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Gefährlicher Flirt mit dem Ex

Kimberly Lang

Gefährlicher Flirt mit dem Ex

1. KAPITEL

Fünfzig Minuten Gesprächstherapie mit Mr und Mrs Martin hatten Megan Lowe hämmernde Kopfschmerzen beschert. Sie musste unbedingt mit Dr. Weiss über eine Anpassung der Medikamente für das Ehepaar sprechen, bevor einer von ihnen den anderen umbrachte.

Da sie alles frisch in Erinnerung hatte, notierte sie gleich ihre Beobachtungen und legte die Akte danach ins Ablagefach. Anschließend begab sie sich auf die Suche nach Kopfschmerztabletten.

In dem Moment kam Julie zu ihr in den Aufenthaltsraum. Wie sie selbst, arbeitete Julie als Ärztin im Praktikum in der Weiss-Klinik. Ihre Kollegin reichte ihr das Aspirin, kaum dass sie durch die Schwingtür getreten war.

„Ich habe euch bis hierher gehört. Du solltest Gefahrenzulage verlangen.“

Megan lachte, öffnete eine Flasche Wasser und spülte dankbar zwei Tabletten hinunter. „Diese Woche drehen sie wirklich voll auf. Aber ich glaube, am meisten gefährdet ist mein Trommelfell.“

„Da studiert man gefühlte tausend Jahre an der Uni und darf hinterher hier die Ringrichterin beim Amateurboxen spielen.“ Missmutig schüttelte Julie den Kopf.

„Und wird noch schlechter bezahlt“, ergänzte Megan.

Julie tippte auf die aufgeschlagene Zeitung. Auf der Seite prangte eine ganzseitige farbige Werbeanzeige für das neue Buch von Devin Kenney. „Wenn alles nichts hilft, kannst du den beiden immer noch einen guten Scheidungsanwalt empfehlen.“

Megan spürte, wie ihr Augenlid unwillkürlich zuckte. „Das ist nicht lustig, Julie.“ Konnte Devin nicht still und leise im Verborgenen arbeiten wie andere Leute auch? Im vergangenen Jahr war er mit seiner Radioshow Rette deine Schätze landesweit auf Sendung gegangen. Zu dem Zeitpunkt hatten die Medien begonnen, sich auch für sie zu interessieren. Inzwischen führte sein gleichnamiges Buch die Bestsellerliste an, und Megan kam sich vor wie die berühmteste Exehefrau von ganz Amerika. Oder zumindest von ganz Chicago.

„Also, ich finde es witzig.“ Julie lächelte unbekümmert. „Diese köstliche Ironie!“

„Bring mich nicht dazu, dich zu hassen. Es ist einfach nur ärgerlich, nicht ironisch. Und noch dazu eine uralte Geschichte.“ Die mittlerweile längst vergessen wäre, hätte Devin nicht seine Karriere darauf aufgebaut.

„Eine Paartherapeutin, deren Exmann nach der gescheiterten Ehe total verbittert ist und seine Lebensaufgabe darin sieht, andere vor der Ehe zu warnen. Ich bitte dich, Megan, das ist unbezahlbar! Und natürlich ein Knaller für die Presse.“

„Du hast eine merkwürdige Vorstellung von Pressearbeit. Themawechsel. Hast du deinen Förderantrag schon eingereicht?“

Julie verdrehte die Augen. Zum Glück ging sie jedoch bereitwillig auf die Frage ein, während Megan ihr Mittagessen aus dem Kühlschrank holte. Megan fand, dass sie in letzter Zeit oft genug an Devin erinnert wurde. Öfter, als ihr lieb war. Sie hatte keine Lust, auch noch über ihn zu reden. Viel lieber würde sie ihm den Hals umdrehen, aber das war keine realistische Alternative.

