicht zu spüren – kein Wunder bei dem Fell! Ich hatte mal ein paar Wochen mit Billy als Viehtreiber in Kansas gearbeitet. Die großen Hunde bei den Rinderherden waren auch so zänkische Viecher und nicht mal mit der Peitsche auseinanderzubringen. Aber es gab einen Trick, der immer wirkte. Ich beugte mich vor und versetzte dem Neufundländer einen kräftigen Faustschlag gegen die Nasenspitze. Der Hund ließ seinen Rivalen los und sah verblüfft zur Seite. Diesen Augenblick nützte Dr. Macklin, um ihn in seine Kiste zu bugsieren und anzubinden.

»Guter Trick!«, sagte der Zweite anerkennend. »Du bist der neue Küchenjunge, oder? War nicht zu überhören, dass der Boss dich eben angeheuert hat. Ich werd ihn fragen, ob du mir bei den Hunden helfen kannst, du hast ein Händchen dafür, das hab ich schon in den letzten Tagen gemerkt.«

Nach zehn Tagen ging das Schiff im Hafen der Cumberland-Bucht auf Südgeorgien vor Anker. Die Fenster der kleinen Walfangstation Grytviken blinkten in der Sonne, es gab sogar Geranien hinter den Scheiben. Kinder spielten auf der Straße und rannten zum Kai, als die Endurance anlegte. Das Wasser der Bucht war rot gefärbt, der Strand überschwemmt von öligen Innereien, in der Luft hing der Gestank verwesender Walkadaver.

Als ich am Abend in der Messe bediente, machte Sir Ernest ein unzufriedenes Gesicht und stocherte geistesabwesend in seinem Essen herum. Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er eine Frage des Skippers und dann auch des Chiefs unbeantwortet ließ. Mr Worsley und Mr Wild sahen sich erstaunt an, die anderen hörten auf zu reden. Da erst blickte der Boss auf.

»Die Eisbedingungen in diesem Jahr sind so schlecht wie seit Menschengedenken nicht mehr. Das Packeis erstreckt sich jetzt schon so weit nach Norden wie sonst nicht einmal im tiefsten Winter.« Er schob seinen Teller zur Seite. »Ich habe beschlossen, dass wir noch bleiben, es hat keinen Sinn, bald abzufahren. Es kommen noch ein paar Walfänger zurück in den nächsten Wochen, die wollen wir abwarten, dann haben wir den neuesten Überblick über die Lage.«

»Bist du verrückt?«, schrie das Mädchen. »Hau ab!«

Sie schrie auf Norwegisch, aber die paar Worte konnte ich übersetzen, denn ich hatte mal auf einem norwegischen Fischkutter gearbeitet. Sie schrie noch viel mehr, aber das verstand ich nicht. Es klang aber genauso unfreundlich wie die Frage nach meinem Geisteszustand und die Aufforderung zu verschwinden. Ich musterte sie.

Sie mochte so alt sein wie ich, war aber viel kleiner, was sie nicht hinderte, mir mit den Fäusten vor der Nase herumzufuchteln und mich anzufunkeln wie eine Katze. Ihre Augen waren hellgrün, mit einem fast gelblichen Schimmer, und standen so schräg im Gesicht wie bei Mrs Chippy. Unter der bunt geringelten Strickmütze bauschten sich dunkle Locken bis weit über den Kragen, und weil es schneite und die Flocken darauf liegen geblieben waren, sahen sie ein bisschen aus wie Mrs Chippys gestreiftes Fell. Wie sie da stand mit ihren messingfarbenen Augen und mich anfauchte, hatte sie tatsächlich eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Kater. Wenn der über die Dächer der Zwinger spazierte und die Hunde ihn wütend anbellten, machte er auch so ein Gesicht. Ich musste lachen.

»Du siehst aus wie Mrs Chippy«, sagte ich.

Das machte das Mädchen noch zorniger. »Hau ab, du Idiot«, schrie sie und stampfte mit dem Fuß auf.

Allmählich ging sie mir auf die Nerven. Ich bin keine Schönheit, das weiß ich auch. Meine Augen sind ziemlich schmal und meine Nase ist zu breit und mein Mund zu groß. Vielleicht könnte man meine Haare kastanienbraun nennen, doch eigentlich sind sie dunkelrot. Aber das war ja kein Grund, mich so zu behandeln.

»Warum sollte ich?«, fragte ich patzig. »Die Hunde haben einen Monat keinen Auslauf gehabt und brauchen Bewegung, du komischer Zwerg.« Das verstand sie ja nicht.

»Siehst du denn nicht, dass hier ein Friedhof ist, du unverschämter Trottel?« Diesmal sprach sie englisch.

Ich blickte mich um. Ich hatte fünf Hunde bei mir, die sich aufgeführt hatten wie toll, als ich sie oberhalb von Grytviken von der Leine gelassen hatte. Die Endurance ankerte schon seit mehr als zwei Wochen in der Cumberland-Bucht und ich hatte mein Gespann jeden Tag ausgeführt, aber die Hunde machten immer noch ein Theater, als ob es das erste Mal wäre. Ich hatte sie schließlich wieder anleinen und von einem Walkadaver wegzerren müssen, über den sie kläffend und schwanzwedelnd hergefallen waren. Sie waren zwar robust, aber faules Fleisch war bestimmt nicht die richtige Nahrung. Danach waren sie hin und her geschossen und hatten sich im Schnee gewälzt, die Leinen hatten sich verheddert und ich war froh, als sie endlich alle in eine Richtung zogen und dann wild im Boden scharrten.

