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Gefaked – Geliked – Geblogged

Sven R. Johns

Gefaked – Geliked – Geblogged

Wahrheit oder Fake News – was liest du?

Ein Gesprächsroman

Lassen Sie der Phantasie Flügel wachsen beim Lesen dieses Gesprächsromans, wenn es um Orte, Menschen, Reaktionen auf das Gesagte, einen Gesichtsausdruck, Emotionen oder Gesten geht – so entsteht Ihr ganz persönlicher Film dieses Buches vor dem inneren Auge

Gefaked – Geliked – Geblogged

Wahrheit oder Fake News – was liest du?

Social Media, Posts, Tweets, Blogs, Zeitungen im Internet: Da ist ein unbedachtes Wort schnell, schneller, am schnellsten im Umlauf. Und dann?

Martin, Ina, Terim und die anderen Studenten an der Journalistenakademie werden im Unterricht mit der für sie neuen Welt des Journalismus konfron-tiert und haben sofort viele Fragen. Schnell und exakt eine Meldung schrei-ben, auf jedes Wort achten, das wird dort verlangt; und immer schön der Wahrheit verpflichtet bleiben.

Kann sich eine Zeitung, eine Journalistin, ein Redakteur ein unbedachtes Wort erlauben? Dieses eine Wort kann den Zungenschlag einer Meldung verändern. Warum sind Alltags-Sexismus, Klischees und mehr oder weniger offene Beleidigungen und Anfeindungen in den Kommentaren und Shitstorms der Social Communities so weit verbreitet? Wie erkenne ich, ob eine Meldung richtig oder unter das weite Feld der Fake News oder Alternativen Fakten fällt? Und spielt eigentlich die Herkunft einer Autorin oder eines Autors eine Rolle dabei, wie wir einen Beitrag aufnehmen?

Aber wer stellt heute eigentlich noch die richtigen Fragen, wo alle immer und sofort Antworten parat haben?

Martins und Inas Diskussionen in der WG und in der Akademie gehen über Wahrheit, was in den Medien und sozialen Netzwerken steht und passiert, wie Fake News identifiziert werden und was uns persönlich wichtig ist weit hinaus. Sie suchen auch nach ihrem ganz persönlichen Weg.

Gehen Sie mit auf ihre Reise durch die Welt der Blogs, Posts, Tweets, gedruckten Zeitung, Meinungen, Satire, Kommentare und 1000 Anschläge.

WhatsApp-Dialog zweier Studenten an der Journalistenakademie

»Wie schreibt man eigentlich gefaked?«

»Keine Ahnung.«

»Mit »t« oder mit »ed« am Ende?«

»Was sagt der Duden?«

»Mit »t« – gefakt.«

»Nee, das gefällt mir nicht. Ich schreibs mit »ed« – gefaked.«

Sven R. Johns, freut sich über 1000 Kommentare (gern unter 1000 Anschlägen), kurz, pfiffig, die Wahrheit (warum neige ich dazu das Wort »schonungslos« hier mitzudenken?), auch länger oder ausufernd, aber immer konzentriert, nicht blöd, gern launisch, um die Ecke gedacht, liest tatsächlich noch Zeitung (immer öfter auf dem Handy, Tablet oder am Rechner und nicht in Papier – und ja, das letzte Tageszeitungs-Abo in Papier hat er gerade gekündigt), schätzt die (Presse-)Freiheit sehr, ist überzeugt, dass die Menschen hinter den Nachrichten, Meldungen und Kommentaren unschätzbare Dienste leisten, hat einen Facebook- und Twitter-Account, ist selten auf Instagram, nutzt Snapchat (bislang) nicht, denkt viele Hypes zumindest mit, ist Jahrgang `64, lebt in Berlin, hat auch ein Leben jenseits des Schreibens und fragt sich, ob es richtig ist, diesen Absatz in der 3. Person zu verfassen.

10 Prozent der Einnahmen aus dem Verkauf dieses Buches gehen als Spende an Reporter ohne Grenzen (www.reporter-ohne-grenzen.de)

DIE PERSONEN*

WG-BEWOHNER

Martin, Luke, Micha, E.T., Victor, Bengt, Marian und Cristian (als Besucher)

STUDENTEN AN DER AKADEMIE

Ina, Berit, Terim, Olga, Daniel

DOZENTEN UND MITARBEITER AN DER AKADEMIE

Sandra, Ansgar Anspach, Susanne Rohde-Treufels, Jordan Holzdeppe, Abel Deichgraf, Raphael Marks, Henrik Meyerhofer

UND

ein paar fleißige Kollegen aus dem Verlag, die mittels WhatsApp-Gruppen miteinander kommunizieren

DIE ORTE

DER UNTERRICHTSRAUM

Modernes und funktionales Design, neueste Technik mit weißem Smartboard an der Wand, weiße Tische und moderne Designer-Stühle für die Studenten und Dozenten, Garderobe vor der Tür, zusätzlich ein Flip-Chart im Raum, es riecht etwas neu, aber nicht künstlich

DIE WG-KÜCHE

Altbau in Berlin-Kreuzberg, sehr hohe Decken mit etwa 3,80 Metern Raumhöhe, Stuckelemente an der Decke, zusammengewürfeltes Inventar und ein sehr großer und massiver Holztisch, in der Ecke der Kühlschrank, sehr gemütlich

*Wer ist wer in diesem Gesprächsroman steht auf Seite 277

ANGEZÄHLT

Samstag, 30. März, 19.35 Uhr, Martin telefoniert mit der Seelsorge, irgendwo in Berlin

»So geht das jetzt schon … du weißt, dass wir dir hier nur helfen können, wenn du auch mit uns sprichst …«

»Ja.«

»Wenn du etwas mehr erzählen …

… so kann ich dir nicht gut …

… verzweifelt?

