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Gefährtin des Blutes

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. WIDMUNG
  6. KAPITEL EINS
  7. KAPITEL ZWEI
  8. KAPITEL DREI
  9. KAPITEL VIER
  10. KAPITEL FÜNF
  11. KAPITEL SECHS
  12. KAPITEL SIEBEN
  13. KAPITEL ACHT
  14. KAPITEL NEUN
  15. KAPITEL ZEHN
  16. KAPITEL ELF
  17. KAPITEL ZWÖLF
  18. KAPITEL DREIZEHN
  19. KAPITEL VIERZEHN
  20. KAPITEL FÜNFZEHN
  21. KAPITEL SECHZEHN
  22. KAPITEL SIEBZEHN
  23. KAPITEL ACHTZEHN
  24. KAPITEL NEUNZEHN
  25. KAPITEL ZWANZIG
  26. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  27. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  28. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  29. DANKSAGUNG

Über die Autorin

Christine Feehan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren elf Kindern in Kalifornien. Sie schreibt seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Romane stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten, und sie wurde in den USA bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch in Deutschland erfreut sich die Autorin einer stetig wachsenden Fangemeinde. Auf Christine Feehans englischsprachiger Homepage www.christinefeehan.com erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

Christine Feehan

GEFÄHRTIN
DES
BLUTES

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Anna Müller, Anita Krätzer und Ulrike Moreno

Dieses Buch ist Anita gewidmet, meiner Seelenschwester.
Danke, dass du in meinem Leben bist.
Wir mögen zwar nicht dieselben leiblichen Eltern haben, aber das hat unsere unerschütterliche Liebe und Loyalität
zueinander nie beeinträchtigt.

Und auch wenn wir Mom und Dad verloren haben, bleibt uns doch unsere Familie, und solange wir zusammenhalten,
werden wir immer stark sein.

KAPITEL EINS

Das Erste, was er wahrnahm, war das Geräusch – eine Art leises Trommeln, das zunehmend lauter wurde. Zev Hunter spürte die Schwingungen dieses rhythmischen Dröhnens im ganzen Körper. Und das schmerzte. Jeder einzelne Schlag schien in seinem Fleisch und seinen Knochen, in seinem Gewebe und seinen Zellen widerzuhallen und ihn durchzuschütteln, bis er das Gefühl hatte, er würde jeden Moment auseinanderfallen.

Trotzdem blieb er reglos liegen. Es war sogar zu anstrengend für ihn, die Augen zu öffnen, um herauszufinden, woher dieses störende, hartnäckige Geräusch kam und warum es nicht mehr aufhörte. Denn wenn er die Augen öffnete, würde er sich bewegen müssen, was wieder höllisch wehtun würde. Solange er sich ganz still verhielt, konnte er den Schmerz einigermaßen in Schach halten, auch wenn er sich immer noch fühlte, als triebe er in einem Meer aus Qual.

Lange Zeit lag er reglos da und ließ seinen Geist an einen Ort des Friedens wandern. Er kannte inzwischen den Weg dorthin, zu dieser kleinen Oase in einer Welt aus unerträglichem Schmerz. Und so fand er den weiten, kühlen Teich aus einladend blauem Wasser, dessen Oberfläche vom Wind leicht gekräuselt wurde, sodass kleine Wellen darauf tanzten. Ein schmaler Wasserfall ergoss sich mit einem sanften, beruhigenden Plätschern über die Felsen in den Teich.

Zev wartete mit angehaltenem Atem. Sie erschien immer, wenn er dort war, trat langsam zwischen den Bäumen hervor auf die kleine Lichtung. Sie war stets mit einem langen Kleid und einem Umhang aus blauem Samt bekleidet. Allerdings verhinderte die Kapuze über ihrem langen Haar, dass er mehr als einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht werfen konnte. Das Kleid schmiegte sich an ihren Körper, an ihre vollen Brüste und die schmale Taille, und das korsettartige Mieder betonte jede ihrer wohlgeformten Rundungen. Der Rock des Kleids war weit und so lang, dass er von ihren schmalen Hüften bis zum Boden fiel.

Sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Ihr anmutiger Körper war gleißend und geschmeidig und sie eine ätherisch und unerreichbar wirkende Frau, die ihn stets mit einem sanften Lächeln und einer kleinen Handbewegung zu sich winkte. Er wollte ihr in den kühlen Wald folgen – er war schließlich Lykaner, und der Wolf in ihm zog den Wald der offenen Fläche vor. Aber er konnte sich nicht bewegen, nicht einmal für sie.

Und so blieb er, wo er war, und nahm nur begierig ihren Anblick in sich auf. Er war kein wortgewandter Mann, und deshalb sagte er auch lieber nichts. Sie kam nie näher, überbrückte niemals die Entfernung zwischen ihnen, aber aus irgendeinem Grund war ihm das auch nicht wichtig. Sie war da, und er war nicht allein. Er hatte festgestellt, dass sogar der furchtbare Schmerz nachließ, wenn sie in seiner Nähe war.

Zum ersten Mal störte jedoch irgendetwas seinen friedvollen kleinen Ort. Das dröhnende Trommeln war zu ihm durchgedrungen, und es war inzwischen so laut geworden, dass sich der Erdboden mit einem unheilvollen, beängstigenden Grollen hob und senkte. Das Wasser im Teich kam wieder in Bewegung, aber diesmal wusste Zev, dass es nicht der Wind war, der es in ringförmigen Wellen von der Mitte des Teichs nach außen trieb. Das Trommeln pulsierte durch die Erde und schüttelte nicht nur seinen Körper, sondern auch alles andere.

Selbst die Bäume spürten es. Er konnte den Saft in ihren Stämmen und Blättern fließen hören. Das Laub begann wild zu flattern, als antwortete es dem tiefen, dumpfen Ruf. Das Geräusch des Wasserfalls wurde lauter; aber es war kein sanftes Rieseln über Felsen oder stetiges Tropfen mehr, sondern ein Brausen, das genauso an- und abschwoll wie der Fluss der Säfte in den Bäumen. Es war wie das pulsierende Rauschen von Venen und Arterien, die direkt unter der ihn umgebenden Erde verliefen und auf alles Lebendige zustrebten, nur eben viel lauter.

Du hörst es jetzt.

Es war das erste Mal, dass die Frau zu ihm sprach. Sie hatte eine weiche, melodische Stimme, die ihm nicht vom Wind, sondern eher von ihrem Atem zugetragen wurde. Gerade stand sie noch auf der anderen Seite des kleinen Teichs, um sich im nächsten Augenblick neben Zev in das hohe Gras sinken zu lassen und sich über ihn zu beugen, bis ihre Lippen fast die seinen streiften.

Er nahm den Duft von Zimt, Honig und exotischen Gewürzen in ihrem Atem wahr. Oder war es ihre Haut, die danach roch? Die Sinne des Wolfs in ihm, die Gerüche sonst so hervorragend deuten konnten, schienen irgendwie verwirrt zu sein.

Dichte, unglaublich lange und sehr dunkle Wimpern umrahmten ihre Augen, die grün wie echte Smaragde waren. Erstaunlich grün. Zev hatte diese Augen schon einmal gesehen; sie waren unverwechselbar. Und ihr schön geschnittener Mund mit seinen vollen, natürlich roten Lippen war der Traum eines jeden Mannes.

Das von der Erde übertragene Dröhnen ging in einem beständigen, aufdringlichen Rhythmus weiter. Zev spürte es im Rücken und in den Beinen, dieses markerschütternde Pulsieren, das ihm keine Ruhe ließ. Über seine Haut schien er dem Weg des Wassers unter ihm zu folgen, das Leben spendende Nährstoffe mit sich führte.

Du fühlst es, nicht wahr?, beharrte die Frau sanft.

Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, weil der ihre den seinen nicht mehr losließ. Dabei war er eigentlich die Art von Mann, der sich von nichts und niemandem bezaubern ließ. Er zwang seinen Kopf zu jener ersten Bewegung, von der er wusste, wie teuer sie ihn zu stehen kommen würde; er nickte zustimmend und wartete auf die Qual, die ihn zerreißen würde. Doch bis auf ein kleines Reißen in seinem Nacken und in seinen Schläfen, das schnell wieder nachließ, stellte sich der erwartete Schmerz nicht ein.

Wie ist das möglich? Was ist das?

Zev runzelte die Stirn und konzentrierte sich. Das Geräusch ging ohne Unterbrechung weiter, so stetig, stark und rhythmisch, dass man es für einen Herzschlag hätte halten können; aber dazu war es zu dumpf und auch zu laut. Trotzdem war es ein Pulsschlag, der sich genauso auf ihn auswirkte wie auf die Bäume und das Gras, als ob sie alle miteinander verbunden wären. Die Bäume, das Gras, das Wasser, die Frau und er.

Du weißt, was es ist.

Zev wollte nicht antworten, weil er sich, wenn er das tat, wieder seinem Leben würde stellen müssen. Dieser kalten, restlos einsamen Existenz voller Blut und Tod. Denn Zev war ein lykanischer Elitejäger, ein todbringender Vollstrecker, der verwilderte, abtrünnige Wolfsrudel – zu Werwölfen gewordene Lykaner, die Menschen töteten – jagte und zur Strecke brachte. Und er war verdammt gut in seiner Tätigkeit.

Das Dröhnen wurde lauter, intensiver, eine düstere Proklamation des Lebens, vor der er sich nirgendwo verstecken konnte. Es gab keinen Fluchtort für ihn, selbst wenn er sich wieder würde bewegen können. Und er wusste jetzt auch genau, was das unangenehme Geräusch war und wo es herkam, während es sich von seinem Zentrum tief unter ihm ausbreitete.

Sag mir, Hän ku pesäk kaikak, was ist es, das du da hörst?

Die melodischen Töne der sanften Stimme der Frau drangen durch seine Poren und fanden ihren Weg in seinen Körper. Er konnte förmlich spüren, wie sich der leise, melodiöse Klang um sein Herz legte und bis in seine Knochen vordrang. Ihr Atem streifte sein Gesicht – warm, weich und frisch wie die sanfteste Brise umfächelte er seine Haut. Seine Lungen schienen dem Rhythmus der ihren zu folgen, fast so, als atmete sie für ihn und nicht nur mit ihm.

Hän ku pesäk kaikak. Wo hatte er das schon einmal gehört? Sie sagte das zu ihm, als erwartete sie, dass er wusste, was es bedeutete. Aber es war eine Sprache, von der er sicher war, dass er sie nicht beherrschte – und er sprach sehr viele Sprachen.

Das Trommeln wurde lauter und kam näher, als wäre er auf allen Seiten von vielen Trommeln umringt, die alle genau den gleichen Rhythmus hielten. Aber er wusste natürlich, dass dem nicht so war. Das Dröhnen kam von dem Zentrum unter ihm – und es rief ihn.

Es konnte es unmöglich ignorieren, egal, wie sehr er sich auch darum bemühte. Er wusste jetzt, dass es nicht aufhören würde, niemals, es sei denn, er reagierte auf den Ruf.

Es ist der Herzschlag der Erde.

Die Frau lächelte, und ihre smaragdgrünen Augen nahmen das facettenreiche Glitzern dieser Edelsteine an, die er Frauen schon hatte tragen sehen – nur dass ihre Augen noch tausendmal stärker funkelten.

Sie nickte bedächtig. Endlich bist du wirklich wieder bei uns. Mutter Erde hat dich zurückgerufen. Und du bist zur Vollversammlung des Kriegerrats geladen. Das ist eine große Ehre.

Geflüster waberte durch seinen Kopf wie Nebelschleier. Konkrete Worte schien er nicht behalten zu können, aber er hörte lauter und leiser werdende Männerstimmen um sich herum, als wäre er umringt von ihnen.

Plötzlich begann er eine große Hitze zu spüren, so brennend und erstickend, dass seine Lungen ihm den Dienst verweigerten und er nicht mehr atmen konnte. Als er versuchte, die Augen zu öffnen, gelang es ihm nicht. Er war gefangen in seinem Kopf, fernab von allem, was mit seinem Körper geschah.

Die Frau beugte sich noch näher vor und streifte seine Lippen mit den ihren. Und obwohl die Berührung überaus sachte und federleicht war, war es die intimste Empfindung, die er je erlebt hatte. Ihr Mund war exquisit. Vollkommen. Ein Traum. Warm und seidenweich glitten ihre Lippen wieder über seine und verschmolzen mit ihnen. Ihr Atem in seinem Mund war ein Hauch von sauberer, frischer Luft, vermischt mit dem Geschmack von Zimt, Gewürzen und Honig.

Atme, Zev. Du bist sowohl Lykaner als auch Karpatianer und kannst überall atmen, wenn du es willst. Atme einfach nur.

Er war also kein Sange Rau?

Nein, du bist Hän ku pesäk kaikak, ein Wächter aller, kein Sange Rau.

Der Atem, den sie ihm eingehaucht hatte, bewegte sich durch seinen Körper. Er konnte fast sein Vorankommen verfolgen, als wäre diese kostbare Luft ein weißer Strom, der sich durch ein Labyrinth den Weg zu seinen Lungen suchte. Er konnte tatsächlich spüren, wie ihr Atem in seine Lungen eindrang und sie mit lebensnotwendigem Sauerstoff füllte.