Ich hatte mich nicht weiter darum gekümmert, was sie so interessierte, denn auf einmal war das Mädchen aufgetaucht. Aber jetzt sah ich, dass sich flache Hügel unter dem Schnee abzeichneten und dass am Ende der Hügel Kreuze standen. Herrje, das waren Gräber! Die Hunde waren dabei, die Überreste von irgendwelchen alten Walfängern auszubuddeln! Guckte da nicht schon ein Knochen aus dem Schnee? Himmel, das war Leichenschändung! Ich riss an den Leinen. Die fünf jaulten empört und stemmten sich mit den Füßen in den Boden. Es gab einen Ruck und ich landete im Schnee. Wütend rappelte ich mich hoch und zog die Peitsche aus dem Gürtel.

»Ihr Satansbraten!«, schrie ich. »Ich breche euch alle Knochen im Leib, ihr tückischen Biester!«

Ich wusste, dass sie die Schläge kaum spürten, ihr Fell war zu dick, aber wenn sie die Peitsche sahen, begriffen sie, dass sie gehorchen mussten. Das Mädchen prustete vor Lachen, was mich noch wütender machte. Die Hunde zogen die Schwänze ein und kamen hinter mir her. Ich wischte mir den Schnee vom Gesicht. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass das Mädchen sich bückte und mit ihren Fellhandschuhen die Erde in das Loch schob und glatt klopfte. Ich blieb stehen.

»Tut mir leid. Das müsste eigentlich ich machen. Aber ich kann die fünf nicht loslassen, sonst fangen sie gleich wieder an zu buddeln.«

»Schon gut. Es ist ja nicht viel passiert. Du hättest sie besser erziehen sollen. Hunde müssen auch ohne Peitsche gehorchen.«

»Das sind keine normalen Hunde, sondern kanadische Schlittenhunde. Halbe Wölfe.«

»Meinst du, die lassen sich gerne prügeln?«

»Sie spüren es gar nicht. Pass auf.«

Ich ließ die Peitsche über die Rücken der Hunde pfeifen. Sie wandten nicht einmal den Kopf.

»Hm. Und wer ist Mrs Chippy?«

Verflixt! Woher hätte ich wissen sollen, dass die Kleine so gut Englisch sprach? Oder eher Amerikanisch. Hatte ich sie eigentlich beschimpft? Ich druckste herum, aber mir fiel keine Ausrede ein.

»Nun ja – die Schiffskatze. Sie heißt Mrs Chippy, weil sie dem Schiffszimmermann gehört. Und sie ist ein Kater.«

War sie jetzt beleidigt? Nein, sie ging weiter neben mir her und schüttelte die Erde von ihren Handschuhen.

»Meine Mutter sagt immer, ich bin so kratzbürstig wie eine Katze.« Sie sah mich an und grinste. Ihre Augen waren nicht mehr messingfarben wie eben, als sie wütend war, sondern grün wie Glas. Ihre Nase war gesprenkelt von Sommersprossen. Sie trug eine dicke dunkle Jacke, einen weiten dunklen Rock, der am Saum mit einer bunten Bordüre verziert war, und klobige Stiefel.

»Ich heiße Mo-ling. Das klingt chinesisch, ich weiß, aber es ist bloß eine Zusammensetzung von Molly und Ingrid. Meine Mutter ist Amerikanerin und mein Vater Norweger und sie wollten jeder einen Namen für mich aussuchen. Und wie heißt du?«

»Peter. Äh – wohnst du hier?« Was für eine blöde Frage! Wo sollte sie sonst wohnen? Ganz offensichtlich gab es außer der Walfangstation nur Felsen und Gletscher an dieser Bucht. Warum fiel mir nichts Gescheiteres ein?

»Nein, ich bin nur zu Besuch bei meiner Tante. Wir wohnen in Stromness, mein Vater ist da Leiter der Walfangstation.«

Sie hob die Hand und zeigte über die Berge. Also doch keine blöde Frage. Ob es da auch so nach Fisch stank wie hier? Ich biss mir auf die Lippen. Das würde ich bestimmt nicht fragen!

»Ich bin Steward auf der Endurance.« Steward klang entschieden besser als Küchenjunge und schließlich bediente ich ja bei Tisch. »Wir sind auf dem Weg in die Antarktis.«

»Ich weiß. Die ganze Station spricht von nichts anderem. Alle meinen, ihr solltet bis zum nächsten Jahr warten.«

»Ich glaube nicht, dass das geht. In Europa ist nämlich Krieg. Wenn wir zurückfahren, kommen wir nicht mehr weg.«

»Dann müsst ihr eben hier warten. Oder auf den Falklandinseln.«

»Aber das wird viel zu teuer.«

Ich wollte nicht davon reden, dass schon jetzt das Geld knapp war, dass Mr Wordie in Buenos Aires die Kohlen bezahlt hatte und der Kapitän sich erboten hatte, vorläufig die Rechnung für den Proviant zu begleichen, den wir in Grytviken an Bord nehmen wollten. Und dass der kanadische Hundeführer in letzter Minute abgesagt hatte, weil Sir Ernest keine Versicherung für ihn zahlen wollte. Und ein großes Funkgerät, mit dem man Botschaften durch die Luft schicken konnte, war auch zu teuer gewesen, wir hatten nur ein winzig kleines. Man schnappte eine Menge auf, wenn man Steward war.