… setzt dich jemand unter Druck?«

»Im Moment nur ich …

… und du, wenn du zu viel fragst …

… ich leg mal auf.«

»Bleib doch …«

VERSTÄNDIGT

Sonntag, 31. März, 11.15 Uhr, Martin telefoniert mit der Seelsorge, irgendwo in Berlin

»Der Typ, den ich gestern bei euch am Telefon hatte, mit dem ging das irgendwie nicht. Mit dir ist es ... leichter.«

»Ich weiß gar nicht, wer gestern bei uns Telefondienst hatte. Ich bin jedenfalls immer sonntags vormittags hier. Und stimmt: Wenn du sagst, dass du gestern nicht so viel erzählt hast, ist das heute anders. Vielleicht warst du gestern einfach noch nicht so weit.«

»Woher kommst du? Dein Akzent ist schon ganz schön – wie sagt man – ausgeprägt.«

»Schau, wir reden hier bei der Seelsorge nicht so viel über uns. Wir reden lieber über dich.«

»Verstanden. Dir vertrau ich irgendwie. Morgen startet mein Studium an der Journalistenakademie. Und der Unfall, von dem ich dir erzählt habe, ist echt mein Problem.«

»Für uns sind das nicht gleich Probleme. Meistens sprechen wir über Schwierigkeiten, für die wir dann gemeinsam Lösungen suchen. Erzähl weiter. Und Journalistenakademie – das klingt interessant.«

»Letzte Woche hab ich den Unfall gehabt …«

»Und …?«

»Ich bin abgehauen und weiß nicht, was passiert ist. Ich hatte Panik.«

»Mann, Mann, Martin. Das klingt gar nicht gut.«

»Das weiß ich auch. Ich habe totale Panik, dass was passiert ist und das kleine Mädchen, das ich wohl angefahren habe …«

»Ooooh, … was meinst du mit wohl angefahren habe. Hast du oder hast du nicht?«

»Da lag das Fahrrad. Das Mädchen hab ich aber im Rückspiegel nicht ...«

»Und dann bist du …?«

»Nee, nicht einfach weitergefahren. Ohne nachzudenken weitergefahren.«

»Mann, Martin … Unfallflucht, oder wie das hier heißt, und vor allem Erste-Hilfeleistung. Das Mädchen könnte …«

»Das weiß ich auch, dafür brauch ich niemanden zum Sprechen. Was mach ich nur? Mein Studium kann ich doch knicken, wenn ich …«

»Zählt nur dein Studium? Schau, da ist echt was verschoben bei dir. Es geht zu allererst darum wie du dich jetzt verhältst. Der Unfall, den kannst du nicht ungeschehen machen. Was macht DU jetzt?«

»Ich …«

»Der Anfang des Satzes ist doch schon mal richtig. Ich … willst du mehr hören? Habe Mist gebaut … habe mich wie ein Arschloch verhalten … habe etwas gemacht, was ich nie von mir gedacht hätt…«

»Hör auf!«

»Warum? Du hast hier angerufen, du wolltest reden, du wolltest einen …«

»Ja, das stimmt, aber …«

»Aber nicht so? Nicht so direkt? Schau, du bist nicht wirklich verzweifelt. Ich habe hier oft mit wirklich verzweifelten Menschen zu tun. Du bist eher verunsichert. Und der Anlass dafür ist, dass du vielleicht einem Menschen einen ganz schweren Schaden zugefügt hast. Wie willst du mit dieser Unsicherheit leben, es nicht zu wissen? Wie lange willst du an dir und über dieser Sache zweifeln? Solange bis du verzweifelt bist?«

»Ich …«

»Ja, ich weiß. Das ist schwierig. Schau in den Spiegel und sag dem, den du dort siehst, was du von ihm erwartest. Dann hast du es ausgesprochen.«

»Kann ich dich noch mal anrufen?«

»Klar jederzeit. Aber stell dich doch lieber jetzt diesem Thema. Also, noch mal von vorn …«

ANGEZÜNDET

Dienstag, 02. April, 18.12 Uhr, WG-Küche, Martin, Luke

»Ihr habt ne Kerze auf dem Kühlschrank? Im April? Ist bei euch noch Weihnachten?«

»Wie meinen?«

»Sorry, aber das ist schon ungewöhnlich, dass in eurer Männer-WG eine Kerze brennt.«

»Ach, das … sag doch erst mal, wer du bist. Wir kennen uns jedenfalls noch nicht.«

»Martin, bin heute eingezogen. Dachte, dass das klar ist. Sorry, sollte nicht blöd rüberkommen.«

»Wir haben ab heute zwei Neue in der WG. Micha regelt bei uns alles mit der Wohnung. Wir sind zwar alle im Verlag, aber ich hab keine Ahnung wie das mit der Wohnung läuft. Ich weiß nur gern, wer hier wohnt und wer mich von links am frühen Abend anmacht.«

»Sorry, … okay …«

WhatsApp an Luke: »wann kommt die freischaltung?« 18:12

»Ich mach mal Licht an. … Moment.«

WhatsApp von Luke: »cool alter bin dabei« 18:12

»Noch mal von vorn. Wer bist du? Woher … dein Handy.«

»Oh nee, meine Mutter.«

»Geh ruhig ran.«

»Hallo Mama. Ich kann grad nicht … ja, ich bin in der Wohnung. Mama, es geht wirklich nicht so gut. … Nein … ich erzähl am Wochenende ausführlicher. … Mama … nein, ich bin nicht abgehauen, … aber der Unfall … nein … wäre schön, wenn du das nicht deinem Mann … nein … bitte … Mama, das ist hier mein Studium … ja …ich ruf an. Nee, Mama, nicht alle können da mitreden. Das ist meine Sache. … Versprochen … ja … machs gut.«

»So wirst du sie aber nie los. Guck nicht so.«

»Wie meinst du?«

WhatsApp an Luke: »mach hin, wir sind schon mit dem naechsten thread beschaeftigt« 18:13

»Na, wenn du nix erzählst und sie vertröstest, dann wird sie dich immer weiter anrufen. Selbst wenn du sagst, dass du dich am Wochenende meldest.«

»Hab ich …«

»Sie probiert es garantiert vorher zwei, drei Mal. Wie alt bist du?«

»Wonach riecht es hier eigentlich?«

»Keine Ahnung.«

»Irgendwas …«

»Vielleicht mein … Tee?«

»Aah, das kann sein. Was n das?«

»Dein Ernst?«

»Was?«

»Na, dass du mit mir über Jogi-Tee reden willst.«

»Sorry, der Auftritt war wohl nicht so gut.«

»Vergessen.«

WhatsApp an Luke: »hast du den honk auf football news gesehen?« 18:13

»Was machst du?«

»Erst mal bist du dran. Du wolltest grad von dir erzählen.«

WhatsApp an Luke: »ja, den schmeissen wir raus« 18:13

»Sorry, ich bin Martin, 19. Hab gestern in der Akademie angefangen und bin seit … jetzt … in der WG.«

»War das die sehr oder die ganz ausführliche Version?«

»Ich will ins Ausland. So schnell wie möglich. Von dort berichten, schreiben, Reportagen und so.«

»Da kommst du ja mit einem festen Ziel zu uns ins Haus. Irgendein Hintergrund?«

»Mein Vater, also mein richtiger Vater, er ist im Ausland gewesen. Ich habe ihn nicht mehr kennen gelernt. Willst du mehr wissen? Ihr interessiert euch doch normalerweise mehr für euch als für alles andere. Jedenfalls war das bislang bei uns immer so. Sorry.«

