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Gefährlich tiefe Sehnsucht

1. KAPITEL

Genug war genug! Auf die eine oder andere Weise würde diese Angelegenheit heute ein Ende finden.

Rosalyn Oakley näherte sich der hohen holzgeschnitzten Flügeltür, die zu Joc Arnauds Allerheiligstem führte, und blieb kurz davor stehen, um sich zu sammeln. Sie atmete tief durch. Ganz ruhig bleiben, sagte sie sich. Sie würde es schon schaffen! Sie brauchte sich nur daran zu erinnern, wie viel auf dem Spiel stand. Außerdem hätten die Sicherheitsleute sie bestimmt nicht bis hierher gelassen, wenn Arnaud nicht damit einverstanden wäre. Obwohl ihr gar nicht danach zumute war, lächelte sie. Vielleicht war er genauso neugierig wie sie, vielleicht wollte er endlich der Frau begegnen, die nicht nachgab. Genau wie sie neugierig auf den Mann war, der niemals aufgab.

Dieser Gedanke machte ihr Mut, und sie stieß die Türen auf. Als sie über die Schwelle zu Arnauds Konferenzraum schritt, betrat sie gleichzeitig eine andere Welt. Lange getönte Glasscheiben umgaben sie, die einen verwirrenden Blick auf die City von Dallas boten. Die Luft hinter den Fenstern flimmerte in der Hitze, während im Büro alles kühl, klar und ausgeglichen wirkte.

Die Möbel und die Ausstattung waren vom Feinsten, und eine Menge Leute hatten sich eingefunden.

Vor Rosalyn erstreckte sich ein langer Konferenztisch mit einer Einlegearbeit, dessen Oberfläche aus verschiedenen Holzarten bestand und die in allen möglichen Farbtönen schimmerte. Der Schreiner hatte die verschiedensten Holzarten kombiniert, angefangen von dunklem Mahagoni über rötliche Eiche bis zu getönter Kirsche. Rosalyn erkannte kein Muster, doch sie hatte keine Gelegenheit, das zu überprüfen. Schließlich saßen mehrere Dutzend Leute um den Tisch herum, und jede Menge Papiere lagen darauf verstreut.

Bei ihrem Erscheinen richteten sich alle Blicke auf sie. Rosalyn musterte jeden der Anwesenden, um herauszufinden, wer von ihnen wohl Arnaud war. Einen Augenblick lang betrachtete sie die Person am Kopfende genauer, bevor sie den Blick weiterschweifen ließ. Dann entdeckte sie den Mann, der neben dem Tisch stand, und konzentrierte sich auf ihn. Er lehnte sich gegen ein Sideboard und hielt eine Tasse mit dampfendem Kaffee in der Hand.

Dieser Mann sah einfach aus wie ein Geschäftsführer, angefangen von den teuren Schuhen bis zu dem schwarzen maßgeschneiderten Anzug, der seine beeindruckend breiten Schultern betonte. Er war mindestens zwanzig Zentimeter größer als Rosalyn und sehr muskulös. Sie hob den Kopf und betrachtete ihn unter dem Rand ihres Stetsons hervor. Wegen seiner Größe war sie gezwungen, zu ihm aufzusehen, was ihr das Gefühl gab, leicht im Nachteil zu sein.

Der Blick dunkler Augen war auf sie gerichtet. Sein Gesicht beeindruckte sie sehr. Hohe Wangenknochen und ein bronzefarbener Teint verrieten deutlich, dass seine Vorfahren amerikanische Ureinwohner gewesen sein mussten. Sein Haar war schwarz und etwas länger als üblich. Seiner Ausstrahlung nach zu urteilen, musste dieser Mann einfach Joc Arnaud, der Oberboss, sein.