Später gesellte sich die Rezeptionistin Alice zu ihnen und überreichte jeder von ihnen die aktuellen Telefonnotizen. Zerstreut sah Megan ihre Nachrichten durch. „Die Smiths haben abgesagt?“ Allen und Melissa Smith gehörten zu ihren treuesten Klienten. „Haben sie gesagt, warum?“

Alice stellte ihr Essen in die Mikrowelle und erwiderte dabei mit deutlichem Unbehagen: „Ja, haben sie.“

Prompt begann Megans Augenlid wieder zu zucken. „Und?“

„Sie haben Probleme mit deinem Bekanntheitsgrad. Dieser Blogger, der seit Tagen hier herumlungert, hat sie zu Hause angerufen und sich nach dir erkundigt.“

„Dieser Typ spioniert meine Klienten aus?“, rief Megan entgeistert. Julie wirkte ebenso schockiert wie sie. „Das darf doch nicht wahr sein!“

„Leider doch.“

„Oh, mein Gott. Das ist … das ist …“

„Eine Verletzung der Privatsphäre unserer Klienten und eine Schande für unsere Klinik“, erklang hinter ihr die Stimme von Dr. Weiss – der Dr. Weiss von der Weiss-Klinik.

Megan fuhr herum. „Dr. Weiss, es tut mir so schrecklich leid! Das ist ungeheuerlich.“

„Sie sagen es.“ Die Ärztin wirkte erstaunlich ruhig, was jedoch vermutlich nur an ihrer professionellen Therapeutenmiene lag. Dr. Weiss arbeitete seit dreißig Jahren als Psychotherapeutin. Sie hätte keine Miene verzogen, wenn Megan auf die Idee gekommen wäre, nackt auf dem Tisch Cha-Cha-Cha zu tanzen.

Megan wäre es lieber gewesen, ihre Chefin hätte ihr Pokerface nicht ganz so gut unter Kontrolle gehabt. Denn dann könnte sie besser einschätzen, was auf sie zukam. Die Vorstellung, Devin zu erwürgen, wurde ihr immer sympathischer.

„Der Trubel wird sich sicher bald legen. So faszinierend bin ich nun auch wieder nicht. Außerdem wissen wir ja, wie schnell die Menschen sich ein neues Objekt der Begierde suchen“, versuchte sie es mit einem lahmen Scherz.

„Schön, dass Sie es so sehen, Megan.“ Dr. Weiss’ Ton blieb unverändert freundlich, doch Megan flatterte das Herz. „Ich schlage vor, Sie nehmen solange Urlaub.“

Mit einem Mal hatte Megan das Gefühl, ihr würde das Herz stehen bleiben. „Wie bitte?“

Dr. Weiss setzte sich an den Tisch und trank einen Schluck Kaffee. „Sie haben noch jede Menge Resturlaub. Dies wäre ein günstiger Zeitpunkt, ihn zu nehmen.“

„Aber meine Klienten …“

„Um die kümmern wir uns in den nächsten Wochen.“

Wochen? Dr. Weiss, ich verstehe, wie ärgerlich das alles für Sie ist, aber …“

„Megan, ich dulde nicht, dass man aus meiner Klinik einen Rummelplatz macht. Und ich werde nicht zulassen, dass man meine Klienten belästigt.“

Megan kam sich vor wie ein gescholtenes Kind. Julies und Alices Anwesenheit machte es nicht besser. Beide starrten angestrengt auf ihre Teller und konnten ihre Betroffenheit dennoch nicht verbergen. Mühsam beherrscht drehte Megan einen Bleistift zwischen den Fingern.

„Gut, heute Nachmittag setze ich mich nach meiner Anti-Aggressions-Gruppe mit Alice zusammen …“, begann sie, doch Dr. Weiss brachte sie mit einem Kopfschütteln zum Schweigen.

„Ihre Gruppe übernehme ich.“

Der Bleistift zerbrach.

Dr. Weiss zog die Brauen hoch. „Möchten Sie vielleicht heute selbst am Anti-Aggressions-Training teilnehmen?“

„Nein danke.“ Megan zwang sich zu einem Lächeln. „Dann gehe ich jetzt und ordne meine Akten. Alice, können wir gleich meine Termine durchsprechen?“

Alice nickte, und Dr. Weiss schien besänftigt. Soweit man das beurteilen konnte.

