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Gefangen im Nirgendwo

S. Landauer

Gefangen im Nirgendwo

1. KAPITEL

„Hey, Miss Einstein, jetzt schwing endlich deinen Hintern hier rüber und nimm unsere Bestellung auf. Wir wollten Kaffee trinken, nicht Wurzeln schlagen!“

Julie Sanders zuckte zusammen, als sie die arrogante Stimme erkannte. Victoria Harton, ausgerechnet. Da konnten die anderen auch nicht weit sein – und tatsächlich, als sie sich umdrehte und auf den Tisch zusteuerte, blickte sie in die feixenden Gesichter von Millie und Max, den Steinway-Geschwistern. Robert, den alle nur Indy nannten, weil er ständig einen Hut trug, war ebenfalls da. Außerdem Shanna, das Möchtegern-Model, und natürlich Stuart.

Julie hasste sich dafür, aber sie wurde tatsächlich rot, als sie schließlich vor der Clique stand und ihren Block zückte, um die Bestellung aufzunehmen. Sie hatte sich für ihren Nebenjob als Kellnerin extra einen Coffeeshop gesucht, der weit vom Campus entfernt lag, um solche Situationen zu vermeiden. Schlimm genug, dass sie völlig neu in L.A. war und außerhalb der Uni fast niemanden kannte. Noch schlimmer, dass sie aus einem verschlafenen Kaff in den Sierras kam und von den hippen Großstadtstudenten als Hinterwäldlerin betrachtet wurde.

Ihr Aussehen half auch nicht. Sie war glatter Durchschnitt mit leicht welligen halblangen braunen Haaren, die sie an der Luft trocknen ließ und die zu Hause ihre Freundin alle paar Monate geschnitten hatte, wenn sie zu lang wurden. Ihr „Styling“, das wegen Geldmangels aus No-Name-Jeans und T-Shirt bestand, riss ebenfalls nichts raus, aber was sollte sie machen?

Es war auch nicht gerade hilfreich, dass sie Tag und Nacht schuftete wie ein Tier, um in allen Fächern gute Noten zu holen. Außerdem musste sie sich nebenher das Geld fürs Überleben in der Großstadt verdienen. Die astronomischen Studiengebühren der UCLA – University of California in Los Angeles – wurden von ihrem Stipendium gedeckt, aber sie musste ja auch essen und irgendwo wohnen. So war sie bei den anderen schnell als Charity-Studentin abgestempelt gewesen. Dass es die Stipendien für überdurchschnittlich gute Leistungen und nicht aus Mitleid gab, spielte da keine große Rolle.

Die paar Mal, als am Anfang einige Gutmütige sie zu einer Party eingeladen hatten, hatte sie absagen müssen, weil sie abends in einem Motel an der Rezeption arbeitete. Nach ein, zwei nett gemeinten Versuchen hatte sie niemand mehr gefragt.

Im Grunde war es ihr egal, dass die anderen aus dem College sie in ihrer grasgrünen Kellnerinnenuniform der Coffeeshop Kette sahen und dass sie sie bedienen musste, aber nicht bei Stuart.

Julie beugte sich über ihren Block und versuchte, die im Maschinengewehrtakt abgefeuerten komplizierten Bestellungen mitzuschreiben.

„Eine Latte Macchiato mit Halbfettmilch und Süßstoff, aber nur ein Stück, nicht zwei.“

Das war unverkennbar Shanna.

„Die volle Ladung, Baby, extra stark, XXL, mit Sahne und Kakaopulver.“

Max, der muskelbepackte Quarterback, für den immer alles übergroß sein musste.

„Habt ihr auch Tee? Aber dann bitte entkoffeinierten.“

Millie, die sich was darauf einbildete, immer anders zu sein als alle anderen.

„Such du mir was Schönes aus.“

Indy, dessen Augen unter der Hutkrempe immer im Schatten lagen und aus dem sie nie so richtig schlau wurde.

„Den flambierten Mokka“, flötete Victoria, und Julie trat ihr im Geiste dafür kräftig vors Schienbein.