Ich träume doch nicht, oder?

Sie lächelte ihn an. Ein Mann konnte töten für solch ein Lächeln.

Nein, Zev, du träumst nicht. Du bist in der heiligen Kriegerhöhle. Mutter Erde hat die Ahnen herbeigerufen, um deiner Wiedergeburt beizuwohnen.

Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, aber zumindest begannen seine Erinnerungen nach und nach zurückzukehren. Ein Sange Rau war ein Mischling aus Werwolf und Vampir. Ein Hän ku pesäk kaikak dagegen hatte nur eine Mischung aus lykanischem und karpatianischem Blut in seinen Adern. Zev war sich nicht sicher, was oder wo diese heilige Kriegerhöhle war, und das Wort Wiedergeburt gefiel ihm nicht.

Warum kann ich mich nicht bewegen?

Weil du gerade erst ins Leben zurückkehrst. Du bist eine Zeitlang vor uns verborgen gewesen.

Nicht vor dir.

Sie war bei ihm gewesen, während er an diesem finsteren Ort des Schmerzes und des Wahnsinns eingeschlossen gewesen war. Wenn er eins absolut sicher wusste, dann, dass sie bei ihm gewesen war. Und er hatte nicht weiterziehen können, weil er es nicht über sich gebracht hatte, sie zu verlassen.

Er erinnerte sich an ihre Stimme, weich und bittend. Bleib. Bleib bei mir. Diese Stimme hatte sie beide in einem scheinbar endlosen Meer der Qualen festgehalten.

Nicht endlos. Du erwachst bereits wieder.

Er mochte zwar erwachen, aber der Schmerz war noch immer da. Zev nahm sich einen Moment, um sich darauf zu konzentrieren. Sie hatte recht, der Schmerz war ein wenig erträglicher geworden, aber die Hitze, die ihn umgab, verbrannte unverändert seinen Körper. Ohne den Sauerstoff, den er von ihr erhalten hatte, würde er verzweifelt nach Atem ringen und letztendlich ersticken.

Denk einfach an die Körpertemperatur, die du haben willst. Du bist Karpatianer. Also nutze, was du bist, und die Fähigkeiten, die du besitzt.

Ihre Stimmlage veränderte sich nie; sie ließ nicht einmal Ungeduld über seine Unwissenheit erkennen. Vorhin, als sie noch in einiger Entfernung von ihm gestanden hatte, war sie nicht auf Abstand bedacht gewesen, sondern hatte nur abgewartet. Jetzt war ihr Verhalten jedoch ganz anders, als erwartete sie etwas von ihm.

Na schön, dachte er. Wenn sie wollte, dass er sich eine andere Körpertemperatur vorstellte als die, die ihm das Fleisch verbrannte, konnte er ihr den Wunsch erfüllen. Er wählte eine normale Temperatur und verankerte sie in seinem Kopf. Die Frau sprach zu ihm ohne Worte, auf telepathischem Wege, also musste sie auch sehen können, dass er tat, was sie verlangte.

Sofort hörte das Brennen auf. Zev rang nach Atem. Hitze erfüllte seine Lungen, aber auch Luft drang endlich wieder in sie ein. Er kannte diese Frau. Nur eine konnte sich mit ihm verständigen, wie sie es tat. Auf telepathische Weise, von Geist zu Geist. Er erkannte sie jetzt wieder. Wie hatte er nur vergessen können, wer sie war?

Branislava.

Aber wieso war sie mit ihm an einem so schrecklichen Ort gefangen gewesen? Er schickte ein kleines Dankgebet zum Himmel, dass er sie nicht dort zurückgelassen hatte. Sie war es gewesen, die ihm unentwegt beschwörend zugeflüstert hatte: Bleib. Bleib bei mir. Er hätte ihre Stimme, diese sanfte, süße Melodie, die ihm für immer bis in die Knochen eingestanzt war, eigentlich sofort erkennen müssen.

Du erkennst mich also. Sie lächelte ihn wieder an und berührte mit ihren zarten Fingern sein Kinn und dann seine Stirn, um ihm das lange Haar zurückzustreichen, das ihm in die Augen fiel.

Ihre Berührung bereitete ihm Freude, keinen Schmerz. Ein kleiner Strom elektrisierender Energie lief von seiner Stirn zu seinem Bauch hinab, dessen Muskeln sich augenblicklich anspannten. Aber das elektrisierende Gefühl ging noch tiefer, und prickelnde Hitzewellen durchströmten seinen Unterleib. Er konnte also noch etwas anderes empfinden außer Schmerz, stellte er verwundert fest, aber wer hätte gedacht, dass es ein sinnliches Verlangen sein würde?

Es erschien ihm geradezu absurd, dass er nicht schon die ganze Zeit gewusst hatte, wer sie war. Sie war die Frau. Diejenige, welche. Die Einzige für ihn.

Natürlich hatte er auch schon andere Frauen gekannt. Er hatte zu lange gelebt, um keine solchen Erfahrungen gemacht zu haben. Aber er war ein Jäger, ein Elitejäger, und hielt sich daher nie sehr lange an einem Ort auf. Er ging keine Bindungen ein. Frauen raubten ihm nicht den Atem oder zogen ihn in ihren Bann. Er dachte nicht Tag und Nacht an sie oder gab sich Fantasien hin. Und er wünschte sich auch keine Frau für sich.

Bis er ihr begegnet war. Branislava.

Sie war keine Lykanerin. Sie sprach nicht viel, sah aus wie ein Engel und bewegte sich wie die vollendete Verführerin. Ihre Stimme war einladend wie der Gesang einer Sirene. Sie hatte ihn mit diesen ungewöhnlichen Augen angesehen, mit diesem exquisiten Mund gelächelt und alle möglichen erotischen Fantasien in ihm geweckt. Als sie zusammen getanzt hatten, nur dieses eine unvergessliche Mal, hatte ihr Körper sich an seinen geschmiegt, war buchstäblich mit ihm verschmolzen, bis sie sich ihm für alle Zeiten unauslöschlich eingeprägt hatte, in seine Haut und bis in seine Knochen.

Sämtliche Regeln, die er in all den Jahren seines langen Lebens gegenüber Frauen aufgestellt hatte, waren durch sie außer Kraft gesetzt worden. Sie hatte ihm den Atem geraubt und ihn in ihren Bann gezogen. An sie dachte er bei Tag und Nacht und gab sich viel zu vielen erotischen Fantasien hin. Sie begehrte er auf jede nur erdenkliche Weise. Ihren Körper. Ihr Herz. Ihren Geist. Ihre Seele. Und ja – er wollte sie ganz und gar für sich allein.

Wie bist du hier hergekommen? An diesen Ort?

Er machte sich Sorgen, dass er sie vielleicht irgendwie in dieses Meer der Qual hineingezogen hatte, weil er so verliebt in sie gewesen war. Aber war das überhaupt möglich? Könnte ein Mann eine Frau so sehr begehren, dass er sie mit in den Tod nahm, wenn er starb? Was für eine grauenhafte Vorstellung. Er hatte ehrenhaft gelebt, oder es zumindest versucht, und niemals einer Frau etwas angetan, die keine mordende Abtrünnige gewesen war. Der Gedanke, dass er Branislava womöglich in die Hölle mitgenommen hatte, war in jeder Hinsicht bestürzend.

Ich habe mich dazu entschieden mitzukommen, erwiderte sie, als sei es das Normalste auf der Welt. Unsere Seelen sind zwei Hälften eines Ganzen. Unsere Geschicke sind miteinander verwoben.

Das verstehe ich nicht …

Du lagst im Sterben, und es gab keine andere Möglichkeit, um dich am Leben zu erhalten. Du bist uns allen teuer, ein Mann von Ehre und mit enormen Fähigkeiten.

Zev runzelte die Stirn. Das, was sie sagte, ergab keinen Sinn. Er hatte keine Familie. Zwar hatte er sein Rudel, das auch eine Art Familie war, aber zwei seiner Rudelmitglieder, die so viele lange Jahre seine Freunde gewesen waren, hatten ihn verraten und versucht, ihn zu ermorden. Und jetzt war er auch noch ein Mischling, und nur wenige seiner Artgenossen würden ihn noch akzeptieren.

Euch allen?, wiederholte er verwundert. Wer sollte das denn sein?

Hast du nicht gehört, wie sie dich riefen?

Zev schwieg und konzentrierte sich darauf, den Herzschlag der Erde und das Rauschen des Wassers unter sich auszublenden und sein scharfes Gehör ganz auf die fernen Stimmen einzustellen. Es waren Männerstimmen. Sie schienen überall um ihn herum zu sein. Während einige in einem Singsang zu ihm sprachen, taten es andere in dem Kehlgesang der Mönche aus der ferneren Vergangenheit. Jedes einzelne Wort und jede Note hallten in ihm nach, wie der Herzschlag der Erde es getan hatte.

Sie riefen ihn, wie schon die Erde ihn gerufen hatte. Es war an der Zeit. Er konnte keine Ausreden mehr finden, und es schien ganz so, als würde ihn niemand mehr dort bleiben lassen, wo er war. Deshalb zwang er sich, die Augen aufzuschlagen.

Er befand sich in einer Höhle; das zumindest war ihm augenblicklich klar. Die Luft darin war heiß und feucht, wobei es ihm eigentlich nicht sonderlich heiß vorkam. Es war eher so, dass er die Hitzewellen sehen konnte, die den gewaltigen unterirdischen Raum durchzogen.

Mächtige Stalaktiten hingen von der hohen Decke, die wie gewaltige Zahnreihen verschiedener Größen aussahen. Auch Stalagmiten erhoben sich von ausladenden Sockeln auf dem Höhlenboden. Verschiedene Farben umspielten diese Säulen von ihren umfangreichen Fundamenten bis zu ihren spitzen Enden. Der Boden war blank und glatt von den unzähligen Füßen, die ihn im Laufe der Jahrhunderte beschritten hatten.

Zev erkannte, dass er sich tief unter der Erdoberfläche befand. Die Höhle wirkte trotz ihrer enormen Größe wie eine geheiligte Stätte auf ihn. Er selbst lag in der Erde, von oben bis unten mit nahrhaftem schwarzem Lehm bedeckt, dessen Mineralien funkelten. Hunderte von Kerzen brannten hoch oben an den Mauern der Felsengrotte, erleuchteten sie und brachten mit ihren flackernden Lichtern Leben in die gedämpften Farben der Stalagmiten.

Zevs Herz schlug schneller vor Beunruhigung und Sorge. Er hatte keine Ahnung, wo er war oder wie er dorthin gekommen war. Dann aber wandte er den Kopf und merkte sofort, wie sich seine Unruhe wieder legte. Sie war da und saß neben ihm. Branislava. Und sie war wirklich so schön, wie er sie in Erinnerung hatte. Ihre Haut war hell und makellos, ihre Wimpern genauso lang und ihre Lippen so vollkommen wie in seinem Traum. Nur ihre Kleidung war eine andere.

Er hatte Angst, dass sie verschwinden könnte, falls er normal und nicht über ihre telepathische Verbindung mit ihr sprach. Sie mutete so feenhaft und ätherisch an wie immer, wie ein Geschöpf aus längst vergangenen Zeiten, das nicht für die Welt bestimmt war, in der er lebte. Die Gesänge wurden lauter, und Zev griff nach Branislavas Hand und verschränkte seine Finger mit den ihren, bevor er den Kopf wandte, um zu versuchen, die Quelle – oder die Quellen – dieser eindringlichen Appelle auszumachen.

Es befanden sich mehrere Männer in der Höhle, alles Krieger mit Gesichtern, die schon viel zu viele Kampfhandlungen gesehen hatten. Er fühlte sich wohl bei ihnen, fühlte sich wie ein Teil von ihnen, als ob sie an dieser geheiligten Stätte eine Bruderschaft wären. Ihre Gesichter kamen ihm bekannt vor, obwohl er den meisten noch nie zuvor begegnet war; aber er kannte sich aus mit dieser Art von Männern.

Vier von ihnen waren ihm vertraut, und er erkannte sie, wobei es ihm so vorkam, als wären hundert Jahre vergangen, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Einer dieser Männer war Fenris Dalka. Zev hätte eigentlich wissen müssen, dass er da sein würde. Fen war sein Freund, sofern jemand wie er überhaupt Freunde haben konnte. Neben Fen stand dessen Bruder Dimitri Tirunul, und auch das war keine Überraschung, denn die Brüder standen sich sehr nahe. Sie hatten nur deshalb unterschiedliche Familiennamen, weil Fen während seiner Jahre bei den Lykanern einen ihrer Nachnamen angenommen hatte, um sich besser einzufügen.