Offen erwiderte er ihren Blick und musterte sie dabei abschätzend, was aber in keiner Weise wertend wirkte. Dann hob er eine Augenbraue. „Haben Sie sich verlaufen?“

„Im Gegenteil. Ich bin vollkommen richtig.“ Sie ging auf ihn zu. „Wissen Sie, wer ich bin?“

„Rosalyn Oakley“, antwortete er sofort. „Achtundzwanzig Jahre alt. Geboren am fünften April. Alleinerbin der Longhorn-Ranch.“ Ein kühles Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Womit wohl ich ins Spiel komme. Sie besitzen die Ranch. Ich will sie haben.“

Diese rasche Zusammenfassung der Tatsachen brachte sie aus dem Konzept, was er zweifellos damit bezweckte. Doch Rosalyn erholte sich rasch und machte ebenfalls einen Vorstoß. „Ihre beiden Handlanger haben mir gerade mal wieder einen Besuch abgestattet. Nun, diesmal erweise ich Ihnen die Ehre.“ Sie warf einen Blick auf die Herren in Anzug und Krawatte, die am Konferenztisch saßen und mit lebhaftem Interesse zuhörten. Rosalyn wies mit dem Kopf in ihre Richtung. „Wollen Sie das in der Öffentlichkeit bereden? Oder würden Sie unsere Differenzen lieber unter vier Augen klären?“

Ohne den Blick von ihr zu wenden, sagte er nur ein Wort: „Raus.“

Das unvermittelte Rascheln von Papieren und die allgemeine Aufbruchsstimmung, die daraufhin sofort einsetzte, hätte Rosalyn unter anderen Umständen vielleicht zum Lachen gereizt. So würdevoll wie nur möglich verließen Arnauds Untergebene den Raum. Nachdem sich die Tür hinter dem Letzten geschlossen hatte, wandte Rosalyn sich wieder Arnaud zu. Den ganzen Weg von Dallas hierher hatte sie sich überlegt, was sie ihm sagen würde. Und nun legte sie los.

„Sie sind auf mich zugekommen – oder eigentlich sind Ihre Angestellten auf mich zugekommen, damit ich Ihnen meine Ranch verkaufe. Ich bin jedes Mal sehr höflich geblieben, wenn sie vor meiner Tür auftauchten. Ich habe ihnen so klar und deutlich wie möglich Nein gesagt. Jetzt sind wir aber an einem Punkt angelangt, an dem ich mich nicht mehr umdrehen kann, ohne über sie zu stolpern. Das muss aufhören. Und dafür müssen Sie sorgen.“

Zu ihrer Bestürzung reagierte er kaum auf ihre Worte, er musterte sie lediglich intensiver. Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, sein sowieso schon gut aussehendes Gesicht wirkte mit einem Mal noch attraktiver. Das lenkte Rosalyn ab, und sie brauchte eine Sekunde, um sich daran zu erinnern, wo sie gerade stehen geblieben war.

„Jedenfalls“, meinte sie hartnäckig, „bin ich jetzt persönlich hier, um Ihnen zu sagen, dass ich nicht verkaufe. Und ich hoffe, Sie verstehen die Botschaft endlich und lassen mich in Ruhe. Mir ist egal, was Sie tun und wie viele Schläger Sie schicken, ich werde mein Land nicht verlassen.“

Nachdem sie geendet hatte, stellte er seine Kaffeetasse auf das Sideboard und schaute Rosalyn an. Seinem Gesichtsausdruck nach würde ihr seine Antwort nicht gefallen. Doch bevor er zu einer Entgegnung ansetzen konnte, klingelte das Telefon. Arnaud entschuldigte sich kurz und nahm den Hörer ab. „Keine Unterbrechungen“, sagte er ohne Einleitung. Er hörte einen Augenblick lang zu, bevor er den Mund verzog und zu Rosalyn sagte: „Es dauert nur eine Minute.“

„Wollen Sie, dass ich draußen warte?“, fragte sie höflich, obwohl sie eigentlich keine Lust dazu hatte.

Stumm schüttelte er den Kopf und wandte sich dem Anrufer zu. „Hallo, MacKenzie. Was kann ich für meine nervige Schwester tun?“

Rosalyn hörte am anderen Ende der Leitung ein wütendes Schimpfen und zuckte zusammen. Da war wohl jemand nicht gerade erfreut.

