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Gefährten des Zwielichts

ÜBER DEN AUTOR

Alexander Lohmann, geboren 1968 in München, studierte nach seiner Ausbildung zum Informatiker Germanistik und Geschichte und war als Redakteur bei Zeitschriften tätig. Die Lektüre des »Herrn der Ringe« weckte schon früh seine Liebe zur Fantasy. Während der 90er-Jahre war er im Fandom aktiv, z. B. als Mitherausgeber eines Fanzines. Seine Vorliebe für spannungsreiche Gegensätze setzt er am liebsten in eigenen Büchern um, wovon die »Gefährten des Zwielichts« beredtes Zeugnis ablegen. Wenn Alexander Lohmann gerade kein Buch schreibt, arbeitet er als freier Lektor und Literaturübersetzer in Leichlingen.

DANKSAGUNGEN UND WIDMUNG

Bedanken möchte ich mich bei allen, die mir beim Schreiben des Buches zur Seite standen – vor allem bei meinen Testlesern Andrea Broichhausen, Marcel König und Ellen Schulz.

Grüße und Dank gehen auch an den »Tintenzirkel«, der ein lebendiges schreiberisches Umfeld geschaffen hat.

Mein besonderer Dank gilt Linda Budinger, die mir die Grundidee für diesen Roman so freundlich zur Verfügung gestellt hat und auch sonst meine erste Leserin und Zuhörerin war. Ohne sie hätte es dieses Buch nicht gegeben.

Widmen möchte ich dieses Buch – wie könnte es anders sein – den großen Autoren, die vor uns kamen und auf deren Schultern wir alle stehen. Hoffen wir, dass wir dabei über die Köpfe unserer Vorgänger hinwegblicken und ein wenig weiter in die Ferne schauen können.

Inhalt

PROLOG

TEIL 1: EINE REISE INS LICHT

1. Ein unmöglicher Auftrag

2. In den Landen des Lichts

3. Unterwegs nach Keladis

4. Der nicht-ganz-so-geheime Rat

5. Katerstimmung nach dem Maifest

6. Baskons Sturz

7. Ein böses Erwachen

8. Mit dem richtigen Köder

9. Eine Gemeinschaft wird zerschlagen

TEIL 2: EINE REISE INS DUNKEL

10. Die Ränke des großen Unkwitt

11. Ein unwahrscheinliches Bündnis

12. Im Hort des Unkwitt

13. Grautaz’ Plan

14. Geschlagen und begraben

15. Verrat

16. Der stärkste Krieger führt

17. Die Grauen Lande

18. An der Quelle des Blutes

19. Das gebrochene Herz

DRAMATIS PERSONAE

PROLOG

Vor über tausend Jahren stürzte in einem feurigen Stern Leuchmadan vom Himmel. Die Essenz seines Seins mischte sich mit dem lebendigen Blut der Erde und formte die Grauen Lande. Dort nahm Leuchmadan Gestalt an. Er machte sich zum Herrn über alle Finstervölker und schickte sich an, die ganze Welt zu unterwerfen.

Die Menschen von Bitan, dem Reich an der Grenze der Grauen Lande, sollten seine ersten Opfer werden. Doch in ihrer Not suchten die Bitaner Hilfe, und sie wandten sich an die Elfen und die Zwerge und an all ihre anderen Verbündeten. Die Völker des Lichts versammelten sich. Sie erkannten, dass mit Leuchmadan etwas Fremdes in die Welt gekommen war und sie alle bedrohte. Sie warfen Leuchmadans finstere Horden zurück, und auf der Ebene von Daugazburg stellten sie sich zur letzten Schlacht …

Graue Asche trieb durch die Luft wie schmutziger Schnee. Innerhalb eines Augenblicks war alles Grün auf der Ebene, war jeder zähe Baum welk geworden und zerfallen wie verkohltes Holz. Der leiseste Windhauch trug die Flocken empor – und die Stiefel der streitenden Heere wirbelten dichte Wolken auf.

Eine Anhöhe ragte über dem Schlachtfeld auf, gekrönt von einem riesigen Zelt, das grau geworden war von der Asche. Auf diesem Hügel hatten sich die Könige und Heerführer der Freien Völker mit ihren Leibwachen versammelt, um den Fortgang der Schlacht zu verfolgen. Das war schwer geworden. Sie mussten sich auf Botenläufer verlassen und darauf, dass sie die schemenhaften Bewegungen im Dunst richtig deuteten.

König Lukar von Bitan wischte sich den Schmutz von der Stirn, aber die Asche löste sich im Schweiß zu einer beißenden Brühe, die ihm immer wieder in die Augen lief. Seine schulterlangen schwarzen Haare und der fein gestutzte Bart sahen aus, als seien sie mit einem Mal grau geworden. Weiße Verwehungen sammelten sich auf den breiten Schultern und auf seiner schweren Rüstung und rieselten bei jeder Bewegung herab. »Es war ein Fehler, die Schlacht in Leuchmadans eigenem Land zu suchen«, knurrte er. »Die Erde selbst wendet sich hier gegen uns.«

Parestas, der Elfenkönig, hatte sich, wie alle Elfenfürsten auf dem Hügel, zum Schutz vor dem Staub ein Halstuch bis über die Nase hochgezogen, so dass nur noch wenig von seinem langen und schmalen Antlitz zu erkennen war. Die edle Blässe seiner Stirn war wie fortgepudert, das glatte blonde Haar war vom Staub aufgehellt und mattiert. Nie hätte er sich dazu herabgelassen, seinen menschlichen Verbündeten inmitten einer Schlacht mit Vorwürfen zu behelligen. Doch er zwinkerte kaum merklich über das Tuch hinweg und Prinz Perbias sprang für seinen Vater in die Bresche:

»Ja, aber warum sehen wir uns dazu gezwungen?«, sagte er. Die Spitzen seiner Ohren zitterten, als er unter dem schützenden Tuch das Gesicht verzog. »Doch nur, weil die Menschen in Scharen zu Leuchmadan überlaufen. ›Der Gott, der das Licht vom Himmel herabgebracht hat‹, so nennen sie ihn.«

»Nur die Barbaren aus dem Süden«, fuhr Lukar auf. »Wir Menschen von Bitan beugen unser Haupt nicht vor Dämonen und falschen Göttern!«

»Wie dem auch sei«, sagte Parestas und zuckte die Achseln. »Jedenfalls sind Menschen dafür verantwortlich, dass Leuchmadans Truppen mit jedem Tag mehr an Kraft gewinnen. Deshalb müssen wir hier die Entscheidung suchen, solange wir noch einen Vorteil haben.«

»Frieden, meine Freunde«, warf Bendecir ein. Der Priester der Götter des Lichts hob begütigend die Hände. »Das Schicksal wird uns beistehen. Denkt daran: Es muss erst finster werden, bevor die Sonne sich erheben kann!«

Weitere Boten eilten heran. Die Heerführer der Freien Völker traten in das Zelt an den großen Kartentisch. Die luftigen Planen sollten Schutz bieten, konnten aber die Ascheflocken nicht fernhalten. Lukar fegte mit der Hand über den Plan, um besser sehen zu können, hinterließ aber nur eine schmutzige Spur.

»Grau. Alles grau. Das ganze Land hier ist grau geworden«, murmelte er. Dann holte er Luft, um die Asche fortzublasen, doch er musste husten. Er hielt sich einen Zipfel seines Mantels vor den Mund. »Na, zumindest dürfte das die Zwerge nicht behindern.«

»Solange sie der Versuchung widerstehen können und ihre Reihen nicht verlassen, um sich im Dreck zu suhlen«, spottete Prinz Perbias. Er schüttelte die Flocken aus seinem langen Goldhaar, zwischen dem die Elfenohren scharf hervorstachen.

»Sprich bitte mit mehr Respekt von unseren Verbündeten«, tadelte sein Vater ihn mit belustigtem Augenaufschlag. Dann wurde er wieder ernst und starrte auf die Karte.

Einige Befehlshaber im Zelt blickten sich unbehaglich um, aber es waren keine Zwerge anwesend. Deren Könige hatten die größere Sicherheit des bitanischen Befehlsstandes abgelehnt und führten lieber ihre kämpfenden Truppen in der Schlacht.

»Die Zwerge halten noch stand«, sagte Lukar. Von der Ebene drang Brüllen und Waffengeklirr herauf. »Leuchmadan wirft immer wieder seine Trolle gegen sie in den Kampf aber die Angriffe zerschellen am Wall der Schilde.«

»Ich mache mir Sorgen um die Flanken«, meinte Parestas und wies auf die Karte. »Leuchmadan will die Barttreter doch nur im Zentrum festhalten, während die Hauptmacht seiner Goblins im Schutz dieser Staubwolke unsere Truppen umzingelt. Da ist eine Schlacht aus tausend Scharmützeln im Gange, in diesen schmutzigen Nebeln. Meine Bogenschützen drängen die Goblins zwar immer weiter ab, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis unsere Reihen so weit auseinander gerissen sind …«

»Sie sind durchgebrochen!«, ertönte ein Ruf.

Alle stürmten nach draußen.

Die vereinigte königliche Leibwache von Menschen und Elfen bezog Stellung rings um die Hügelflanke und spähte angestrengt ins schmutzige Zwielicht. Eine fahle Sonne brannte verschwommen, aber heiß vom verhangenen Himmel herab. Immer wieder ballten sich die Flocken in der Luft zu dichteren Wolken zusammen und täuschten Bewegung vor, doch die einzigen Krieger, die man sehen konnte, waren einige uniformierte menschliche Botenläufer, die hastig heranliefen und von den Wachen durchgelassen wurden.

»Sie sind durchgebrochen«, wiederholte der vorderste Bote. Er trat vor den Elfenkönig. »Sie kommen auf den Hügel zu.«

»Wo?«, fragte Parestas und tat einen Schritt auf den Mann zu.

»Hier«, sagte der Läufer, und mit einem Mal hielt er einen Dolch in der Hand. Wie eine zustoßende Schlange fuhr die mattierte Klinge auf den Hals des Elfen zu, aber König Lukar warf sich dazwischen.

Eine Armschiene aus blauschwarzem Stahl traf den Angreifer am Unterarm, und mit einem Schmerzenslaut ließ der Mann das Messer fallen. Das Antlitz unter der Kapuze verzerrte sich, die menschlichen Züge verschwammen, wurden runder und weicher – und in der Uniform des bitanischen Botenläufers stand plötzlich ein Nachtalb vor ihnen, an dem grünbraunen Mondgesicht deutlich zu erkennen.

»Ein Hinterhalt!«, rief Parestas erschrocken. »Sie haben sich mit einem Zauber getarnt!«

Da zogen auch schon die anderen Boten ihre Schwerter und stürzten sich auf die überraschten Befehlshaber. Der vorderste Nachtalb schob Lukar mit der Schulter beiseite und griff den Elfenkönig an. Seine langen, spitzen Finger zuckten zu Parestas’ Kehle, im Begriff, den tödlichen Zauber zu sprechen.

Perbias griff nach der eigenen Waffe, doch er war zu weit von seinem Vater entfernt, genau wie die Leibwache, deren Ring der Feind durchbrochen hatte. König Lukar holte mit dem schweren Reiterhelm aus, den er die ganze Zeit in der Linken gehalten hatte. Mit einem Brüllen sprang er vor und hieb auf den Nachtalb ein.

Die kantige Helmzier bohrte sich knirschend durch den Kapuzenstoff in den Schädel des Angreifers. Die Wucht des Schlages riss den Nachtalb vom Elfenkönig fort.

Parestas hob erschrocken die Hände und betastete seinen Hals. Er war so bleich geworden, dass man es trotz der grauen Asche, die auch ihm unter dem verrutschten Halstuch im Gesicht klebte, noch erkennen konnte.

»Danke«, hauchte er, aber der König der Bitaner hörte ihn gar nicht mehr.

Mit einem Kampfesruf stürmte Lukar den übrigen Angreifern entgegen. Den toten Anführer der falschen Kundschafter schleifte er noch einige Schritt weit über den Boden hinter sich her. Dann blieb der Nachtalb in einer grünen Blutlache liegen, mit einem Büschel bunter Federn vom Helmschmuck auf dem Kopf.

Zwischen den Eindringlingen und dem Rest der Heerführer war ein Handgemenge entbrannt. Die meisten der Elfen und Menschen hatten nicht einmal Zeit gefunden, eine Waffe zu zücken. Die Menschen in ihren schweren Rüstungen stellten sich schützend zwischen Elfen und Nachtalben und wehrten mit Armschienen und Brünne gekrümmte Klingen ab. Aber die schmalen Schwerter schoben sich unter die Panzerplatten, Blut floss, und die Schreie der Verletzten mischten sich mit den Flüchen der Kämpfenden.

Bendecir der Priester floh in einen Winkel des Befehlszeltes, wo hinter einem Sichtschutz die Heiligen Gegenstände verwahrt waren, die der Tempel den vereinten Heeren für diese Schlacht mitgegeben hatte.