„Fassen Sie es nicht als Bestrafung auf, Megan. Wie Sie schon sagten, der Trubel wird sich sicher bald legen. Nutzen Sie doch die Zeit, um an Ihren Artikeln für das Journal zu arbeiten.“

„Das ist eine gute Idee, Dr. Weiss.“ Das werde ich machen. Sobald ich Devin Kenney den Hals umgedreht habe.

Es gelang ihr, einigermaßen würdevoll den Raum zu verlassen. Auf dem Weg in ihr Büro ballte sie jedoch vor Zorn die Hände zu Fäusten. Dieser verdammte Devin. Wie oft musste sie noch seinetwegen ihr Leben umkrempeln?

Ich bin nicht gefeuert. Es ist nur vorübergehend.

Wieder und wieder sagte sie diese Sätze wie eine Beschwörungsformel vor sich hin. Währenddessen schaute sie in ihren Terminkalender und verfasste ein paar Notizen für Julie und Nate. Nate war der dritte Praktikant im Bunde. Er hatte die Show im Aufenthaltsraum leider verpasst, weil er gerade eine Beratung abhielt. Sobald sein Klient gegangen war, würde er bestimmt alles erfahren.

Nach einer Weile klopfte es an der Tür, und Alice und Julie kamen hereingeschlichen.

„Es tut uns so leid.“ Julie ließ sich in dem Sessel vor Megans Schreibtisch nieder, während Alice die Akten von Megan entgegennahm.

„Keine Ursache. Ist doch nur vorübergehend.“

„Hass ist zwar kein gutes Gefühl, wie wir alle wissen. Allerdings hast du in dieser Situation wirklich allen Grund dazu.“

Megan seufzte. „Danke, Julie, aber ich habe noch nie jemanden gehasst.“

„Nicht mal Devin?“

„Komischerweise nicht. Ich war wütend, verletzt und bitter enttäuscht, doch gehasst habe ich ihn nicht. So war es nicht zwischen uns. Er hat mir das Herz gebrochen – und ich habe es überstanden und mich weiterentwickelt. Wenn hier einer Altlasten mit sich herumschleppt, dann ist er das.“

„Klingt, als bräuchte er einen guten Therapeuten.“ Julie lächelte frech. „Kennst du nicht zufällig einen?“

„Wenn du mich meinst: Ich bin vorläufig aus dem Verkehr gezogen.“ Megan stützte das Kinn in die Hände. „Ich war so stolz darauf, das alles hinter mir gelassen zu haben, und nun das! Devin Kenney ist ein toter Mann, wenn ich ihn in die Finger kriege, das verspreche ich euch. Vermutlich komme ich aber gar nicht an ihn heran, nachdem er jetzt so gefragt ist.“

„Warum gehst du nicht einfach zu seiner Signierstunde?“, schlug Alice vor.

Megan horchte auf. „Wann findet die statt?“

„Heute Nachmittag zwischen drei und fünf in der City. Steht in der Zeitung.“

„Was du nicht sagst.“ Devin war also in der Stadt. Er war nicht auf einer Reise durch sämtliche Talkshows in New York oder L.A., wie sie vermutet hatte. „Das ist ja interessant …“

„Megan“, warf Julie warnend ein. „Mach nicht alles noch schlimmer.“

Doch Megan suchte bereits die Adresse der Buchhandlung heraus. „Wie könnte es denn schlimmer werden? Der Mann hat meine Karriere, meinen Ruf, mein Leben ruiniert!“

„Noch ist kein echter Schaden entstanden. Du solltest kein Öl ins Feuer gießen.“

„Ich bin Psychologin, Julie. Ich werde ja wohl in der Lage sein, meinem Exmann ruhig und sachlich gegenüberzutreten.“

Julie schnaubte. „Glaubst du?“

Megan reckte ihr Kinn vor. „Allerdings.“

„Jemandem sachlich gegenüberzutreten schließt einen Mord aus. Und einen Kinnhaken genauso. Das weißt du hoffentlich, oder?“