WhatsApp Andi an Luke: »erledigt.« 18:14

»Was ist »für euch«?«

»Naja, jeder für sich und nicht für andere, schon gar nicht für Jüngere.«

»Findest du es hilfreich, wenn man zusammenwohnt und nichts voneinander weiß? Ich kann dir das halbe Leben von meinen Mitbewohnern erzählen. Wein oder Bier-Trinker, Kaffee, Tee am Morgen. Wir sind keine Zweck-WG. Du verstehst?«

»Kaffee mag ich nicht so gern.«

WhatsApp an Luke: »arbeitest du oder trinkst du bier?« 18:14

»Was gelernt. Was war das eigentlich mit dem Weglaufen, da am Telefon bei deiner Mutter.«

»Nix. Es geht um … ach, das ist was für später. – Ich nehm mir mal ein Glas Wasser, okay?«

»Und jetzt also unsere WG.«

»Als die Sandra aus dem Verlag mir sagte, dass sie mir mit einem Platz in einer WG weiterhelfen könnte, war ich total froh. So schnell hab ich nämlich nichts gefunden.«

»Aah … Sandra ist schuld.«

»Ein paar Kumpels von mir studieren hier. Das sind aber eher Tekkies mit Mathe, Physik, Informatik und so. Ich war eher Politik und Geschichte. Und sonst kenne ich hier noch niemanden.«

»Na geht doch ganz flüssig mit der Vorstellung. So kann das ja hier mit uns doch noch was werden … wart mal ...«

WhatsApp von Luke: »nerv nich. Hab einen neuen mitbewohner. Komm gleich zurueck« 18:15

WhatsApp von Luke (Gruppe): »politik mach ich gleich, hab schon angefangen. Muesst ihr nicht drueber gehen« 18:15

»Deine Vorstellung. Wo waren wir …?«

WhatsApp an Luke: »is ja nich so dass hier ein shitstorm waer. Aber etwas unterstuetzung waere gut« 18:15

»Sorry.«

»Sagtest du schon. Das wird dir die Stadt schnell abgewöhnen.«

»Was?«

»Sich laufend zu entschuldigen. Ist nicht so Großstadt-like, weißt du?«

WhatsApp an Luke: »check« 18:15

WhatsApp an Luke: »sport is durch. Gehe zu games.« 18:15

WhatsApp an Luke: »hast du an die werbeeinblendung gedacht?« 18:15

WhatsApp an Luke: »hab die werbeeinblendung jetzt selbst gemacht« 18:16

E-Mail an Luke: »Meeting morgen 09.00 Uhr abgesagt«

»Wie waren die ersten beiden Tage bei euch?«

»In der Akademie?«

»Klar. Wie sind die Leute? Wie ist dein erster Eindruck? Dozenten? Mitstudenten? Frauen?«

»Die Einführung war okay. Mit Sandra im Büro hatte ich vorher schon zu tun. Die Leute sind nett. Nicht alle meine Wellenlänge.«

»Spontanfreundschaft?«

»Nee, noch nicht.«

»Noch …?«

»Zwei, drei Leute. Aus denen wird was. Terim und Ina. Die ist cool. Große Klappe. Den Rest schaun wir mal.«

»Und was machst du?«

»Muss ein paar Kommentare auf unseren Webseiten frei schalten.«

»Spannend. Sind das die ganzen Nachrichten auf deinem Handy?«

WhatsApp an Luke: »koennt von uns aus weitergehen. Warten auf dich.« 18:18

»Ich bin Luke. Wart mal kurz.«

WhatsApp Luke an: »gib mir einen moment« 18:18

WhatsApp an Luke: »in der politik ist wieder so ein fascho unterwegs« 18:18

WhatsApp von: »finger weg. Das mache ich« 18:18

»Meine Kollegen in der Redaktion. Noch mal: Luke. In der WG bin ich seit – fast acht Monaten.«

»Und dein brummendes Handy?«

»Wir sind die kleine Armee, die die Angriffe auf unsere Verlagsseiten abwehrt, kontrollieren Kommentare und das Geschehen in den Social Communities. Nicht jeder Honk soll sich hier breitmachen können.«

»Ist da viel los?«

»Wenn du wüsstest. Abartig viele Kommentare. Und da ist Facebook noch gar nicht mitgerechnet. Es laufen Spinner durch die Gegend, die sich hinter ihren Tarnnamen verschanzen und so richtig vom Leder ziehen.«

»Streicht ihr die Kommentare? Oder sperrt ihr die User?«

»Kommt drauf an. Wir haben da ein ganzes Bündel an Maßnahmen.«

»Wolltest du das immer machen?«

»Ach, weißt du. Wenn man anfängt, hat man immer andere Träume. Reportagen schreiben, große Politikbeiträge, investigative Recherche. Und im Alltag bist du nachher froh, wenn du einen guten Job in einem guten Verlag hast und Aussicht auf deine Träume von früher.«

»Und machst du es nun gern oder nicht gern?«

»Social Media und unsere Communities sind super spannend. Was wir da an Möglichkeiten haben. Ich regiere da sozusagen die Möglichkeiten der Darstellung. Die Einblicke, die ich bekomme … alles großartig. Aber wenn du mit einem Troll oder sogar einer ganzen Gruppe zu tun hast, die sich bei dir eingenistet haben, dann ist es auch mal ganz schön ärgerlich.«

»Wie lange machst du das jetzt?«

»Acht Monate.«

»Also seit – warte Mal – August, September?«

»Ja, seit 1. August letzten Jahres. Hab das Zimmer von Bengt übernommen. Er ist auf einem Auslandseinsatz, war zwischendurch noch mal hier und ist wieder unterwegs. Macht seine Beiträge überwiegend selbst. Bengt ist im Umfeld der UN-Truppen im Südsudan in einem Flüchtlingslager unterwegs.«

»Ist er oft weg?«

»Ja, im Feld. Ich glaub ziemlich oft. Haha, lustig … er macht das, was du machen willst. Du lernst ihn bald kennen. Er soll in drei Wochen wieder hier sein. Der erlebt bestimmt krasse Sachen. Ich kenn ihn ja auch noch nicht so gut.«

»Wie das wohl so ist als Journalist in einem Flüchtlingslager? Kann ich mir echt nicht vorstellen.«

»Das wirst du schon noch lernen. Vor allem, wenn du da selbst mal hinwillst.«

»Erklär mir das noch mal. Wieso schaltest du abends um … viertel nach sechs … Beiträge auf Webseiten frei?«

WhatsApp an Luke: »#??« 18:20

»Das Leben in der Online-Redaktion. Am Abend ist bei uns High Season.«

»Wieso?«

»Tausend Kommentare. Jeder will noch schnell was posten, bevor er in den Abend verschwindet. Da sind wir gefragt.«

»Auch so eine andere Welt.«

»Klar. Ist spannend, lehrreich, direkte Kommunikation mit Usern. Haben wir früher Leser genannt.«