Einer der Nachtalben bahnte sich seinen Weg durch das Getümmel und stürzte sich hasserfüllt aufeinen Elfenfürsten. Er versetzte diesem drei harte Hiebe über die Brust. Der Elf taumelte rückwärts und versuchte, der blitzenden Klinge auszuweichen. Der Wappenrock wurde ihm in Fetzen geschlagen, aber das feine Kettenhemd darunter hielt stand.

Prinz Perbias stand unschlüssig zwischen den Angreifern und seinem Vater. Lukar stürmte an ihm vorüber.

»Bitan! Bitan!«, brüllte er und schwang den Helm wie einen Streitkolben. Der Helmschmuck zischte durch die Luft, und mit dumpfem Laut traf der Helm die Nachtalben von hinten. Sie schrien auf vor Schmerz und stoben auseinander.

Das Blatt wendete sich. Inzwischen bewaffnet, setzten Menschen und Elfen den Nachtalben nach. Auch die Wachen hatten ihren Kreis enger geschlossen. Die falschen Kundschafter waren eingekesselt. Bald war der Kampf vorbei, und Lukar hielt keuchend inne.

»Nachtalben.« Perbias spie aus. »Von dieser Brut kann man nur Hinterlist erwarten.«

»In der offenen Schlacht haben sie sich bisher jedenfalls nicht gezeigt«, sagte Parestas und nickte seinem Sohn zu. »Aber was haben sie erreicht?«

»Sie haben gar nichts erreicht«, stieß Perbias hämisch hervor. »Erbärmliches Gesindel. Mit ihrer tückischen Magie können sie vielleicht einfache Gemüter verwirren, aber im Kampf sind sie zu nichts zu gebrauchen.«

Parestas blickte seinen Sohn an und schüttelte den Kopf.

»Wir haben mehrere Verletzte«, warfLukar ein. Allmählich kam er wieder zu Atem, aber die rußige Luft reizte seine Kehle. Immer wieder wurde er von Husten geschüttelt. »Allerdings hätte es schlimmer kommen können. Sie waren so versessen darauf, euch Elfen zu erschlagen, dass sie ihre Möglichkeiten nicht genutzt haben. Pflegt ihr etwa einen besonderen Zwist mit den Nachtalben?« Er griff nach einem schlaffen Weinschlauch und trank ein paar hastige Schlucke.

»Ich frage mich«, sagte Parestas nachdenklich, »wo die Wardu geblieben sind. Warum hat Leuchmadan seine mächtigsten Verbündeten noch nicht eingesetzt?«

Er blickte zum Himmel, aber die fliegenden Truppen, die Leuchmadan aufgeboten hatte, waren schon zu Beginn der Schlacht von elfischen Bogenschützen zersprengt worden. Seither war keiner der grauenerregenden kämpfenden Hexenmeister mehr gesehen worden.

»Sie sind durchgebrochen!«, rief eine Stimme, und alle Köpfe fuhren herum. Eine Gestalt eilte durch den Aschenebel den Hügel empor.

Diesmal waren die Soldaten der Leibwache auf der Hut. Sofort rissen sie den Boten zu Boden. Sie traten auf seinen Mantel, hielten den Mann fest, und einer der Krieger schlug ihm den Panzerhandschuh ins Gesicht.

»Diese Nachtalben«, lachte Perbias auf »Sie müssen wahnsinnig sein, ein zweites Mal dieselbe List zu versuchen.«

»Halt!«, rief Lukar. »Haltet ein!«

Die Wachen zogen den Botenläufer wieder auf die Füße. Das Gesicht des Mannes war blutig, es zeigte keine Spur nachtalbischer Züge. Er blickte verwirrt drein und spie seinem König einen Zahn vor die Füße.

»Schind durch’brochen«, nuschelte er. »Drolle. Über die Schwerge. Un’ überall Goblinsch.«

Der bitanische König fluchte. Der ganze Trupp stürmte wieder durch die hochgeschlagene Zeltwand zum Tisch und versuchte, anhand der Karte die Lage einzuschätzen.

Plötzlich schob sich eine kleine Gestalt zwischen Menschen und Elfen hindurch. Sie reichte den großen Leuten bis an die Hüfte, und auch das menschliche Gesicht hatte etwas Kindliches an sich. Das Wesen bewegte sich geschmeidig, und die Ohren unter dem wirren braunen Schopf liefen nach oben spitz zu, als wäre es halb Mensch, halb Elf.

Es war ein Wichtel.

Seine Kleidung war zerfetzt, sein Gesicht von blutigen Schrammen übersät. Er musste Schlimmes durchgemacht haben.

»Gestatten?«, murmelte er und zupfte den König am Mantel. Lukar trat erschrocken zurück, und der Wichtel stellte ein zierliches Silberkästchen auf den Tisch. »Ich sollte hier etwas abgeben.« Er grinste.

»Wie bist du hereingekommen?«, stieß Lukar hervor und schaute zu der Reihe der Wachsoldaten.

»Leuchmadans Herz!«, stieß Parestas hervor. »Ihr habt es geschafft!«

»Keine Umstände«, sagte der Wichtel und blickte in die Runde. Alle starrten wie gelähmt auf die Schatulle. »Ihr hattet mich um diesen Dienst gebeten – und ich habe das Ding geholt. Habt ihr daran gezweifelt?«

»Das … ändert alles«, flüsterte Parestas. Mit zitternden Fingern zog der Elfenkönig das Kästchen zu sich heran.

Lukar kratzte sich am Kopf. »Meint Ihr, das reicht?«

»Das reicht.« Parestas nickte. »Wenn Eure Reiter stark genug sind, unseren Plan umzusetzen, heißt das.«

»Dann«, verkündete König Lukar, »werdet Ihr nun die Stärke meines Reiches kennenlernen.«

Er setzte sich den blutverschmierten Helm mit dem zerrupften Federschmuck auf und verknotete die Riemen, während er nach draußen ging. »Macht die Kataphrakten bereit!«, brüllte er. Dann schritt er durch die Reihen seiner Leibwache, und die Garde folgte ihm. Panzerplatten klirrten. Nur eine kleine Schar Infanterie und die Elfen verteidigten noch die Anhöhe.

Einige Generäle vom Volk der Menschen waren zurückgeblieben und blickten sich besorgt um, und auch Prinz Perbias schien seine Zweifel zu haben.

»Wird Leuchmadan noch dort sein, wo wir ihn vermuten?«, fragte er.

»Das wird er«, sagte sein Vater. Seine Hand ruhte auf dem Kästchen, das der Wichtel gebracht hatte. »Leuchmadan hatte keinen Grund, seine Stellung zu wechseln. Keine unserer Einheiten ist auch nur in seine Nähe gekommen. Wenn er sich im Schutz des Aschenebels bewegt hat, dann nur im Triumph nach vorn, und umso rascher werden Lukars Kataphrakten auf ihn stoßen.«

Er beugte sich zu dem Wichtel hinab.

»Volpar, wir alle sind euch zu Dank verpflichtet. Dir und deinen Gefährten. Ihr habt uns Leuchmadans Herz gebracht, den magischen Edelstein, in den Leuchmadan seine Lebensessenz gegossen hat – und mit dem er die magischen Kräfte des Landes lenken kann. In der finstersten Stunde, im Augenblick höchster Gefahr, habt ihr uns den Sieg gebracht.«

Der Elfenkönig blickte sich um. Ernst blickte er auf seinen Sohn, auf die anderen Anwesenden. »Viele haben gezweifelt, ob die Wichtel zu diesem Bund gehören sollten. Doch hier und heute leiste ich den Eid, für mich und für alle Elfen: Wir werden stets für den Platz der Wichtel unter den Völkern des Lichts bürgen. Wir werden nicht vergessen, was ihr heute für uns getan habt.«

Die Erde erbebte. Ein dumpfes Grollen stieg in den ascheverhangenen Himmel hinauf Sechstausend bitanische Panzerreiter, eigens für diesen Vorstoß oder für den Augenblick höchster Not hinter dem Hügel in Bereitschaft gehalten, rückten vor.

Die schweren Rösser mit ihren Schabracken aus Stahllamellen stürmten um den Hügel, immer schneller. Die einstmals blauschwarz schimmernden Rüstungen der Reiter vereinigten sich im Dunst zu einem dahinrollenden schwarzen Wall. Unwillkürlich zogen die Männer im Zelt den Kopf ein.

Donnernd wie eine unaufhaltsame Woge wälzte sich die Formation der Kataphrakten vorwärts und tauchte ein in den Lärm des unsichtbaren Schlachtengetümmels, ja, sie übertönte ihn sogar. Bald waren sie dort, wo die Reihen der Zwerge gestanden hatten und inzwischen vielleicht die Trolle durchgebrochen waren. Wie auch immer das Schlachtfeld hinter dem Staubwall aussehen mochte – das Trommeln der Hufe stockte nicht.

Parestas blickte auf »Da ist etwas in der Luft …«, murmelte er. Dann wandte er sich an die Menschen: »Rasch! Ich höre die Wardu! Sie sind zurück.«

In dem offenen Zelt brach Hektik aus. Planen wurden abgerissen, Seile gekappt, und bald stand der Kartentisch ungeschützt im Freien, inmitten des schmutzig grau wallenden Staubs. Der Tisch – und ein gewaltiger Bronzegong, der hinter der Abtrennung des Priesters verborgen gewesen war.

Parestas zog ein großes Tuch aus der Tasche seines Gewandes, blau und mit goldenen Zeichen bestickt. Als er es auseinander faltete, wurden die Farben innerhalb weniger Augenblicke matt von der schmierigen Asche.

Der Elfenkönig legte das Tuch bereit.

»Verhüllt das Kästchen«, rief Bendecir, der mit einem Schlägel neben dem Gong bereitstand.

»Noch nicht«, gebot ihm Parestas. »Wir müssen den rechten Augenblick abwarten, den Moment größtmöglicher Überraschung. Schlagt den Gong sobald ich Leuchmadans Herz mit dem Tuch verhüllt habe.«

»Warum sollten wir es verhüllen?«, fragte Volpar der Wichtel neugierig.

»Leuchmadans Herz ruht in diesem Behältnis. Dieses mächtige Artefakt birgt das Leben des Finsteren Herrschers«, erklärte der Elfenkönig. »Das Kästchen selbst zieht magische Kraft aus dem Land und speist damit das Herz, während Leuchmadan über das Herz und das Kästchen … Dinge mit dem Land tun kann. Doch dieses Tuch wird jede Verbindung zwischen dem Herz, seinem Behältnis und Leuchmadan unterbrechen.«

»Bewirken das die magischen Zeichen?«, fragte Volpar weiter und kniff die Augen zusammen.

»Nein«, antwortete Parestas und lächelte. »Das bewirkt die Seide allein. Aber für uns Elfen ist das kein Grund, unsere Tücher nicht zu verzieren.«

Plötzlich ballte sich die Asche über dem Schlachtfeld dichter zusammen. Im nächsten Augenblick war sie verschwunden, als habe der Boden selbst sie eingeatmet. Von einem Augenblick zum nächsten lag die Ebene wieder frei vor den Blicken der Beobachter auf dem Hügel.

Deutlich erkannten sie das Heer der Kataphrakten, das auf den Kern von Leuchmadans Stellungen zuhielt. Phalangen von Zwergen hoben sich aus dem Dunst wie flachgetretene Maulwurfshügel, Trolle und Goblins stoben in alle Richtungen auseinander.

Aber Leuchmadans Banner wehte stolz über einem großen Karree wohlgerüsteter Streiter, Menschen, Goblins, Trolle oder Nachtalben – was für Völker auch immer Leuchmadan in seine persönliche Leibwache eingereiht hatte. Dahinter erhoben sich die Wälle von Daugazburg, hoch und trutzig und überragt von gewaltigen Türmen mit Scharten und Pechnasen. Aber Leuchmadan würde keine Zeit mehr haben, sich dorthin zurückzuziehen.

Etwas regte sich am Boden vor den Reitern. Spalten taten sich auf und krochen durch den Staub auf die heranrückenden Pferde zu … Da verhüllte Parestas unvermittelt das von Leuchmadan geraubte Kästchen. Die bedrohliche Bewegung am Boden erstarrte.

Bendecir schlug den Gong, und ein Laut hallte über das Schlachtfeld, mehr zu spüren als zu hören und von eigentümlichen Untertönen begleitet. Wie zur Antwort erklang ein Klagen aus Leuchmadans Schar.

Der Priester schlug den Gong heftiger. Die Leute im Zelt hielten sich die Ohren zu. Unaufhaltsam stürmten die Bitaner vor, dann krachten die Panzerreiter in Leuchmadans Reihen und pflügten zum Zentrum seiner Stellungen.

Der Morgen nach der Schlacht. Abseits der aufgewühlten Walstatt hatten die Befehlshaber der Freien Völker ein neues, prächtigeres Zelt aufgebaut. Hier trafen sie sich zur letzten Unterredung.