Megan lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Ja, leider. Trotzdem muss ich etwas unternehmen, bevor die Sache außer Kontrolle gerät.“

„Devin Kenney, mein Freund, du bist eine wahre Naturgewalt. Einfach unglaublich. Brauchst du etwas? Wasser? Limonade? Das Hemd steht dir übrigens ausgezeichnet.“

Devin ließ sich nicht von Manny Fields Komplimenten beeindrucken. Es kränkte ihn auch nicht, dass dieser schon weitereilte, kaum dass er ausgesprochen hatte. So ging es nun einmal zu in diesem Geschäft. Manny hatte nur seine Beteiligung von fünfzehn Prozent im Sinn, und Devin war sein bestes Pferd im Stall. Ein Pferd, das gnadenlos in jedes Rennen geschickt werden musste.

Und dem dieser Zirkus allmählich gehörig auf die Nerven fiel. Doch Manny war sein Agent, nicht sein Freund. Ihm hatte Devin es zu verdanken, dass er verdammt viel Geld verdiente.

Umgekehrt natürlich genauso – was erklärte, weshalb Manny ihn so hofierte.

Die letzte Person in der Schlange trat an seinen Tisch. Ein weiteres Mal kritzelte Devin seinen Namen in das Buch und gab es zurück. Er bemühte sich, das allzu eifrige Lächeln und das überaus großzügige Dekolleté seiner Bewunderin nicht weiter zu beachten. Die Dame schien eher auf eine Heirat aus zu sein als auf eine Scheidung. Ihre Worte bestätigten seinen Verdacht.

„Wissen Sie, Mr Kenney … oder darf ich Sie Devin nennen? Bei meiner letzten Scheidung hätte ich Ihr Buch zwar gut gebrauchen können. Trotzdem bin ich im Herzen eine Romantikerin geblieben.“ Kokett lächelnd beugte sie sich vor, um ihre üppigen Reize besser zur Schau zu stellen. „Und Sie? Suchen Sie auch noch nach der wahren Liebe?“

Normalerweise schützte ihn sein öffentliches Image als verbittertes Scheidungsopfer vor solchen Anmachen. Doch manche Frauen fühlten sich davon erst recht herausgefordert.

„Wenn ich an die wahre Liebe glauben würde, wäre ich arbeitslos“, konterte er.

Das hätte ihr eigentlich die Sprache verschlagen müssen. Unverdrossen rückte sie ihm jedoch noch näher und säuselte: „Vielleicht haben Sie die Richtige einfach noch nicht gefunden.“

Und vielleicht bewegt Manny jetzt mal seinen Hintern hierher und rettet mich aus den Klauen dieser Frau! Er hörte eine Kamera surren und wusste, dass der tiefe Ausschnitt seines weiblichen Fans irgendeinem Blogger als Aufmacher dienen würde. Na großartig. Er wollte seine Bewunderin ja nicht vor den Kopf stoßen. Allerdings war er auch nicht scharf darauf, ihr nächstes Angebot zu hören. Wo zum Teufel blieb Manny?

Suchend ließ er den Blick durch den Raum schweifen, bis er ihn entdeckte. Sein Agent war in ein Gespräch mit einer zierlichen Blondine vertieft, die Devin den Rücken zukehrte. Manny zeigte Anzeichen äußerster Gereiztheit, während die Frau so lebhaft auf ihn einredete, dass ihr blonder Pferdeschwanz wippte. Das schlichte weiße T-Shirt betonte ihren anmutigen Rücken und ihre schmale Taille und verschwand in Hüfthöhe im Bund einer verwaschenen Hose. Der knackig runde Po in diesen Jeans interessierte Devin weitaus mehr als das üppige Dekolleté direkt vor seiner Nase.

Als Mannys Gesprächspartnerin nun ihre abgewetzte Ledertasche über die Schulter warf, stutzte Devin. Die Art dieser Bewegung kam ihm merkwürdig bekannt vor. In diesem Moment drehte sich die Frau um und sah geradewegs zu ihm herüber.