„Tut mir leid. Halbschwester. Ist das besser?“ Offensichtlich war das nicht der Fall, denn die Gesprächspartnerin fluchte lautstark, bis er ihr das Wort abschnitt. „Wenn ich mich nicht täusche, rufst du an, um mich um einen Gefallen zu bitten. Statt alte Geschichten aufzuwärmen, schlage ich vor, du kommst zum Punkt.“

Er hörte geraume Zeit zu, und sein erbitterter Gesichtsausdruck ließ Rosalyn erschaudern. Hatte er wirklich ein so schlechtes Verhältnis zu seiner Schwester? Das verstand sie nicht. Was war denn dabei, wenn sie Halbgeschwister waren? Familie war schließlich Familie. Etwas Schlimmes musste zwischen ihnen vorgefallen sein, wenn es zu einem ernsthaften Bruch gekommen war.

„Ich verkaufe nicht, MacKenzie, und das ist mein letztes Wort. Deine Mutter hat den Vertrag unterschrieben, und wenn du mit Merediths Entscheidung nicht zufrieden bist, schlage ich vor, du machst das mit ihr aus.“ Er lächelte frostig. „Zumindest können du und meine Brüder – entschuldige, Halbbrüder – sich damit trösten, dass der Besitz immer noch in der Familie ist, wenn auch im illegitimen Zweig.“

Damit legte er auf. Rein äußerlich wirkte Arnaud ruhig und gefasst, doch Rosalyn bemerkte, dass er innerlich alles andere als das war. Als er sie ansah, begegnete sie seinem Blick mit erhobenem Kopf. Langsam schien sein Ärger zu schwinden. Jedenfalls klang Arnaud wieder beeindruckend gelassen. „Wir sollten vielleicht noch einmal ganz von vorne anfangen und es diesmal richtig machen“, sagte er und streckte die Hand aus. „Joc Arnaud.“

Eine Sekunde lang zögerte sie, dann gab sie nach. „Rosalyn Oakley.“

Als er ihre Hand ergriff, schien der Konferenzsaal mit einem Mal sehr klein und eng zu werden. Alles an Joc war überwältigend. Sein fester Händedruck, seine Stärke, seine Größe, die natürliche Ausstrahlung. Selbst der frische männliche Duft, der ihn umgab, bezauberte Rosalyn so sehr, dass sie sich beinah willenlos vorkam.

In seiner Nähe fiel ihr das Atmen plötzlich schwer, denken konnte sie auch nicht mehr klar. Doch sie wollte nicht derartig auf einen Fremden reagieren, besonders nicht, wenn dieser Fremde der personifizierte Albtraum war – oder schlimmer. Leider hatte er ihr gerade ohne jeden Zweifel bewiesen, dass sie keine Kontrolle über ihre körperliche Reaktion auf ihn hatte. Vielleicht wäre es einfacher, wenn er nicht so verflixt hinreißend wäre. Sie hatte zwar bisher gelegentlich mit hinreißenden Männern zu tun gehabt, doch was diesen Mann anging … Er hatte etwas Besonderes, das sie irritierte.

Sein Gesicht.

Dieses Gesicht strahlte männliche Stärke und Überlegenheit aus. Die meisten Männer hielten wahrscheinlich vorsichtig Distanz zu Arnaud, während er Frauen sicherlich wie magisch anzog. Jocs Gesicht war das attraktivste, das sie je gesehen hatte. Schlimmer noch, unter seiner Härte schien eine leidenschaftliche Sinnlichkeit zu lauern, die Rosalyn nicht nur reizte, sondern richtiggehend herausforderte.

Was war ihr doch noch gleich über diesen Mann erzählt worden? Schwarze Augen, schwarze Haare, schwarzes Herz. Warum nur hatte niemand sie vor der tiefschwarzen Sehnsucht gewarnt, die er mit einer einfachen Berührung auslösen konnte?

Er hielt weiterhin ihre Hand fest. „Ich will die Longhorn-Ranch kaufen. Was ist nötig dafür?“

Diese Frage genügte, um den Bann zu brechen. Sie zog ihre Hand zurück. Rasch trat Rosalyn außerdem einen Schritt zurück, um wieder Raum zum Atmen zu bekommen. Dabei war ihr egal, ob sie Joc dadurch einen leichten Vorteil verschaffte. Er zog sie in ein gefährliches Spiel. Abstand war deshalb im Augenblick wichtiger, als einen Verhandlungsvorteil zu gewinnen.