»Bislang dachte ich …«

»Was ...?«

»Nur so. Alles neu, eben.«

»Moment …«

WhatsApp Luke an: »wofür?« 18:21

WhatsApp an Luke: »woran arbeite ich? Bist du da?« 18:21

»WhatsApp Luke an: »jaa, wie ist #wohnenmitstil?« 18:22

»Warst du schon mal in einer Redaktion?«

»… Wer kommt da …?«

(Micha taucht in der Küche auf)

»Hallo Micha, wie kommts, dass du schon hier bist? Und das DU!«

WhatsApp an Luke: »check« 18:23

»Waren heute schneller durch. Muss aber noch mal rüber in den Verlag.«

»Aber … wie spät ist es? … Kurz nach halb sieben … ist so gar nicht deine Zeit.«

»Stimmt. Kennst das ja. Nach der Abgabe um fünf geht die Arbeit erst los. Ein Alien – wen haben wir denn hier? Bist du Martin?«

»Ja, hallo Micha. Wir haben bislang nur per WhatsApp miteinander gesprochen.«

»Willkommen in der WG, Junge. DER WG. Gut, dass alles mit dem Schlüssel geklappt hat. Bist du seit heute in Berlin?«

WhatsApp an Luke: »football news ist durch. Woran sitzt du?« 18:23

»Nee, schon seit Freitag. Wir hatten ja schon zwei Tage Einführung in der Akademie. Aber ich war für die ersten Nächte im Hostel.«

»Blöd gelaufen. Ruf an, Junge. Das Zimmer war schon in den letzten Tagen frei. Du hättest nicht auf heute warten müssen, nur, weil wir den 2. April besprochen hatten. Aber jetzt geht es ja los. Ihr habt euch schon bekannt gemacht.«

WhatsApp von Luke: »muss gleich politik fixen. Halbe stunde« 18:24

»Ja, alles fing mit Weihnachten an.«

»Mit Weihnachten?«

»Haha, kannst du komisch gucken. Naja, mein Einstand bei Luke war etwas …, weil ich die Kerze auf dem Kühlschrank …«

»Die Kerze …«

»Was hat es denn …?«

WhatsApp an Luke (Gruppe): »brauchst du unterstuetzung?« 18:25

»Pass auf, Junge. Ich muss gleich noch mal in den Verlag. Lass uns später darüber sprechen. Ich wollte heute Abend eigentlich mit Sandra ins »Tabacchi«. Vorschlag: Wir verabreden uns hier. Im Verlag bin ich so um halb neun fertig. Wir sind dann gegen neun hier. Luke, was ist mit dir? Bist du heute Abend da?«

WhatsApp von Luke: »danke, schau mal bei patrick vorbei. Der hat zwei oder drei threads in bearbeitung« 18:25

»Denke schon. Bin noch nicht fertig. Aber das erledige ich von hier.«

»Dann mach ich das mit dem Essen. Ist Mr. Wing okay?«

WhatsApp an Luke: »mach ich« 18:26

»Top, nur noch mal ganz kurz: Was mit den beiden anderen freien Zimmern?«

»Du, später. Sandra weiß mehr dazu. Ciao, Jungs. Ihr wisst ja: Wie immer. Immer etwas später.«

»Ciao. – Typisch Micha.«

»Was? Schnell rein und wieder raus?«

»Das auch, aber vor allem: Immer etwas zu spät.«

»Luke, ich wollte nur sagen, dass ich normalerweise nicht so elefantenmäßig bin, wie das vorhin klang. Ich hoffe, du gibst mir noch ne Chance.«

»Mach dir keine Sorgen. Ich bin manchmal etwas empfindlich.«

»Mmh.«

»Wie machen wir es? – Bin noch nicht ganz durch. Was hältst du davon, wenn du dich weiter einrichtest und nach den Getränken für heute Abend Ausschau hältst?«

»Okay.«

WhatsApp an Luke: »neuer beitrag in bundesliga. Transfergeruecht. Da geht gleich die post ab. Wir sollten schnell sein« 18:26

»Wein und Bier könnten ja als Einstand in die WG von dir kommen. Wenn du unten rauskommst, rechts um die Ecke ist ein Späti. Da findest du alles.«

»Ein was? – Gibt es keinen Supermarkt oder so?«

»Wenn du ein Auto hast, kannst du gern zum Supermarkt fahren. Wenn nicht, gehst du halt zum Späti. Die haben kaltes »Efes« und der chilenische Merlot ist gut trinkbar. Mach ansonsten lieber keine Experimente beim Wein!«

»Alles klar. Was »Efes« ist, werde ich dort ja sicher sehen. Das kenn ich nicht. Und den Wein werde ich schon finden. Wie weit?«

»So 300 Meter. Wie gesagt rechts rum.«

»Bis später. Sag mal: Das mit dem Flüchtlingslager von Bengt. Das ist bestimmt richtig hart, oder?«

»Ist sein Leben. Dazu will ich nichts sagen. Bis gleich.«

WhatsApp von Luke: »laeuft. Ist Patrick fertig? Kannst du ihn draufsetzen?« 18:27

WhatsApp an Luke: »sarah nimmt ein thread von mir. Ich nehme den transfer« 18:27

WhatsApp von Luke: »super. Ich schaus mir gleich an« 18:28

WhatsApp von Luke: »merci« 18:28

WhatsApp von Luke: »perfekt. Sag bescheid, wenn du unterstuetzung brauchst« 18:28

WhatsApp von Luke (Gruppe): »politik startet jetzt« 18:28

EINGEZOGEN

Dienstag, 02. April, 20.48 Uhr, WG-Küche, Martin, Victor

»Ey, Alter. Victor. Wer bist du?«

»Ich bin Martin. Ziehst du auch gerade in die WG?«

»Du auch? Funny. Ich hab von Sandra ja tolle Sachen über die WG gehört. Ich meine DIE WG, you know. Eigentlich müsste ich das gleich mal posten: »DIE WG« …«

WhatsApp an Victor: »bleibts bei elf heute abend?« 20:48

»Genau, DIE WG … ich hatte schon meine erste Begegnung vorhin. Bin ja auch erst heute angekommen.«

»Ich weiß nur, dass die anderen hier Oldies sind. Alle so älter als 30 oder so. Disgusting … das is ja nicht so mein Ding. Besser wär, wenn man auch mal gemeinsam abfeiert, aber bei den alten Leutchen hier, ist abends wohl eher smooth angesagt.«

WhatsApp von Victor: »smooth« 20:48

»Haha.«

»Die gucken doch bestimmt noch Fernsehen und so und ab halb elf sind die im Bett, weil sie ja morgen wieder früh raus müssen. Oh my gosh. Fernsehen ist so anti-mainstream.«