Ganz offensichtlich hatten sie sich abgesprochen, so aufwendige oder ausgefallene Bestellungen wie möglich aufzugeben, und zweifellos würden sie ihr das Leben so richtig schwer machen, falls sie irgendetwas durcheinanderbringen oder vergessen sollte.

Trotzdem konnte Julie es nicht lassen, über den Blockrand verstohlen Stuart zu beobachten, während sie mitschrieb.

Wie immer lässig, aber teuer gekleidet in einem Designer-Poloshirt und Edeljeans, saß er etwas abseits von den anderen auf der grün gepolsterten Bank, einen Arm entspannt über die Lehne gelegt. Seine leicht schräg stehenden graublauen Augen wirkten in dem gebräunten Gesicht wie geheimnisvolle Seen. Das blonde Haar trug er sorgfältig auf ungekämmt gestylt. Er hatte volle, weich geschwungene Lippen, die bei jedem anderen vielleicht unmännlich gewirkt hätten, bei ihm jedoch einfach nur sexy und verdammt verführerisch aussahen.

Julie wusste selbst, wie lächerlich es war, ihn anzuschwärmen, und sie gab sich die allergrößte Mühe, ihn oder die anderen niemals etwas davon merken zu lassen. Sie war sowieso schon die Lachnummer hier – wenn jemals jemand erfuhr, dass sie mit ihren immerhin fast zwanzig Jahren wie ein Teenager ausgerechnet ihn anhimmelte, konnte sie gleich einpacken. Also senkte sie schnell den Kopf, als er als Letzter bestellte.

„Einen Cappuccino“, meinte er mit seiner unverkennbar tiefen und klangvollen Stimme.

Unwillkürlich hob sie den Blick und sah, wie er etwas schief lächelte und leicht mit den Schultern zuckte.

Sorry, war nicht meine Idee, glaubte sie von seinen Lippen abzulesen, weil er die Worte über das Geschnatter seiner Begleiter hinweg fast tonlos sprach. Oder irrte sie sich?

Während die anderen sie hin und wieder mit hämischen Bemerkungen bedachten oder herablassend-mitleidig musterten, wenn sie direkt von der Arbeit abgehetzt als Letzte in den Kursraum stürzte, war Stuart derjenige, der sie überhaupt nicht beachtete. Er hatte noch nie ein Wort zu ihr gesagt, sie wahrscheinlich noch nicht mal als Person wahrgenommen oder gar als Frau.

Entschuldigte er sich jetzt bei ihr dafür, dass die Clique sich über sie lustig machte? Immerhin wusste sie nun, dass der kleine Ausflug zum Kaffeetrinken kein Zufall war. Die anderen mussten irgendwie herausgefunden haben, wo sie arbeitete, und waren hier, um ihren Spaß zu haben. Auf ihre Kosten.

Sie zögerte einen Moment, überlegte, ob sie die Chance ergreifen und etwas zu Stuart sagen sollte, doch da erklang schon wieder Victorias nervtötende Stimme: „Willst du dich jetzt endlich mal in Bewegung setzen, oder bist du als Kleiderständer für die modischen Uniformen hier angestellt?“, nörgelte sie. „Unglaublich, was man heutzutage alles auf zahlende Gäste loslässt. Man sollte sich direkt beim Management beschweren. Der Kaffee ist schließlich teuer genug, da kann man wohl etwas Service erwarten. Wer ist denn hier zuständig, ich werde mal …“

Julie sah, dass Indy, der Dunkelhaarige mit den verkniffenen Zügen, ihr wie zufällig eine Hand auf den Arm legte, worauf Victoria ihre Tirade abbrach und nur noch murmelte: „Ist doch wahr …“

Es gab tatsächlich keinen Grund, sich noch länger an diesem Tisch aufzuhalten, zumal der Laden voll war und die anderen Gäste vermutlich auch schon ungeduldig wurden. Also eilte sie zum Tresen, wo sie die Bestellung an das dafür vorgesehene Brett pinnte. Dabei hoffte sie inständig, dass die Tresenkraft – in der hippen Großstadt großspurig Barristo genannt – die Sonderwünsche las und auch erfüllte. Zum Glück hatte Joe Dienst, der auch aus der Provinz zugezogen war und sich hier ebenso durchschlug wie sie. Zwar hatten sie noch nie Zeit gehabt, mehr als ein paar Worte miteinander zu wechseln – nach ihrer Schicht musste sie ja sofort zum College hetzen –, aber er zwinkerte ihr immer aufmunternd zu, wenn es besonders hektisch wurde, und half ihr, wo er konnte.