»Es ist getan«, sagte Parestas erleichtert. »Leuchmadans Leichnam ist verbrannt, und seine Wardu vom Antlitz der Erde gebannt – der Klang ihrer Seele ausgelöscht vom Heiligen Gong. Und solange die Seide verhindert, dass die Kraft von Leuchmadans Herz nach außen dringt, wird keiner von ihnen zurückkehren. Jetzt müssen wir entscheiden, was mit dem Herz geschehen soll.«

Der Zwergenkönig stand allein auf der einen Seite des riesigen Tisches; alle Elfen waren von ihm abgerückt. Sein braunes Haupthaar und der gelockte Bart waren zu einem wilden Schopf verwachsen, aus dem nur die kleinen Augen hervorblitzten und der über die Rüstung aus Kettengliedern und hartem Leder herabfiel. Die Asche des Schlachtfelds klebte noch an ihm, und Fett und Öl und Blut und der Schmutz des ganzen Feldzugs. Immer wenn er den Mund aufmachte, wandte sich Prinz Perbias hinter seinem Vater ein wenig ab und hielt sich die Nase zu. »Entscheiden?«, knurrte der Zwerg. »Kaputt machen, das verdammte Ding!«

»Ich gebe zu bedenken«, sagte Parestas, »dass dieses Kästchen im Lebensblut des Landes gehärtet wurde und weiterhin damit verbunden ist. Wenn wir die Macht des Kästchens meistern – und ich zweifle nicht daran, dass wir Elfen dazu imstande sind -, dann können wir Großes damit bewirken. Aus dieser grauen Ebene ließe sich wieder ein blühender, lebendiger Landstrich schaffen, mit freundlichem Grün anstatt jener verderbten Gewächse, die unseren Vormarsch so unerfreulich gestaltet haben.«

»Aber du sagst es doch selbst«, hielt der Zwerg dagegen. »Wenn wir das Seidentuch davon wegnehmen, gewinnen Leuchmadan und sein Gelichter wieder an Kraft.«

»Nicht, wenn wir diese Kraft beherrschen«, sagte der Elfenkönig.

»Wir könnten auch einfach Leuchmadans Herz herausholen«, schlug sein Sohn vor. »Wenn wir nur das eine Artefakt vernichten, bleibt Leuchmadans Kraft in dem anderen ohne seinen Geist zu unserer Verfügung.«

»Aber nicht für die Elfen«, warf einer der Menschen ein. »Wenn jemand Anspruch auf dieses Land hat, ist es Bitan!«

»Bevor wir das Ding einem von euch anvertrauen, vernichten wir es lieber!«, rief der Zwerg.

König Lukar griff über den Tisch und zog die verhüllte Schatulle zu sich heran.

»Ich nehme die Beute an mich … bis wir uns geeinigt haben.«, verkündete er. »Immerhin haben meine Kataphrakten Leuchmadan erschlagen. Und ich habe das Bündnis einberufen.«

Mit grimmig zusammengezogenen Brauen blickte er sich um und drückte das umhüllte Behältnis an sich. Dann biss er sich nachdenklich auf die Unterlippe und murmelte: »War das nicht ein viereckiges …?«

Er hielt das Bündel ein wenig von sich weg und tastete misstrauisch unter die Seide.

»Sei vorsichtig, du dämlicher Mensch«, fauchte Prinz Perbias. »Wenn die Seide entfernt wird …«

Lukar riss das Tuch fort, und ein Stein, etwas kleiner als das Kästchen, kam zum Vorschein.

Jeder im Zelt schnappte nach Luft.

»Wen wolltet ihr mit diesem Tuch täuschen?«, rief Lukar empört und funkelte die Elfen an. »Ihr habt Leuchmadans Herz schon vorher an euch gerissen!«

»Wie könnt Ihr es wagen?«, sagte Parestas. »Das müssen die Zwerge gewesen sein, heute Nacht. Hätten wir das Bündel einfach in die Quelle des Blutes geworfen, wie die Barttreter es vorgeschlagen haben, so hätte jeder das Artefakt zerstört gewähnt und niemand hätte den Diebstahl bemerkt.«

Der Streit wurde lauter, die Vorwürfe heftiger, und nur die Erinnerung an die gemeinsam ausgestandene Schlacht verhinderte, dass Waffen gezogen wurden. Doch was auch immer geschah, als das Bündnis brach – Leuchmadans Herz blieb verschwunden.

Bis tausend Jahre später ein Nachtalb Leuchmadans Geist beschwor und ein neuer Herrscher sich in den Grauen Landen erhob. Und ein kleines silbernes Kästchen auftauchte, das unverhüllt auf dem Kaminsims im Hause eines Wichtels stand.

TEIL 1

EINE REISE INS LICHT

1. KAPITEL:

EIN UNMÖGLICHER AUFTRAG

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DIE SPINNE IM HAUS

HÄLT DAS ÜBEL HERAUS;

WER DIE NETZE FEGT,

BÖSE GEISTER EINLÄDT.

SPRICHWORT DER BITANER,

AN DEN GRENZEN DER GRAUEN LANDE

DAUGAZBURG, IM 28. JAHR

NACH LEUCHMADANS RÜCKKEHR

Geliuna, die Schwarze Fei, betrat das Turmgemach und blieb respektvoll am Eingang stehen. »Mein Gebieter«, sagte sie mit einer angedeuteten Verbeugung.

Staub und schwefliger Qualm stiegen von der Ebene empor und umhüllten selbst den höchsten Turm von Daugazburg, der Hauptstadt der Grauen Lande. Trübe sickerte das Licht durch die Fenster. Davor stand eine Gestalt, blickte auf die hohen Brücken zwischen den Türmen und in die finsteren Gassen hinab. Es war Leuchmadan, der Herrscher der Finstervölker, und er wandte Geliuna den Rücken zu.

Die Schwarze Fei wartete ehrerbietig, den Oberkörper leicht gebeugt, bis der Herr und Gebieter ihr seine Aufmerksamkeit schenkte.

Die Luft prickelte. Blitze zuckten aus den Staubwolken am Himmel herab in die Spitzen der bizarren Türme, in die Eisenstangen an den steilen Dächern, an den Erkern und den vorspringenden Graten der hohen Bauwerke. Sie überstrahlten die fahle Sonne, die nur ein mattes rotes Glühen auf die titanenhaften Mauern warf.

Endlich, nach einer Zeit, die Geliuna als Demütigung empfand, wandte Leuchmadan sich ihr zu. Auf den ersten Blick glich er einem gewöhnlichen Nachtalb. Er war nicht besonders groß, und das volle, halblang geschnittene Haar umrahmte ein rundliches Gesicht mit braunem, fast olivfarbenem Teint. Doch ein Schatten lag über der ganzen Erscheinung und machte es schwer, seine Gesichtszüge zu erkennen.

»Es ist gefunden worden«, sprach Leuchmadan, die Nachtalbenstimme kaum merklich unterlegt von einem Echo wie aus großer Tiefe.

»Deshalb wollte ich mit Euch sprechen, mein Gebieter«, sagte Geliuna. Sie machte einen formvollendeten Knicks. Mit einer Armbewegung sorgte sie dafür, dass das schwarze Schleierkleid anmutig ihre Gestalt betonte. Ein Lächeln zeigte sich auf ihrem blassen Antlitz. »Wir müssen die Rückführung Eurer … Preziose planen.«

»Wir werden Unsere sieben Wardu schicken«, kündigte Leuchmadan an.

Geliuna nickte, und sie lächelte immer noch. »Das wäre eine Möglichkeit, mein Gebieter«, sagte sie. »Aber der Krieg findet vor unseren Toren statt. Wir können die Wardu hier nicht entbehren.«

»Das müssen wir«, erwiderte Leuchmadan. »Dies Unternehmen ist von höchster Dringlichkeit.«

»Gewiss, mein Gebieter«, säuselte Geliuna in schmeichlerischem Tonfall. »Aber das heißt nicht, dass wir unbedingt die Wardu schicken müssen. Wie unsere Kundschafter vermelden, wurde Euer Herz zu den Elfen auf Keladis gebracht. Nicht einmal Eure Wardu könnten es aus dieser Festung herausholen. Doch es gibt eine andere Möglichkeit.«

Leuchmadan ballte die Faust. Die Schatten vor seinem Gesicht wurden tiefer, während ein Blitz den übrigen Raum erhellte. Der Finstere Herrscher blickte Geliuna direkt an. »Also gut, Geliuna. Woran denkst du?«

»Ich denke an Gnome.«

Leuchmadan zuckte zusammen. »Gnome!«, zischte er. »Wir sollen unser aller Schicksal in die Hände

von Gnomen legen?«

»Sie sind unsere Kundschafter.« Geliunas Stimme klang lockend. »Sie können sich unbemerkt bewegen und sich selbst durch die schmalsten Spalten Einlass verschaffen. Womöglich sogar nach Keladis.«

»Vielleicht.« Leuchmadan schwieg einen Augenblick lang. »Aber sie sind zu schwach.«

»Wir können ihnen fähige Begleiter zur Seite stellen, eine Gruppe, die vielseitiger ist als Eure Wardu. Die besten aus all unseren Völkern, und jeder bringt seine Fähigkeiten ein.«

Leuchmadan schnaubte. »Welche Krieger und Zauberer wären besser als Unsere Wardu?«

»Vergesst nicht«, sagte Geliuna, »Eure Wardu haben schon einmal versagt. Außerdem wollte ich sie nicht ganz außen vor lassen. Wenn wir die Besten aus all unseren Völkern schicken, so sollte auch ein Wardu dabei sein. Ich schlage Baskon vor.«

»Warum ausgerechnet Baskon?« Leuchmadan blickte überrascht auf.

»Eure anderen Wardu waren mächtige Zauberer, Herrscher der Menschen oder große Feldherren. Baskon war nur ein Bauer aus dem Grenzgebiet, bevor Ihr ihn erhoben habt. Ein ganz gewöhnlicher Bitaner.«

»Und das befähigt ihn in welcher Weise?«, fragte Leuchmadan spöttisch. »Zu dieser wichtigsten Unternehmung überhaupt, an der Unser Schicksal und das deines Landes gleichermaßen hängt?«

»Nun, mein Gebieter … Überlegt, was das für eine Unternehmung ist: ein verstohlener Vorstoß weit hinter die feindlichen Linien – in dieselben Länder, in denen Baskon einst unauffällig als Mensch lebte. Von allen Wardu weiß er am besten, wie man sich dort bewegt. Lasst Eure Könige und Feldherren hier die Schlachten schlagen. Aber Baskon und die Gnome und eine anständige Hilfstruppe soll sich Eurer … Herzensangelegenheit annehmen.

So tut ein jeder, was er am besten kann.«

Leuchmadan nickte bedächtig. Dann wandte er sich wieder zum Fenster.

»Ein jeder, was er am besten kann«, bestätigte der Finstere Herrscher. »Stelle du deine Leute für dieses Unternehmen zusammen. Aber wähle gut, denn du weißt, was davon abhängt. Wir schicken Baskon zu dir. Es ist viel Zeit vergangen, aber Wir werden Uns auf dich verlassen. Genau wie früher.«

Geliuna verließ das Turmgemach. Leuchmadan wollte vielleicht die alten Zeiten wieder aufleben lassen. Aber die Zeit schritt stets nur in eine Richtung fort. Einstmals war Leuchmadan der Herr gewesen. Doch heute war er nur noch ein Usurpator in ihrem Königreich, und sie würde auf angemessene Weise mit ihm verfahren.

SÜDGRENZE DER GRAUEN LANDE, 28 NLR,

5 TAGE VOR WANDELMOND

Wito, der Gnom, versammelte seine Schar. Sie gaben eine seltsame militärische Einheit ab: Gnome reichten einem Menschen nur bis zur Leiste, und auf dem dürren Leib saß ein übergroßer Kopf. Ihre feisten, dreieckigen Nasen verstärkten den kopflastigen Eindruck noch, und fast mochte man meinen, die kleinen Geschöpfe müssten bei jedem Schritt vornüberkippen.

Ihre Haut war dunkel, und das schwarze Haar saß in schütteren Büscheln über der hohen Stirn, so dass es aussah wie eine Wiese, auf der die Ziegen die besten Streifen abgeweidet hatten. Sie alle trugen zweckmäßige Kleidung in Dunkelgrau, Braun oder mattem Grün. Vor der nächtlichen Berglandschaft waren sie fast nicht zu sehen.