WhatsApp an Victor: »ist Mario dabei? Was mit Mad?« 20:48

»Luke und Micha hab ich vorhin gesehen, die sind okay. Was die Sitten hier in der WG angeht, bin ich mir noch nicht so sicher. Es gibt ja kein »Gemeinschaftszimmer« außer der Küche hier. Naja, du wirst sie ja alle gleich kennen lernen.«

»Hey, Wieso?«

WhatsApp von Victor: »kommt« 20:49

WhatsApp an Victor: »was geht?« 20:49

»Wir haben uns vorhin zum Essen verabredet und so gegen neun wollen alle hier sein.«

»Von mir aus. Wo ist denn der Fridge?«

WhatsApp von Victor: »alter, um elf, wie gestern« 20:49

»Warst du irgendwie ein Jahr in USA, oder so? … Fridge … da hinten in der Ecke mit der Kerze drauf. Findest du schon.«

WhatsApp Mad an Victor: »gleiche Besetzung?« 20:49

WhatsApp an Victor: »jo« 20:49

WhatsApp von Victor »was mit Flo und Mario?« 20:49

WhatsApp von Victor: »laeuft« 20:49

Snapchat an Victor: »willst du auch so eins?« 20:49

»Du bist nicht von hier, oder?«

»Nee, merkt man das?«

»By the Way: Eigenartiger Biergeschmack hier in der WG. Im Fridge steht nur Efes. … Woher kommt denn das Essen heute Abend? Hier: Top-10-Berlin, da findest du Mr. Wing ganz oben.«

»Mr. Wing, so was heben die vorhin erwähnt. Und Efes? Das hab ich grad für meinen Einstand hier geholt. In dem Kiosk hier um die Ecke gibts das kalt.«

»Oha, Kiosk. Aus welcher Sprache und welchem Zeitalter kommt dieses Wort? In Berlin ist das n Späti. Aber lass mal ...«

»Hat Luke auch gesagt. Ich hab das erst gar nicht verstanden.«

»Was Anderes: Was hat das mit der Kerze …?«

»Frag mich nicht. Ich weiß es auch nicht und bin holterdipolter Luke auf den Fuß getreten. Wird sich bestimmt aufklären. … Was war das mit Top-10?«

»Mmh … kennst du nicht? Hier, hab mich mal eingelogged.«

»Meinst du, dass es in der WG Schwierigkeiten geben wird?«

»Keine Ahnung. Wegen des Alters? You never know. Ich geh jedenfalls abends oft los oder hab Leute bei mir zuhause. Und das muss hier okay sein, auch wenn ich nachts bis fünf mit Kumpels zocke. Aber ist ja Altbau. Da sind die Wände nicht so dünn.«

WhatsApp an Victor: »bier vorher?« 20:50

»Stimmt, coole Wohnung, oder? Gemütliche Küche.«

»Ist mir ziemlich schnuppe. Ich mach mein Ding. You know. Mal sehen, wie lang ich hier bin. So Zeitungs-Jungs, ich weiß nicht, ob das was wird. Apps make the world go round.«

»Für wie lange hast du das Zimmer?«

»Keine Ahnung. Die haben mir gesagt, dass ich es erst mal haben kann, bis irgend so ein Typ aus dem Ausland wiederkommt. Das kann in drei Wochen sein oder später.«

WhatsApp von Victor: »bin in der wg, erster abend. Bier hier.« 20:50

WhatsApp an Victor: »schick mal n foto« 20:50

»Ja, stimmt. Was machst du?«

»Du meinst, wo ich …«

WhatsApp an Victor: »opa-bier?« 20:50

WhatsApp von Victor: »mal schaun« 20:50

»Die Jungs wollen ein Bild von uns. Musst aber blöd gucken. Ist auch schnell wieder weg. Snapchat speichert nicht. Los … come on …«

Snapchat von Victor: Foto 20:51

»Wo bist du her?«

»Berlin’s the place to be. Und du?«

WhatsApp Mad an Victor: »ungeduldig« 20:51

»Westfalen.«

»Klingt nicht grad nach Champions League. Musstest da weg, oder?«

»Wenn du wüsstest.«

WhatsApp von Victor: »in der Ruhe liegt die kraft, helmut kohl« 20:52

AUFGEBAUT

Dienstag, 02. April, 21.06 Uhr, WG-Küche, Martin, Victor, Micha, Sandra, Luke

»Hallo zusammen, Jungs. Na, da sind wir doch fast vollständig heute Abend. Du bist Victor, oder? Alien Nr. 2 heute.«

»Woher weißt du?«

WhatsApp an Victor: »wie war das mit opa-bier?« 21:06

»Martin habe ich vorhin schon getroffen. Und den Rest hier sollte ich nach mehr als 11 Jahren in der WG wohl kennen. Ich bin Micha. Wir haben das mit dem Schlüssel geregelt. Und Sandra kennt ihr ja.«

»Hallo Sandra.«

»Hallo Martin. Aber wir kennen uns noch nicht. Mit Victor habe ich alles per Mail und Telefon erledigt. Schön. Und übrigens: Schön, dass ausgerechnet du sagst, dass jetzt alle da sind, Micha. Eigentlich warten wir immer auf dich.«

WhatsApp von Victor: »efes« 21:06

»Tja, Sweets. ... Jetzt aber zu euch. Noch mal, Victor. Du bist nicht in der Akademie, oder Junge? Du fängst in einem der Ventures an?«

»Yes.«

WhatsApp an Victor: »respekt« 21:06

»Martin, dein Einstand?«

»Stimmt, war um die Ecke im Kiosk, ach nee, im Späti und hab ne Ladung Efes geholt. Moment, … – peng – ist hier im Kühlschrank.«

WhatsApp an Luke(Gruppe): »sind durch. Ich mach schluss« 21.07

»Cheers, Willkommen in unserer WG. Eine gute Zeit mit uns.«

»So förmlich, Alter, aber fettes Thanks.«

WhatsApp von Luke (Gruppe): »schoenen Abend. Bis uebermorgen« 21:07

»Martin. Micha und Luke hab ich heute Nachmittag gesehen. Und Victor findet, dass das mit dem Zusammenleben sicher schwierig wird.«

»Echt? Guter Einstand.«

WhatsApp an Luke (Gruppe): »danke. Morgen bin ich nicht da. Dir auch einen schoenen abend« 21:08

WhatsApp von Victor: »dauert nich mehr lang hier« 21:08

»Naja, wir werden ja sehen wie die Oldies hier mit uns klarkommen. Wir haben ja einen etwas anderen Rhythm.«

»Erzähl mal, Victor. In was für einem Venture bist du?«

»In einem der Ventures des Verlags, you know. Im Februar hab ich meinen Bachelor fertig gebaut. Erst mal arbeiten. Hab Mediengestaltung studiert, thats it. In meinem Praktikum im letzten Sommer habe ich gemerkt, dass die Programmierung von Anwendungen richtig geil ist. Würd gern was Eigenes entwickeln. Aber jetzt hab ich erst mal diesen Job, you know.«