Megan.

Sogleich verschränkte sie die Arme vor der Brust und verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. Während sie ihn herausfordernd fixierte, gingen ihm zwei Dinge durch den Kopf.

Erstens: Die Zeit hatte es ausgesprochen gut mit ihr gemeint.

Zweitens: Sie war offenbar fuchsteufelswild.

Als Manny ihr von hinten auf die Schulter tippte, regte sich Devins alter Beschützerinstinkt. Er sprang sofort auf. Sein Agent konnte ein richtiges Ekel sein, und Megan stand kurz davor, ein paar deftige Worte von Manny zu hören zu bekommen.

„Viel Spaß mit dem Buch. Ich hoffe, es nützt Ihnen beim nächsten Mal“, sagte er flüchtig zu der Frau an seinem Tisch. Damit ließ er seine verblüffte Bewunderin stehen und steuerte direkt auf die beiden zu. Er bemerkte dabei, wie Megan ihre blauen Augen feindselig zusammenkniff.

Ihr Ärger richtete sich also gegen ihn persönlich. Interessant. Vielleicht sollte er sie doch lieber Manny überlassen. Aber das wäre ein unfairer Kampf geworden: wilde Bestie gegen hilfloses Hündchen. Er konnte nicht zulassen, dass Megan verletzt wurde – trotz allem, was geschehen war.

Außerdem war er neugierig zu erfahren, was sie bewogen hatte, nach sieben Jahren erneut seinen Weg zu kreuzen.

Den Babyspeck von damals hatte sie verloren, was ihre schönen hohen Wangenknochen erst richtig zur Geltung brachte. Ihr Gesicht wirkte zart und verletzlich. Nur das trotzig vorgeschobene Kinn wollte nicht recht dazu passen. Über den verschränkten Armen schienen sich ihm ihre Brüste prall entgegenzurecken.

Als sie seine Blickrichtung bemerkte, stemmte sie die Hände in die Hüften und musterte ihn feindselig. Mit ihrem hellblonden Haar, den blauen Augen und der zierlichen Gestalt glich sie einer zornsprühenden Fee.

„Tut mir leid, Devin, aber diese Frau …“

„Schon gut, Manny.“ Devin war sich bewusst, dass alle Anwesenden sie aufmerksam beobachteten. Er setzte sein publikumswirksamstes Lächeln auf. „Megan, was für eine Überraschung. Ich freue mich, dich zu sehen.“

„Vergiss es, Devin. Du bist ein toter Mann.“

Alarmiert trat Manny einen Schritt zurück. „Devin, ich rufe den Sicherheitsdienst.“

„Nein, nicht nötig. Das ist Megan Lowe, meine geschiedene Ehefrau.“

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“, knurrte Manny Megan an.

„Könnten Sie uns nicht mal für einen Moment allein lassen?“, erwiderte sie gereizt. „Ich würde gern mit Devin unter vier Augen sprechen.“

„Megan tut mir schon nichts“, meinte Devin beschwichtigend. Manny sah immer noch aus, als würde er diese Verrückte am liebsten hinauswerfen lassen.

„Glaubst du?“, fauchte Megan.

„Du willst mir sicher nicht hier vor allen Leuten eine Szene machen, oder?“

Megan warf einen Blick in die Runde. Dann atmete sie tief durch und zauberte das falscheste Lächeln auf ihr Gesicht, das Devin je gesehen hatte. „Aber nein“, wandte sie sich mit honigsüßer Stimme an Manny. „Ich nehme nur wenige Minuten seiner kostbaren Zeit in Anspruch.“ Ihr Ton verhieß nichts Gutes.

Als Manny sich widerwillig entfernte, griff Devin nach Megans Arm. Sie wich vor ihm zurück. Offenbar war sie wirklich wütend auf ihn. Er hatte keine Ahnung, was sie auf dem Herzen hatte. Aber musste sie ihn ausgerechnet hier in aller Öffentlichkeit damit behelligen? „Komm, gehen wir dort hinein.“ Er wies auf den Nebenraum, in dem er sich vor seinem Auftritt aufgehalten hatte.