»Ihr wisst, worauf es ankommt«, schärfte Wito seinen Kampfgenossen ein. »Wir schleichen zum Eingang der Höhle. Dort nehmen wir unsere kleine Gestalt an und huschen an den Wachen vorüber. Im Inneren der Grotten schätzen wir die Stärke des Feindes ab und suchen nach weiteren Zugängen. Keine Heldentaten.«

Er blickte auf Darnamur, einen Gnom in fleckiger schwarzer Lederweste und mit besonders kurz geschorenem Haar. Als der das Auge seines Hauptmanns auf sich ruhen fühlte, protestierte er: »Heldentaten? Da schaust du aber den Falschen an!«

Wito seufzte. »Du hast recht. Heldentaten wäre wohl der falsche Ausdruck. Aber denk daran: Wir sind nur Kundschafter. In diesen Grotten steckt eine ganze Kompanie der Menschen aus Bitan, und ein jeder von ihnen ist doppelt so groß wie einer von uns. Diese Bitaner bedrohen schon seit Wochen die Verbindungswege zu Leuchmadans Verbündeten. Wir haben lange gebraucht, um den Unterschlupf aufzuspüren. Durch voreilige Aktionen würden wir die Bitaner warnen und all unsere Bemühungen zunichte machen.«

Er holte einige blasse schmale Gegenstände aus dem Rucksack und verteilte sie an seine Leute. Sie waren spitz und scharf und ein gutes Stück länger als der Arm eines Gnoms. Ein Ende war als Griff mit Lederriemen umwickelt.

»He«, sagte Darnamur. »Das sieht ja aus wie ein Messer! Wenn … es nicht aus Knochen wäre.«

Wito lächelte. »Unsere menschlichen Verbündeten haben mich auf die Idee gebracht. Bei einigen von ihnen habe ich Nadeln aus Bein gesehen. Ich konnte erfahren, dass sie bei sich zu Hause vieles aus Knochen fertigen. Wenn sie für den Krieg herkommen, gibt Leuchmadan ihnen bessere Waffen – aber diese Messer konnte ich bei ihnen eintauschen.«

Er blickte über das Dutzend Gnome seiner Schar hinweg, und seine Stimme klang streng. »Die Messer sind nicht so gut wie unsere üblichen Waffen. Aber wir können sie mitnehmen, wenn wir unsere Größe ändern. Wir können uns damit verteidigen und sind nicht auf zufällig umherliegende Waffen angewiesen. Das ›Verteidigen‹ meine ich allerdings ernst: Wir nehmen die Messer nur für den Notfall mit! Wenn alles läuft wie geplant, werden sie nicht zum Einsatz kommen.«

Sein Blick wanderte von Darnamur zu Nidhogir. »Und ich hoffe, diesmal denken alle daran: Die Aura unseres Zaubers wirkt nur auf lebende oder einstmals lebende Dinge. Um an den Wachen vorbeizukommen, müssen wir unsere Größe ändern. Manches können wir dabei mitnehmen, unsere Kleidung beispielsweise oder auch diese neuen Knochenmesser. Aber Stein oder Eisen nicht! Wenn wir uns also klein machen wie die Käfer, will ich nicht wieder erleben, dass jemand zappelnd unter einem hübschen Knopf liegt, den er unbedingt an seiner Jacke haben musste und dann vergessen hat.«

Nidhogir blinzelte verlegen unter seiner Lederkappe hervor. Seine Finger strichen über die Jacke und tasteten nach dem Inhalt seiner Taschen.

»Alle Ausrüstung, die wir nicht brauchen«, fuhr Wito fort, »lassen wir hier zurück. Wir gehen in Zweiergruppen. Jeder ist für seinen Begleiter verantwortlich. Ich nehme Skerna mit …«

Er sah zu einer Gnomin, die ihre Haare oben auf dem Kopf zu einem Schopf zusammengebunden hatte. Anders als die übrigen Gnomen, die zumeist Leder oder robustes Tuch bevorzugten, trug sie eine dunkelgrüne Filzweste.

»Darnamur geht mit Nidhogir …«, fuhr Wito fort.

»Augenblick mal«, unterbrach ihn Darnamur. »Sollten wir dann nicht alle Gruppen so einteilen, dass ein besserer mit einem schwächeren Gefährten geht? Damit jede Zweiergruppe halbwegs ausgeglichen ist?«

Wito nickte. »Im Prinzip hast du recht. Aber da ich vorangehen und auch die gefährlichen Abstecher übernehmen werde, möchte ich keinen unerfahrenen Begleiter dabeihaben.«

»Abstecher«, wiederholte Darnamur mit unterdrücktem Kichern und breitem Grinsen. »Haha, der ist gut, verstehst du? Von abstechen

Wito verdrehte die Augen. »Also gut. Skerna und ich übernehmen die Vorhut. Die anderen Gruppen folgen uns …«

Die Gnome näherten sich dem Eingang und nutzten jede Felsspalte, jeden Stein als Deckung. Die Höhle, in der sich die Krieger aus Bitan verschanzt hatten, war fast uneinnehmbar. Eine größere Schar konnte sich nicht unbemerkt nähern; und nur weil die Gnome so klein waren, konnten sie einen Teil des Weges in ihrer normalen Gestalt zurücklegen.

Schließlich erreichten sie die letzte sichere Deckung. Darnamur hielt Abstand zu seinem Begleiter, dann schloss er die Augen und konzentrierte sich. Wer wusste schon, was Nidhogir diesmal wieder vergessen hatte?

Was ein Gnom nicht in seiner persönlichen Aura mit sich schrumpfen lassen konnte, behielt die ursprüngliche Größe. Ein übersehenes Stiefelmesser vielleicht, das Nidhogirs schrumpfendes Schuhwerk durchschnitt und dann zur Seite kippte und seinen insektengroßen Begleiter zerquetschte!

Die Wandlung vollzog sich in einem Augenblick. Darnamur spürte wenig davon, allerdings wusste er, wann der Vorgang abgeschlossen war. Er öffnete die Augen wieder. Die Welt sah mit einem Mal ganz anders aus.

Zuvor kaum wahrnehmbare Bodenwellen bildeten plötzlich eine Hügellandschaft; zuvor unbeachtete Kiesel wurden zu gewaltigen Findlingen, hinter denen sich ganze Armeen verbergen konnten.

Die bis dahin so ruhige Nacht war erfüllt von vielfältigen Lauten. Es raschelte und knirschte, und die Luft vibrierte von den Rufen zahlloser Insekten. Nidhogir blickte sich mit großen Augen um, und auch Darnamur brauchte eine Weile, bis er sich wieder zurechtfand.

»Komm«, sagte er schließlich und folgte entschlossen einem Weg, der in Richtung des Höhleneingangs führte.

Sie kämpften sich durch struppigen Bewuchs – durch dürre Grasbüschel, die auf dem steinigen Boden noch gediehen, oder an trockenen Sträuchern vorbei. Einmal kreuzten zwei große Käfer mit zitternden Fühlern ihren Weg, und die beiden Gnome blieben stehen und warteten, bis die Tiere zwischen den Steinen verschwunden waren. An einer anderen Stelle entdeckte Darnamur eine Fangheuschrecke, und sie machten einen großen Bogen um sie.

Dann kamen sie an den steilen Hang, der zum Höhleneingang führte, und kletterten mühsam hinauf. Um sich herum hörten sie Steinschläge niedergehen, und auch sie selbst traten Steine und Geröll los, die polternd und prasselnd hinunterrollten.

Darnamur zuckte bei jedem Laut zusammen, aber was für sie ein Steinschlag war, war für die großen Wesen nur ein wenig rieselnder Sand. Die menschlichen Wachen im Höhleneingang würden nichts davon bemerken.

Oben am Hang gab es mehrere Spalten im Berg, und jede konnte der gesuchte Eingang sein. Darnamur fluchte. Wenn sie in jeden finsteren Winkel erst hineinspähen mussten, bis sie die richtige Öffnung fanden, waren sie morgen früh noch unterwegs!

Nidhogir zupfte ihn am Ärmel und machte ihn auf einen Gnom aufmerksam, der in einiger Entfernung auf einem kleinen Felsvorsprung stand und die Richtung zur Höhle wies. Darnamur ging schneller.

Bald nahm er vor sich Menschen wahr. In seiner jetzigen Gestalt kamen sie ihm vor wie riesige Ungeheuer. Die Gegenwart der gewaltigen Leiber war erdrückend, ihr Geruch und die Wärme, die von ihnen ausging, erfüllte alles um sie herum, jede Bewegung ließ den Boden erzittern. Irgendwo in der Ferne sah Darnamur ein unruhiges Licht, Fackeln, die tief in den Grotten brannten, während die Wachen selbst im Dunkeln verharrten.

Darnamur atmete schwer. Es war beklemmend, so klein zu sein und den Feind so groß über sich zu spüren. Jetzt bin ich für sie unsichtbar, sagte er sich immer wieder, und ich kann jederzeit wieder meine große Gestalt annehmen und sie überrumpeln. Dann wird man sehen, wie sterblich sie sind. Aber dieser Gedanke war nur ein schwacher Trost. Darnamur umfasste den Griff seines Knochenmessers.

Dann spürte er einen der Wachposten unmittelbar über sich. Vorsichtig schlichen die beiden Gnome an der Wand entlang, nutzten jede Rille und jeden Spalt. Die Menschen würden die insektengroßen Eindringlinge in dem dunklen Gang kaum entdecken, aber sie konnten aus Versehen auf sie treten.

Plötzlich hörte Darnamur einen erstickten Aufschrei. Er hatte seinen Begleiter kurz aus den Augen verloren und bewegte sich auf das Geräusch zu.

»Nidhogir?«, flüsterte er, räusperte sich dann und verzog das Gesicht. »Nidhogir?«, rief er entschlossener. »Alles in Ordnung?«

»Ich bin hier«, flüsterte Nidhogir zurück. »Hilfe!«

Darnamur ging der Stimme nach. »Du kannst ruhig normal sprechen«, herrschte er den Gefährten an. »Die Menschen werden es nicht mitbekommen. Oder hast du schon mal einen Käfer reden hören?«

Aber Nidhogirs Stimme klang immer noch erstickt. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich glaube … ich habe ein Problem.«

Dann war Darnamur bei ihm und stieß erschrocken die Luft aus. »Oh, Nid!«, entfuhr es ihm.

Nidhogir zog einen Arm zurück und strampelte, doch das Netz, an dem er hing, zog sich mit jeder Bewegung fester um ihn zusammen.

»Beweg dich nicht«, zischte Darnamur. Sein Blick huschte über die Höhlenwand. Die Spinne verbarg sich im Schatten, aber Gnome konnten auch im Dunkeln gut sehen. Das ferne Licht der Fackeln reichte aus, um zumindest im näheren Umkreis alle Einzelheiten zu unterscheiden.

Es hätte auch für Nidhogir ausreichen müssen, um das Netz zu sehen. Darnamur ballte die Fäuste und spürte dabei den Messergriff in der Rechten.

»Nid!«, sagte er scharf, und sein Begleiter erstarrte. Angsterfüllt blickte er ins Leere und wagte nicht einmal mehr, den Kopf zu drehen.

»Wo ist sie?«, wisperte er.

»Sie zögert noch«, flüsterte Darnamur zurück. »Du bist wohl ein ungewohnter Brocken für sie, und sie traut sich nicht recht heran.«

Er bemühte sich, seiner Stimme einen lockeren Klang zu geben. Es war eine kleine Spinne, kleiner als ihre Beute. Aber jede Bewegung von Nidhogir im Netz mochte sie zum Angriff reizen. Womöglich reichte schon der Klang ihrer Stimmen.

»Ich mache mich groß«, sagte Nidhogir.

»Nein!«, befahl Darnamur.

»Aber Dar«, flehte Nidhogir. »Was können wir sonst tun?«

Ja, was sollten sie tun? In ihrem Netz war die Spinne beweglich und schwer zu erreichen, so dass sie auch mit dem Messer nicht gegen sie ankommen würden. Aber wenn Nidhogir jetzt seine Größe änderte, stünde unvermittelt ein Gnom zwischen den Beinen der Wachen. Das würde die Menschen ohne Zweifel überraschen, und vielleicht konnten sie in dem Durcheinander alle entkommen. Aber ihre Gegner wären dann gewarnt, und der Auftrag wäre gescheitert.

»Wir müssen nachdenken«, sagte Darnamur.

»Gib Wito Bescheid«, schlug Nidhogir vor. »Der weiß bestimmt einen Rat.«

»Er ist zu weit weg«, sagte Darnamur. Er blickte sich verzweifelt um. Wito … »Was würde Wito tun? Er wüsste bestimmt etwas, aber wir müssen jetzt allein darauf kommen.«

»Ja«, flüsterte Nidhogir. Seine Stimme klang verzweifelt. »Was würde Wito tun?«

Darnamur spähte ins Dunkel. Irgendwo dort war ihr Anführer mit seiner Begleiterin unterwegs. Ja, Darnamur wusste, was Wito tun würde – aber Wito war nicht hier, und er, Darnamur, musste die Entscheidung treffen.

»Was nun?«, fragte Nidhogir. Er wandte mühsam den Kopf und versuchte, seinen Gefährten auszumachen. Die Spinne tastete sich ein Stück aus ihrem Spalt heraus, und der Gnom spürte, wie das Netz erbebte. Er wand sich und riss an den Strängen, die ihn banden.

»Ich mach mich jetzt groß«, stieß er hervor. »Es gibt keinen anderen Ausweg.«

»Nein!«, rief Darnamur. »Ich weiß jetzt, was Wito tun würde.«

Nidhogir blickte ihm vertrauensvoll entgegen. Darnamur hob das Knochenmesser und trat auf ihn zu.