»Klingt cool. Ich weiß zwar nicht, was ihr da macht, aber wenn eine App auf meinem Tablet funktioniert, dann macht mir das immer tierischen Spaß.«

WhatsApp an Luke: »beim transfer geht die post ab. Bin bei nr. 35« 21:09

»Gehts dir auch so Sandra? Mir auch.«

WhatsApp von Luke: »35? Wie viel gehen raus?« 21:09

»Haha, Martin. Da bin ich ja froh, dass ich nicht der einzige Dino hier bin.«

»Eigentlich wollte doch E.T. dazu kommen, oder?«

»E.T.? Wer …?«

»E.T. ist unterwegs, wohnt seit ein paar Jahren hier in der WG und ist seit einem Jahr stellvertretender Ressortleiter für Wirtschaft. Einige wären nicht unfroh, wenn er weiter aufsteigen würde, damit das Ressort wieder etwas mehr an Gewicht gewinnt. Im Moment sind wir da nicht so …«

»Luke, lass es, Junge. Lass die Jungs langsam in unsere Themen hier reinwachsen. Die außerverlagliche Opposition, die wir hier diskutieren, muss man langsam verstehen lernen.«

»Aye, Käpt’n Micha.«

WhatsApp an Luke: »jetzt sind es 39 – ein user gesperrt und drei kommentare raus. Alle anderen sind ok« 21:10

»Ich machs kurz, Jungs. Micha, ich bin CvD im Verlag für unser Flaggschiff. Ihr habt gemerkt, dass ich die WG auf Wohnungsseite manage. Auf Verlagsseite macht das ja Sandra. Bin seit mehr als 11 Jahren hier und irgendwie hier hängen geblieben. Mit unserem Ur-Vater Rob, eigentlich Robert, habe ich fast drei Jahre zusammengewohnt. Wir sind hier etwas traditionell orientiert, wenn es um den Geist der WG geht. Das werdet ihr schon merken! Martin hat ja …

... es klingelt …

… noch mal. Martin hat vorhin eine erste Tageslektion bekommen.«

»Kommt noch jemand?«

»Nee, das ist das Essen. Ich mach das.«

»Hast du bei Mr. Wing bestellt, Luke?«

»Nee, aber Micha.«

(Luke geht zur Tür)

WhatsApp an Luke: »fertig. Bin weg« 21:12

»Luke hat wieder seinen männlich herben Geschmack durchgesetzt. Er liebt Efes und den Merlot. Dass wir eine Weißweintrinkerin heute Abend dabeihaben und andere auch das Berliner Pilsener gut finden, hat ihn noch nie interessiert, Junge. Ah, da kommst du ja.«

(Luke ist wieder in der Küche, jetzt mit einer Wagenladung asiatischen Essens)

WhatsApp an Luke: »bist du durch?« 21:12

»Aber, dass du bei Wein und Bier schön an dich gedacht hast, haben wir jedenfalls auch bemerkt. – Und sag mal, kannst du das Ding nicht mal abschalten? Jetzt ist mal gut.«

»Kann ich. Und stimmt, Sandra, du bist ja heute Abend auch da. Keine Sorge. Da ist noch ne Flasche Weißwein. Zwei, drei Nachrichten nur.«

»Wenn es die da im Regal ist, ist die aber nicht kalt.«

»Das machen wir hier ganz amerikanisch mit Eiswürfeln. Kennst du doch.«

»Mal wieder Schorle.«

»Nee, nur eisgekühlter Weißwein. Guck nicht so …«

»Junge, erzähl doch weiter, was du machst.«

WhatsApp von Luke: »ja, bin durch. Mach schluss für heute. Hab besuch hier« 21:13

»Ich komme aus Westfalen, bin seit vier, nee fünf Tagen in Berlin und hab gestern in der Akademie im neuen Jahrgang angefangen.«

»Und er will ins Feld.«

»Wirklich, Martin? Erzähl mal.«

»Ooh Sandra, das ist doch viel zu früh. Aber ja, Ausland, das wär mein Ding, glaub ich.«

»Erfahrung?«

WhatsApp von Luke (Gruppe): »kann ich euch allein lassen? Haben besuch. Bis morgen« 21:13

»Tja, Micha, ich war noch nirgendwo. Ein Volontariat hat vor der Bewerbung und Aufnahme in die Akademie nicht geklappt. Ich gehe quasi aus dem Nichts auf die Akademie.«

WhatsApp an Luke (Gruppe): »ok. Bis morgen. Lass es dir schmecken« 21:14

WhatsApp an Luke (Gruppe): »claro. Cu« 21:14

»Dass das heute noch funktioniert. Ich dachte, dass die Aufnahmebedingungen bei euch härter sind, Sandra.«

»Hör mal Luke, die Aufnahmebedingungen sind schärfer als an vielen Unis. Es wird wohl wieder Zeit, dass ich euch etwas Nachhilfe in Sachen Nachwuchsarbeit gebe. Ich hab Martin damals bei einem Telefonat gesagt, dass es so laufen kann. In jedem Jahr kommen drei oder vier neue Studenten in den Kurs, die keinerlei Redaktionserfahrung mitbringen. Und Martin war einer dieser Kandidaten. Wer ohne Vorbildung bei uns aufgenommen werden will, muss mit seinen Stücken, die er abgibt, überzeugen. Offensichtlich hat Martin das.«

»Guten Appetit allerseits.«

»Dito.«

»Luke, ist deine Maschine jetzt aus?«

»Yesss, Mam.«

»Was is daran so schlimm? Off is doch out, you know?«

WhatsApp an Luke: «komisch der fascho ist immer noch drin. Wolltest du da nicht aufräumen?« 21:19

»Kann sein, Victor. Aber abends nach 21 Uhr kann zumindest der Job ruhen.«

»Wir sind irgendwie nie off. Meine Kumpels fragen um 2 Uhr nachts, wo ich grad bin. Thats normal.«

»Martin, worüber hast du eigentlich geschrieben, Junge?«

SMS Mama an Martin: »Du musst aber auch wirklich anrufen. Bitte.«

»Ich habe drei oder vier Beiträge eingereicht. Irgendwas ist in der Schulzeitung bei uns erschienen. Und ein Beitrag hieß »Grenzen der Wahrheit«. Ging über die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr beim Abi …

WhatsApp an Victor: »seid ihr on?« 21:21

… für die Schulleitung ein gelungenes Experiment. Wir fanden das nicht so gut. Am Ende gab es natürlich nur Gewinner. Und das trotz totaler Wettbewerbsverzerrung. Einige meiner Mitschüler hat das ihren NC für das Studium gekostet.«