„Ich werde es Ihnen leicht machen, Arnaud. Ich verkaufe nicht.“

Mit einer Geste tat er ihren Kommentar ab, als wäre er völlig belanglos. „Ich glaube nicht, dass Sie die Situation verstehen. Ich gewinne. Immer. Egal, was dazu nötig ist.“

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Dennoch bemühte sie sich, ihre Gefühle nicht zu zeigen. „Diesmal nicht.“

„Immer.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Erklären Sie mir, warum Sie so dickköpfig sind. Ich habe Ihnen schließlich ein großzügiges Angebot gemacht, oder nicht?“

Ungläubig sah sie ihn an. Dann nahm sie den Hut ab und warf ihn auf den leeren Konferenztisch. „Hier geht es nicht um Geld! Das Land gehört meiner Familie, seit Texas ein Staat wurde. Ich werde es niemals verlassen, außer in einem Sarg.“ Sie neigte leicht den Kopf. „Ist das etwa Ihr Plan, um das Land zu stehlen, Arnaud? Werden Ihre Schläger tatsächlich so weit gehen, oder dürfen sie lediglich drohen?“

„Ich wende nie körperliche Gewalt an.“ Er runzelte die Stirn. „Haben sie Sie angefasst? Ihnen in irgendeiner Weise Schaden zugefügt?“

„Eigentlich hat mich keiner von ihnen berührt, aber …“ Sie zuckte die Schultern und dachte an die versteckten Drohungen, die sowohl in den Worten als auch in den Blicken enthalten gewesen waren. „Solche Männer sagen viel, ohne dass sie es aussprechen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Ich werde mich darum kümmern. Gewalt ist nie notwendig. Warum auch? Jeder hat seinen Preis.“ Abschätzend musterte er sie. „Nennen Sie mir Ihren.“

„Ich habe keinen Preis“, beharrte sie.

Er wirkte leicht belustigt. „Natürlich haben Sie einen. Das ist Ihnen nur noch nicht bewusst. Aber keine Sorge, ich werde Ihre Schwäche finden. Sobald das geschehen ist, werden Sie verkaufen.“

Während er sie siegessicher anlächelte, stockte Rosalyn der Atem. Wie war es bloß möglich, dass sie glaubte dahinzuschmelzen, wenn ihr gleichzeitig das Blut in den Adern zu gefrieren schien? Als stünde sie einem Grizzlybären gegenüber! Man bewunderte die Kraft und Schönheit des Tieres, wollte den erhabenen Anblick in sich aufnehmen und wusste dabei genau, wie gefährlich es war. Mit einem einzigen Prankenhieb konnte der Bär einen auslöschen.

Sie schluckte. „Und wenn ich nicht verkaufe? Was dann?“

„Ich erhöhe den Preis, bis Sie es tun.“

„Und wenn das nicht funktioniert?“

Ihre Stimme klang besorgt und unsicher. Verflixt! Sie konnte sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Nach seiner Miene zu schließen, hatte sie das aber gerade getan. Na großartig. Wirklich großartig. Nachdem er jetzt einen Hinweis auf eine Schwachstelle entdeckt hatte, würde er niemals aufgeben.

Wieder lächelte er sie an. „Es gibt immer einen Weg, um zu bekommen, was man will, wenn man nur geduldig ist. Man muss nur die Möglichkeit finden, die am besten funktioniert. Ich probiere eben so viele Schalter aus, bis ich den richtigen finde.“ Er tat einen Schritt in ihre Richtung und war jetzt nur noch dreißig Zentimeter von ihr entfernt. „Ich schätze, Sie werden mir nicht verraten, welcher Schalter bei Ihnen am besten funktioniert?“

Er war zu nah. Viel zu nah. Mehr als alles andere wollte sie zurückweichen. Stattdessen blieb sie wie gebannt stehen. „Ganz bestimmt nicht“, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann werden Sie also Ihre Schläger nicht zurückpfeifen? Sie werden mich weiterhin belästigen?“

„Ich pfeife sie zurück. Sie werden Sie nicht länger stören, das verspreche ich. Was das Belästigen anbelangt …“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist so ein negativer Ausdruck. Ich finde, sich besser kennenlernen trifft es besser.“

Sie blinzelte. „Warum sollten Sie mich besser kennenlernen? Warum sollte ich das wollen?“