»Dar«, sagte Nidhogir zweifelnd. »Glaubst du wirklich, du kannst mit der Klinge Spinnfäden durchschneiden?«

»Nein«, sagte Darnamur und stieß seinem Begleiter das Messer ins Herz.

Es war ein präziser Stich, und Nidhogir starb sofort. Ein Zittern lief durch das Netz, als sein Körper erschlaffte. Rasch, aber ohne Hast trat Darnamur zurück und behielt die Spinne im Auge. Diese saß wieder regungslos da, als würde sie abwarten.

Darnamur wischte seine Waffe ab, doch das Blut ließ sich nicht restlos von der leicht porösen Oberfläche entfernen. Schließlich setzte Darnamur seinen Weg fort. Er war jetzt auf sich allein gestellt, aber er hatte immer noch einen Auftrag zu erledigen.

Was würde Wito tun? Darnamur hatte nicht lange nachdenken müssen, um darauf zu kommen, was ihr Anführer unternommen hätte. Wito hätte Nidhogir ohne Zögern befohlen, seine ursprüngliche Größe anzunehmen – weil das der einzige Weg war, wie der Gnom hätte entkommen können.

Solange die Möglichkeit bestand, den Kameraden zu retten, hätte Wito alles dafür getan. Aber damit hätte er die Mission verraten. Gnome waren Kundschafter, aber Kundschafter waren auch Krieger, und Krieger konnten in der Schlacht fallen. Wito wusste das, aber er würde keinen seiner Leute bewusst opfern.

Deshalb war es Darnamur zugefallen, die Mission zu retten. Wito war ein guter Anführer, aber manchmal musste man Opfer bringen, um an sein Ziel zu kommen. Darnamur hatte gewusst, was sein Anführer getan hätte. Aber er war allein gewesen und hatte eine bessere Entscheidung getroffen.

Der Höhlenboden war feucht und lehmig, und die Furchen und Falten darin sahen aus wie erstarrter Wellenschlag. Für die winzigen Gnome waren es Täler und Hügelketten, und sie mussten am Rand des Ganges entlanggehen, wo es ein wenig ebener war.

»Schau mal hier«, rief Skerna.

Wito drehte sich nach ihr um und stolperte. Skerna kicherte.

»Schau mal was?«, fragte Wito gereizt.

»Die Felsstufe vor dir. Ich dachte mir, du hättest sie noch nicht gesehen. Und so war es ja auch. Eine gute Gelegenheit für einen netten Scherz.«

Wito verzog das Gesicht. »Wir dringen gerade in das feindliche Lager ein«, sagte er scharf. »Jetzt ist nicht die Zeit für Scherze und Streiche.«

»Für Scherze und Streiche ist immer Zeit«, sagte Skerna. »Wir sind allein, und wir sind klein – und es ist nichts Gefährliches in der Nähe. Die Menschen können uns nicht wahrnehmen. Keine Sorge, ich denke nach, bevor ich so was mache.«

Wito schüttelte den Kopf. »Denken kann man viel. Aber irgendwann macht man einen Fehler dabei.«

»Ach was.« Skerna stieß ihn in die Seite. »Nidhogir hat immer Angst vor Fehlern und macht dabei am meisten von uns allen. Soll ich mir den etwa als Vorbild nehmen? Gerade stell ich mir Nidhogir und Darnamur vor … Die haben bestimmt keinen Spaaaß!« Sie zog eine spöttische Grimasse. »Der eine ist so steif wie ein Zwerg und will nichts falsch machen, und der andere ist verbissen und will immer alles mit dem Messer erledigen. Was für ein un-gno-mi-sches Paar!«

Sie dehnte die letzten Worte unnatürlich in die Länge, dann grinste sie. »Aber vielleicht hast du die beiden gerade deshalb zusammengesteckt? Gemeinsam ergeben sie ein so seltsames Gespann, dass sie schon wieder lustig sind.«

»Genau«, erwiderte Wito, und unwillkürlich hoben sich seine Mundwinkel. »Und du bist bei mir, weil ich dich niemand anderem zumuten kann. So, wir sind da – die große Höhle!«

Vor ihnen schien der Raum sich ins Endlose zu dehnen. Lichter brannten in der Schwärze wie ferne flackernde Sonnen. Wito sah sich um und ordnete mit geübtem Ohr die Geräusche, die ihn umgaben. Ruhige Atemzüge. Gelegentliches Rascheln.

Er folgte der Wand und suchte sich einen Spalt, wo er in sicherer Deckung seine natürliche Größe annahm und sich umsah.

Die Höhle war nicht so groß, wie er gedacht hatte, und von pockennarbigen Felswänden umschlossen. Kurze Gänge und Durchlässe zweigten von der zerklüfteten Kammer ab, und überall lagen Menschen in ihre Decken gewickelt und schliefen. Durch einen Spalt konnte Wito Gepäckteile erkennen. Aber nirgendwo war eine Wache zu sehen. Anscheinend rechneten die Bitaner so weit hinter ihren Vorposten nicht mehr mit einer Bedrohung.

Wito stieß einen leisen, hohen Pfiff aus, für einen Menschen kaum wahrnehmbar. Das war das vereinbarte Zeichen, dass keine Gefahr drohte, und sofort tauchte Skerna neben ihm auf.

Überall in der Eingangsgrotte erschienen weitere Gnome. Die meisten hatten sich wie Wito eine sichere Deckung gesucht, aber Wito konnte einige seiner Gefährten ausmachen. Er sah Darnamur, Sneikan, Hursi … Gut. Anscheinend waren die meisten Gruppen angekommen.

Mit raschen Gesten gab er quer durch den Raum Anweisungen und schickte die Mitglieder der Patrouille durch die weiteren Ausgänge. Dann wandte er sich um. Erschrocken stellte er fest, dass Skerna nicht mehr neben ihm stand!

Gewandt huschte die Gnomin zwischen den schlafenden Menschen umher, beugte sich hier und dort ein wenig tiefer und kauerte schließlich am Fußende eines der Schlafenden.

Als Wito hinter ihr herschlich, erkannte er, dass Skerna die Schnürsenkel des Mannes verknotete. Ihre Finger bewegten sich so behutsam wie Spinnenbeine, und der Mann schnarchte regungslos weiter.

Wito legte die Hand auf die Schulter seiner Begleiterin und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Zu zweit gelangten sie in eine kleine Kammer, wo das Gepäck der fremden Krieger lagerte. Es waren keine weiteren Ausgänge zu sehen. Wito kletterte ein Stück die Höhlenwand hinauf, geschmeidig und ohne dass auch nur ein Riemen an seiner Kleidung knarrte. Aber die Löcher und Spalten im Stein führten nirgendwohin.

Er verließ den Raum wieder und ging zum nächsten Abzweig. Von irgendwoher aus dem Höhlenlabyrinth hörte er Geräusche. Er hielt inne.

Auch Skerna neben ihm schien zu lauschen. Sonst war niemand aus dem Trupp zu sehen. Die Gnome konnten überall im feindlichen Lager sein, auf der Suche nach weiteren Zugängen. Wenn es jetzt ein Durcheinander gab, konnten einzelne Gruppen abgeschnitten werden.

Da waren Stimmen und … andere Laute. Von weit her. Der Schall in diesen Grotten war trügerisch, doch Wito konnte sich nicht vorstellen, dass seine Leute so weit gekommen waren, seitdem sie sich in der Vorhalle getrennt hatten.

Er legte den Kopf schief, tat einen Schritt hierhin, einen dorthin, und dann hatte er die Richtung ausgemacht. Der Lärm kam vom Ausgang!

Witos Gedanken überschlugen sich. Er hatte angenommen, dass alle Zweiertrupps angekommen waren. Aber er hatte nicht jeden Einzelnen seiner Gnome wirklich gesehen. War etwa jemand den Wachen in die Hände gefallen?

Rasche Schritte stürmten vom Eingang her auf die Höhle zu, und ein Bitaner rief: »Alarm! Alarm!«

Wito stieß zwei Pfiffe aus, das Zeichen zum Abbrechen. Er schob sich an der Grottenwand entlang auf den Ausgang zu. Aus verschiedenen Richtungen wurde sein Pfiff beantwortet – eine Bestätigung und zugleich eine Weitergabe des Signals an die Gruppen, die weiter entfernt waren.

Witos Gestalt glitt über Unebenheiten wie ein Schatten, tauchte in Spalten ein. Als der Posten vom Eingang die Grotte erreichte, schlüpfte Wito hinter seinem Rücken in den Gang, aus dem der Mann gerade gekommen war.

Und dann lief er los. So vorsichtig, dass er von den Wachen nicht gesehen wurde; so leise, dass niemand ihn hören konnte. Er achtete nicht darauf, ob Skerna noch hinter ihm war. Sie konnte für sich selbst sorgen.

Wito lief weiter und zog dabei das Messer. Heute Nachmittag, bevor sie aufgebrochen waren, hatte er gedacht, dass diese Waffe ihm hilfreich sein würde. Doch jetzt kam ihm die Knochenklinge völlig nutzlos vor, so untauglich wie die beinernen Nähnadeln, die ihn auf diese Idee gebracht hatten.

Sie konnte an der schwächsten Rüstung zersplittern und weder Speer noch Dolch parieren. Die beste Waffe eines Gnoms war die Verstohlenheit. Im offenen Kampf konnte er gegen Menschen ohnehin nicht bestehen. Warum also stürmte er hier überhaupt so durch die Gänge?

Unwillkürlich wurden Witos Schritte langsamer. Der Eingang kam näher. Der Lärm wurde lauter. Er hörte Bogensehnen schwirren und Metall über Felsen klirren. Alles in ihm drängte danach, die kleine Gestalt anzunehmen, in der er zwar verwundbarer wäre, aber kaum von irgendeinem Gegner in den Kampf verwickelt werden würde.

In der kleinen Gestalt war er jedoch zu langsam, und er konnte auch die Lage nicht so gut überblicken. Er musste näher an das Geschehen heran und dann entscheiden, was er tun konnte – gegen wen die Bitaner hier kämpften, wem er helfen musste.

Allmählich ließen sich die Geräusche besser unterscheiden. Die Wachen riefen und schossen mit dem Bogen, aber ihr Gegner war draußen, vor der Höhle. Jemand griff die Bitaner an, obwohl der Spähtrupp der Gnome gerade erst den besten Weg für einen Angriff auskundschaften sollte!

Wito hörte Flügelschlag und schrille Schreie. Er kannte diese Schreie …

Ein Geschoss schlug in den Eingangsbereich, prallte von der Höhlenwand ab und rutschte scharrend über den Boden bis vor Witos Füße. Wito sah eine große Feder, die in einem metallischen Grün schimmerte. Und das Ende war so spitz wie ein Pfeil.

Greife!, schoss es Wito durch den Kopf. Greife konnten solche Federgeschosse aus ihrer Mähne schleudern.

Aber alle Greife in dieser Gegend dienten Leuchmadan. Und Mitglieder der eigenen Truppe würden wohl nicht durch einen voreiligen Angriff die ganze Mission zunichte machen!

Wito starrte die Greifenfeder fassungslos an. Es musste einen Fehler gegeben haben, eine schlechte Abstimmung der Truppenteile. Noch jemand musste es auf dieses Felsennest der Bitaner abgesehen haben, und derjenige wusste nichts von ihrem Einsatz …

»Wito«, rief eine schrille Stimme von draußen herein. »Wito der Gnom!«

Greife konnten nicht sprechen, aber die Stimme kam ganz eindeutig aus der Richtung der Greife. Sie war zerhackt vom Flügelschlag und klang mal fern, mal nah. Jemand ritt auf den Greifen, und er wusste Bescheid. Man hatte die Gnome nicht übersehen, sondern war ihretwegen gekommen.

»Wito der Gnom«, rief die Stimme. »Leuchmadan und die Herrin befehlen dich zum Treffpunkt. Sofort.«

Die Bogenschützen am Eingang schossen auf die Greife, und die großen löwenähnlichen Geschöpfe erwiderten den Beschuss mit Federn aus ihrer metallenen Mähne. Die Rufe wirkten eigenartig losgelöst von der Schlacht.

Wito wollte lieber von hier verschwinden. Er nahm die kleine Gestalt an. Die Mission war ohnehin gescheitert, jetzt, wo das menschliche Lager aufgeschreckt war und bald wimmeln würde wie ein Ameisenhaufen.

Er hoffte nur, dass sein Pfiff alle Gnome der Patrouille erreicht hatte. Und dass alle sicher aus der Höhle herauskamen.