Zwei andere Männer standen vor einer weiteren Öffnung im Erdboden, in der ein Mann lag, der sich genauso verwundert umblickte wie Zev. Der Mann in diesem Loch, das an ein offenes Grab erinnerte, sah blass und abgekämpft aus, als ob er durch die Hölle gegangen und auf der anderen Seite wieder herausgekommen wäre. Zev fragte sich, ob er wohl genauso aussehen mochte. Es dauerte einen Moment, bis er in dem erschöpften Mann Gary Jansen erkannte. Gary war ein Mensch, und dennoch hatte er sich während eines besonders heftigen Kampfes durch einen Haufen Werwölfe zu Zev durchgekämpft, um ihm beizustehen. Aber nicht nur deshalb war Zev sehr froh zu sehen, dass dieser tapfere Mensch noch lebte.

Auch mit Gregori Daratrazanoff war er gut bekannt. Gewöhnlich war Gregori nie weit entfernt von seinem Prinzen, aber jetzt hockte er dicht neben Gary, der mühsam versuchte, sich halbwegs aufzurichten. Gregori streckte sofort die Hände nach ihm aus und half ihm, sich in dem Erdloch hinzusetzen. Der Mann auf der anderen Seite des Erdlochs sah Gregori so erstaunlich ähnlich, dass er nur ein weiterer Daratrazanoff sein konnte.

Auf der anderen Seite von Gregori, nicht allzu weit entfernt von ihm, standen zwei der Brüder De La Cruz, Zacarias und Manolito, die Zev beide von irgendeinem Gefecht her kannte. Die Erinnerung an die tatsächlichen Ereignisse war jedoch noch immer etwas verschwommen. Zwischen den beiden Brüdern stand ein dritter Mann, den Zev nicht kannte.

In der Mitte des Raumes erhoben sich mehrere kleinere kristallene Säulen, die eine noch kleinere, aber blutrote Kristallformation, die in einer scheinbar messerscharfen Spitze endete, kreisförmig umringten. Daneben stand Mikhail Dubrinsky, der Prinz der Karpatianer. Er sprach leise, aber mit großer Autorität, die seine Stimme bis in den hintersten Winkel des weitläufigen Raumes trug.

Mikhail bediente sich der uralten Sprache der Karpatianer für die rituellen Worte, mit denen er ihre lang dahingeschiedenen Vorfahren anrief: »Veri isäakank – veri ekäakank.«

Zu Zevs Bestürzung und Erstaunen verstand er jedes Wort. Blut unserer Väter – Blut unserer Brüder. Er wusste, dass das die wörtliche Übersetzung war, obwohl die Sprache sehr alt und keine war, die von den Lykanern gesprochen wurde. Und er war ein geborener Lykaner. Im Laufe der Jahrhunderte hatte er diese Sprache bei den Karpatianern schon gehört, und trotzdem war es sonderbar, dass er die Worte so mühelos verstehen konnte.

»Veri ölen elid.«

Blut ist Leben. Zev stockte der Atem. Er verstand. Er sprach viele Sprachen, aber gerade diese war so alt, dass er sie niemals hätte erlernen können. Wieso verstand er sie dann plötzlich? Nichts davon ergab einen Sinn für ihn, obwohl sein Gehirn schon weitaus weniger benebelt war als noch vor einer Weile.

Branislava verschränkte ihre Finger noch fester mit den seinen. Er wandte sich ihr zu, um sie anzusehen. Sie war so schön, dass es ihm den Atem raubte. Ihre Augen waren auf sein Gesicht gerichtet, und ihr Blick war so eindringlich, dass er ihn spüren konnte. Zu eindringlich. Sie war jetzt schon unauslöschlich in seinem Gedächtnis eingeprägt … und kam seinem Herzen schon viel zu nahe.

»Andak veri-elidet Karpatiiakank, és wäke-sarna ku rneke arwa-aroo, irgalom, hän ku agba, és wäke kutni, ku manaak verival«, fuhr Mikhail fort. Seine kraftvolle, fesselnde Stimme schallte durch den Raum und brachte Zevs Aufmerksamkeit zu ihm zurück.

Zev verstand das Gesagte: »Wir widmen dieses Leben unserem Volk und geloben ihm mit einem Blutschwur, uns der Ehre, der Barmherzigkeit, der Redlichkeit und der Ausdauer zu verpflichten.«

Was sollte das bedeuten? Es war eindeutig ein Ritual – eine Zeremonie, in die er sich einbezogen fühlte, auch wenn er nicht genau wusste, was hier vorging. Doch je länger er wach war, desto mehr wich die Benommenheit aus seinem Kopf. Und Fens und Dimitris Anwesenheit empfand er als beruhigend, weil beide Männer Mischlinge waren wie er, obwohl sie als reinblütige Karpatianer geboren worden waren.

Mikhail drückte seine flache Hand auf die messerscharfe Spitze der dunkelroten Säule. Sofort veränderte sich die Farbe des Kristalls von Dunkelrot zu Purpur, als hätte Mikhails Blut es lebendig werden lassen.

»Verink sokta; verink karja terád.« Mikhails Stimme wurde noch kraftvoller.

Zev sah Funken aufsprühen, die den Raum erhellten. »Unser Blut vermischt sich mit eurem und ruft nach euch.« Mikhail vermischte ganz offensichtlich sein Blut mit dem von etwas Machtvollem; das war deutlich daran zu erkennen, dass die Säulen im gesamten Raum zu Leben erwachten. Einige der Kristalle begannen Farben auszustrahlen, als würden sie von innen her erleuchtet, auch wenn die Farben noch immer gedämpft wirkten.

»Akasz énak ku karja és juttasz kuntatak it.«

Zev übersetzte die Worte wieder für sich: »Erhöre unseren Ruf und kommt jetzt her zu uns.«

Die Kristallsäulen begannen zu summen. Ein Zittern durchlief die Säulen überall im Raum, der von den vielfarbigen Kristallen erhellt wurde, die lebhaft bunte Farben an die Decke und die Wände der Höhle warfen. Die Farben waren inzwischen so blendend hell geworden, dass Zev seine empfindlichen Augen beschatten musste.

Purpurrot, Smaragdgrün, ein wundervolles Saphirblau – das Schauspiel der durch den Raum tanzenden Farben erinnerte an das einzigartige Phänomen der Nordlichter. Das von den Säulen ausgehende Summen wurde lauter, und Zev merkte, dass es bei jeder Säule einen anderen Ton annahm, höhere oder tiefere, die jedoch alle einen angenehmen Klang in seinen Ohren hatten. Bisher war ihm nicht aufgefallen, dass die kristallenen Säulen alle Totempfähle mit den eingeschnitzten Gesichtern von Kriegern zu sein schienen. Jetzt erwachten sie zum Leben, und die Farben verliehen ihnen Ausdruck und Charakter.

Zev atmete tief ein und langsam wieder aus. Diese Krieger waren schon lange tot. Er befand sich in einem Reich der Toten, und Mikhail hatte die uralten Krieger zu irgendeinem Zweck zu sich gerufen. Zev bereitete es ein sehr ungutes Gefühl, dass er ein Teil dieses Vorhabens war.

»Ete tekaik, saγeak ekäakanket. ČăЗkatlanak med, kutenken hank ekäakank tasa.«

Zev schluckte, als er im Stillen übersetzte: »Wir haben unsere Brüder zu euch gebracht, die nicht von Geburt an unsere Brüder waren, es aber heute sind.«

Zev war als Lykaner geboren worden und hatte seinem Volk viele lange Jahre als Elitejäger gedient, der die Welt bereiste und Werwölfe aufspürte und vernichtete, die eine Geißel der Menschheit waren. Er war einer der wenigen Lykaner, die allein auf Jagd gehen konnten und sich dabei wohl und sicher fühlten. Aber trotz alledem war er Lykaner und würde daher immer das Bedürfnis haben, zu einem Rudel zu gehören.

Seine eigene Spezies jedoch hasste Mischlinge. Dabei spielte es kaum eine Rolle, dass er im Dienste seines Volks dazu geworden war. Er war in Hunderten von Kämpfen verwundet worden und hatte enorme Mengen Blut verloren. Karpatianische Krieger waren ihm mehr als einmal zu Hilfe gekommen, so wie sie es auch bei diesem letzten Mal getan hatten.

Zev blickte auf und sah, dass Fen auf einer Seite von ihm stand und Dimitri auf der anderen. Die beiden Brüder De La Cruz hatten den Fremden zwischen sich genommen.

Gregori und sein Bruder standen rechts und links von Gary, der jetzt mit Gregoris Hilfe langsam auf die Beine kam. Zev holte tief Luft. Er würde nicht der einzige Mann sein, der dumm herumsaß, während alle anderen standen. Entweder würde er es schaffen aufzustehen oder bei dem Versuch sein Leben lassen.

Zev ließ Branislavas Hand – seine Rettungsleine – los, und prompt geriet er fast in Panik. Noch etwas, was Männern wie ihm nicht passieren durfte. Aber er wollte Branislava nicht loslassen, weil er fürchtete, dass sie verschwand. Er suchte ihren Blick und sah ihr beschwörend in die Augen. Lass mich nicht allein.

Sie schenkte ihm ein Lächeln, das einen Mann für den Rest seines Lebens von Fantasien leben lassen konnte. Wir sind miteinander verbunden, Zev. Wohin du auch gehst, ich gehe mit. Nur die Ahnen können die Bindung zweier Seelen lösen.

Ist es das, worum es hier geht? Er war nicht sicher, ob er weitermachen wollte, falls es tatsächlich so war.

Nicht einmal der Prinz kann eine solche Freigabe verlangen. Das kannst nur du. Oder ich.

Sie gab ihm die Information, aber er hatte das Gefühl, dass sie es ein bisschen widerwillig tat. Das passte ihm sehr gut, weil er noch nicht bereit war, seine Verbundenheit mit ihr schon aufzugeben.

Ich habe keinen Faden am Leib, und ich möchte aufstehen. Ich will nicht weiter in diesem Grab herumliegen wie ein Baby. Gerade eben erst war Zev bewusst geworden, dass er splitternackt war und dass Branislava die ganze Zeit neben ihm gesessen und seine Hand gehalten hatte – selbst als seine männliche Begierde erwacht war, war sie nicht vor ihm davongelaufen.

Sofort war er gesäubert und mit einer Hose aus angenehm weichem Stoff und einem makellos weißen Hemd bekleidet. Als er sich aufzurappeln versuchte, griffen Fen und Dimitri ihm unter die Arme und verhinderten, dass er auf die Nase fiel und sich vor allen anderen zum Narren machte. Seine Beine waren wie aus Gummi und versagten ihm den Dienst. Für einen Lykaner war das peinlich, aber für einen Elitejäger war es schrecklich demütigend.

Mikhail blickte zu ihm hinüber und nickte ihm anerkennend zu – oder vielleicht auch nur aus Erleichterung, dass er noch lebte. Zev selbst war sich allerdings noch nicht ganz sicher, ob er darüber erleichtert sein sollte oder nicht.

»Aka sarnamad, en Karpatiiakak. Saγeak kontaket ŋamaak tekaiked. Tajnak aka-arvonk és arwa-arvonk.«

Hört mich an, ehrwürdige Ahnen. Wir bringen diese Männer zu euch; Krieger, die Ehre und unseren Respekt verdienen.« Zev übersetzte diese Worte gleich zweimal, nur um sicherzugehen, dass er die Rede des Prinzen an die uralten, längst verstorbenen Krieger richtig deutete.

Gary, der zwischen den beiden Brüdern Daratrazanoff stand, straffte die Schultern, als spürte er, dass sich Blicke auf ihn richteten. Und auch Zev war sich ziemlich sicher, dass die Geister dieser Toten sie irgendwie beobachteten und vielleicht auch ihren Wert einschätzten. Farben wirbelten durch den Raum, nahmen verschiedene Schattierungen an und vermischten sich miteinander, als befragten die uralten Krieger Prinz Mikhail.

»Gregori, és Darius katak Daratrazanoffak. Kontak ŋamaŋak sarnanak hän agba nókunta ekäankal, Gary Jansen, hän ku olenot küm, kutenken olen it Karpatii. Hän pohoopa kuš Karpatiikuntanak, partiolenaka és kontaka. Saγeak hänet ete tekaik.«

»Gregori und Darius aus dem angesehenen Hause Daratrazanoff machen Verwandtschaft mit unserem Bruder Gary Jansen geltend, der einst menschlich war und heute einer der unseren ist. Er hat unserem Volk unermüdlich gedient, sowohl auf dem Gebiet der Wissenschaft als auch im Kampf. Wir stellen ihn euch vor.«

Zev wusste, dass Gary nicht nur an der Seite der Karpatianer gekämpft hatte, sondern auch hervorragende Forschungsarbeiten für sie geleistet und einige Jahre bei ihnen gelebt hatte. Es war offensichtlich, dass ihm jeder Karpatianer im Raum den gleichen großen Respekt entgegenbrachte, wie auch Zev es tat. Obwohl Gary kein Krieger, sondern Wissenschaftler war, hatte er kühn und selbstlos gekämpft, als die Situation es erforderte.