Im Moment graute ihr besonders vor dem flambierten Mokka – bei ihrer Einweisung vor sechs Wochen war ihr das mal kurz gezeigt worden, doch seitdem hatte kein Mensch einen bestellt. Ein gefundenes Fressen für Victoria, die hinterher garantiert völlig unschuldig sagen würde: Wieso, wenn er doch auf der Karte steht? Wenn sie kein Personal haben, das damit umgehen kann, sollen sie es doch nicht anbieten …

„Tisch sieben“, sagte Joe und schob ihr ein voll beladenes Tablett mit fünf völlig gleich aussehenden Latte-Gläsern hin, die aber, wie sich Julie erinnerte, unterschiedliche Varianten enthielten – entkoffeiniert, Halbfettmilch, Zucker, kein Zucker …

„Im Uhrzeigersinn“, half Joe ihr auf die Sprünge. „Mitternacht beim Zettel.“

Was für andere keinen Sinn ergab, war für sie die Rettung. Joe hatte die Gläser auf dem runden Tablett in der Reihenfolge auf ihrer Liste angeordnet, die unter dem letzten Glas steckte. So konnte sie einfach laut ablesen, welche Spezial-Kombi das jeweils nächste Glas enthielt, und es dem Gast reichen, der sich dazu meldete.

Auf diese Weise bediente sie zügig mehrere Tische, bis das Tablett des Grauens auf dem Tresen auf sie wartete. Neben der unscheinbar aussehenden Henkeltasse mit dem tiefschwarzen Mokka stand ein silberfarbener Becher mit Cognac, daneben lag ein stiftartiges Feuerzeug.

„Verdammt, wie geht das noch mal?“, fragte Julie Joe flüsternd.

„Tut mir leid, ich hab das auch nur einmal gesehen, als ich hier angefangen habe“, sagte er. „Aber es ist nicht schwer, keine Sorge. Du kippst einfach den Alkohol in die Tasse und hältst das brennende Feuerzeug daneben, der Rest geht dann von allein.“

„Na, hoffentlich“, murmelte Julie.

Reiß dich zusammen und bring es hinter dich, sagte sie sich entschlossen auf dem Weg zum Tisch ihrer Mitstudenten. Je mehr du dich anstellst, desto länger werden sie darüber lachen. Pass vor allem auf Victoria auf, diese hinterhältige Schlange.

Lächelnd trat sie an den Tisch der Clique und servierte formvollendet die Tassen und Gläser. Dabei wiederholte sie die Bestellungen wortgetreu – auch ein Trick, den Joe ihr verraten hatte. Kein Mensch schmeckte, ob ein oder zwei Stück Süßstoff in seinem Kaffee waren, aber wenn man ihm seine Wünsche beim Servieren noch einmal bestätigte, hatte er das Gefühl, dass sie auch genau so ausgeführt worden waren, und mäkelte seltener herum.

„… und der flambierte Mokka“, schloss Julie. Sie stellte die Tasse vor Victoria ab und griff nach Cognacbecher und Feuerzeug. Das leere Tablett räumte sie zur Seite, um beide Hände frei zu haben. Sie gab sich Mühe, so auszusehen, als mache sie den ganzen Tag nichts anderes, als Mokka zu flambieren, konnte trotz aller guten Vorsätze aber nicht verhindern, dass ihre Hände leicht zitterten.

Das Stabfeuerzeug hatte an der Seite einen kleinen Schiebeknopf, doch so oft sie auch schob, es kam keine Flamme. Mit jedem ergebnislosen Klicken erhöhte sich spürbar die Spannung am Tisch. Gleich würde jemand – wahrscheinlich Victoria – eine bissige Bemerkung machen.