»Was für Tumbnasen«, hörte er Skernas Stimme dicht hinter sich. Die Gnomin war offenbar dicht bei ihm geblieben. »Ich hoffe«, fuhr sie fort, »es gibt einen guten Grund, dass sie unseren Einsatz geschmissen haben.«

OSTGRENZE VON BITAN, 28 NLR,

4 TAGE VOR WANDELMOND

Ein stundenlanger Flug auf dem Rücken der Greife brachte Wito und seine Begleiter zu einer Lichtung inmitten eines unzugänglichen Waldstücks, wo ein kleines Heer von Goblins lagerte. Nachdem sie gelandet waren, standen sie ein wenig ratlos herum, während die Greife gleich wieder abhoben und nach Osten davonflogen.

Wito schaute seine Gefährten an und vergewisserte sich, dass sie die Reise gut überstanden hatten. Darnamur strahlte, und auch Skerna hatte der wilde Ritt durch die Lüfte nicht eingeschüchtert. Sie blickte sich aus wachen Augen um, und auch Wito wandte seine Aufmerksamkeit nun der Umgebung zu.

Die Goblins hatten eine hässliche Schneise in den einstmals unberührten Wald geschlagen. Abgetrennte Blätter und kleine Zweige waren in den schlammigen Boden eingestampft, während Stämme und größere Aste, in klobige Scheite gespalten, die qualmenden Feuer nährten. Kleine braune Zelte erhoben sich aus der aufgewühlten Erde wie Maulwurfshügel.

Von der einen Seite her zerrten die Goblins mit dicken Tauen weitere gefällte Bäume zwischen die Maulwurfszelte. Mit ihren lauten, krächzenden Stimmen schienen die Bewohner des Lagers einander pausenlos anzuschreien, und kein Gnom mochte unterscheiden, ob diese Stimmen im Streit erhoben waren und Mord und Totschlag drohte oder ob die Sprecher sich gerade sehnsüchtige Geschichten von den Familien zu Hause erzählten. Andererseits, es waren Goblins! Vermutlich ging es selbst bei ihren rührseligen Familiengeschichten noch um Mord und Totschlag.

Die drei Gnome suchten sich einen Weg durch das Feldlager der kriegerischen Geschöpfe. Wito hielt Ausschau nach einem Befehlshaber, bei dem sie sich melden konnten, und Skerna half ihm dabei, möglichst viel Abstand zu allzu streitlustigen Gesellen zu halten.

Neben dem Rauch und dem üblichen Gestank eines Goblinlagers lag noch ein Geruch nach Verwesung in der Luft. Die Häute über den schäbigen Zelten waren anscheinend ein wenig zu frisch. Wito hatte ein flaues Gefühl im Magen.

»Ich bin noch nie auf einem Greif geritten«, stellte Darnamur fest und strich sich die lederne Weste glatt. »Ich komme mir so wahnsinnig wichtig vor.«

»Hast du eine Ahnung, wo wir hier sind?«, fragte Skerna.

Wito schüttelte den Kopf. »Nicht genau. Weit im Norden und jenseits des Flusses. Ich wusste gar nicht, dass unsere Krieger so tief in den Landen des Feindes stehen. Das hier muss ein Vortrupp sein. Wahrscheinlich kriegen wir bald eine wirklich heikle Erkundungsmission.«

»Nun, ein paar Stunden länger hätten sie wohl warten können. Bis wir den letzten Auftrag abgeschlossen haben«, mäkelte Skerna. »Die Goblins hier sehen nicht so aus, als wollten sie gleich aufbrechen. Und dafür müssen unsere Leute jetzt wieder von vorn anfangen. Die Bitaner hocken sicher in ihren Grotten, sie sind gewarnt und können jeden Augenblick einen weiteren Überfall starten.«

»Das gefällt mir auch nicht«, sagte Wito. »Vor allem nicht, nachdem wir es schon alle in die Höhlen geschafft hatten.«

»Mh.« Darnamur räusperte sich. »Genau genommen haben es nicht alle geschafft.«

Wito blieb stehen. »Was meinst du?«

»Nun, Nidhogir hat es nicht geschafft.«

»Wie das?«

Darnamur zuckte die Schultern. »Eine Spinne hat ihn erwischt.«

»Ihr solltet aufeinander aufpassen. Dafür habe ich die Zweiergruppen eingeteilt. Du solltest auf Nidhogir aufpassen!«

»So was passiert eben«, erwiderte Darnamur. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und ging einfach weiter. Wito lief hinter ihm her, während Darnamur weitersprach: »Ich hatte immerhin einen Auftrag zu erfüllen, und Nidhogir war nicht meine Hauptaufgabe. Schade, dass sein Opfer ganz umsonst war. Verfluchte Greife.«

Er blieb kurz stehen, wandte sich um und sah Wito direkt ins Gesicht. »Ich dachte, es wäre wichtig, was wir dort in der Höhle vorhaben. Verstehst du? Ich dachte … Nidhogirs Opfer hätte einen Sinn.«

Dann ging Darnamur weiter, und Wito blickte ihm verständnislos nach.

»Man könnte fast meinen, Nidhogirs Tod ginge ihm nahe«, hörte er Skerna hinter sich sagen, mit einem neckischen Ton in der Stimme. »Ich hätte nicht gedacht, dass er den Unfall eines Kameraden so schwer nimmt.«

»Nein«, sagte Wito, und ging weiter. »Er wirkt normalerweise nicht so zart besaitet. Vermutlich fühlt er sich für Nidhogir verantwortlich. Verantwortung nimmt er ernst.«

Tatsächlich grübelte Wito eher über seine eigene Verantwortung nach. Seine Patrouille hatte einen Gnom verloren. Wieso hatte er nichts davon bemerkt?

Gut, es war ein überstürzter Rückzug gewesen. Unten am Berg hatten die Greife schon auf ihn gewartet. Die eigentümlichen Kreaturen, die sie lenkten, hatten Wito befohlen, seine beiden besten Späher auszuwählen und sie zu begleiten. Sie hatten zum sofortigen Aufbruch gedrängt. Trotzdem hätte Wito sich die Zeit nehmen müssen, seine ganze Schar zu sammeln und abzuzählen. Er war für seine Leute verantwortlich, und in dieser Pflicht hatte er versagt.

»Vielleicht ist Darnamur doch empfindsamer, als er sich gibt«, fügte Wito schließlich hinzu. »Ich glaube, ich rede später noch mit ihm.«

Aber Skerna ging inzwischen neben Darnamur. Niemand hörte ihm zu.

Rasch schloss Wito zu den anderen auf. Gerade als er sie wieder erreicht hatte, schob sich ihnen ein Speer in den Weg.

»Endlich, ihr Schnecken«, knurrte eine grobe Stimme. »Wurd ja Zeit.«

Darnamur schnappte nach Luft. Der Speerschaft, der wie eine Schranke vor ihnen lag, hatte ihn hart an der Brust erwischt.

Es war ein Goblin, der sie mit dem Speer zurückhielt. Sein Gesicht war schwarz und haarig, die Nase flach. Die verwachsenen Ohren wirkten fleischig, mit gebogenen Spitzen, die fast bis zum Schädeldach reichten. Das breite Maul steckte voller Reißzähne, und die muskulösen, ausladenden Schultern drohten die Rüstung zu sprengen, die nur aus Stacheln und scharfen Kanten zu bestehen schien. Hätte er den gekrümmten Rücken strecken können, wäre dieser Goblin fast so groß gewesen wie ein Mensch.

Die Gnome wichen einen Schritt zurück, Darnamur jedoch nur, weil Skerna ihn zog.

»Kommt mit«, befahl der Goblin. Er schwang den Speer über sie hinweg und versperrte ihnen mit seiner Waffe den Rückweg. Er machte Anstalten, sie mit diesem Stab vor sich herzutreiben wie eine Schweineherde. »Wir warten schon auf euch Asselgezücht. Keine Ahnung, warum.«

Der Goblin wirkte missgelaunt, doch das war bei seinem Volk normal. Darnamur biss die Zähne zusammen, und die Gnome fügten sich. Wito atmete erleichtert auf. Sie versuchten nur, so weit auseinander zu laufen, dass sie nicht mehr alle in Reichweite des Speeres waren.

Der Goblin knurrte gereizt und versuchte, die Gnome zusammenzuhalten.

»Worum geht es eigentlich?«, fragte Wito.

»Hör zu, Käferhirn, dann weißt du’s bald.«

Eine Weile trotteten sie schweigend durch das Lager, auf den Rand der Lichtung zu.

»Ich höre«, sagte Darnamur schließlich.

»Hä?«, fragte der Goblin zurück.

»Wolltest du uns nicht erzählen, worum es geht?«

»Freches, kleines Ungeziefer«, zischte der Goblin. Er schlug mit dem Speer nach Darnamur, aber nur halbherzig. Man merkte deutlich, dass er sich eine Peitsche anstelle des Speers wünschte.

Sie erreichten den Rand des Lagers und tauchten in den Wald ein. Wito war davon ausgegangen, dass ihr Führer sie zum Hauptmann der Goblins bringen würde, damit dieser ihnen ihren Auftrag erklärte. Aber sie entfernten sich immer weiter vom Lager, und er fragte sich, ob sie nicht schon zu diesem Auftrag unterwegs waren.

Dann aber kamen sie unvermittelt wieder auf eine Lichtung. Am Waldrand standen frische Baumstümpfe, und ein harziger Duft lag in der Luft. Ein kleiner Trupp Goblins zerrte gerade einen Stamm auf das Hauptlager zu, und Wito wusste nun auch, wie der schmale aufgewühlte Pfad entstanden war, dem sie bisher gefolgt waren.

Ein paar Goblinkrieger trieben sich auf dem Platz herum, lehnten an den Bäumen am Rand der Lichtung oder hockten auf Stümpfen. Sie waren alle viel kleiner als der Begleiter der Gnome. »Verpisst euch«, brüllte der seine Kumpane an. »Ihr solltet hier aufräumen und dann eure Fratzen nicht mehr sehen lassen!«

Die Goblins trotteten murrend davon. Zurück blieb nur eine Nachtalbe – eine schlanke Gestalt in einem graublauen Kleid, mit einem runden Gesicht und dunkler Hautfarbe – und ein blauhäutiger Riese mit einem kantigen, grob geschnittenen Gesicht und einem fetten Leib. Es war ein Troll. Er war größer als zwei Goblins übereinander und so grobschlächtig, als wäre er aus losen Felsbrocken gefügt. Er trug nichts weiter als eine zerlumpte, sackartige und viel zu kurze Hose. Obwohl er sich im Hintergrund hielt, war er kaum zu übersehen.

»Gibrax!«, rief der Troll. »Kleine Freunde sind angekommen. Dann können wir jetzt reden. Und Wein trinken.«

Der Troll kam auf sie zu und zog einen jungen Baum hinter sich her, an dem noch einige grüne Blätter hingen. Wito betrachtete ihn verblüfft.

»Gibrax?«, fragte Skerna von hinten. »Was meint er damit?«

»Das ist sein Name«, sagte die Nachtalbe. Ihre Stimme schwebte durch die Luft wie ein Lied. Selbst der Troll blieb stehen und blickte sie an, den Kopf mit dümmlichem Ausdruck zur Seite geneigt.

Sie hatte Skernas leisen Einwand gehört, obwohl die Nachtalbe ein gutes Stück von ihnen entfernt stand und der Troll mit seinem Baum genug Lärm gemacht hatte, um ein vorrückendes Regiment zu tarnen. Gnome hatten stets die schärfsten Sinne und wurden selbst nicht wahrgenommen. Doch vor der Albe mussten sie auf der Hut sein.

»Aber Gibrax hatte eine gute Idee«, fuhr die Frau in ihrer wohlklingenden Stimme fort. »Da wir demnächst gemeinsam eine wichtige Aufgabe zu bewältigen haben, sollten wir uns einander vorstellen. Ich bin Daugrula, vertraute Dienerin unser aller Herrin Geliuna.«

»Werdet Ihr uns führen?«, fragte Wito sofort.

»Halt’s Maul, Schrumpfschwengel«, fuhr der Goblin ihn an. »Sie hat gesagt, wir sollen uns vorstellen. Nicht plaudern. Ich bin Werzaz. Ein Krieger für Leuchmadan.«

In der Betonung des Namens lag eine Herausforderung. Leuchmadan, der Finstere Herrscher, der Gott aller Finstervölker, war erst vor kurzem scheinbar aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Geliuna, die Schwarze Fei, hatte vor Jahrhunderten an seiner Seite gekämpft und die Grauen Lande als Königin regiert, seitdem er verschwunden war. Jetzt war sie gehorsam wieder ins zweite Glied zurückgetreten.

Das war die Politik der großen Leute. Ein Gnom kümmerte sich nicht viel um solche Dinge. Doch anscheinend gab es zwischen den großen Völkern Spannungen, vielleicht sogar einen Wettstreit unter den Führern. Wenn es hier verschiedene Seiten gibt, auf welcher Seite stehe ich dann?, fragte Wito sich unwillkürlich.

Doch dann erkannte er, wie gleichgültig ihm diese Frage im Grunde war. Warum sollte er sich als Gnom auf Leuchmadans oder Geliunas Seite schlagen, wenn keines dieser mächtigen Wesen je Partei für die Gnome ergreifen würde?