»Zacarias és Manolito katak De La Cruzak, käktä enä wäkeva kontak. Kontak ŋamaŋak sarnanak hän agba nókunta ekäankal, Luiz Silva, hän ku olenot jaquár, kutenken olen it Karpatii. Luiz mänet en elidaket, korЗnat elidaket avio päläfertiilakjakak. Saγeak hänet ete tekaik.«

»Zacarias und Manolito aus dem Hause De La Cruz, zwei unserer mächtigsten Krieger, machen Verwandtschaft mit unserem Bruder Luiz Silva geltend, der einst Jaguar war und heute Karpatianer ist. Luiz rettete zweien unserer Seelengefährtinnen das Leben. Wir stellen ihn euch vor.«

Zev wusste nichts von Luiz, aber er musste jeden bewundern, der so hoch in Zacarias De La Cruz’ Gunst stand, dass dieser Verwandtschaft mit ihm geltend machte. Zacarias war nicht gerade für seine Liebenswürdigkeit bekannt. Luiz musste ein großer Krieger sein, wenn er mit dieser sehr speziellen karpatianischen Familie Umgang hatte.

»Fen és Dimitri arwa-arvodkatak Tirunulak sarnanak hän agba nókunta ekäankal, Zev Hunter, hän ku olenot Susiküm, kutenken olen it Karpatii. Torot päläpälä Karpatiikuntankal és piwtät és piwtä mekeni sarna kunta jotkan Susikümkunta és Karpatiikunta. Saγeak hänet ete tekaik.«

»Fen und Dimitri aus dem noblen Hause Tirunul machen Verwandtschaft mit unserem Bruder Zev Hunter geltend, der einst Lykaner war und jetzt Karpatianer ist. Er hat Seite an Seite mit unseren Leuten gekämpft und auch versucht, ein Bündnis zwischen Lykanern und Karpatianern herbeizuführen. Er hat gemischtes Blut wie diejenigen, die Verwandtschaft mit ihm geltend machen. Wir stellen ihn euch vor.«

Die Übersetzung war unmissverständlich. Mikhail hatte eindeutig Zevs Namen genannt und erklärt, dass Fen und Dimitri ihn als ihren Bruder betrachteten. Er hatte mittlerweile auch genug von ihrem Blut in seinen Adern, um ihr Bruder zu sein.

Das Summen im Raum schwoll an, und Mikhail nickte mehrmals, bevor er sich an Gary wandte. »Ist es dein Wunsch, voll und ganz ein Bruder zu werden?«

Gary nickte ohne Zögern. Zev war sich ziemlich sicher, dass Gary genauso wenig wie er selbst bereits im Vorfeld darauf vorbereitet worden war. Die Antwort musste jedoch offenbar sofort und ohne Zögern nach der Frage kommen. Darauf waren sie nicht vorbereitet worden, und er selbst hatte noch keine Ahnung, wie seine Antwort lauten würde.

Gregori und Darius gingen mit Gary zwischen sich auf die kristallene Säule zu, die jetzt ein trübes Rot aufwies. Gregori legte seine flache Hand auf die scharfe Spitze, die ihm die Haut durchstach, und ließ sein Blut über das des Prinzen fließen.

»Leg deine Hand auf den heiligen Blutstein, damit dein Blut sich mit dem der Vorfahren und deiner Brüder vermischen kann«, wies Mikhail nun Gary an.

Gary hielt seine Hand über die scharfe Spitze und ließ sie langsam darauf heruntersinken. Sein Blut begann an der kristallenen Säule hinabzulaufen und sich mit dem von Gregori zu vermischen.

Auf die gleiche gefährlich lautlose Art und Weise seines Bruders schob sich Darius hinter ihn. Als Gary zur Seite trat, legte auch Darius seine Hand auf die Spitze der Säule, um sein Blut mit Mikhails, Gregoris, Garys und dem der uralten, längst verstorbenen Ahnen zu vermischen.

Das Summen stieg noch weiter an und schallte durch den ganzen Raum. Wie schon vorher wirbelten auch jetzt wieder Farben umher, dieses Mal jedoch in blauen, grünen und purpurroten Schattierungen.

Gary holte hörbar Luft, verharrte und nickte stumm, als lauschte er einer Stimme oder Stimmen, die Zev nicht hören konnte. Minuten später trat er zurück und sah zu dem Prinzen hinüber.

»Es ist vollbracht«, bestätigte Mikhail. »So sei es.«

Das Summen verstummte, all diese schönen Töne, die eine Melodie aus Worten erzeugten, die nur der Prinz verstehen konnte. In der Höhle wurde es still. Zev, der sich seines viel zu schnellen Herzschlages bewusst war, tat einen tiefen, beruhigenden Atemzug und ließ die Luft dann langsam wieder aus seinen Lungen weichen. Doch seine Anspannung und das Gefühl der Erwartung nahmen noch zu.

»Ist es dein Wunsch, Luiz, voll und ganz ein Bruder zu werden?«, fragte Mikhail.

Zev warf einen langen Blick auf Zacarias und Manolito. Die Brüder De La Cruz waren berüchtigt und gefürchtet. Sich ihrer Familie anzuschließen, konnte eine beängstigende Sache sein, auf die sich nur ein sehr selbstsicherer und starker Mann einließ.

Luiz neigte den Kopf und ging, gefolgt von Zacarias und Manolito, ruhig und entschieden auf den Blutstein zu. Luiz war offenbar nicht verwundet worden, denn er wirkte sehr fit und bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Dschungelkatze.

Zacarias durchstach seine Hand als Erster und ließ sein Blut an dem Stein hinunterlaufen, um es mit dem der längst verstorbenen Krieger zu vermischen. Sofort setzte das Summen wieder ein, und diesmal hörte es sich wie eine Begrüßung an, wie ein Wiedererkennen voller Ehrerbietung und Respekt. Farben tanzten durch den Raum, als wären Zacarias und sein legendärer Ruf den Vorfahren bekannt. Jedenfalls schienen sie ihn zu begrüßen wie einen alten Freund. Zev hegte nicht den geringsten Zweifel, dass die alten Krieger Zacarias damit die ihm gebührende Achtung erwiesen. Viele hatten ihn wahrscheinlich noch gekannt.

Als das Summen verklang, trat Luiz vor den Stein, um seine Handfläche darauf zu pressen und sein Blut mit dem des ältesten De La Cruz zu vermischen. Manolito, der als Nächster vortrat, tat das Gleiche, sodass das Blut aller drei sich mit dem der Krieger aus längst vergangenen Zeiten vereinte.

Sofort begann wieder das zustimmende Gesumme, und die mächtigen Säulen aus Stalagmiten und Stalaktiten erstrahlten in Farben wie Weiß, Gelb und leuchtendem Rot.

Luiz stand schweigend und reglos da, ähnlich wie Gary vor ihm, und genau wie Gary nickte auch Luiz mehrmals, als lauschte er aufmerksam. Dann blickte er zu Zacarias und Manolito auf und lächelte zum ersten Mal.

»Es ist vollbracht«, sagte Mikhail mit leiser, aber tragender Stimme, die selbst den entferntesten Winkel der Höhle erreichte. »So sei es.«

Zevs Mund war mit einem Mal wie ausgedörrt, und sein Herz begann wie wild zu pochen. Schlimmer noch war jedoch die nervöse Anspannung, die ihm immer mehr den Magen zusammenkrampfte. Er glaubte Akzeptanz zu spüren – aber genauso gut konnte er auch auf Ablehnung stoßen. Er war kein geborener Karpatianer, aber Fen und Dimitri boten ihm sehr viel mehr als Akzeptanz – sie traten für ihn ein und bezeichneten ihn als ihren Bruder. Und falls diese alten Krieger ihn akzeptierten, würde er sowohl Karpatianer als auch Lykaner sein, wieder ein eigenes Rudel haben und endlich wieder irgendwo dazugehören.

Die Stimmung in der gewaltigen Höhle war ernst und feierlich. Die Reaktionen der längst Verstorbenen ließen allmählich nach, und Zev wusste, dass der Moment für ihn gekommen war. Er hatte jedoch keine Ahnung, was er tun sollte, wenn er aufgerufen wurde. Absolut keine. Er war sich nicht einmal sicher, ob seine Beine ihm über die kurze Entfernung hinweg gehorchen würden, und er würde sich ganz bestimmt nicht zu dem Blutstein tragen lassen.

»Ist es dein Wunsch, Zev, voll und ganz ein Bruder zu werden?«, fragte ihn Mikhail.

Er konnte das Gewicht jedes Blicks auf seinen Schultern spüren. Die hier Versammelten waren alle Krieger. Gute, kampferprobte Männer. Männer, die er respektierte. Seine Füße wollten sich vorwärtsbewegen, weil er zu diesen Männern gehören wollte. Aber er war körperlich noch immer sehr geschwächt … Und wenn er nun ihren Erwartungen nicht entsprach?

Du bist nicht schwach, Zev. Nichts ist schwach an dir.

Branislavas Stimme durchströmte ihn wie ein Hauch von frischer Luft. Ihm war nicht einmal bewusst gewesen, dass er den Atem angehalten hatte, bis sie auf so vertraute Weise zu ihm sprach. Er atmete tief aus, wappnete sich innerlich und tat vorsichtig den ersten Schritt. Fen und Dimitri blieben dicht bei ihm. Nicht nur, um ihn zu dem Blutstein zu begleiten, sondern auch, um absolut sicherzugehen, dass er auf dem Weg nicht hinfiel. Auch wenn er fest entschlossen war, das nicht geschehen zu lassen.

Mit jedem Schritt, den er über den abgetretenen Steinfußboden tat, schien er etwas von den uralten Kriegern, die lange vor ihm hier entlanggegangen waren, in sich aufzunehmen. Ihre Weisheit. Ihre Kampftechnik. Ihre enorme Entschlossenheit und ihr Ehr- und Pflichtgefühl. Er spürte, dass sich Informationen in seinem Kopf ansammelten, die er jedoch noch nicht richtig verarbeiten konnte. Sie waren ein großartiges Geschenk, aber er konnte nicht auf die Daten zugreifen, was seine Sorge, er könnte abgewiesen werden, noch vergrößerte. Er hatte das Gefühl, dass er irgendwann vor langer Zeit schon einmal in dieser heiligen Höhle gewesen war, denn je länger er sich darin aufhielt, desto vertrauter erschien sie ihm.

Als er sich dem blutroten Stalagmiten näherte, schlug ihm das Herz bis zum Hals. Nur allzu deutlich spürte er die von dem Blutstein ausgehende enorme Kraft. Die kristalline Säule pulsierte machtvoll, und jedes Mal, wenn sie es tat, bündelten sich Stränge aus verschiedenen Rottönen – Blut, das sich von all den großen Kriegern angesammelt hatte, die längst die karpatianische Welt verlassen hatten, aber über den Prinzen ihrem Volk noch immer helfen konnten. Durch die perfekt abgestimmten Noten verstand Mikhail, was sie ihm sagen wollten.

Fen legte seine Hand auf die Spitze des Stalagmiten. Sein Blut lief an dem heiligen Stein hinunter, und sogleich wechselten die Farben und strömten in einem kräftigen Purpurton durch das Dunkelrot des alten Bluts. Fen trat zurück, um Zev an die Säule heranzulassen.

Zev wollte die Sache nicht in die Länge ziehen. Entweder akzeptierten ihn die Ahnen, oder sie taten es nicht. Er konnte sich nicht erinnern, sich auch nur einziges Mal in seinem Leben um die Ansichten anderer über ihn geschert zu haben. Aber hier, in dieser heiligen Kriegerhöhle, merkte er, dass es ihm diesmal plötzlich viel wichtiger war, als er es wahrhaben wollte. Entschlossen drückte er seine Hand so fest auf die scharfe Spitze, dass augenblicklich Blut floss und sich mit Fens, der sein Bruder sein würde, und mit dem der großen Krieger der Vergangenheit vermischte.

Seine Seele suchte den Kontakt zu den vor langer Zeit Dahingeschiedenen, und sofort fühlte er sich von einem Gefühl der Kameradschaft, Akzeptanz und Zugehörigkeit durchdrungen und umgeben. Seine neue Gemeinschaft ging auf uralte Zeiten zurück, und die Stimmen dieser einstigen Krieger begannen Begrüßungen und Worte der Ermunterung zu flüstern. Die Flut von Informationen, die währenddessen seinen Kopf durchströmten und sich mit seinen Erinnerungen verknüpften, war erstaunlich, ja geradezu unglaublich.

Zev war ein Mann, der kein Detail seiner Umgebungen außer Acht ließ. Dies war eine der Eigenschaften, die es ihm ermöglicht hatte, ein Elitejäger zu werden. Und jetzt schien er alles sogar noch viel schärfer und lebhafter wahrzunehmen. Jedes Kriegerherz in der Höhle, ob aus uralten oder modernen Zeiten, schlug im Einklang mit dem trommelnden Herzschlag der Erde. Das Rauschen des Bluts in ihren Adern entsprach dem Fluss des Bluts der Ahnen innerhalb des Kristalls, aber auch dem stetigen Strom des Wassers in der Erde.

Dimitri ließ seine Hand auf die Spitze der Säule fallen, und sofort spürte Zev das Sichvermischen ihres Blutes und die Verwandtschaft zwischen ihnen, die tiefer ging als bloße Freundschaft. Seine Geschichte und Dimitris und Fens wurden zu einer einzigen, die bis in uralte Zeiten zurückreichte.