Bevor es dazu kam, nahm ihr Indy das Feuerzeug beiläufig aus der Hand, erzeugte wie auch immer eine Flamme und reichte es ihr brennend zurück. Alles, ohne sie nur einmal anzusehen oder etwas zu sagen. Er wirkte, als wäre er in Gedanken ganz woanders.

Julie hielt sich ebenfalls nicht mit großen Dankesreden auf, sondern nahm das Feuerzeug in die linke Hand, den kleinen Becher in die rechte, kippte den Inhalt mit Schwung in die Tasse und hielt die Spitze des Stabs in den Schwall.

Es gab ein lautes Zischen, eine Stichflamme schoss hoch und leckte über ihre Hand. Vor Schreck ließ sie das noch brennende Feuerzeug fallen, es landete in der Tasse, und Kaffee spritzte in alle Richtungen.

„Pass doch auf, du dämlicher Trampel“, kreischte Victoria.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Julie automatisch, doch dann war die Schrecksekunde vorüber, und der Schmerz setzte ein. Auf einmal brannte ihr rechter Daumenballen bis zum Handgelenk höllisch. Sie biss sich auf die Unterlippe und sog unwillkürlich Luft durch die Zähne ein.

Tränen schossen ihr in die Augen, obwohl sie sonst eigentlich nicht so schnell aus der Fassung zu bringen war. Wie ein Idiot vor dieser Gruppe zu stehen, die sowieso nur gekommen war, um sich über sie lustig zu machen, und dabei auch noch ekelhafte Schmerzen zu haben, war einfach zu viel. Vermutlich würde Victoria jeden Moment loszetern, dass ihre teure Bluse Flecken bekommen hätte, die nie wieder rausgingen …

Wie aus dem Nichts trat Joe an den Tisch. Er durfte seinen Platz hinter dem Tresen eigentlich während der Schicht nicht verlassen, offenbar war ihm das im Moment egal. Vorsichtig umfasste er ihr Handgelenk und betrachtete den mittlerweile knallroten Ballen.

„Geh nach hinten und steck die Hand in den Eiswasserbehälter“, sagte er leise zu ihr, dann kümmerte er sich um die Kaffeepfütze, die sich auf dem Tisch ausbreitete.

„Na prima, noch so ein Hinterwäldler“, hörte Julie Victoria zischeln, während sie Joes Rat folgte und hinter den Tresen eilte. Zum Glück hielt kein anderer Gast sie auf, weil er zahlen oder was bestellen wollte, vielleicht hatten auch alle ihr Missgeschick mitbekommen.

Fein, nun konnte sie sich wahrscheinlich nach einem neuen Job umsehen. Der Manager gönnte sich zwar um diese Zeit immer eine ausgiebige Pause, aber irgendeiner der Stammgäste würde ihm schon von dem Zwischenfall berichten.

Ihr Handballen brannte wie Feuer, und mittlerweile hatte sich eine riesige Blase gebildet. Julie biss die Zähne zusammen und tauchte die Hand in den großen Topf mit Eiswasser, in dem normalerweise der Kaffee für Kaltgetränke heruntergekühlt wurde. Zuerst schmerzte es noch mehr, doch nach ein paar Sekunden stellte sich ein Taubheitsgefühl ein.

„Schön drinlassen, so lange wie du es aushältst“, murmelte Joe, als er neben ihr auftauchte. „Was sind das denn für Flachpfeifen, kennst du die?“

„Ja, leider. Von der Uni.“

Joe nickte wissend, und Julie hoffte, dass Victoria ihn nicht zu sehr gepiesackt hatte. Ihr Kollege war relativ groß, aber sehr dünn, hatte helle Haut und rötliche Haare, Augenbrauen und Wimpern. Sein Gesicht war mit Sommersprossen übersät. Der breite Südstaatendialekt verriet ihn nach ein paar Worten als „Hinterwäldler“. Während sie selbst dem leicht singenden Tonfall stundenlang hätte zuhören können, hatte Victoria sicher wieder einige bissige Bemerkungen dazu auf Lager gehabt.

„Die Blonde ist ja ganz niedlich, aber die Brünette benimmt sich wie Victoria Beckham auf Ecstasy.“

Trotz ihrer Schmerzen – inzwischen tat das eiskalte Wasser fast genauso weh wie vorher die Brandwunde – musste Julie lachen.