»Warum wollt ihr überhaupt in die Antarktis? Sie ist doch bloß eine Wüste, eine tote Eiswüste, in der kein Mensch leben kann.«

»Aber sie ist noch nicht erforscht. Man weiß fast gar nichts über sie. Sir Shackleton will sie erforschen.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Zu was soll das gut sein?«

»Es ist ein Abenteuer. Es ist das größte Abenteuer, das man sich denken kann.« Ich suchte nach Worten. »Ein ganzer Kontinent, ohne Eingeborene, vielleicht sogar ohne Tiere, und zum ersten Mal wird er durchquert. Zum ersten Mal setzen Menschen ihren Fuß auf Stellen, die seit der Erschaffung der Welt unberührt waren.«

Sie machte ein paar Schritte von mir weg und hüpfte durch den frisch gefallenen Schnee. »Ja und? Ich bin auch die Erste, die diesen Schnee betritt.«

Typisch Mädchen, dachte ich. Sie hatten keine Ahnung. Ich selbst konnte mir genau vorstellen, wie Sir Ernest darauf brannte, etwas zu bewältigen, was als undurchführbar galt. Aber Mädchen konnten einfach nicht begreifen, was das Unerforschte, das Unbekannte bedeutete. Es war eine Verlockung. Es ließ einen nicht in Ruhe. Man wollte es bezwingen, und wenn man das Leben dafür wagen musste. Sie sah meinem Gesicht an, was ich von ihrer Antwort hielt, und ihre Augen änderten wieder die Farbe.

»Die Leute sagen, eine Durchquerung der Antarktis ist Selbstmord. Wie kann man nur so dumm sein?«

»Das verstehst du nicht«, sagte ich herablassend.

»Pah! Ich verstehe von der Antarktis mehr als du. Mein Vater ist nämlich Thoralf Sørlle.«

Als sie sah, dass mir der Name nichts sagte, rief sie bloß: »Pah! Du hast ja keine Ahnung«, drehte sich um und lief so schnell den Berg hinunter, dass Schnee und Matsch in die Höhe spritzten. Die Hunde sahen das als eine Aufforderung zu einem Wettrennen an und machten wie auf Kommando einen Satz nach vorn. Ich landete wieder auf dem Bauch und wurde ein Stück mitgeschleift, was entschieden unangenehmer war als eben, denn der Weg war übersät mit Pfützen und Schlammlöchern. Diesmal schrie ich nicht, ich wollte nicht, dass Mo-ling sich umdrehte und mich in meiner peinlichen Lage sah.

Bis die Hunde begriffen, dass sie stehen bleiben sollten, sah ich aus, als ob ich ein Moorbad genommen hätte. Mo-ling war in einem der Häuser verschwunden. Blöder Name! Klang wirklich chinesisch. Warum gab sich jemand, der in Südgeorgien wohnte, einen chinesischen Namen? Sie hatte mich einfach stehen lassen! Ich warf den Hunden alle Flüche an den Kopf, die ich von Mr Hurley gelernt hatte, und kündigte ihnen an, dass ab sofort eine eiserne Erziehung beginnen würde. Ich würde sie nur noch einzeln an Land bringen und sie so lange trainieren, bis sie aufs Wort gehorchten. Die fünf wedelten so begeistert, als ob ich ihnen einen Extraknochen versprochen hätte.

Ein paar Tage später, als ich beim Abendessen die Suppe in die Teller füllte, sagte der Boss zufrieden: »Es ist gut, dass wir so lange gewartet haben. Ich habe heute mit Thoralf Sørlle gesprochen. Er gilt als der beste Harpunier der norwegischen Flotte und er kennt das Weddellmeer wie seine Westentasche. Er hat mir angeboten, dass wir unsere Karten vergleichen. Und er glaubt, dass es eine Möglichkeit gibt, das Packeis zu umgehen und eine Route zur Vahsel-Bucht zu finden.«

Ich hätte beinahe die Kelle in die Suppe fallen lassen. Das war Mo-lings Vater. Und der Boss sprach mit Hochachtung von ihm. Kein Wunder, dass sie jemanden, der ihn nicht kannte, für dumm hielt. Ich hatte in den vergangenen Tagen jeden einzelnen Hund durch die Station geführt – sie mussten ja lernen, bei Fuß zu gehen, ohne sich von Fremden ablenken zu lassen – und hatte mir die Augen nach Mo-ling ausgeschaut, aber ich hatte kein einziges Mädchen mit Katzenaugen und dunklen Locken gesehen. Es gab ohnehin nur wenige und die waren blond und blauäugig.

Aber in der folgenden Woche ergab sich eine Möglichkeit. Ich war sehr spät auf die Endurance zurückgekommen, zusammen mit Ingenieur Orde-Lees, der eine Bergtour unternommen hatte. Während ich den Hund in den Käfig sperrte, zogen die anderen den Ingenieur damit auf, dass er das bedeutendste Ereignis unseres Aufenthaltes verpassen würde, nämlich das Kostümfest, zu dem Mr Sørlle die ganze Station und die Besatzung der Endurance eingeladen hatte.

»Wieso verpassen? Für einen kultivierten Menschen ist Einfallsreichtum und Entschlossenheit selbstverständlich. Ich brauche einen Topf, der auf meinen Kopf passt, Junge, und das größte Messer der Kombüse. Und zwar schnell.«

Mr Orde-Lees war sehr stolz auf seine Erziehung in einer vornehmen Privatschule und behandelte alle ziemlich hochnäsig, nur um den Boss scharwenzelte er herum wie ein Kammerdiener. Mich nannte er immer noch Junge, als ob es sich nicht lohnte, sich meinen Namen zu merken.

In einer Viertelstunde hatte er sich mithilfe eines Topfes, den er mit einem Gürtel um Kinn und Hals auf seinem Kopf befestigt hatte, und eines bodenlangen, schillernden Regenmantels, um den er das Messer als Schwert gegürtet hatte, in einen ziemlich lächerlichen Ritter verwandelt. Ein Ritter trug doch keinen Spitzbart, oder?