WhatsApp von Victor: »gleich. Meet um elf« 21:22

»An den Aufsatz erinnere ich mich sogar. Hast du den irgendwo veröffentlicht?«

»Nee, die Schulzeitung hat den Beitrag nach meinem Abitur nicht angenommen. Auch so ein Beitrag zum Thema »Grenzen der Wahrheit«, oder? Aber das ist ein anderes Kapitel.«

»Schule ist echt so ein eigener Kosmos, Junge.«

»Du meinst wie eine Redaktion? Unser neues Strategiepapier spricht von Newsdesk und alle finden es toll. Riesenraum, Wahnsinns-Technik, Einrichtung wie ein Fernsehstudio. Der Vorstand macht ein Heiden-Tam-Tam. Und wir? Wir sollen dort sitzen und arbeiten. Unsere Themenfindung, das Nachdenken zu einem Thema, die Recherche haben keinen Platz mehr. Muss es ja auch nicht, weil wir ja Main-Stream-Content liefern.«

»Du redest dich in Rage, Luke.«

»Leute, ich bin verabredet, you know. Ich klink mich dann mal aus. Thanks fürs Essen. Und ein Bier gebe ich gern in den kommenden Tagen einmal aus. See you.«

»Bis dann, Victor.«

»Aah ja, eigener Rhythmus.«

»Verabredet? Wieso geht er dann in sein Zimmer?«

»Verabredet zum Zocken. Man spielt mit seinen Kumpels von überall und verabredet sich dazu. Dabei ist man über Kopfhörer und Micro verbunden und – peng – macht zusammen die »Strategie«.«

»Das hast du aber nett ausgedrückt, Martin.«

»Naja, was so ein echter Mediengestalter ist, der wird einen guten Teil des Tages vor und mit seiner Kiste verbringen, oder?«

GEBILDET

Dienstag, 02. April, 23.12 Uhr, WG-Küche, Martin, Micha, Sandra, Luke

»Ist doch gerade in Mode: Fake News. Wie willst du die immer so schnell erkennen, Junge? Dazu kommt noch, dass wir auch eine neue Geschichte erkennen und im besten Wortsinn »ausdenken« sollen. Und das ohne Ruhe zum Denken? Da läuft etwas falsch bei uns im System. Bei aller Anerkennung für Synergien, Zusammenlegung von Arbeitsplätzen, Effizienz und einer Neuausrichtung der Medienlandschaft ist es doch so, dass die Redaktionen weiterhin den Content liefern sollen.«

»Bei einem Freund von mir in der Bank ist das Alltag seit 20 Jahren. Fällt euch das nicht schwer? Sich konzentrieren, einen Text schreiben und nebenan telefonieren drei Leute, unterhalten sich und so?«

»Klar.«

»Naja, ich kann ja zum Alltag in der Redaktion noch nichts sagen.«

»Warts ab. Du kommst schnell genug in die einzelnen Ressorts und ihr werdet eure praktischen Einheiten im Verlagsgebäude absolvieren. Das ist doch das Tolle an der Ausbildung, dass es nicht ein abgehobenes Studium ist, sondern ihr alles live erlebt und sofort umsetzen müsst.«

»Ist ja alles ganz gut. Mal sehen … Sandra, von dir weiß ich immer noch nichts.«

»In der Akademie arbeite ich seit etwa fünf Jahren. Damals hab ich mich zwei Jahre nacheinander für ein Studium beworben. Leider bin ich in beiden Anläufen nicht genommen worden. Ich sage leider aus damaliger Sicht. Heute bin ich froh über die letzten Jahre. Ich bin die Nanny der Akademie. Wenn ich mir anschaue, was sich verändert, muss ich sagen, dass der Job heute nur sehr wenig mit dem zu tun hat, was ich mir damals vorgestellt habe. Ich hatte Deutsch als Leistungskurs. Für mich war es selbstverständlich, dass ich schreiben wollte. …

Sag mal Luke, hast du noch ein Glas amerikanischen Weißwein für mich? …

Ich hatte immer den Eindruck eine gute Schreibe zu haben. Das hat meine Mutter auch immer gesagt. Aber Schreibe für die Schule und schreiben für die Zeitung ist etwas sehr Anderes. Ich kann das heute so sagen. Es ist alles gut. Ich bin kuriert von dem Gedanken schreiben zu wollen. Und noch was ist super an meiner Entscheidung. Ich habe ein Leben außerhalb des Jobs. Und das, obwohl ich für meine Studenten wirklich alles tue. Wenn ich mir die Jungs hier in der WG so ansehe, dann muss ich sagen, dass das nicht immer der Fall ist.«

»So schlimm sind wir auch nicht.«

»Wenn Micha an vier Abenden in der Woche nicht aus dem Verlag kommt und wir drei Mal unseren Kinobesuch verschieben oder ein Essen mit Freunden mehrfach absagen, dann erkläre mir, was daran normal ist.

Du wolltest mir den Weißwein geben ...

Der Job erwartet heute vieles, das weiß ich. Aber Social Life findet auch außerhalb von Social Networks statt. Ich glaube nicht, dass das bei vielen Journalisten der Fall ist.«

»Sandra …«

»Nimm allein die WhatsApps, die du hier haufenweise am Abend bis nach 21 Uhr bekommst. Wenn wir heute nicht in der Runde sitzen würden, würde es wahrscheinlich immer noch gehen, oder?«

»Klar. Ich glaube, dass Patrick sich nicht losreißen konnte von den vielen Kommentaren, die heute Abend zu einem neuen Thema reingekommen sind.«

»Es geht nicht ums Losreißen. Es geht um Verantwortung. Vor allem sich selbst gegenüber. Die leidet bei euch.«

»So pauschal kannst du das nicht sagen, Sweets.«

»Klar kann ich das. Du bist doch das beste Beispiel. Du machst das nicht mit WhatsApp, Micha. Du sitzt entweder im Büro oder an deinen Mails und bekommst Nachrichten vom Newsdesk. Und das auch nach neun.«

»Du meinst, das mit dem Traumberuf ist gar nicht so?«

»Martin, wach auf und sieh dich um. Wo ist der Traumberuf geblieben, den sich viele Journalismus-Studenten, Volontäre, Praktikanten in Verlagen so ausmalen? Womit wird heute Geld verdient in der Branche? Wie viele fest angestellte Kollegen gibt es und wie viele werden es in drei, in fünf und in zehn Jahren sein?«

»Sandra, so schwarz darfst du das Bild aber auch nicht malen.«

»Doch, Luke. Ihr seid in Positionen, die für viele der heute neu einsteigenden Kollegen nicht mehr erreichbar sein werden. Das gilt übrigens auch für Bengt. Was der für eine steile Karriere gemacht hat. Echt Wahnsinn. Würde mich nicht wundern, wenn er bald eine neue Aufgabe angeboten bekommt.«