„Ja, Shanna kümmert sich nur um Shanna. Das ist zwar auch nicht gerade sympathisch, aber wenigstens lässt sie andere Leute in Ruhe. Victoria ist dagegen wirklich ein Biest. Hey, schade, sie heißt wirklich so, sonst hättest du gerade den perfekten Spitznamen erfunden … autsch, ich halt es nicht mehr aus!“

Hastig zog sie die Hand aus dem Topf.

„Lass mal sehen.“

Joes Hand, die sicher eine normale Temperatur hatte, fühlte sich auf ihrer eisigen Haut überraschend warm an.

„Hm, ganz schön dicke Brandblase, aber ich glaub nicht, dass du zum Arzt musst. Wir haben Brandsalbe im Erste-Hilfe-Schrank, und wir sollten einen sterilen Verband drumbinden. Das Schlimmste ist, dass es noch ein paar Tage ziemlich wehtun wird. Ist ’ne echt blöde Stelle.“

Noch immer hielt er ihr Handgelenk umfasst, und Julie war von seinem klangvollen Dialekt wie hypnotisiert. Bis jetzt hatten sie nie Zeit gehabt, sich mehr als Halbsätze zuzuwerfen, die mit den Bestellungen zu tun hatten. Als sie zu ihm aufschaute, bemerkte sie zum ersten Mal bewusst, dass seine Augen so grün waren wie die Prärie im Frühling.

„Hallo, ich möchte zahlen, und zwar jetzt! Ich komme zu spät zur Arbeit!“

Julie zuckte zusammen und entzog Joe ihre Hand.

„Die Gäste warten“, sagte sie.

„Du brauchst einen Verband.“

„Mach ich gleich, wenn die Ablösung da ist.“

Vorsichtig tupfte sie sich die nasse Hand an einem Geschirrtuch ab, verzog das Gesicht, als der raue Stoff die Brandblase streifte, dann eilte sie in den Gastraum zurück.

Um den Tisch mit der Clique machte sie einen großen Bogen, während sie überall abkassierte. Der erste Ansturm war vorüber, die frei werdenden Tische wurden nicht, wie eine Stunde früher, sofort wieder besetzt.

Als sie mit einem Stapel leerer Tassen zum Tresen ging, folgte ihr Victorias Stimme.

„Bedienung! Wir möchten noch was bestellen!“

Julie verdrehte die Augen und stellte vorsichtig die Tassen ab.

„Lass nur, die übernehme ich“, bot Joe an. „Könntest du in der Zwischenzeit Kaffee mahlen? Die Bohnen sind schon drin. Einfach auf den Knopf hier drücken. Wenn die Tüte voll ist, abziehen und verschließen. Wir brauchen noch so zehn oder zwölf Packungen.“

Der Coffeeshop verkaufte den hauseigenen Kaffee auch abgepackt – eigentlich frisch gemahlen, aber die meisten Kunden hatten keine Zeit oder keine Lust, darauf zu warten, deshalb hatten sie immer einen kleinen Vorrat unter dem Tresen.

Dankbar nickte Julie ihrem Kollegen zu. Sie hätte es jetzt nicht geschafft, sich mit der Clique zu befassen. Schlimm genug, dass sie sie nachher in den Kursen traf. Da würde sie sich noch genug anhören müssen.

Sie war gerade beim neunten Paket, als aus dem Lager, in dem auch der Hintereingang war, Lora hereinkam. Noch nie hatte Julie ihre Ablösung so freudig erwartet, denn der brennende Schmerz an ihrer Hand war in dumpfes Pochen übergegangen, das jedes Mal heftig aufflammte, wenn sie den Daumen bewegte oder wenn etwas an die Brandblase kam.

„Hallo, haben wir eine neue Barrista?“, begrüßte Lora sie.

Die Zweiundzwanzigjährige mit dem modischen Wuschelbob erfüllte im Gegensatz zu Julie den kompletten Styling-Codex der Clique, sie war ein hippes Großstadtgirl, das – passend zum gängigen Klischee – im Coffeeshop jobbte, um ihre Schauspielausbildung zu finanzieren, und ständig zu irgendwelchen Castings ging. Julie fand sie ziemlich oberflächlich, aber wenigstens war sie nicht unfreundlich.