»Sie sehen toll aus, Sir.« Ich wollte ihn freundlich stimmen. »Ich würde – könnte ich wohl auch mitgehen?«

Mr Orde-Lees lächelte geschmeichelt. »Von mir aus. Die Gesellschaft wird ohnehin sehr gemischt sein. Am Ende der Welt kann man sich seine Bekannten schließlich nicht aussuchen. Aber du musst dich beeilen.«

Eingebildeter Kerl! Ich überhörte die Beleidigung und rannte in die Kombüse, wo ich mir Haare und Gesicht mit Mehl einpuderte, in einen leeren Sack stieg und den fassungslosen Green bat, diesen ebenfalls mit Mehl einzustäuben und um meinen Hals zuzubinden. Wenig später waren wir als Ritter und Mehlsack auf dem Weg zum Fest. Suchen mussten wir nicht, denn es gab nur ein Haus in dem kleinen Ort, in dem jedes Fenster erleuchtet war. Schon vor der Tür hörte man Stimmengewirr, Lachen und die Töne einer Ziehharmonika.

Ich hatte Mühe, in meinem Sack die Stufen hoch und über die Schwelle zu kommen. Mr Orde-Lees ging schon durch den Windfang, öffnete die Tür – und blieb stocksteif stehen. Innerhalb weniger Minuten erstarben alle Geräusche. Was mochte das bedeuten? Etwas unsicher humpelte ich weiter und schaute über des Ritters Schulter. Ich sah in ein großes Zimmer, in dem viele Leute dicht gedrängt standen – und diese Leute trugen keine Kostüme. Nicht ein Einziger war kostümiert!

Ich entdeckte den Boss und einige Männer von der Endurance neben einem großen dunkelhaarigen Mann. Und bei ihnen stand Mo-ling. Sie trug eine weiße, bauschige Bluse, darüber eine enge wasserblaue Weste mit Silberknöpfen und einen dunkelblauen, knöchellangen Rock, der weiße Strümpfe und Schuhe mit Silberschnallen sehen ließ. Die dunklen Locken bauschten sich um die Schultern und sie sah so hübsch und niedlich aus wie eine Puppe. Jetzt drehte sie den Kopf und sah zur Tür und biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen.

Ich machte mich ganz klein und wäre am liebsten in den Boden versunken. Ich konnte doch jetzt nicht als Mehlsack vorwärts hoppeln! Unterdrücktes Kichern ertönte, dann Gelächter, aber bevor die Heiterkeit allgemein werden konnte, ging der Mann neben Sir Ernest auf den Ritter zu, streckte die Hand aus und sagte: »Wir freuen uns sehr, dass Sie gekommen sind.«

Im gleichen Augenblick spürte ich eine Hand an meinem Arm und wurde in ein Nebenzimmer gezogen.

»Was hast du dir bloß dabei gedacht?«, fragte Mo-ling streng.

»Auf der Endurance haben sie gesagt, hier wäre ein Kostümfest«, verteidigte ich mich. »Wahrscheinlich wollten sie Mr Orde-Lees reinlegen, der tut immer so vornehm. Und als ich gefragt hab, ob ich auch kommen darf, da konnten sie nichts anderes sagen.«

»Warum wolltest du kommen?«

Ich spürte, dass ich rot wurde, und war froh über die dicke Mehlschicht auf meinem Gesicht. »Ich – ich wollte wissen, ob du noch da bist. Ich hab dich nirgendwo gesehen.«

»Ich hatte zu tun«, sagte Mo-ling knapp. »Hier, nimm das Tuch und die Bürste und versuch, das Zeug runterzukriegen. Aber draußen bitte, hier staubst du alles voll.«

Ich ging vors Haus, schlüpfte aus dem Sack, rubbelte Gesicht und Haare ab und bearbeitete mich mit der Bürste. Mo-ling betrachtete mich kritisch, als ich zurückkam.

»Schon besser. Ich glaube, jetzt wird niemand merken, dass du eben noch ein Mehlsack warst. Ich borge dir ein Tuch, dann siehst du ein bisschen festlicher aus.«

Sie reichte mir ein blau-weiß gestreiftes Tuch. Ich band es um den Hals und betrachtete mich in dem kleinen Spiegel an der Wand. Mein blaues Arbeitshemd wirkte tatsächlich etwas weniger derb. Und der Rest vom Mehlstaub milderte meine Haarfarbe und gab meinem Gesicht eine vornehme Blässe. Mo-ling legte den Kopf auf die Seite.

»Soll ich dir zeigen, was ich gemacht habe? Deine Hunde haben mich auf die Idee gebracht.«

Sie ging zu dem kleinen Tisch unterm Fenster und hielt die Petroleumlampe hoch. Ich trat näher.

»Das hast du gemacht? Donnerwetter!«

Auf dem Tisch lagen in säuberlichen Reihen weiß schimmernde Robben, Albatrosse, Möwen, Wale, Pinguine. Es waren bestimmt mehrere Dutzend, manche kleiner als ein Daumen, andere so groß wie ein Finger oder sogar wie eine Handfläche, einige flach wie ein Brett, andere hoch gewölbt wie ein Apfel.

»Sie sind aus Fischbein, das sind die Knochen von Walfischen. Die meisten Walfänger können so schnitzen. Mein Vater hat mir gezeigt, wie es geht.«

Mo-ling ließ den Schein der Lampe auf eine Holzplatte am Tischrand fallen und ich sah, dass dort keine Meeresbewohner, sondern weiße Hunde lagen, langfellige Hunde mit großen Köpfen und buschigen Schwänzen.