Aber wenn es hier verschiedene Seiten gibt, kann das unseren Auftrag gefährden, dachte er. Wie auch immer der Auftrag lautete. Es konnte den ganzen Krieg gefährden. Das war eine Sache, die viel wichtiger war als die Entscheidung zwischen der alten Königin und dem neuen Herrn. Denn keiner der beiden mochte sich viel um seine Untertanen kümmern – aber wenn einer von beiden den Krieg verlor, dann litten sie alle!

»Gibrax, der Troll«, rief Gibrax, obwohl er sich bereits vorgestellt hatte. »Das bin ich«, fügte er dann noch hinzu. Er streckte seinen riesigen Leib.

Auch die Gnome nannten ihre Namen, ein wenig verwirrt und fast schüchtern. Es war noch nie vorgekommen, dass sich alle einzeln vorstellten, wenn man die Gnome zu einem Spähauftrag rief.

Ein Rauschen erklang in der Luft, und unwillkürlich hoben alle den Kopf. Der Troll wischte dabei mit seiner Baumkeule über den Boden, und Darnamur wich hastig einer raschelnden Masse von Blättern und Zweigen aus. »He«, rief er, und fügte spöttisch hinzu, als der Troll überrascht zu ihm hinabblickte: »Eine hübsche Keule hast du da.«

»Danke«, erwiderte Gibrax stolz. »Hab ich selbst ausgerissen.«

Werzaz, der Goblin, schnaubte.

»Wir sollten zur Seite treten«, verkündete Daugrula, die Nachtalbe. »Unser aller Hauptmann kommt, und hier ist kaum genug Raum für sein Reittier.«

Dunkelheit legte sich über die Lichtung. Witos Herz schlug schneller, und er spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte.

Es ist nur ein geflügeltes Reittier, ermahnte er sich selbst. Unser Hauptmann kommt auf einem geflügelten Reittier an, wie du selbst gerade auch. Warum war ihm auf einmal so beklommen zumute?

Flügel rauschten, und ein Kreischen durchschnitt die Luft. Das Wesen schwenkte scharf über die Baumwipfel ein und sank tiefer. Ein geflügelter Mantikor!

Der Troll ließ seinen Baum los. Der Goblin zog den Kopf ein und trat unwillkürlich unter den Schutz der Bäume. Furcht sickerte auf die Lichtung herab und schlich durch die Reihen wie ein greifbares Wesen. Mit erhobenen Flügeln ließ sich der Mantikor nieder.

»Willkommen, Herr«, hörte Wito die Nachtalbe sagen. Er hatte ein eigentümliches Summen in den Ohren, wie vom Nachhall einer verklungenen Glocke, deren Schwingung man noch im Körper spürte. »Es sind alle versammelt. Wir haben uns schon bekannt gemacht. Ich werde den Wald von ungebetenen Lauschern säubern, und dann könnt Ihr den Rest unserer Truppe mit dem Auftrag vertraut machen.«

Daugrula trat näher an den Mantikor und streckte eine zartgliedrige Hand nach ihm aus. Mit seinem löwenähnlichen Leib glich das Tier fast einem Greif, doch fehlte dieser Chimäre jede Eleganz und jede Natürlichkeit. Der echsenhafte Schädel und der peitschende Schlangenschweif mit dem kleineren zweiten Kopf sahen aus, als wären sie nachlässig an den Körper geheftet, genauso wie die großen Fledermausschwingen, die das Wesen nun anlegte, sodass es den Reiter enthüllte.

Die Gestalt schwang sich vom Rücken des Mantikors und tat einen Schritt auf die Lichtung. Sie sah aus wie ein Mensch in schwerer Rüstung. Graue Metallplatten schoben sich übereinander und bewegten sich bei jedem Schritt. Er trug einen hohen Helm mit Sehschlitzen, hinter denen nur Dunkelheit wohnte. Ein schleierartiger Mantel und ein Wappenrock wallten um den Panzer. Die Kleidung bauschte sich nicht wie Stoff oder Tuch, sondern umwaberte die Gestalt wie ein formloser Nebel und ließ die scharfen Konturen der Rüstung verschwimmen.

Das Klingen und Summen in Witos Kopf wurde stärker, fast schmerzhaft, so als würde etwas von innen gegen seinen Schädel schaben. Skerna wimmerte leise. Es war schwer, das Wesen anzusehen. Wenn man es doch versuchte, wuchs die Angst, und ein betäubendes Grauen schlich sich in die Seele.

Wito wandte rasch den Blick ab, und alle schienen zu erstarren. Stille legte sich über die Lichtung, und die Laute des Waldes, des Mantikors und der Nachtalbe wirkten wie entrückt und in einer anderen Welt verloren.

Wito sah, wie der Schwanz des Mantikors sich um Daugrulas Arm ringelte und zu tausend Skorpionen zerplatzte. Die gepanzerten Tiere huschten in den Wald und verschwanden im Unterholz. Die Stimmung auf der Lichtung war unwirklich geworden, ja albtraumhaft.

Daugrula lächelte und stellte sich hinter dem Krieger auf.

Dieser ergriff endlich das Wort: »Ich bin Baskon, der Wardu.« Seine Stimme knirschte und zischte, als würde sie vom Scharren der Rüstung selbst gebildet und wie Dampf aus den Gelenken quellen. Der Helm drehte sich, doch die leeren Augenschlitze hatten etwas Blickloses an sich.

Aus dem Wald drangen Schreie, die Stimmen vereinzelter Goblins hoben sich in Entsetzen und Schmerz. Manche entfernten sich und verklangen, andere verstummten mit einem Mal. Das Zischen des Wardu klang zufrieden.

»Wir sieben werden hinter die Reihen der Feinde ziehen«, verkündete er. »Und wir werden Leuchmadans Herz zurückholen.«

2. KAPITEL:

IN DEN LANDEN DES LICHTS

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UNTER ALLEN VÖLKERN DER FINSTERNIS MAG MAN DIE GNOME FÜR DAS HARMLOSESTE HALTEN. IHRE HÄSSLICHKEIT IST EHER GROTESK DENN ERSCHRECKEND, UND SIE TREIBEN SCHEINBAR HARMLOSEN SCHABERNACK. SIE VERSTECKEN KLEINE DINGE IM HAUSHALT, UND ÜBER IHRE SCHERZE MAG, SOFERN ER NICHT SELBST BETROFFEN IST, SOGAR DER EHRBARE BITANER LACHEN.

DOCH DER ANSCHEIN, DER WENIG ARG FÜRCHTEN LÄSST, TRÜGT: OHNE RESPEKT VOR EIGENTUM UND WOHLBEFINDEN IHRER OPFER HABEN DIE GNOME NUR MUTWILLEN IM SINN. SELBST SCHÜTZENDE MAUERN HALTEN SIE NICHT AB, UND IHR UNWESEN DRINGT BIS IN DAS HEILIGSTE INNERE DER FAMILIE, IN DEN SICHEREN HAUSHALT. SIE DEMÜTIGEN DEN STOLZEN FAMILIENVATER, VERSTRICKEN DIE MENSCHEN IN SINNLOSE SUCHE UND HADER, RAUBEN IM HÄRTESTEN WINTER DAS BROT AUS DER VERRIEGELTEN KAMMER, OHNE DER HUNGRIGEN KINDER ZU GEDENKEN.

KURZUM: WIE KEIN ANDERES VOLK DER FINSTERNIS UNTERGRABEN DIE GNOME DEN GLAUBEN DER MENSCHEN AN DIE GÖTTERGEFÄLLIGE ORDNUNG UND TRAGEN UNSICHERHEIT UND ZERRÜTTUNG SELBST IN DEN SICHERSTEN ZUFLUCHTSORT. IHRE AUSMERZUNG HIERZULANDE UND IHRE VERTREIBUNG HINTER DIE GRENZEN, WO SIE IHRESGLEICHEN PLAGEN MÖGEN, IST ALLE MÜHE WERT.

AUS DEM »ALMANACH DER FINSTERVÖLKER«

VON CONZIONARIUS CAEZO,

PRIESTER IM TEMPEL DER SONNE

NORDEN VON BITAN, 28 NLR,

3 TAGE NACH WANDELMOND

»Die Sonne sinkt«, knarrte Baskon. »Wir stehen auf.«

Wito hob den Kopf. Die drei Gnome lagen dicht beieinander unter einem dürren, schwarzen Baum, der fast kahl wirkte, so wie das ganze Gehölz, in dem die Gruppe sich während des Tages verborgen hatte. Fast konnte man meinen, das Wäldchen würde regelmäßig von Goblins als Unterschlupf genutzt, so dass die Bäume die Lust verloren hatten, überhaupt noch Grün hervorzubringen. Wito musste unwillkürlich grinsen und blickte zu Werzaz hinüber, der auf der anderen Seite der Lichtung lag und eben knurrend aus dem Schlaf fuhr.

Daugrula, die Nachtalbe, saß an einen Stamm gelehnt, genau wie sie sich am Morgen niedergelassen hatte. Ihre Augen waren einen Spaltbreit geöffnet, aber sie regte sich nicht. Ihr rundliches Kindergesicht wirkte entspannt. Balgir, Daugrulas Taschentier, hing ihr über die Schulter hinab bis zum Bauch.

Ganz in ihrer Nähe ragte Gibrax’ Rücken aus dem Unterholz wie ein kahler Hügel. Für den Troll war es immer noch zu hell, und so kauerte er noch eine Weile in seiner Senke, eingehüllt in Daugrulas Zauber, der ihn vor den schmerzhaften Folgen des Sonnenlichts schützte.

Ein trüber Frühlingstag ging zu Ende, und mit der sinkenden Sonne schwand rasch auch die letzte Wärme. Der Wind aus dem Osten blies kalt. Aber sie waren ohnehin unterwegs, solange es dunkel war, und so machten die frischen Nächte den Gefährten nichts aus.

Da hörte man Werzaz lauthals über die Lichtung hinweg fluchen: »Alle tausend räudigen Bitaner! Wo ist mein zweiter Stiefel?«

Der Goblin wühlte in seinem Gepäck und zwischen den Blättern und dem Totholz der letzten Jahre auf dem Boden. Alle Köpfe wandten sich in seine Richtung, und selbst Daugrula blickte auf und öffnete die Augen ganz. Balgir räkelte sich, reckte die kleinen Vorderbeinchen und riss das stumpfe Eidechsenmaul auf, sodass man seine nadelspitzen Zähnchen sah. Dann ließ er sich in den Schoß seiner Herrin gleiten und rollte sich dort zusammen.

Die drei Gnome setzten sich rasch hin, Skerna mit dem Rücken zu dem tobenden Goblin. Sie lächelte und machte verstohlen eine greifende Bewegung vor der Brust. Ihre beiden Gefährten nickten und schmunzelten und rückten wie Schutz suchend näher zusammen, damit die großen Leute ihren heimlichen Austausch nicht verfolgen konnten.

»Zecken und Krätze! Ich habe beide nebeneinander hier abgestellt!« Werzaz packte den einen eisenbeschlagenen Stiefel und schwenkte ihn aufgebracht. Dabei sprang eine Panzerplatte an seiner Schulter ab, und er stieß eine Schimpftirade aus.

»Du bist wirklich der liederlichste Lumpenhund in Leuchmadans Heerbann«, tönte Baskon, der Wardu. Er erhob sich und legte den Kopf leicht schief, als würde er auf den Goblin hinabblicken. »Bei keiner Rast kannst du deine Sachen beisammenhalten, und du bist mir wahrhaft eine Last.«

Werzaz funkelte ihn an, wagte aber nichts mehr zu sagen. Die Aufmerksamkeit des Wardu schien seinen krummen Rücken noch weiter niederzudrücken. Er presste die schmalen Lippen so fest aufeinander, dass zwei lange Hauer aus dem Unterkiefer hervorragten und sich Falten um seine tückische, platte Nase bildeten.

»Ihr alle haltet mich nur auf«, fuhr Baskon fort und schaute in die Runde. »Wir Wardu wären binnen eines Tages in Keladis gewesen. Stattdessen muss ich eine störrische Herde Schafe über die Weiden von Bitan treiben.« Er zuckte die Achseln, eine überraschend menschliche Geste, die in der schweren Rüstung kaum möglich schien. »Aber Leuchmadans Wille geschehe. Ich fliege auf Kundschaft voran. Morgen früh stoße ich zu euch.«

Er trat auf die Bäume zu, hinter denen sein geflügeltes Reittier lagerte. »Rujan braucht Fleisch.«

Das seltsame Klingen um den Wardu schnitt Wito durch Mark und Bein, und die Stimme dieser Kreatur schwebte auf einem Unterton, der dem Gnom schier den Kopf zersprengen wollte. In der Woche, die sie bereits gemeinsam durch die Lande der

Bitaner zogen, hatten die Gefährten sich an die Gegenwart des Wardu gewöhnt. Trotzdem waren sie jedes Mal froh, wenn ihr Anführer gegen Morgen voranflog – als Kundschafter, der niemals etwas von sich hören ließ, bis er sie des Abends unfehlbar wieder aufspürte und schweigend und düster zu ihnen stieß.