„Ich hatte einen flambierten Mokka“, fasste Julie ihr Missgeschick für Lora zusammen. „Ist leider danebengegangen.“

„Ach herrje, das sieht ja böse aus. Warte, ich werfe mich kurz in unser trendiges Outfit, dann übernehme ich sofort. Die zwanzig Minuten kannst du mir dann nächste Woche zurückzahlen, ich muss nämlich Dienstag zu einem Vorsprechen für eine neue Serie und weiß nicht, ob ich pünktlich hier sein kann.“

„Klar, geht in Ordnung“, sagte Julie sofort, obwohl sie Unterricht verpassen würde, wenn sie nach Schichtende nicht sofort zum College fuhr. Im Moment wollte sie aber nur so schnell wie möglich weg von hier.

„Hi Lora, schon da?“

Joe kam mit einem Bestellzettel wieder, den er an das Brett pinnte, um dann hinter den Tresen zu treten und die Getränke zuzubereiten.

„Mannomann, die nerven echt“, fügte er an Julie gewandt hinzu. „Jetzt will Victoria Beckham einen Eiskaffee auf Kosten des Hauses, als Entschädigung für den Mokka, wie sie sagt.“

„Victoria Beckham ist hier?“, fragte Lora mit großen Augen. „Den bezahl ich aus eigener Tasche, wenn ich ihn ihr bringen darf.“

„Einverstanden.“ Joe grinste. „Kommt sofort.“

Gekonnt ließ er eine Eiskugel in ein hohes Glas gleiten, füllte mit Kaffee und Sahne auf und steckte ein Cocktailschirmchen obenauf.

„Bitte schön, aber verkühl dich nicht, die Frau ist eiskalt.“

Kopfschüttelnd schaute Julie ihr nach. „Das war nicht nett von dir“, meinte sie. „Sie hofft doch immer, dass sie entdeckt wird, falls sich mal ein Promi hierher verirrt.“ Vorsichtig löste sie die Schleife ihrer Schürze, darauf bedacht, nicht an die Brandwunde zu kommen.

„Ich hätte es ihr schon erklärt, aber sie hat mich ja gar nicht ausreden lassen. Jetzt mach dir endlich einen Verband um die Hand“, fügte er hinzu, als er sah, wie sie wieder mal das Gesicht verzog. „Sonst muss ich dich noch aus der Uniform schälen.“

Er ging ins Lager und kam mit einem länglichen Päckchen zurück.

„Guck mal, wir haben sogar richtige Brandpflaster-Kits. Mit so einer Art Gel-Polster. Warte, ich helfe dir.“

Sonst muss ich dich aus der Uniform schälen? Flirtete er etwa mir ihr?

Julie war so überrascht, dass sie einfach ihre Hand ausstreckte und ihn machen ließ. Geschickt befolgte er die Anweisungen auf der Packung, und sobald das große Gel-Pflaster die Blase bedeckte, tat es tatsächlich nicht mehr so weh, wenn sie die Stelle streifte.

„Super, danke.“ Sie seufzte erleichtert.

„Unglaublich, ich fasse es nicht. Wieso habt ihr mir nichts gesagt?“ Lora kam mit dem leeren Tablett zurück.

„Sorry“, meinte Joe zerknirscht. „Du warst so heiß auf Victoria, da konnte ich nicht widerstehen.“

„Ach was, vergiss Victoria“, winkte Lora ab. „Da sitzt Stuart. Stuart Millner!“ Fassungslos blickte sie in die verständnislosen Gesichter ihrer Kollegen. „Ihr kennt Stuart Millner nicht?“

Gleichzeitig schüttelten Joe und Julie den Kopf.

„Oh Mann. Stuart Millner ist der Sohn von Frank Forino. Na ja, der uneheliche Sohn, aber immerhin hat er Kontakt zu seinem Vater. Heißt es jedenfalls.“

Julie schaute Hilfe suchend Joe an, doch der zuckte die Achseln.

„Frank Forino kennt ihr auch nicht?“ Lora seufzte theatralisch.

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