»Sie sind verflixt schwierig. Sie sehen so anders aus als die Hunde hier. Und man soll doch sofort sehen, dass es Schlittenhunde sind.«

»Wenn du willst, komm ich vorbei und sie können dir Modell sitzen. Ich führe sie jetzt einzeln aus. Sie lernen gerade ›bei Fuß‹ und ›Sitz‹.«

»Hm. Das wär vielleicht nicht schlecht. Hör mal, das ist eine Polka. Kannst du tanzen?« Ich schüttelte den Kopf. »Macht nichts, ich zeig dir’s. Es geht ganz leicht.«

Januar 1915

Samson grunzte zufrieden. Ich bürstete ihm mit gleichmäßigen Strichen den Rücken, und zwar so ausdauernd, als gäbe es keine anderen Hunde und keinen Koch und keine Arbeit in der Kombüse. Samson hielt ganz still und grunzte noch einmal. Er hatte nichts dagegen, wenn das Bürsten immer weiter ging. Die beiden Schweine, die wir in Grytviken an Bord genommen hatten, stellten die Ohren auf und quiekten leise. Ich saß neben den Zwingern auf dem Deck, in einer versteckten Ecke, und bewegte mechanisch den Arm hin und her, gebannt vom Anblick hinter der Reling.

Am 5. Dezember hatten wir Grytviken in Hagelschauer und Schneeregen verlassen und schon nach wenigen Tagen das erste Packeis gesichtet. Ich war heilfroh, dass ich nicht den ganzen Tag in der Kombüse hocken musste, sondern oft bei den Hunden auf Deck sein konnte. Ich hätte am liebsten unentwegt das Eis betrachtet. Es war ganz, ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war einfach überwältigend.

Alle paar Stunden wechselte das Bild. Wir fuhren an Eisbergen vorbei, die so groß waren wie Kirchen. Die Wellen klatschten gegen ihre Riffe und spritzten hoch wie die Gischt an Felsenklippen. Die ständige Brandung hatte tiefe Höhlen in die Eiswände gegraben. Sie schimmerten in einem geheimnisvollen Licht, blau und dunkelgrün und türkis. Das Echo des Tosens füllte die Höhlen, sodass sie dröhnten wie riesige Orgeln. Vor ein paar Stunden hatten wir gewaltige Schollen passiert, die wie die Teile eines Riesenpuzzles aussahen, dann einen breiten Streifen geschlossenen Eises, bestimmt einen Meter dick und viele Hundert Meter breit, ich konnte erst am Horizont das dunkle, eisfreie Wasser erkennen.

Die Endurance fuhr vorsichtig an dem Eissaum vorbei, denn mit einer geschlossenen Eisdecke konnte sie es nicht aufnehmen. Sie war zwar durchaus fähig, einzelne Schollen zu zertrümmern, sogar solche von beträchtlicher Größe, das hatte sie in den letzten Tagen oft bewiesen, aber nicht solides Packeis. Alle Segel waren gerefft, damit sie nicht zu schnell wurde und besser zu lenken war, nur die Maschinen liefen und der Schornstein rauchte.

Ich musste die Augen zusammenkneifen, weil das Glitzern der Sonne auf der blanken Oberfläche blendete. Auf dem Eis lagen mächtige Krabbenfresser und fette Weddellrobben, einige schliefen in der Sonne, andere watschelten umher. Kleine Adélie-Pinguine krächzten aufgeregt, als sie uns sahen, warfen sich auf den Bauch, stießen sich mit den Füßen ab und schlitterten neben uns her. Sie wirkten wie junge Hunde, die spielen wollten, und Samson zuckte mit den Pfoten. Er hatte Mühe, sich zu beherrschen und sie nicht kräftig anzubellen. Aber er wollte weiter gebürstet werden und deshalb schloss er die Augen und ignorierte die komischen kleinen Viecher und auch die großen, die nur den Kopf schief legten, als die Endurance vorbeifuhr. Die Königspinguine wirkten tatsächlich königlich, sie bewegten sich gemessen, in weitem Abstand von den anderen, und bewahrten ein würdevolles Schweigen. In der Luft schwebten Albatrosse und Eissturmvögel. Große Seeschwalben zogen ihre Kreise und schossen plötzlich in die offenen Wasserrinnen.

»Da kommen schon wieder neue Fans von Clark!«, rief der Zweite.

Mr Clark grinste nur. Er war Biologe und wollte nach der Expedition ein Buch über die Tierwelt der Antarktis schreiben. Die anderen zogen ihn ständig damit auf, dass die Adélie-Pinguine ihn beim Namen riefen, sobald sie ihn sahen. Sie schrien tatsächlich etwas, was wie Clark! Clark! klang und der Zweite behauptete, dass sie in Scharen erschienen, sobald Clark an Deck war.

Die Endurance fuhr scharf nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links und dann ertönte ein splitterndes Krachen.

»Das ist fantastisch!«, schrie jemand. »Der Balken schwingt rauf und runter und von rechts nach links. Wir brechen durchs Eis und werfen es zur Seite und häufen es auf, als ob’s bloß Zuckerguss wäre. Ich komme mir vor wie auf einem bockenden Pferd.«

Das war der Kapitän. Der kletterte immer auf den Klüverbaum am Bug, denn es war seine erste Fahrt im Packeis und er wollte alles aus nächster Nähe sehen. Billy und die anderen hatten sich längst daran gewöhnt, wie das Schiff mit den Schollen kämpfte, aber ich kriegte immer noch ein komisches Gefühl im Magen, wenn ich hörte, wie sie knirschten und ächzten, bevor sie zersplitterten, und wie die Endurance zitterte, bevor sie die nächste Scholle in Angriff nahm. Sie war schließlich nur ein Schiff, auch wenn sie gebaut war wie Fritjof Nansens Fram und die hatte zwei Jahre im Eis des Nordpols überstanden.