Diese Frage schien ihn zu überraschen. „Um in eine günstigere Verhandlungsposition zu kommen, natürlich.“

Das reichte. „Ich bin nicht mehr daran interessiert, Sie besser kennenzulernen, als ich an der Bekanntschaft mit einer Klapperschlange interessiert bin. Und ich verhandle weder mit Schlangen noch mit Ihnen.“

Fasziniert zog er eine Augenbraue hoch. „Würden Sie einer Schlange den Kopf abhacken?“

„Wenn es nötig ist. Und was Sie betrifft … Jeder hat einen Preis“, wiederholte sie seine Worte von vorhin. „Sogar Sie. Das ist Ihnen nur noch nicht bewusst. Aber ich werde Ihre Schwäche finden. Und wenn das geschehen ist, werden Sie verschwinden und mich in Ruhe lassen. Für immer.“

Nun war alles Nötige gesagt. Herzukommen war zwecklos gewesen. Arnaud würde seine Versuche nicht aufgeben, ihr Land zu kaufen. Das bedeutete allerdings immer noch nicht, dass sie verkaufen musste. Er schien zu glauben, sie mit irgendetwas ködern zu können. Falsch gedacht. Es gab nichts, was sie wollte oder brauchte; denn das hatte sie alles schon. Je früher er das einsah, desto besser.

Sie machte auf dem Absatz kehrt und steuerte auf die Tür zu. Dabei fiel ihr Blick wie zufällig auf den Tisch. Was sie sah, verschlug ihr die Sprache. Ohne die darauf verteilten Unterlagen war das Holzmuster klar zu erkennen – es zeigte einen großen, prächtigen Wolf.

Mit ihrem Tiervergleich hatte sie also völlig danebengelegen. Arnaud war kein Grizzly, sondern ein Timberwolf. Ein einziges Mal hatte Rosalyn einen gesehen. Der durchdringende intelligente Ausdruck in seinen bernsteinfarbenen Augen hatte sie regelrecht gefesselt. Ein Einzelgänger. Ein Raubtier. Stolz und wachsam. Sie verstand, warum das Tier in verschiedenen Kulturen jahrtausendelang als Gottheit verehrt worden war. Rosalyn wagte es nicht, sich zu Arnaud umzudrehen. Mit einem Mal wurde ihr etwas überdeutlich bewusst.

Sie hatte gerade den legendären großen Bösewicht herausgefordert. Doch anders als in Märchen verlor dieser besondere Wolf nicht.

Joc beobachtete, wie Rosalyn mit großen Schritten den Raum durchquerte. Sie war offensichtlich eine Frau, die sich in ihrer Haut wohlfühlte. Er sah, dass sie auf den Tisch blickte und für den Bruchteil einer Sekunde ins Stocken geriet, als sie das Wolfsmotiv entdeckte. Darüber musste Joc unwillkürlich lächeln. Anscheinend schüchterte die Darstellung auf dem Tisch sie mehr ein als er selbst.

Kurz darauf fing sie sich und erreichte den Ausgang. Als sie die Tür öffnete, umgab helles Sonnenlicht, das durch die Fenster drang, ihre Gestalt. Die Strahlen schienen ihr Haar in Brand zu setzen. Dieser Anblick faszinierte Joc. Er hatte es also mit einer Rothaarigen aufgenommen. Ihre Haarfarbe war von einem dunklen strahlenden Rot, das er gar nicht wahrgenommen hatte, bevor das Sonnenlicht darauf gefallen war. Sobald Rosalyn den Raum verlassen hatte, drückte er den Knopf der Gegensprechanlage.

„Ja, Mr. Arnaud?“

„Blockieren Sie die Aufzüge.“

„Wird sofort erledigt, Mr. Arnaud.“

Joc ging zum Tisch und nahm den Hut, den Rosalyn dort auf dem Weg zur Tür vergessen hatte. Zweifellos hatte das Wolfsbild sie aus dem Konzept gebracht. Der Stetson sah echt aus – ein Hut für eine hart arbeitende Rancherin, kein modisches Accessoire. Er bot Schutz gegen Sonne, Wind und Regen. Außerdem verriet der Stetson eine Menge über seine Besitzerin … und darüber, wie Joc mit ihr umgehen musste.