Megan schwang sich die Tasche über die Schulter und folgte ihm. Das gekünstelte Lächeln auf ihren Lippen erstarb in dem Moment, als die Tür hinter ihnen zufiel. „Wie konntest du nur, Devin!“

„Wie konnte ich was? Würdest du dich bitte etwas genauer ausdrücken?“

Sie zückte ein Exemplar seines Buchs und warf es nach ihm. „Das hier.“

Reflexartig fing er es auf, bevor es ihn am Kopf traf. Er erwiderte freundlich: „Möchtest du eine persönliche Widmung, oder ist es als Geschenk für jemanden gedacht?“

„Weder noch. Außerdem habe ich bereits ein Autogramm von dir. Auf der Scheidungsurkunde.“

„Was kann ich dann für dich tun? Brauchst du den Rat eines Anwalts?“

Als sie daraufhin den Kopf zur Seite neigte, landete das Ende ihres blonden Pferdeschwanzes im Ausschnitt ihres T-Shirts – in der reizvollen Mulde zwischen ihren Brüsten. Eine zarte Röte überzog ihre Haut. „Ja, ich könnte tatsächlich den Rat eines Experten gebrauchen. Wo genau liegt der Unterschied zwischen Verleumdung und Beleidigung?“

Mühsam riss sich Devin vom Anblick ihres Dekolletés los. „Wie bitte?“

„Oder was ist mit übler Nachrede? Kann ich dich deswegen belangen?“

Ihm war klar, dass Megan schon einmal den Kopf verlieren konnte, wenn sie wütend war. Doch das hier kam ihm etwas übertrieben vor. „Beruhige dich erst mal und …“

„Wage es nicht, mich herumzukommandieren, Devin Kenney. Deine Radioshow ist schlimm genug, aber dieses Buch …“

Er musste sich sehr beherrschen, um nicht aus alter Gewohnheit zum Gegenangriff überzugehen. „Hör zu, ich denke nicht …“

„Genau. Du denkst nicht, das ist ja das Problem. Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ich als Exfrau von Amerikas berühmtestem Scheidungsanwalt ins Gerede kommen könnte?“ Megan lief erregt auf und ab. „Dass die Leute auf die Idee kommen könnten, deine Sendung und dein Buch würden auf persönlichen Erfahrungen beruhen? Dass die Presse mir auflauern könnte, um mir pikante Details aus unserer Ehe zu entlocken?“

Also darum ging es. Die unerwartete Aufmerksamkeit machte ihr zu schaffen. „Du regst dich auf, weil irgendein Boulevardblatt hofft, du würdest über mich herziehen?“

Megans Augen funkelten vor Wut. „Nicht irgendein Boulevardblatt – alle Boulevardblätter! Und jeder verdammte Gesellschaftsblog im Internet noch dazu. Verfolgst du denn die Berichterstattung über dich nicht? Ist dir nicht aufgefallen, dass mein Name in letzter Zeit ständig im Zusammenhang mit deinem auftaucht?“

Nein, mit Presseberichten gab er sich nicht ab. Dafür hatte er ja Manny. Mit dem er allerdings ein ernstes Wort reden müsste, sobald er mit Megan fertig war.

Er konnte ja verstehen, dass sie aufgebracht war. Für eine schüchterne Frau wie sie musste es eine Plage sein, von aufdringlichen Reportern belästigt zu werden. Unwillkürlich machte er eine Bewegung auf sie zu, um ihr wie früher tröstend über den Arm zu streichen. Doch sie zuckte zurück. Im selben Moment wurde ihm klar, dass er kein Recht mehr hatte, sie anzufassen.