Informationen schossen ihm durch den Kopf und sammelten sich dort rapide an. Mit ihnen kam jedoch auch die schwere Verantwortung, die seinesgleichen trugen.

Das Summen wurde lauter, und endlich erkannte Zev, was diese Töne ausdrückten – dass sie rückhaltlose Anerkennung und Akzeptanz bedeuteten. Wieder tanzten und bündelten sich Farben überall im Raum. Die uralten Krieger erkannten ihn, ihn und seine Blutlinie, nicht nur das Blut von Dimitri und Fen, die Verwandtschaft mit ihm geltend machten, sondern auch seine eigene Blutlinie, die aus einer Verbindung entstanden war, die nicht voll und ganz lykanisch war.

Bur tule ekämet kuntamak. Die Stimmen der Ahnen erfüllten seinen Geist mit freundlichen Begrüßungen. Willkommen, Bruder. Eläsz jeläbam ainaak. Lang mögest du leben im Licht.

Zev hatte nicht gewusst, dass er von seiner Herkunft her irgendetwas anderes als ein reinblütiger Lykaner war. Seine Mutter war so früh gestorben, dass er keinerlei Erinnerung mehr an sie hatte. Warum wollten diese uralten Krieger durch seine eigene Blutlinie statt durch die von Fen und Dimitri Verwandtschaft mit ihm geltend machen? Das ergab keinen Sinn für Zev.

Unsere Leben sind durch unser Blut miteinander verbunden. Sie sprachen in ihrer eigenen uralten Sprache zu ihm, und er hatte keine Mühe, sie zu übersetzen, als ob die Sprache schon immer ein Teil von ihm gewesen wäre und die Ahnen nur eine Lücke in seiner Erinnerung hätten schließen müssen, damit all das wieder zur Entfaltung kam.

Ich verstehe nicht … Und das war noch reichlich untertrieben, da Zev verwirrter war denn je.

Alles, einschließlich unserer Seelengefährtin, wird von dem Blut bestimmt, das in unseren Adern fließt. Dein Blut ist Dunkles Blut. Jetzt hast du gemischtes Blut, aber du bist einer der unseren. Du bist kont oder sívanak.

Starkes Herz, Herz eines Kriegers. Es war eine Ehre, so genannt zu werden, aber es verriet ihm nicht, was er wissen musste.

Wer war meine Mutter? Das war die Frage, auf die er eine Antwort brauchte. Wenn tatsächlich schon karpatianisches Blut in seinen Adern floss, wieso hatte er das dann nicht gewusst?

Die Mutter deiner Mutter war eine reinblütige Karpatianerin. Sie wurde von Lykanern getötet, weil sie für sie eine Sange rau war. Ihre Tochter, deine Mutter, wurde ganz und gar als Lykanerin aufgezogen. Sie paarte sich mit einem Lykaner und brachte dich, ein Dunkles Blut, zur Welt. Deshalb bist du kunta.

Familie, übersetzte er für sich. Aber von welcher Blutlinie? Und wie? Zev wusste, dass er weitaus länger brauchte als Gary oder Luiz, aber er wollte diese Quelle der Informationen nicht loslassen. Sein Vater hatte nie auch nur angedeutet, dass es auch karpatianisches Blut in ihrer Familie gab. Aber hatte er es überhaupt gewusst? Oder hatte zumindest seine Mutter es gewusst? Wenn seine Großmutter ihres gemischten Blutes wegen von den Lykanern ermordet worden war, würde selbstverständlich niemand zugegeben haben, dass seine Mutter das Kind einer gemischtrassigen Frau gewesen war. Ganz im Gegenteil. Die Familie hätte sie sogar vor allen anderen versteckt. Sehr wahrscheinlich hatte ihr Vater sein Rudel verlassen und sich ein anderes gesucht, um seine Tochter zu beschützen.

Das Summen wurde leiser, aber Zev klammerte sich an die Verbindung, weil er noch mehr Informationen brauchte.

Wartet. Wer war sie?

Es ist alles da in deinen Erinnerungen, alles, was du brauchst, und alles, was du bist. Blut ruft Blut, und du bist wieder ein Ganzes.

Und damit verstummte auch schon das Gesumm.

»Es ist vollbracht«, sagte Mikhail feierlich. »So sei es.«

KAPITEL ZWEI

Fen klopfte Zev hart genug auf die Schulter, um ihn zusammenfahren zu lassen. »Sieht so aus, als sei ich jetzt dein großer Bruder. Ich wusste ja, dass es irgendwann von Vorteil sein würde, dich kennengelernt zu haben. Jetzt habe ich noch einen kleinen Bruder, den ich herumkommandieren kann.«

Dimitri stöhnte. »Jetzt können wir uns auf was gefasst machen. Von nun an wird er so aufgeplustert herumstolzieren, dass man nicht mehr mit ihm leben kann.«

Zev bemühte sich, nicht hinzufallen. Sein Magen schrie vor Schmerz. Zum ersten Mal, seit er so schwer verwundet worden war, als er Arno, eines der Ratsmitglieder, beschützt hatte, blickte er an sich hinab, als könnte er durch das weiße Hemd, das Fen ihm besorgt hatte, die Wunde sehen. Er legte sogar eine Hand auf die Stelle, die sich so anfühlte, als klaffte dort noch immer eine große Wunde. Fast erwartete er sogar, das zerfetzte Fleisch aus dem Hemd herausquellen zu spüren.

Die Offenbarungen der uralten Krieger waren fast zu viel, um sie zu verarbeiten, genau wie all die anderen Informationen, mit denen sie ihm den Kopf gefüllt hatten. Er schwankte vor Erschöpfung und merkte, dass er kaum denken konnte, weil sich seine Gedanken überschlugen bei dem Versuch, die Dinge zu verstehen, die ihm über ihn enthüllt worden waren. Hatte er das alles nur geträumt, oder war es real gewesen? Im Moment fühlte sich nur der Schmerz echt an und alles andere unwirklich und surreal.

Er zerknüllte den Stoff des Hemdes in der Faust und blickte sich langsam und behutsam um, weil er nur eine einzige Person sehen wollte. Aber dann stockte ihm der Atem, und er spürte, wie der Wolf in ihm hochfuhr, als wollte er ihn beschützen. Zev war noch immer desorientiert und fühlte sich außerstande in seinem derzeitigen Zustand, die Fülle von Informationen zu verarbeiten, die jetzt in seinem Gedächtnis eingeprägt war. Schon das Stehen fiel ihm schwer, ganz zu schweigen erst vom Denken, und er brauchte Branislava.

»Vielleicht solltest du dich hinsetzen«, schlug Fen mit aufrichtiger Besorgnis in der Stimme vor. »Ich bin froh, dass du lebst, Zev, aber es könnte sein, dass wir dich ein bisschen zu früh zurückgerufen haben.« Über Zevs Schulter blickte er dem Mann entgegen, der sich ihm von hinten näherte.

Zev zweifelte nicht daran, dass Fens Bemerkung zutraf. Er war in der Tat noch nicht ganz wiederhergestellt; er konnte ja noch nicht mal seine Körpertemperatur wieder richtig kontrollieren. Außerdem war da auch ein Anflug von Schuldbewusstsein in Fens Stimme, die Zevs gemischtes Blut wahrnahm, auch wenn seine Gedanken ganz woanders zu sein schienen. »Es muss also einen guten Grund gegeben haben, mich zu wecken.«

Er wusste, dass es der Prinz war, der hinter ihn getreten war. Mikhail gab zwar keinen Laut von sich, aber die ihn umgebende Aura der Macht war unverwechselbar. Zev drehte sich um, um den Prinzen des karpatianischen Volkes zu begrüßen.

Mikhail ergriff Zevs Unterarme und drückte sie in der traditionellen Begrüßung unter Kriegern. »Du hast uns allen einen großen Schrecken eingejagt, Zev. Wir waren uns nicht sicher, dass du es schaffen würdest.«

»Ich auch nicht«, gab Zev zu. Wieder blickte er sich in der Höhle um. Er musste Branislava sehen. Sie berühren, spüren. Wo war sie nur?

»Du brauchst jetzt Ruhe, Zev«, sagte Mikhail.

Als wäre er darauf nicht schon selbst gekommen. »Warum habt ihr mich geweckt?«, fragte er Fen.

»Dimitri und Fen fühlen sich wohler im Wald, und sie haben auch beide Häuser dort. Wir können dich also dort unterbringen, wo es dir am liebsten ist – im Wald, auf dem Berg oder sogar im Dorf. Aber du wirst noch Pflege brauchen. Zumindest, bis du wieder ganz bei Kräften bist«, fuhr Mikhail fort.

Zev wollte nur eine Person, die ihn pflegte, und die war nicht mehr in der Höhle.

Wo bist du?

War er das? Er klang besitzergreifend, ja sogar verärgert, dass sie es wagte, ohne sein Wissen fortzugehen. Er wollte nicht, dass sie sich außer Sichtweite begab.

»Vielen Dank. Ich weiß das Angebot einer Unterkunft zu schätzen. Ich bin immer noch ein bisschen wackelig auf den Beinen.«

Er musterte Fen mit einem durchdringenden Blick aus seinen stahlgrauen Augen. Er mochte zwar soeben erst von den Toten zurückgekehrt sein, aber er war immer seinen eigenen Weg gegangen, hatte seine eigenen Kämpfe ausgefochten und war ein Mann, mit dem man rechnen musste. Es musste noch einen anderen Grund gegeben haben, ihn aufzuwecken, bevor er vollständig geheilt war, als nur den, ihn den uralten Kriegern zur Beurteilung vorzuführen.

Wo bist du, Branislava?

Er stellte die Frage erneut, aber dieses Mal in einem Ton, der eine Antwort forderte, und mit seiner gebieterischsten Stimme, die keine Weigerung zuließ.

Ich muss Tatijana klarmachen, dass ich noch lebe, antwortete sie mit der gleichen sanften, wunderbar melodischen Stimme wie immer, scheinbar völlig ungerührt von seiner autoritären, idiotisch unbeherrschten Rudelführerstimme.

Warte auf mich.

Er erschrak, als er sich hörte, weil er klang wie ein Diktator. Aber er konnte nichts dagegen tun. Es hätte wie eine Bitte, aber keinesfalls wie ein Befehl klingen müssen. Branislava gehörte nicht zu seinem Rudel, aber als Alphatier war er Gehorsam nun einmal gewohnt. Selbst für den Rat der Lykaner war sein Wort Gesetz. Außerdem ärgerte es ihn, dass er nicht verstand, warum es so wichtig für ihn war, sie bei sich zu haben. Es ergab keinen Sinn für ihn, und bis er eine Erklärung dafür fand, warum es ihm so wichtig war, sie in seiner Nähe zu behalten, würde sie nirgendwohin gehen.

Ein kurzes Schweigen entstand – ein abweisendes, als wäre sie in seinem Geist gewesen, hätte sich jetzt aber von ihm zurückgezogen. Sein Herz geriet ins Stocken, und er versuchte mit aller Kraft, sie zu erreichen, weil er sie nicht gehen lassen konnte. Wenn er sich vorher der anderen Männer in der Höhle bewusst gewesen war, die plaudernd um ihn herumstanden, oder des stetigen Tröpfelns von Wasser und des leisen Zischens von Flammen, so galt seine ganze Konzentration jetzt nur noch Branislava.

Zev versuchte, sie mit schierer Willenskraft dazu zu bringen, trotz seiner herrischen, aufdringlichen Art zu ihm zurückzukehren. Er zählte sogar seine Herzschläge, während er auf ihre Antwort wartete. Wäre er stark genug gewesen, dann wäre er ihr nachgeeilt. Er wusste, dass er ihre Spur verfolgen konnte. Nur wenige entkamen ihm, sobald er ernsthaft mit der Jagd begonnen hatte.

Das Erste, was er von ihr wahrnahm, war ihr Duft, diese ungewöhnliche Mischung aus Zimt, Gewürzen und Honig. Kaum war sie in seiner Nähe, füllte er seine Lungen mit ihrem Duft und konnte endlich wieder richtig durchatmen. Er kostete die Mischung, die einzig war in ihrer Art, auf der Zunge und wollte – nein, brauchte – augenblicklich mehr. Langsam wandte er sich Branislava zu. Die Wirkung, die sie auf ihn hatte, war die gleiche wie immer, wenn sie ihn ansah. Was für ein Zauber es sein mochte, unter dem er stand, er war noch lange nicht befreit davon. Sie anzusehen schmerzte beinahe, so schön war sie.

Danke, dass du gekommen bist. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, so mit dir zu reden.

Er streckte die Hand nach ihr aus, weil er den Kontakt zu ihr jetzt brauchte. Es war merkwürdig, überhaupt etwas zu brauchen, ganz zu schweigen von einem physischen Kontakt. Ohne Fens und Dimitris erhobene Augenbrauen zu beachten, hielt er, als Branislava sich nicht rührte, die Hand auch weiter bittend nach ihr ausgestreckt. Er sagte nichts, sondern wartete nur ab und gab ihr Zeit, sich zu entscheiden. Auch wenn er insgeheim seine ganze Willenskraft darauf konzentrierte, dass sie ihm entgegenkam …

Und tatsächlich tat sie es und legte ihre Hand in seine. Seine Finger schlossen sich um ihre, die sich klein und zerbrechlich anfühlten zwischen seinen. Sofort legte sich die Unruhe in ihm, und er begann sich wieder vollständig zu fühlen. Als ein Ganzes. Was ebenfalls verwirrend war, denn bisher hatte er es noch immer geschafft, allein zurechtzukommen.