»Du Biest, du heimtückisches! Ich dreh dir den Hals um!«

Ich fuhr zusammen und ließ die Bürste sinken. Die Stimme erkannte ich sofort. Das war John Vincent, der einzige Mann der achtköpfigen Mannschaft, den der Boss besser nicht angeheuert hätte, darüber waren sich alle einig. Er sah aus wie der starke Mann vom Jahrmarkt. Seine Schultern waren so breit, dass er kaum in seine Koje passte, und seine Muskeln sprengten fast das Hemd. Wenn er mit seinem wiegenden Seemannsgang auf mich zukam, drückte ich mich an die Seite, denn ich hatte immer das Gefühl, er würde mich niederwalzen. Er trug einen goldenen Ring in einem Ohr und hatte schwarze Ringellocken, die er mit viel Öl zum Glänzen brachte. Weil er sich einbildete, dass der Boss ihn bald zum Obermaat befördern würde, kommandierte er die anderen ständig herum.

Ich linste mit einem Auge über den Rand des Zwingers. Vincent hatte Mrs Chippy mit einer Hand am Nackenfell gepackt, mit der anderen presste er ihm die Kiefer zusammen, sodass er nicht beißen konnte. Sein Kopf verschwand fast in seiner Pranke. Er hieb seine Krallen in Vincents Hand, aber das machte ihn nur noch wütender. Er schüttelte ihn hin und her.

»Du kratzt nicht mehr lange, du Stinktier! Gleich bist du Fischfutter.«

Er machte einen Schritt auf die Reling zu, aber da war ich schon auf den Beinen. Ich hatte gar keine Zeit, Angst zu kriegen oder auch nur nachzudenken. Ich sah, dass er Mrs Chippy über Bord werfen wollte, und rammte ihm meinen Kopf gegen die Rippen. Er war so überrascht, dass er zurücktaumelte. Aber ich hatte ihn nicht zu Fall gebracht und er hatte auch den Kater nicht losgelassen. Schnell wie ein Boxer fand er sein Gleichgewicht wieder und gab mir einen Tritt in den Bauch, dass ich zu Boden ging.

Ich krümmte mich zusammen. Der Schmerz fuhr wie eine Flamme durch meinen Körper und nahm mir den Atem. Ich schnappte nach Luft. Ich wusste, dass ich mich wegrollen und wenigstens meinen Kopf schützen musste. Wenn er mir mit seinen schweren Stiefeln ins Gesicht trampelte, würde er Hackfleisch aus mir machen. Aber ich konnte mich nicht rühren. Vincent war so wütend, dass er kein Wort herausbrachte. Er knurrte bloß, ein tiefes grollendes Knurren, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Er stand über mir wie ein mächtiger Bär, der mich mit ein paar Prankenhieben zerfetzen würde.

Plötzlich flog eine zottige Gestalt über mich weg und sprang Vincent gegen die Brust. Samson hätte nie gewagt, einen Menschen anzugreifen, und er hatte wohl auch nicht begriffen, dass ich in Gefahr war. Ich weiß nicht einmal, ob er mir dann hätte helfen wollen, er war aufs Schlittenziehen trainiert und nicht auf Mann. Aber er sah seinen Erzfeind Mrs Chippy auf einmal in seiner Reichweite. Der Kater hatte ihn schon oft zur Raserei gebracht, indem er sich seelenruhig direkt vor seinem Zwinger putzte und so tat, als ob Samson nicht vorhanden wäre, obwohl der sich die Stimme heiser bellte und sich fast erwürgte, so zerrte er an seiner Leine. Aber jetzt war keine Leine da und auch keine Türe aus Maschendraht.

Samson machte einen Satz, und da er groß war wie ein Kalb und auch so schwer, brachte er Vincent erneut ins Schwanken. Diesmal ließ er den Kater los, denn jetzt war nicht ich es, der ihn angriff, sondern der größte und stärkste aller 69 Schlittenhunde. Mrs Chippy fiel, direkt an Samsons Maul vorbei, das er schon geöffnet hatte, um nach ihm zu schnappen, kam elegant auf alle viere und jagte davon, den nächsten Mastbaum hinauf, um sich in Sicherheit zu bringen. Samson stemmte Vincent seine Pfoten gegen die Brust, sodass der unter dem Anprall zurücktaumelte, sah Mrs Chippy fallen und übers Deck flitzen und setzte laut bellend hinterher.

Im Denken war Vincent nicht der Schnellste und es dauerte einige Augenblicke, bis er erfasst hatte, dass Samson nur an dem Kater interessiert war und nicht an ihm und dass er ihm entgangen war, und zwar allein durch meine Schuld. Diese Augenblicke waren meine Rettung. Ich stemmte mich hoch, obwohl mein Bauch dagegen protestierte, sah mit einem Blick, dass niemand in der Nähe war, der mir helfen konnte, und mit einem zweiten, dass Vincent sich in Bewegung setzte und dabei die Hände schon nach mir reckte, mit einem mörderischen Ausdruck im Gesicht.

Ich stürzte in die gleiche Richtung wie Mrs Chippy, sprang an die Reling, zog mich hoch und kletterte die schräge Eisenleiter empor, die zur Mitte des Mastes führte. Wieder hatte ich keine Zeit, nachzudenken oder Angst zu kriegen. Ich hatte noch nie auf einem Segelschiff angeheuert, also hatte ich auch noch nie einen Mast bestiegen, schon gar nicht einen vereisten und erst recht nicht einen auf einem Dreimaster, der um die Schollen kurvte wie ein Zirkuspferd. Aber daran dachte ich überhaupt nicht. Ich wollte nur eines: mich aus Vincents Reichweite bringen. Ich schoss die ersten zwei, drei Meter der Leiter fast so schnell hoch wie Mrs Chippy.