»Der will das doch gar nicht. Ich kann mir Bengt im Büro nicht vorstellen. Nach zwei Wochen wird der doch wieder unruhig.«

»Ob er das da, wo er jetzt ist, auch hat?«

»Du meinst in dem Lager, Martin?«

»Ja. Wird man da auch unruhig? Und warum nur im Büro?«

»Kann ich mir nicht vorstellen, dass er dort so ist wie hier. Ich glaube, dass er mit der ständigen Anspannung, die dort herrscht, sehr gut umgeht, Junge. Bei unserem letzten Skype-Talk machte er einen ganz ausgeglichenen Eindruck.«

»Vordergründig. Oder, Micha?«

»Wer will das schon sagen. Wann zeigst du dich, wie du bist und wann nicht?«

»Noch mal zu dem, was ich eigentlich sagen wollte.«

»Stimmt, … Sandra ...«

»Ich frage mich, wie lange wir noch Ressorts in den Zeitungen haben? Keine Ressorts, keine Ressortleiter und keine stellvertretenden Ressortleiter. Stattdessen Teams, am besten dezentralisierte Teams, die von internationalen Standorten aus die Themen zusammenführen und zu unterschiedlichen Tageszeiten arbeiten können. Wir hatten da neulich einen Vortrag an der Akademie, den ich mir angehört habe. Das klang alles nicht mehr nach der Zeitung, in die ihr einmal eingestiegen seid.«

»Der Nachwuchs lernt es ja von vornherein diesem Level.«

»Aber, Sweets, das ist doch in Banken, den großen Anwaltskanzleien oder bei einer Versicherung auch nicht anders. Kontinuität – das war einmal.«

»Du meinst die Transformation der ehemaligen Teams. Ich kann euch sagen: Alles neu macht der Berater.«

»Mit dem einzigen Unterschied, dass Verlage keine Berater haben. Wir können das ganz gut alleine.«

»Haha …«

»Lasst uns zu etwas Erfreulicherem kommen, Jungs. Wie geht es in der WG weiter, nachdem Martin und Victor eingezogen sind?«

»Stimmt, wollte ich vorhin schon von Micha wissen. – Rutsch mal eben zur Seite.«

»Also … Victor hat einen befristeten Mietvertrag von erst mal drei Monaten. Wir wissen nicht, wann Bengt zurückkommt. Aber wir haben mit ihm vereinbart, dass er immer ein Zimmer hier frei hat. In ein paar Tagen soll ein Volontär einziehen, der für vier Monate einen Vertrag hat.«

»Willkommen Abwechslung. Hat der Verlag eigentlich eine eigene App zur Vermietung der Zimmer hier in der WG? Bei dem Wechsel …«

»Haha, nee, das mache ich noch ganz Old School. Anruf und Nachfrage.«

»Wie sehen eure Pläne in den kommenden Tagen aus?«

»Sandra und ich fahren über Ostern acht Tage weg. Es geht nächste Woche Mittwoch los. Oster-Dienstag sind wir zurück.«

»Wo fahrt ihr hin?«

»In die Dolomiten.«

»Aha, in das Medienreich Berlusconis.«

»Um den wird es ja glücklicherweise wieder etwas ruhiger.«

»Das sagst du. Was die Medien angeht, bekommen wir derzeit nur nicht so viel mit. Schau die Media-Watch-Pages an. Da fällst du von einer Ohnmacht in die nächste.«

»Ich bleibe hier und lerne Berlin kennen.«

»Viel Spaß. Über Ostern triffst du hier keine Berliner. Nur Touristen. Das ist fast so wie in Rom. Ich bin hier. Unsere Abteilung macht über Ostern nicht zu und wenn die Leute an den Feiertagen viel Zeit haben, dann ist sicher in den Communities viel los. Außerdem arbeite ich an einem neuen Konzept, in dem wir mehr Blogs zu einzelnen Themen zusammenfassen und bündeln können. Ich will damit an den Feiertagen etwas weiterkommen.«

»Was macht E.T.?«

»Der wollte seine Mutter in Westdeutschland besuchen, irgendwo in Schleswig-Holstein.«

»Lasst uns Schluss machen für heute. Es ist halb eins durch. Unser Youngster muss morgen früh raus.«

»Dachte ich es mir doch, dass da noch eine Spitze kommt.«

»Wer räumt auf?«

»Lucky Luke.«

»Bin ich dran?«

»Bonna Notte.«

EINGESCHENKT

Mittwoch, 03. April, 08.30 Uhr, Akademie, Unterricht bei Ansgar Anspach

»Guten Morgen, mein Name ist Ansgar Anspach. Ich bin Ihr Dozent in Medienethik. Bevor ich Sie frage, was derzeit das wichtigste Thema im Journalismus ist, will ich Ihnen etwas Zeit zum Nachdenken geben.

Schauen wir uns doch einmal Ihre Gruppe etwas genauer an. 12 Damen und neun Herren bilden in etwa ab, wie der journalistische Nachwuchs heute aufgestellt ist. Ein leichter Frauenüberschuss ist erkennbar. Wir haben alle Altersklassen von 18 bis 32 Jahren dabei.

Wer von Ihnen ist 18 und 19? – Wer ist über dreißig? – Sie sehen, dass der obere und der untere Rand in der Altersspreizung mit je drei Studenten gleich besetzt ist.

Wie ich aus meinen Unterlagen sehe, … haben vier von Ihnen ein abgeschlossenes Politikstudium, wir haben zwei Bachelor in Soziologie, einen Bachelor Amerikanistik, einen Juristen, zwei Mal Lehramt mit unterschiedlichen Fächerkombinationen, macht summa 10 abgeschlossene Studiengänge, drei abgebrochene Studien und sieben Ersties.

Was haben wir noch? Ach ja.

18 von Ihnen haben in unterschiedlichen Redaktionen gearbeitet, ein Volontariat gemacht oder als Praktikanten gearbeitet und drei von Ihnen haben keine Schreiberfahrung. Nun ja, hoffentlich wird es für Sie drei gut gehen.

Ich sehe, dass neun von den 18 mit praktischer Erfahrung schon bei uns im Haus waren. Stimmt, Frau Merklin habe ich kennengelernt. Sie waren im späten Herbst bei uns im Haus, nicht wahr?«

»Im November in der roten Redaktion für ein Praktikum und im Januar in diesem Jahr auch noch bei einem zweiten Titel aus dem Haus.«

»Das überrascht mich. Praktika werden bei uns nur einfach vergeben. Wir wollen ja schließlich viele mögliche Kandidaten kennenlernen und uns diese anschauen. Sie scheinen sich in beiden Stationen gut angestellt zu haben, sonst wären Sie ja nicht hier.

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