Jetzt erhob sich auch Daugrula. Ihr weicher, geschmeidiger Leib streckte sich im seidig schimmernden graublauen Gewand. Balgir fiel hinunter ins Laub, sah zu ihr auf und zischte aufgebracht. Daugrula beachtete ihn nicht. Lauschend hob sie den Kopf, während die schweren, klatschenden Flügelschläge des Mantikors in der Ferne verklangen. »So«, sagte sie. »Unser Herr und Meister ist fort. Dann muss das Fußvolk allmählich auf die Beine kommen.«

Sie beugte sich hinab und brachte die widerstrebende Echse mit einer leichten Berührung zum Schweigen. Als sie das Tier aufhob, hatte es sich in eine längliche Ledertasche verwandelt.

»Mein Herr und Meister ist Leuchmadan«, stieß Werzaz hervor, aber diesmal hängte er keine Verwünschung an. Seine Bemerkung war herausfordernd genug, selbst wenn der Wardu sie vermutlich nicht mehr hören konnte. Wer wusste das schon so genau bei diesem Geschöpf, das Wito noch nie ohne Rüstung gesehen hatte.

Der Goblin hatte inzwischen seinen Stiefel gefunden, tief in seinem Proviantsack. Anklagend wies er damit in Richtung des Trolls, der sich immer noch nicht aus seinem Loch wagte. »Aber der Wardu hat recht. Wir sind zu langsam. Und dieser Klotz auf Beinen ist schuld daran!«

Gibrax blickte auf. Misstrauisch blinzelte er in das Abendrot, das matt am Horizont verglühte. »Klotz auf Beinen? Das klingt gut. Neue Waffe für Gibrax: Werfen, und kommt wieder zurück!« Der Troll grinste und entblößte große, weit auseinanderstehende Zähne, die aussahen wie Grabsteine vor einer finsteren Gruft.

Alle schauten ihn an, und Werzaz zog unwillkürlich den Kopf ein.

»Im Moment hältst eher du uns auf«, wandte Daugrula ein. »Und ich rede nicht nur davon, dass du immerzu etwas verlegst. Um den Schulterpanzer zu richten, musst du die ganze Rüstung ausziehen und neu anlegen.«

Wütend schleuderte Werzaz den Stiefel zu Boden. »Glaubst du etwa, ich habe meinen verdammten Stiefel selbst in den Proviantsack gesteckt? Irgendein … verwanztes Tier … muss nachts bei meinem Lager gewesen sein … und … hat den Stiefel da reingeschoben … als es, äh, was klauen wollte.«

Werzaz war immer leiser geworden und blickte zweifelnd auf seine Stiefel. Alle blickten ihn an. Daugrula hob spöttisch die Augenbrauen. Stille senkte sich über die Lichtung.

»Was auch immer«, ergriff Werzaz schließlich wieder das Wort. »Wir könnten reiten. Selbst dieses Gewürm«, er wies auf die Gnome, »könnte man in irgendeinen ranzigen Sack packen und über den Sattel legen. Nur wegen dem Troll«, sein Finger wanderte weiter zu Gibrax, »latschen wir uns tagelang die Beine krumm, um diesen bitanischen Schweinepfuhl zu durchqueren. Warum mussten wir den Troll mitnehmen? Er hält uns auf!«

»Gibrax hält niemanden auf«, sagte der Troll und griff nach dem zerflederten Baum, den er seit Beginn der Reise als Keule mit sich führte. »Gibrax hat lange Beine. Gibrax hat schon mal einen Menschenmann auf einem Pferd eingeholt. Obwohl …« Der Troll legte nachdenklich einen Zeigefinger an die Lippen. »Als ich ihn eingeholt hatte, da habe ich ihn aufgehalten. Beide, meine ich. Den Menschenmann und das Pferd.«

Daugrula winkte ab. »Es reicht jetzt«, sagte sie scharf. »Leuchmadan und Geliuna selbst haben diesen Trupp zusammengestellt. Sie wissen, worauf es ankommt – oder willst du das bezweifeln, Goblin?«

»Der Wardu bezweifelt es wohl«, erwiderte Werzaz störrisch.

»Der Wardu kann sich eine gewisse Leere unter seinem Helm auch leisten«, stellte Daugrula fest. »Aber seine Stärke und seine Schnelligkeit nutzen ihm bei diesem Auftrag nicht viel. Baskon kann womöglich schneller nach Keladis gelangen als wir, aber dort wäre er so nutzlos wie ein Blecheimer, der in den Brunnen gefallen ist. Die Festung der Elfen steht mitten im Feindesland. Wenn die Wardu in der Lage wären, das Herz dort zu beschaffen, hätte Leuchmadan sie allein ausgeschickt.«

Die Nachtalbe musterte ihre Gefährten scharf. »Schnelligkeit ist nicht alles. Ein Eimer fällt schnell in den Brunnen. Aber er taugt nichts, solange er nicht an einem festen Seil hängt – und dieses Seil sind wir. Nur wir alle zusammen können unser Ziel erreichen.«

Die sechs Gefährten bewegten sich durch die sanften Hügellande am Saum des Gebirges. Wiesen mit hohem Gras, das den Gnomen fast bis zum Kinn reichte, wechselten mit abgefressenen Weiden, und dann und wann waren Areale mit endlos langen Zäunen aus schweren Balken abgetrennt.

Wito fragte sich, wo die Menschen wohl das Holz dafür hergenommen hatten, denn weit und breit war kein Wald mit so großen Bäumen zu sehen. Andererseits: Womöglich hatte er sich seine Frage soeben selbst beantwortet.

Ein bauchiger Mond stand über der Landschaft und schimmerte hinter den Wolken hervor wie eine abgedunkelte Sturmlampe. Für einen Gnom reichte das Licht aus, um nicht nur den Weg genau zu erkennen, sondern selbst die Frühlingswiesen in voller Farbenpracht zu sehen. Es waren nicht dieselben Farben wie am Tage. Das Gras wirkte lichter und grüner, die Blüten violett oder samtig blau. Die meisten Blumen waren jetzt geschlossen und zeigten nur die matten Deckblätter. Doch es gab eine Blume, die wohl nächtliche Falter anlocken wollte. Ihre Kelche aus drei großen, dreieckigen Blättern, die im Mondlicht seidig glänzten, waren weit geöffnet. Der Duft, der von ihnen aufstieg, war dumpf und schwer und mit einem Hauch von Verfall unterlegt. Wito atmete das eigentümliche Aroma und genoss den Anblick um sich her. Die Grauen Lande boten kein solches Leben.

Die Luft war kühl und trocken, und Wito spürte, dass auch Skerna und Darnamur die nächtliche Wanderung genossen. Dabei ging Daugrula ihnen so rasch voran, dass die Gnome auf ihren kurzen Beinen nur schwer folgen konnten. Die Nachtalbe hingegen schien zwischen den Gräsern fast zu schweben.

In der letzten Woche hatte sie den Gefährten in jeder Nacht den Weg gewiesen, zielstrebig und ohne einmal zu zaudern. Mitten in den feindseligen Landen der Bitaner hatten sie Wiesen und Felder gequert und waren oft verborgenen Pfaden und abgelegenen Wegen gefolgt, hatten die belebteren Straßen und jegliche Ansiedlung gemieden.

Kannte Daugrula sich im Reich der Menschen tatsächlich so gut aus, hatte sie jeden Schritt genau geplant? Oder folgte sie einfach nur der groben Richtung und ging mit ihren feinen Sinnen zielsicher jeder Gefahr aus dem Weg, ohne sich jemals zu irren oder gar den Weg zu verlieren?

»Der Halteriemen vom Schulterpanzer war ein beachtliches Kunststück«, flüsterte Darnamur Skerna zu.

»Vielen Dank«, erwiderte die Gnomin.

»… aber warte, morgen werde ich dich noch übertreffen!«

Skerna kicherte.

»Ihr spielt ein gefährliches Spiel«, ermahnte Wito seine beiden Gefährten. »Übertreibt es nicht. Werzaz wird irgendwann Verdacht schöpfen, wenn ihm bei jeder Rast ein Missgeschick widerfährt.«

Wito schaute auf den breiten Rücken des krummbeinigen Goblins, der wenige Schritte vor ihnen herging, der aber unter seinem Eisenhelm und bei dem leisen Klirren der Rüstung das Flüstern der Gnome wohl nicht hören konnte. Bei Daugrula hingegen war Wito sich nicht so sicher. Aber wenn die Nachtalbe oder der Wardu, der ebenfalls nie zu schlafen schien, vom Schabernack der Gnome etwas mitbekamen, so hatten sie sich zumindest nicht dazu geäußert.

»Ach was«, sagte Darnamur. »Goblins sind von Natur aus blöde. Solange er über die Schuldigen nachdenken muss, sind wir vollkommen sicher. Beim Denken hat es ein Goblin noch nie zu was gebracht. Und morgen Mittag, wenn die Sonne ihn tumb und träge macht, setze ich ihm eine ganze Schachtel Zecken in den Pelz!«

Skerna lachte so laut, dass Werzaz sich misstrauisch umdrehte.

»Was habt ihr euren Spaß, ihr Stummelbeine?«, knurrte er. »Wir müssen schneller gehen. He, Albe, komm, wir laufen. Dem Ungeziefer da hinten bluten die Füße noch nicht, und zum Schwatzen haben sie auch noch Zeit.«

Daugrula zeigte keine Regung, trotzdem hatte Wito das Gefühl, dass sie zügiger ausschritt. Er schüttelte den Kopf. Immer war es Werzaz, der gegen Morgen schwitzte und fluchte und unter der Last seiner Rüstung und dem schweren Gepäck von Tag zu Tag gebeugter zu gehen schien. Aber immer war er dasselbe Großmaul, wenn der Nachtmarsch begann.

»Wo willst du die Zecken denn hernehmen?«, fragte Wito.

»Beifang beim Beerensammeln«, gab Darnamur kurz angebunden zurück und grinste.

Eine Weile hasteten sie schweigend durch die Nacht. Wito seufzte leise. Andererseits – sie waren nun einmal Gnome, und solange Darnamur sich an dem Unfug beteiligte, tat er wenigstens nichts Schlimmeres; nachts den Goblin erdolchen, beispielsweise. Mit so etwas konnte er sie alle in Schwierigkeiten bringen …

Mit einem vernehmlichen Ploppen zog Gibrax, der die Nachhut übernahm, den Finger aus der Nase und rief: »Da! Ein Menschenhaus!«

Wito wandte sich um, und der Trupp machte Halt. Der Troll wies schräg nach vorn auf eine Hügelkuppe, wo sich die kantigen Umrisse eines Holzbaus abzeichneten.

»Kein Haus«, sagte Daugrula. »Kommt, weiter.«

Die Gefährten setzten ihren Weg fort und hielten auf das Gebäude zu. Werzaz tastete mit seinem langen Arm nach dem Säbel an seiner Rückentrage: »Bitaner und ihre Brut. Alles niederbrennen, bevor sie flügge werden und an unsere Grenze kommen.«

»Hier wohnen keine Bitaner«, sagte Daugrula. »Das ist nur eine Scheune.«

Sie stiegen über einen Zaun – die Gnome liefen einfach darunter hindurch – und standen auf einer Weide. Die Scheune befand sich auf einem Hügel vor ihnen. Werzaz blieb stehen und blickte nachdenklich hinauf.

»Wir können plündern«, stellte er fest und fuhr sich mit der schmalen, schwarzen Zunge über die Oberlippe.

»Kommt nicht in Frage«, sagte Daugrula. »Seit zwei Wochen halte ich uns von allen Siedlungen fern und sorge dafür, dass selbst Gibrax keine auffällige Fährte hinterlässt. Wir sind von Feinden umgeben, und unser Auftrag ist zu wichtig. Ein Haufen aufgebrachter Bitaner hinter uns wäre das Letzte, was wir brauchen.«

»Du sagst es doch selbst, Albe. Da sind keine Körnerfresser drin. Eine Scheune. Warum nicht reinschauen, ob es lohnende Beute gibt?«

»Glaubst du, ein bitanischer Bauer lässt sich einfach seinen Schuppen ausräumen? Er wird jemanden rufen, der die Räuber verfolgt.« Daugrula gestikulierte aufgebracht.

»Und wenn schon«, versetzte Werzaz ungerührt. »Wir sind fast über die Grenze. Und so ein einsamer Schuppen wird bestimmt jeden Tag geplündert. Der Zapfenkopf, der das hier hingestellt hat, will’s gar nicht anders. Außerdem sieht uns ja niemand.«

»Wenn der Bauer eine Scheune auf einer so entlegenen Weide stehen hat, wird er darin nichts verwahren, was eine Unterbrechung unserer Reise wert ist«, entschied Daugrula. »Wir ziehen weiter.«

»Stimmt«, warf Gibrax von hinten ein.

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