»Verpiss dich, du Mistköter!«

Ich hörte, wie Samson bellte und auf und ab sprang. Wahrscheinlich hielt er das Rennen zum Mast für ein Spiel, an dem er teilnehmen wollte. Bitte, halt ihn fest, dachte ich. Lass ihn nicht hinter mir herklettern! Samson heulte auf und war still. Ich schaute zwischen meinen Füßen hindurch nach unten und sah direkt in Vincents emporgewandtes wutverzerrtes Gesicht. Er war mir auf den Fersen. Ich schaute nach oben und kletterte weiter. Die Spitze des Mastes stand wie ein Strich gegen den blauen Himmel. Die stählernen Trossen der Leiter waren mit einer dünnen Eisschicht überzogen, die an meinen Händen brannte wie Feuer und eine eigentümliche Mischung aus Schmerz und Fühllosigkeit erzeugte. Mein Mund stand offen, ich keuchte.

Da war schon die erste Rahe. Ich hangelte mich zur nächsten Leiter, die dicht neben dem Mast in die Höhe führte, jetzt nicht mehr schräg, sondern senkrecht. Der Wind summte in den Schnüren der Takelung, so leise, dass ich Vincents Schnauben dicht unter mir hören konnte. Er kam näher. Gleich würde er mich bei den Füßen packen und hinunterschleudern. Ich würde in die Tiefe sausen und auf dem Deck aufschlagen und nur noch ein Haufen zerbrochener Glieder sein. Ich kletterte schneller.

Da – da war seine Pranke an meinem Fuß. Ich krallte mich an den Trossen fest. Und wenn er mir das Bein abriss, ich würde nicht loslassen! Ich zog den anderen Fuß eine, dann zwei Sprossen höher und spürte, dass ich dadurch mein Gewicht verlagerte und mehr Widerstand leisten konnte. Vincent zerrte an meinem rechten Bein und schien seinen ganzen Körper daran zu hängen. Der Druck in meiner Hüfte wurde unerträglich. Meine Arme und mein linkes Bein zitterten vor Anstrengung. Das Eis schmolz unter meinen Fingern und lief als kaltes Rinnsal in meine Ärmel. Ich schloss die Augen. In meinen Ohren begann es zu dröhnen.

Plötzlich löste sich der Druck, Vincent knurrte: »Verdammte Scheiße!«, etwas schabte und rutschte. Ich zog instinktiv den Fuß hoch und kletterte schon wieder, noch ehe ich begriffen hatte, dass er mir durch sein Zerren den Stiefel vom Fuß gezogen und dadurch das Gleichgewicht verloren hatte und zurückgerutscht war.

»Komm weiter runter, Vincent, und zwar ein bisschen dalli! Ich will da rauf! Bleib oben, Blacky, dich brauch ich noch. Na, los, Vincent, wird’s bald!«

Das war Mr Hurleys Stimme mit dem gequetschten australischen Akzent. Vincent brummte etwas, was ich nicht verstand, aber das wollte ich auch gar nicht. Er kletterte nach unten. Das allein war wichtig. Ich war gerettet. Ich öffnete die Augen und sah ihm nach – und hätte sie am liebsten gleich wieder geschlossen, aber etwas zwang mich dazu, sie offen zu halten, und ich starrte wie hypnotisiert nach unten, während ich spürte, dass mein Körper schwer und steif wurde vor Entsetzen und sich mit Schweiß überzog.

Ich war in meiner Angst immer höher geklettert, mit dem einzigen Gedanken, Vincent zu entkommen, und hatte mir überhaupt nicht klargemacht, was das bedeutete. Das Deck war tief, tief unter mir. Das Schiff wirkte so klein wie ein Boot, umgeben von einer endlosen glitzernden Eisfläche mit schmalen dunklen Adern darin. Ich hing zwischen Himmel und Erde, wer weiß wie viele Meter hoch, mindestens 20 – oder sogar 40?

Ich konnte jetzt nicht an Zahlen denken. Ich wusste nur, dass vor mir nichts war als der Mast und die Leiter und um mich herum nur Luft, unendlich viel leere Luft. Und diese Leere saugte an mir wie ein lebendiges Wesen, wie ein Polyp mit weichen Greifarmen, der mich umschlang und in die Tiefe zog. Ein paar dünne Stahltrossen waren das Einzige, was mich davor bewahrte hinunterzustürzen. Und das auch nur, solange ich mich an ihnen festklammerte. Ich war unfähig, auch nur die kleinste Bewegung zu machen. Ich konnte nicht einmal eine Hand lösen und dann die andere und wenigstens eine Stufe nach unten klettern und dann vielleicht noch eine und noch eine. Ich war wie gelähmt. Die Leiter schwankte mit den Bewegungen des Schiffes, als ob sie mich abschütteln wollte, aber ich konnte mich nicht rühren.

»Miau!«, machte es über mir. Ich riss meinen Blick von der saugenden Tiefe los und sah nach oben. Mrs Chippy hockte auf dem Rand des Mastkorbs. Ich wollte ihn locken, aber mein Mund war so ausgetrocknet, dass ich keinen Ton herauskriegte. Ich spitzte die Lippen und brachte ein paar Töne zustande. Das war der Pfiff, auf den er hörte. Und er kam. Er kletterte den Mast herunter, als ob das gar nichts wäre, und sprang auf meine Schulter.