»Ich möchte dir Gary Jansen vorstellen«, sagte Mikhail.

»Ich erinnere mich an ihn«, erwiderte Zev. »Unsere letzte Begegnung war während des Kampfes mit dem Werwolfrudel, das die Frauen und Kinder angegriffen hatte. Er kämpfte wie eine Furie. Ich weiß nicht, ob ich diesen Kampf ohne Gary Jansen überstanden hätte.«

Als Gregori und Gary zu ihnen herüberkamen, fügte Mikhail hinzu: »Gregori ist wie eine alte Glucke, die über ihr Küken wacht. Doch nun, wo er Gary hat und ihn in den Wahnsinn treiben kann, habe ich vielleicht Glück, und er macht nicht mehr so viel Aufhebens um mich.«

»Dieses Glück wirst du nie haben«, entgegnete Gregori, den Mikhails Sticheleien nicht im Mindesten zu stören schienen. Es war offensichtlich, dass diese beiden Männer sehr gute alte Freunde waren.

Mikhail zuckte mit den Schultern, und ein kleines Grinsen erhellte seine scharfen dunklen Augen. »Das dachte ich mir schon. Aber hoffen darf man ja wohl noch.«

Soweit sich Zev erinnern konnte, war es das erste Mal, dass er den Prinzen und auch Gregori entspannt erlebte.

Er war sich jetzt jeder noch so kleinen Einzelheit bewusst, als hätte sein gemischtes Blut all seine Sinne geschärft und als befänden sich sowohl der Wolf als auch der Karpatianer in ihm in ständiger Alarmbereitschaft. Die Hitze in der Höhle. Das Wasser. Die Tatsache, dass Gary Jansen und Luiz Silva beide ungebundene Männer und in unmittelbarer Nähe von Branislava waren. Bei diesem letzten Gedanken entwich Zevs Atem mit einem tiefen, langgezogenen Knurren.

Er zog Branislava noch näher an sich heran. Ich will nicht vor dem Prinzen umfallen. Es war nur eine lahme Ausrede, aber die einzige Erklärung, die ihm dazu einfiel, dass er sie so dicht an seiner Seite haben wollte.

»Es freut mich, dich endlich einmal richtig kennenzulernen, Gary«, sagte Zev und streckte dem jungen Mann seine rechte Hand hin. Gary war sehr blass, aber gleichzeitig sah er auch erstaunlich fit aus angesichts der Tatsache, dass er tödlich verwundet, also im Grunde genommen tot gewesen und dann auch noch in einen Karpatianer umgewandelt worden war.

»Ich bin auch froh, dass du es geschafft hast«, antwortete Gary. »Gregori hat mich über alles, was geschehen ist, auf dem Laufenden gehalten.« Vor Branislava verbeugte er sich tief und schenkte ihr ein Lächeln. »Es ist schön, dich wieder unter Leute gehen zu sehen. Du siehst bezaubernd aus.«

Inmitten dieser heiligen Höhle, umgeben von äußerst scharfsinnigen und gefährlichen Kriegern, wurde Zev von einer wilden Wut gepackt, die in ihm auszubrechen drohte wie ein aktiver Vulkan. Er sah buchstäblich rot. Feuerrote Wellen tanzten durch die Grotte, und in seinem Mund verlängerten sich seine Zähne zu scharfen Fängen. Er kämpfte jedoch mit aller Macht gegen die Verwandlung an, um seiner wölfischen Seite keine Freiheit zu gewähren.

Ein derart intensives Gefühl hatte er noch nie erlebt. Die karpatianische Seite seines Wesens war offenbar nicht so leicht zu beherrschen. Aber er würde sich daran gewöhnen müssen – er und auch sein Wolf. Denn er bezweifelte, dass die einstigen uralten Krieger und der Prinz zu einem zähnefletschenden, angriffslustigen Wolf genauso freundlich und entgegenkommend sein würden, wie sie es jetzt noch waren.

Er warf Branislava einen Blick zu, um zu sehen, wie sie Garys Kompliment aufnahm. Der junge Mann war ehrlich – da war absolut nichts an seinem Verhalten, das auf irgendetwas anderes hinwies. Aber Zev hielt es trotzdem für nicht angebracht, dass ein anderer Mann ihr Komplimente machte, wo doch er ihre Hand hielt! Und diese Verbeugung? Also wirklich! Gary war ein Mensch gewesen, kein Karpatianer, und dieses Getue war einfach lächerlich.

Es ist nie lächerlich und unangebracht für einen Mann, einer Frau ein Kompliment zu machen. Ein Anflug von Belustigung schwang in Branislavas Stimme mit.

»Danke, Sir«, sagte sie förmlicher zu Gary. Und auch eine Verbeugung ist galant und stets willkommen.

Fen zog eine Augenbraue hoch. Dein Wolf zeigt sich. Fenris versuchte nicht einmal, sich ein süffisantes kleines Lachen zu verkneifen. Seine Belustigung hatte absolut nichts von dem sanften, freundlichen Ton in Branislavas Stimme.

Zev warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Fest entschlossen, Branislava nicht mehr seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen, zwang er sich, sich wieder Gary zuzuwenden. »Wie hast du es geschafft, in diese Gesellschaft zu geraten?«, fragte er nur halb im Scherz.

»Ich war eigentlich ihr Feind«, gab Gary zu. »Einmal sah ich einen echten Vampirangriff, und danach schloss ich mich einem Verein an, der Vampire jagt – nur war es leider so, dass ihre Zielgruppe ganz und gar nicht nur Vampire waren. Viel öfter waren es Leute, die ihnen einfach nur unsympathisch waren. Ich half einigen zu entkommen, und auch Gregori war dort, um ihnen zu helfen, obwohl ich das zu der Zeit noch nicht wusste. Irgendwann lernten wir uns dann kennen. Das ist aber schon einige Jahre her, und mein damaliges Leben war ein völlig anderes. Ich war spindeldürr und so ungeschickt, dass ich über meine eigenen Füße stolperte. In meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal einen Vampir bekämpfen und ihn sogar besiegen könnte, aber im Laufe der Jahre musste ich es lernen.«

»Trotzdem warst du schon damals bereit, es zu versuchen«, warf Gregori ein. »An Mut hat es dir nie gefehlt.«

»Ich dachte, du müsstest eigentlich ein genialer Wissenschaftler sein«, sagte Mikhail grinsend. »Und dennoch zogst du es vor, mit Gregori herumzuhängen.« Sein Grinsen wurde noch ein wenig breiter. »Und mit dem Rest von uns.«

»Ich konnte jedenfalls nie behaupten, dass mein Leben fade ist«, sagte Gary mit einem Lächeln, das jedoch gleich wieder verblasste. »Erst ihr habt meinem Leben einen Sinn gegeben.«

Gary war heute nicht mehr spindeldürr, sondern durchtrainiert und stark. Selbst er hatte schon das Aussehen eines Kriegers, der zu viele Kämpfe gesehen hatte – was vermutlich auch so war. Er war der »Kontaktmann« der Karpatianer gewesen, während sie tagsüber unter der Erde schliefen.

»Ich bin Darius«, stellte sich jetzt der Mann vor, der Gregori so ähnlich sah. »Gregori hat mir schon sehr viel über dich erzählt. Nur Gutes übrigens, was bei ihm nur selten vorkommt.«

Zev rang sich ein Lächeln ab. Er roch eine Frau an Darius und wusste instinktiv, dass dieser Karpatianer eine Seelengefährtin hatte. Er atmete tief durch, um das Kribbeln zu verdrängen, das hin und wieder seine Haut zu überlaufen schien. »Freut mich, dich kennenzulernen.« Er war definitiv zu früh erwacht. Seine Wunde pochte vor Schmerz, und so sehr er auch versuchte, ihn in den Hintergrund zu drängen, war der Schmerz doch stärker und meldete sich immer wieder.

Zacarias De La Cruz, sein Bruder Manolito und der Neuankömmling Luiz gesellten sich zu ihnen. Luiz’ Körper war eindeutig der eines Jaguars, bepackt mit dicken Muskelsträngen, und sein Gang verriet eine raubkatzenartige Geschmeidigkeit. Manolito dagegen war wie Fen, Dimitri und Zev ein Mischling.

Zacarias musterte Zev und verbeugte sich vor Branislava, ohne ein Wort zu ihr sagen.

Siehst du, so gehört sich das. Gary könnte noch etwas lernen von dem Mann.

Im Kopf hörte er Branislava leise lachen, obwohl sie nichts erwiderte.

Beeil dich mit den Vorstellungen, Zev. Du siehst aus, als könntest du jeden Moment wieder tot umfallen, warnte Fen.

Zev nickte Luiz zu und biss die Zähne zusammen. Er hatte tatsächlich das Gefühl, als könnte er jeden Moment zusammenklappen, aber das konnte er sich jetzt wirklich nicht erlauben. Zwei noch ungebundene Männer standen viel zu nahe bei Branislava, und beide sahen sie an, als wären sie drauf und dran, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Aber warum zum Teufel wäre das so schlimm? Was war bloß in ihn gefahren? Zevs Gelenke und Muskeln schmerzten. Seine Haut kribbelte und juckte. Sein Kinn fühlte sich an, als würde es gleich zerspringen, und er biss die Zähne zusammen, um diesem starken Bedürfnis nach Verwandlung Einhalt zu gebieten. Sein Wolf lauerte dichter denn je unter der Oberfläche.

»Schön, dich endlich kennenzulernen«, sagte auch Luiz. »Ich hatte schon viel von dir gehört.«

Zev wollte antworten, aber Luiz’ Blick glitt immer wieder zu Branislava, und deshalb wusste Zev, dass sie alle seinen Wolf zu sehen bekommen würden, wenn er jetzt Hände schüttelte oder zu sprechen versuchte.

Als sei er sich des Problems bewusst, schob Zacarias sich unauffällig zwischen Luiz und Zev. Und obwohl er keine aggressive Haltung einnahm, stellte er auf jeden Fall eine deutliche Bedrohung dar. Statt einzulenken, reagierte der Alphawolf in Zev jedoch mit einem herausfordernden Knurren und Zähnefletschen, das er fast nicht unterdrücken konnte.

Warum ist dein Wolf so gereizt?, wollte Dimitri wissen. Ich kann spüren, wie du mit ihm ringst. Auch er trat näher und stellte sich schützend an Zevs andere Seite.

Ich weiß es nicht. Aber er ist auf Kampf aus und will unbedingt heraus.

Zev. Gregori wandte sich gleichzeitig an Dimitri und Fen, da auch sie ihn durch ihre telepathische Verbindung mit Zev hören konnten. Deine Augen haben die Farbe gewechselt, und du strahlst einen sehr bedrohlichen Geruch aus. Soll ich den Prinzen besser wegbringen?

Zev atmete schnell und hart, um die Kontrolle über den Wolf in ihm zu behalten, der wütete und tobte, um herauszukommen. Zev sah alles in Bildern, die vor Hitze flirrten und deren Farben sich vermischten, bündelten und ineinander übergingen. Er konnte die Herzen sämtlicher Personen im Raum wahrnehmen und hörte sie mit lauten, starken Stimmen nach ihm rufen.

Gregori, Zev ist schwer verletzt, mahnte Fen. Er kann sich kaum noch aufrecht halten.

Er ist gefährlich, einer der gefährlichsten Männer, denen ich je begegnet bin. Er kennt kein Aufgeben und wird kämpfen bis zum Tod. Und er wird so viele mitnehmen, wie er nur kann.

Zev wünschte, sie alle beruhigen zu können, aber er war sich nicht mehr sicher, dass er irgendetwas anderes als ein Knurren oder Zähnefletschen von sich geben würde, sobald er sich äußerte. Deshalb versuchte er, tief durchzuatmen, aber es war fast so, als enthielte jeder Atemzug nur Feuer, das ihm die Lungen verbrannte und sein Bedürfnis nach Verwandlung nur noch verstärkte. Er hielt den Kopf gesenkt, denn wenn Gregori und Zacarias den Wolf in ihm hervorkommen sahen, würden es auch die anderen Krieger in seiner Nähe merken.

Fast schon beschützend trat Branislava näher und schmiegte sich in seine Armbeuge. Diese kleine Geste schien Zevs Wolf zumindest so weit zu beschwichtigen, dass er wieder atmen konnte. Aber leider zog Branislava mit dieser kleinen Geste auch sofort die Aufmerksamkeit der um sie herumstehenden Männer auf sich, einschließlich der von Luiz, der nicht aufhören zu können schien, sie anzustarren. Ein leises, warnendes Knurren entrang sich Zev, bevor er es verhindern konnte.

Mikhail sah ihn und dann Branislava versonnen an.

Hol mich schnell aus dieser Situation heraus, Fen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber wenn dieser Mann sie weiterhin so ansieht, werde ich mich nicht mehr bremsen können und ihn angreifen.