Selbstsicher ging er aus dem Konferenzraum und steuerte auf die Aufzüge zu. Dabei kam er am Schreibtisch seiner Assistentin vorbei. Joc gab Maggie eine Liste mit Anweisungen, bevor er ihr sagte, sie solle die Aufzüge wieder freigeben. Dann machte er sich an die Verfolgung von Rosalyn.

Entnervt hämmerte sie auf den Aufzugknopf. Joc verlangsamte den Schritt und musterte sie. Als sie miteinander gesprochen hatten, war sie ihm sehr groß vorgekommen. Ein falscher Eindruck, wie er jetzt feststellte. Vielleicht hatte ihn ihr zarter Duft abgelenkt oder die kornblumenblauen Augen. Jedenfalls schätzte er sie auf knapp einen Meter fünfundsiebzig, gerade die richtige Größe für eine Frau. Ihre Frisur kam allerdings einem Verbrechen gleich. Rosalyn hatte sich das Haar straff zu einem festen Knoten zurückgebunden. Kein Wunder, dass ihm die Farbe nicht gleich aufgefallen war. Am liebsten hätte er die Haarnadeln gelöst und sich die seidigen Strähnen durch die Finger gleiten lassen.

Die jahrelange harte Arbeit auf der Ranch hatte ihren schlanken Körper gestählt. Ihre Beine und ihre anziehende Rückseite waren wunderschön, perfekt geformt. Außerdem hatten ihre Brüste die ideale Größe, weder zu klein noch zu groß, er könnte eine genau in einer Hand wiegen. Was ihr Gesicht betraf, so konnte er nur von wahrer natürlicher Schönheit sprechen.

Ihre Züge waren fein und ebenmäßig. Garantiert war sie auch noch mit neunzig hübsch anzusehen. Ihr heller Teint bildete einen reizvollen Kontrast zu den roten Haaren. Ihre geschwungenen Augenbrauen, die hohen Wangenknochen und die sinnlichen Lippen hätten ihr Gesicht für seinen Geschmack zu makellos gemacht. Aber ihre nicht vollkommen gerade Nase bildete den Ausgleich. Joc schmunzelte. Wie mochte das wohl passiert sein?

Das Signal am Aufzug ertönte. Erleichtert seufzend betrat Rosalyn die Kabine. Joc folgte ihr und erlebte gleich darauf eine interessante Kombination verschiedener Regungen – Unruhe, Argwohn und prickelnde Nervosität. Die Spannung, die in der Luft lag, zusammen mit Rosalyns erotischer Ausstrahlung, erzeugten in Joc sofort den Wunsch, ihr näherzukommen. Die Türen schlossen sich, und sie fuhren nach unten.

„Ich glaube, Sie haben etwas vergessen.“ Er reichte ihr den Stetson.

„Danke“, sagte sie leise. Dann nahm sie den Hut und setzte ihn so auf, dass man ihr Haar nicht mehr sah.

„Bitte.“ Joc streckte den Arm aus und drückte auf einen Knopf, der den Aufzug sanft zum Stehen brachte.

„Was tun Sie da?“ Er hörte einen leichten Anklang von Angst in ihrer Stimme. „Warum haben Sie den Aufzug angehalten?“

„Ich möchte Ihnen gern ein anderes Angebot machen.“

Sie winkte ab. „Bitte nicht. Ich habe Ihre Angebote gehört und bin nicht interessiert.“

„Aber dieses haben Sie noch nicht gehört.“

Nachdem sie ihm einen vernichtenden Blick zugeworfen hatte, betrachtete sie angestrengt die Bedientafel. Wenn er gern Wetten abschloss, was bestimmt der Fall war, dann würde er wahrscheinlich eine Million setzen. Rosalyn war sicher, dass er ahnte, was in ihr vorging: Sie musste sich extrem beherrschen, um nicht auf sämtliche Knöpfe zu drücken, damit sich der Aufzug wieder in Bewegung setzte. Zentimeter um Zentimeter kam sie der Bedientafel näher, bevor sie die Hand schließlich sinken ließ.