»Weißt du eigentlich, dass ich deinetwegen hier hocke?«, flüsterte ich. »Und dass ich völlig fertig bin? Ich traue mich weder vor noch zurück und sterbe fast vor Angst.«

Mrs Chippy schnurrte. Ich kam mir nicht mehr ganz so elend und verlassen vor. Ich hütete mich davor, noch einmal nach unten zu sehen. Ich drehte den Kopf zur Seite und verbarg mein Gesicht in Mrs Chippys Fell.

»Was ist denn los mit dir, Blacky? Warum kletterst du nicht weiter, verdammt noch mal? Du trittst mir fast auf den Kopf.«

»Ich kann nicht«, krächzte ich.

»Dann komm runter und lass mich vorbei.«

»Das kann ich auch nicht.«

»Bist du etwa das erste Mal auf einem Mast?«

Ich nickte bloß.

»Ja, warum in drei Teufels Namen kletterst du denn dann so hoch? Na, egal, erzähl’s mir später, jetzt ist dir wohl nicht nach Reden zumute, schätze ich.«

Und auf einmal spürte ich einen Arm um meine Brust, einen Arm, der mich festhielt, und einen Körper, der sich gegen meinen Rücken drückte, der eine Barriere bildete zwischen mir und der Tiefe, und Mr Hurley sagte: »Verschwinde, Mrs Chippy! Schmusen kannst du später. Und du gehst im selben Rhythmus wie ich, Blacky. Rechte Hand, rechtes Bein. Linke Hand, linkes Bein. So ist’s gut. Und ab morgen übst du das verdammte Klettern, jeden Tag ein Stückchen höher, dann hast du dich bald daran gewöhnt.«

Ich war nicht mehr gelähmt. Ich konnte mich wieder bewegen. Langsam kletterten wir die Leiter hinunter. Als wir bis zur Höhe der ersten Rahe gekommen waren, wo der Mast sich zu einer winzigen Plattform verbreiterte, schlang er mir seinen langen Schal um den Bauch und band mich damit am Mast fest. Dann hängte er mir seine Kamera um den Hals.

»Deshalb bin ich doch überhaupt auf die Idee gekommen hinter dir herzuklettern. Du machst jetzt ein verdammt gutes Foto von mir.«

Er schwang sich auf die Rahe und rutschte auf dem Hosenboden bis zur äußersten Spitze, drehte sich dort um und winkte mir lachend zu, obwohl die Rahe sich schüttelte wie ein wilder Gaul. Es sah einfach – einfach tollkühn aus. Mir wurde fast vom Zusehen schlecht. Aber er erwartete, dass ich ihn fotografierte. Er hatte nicht gesagt: Reiß dich zusammen! Oder: Du schaffst das schon! Er hatte mich festgebunden, also hatte ich keinen Grund, mich vor einem Sturz zu fürchten. Er war überzeugt, dass ich mir das klarmachen würde. Und er hatte mir seine Kamera anvertraut.

»Warte, bis wir ruhiger fahren«, schrie er. »Da vorne wird die Rinne breiter.«

Als wir endlich wieder auf den wunderbar festen Planken des Decks standen, fühlte ich mich fast so wie vor zwei Jahren, als ich ausgerissen war, nachdem mir der Sprung aus meinem Zimmer und später von der Brücke in den Kohlenwaggon der Eisenbahn geglückt war. Ich war so erschöpft, dass ich im Stehen hätte schlafen können, und meine Knie waren weich wie Pudding. Vincent hatte sich verzogen, denn solange Mr Hurley in meiner Nähe war, konnte er mir nichts tun. Aber am Abend im Mannschaftsraum, als ich die Teller füllte und herumreichte, schoss seine Pranke vor und packte mich am Ärmel.

»Ich bin der Boss hier, also bedien mich gefälligst zuerst. Beim alten Shack wagst du das nicht, da bin ich sicher.«

»Was fällt dir ein! Lass ihn los!«, sagte Billy scharf.

»Da sieh mal einer an. Der kleine Billyboy kommt dem Bubi zu Hilfe. Ich kann dir jeden Knochen im Leib zerbrechen, Bakewell. Und nicht nur dir, sondern jedem hier.«

Billy strich nachdenklich über seinen dunklen Schnurrbart. Er konnte aus dem Sitzen heraus einen Haken landen, ehe der Gegner überhaupt merkte, dass er zuschlagen würde. Ich schüttelte leicht den Kopf. Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, hatte er mich schon ein paar Mal herausgehauen. Da war ich erst 14 und erinnerte ihn an seinen kleinen Bruder. Inzwischen konnte ich mich ganz gut alleine wehren. Aber Vincent war ein eigenes Kaliber. Er war der Stärkste von uns, daran ließ sich nicht rütteln. Er wartete bloß darauf, uns das zu beweisen. Er hatte schon ein paar Mal versucht, eine Prügelei anzuzetteln, aber bisher waren wir ihm aus dem Weg gegangen. Ich würde ihm keinen Vorwand liefern, Billy zusammenzuschlagen. Ich stand einfach still und gab keine Antwort. Seine Finger drückten zu, als ob sie meinen Arm zerquetschen wollten.

»Antworte gefälligst, du Milchbart. Wie bedienst du die feinen Herren?«

»Genau wie hier. Immer den zuerst, der am Kopfende sitzt. Und das wechselt ständig, sie haben keine festen Plätze. Der Boss legt keinen Wert auf so einen Mumpitz. Ein Mann wie er hat das nicht nötig.«

Das nahm ihm den Wind aus den Segeln. Er ließ mich los und hielt mir seinen Teller hin.

»Soll ich davon satt werden? Ich brauch das Doppelte! Und bild dir nicht ein, dass du ungeschoren davonkommst. Bald verschwindet der alte Shack samt seinen Landratten und Offizieren im Eis. Dann gibt es nur noch Seeleute an Bord. Und dann kannst du was erleben.«

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