Diese Schwäche zuzugeben, obwohl Branislava ihn hören konnte, war eins der schwierigsten Dinge, die Zev je getan hatte.

Fen zögerte nicht. »Zev braucht jetzt Ruhe. Er ist gezwungenermaßen viel zu früh geweckt worden«, erklärte er. »Ich unterbreche die Bekanntmachungen nur sehr ungern, aber er muss jetzt wirklich gehen.« Mit vielsagender Miene deutete er auf Zevs Hemd.

Zev folgte seinem Blick zu dem hellroten, sich schnell ausbreitenden Fleck auf dem weißen Stoff des Hemds. Er legte seine Hand darüber, und als er sie wieder zurückzog, war sie blutverschmiert.

Mikhail nickte und trat beiseite. Fen ging voran, um Zev und Branislava aus dem Raum zu führen, während Dimitri ihnen folgte.

Kaum waren sie außer Sicht der anderen, blieb Fen stehen. »Ich werde dich hier wegbringen, Zev. Die Entfernung ist zu groß für dich, um sie zu Fuß zurückzulegen, und verwandeln kannst du dich in deinem derzeitigen Zustand nicht.« Er zeigte auf das Blut auf Zevs Hemd. »Das ist echt. Ich habe es nicht dorthin gezaubert. Dein Wolf kam zu nahe an die Oberfläche, und dein Körper wäre der Verwandlung jetzt noch nicht gewachsen.«

»Wirst du mir jetzt endlich sagen, was hier los ist? Was mit mir geschieht?«, verlangte Zev. Er hatte genug von all der Geheimnistuerei und seinem eigenen seltsamen Verhalten.

Lass dich von ihnen heimbringen, sagte Branislava. Dann kann ich mich um deine Wunde kümmern.

Ich muss wissen, was hier vorgeht. Zev versuchte, in normalem Ton zu sprechen, aber trotz seiner Bemühungen hörte es sich wie ein drohendes Knurren an.

Ich muss deine Wunde heilen. Sie erschrak nicht angesichts des Wolfs, sondern bediente sich ihrer sanften, wohlklingenden Stimme, die jeden Mann in die Knie zwingen konnte. Selbst Zevs Wolf schien darauf zu reagieren und beruhigte sich immerhin genug, um Zev tun zu lassen, worum sie ihn bat. Er fluchte zwar unterdrückt, nickte Fen aber zustimmend zu.

Und sein Freund und Bruder wartete nicht ab, ob er es sich noch anders überlegen würde. Er hob Zev auf und trug ihn mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch die unteren und oberen Kammern der mehrgeschossigen Höhlen. Die endlosen Kammern, die zu der heiligen Grotte hinunterführten, bildeten einen Irrgarten, ein regelrechtes Labyrinth, und trotzdem wusste Zev instinktiv, dass er trotz des schnellen Aufstiegs jederzeit den Rückweg finden würde.

Das Tempo, mit dem Fen sich bewegte, setzte Zevs Körper heftig zu, aber er protestierte nicht, weil er so bald wie möglich Antworten bekommen wollte.

Durch eine Öffnung zwischen den Felsen, die wie ein schmaler Spalt aussah, als er zurückblickte, gelangten sie ins Freie. Gleich hinter ihnen traten Branislava und Dimitri aus diesem Spalt heraus.

Wohin, Zev?, fragte Fen.

Bring mich zu dem Haus im Wald. Er brauchte das Vertraute der Bäume und der frischen Luft. Schließlich war er in erster Linie Lykaner, und deswegen würde der Wald auch immer seine erste Wahl sein.

Das schier unerträgliche Bedürfnis nach Verwandlung hatte nachgelassen, und auch der tobende, zähnefletschende Wolf in ihm hatte sich zurückgezogen. Aber die Erinnerung daran war immer noch ein schwerer Schlag für seinen Stolz. Er war drauf und dran gewesen, vor allen anderen die Beherrschung zu verlieren – und das, obwohl er es sonst so meisterhaft verstand, sich zu beherrschen.

Noch nie in seinem langen Leben war er so nahe daran gewesen, die Kontrolle zu verlieren. Er wusste, was für ein gefährlicher Mann er war. Er war Lykaner und zu einer Zeit geboren, in der diese noch nach Beute jagten. Er hatte es geschafft, diesen Hunger zu überwinden, und gelernt, ohne ein Rudel im Rücken zu kämpfen. Heute handelte er sogar Frieden zwischen einzelnen Rudeln aus. Dass ausgerechnet er Gefahr lief, die Beherrschung zu verlieren, war erschreckend, ja geradezu unbegreiflich für ihn.

Als sie den Wald betraten, war es dort herrlich kühl und frisch, und der Duft uralter Bäume half mit, seinen Wolf zu beruhigen. Tief atmete Zev die kühle Luft ein und nahm die vertrauten Gerüche in sich auf. Er spürte jedes Lebewesen im Umkreis einiger Meilen, denn hier im Wald war er zu Hause.

Das Haus war klein und aus Stein erbaut wie so viele in dieser Gegend. Nur lag dieses tief im Wald und weit entfernt von allen anderen. Das Gebiet wurde von Wölfen bewohnt, zu denen er eine Verwandtschaft spürte. Es überraschte ihn auch nicht, Dimitris Witterung aufzunehmen, sehr schwach nur und vermischt mit der seiner Seelengefährtin Skyler. Offenbar waren sie früher am Abend mit den Wölfen im Wald herumgetobt.

Fen ließ ihn jedoch erst herunter, als sie sich im Haus befanden. Dort setzte er ihn auf das Bett, das schon frisch für ihn bezogen war. Die Gerüche von Tatijana, Fens Seelengefährtin, und Skyler waren überall. Fen hatte ihnen seinen Besuch angekündigt, und sie hatten das Haus sehr einladend für ihn zurechtgemacht. Dennoch war es bezeichnend, dass keine der beiden Frauen zugegen war.

Branislava legte eine Hand an seine Brust, um ihn aufzufordern, sich hinzulegen. Für einen Moment bedeckte er ihre Hand mit seiner, als er sich in die Kissen sinken ließ. Ihre zarten Finger lagen direkt über seinem Herzen, und ihre Berührung schien ihm durch und durch zu gehen.

Ich weiß, dass mit mir etwas nicht stimmt, aber ich würde dir niemals wehtun. Dessen war er sich völlig sicher. Möglicherweise war es sogar das Einzige, dessen er sich sicher war.

Das hätte und habe ich auch nie gedacht.

Sie entzog ihm ihre Hand, um die Zipfel seines Hemdes zu ergreifen und es über der Brust aufzureißen. Zev erschrak, als er die Wunde sah. Sie bot einen abscheulichen Anblick und war viel größer, als er angenommen hatte. Die Ränder verheilten von innen heraus, aber sie hatten noch einen weiten Weg vor sich.

Branislava wandte den Kopf, um Fen und Dimitri verärgert anzufunkeln. Sie war wütend, das merkte Zev – nicht auf ihn, sondern auf die beiden Männer. Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, legte sie unendlich behutsam beide Hände auf die Wunde. Sofort konnte er die Wärme ihrer Berührung spüren, die immer heißer zu werden schien.

Du musst unter die Erde, Zev, damit die Wunde verheilen kann.

Ich muss wissen, was hier vorgeht. Gregori nannte mich einen gefährlichen Mann, und er sagte nur die Wahrheit. Ich darf nicht die Beherrschung verlieren. Ich kann nicht zulassen, dass mein Wolf die Kontrolle über mich erlangt – ganz gleich, in welcher Situation.

Branislava seufzte und ließ sich neben ihm auf das Bett sinken. Als sie ihre Hände hob, waren sie frei von seinem Blut, woran er sehen konnte, dass sie die Blutung gestillt hatte. »Wir sind Seelengefährten«, erklärte sie, aber es klang nicht so, als sei sie froh darüber.

Zev runzelte die Stirn und setzte sich langsam auf, um verwirrt und fragend zu Fen hinüberzusehen.

Aber Fen schüttelte nur den Kopf und hob abwehrend die Hände. »Ich weiß nicht, was geschehen ist, Zev. Als du so schwer verwundet warst, kämpften wir alle um dein Leben. Keiner wollte dich gehen lassen, aber du warst dem Tode schon sehr nahe, und uns blieb so furchtbar wenig Zeit …« Er brach ab und zuckte wieder mit den Schultern.

»Da habe ich deine Seele mit meiner verflochten«, gestand Branislava. »Es war das Einzige, was mir einfiel, um dich vor dem Sterben zu bewahren. Weil ich wusste, dass du nicht gehen würdest, wenn du mich mitnehmen müsstest.«

»Du sagtest, jeder von uns beiden könne diese Bindung lösen«, erinnerte sich Zev.

Sie nickte langsam. »Das stimmt. Aber das würde uns nicht ganz befreien.« Sie senkte den Blick auf ihre Hände. »Das wusste ich schon beim ersten Mal, als ich dich sah.«

»Das ist unmöglich«, sagte Fen. »Er ist in erster Linie Lykaner. Wie kann ein Lykaner der Seelengefährte einer Karpatianerin sein? Und dazu noch einer Drachensucherin?«

»Warum es so ist, weiß ich auch nicht – nur, dass es so ist«, erwiderte Branislava fest.

»Gut«, sagte Zev beruhigend, als er sah, wie sie sich quälte. Allmählich konnte er in ihr lesen wie in einem Buch. »Und wie geht es jetzt weiter?« Langsam begann einiges von dem, was die Ahnen zu ihm gesagt hatten – dass es immer um Blut ging –, einen Sinn zu ergeben. Sie hatten ihn »Dunkles Blut« genannt, nicht Mischling, was nur bedeuten konnte, dass er beides war.

Branislavas Herz schlug viel zu schnell bei dem Eingeständnis, dass sie seine vom Schicksal bestimmte Seelengefährtin war. Er streckte die Hand nach ihrer aus. »Du hast keinen Grund, mich zu fürchten. Was auch immer diese … Sache zwischen uns ist, du sagst mir einfach, was du tun willst. Ich würde dich nie zu irgendetwas zwingen.«

Fen fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar, und Dimitri wandte sich ab, um aus dem Fenster in die Nacht hinauszustarren.

Zevs Stirnrunzeln vertiefte sich. »Ihr verschweigt mir doch etwas, was ich ganz offensichtlich wissen muss«, sagte er verärgert. »Warum sagt ihr es nicht einfach?«

»Bis du Branislava offiziell für dich beanspruchen kannst, bis sie ganz und gar die deine ist, wirst du mit deiner Beherrschung schwer zu kämpfen haben. Der Wolf in dir wird jedes Mal hochkommen, wenn ein Mann in ihrer Nähe ist. Du glaubst, du seist gefährlich, aber warte nur, bis ein bisschen Zeit vergangen ist und sie nur einfach einmal nicht für dich erreichbar ist. Das kann dich in den Wahnsinn treiben. Du bist ein Mischling, Bruder, was bedeutet, dass sowohl dein Wolf als auch dein Karpatianer dich dazu treiben werden, sie zu beschützen«, erklärte Fen.

»Dimitri hat Skyler jahrelang nicht für sich beansprucht«, wandte Branislava ein. »Tatijana hat mir alles darüber erzählt.«

»Das war eine andere Situation«, sagte Fen mit einem strengen Blick zu Branislava. »Eine völlig andere, und das ist dir auch sehr wohl bewusst.«

Wieder musste Zev sich sehr beherrschen, um nicht aufzuspringen und sich auf Fen zu stürzen, allein schon für den Ton, in dem er mit ihr sprach, und den Blick, mit dem er sie bedachte. Aber stattdessen atmete er nur tief durch und zwang sich, auf seine Jahre eiserner Disziplin zurückzugreifen.

»Sprich nicht so mit ihr«, sagte er in ruhigem Tonfall. »Nichts von alledem ist ihre Schuld. Wie hätten wir auch wissen können, was geschehen würde?«

»Wir brauchen dich jetzt«, sagte Fen, ohne auf seine Worte einzugehen. »Du musst sehr bald wieder fit sein. Heute Abend sind zwei weitere Ratsmitglieder angekommen, und in unserem Dorf halten sich mehr Lykaner auf, als wir Karpatianer haben. Jeden Mann in Branislavas Nähe umbringen zu wollen, wäre da wirklich nicht die beste Taktik.«

Branislava fuhr zusammen, als ob Fen sie geschlagen hätte. Sämtliche Beschützerinstinkte beider Spezies fuhren in Zev hoch wie eine abgeschossene Rakete. Er ballte die Fäuste um die dicke Steppdecke auf dem Bett, um die Wolfskrallen zu verbergen, die an seinen Fingerspitzen hervorzukommen drohten.