„Auf wie viele Arten muss ich Ihnen noch sagen, dass ich nicht interessiert bin?“, fragte sie würdevoll. „Ich habe keines Ihrer bisherigen Angebote angenommen. Und egal, was Sie sich ausdenken, es bleibt bei meinem Nein.“

„Ich dachte, ich gebe Ihnen die Gelegenheit, mich von Ihrem Desinteresse bei einem Abendessen zu überzeugen.“

Jetzt horchte sie auf und wandte sich ihm zu. „Abendessen?“

„Richtig. Das ist die Mahlzeit, die man nach dem Mittagessen, aber bevor man ins Bett geht, zu sich nimmt.“

Statt zu lachen, runzelte sie die Stirn. „Warum sollten Sie mich zum Essen einladen? Sie wissen, dass ich jedes Angebot ausschlage, das Sie machen.“

Er tippte mit dem Daumen gegen den Rand ihres Stetson. Dadurch rutschte ihr der Hut in den Nacken, und Joc konnte ihr Gesicht ungestört betrachten. Ihre Standhaftigkeit überraschte ihn. Rosalyn hatte Charakterstärke, Entschlossenheit und Leidenschaft. Sie schien förmlich vor Temperament und Energie zu glühen. Wie wäre es wohl, das schwelende Feuer in ihr zu entzünden und die eingedämmten Flammen zu einem wilden Feuer zu entfachen? Das wollte er herausfinden. Unbedingt. Wenn es so weit war.

„Woher wollen Sie wissen, ob man mir nicht den Wunsch ausreden kann, Ihre Ranch zu kaufen? Denken Sie darüber nach. Sie haben den ganzen Abend, um sich mit mir auseinanderzusetzen. Es wird keine Unterbrechungen geben, und Ihnen wird meine volle Aufmerksamkeit zuteil. Ich gebe Ihnen Zeit, in der Sie erklären können, warum ich aufgeben und Sie in Ruhe lassen soll.“

„Das klingt verlockend.“ Sie musterte ihn, und Joc entging ihr Misstrauen nicht. „Wo ist der Haken?“

„Wieso glauben Sie, da sei ein Haken?“, entgegnete er.

„Weil Sie Joc Arnaud sind und etwas von mir wollen.“

Sie war klug. „Das müssen Sie selbst herausfinden.“

„Und wenn es etwas ist, das ich Ihnen nicht geben kann?“

„Dann sagen Sie Nein“, meinte er spöttisch. „Dieses Wort kennen Sie doch, oder?“

Zu seiner Überraschung wurde sie nicht ärgerlich, sondern erwiderte lediglich: „Vorsicht, sonst können Sie gleich erleben, wie gut ich das Wort kenne.“ Dann überlegte sie kurz, bevor sie sagte: „Abendessen und reden. Das ist alles?“

„Das ist alles.“

Sofern sich nicht mehr ergab. Denn nun ging es nicht länger nur ums Geschäft. Zwischen ihnen passierte mehr. Es lag etwas in der Luft, und dieses Etwas hatte Joc dazu veranlasst, einen plötzlichen Entschluss zu fassen. Die Ranch war nur noch zweitrangig, hauptsächlich, weil er sie früher oder später sowieso bekam. Da gab es keinen Zweifel. Egal, ob Rosalyn sich seinen Forderungen fügte oder er ihr Meter für Meter das Land abringen musste. Gerade standen andere Bedürfnisse im Vordergrund. Joc wollte diese Frau im Bett erleben und sich mit ihr vergnügen, bis er genug hatte. Ob das kurz oder lange dauerte und wie sehr sie sich zunächst sträubte, das alles spielte keine Rolle.

„In Ordnung, ich bin einverstanden“, sagte sie endlich.

„Das dachte ich mir“, flüsterte er. Dann drückte er auf einen Knopf, und der Aufzug fuhr weiter.

Ohne zu blinzeln, blickte Rosalyn auf die Aufzugstüren und versuchte, Haltung zu bewahren. Den Stetson zog sie wieder tief in die Stirn. Gut, sagte sie sich, ich verstecke mein Gesicht vor ihm, was soll’s? Das war auch nicht schlimmer als die Tatsache, dass sie sich wie eine völlige Närrin benommen hatte.

Arnaud hatte behauptet, dass er immer gewann.

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