»Fen, ich denke, es ist das Beste, wenn du uns erstmal allein lässt.« Zev schaffte es, die Worte ohne Knurren herauszubringen. »Wir haben einiges unter uns zu klären.«

Fen seufzte. »Entschuldige bitte, Branislava. Zev hat recht, nichts von alledem ist deine Schuld. Wie hätten wir auch wissen können, was geschehen würde?«

»Ich wusste es«, gab Branislava mit leiser Stimme zu. »Als ich ihn damals auf dem Ball sah und er mich in die Arme nahm … Schon an jenem Abend wusste ich mit der gleichen Sicherheit wie heute, dass wir das Bindungsritual vollziehen sollten.«

Zev schüttelte den Kopf. »Wir werden es besprechen und gemeinsam eine Lösung finden. Fen hat recht, ich bin tatsächlich sehr gefährlich. Ich will dich in dieser Hinsicht nicht belügen. Aber niemand, am allerwenigsten ich selbst, wird dich an einen Mann binden, den du nicht willst.«

»Das ist der Lykaner in dir, der da spricht, nicht der Karpatianer«, warf Dimitri ein.

Branislava rang sich ein kleines Lächeln ab. »Ich habe uns schon aneinander gebunden. Oder hast du das bereits vergessen? Unsere Seelen bleiben miteinander verflochten. Wohin du gehst, gehe ich auch hin.«

»Aber wir können es rückgängig machen«, erinnerte Zev sie. »Das hast du selbst gesagt. Du bist nicht gefangen. Denn so fühlst du dich doch, oder?«

Fen und Dimitri schienen gehen zu wollen, aber Branislava hob die Hand. »Wartet. Ich muss wissen, warum ihr darauf bestanden habt, ihn so früh zu wecken. Es ist wichtig für alle Entscheidungen, die wir hier treffen.«

»Weil Zev die einzige Person ist, die noch das Vertrauen des Lykanerrats genießt. Und weil wir keine Ahnung haben, wer von ihnen Freund und wer Feind der Karpatianer ist. Zev dagegen kennt sich mit der lykanischen Politik und ihren führenden Persönlichkeiten aus, und er kennt auch alle Ränke und Machenschaften, zu denen diese Leute greifen können. Das Bündnis zwischen uns und den Lykanern ist nicht mehr so wichtig wie die Antwort auf die Frage, wer unser wirklicher Feind ist. Und Zev ist der Einzige, der das in Erfahrung bringen kann.«

»Die Ratsmitglieder sind meine Freunde«, wandte Zev ein. »Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, sie zu beschützen und ihren Gesetzen Geltung zu verschaffen. Ich kann jetzt nicht einfach die Seiten wechseln.« Er fuhr sich mit der Hand durch sein langes, dichtes Haar, das jetzt in wirren Strähnen sein Gesicht umgab, statt wie sonst zu einem Zopf zurückgebunden zu sein.

»Du würdest sie immer noch beschützen. Du weißt, dass gedungene Mörder hinter ihnen her sind, wodurch sie ebenso sehr in Gefahr sind wie unser Prinz. Hoffentlich wirst du die Sache aufklären und sie alle am Leben erhalten können«, schloss Fen düster.

Dimitri nickte. »Du bist wirklich unser Bruder. Unser Blut fließt in deinen Adern. Wir sind alle drei durch Blutsbande aneinander gebunden. Wir hätten niemals deine Heilung gefährdet, wenn die Situation nicht wirklich so dramatisch wäre.«

Branislavas Hand glitt zu einer von Zevs Fäusten, die noch immer halb unter der Bettdecke verborgen waren, und sie strich ihm sanft mit ihren Fingerspitzen über die Knöchel.

Zev fühlte, wie noch mehr von seiner nervösen Anspannung von ihm abfiel. Jetzt wusste er wenigstens, warum er so durcheinander war. Sich wieder in den Griff zu bekommen konnte schwierig werden, aber da er nun den Grund für die Unbeherrschtheit seines Wolfes kannte, war Zev sich sicher, dass er die nötige Disziplin aufbringen würde, um seine aggressive Reaktion auf andere Männer in Branislavas Nähe zu bändigen.

»Ich will ganz ehrlich zu euch sein«, sagte er zu Dimitri und Fen. »Ich weiß nicht, ob ich dieser Aufgabe schon gewachsen bin. Ich kann mich ja kaum auf den Beinen halten, geschweige denn die Ratsmitglieder beschützen.« So ungern er das den anderen auch eingestand, er musste ehrlich sein, weil er sich letztlich als Belastung für sie herausstellen konnte, wenn sie auf ihn bauten. »Ihr alle könntet meinetwegen sterben, falls ich mich nicht behaupten kann in einem Kampf. In einem solchen Moment könnt ihr euch nicht auch noch Sorgen darüber machen, ob ich mich selbst beschützen kann oder nicht.«

Fen nickte. »Das wissen wir. Mikhail sagte uns schon, dass du so reagieren würdest. Und deshalb möchte er, dass du dir überlegst, ob du dich nicht von ihm und Gregori heilen lassen willst.«

Branislava sog scharf den Atem ein und fuhr zu Fen herum. »Das ist nicht üblich. Das weißt du. Sogar ich weiß, dass das nicht üblich ist.«

»Natürlich ist es das«, sagte Fen. »Der Prinz ist der mächtigste Mann von uns allen.«

»Was auch der Grund dafür ist, dass so etwas nicht getan wird. Lass es uns Frauen noch einmal versuchen. Skyler ist eine mächtige Heilerin, und wir sind Drachensucherinnen. Gregori kann uns auch ohne Mikhail helfen.«

»Ihr habt es schon versucht, ihr alle, inklusive Gregori«, widersprach Fen scharf. »Zev ist ein Lykaner, deren Körper sich sehr schnell erneuern. Darüber hinaus ist er ein Mischling, die sogar noch schneller gesunden. Aber er erholt sich nicht, und das weißt du genauso gut wie ich.«

»Weil er zu schwer verwundet wurde«, gab Branislava mit einer flehentlichen Bitte in den Augen zu.

Zev griff nach ihrer Hand, um sie über sein Herz zu legen. »Sei nicht traurig, ich werde schon wieder gesund. Das ist bei mir immer so.«

Doch sie schüttelte nur stumm den Kopf und hielt den Blick auf ihren Schoß gesenkt.

Fen seufzte wieder. »Eigentlich müsstest du tot sein, Zev. Niemand hätte diese Wunde heilen können. Indem Bronnie eure Seelen miteinander verflocht, hat sie den Tod gewissermaßen überlistet. Sie wusste, dass du nicht in die andere Welt hinübergehen und sie so zwingen würdest mitzukommen.«

Zev zuckte mit den Schultern. »Es ist mir vollkommen egal, wie es zustande gebracht wurde. Was mich angeht, war sie mehr als mutig, als sie auf mich setzte, obwohl ihr alle glaubtet, dass ich sterben würde – oder sterben müsste. Aber hier bin ich, und ich lebe noch.«

Er legte seine Hand unter Branislavas Kinn und hob ihren Kopf ein wenig an, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen. »Wir werden es gemeinsam tun. Wir werden herausfinden, wer hinter alldem steckt, und ich verspreche dir, dass wir dann auch die Dinge zwischen uns klären werden.«

»Vielleicht solltest du das besser klären, bevor du versuchst herauszufinden, wer hinter diesem ganzen Schlamassel steckt«, murmelte Dimitri vor sich hin.

Zev warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Hör nicht auf ihn, Branislava. Was zwischen uns ist, geht nur dich und mich und niemanden sonst etwas an. Verstehst du, was ich meine?«

Branislava nickte und schenkte ihm ein kleines Lächeln, das sein Herz gleich wieder schneller schlagen ließ.

»Erzählt mir von dieser Behandlung durch Gregori und den Prinzen, und erklärt mir, warum er es so selten tut.« Zev löste seinen Blick von Branislava und richtete ihn auf Fen, um zu vermeiden, dass er wieder einmal der Frage auswich.

»Beide sind Heiler von immenser Macht. Gregori ist bekannt als einer unserer größten«, antwortete Dimitri, als sein Bruder schwieg. »Aber die Verbindung von Mikhail und Gregori ist mehr so etwas wie eine Atombombe. Falls sie nicht sehr genau sind, falls sie sich auch nur bei einer kleinen Berechnung irren, die Hitze zu hoch ansetzen oder …«

»Ich verstehe schon.« Zev seufzte und begann mit Branislavas Hand über seinem Herzen einen Rhythmus zu klopfen, während er seine verschiedenen Möglichkeiten überdachte.

Es wird nicht gemacht, weil es als viel zu gefährlich eingestuft wird.

Die Wunde in Zevs Bauch schmerzte und pochte in einer beständigen Erinnerung an den mächtigen Holzsplitter, der bei der Explosion einer Bombe in seinen Leib getrieben worden war. Nur ungern erinnerte er sich daran, wie dieser gewaltige Splitter, der fast so groß gewesen war wie seine Faust, in ihn eingedrungen war und sein Innerstes zerrissen hatte.

Wie lange würde es dauern, bis ich auf natürliche Weise in der Erde heilen würde?

Ein kurzes Schweigen folgte. Zev wandte sich Branislava zu, um sie anzusehen, und zog ihre Fingerspitzen an seine Lippen. Dann fuhr er sanft mit den Zähnen über ihre Fingerkuppen und wartete auf ihre Antwort.

Wölfe sind sehr oral, oder?

Das war das Letzte, was er von ihr zu hören erwartet hatte. Wie aus dem Nichts stieg ein Lachen in ihm auf. Normalerweise lachte Zev nicht, und es zu tun, tat höllisch weh, aber er konnte gar nicht anders.

Ja, ich glaube schon, dass wir das sind.

Ihre Belustigung ließ ihre grünen Augen funkeln wie Smaragde. Es gefällt mir, dass du Sinn für Humor besitzt.

»Ich habe festgestellt, dass ich beim Zusammensein mit Fen und Dimitri sogar erstaunlich viel Humor benötige«, erwiderte er laut und sah mit hochgezogenen Augenbrauen die beiden Männer an, die Verwandtschaft mit ihm geltend machten.

»Ja, manchmal kannst du ein echter Komiker sein.« Fen verschränkte seine Arme vor der Brust und lehnte sich mit der Hüfte an die Wand. »Sag du mir, was du in dieser Situation machen willst. Wenn du dir die Zeit nehmen willst, auf natürliche Weise in der Erde zu heilen, wirst du wieder gesunden – irgendwann. Du bist Karpatianer, und du bist stark. Es könnte Monate, ja sogar ein Jahr dauern, aber irgendwann wirst du wieder auf die Beine kommen.«

Monate? Ein Jahr? Branislava war mit ihm unter der Erde gewesen. Sie musste wissen, ob diese Wunde schnell oder langsam heilte.

Meiner Meinung nach heilst du sehr schnell für eine solch tödliche Wunde, aber Fen hat recht damit, dass es einige Monate und sehr wahrscheinlich länger dauern könnte. Dass du überhaupt überlebt hast, ist eigentlich schon ein wahres Wunder.

Zev seufzte. »Hat Mikhail dich gebeten, mich zu wecken? Oder war es deine Idee?«

Fen schien sich sehr unwohl in seiner Haut zu fühlen, aber er sagte nichts.

»Fen hat tagelang davon abgeraten, dich aus der Erde zu holen«, erwiderte Dimitri an seiner Stelle. »Aber Mikhail und Gregori beharrten darauf, dass es äußerst wichtig sei. Beide glauben, dass wir ohne dein Wissen über die Lykaner und den Rat keine Chance haben, einen totalen Krieg zu vermeiden, geschweige denn ein echtes Bündnis mit ihnen zu erreichen.«

Zev biss sanft in Branislavas Fingerspitzen, während er über die verschiedenen Möglichkeiten nachdachte. Diese Frau, die da schweigend neben ihm saß, zog ernsthaft in Betracht, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, um die Seelengefährtin eines ihr quasi fremden Mannes zu werden, nur um zu verhindern, dass er jeden Mann umbrachte, der auch nur in ihre Nähe kam. Pflichtbewusstsein, dachte er seufzend. Er hatte mehr als eine Lebenszeit seine Pflicht seinem Volk gegenüber getan. Wann würde das enden? Er war völlig ausgelaugt und hundemüde.

Du bist kein völliger Fremder.

Da war er wieder, dieser Anflug von Humor in ihrer Stimme. Er hatte schon bemerkt, dass sie nur selten laut sprach und es vorzuziehen schien, über ihren privaten telepathischen Pfad mit ihm zu reden. Schon an dem Abend, als sie das einzige Mal miteinander getanzt hatten, war ihm aufgefallen, dass sich zwar viele Karpatianer um sie scharten, diese aber das Gespräch fast allein bestritten. Branislava war sehr still, ja schon beinahe schüchtern, aber ihre Wesensart war ganz und gar nicht passiv.

Unter dieser kühlen, ruhigen Oberfläche befand sich eine feurige, leidenschaftliche Frau, die genauso wild und hitzig war wie jeder Krieger, gegen den er je gekämpft hatte. Das wusste er, weil er sie in ihrer Drachengestalt gesehen hatte. Mit ihren leuchtend roten Schuppen mit den goldenen Spitzen war sie ein unvergesslicher Anblick am Himmel gewesen. Und wenn er mit ihrem Geist verschmolz, sah er den eisernen Willen, der in den Eishöhlen gestählt worden war, in denen ihr Vater sie gefangen gehalten hatte.

Sein Herz begann zu rasen, als er diese Verbindung herstellte.

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