Mit verschränkten Armen lehnte er sich an einen Stapel Kartons. „Pass auf: Dass wir verheiratet waren, ist kein Geheimnis. Das kann ich nicht ändern. Und es tut mir leid, dass die Presse dir so zusetzt. Aber früher oder später wird sich der Trubel legen.“ Diese Worte schienen sie erst recht wütend zu machen. Er wusste nicht, warum, und fügte hinzu: „Schlag ruhig Profit daraus. Meinen Segen hast du.“

„Das will ich überhaupt nicht. Ich will, dass das aufhört! Meine Karriere ist wahrscheinlich eh ruiniert …“

„Deine Karriere?“

„Ich weiß schon, das Thema hat dich nie sonderlich interessiert. Aber wie du dich vielleicht erinnerst, hatte auch ich eine solche geplant.“

Und ob er sich erinnerte! Wegen ihrer kostbaren Karriere war Megan schließlich nach Albany gezogen und hatte die Scheidung eingereicht. „Ich wüsste nicht, wie ein bisschen Berühmtheit deiner Karriere schaden könnte.“ Es klang schärfer, als er beabsichtigt hatte.

„Ich arbeite als Therapeutin. Als Paartherapeutin, genauer gesagt. Eheberatung, verstehst du?“

Erstaunt hob Devin die Brauen und musste unwillkürlich lachen.

„Ja, schon klar“, seufzte Megan genervt. „Die Ironie an der Sache ist mir nicht entgangen. Genauso wenig wie all den Leuten, die mich ständig darauf ansprechen. Aber ich bin verdammt gut in meinem Job. Ich war gerade dabei, mir einen Ruf aufzubauen.“

„Und?“

„Das fragst du noch? Die Presse belagert mich rund um die Uhr. Ich werde zu Hause und im Büro mit Anrufen bombardiert, und mein E-Mail-Postfach quillt über. Ein besonders dreister Reporter hat versucht, sich als Klient bei mir einzuschleichen. Das wäre ja alles zu ertragen. Doch mittlerweile werden sogar meine Klienten belästigt, und das geht nun gar nicht. Ganz zu schweigen von dem Imageschaden, den dieser Rummel für die Klinik bedeutet, in der ich mein Praktikum ableiste.“

Megan hatte sich in Fahrt geredet und fuhr ärgerlich fort: „Es kursieren Gerüchte über unsere Ehe, in denen ich wie eine geistesgestörte Furie dastehe. Das ermutigt die Leute nicht gerade dazu, sich von mir beraten zu lassen. Nicht zu vergessen die winzige Kleinigkeit, dass die ganze Sache den geordneten Klinikablauf stört und ich deswegen seit heute vom Dienst suspendiert bin. Besten Dank, Devin, dass du mein Leben ruiniert hast. Wieder einmal.“

Ihr Vorwurf stieß ihm bitter auf. Doch er wollte jetzt nicht darüber diskutieren, wer wessen Leben ruiniert hatte. Das war Schnee von gestern. Und natürlich empfand er eine gewisse Schuld, weil Megan seinetwegen zwischen die Fronten geraten war. Seinem Ruf zum Trotz war er nämlich keineswegs kaltherzig. Auch ihr gegenüber nicht. „Ich hatte von alledem keine Ahnung. Wenn du willst, gebe ich öffentlich bekannt, dass unsere Geschichte nichts mit meinem Buch zu tun hat.“

Megan ließ die Schultern sinken. „Danke, aber ich fürchte, das wird nicht viel nützen.“

Altbekannte Frustration überkam ihn. „Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“

Die Frage hing zwischen ihnen in der Luft, während Megan nach einer Antwort suchte.

So viel zur Theorie der „positiven Konfrontation“! In der Hitze des Gefechts hatte sie alles vergessen, was sie gelernt hatte. Zum Glück hatte Dr. Weiss ihren Ausbruch nicht miterlebt. Die hätte sie gleich ins erste Semester zurückversetzt.

Ihr Zorn war verraucht. Es war ihr nur das Gefühl geblieben, sich komplett lächerlich gemacht zu haben. Ein vertrautes Gefühl. Und eins, das sie gar nicht mochte.

Sie war nicht ausreichend darauf vorbereitet gewesen, Devin wiederzusehen. Jedenfalls nicht von Angesicht zu Angesicht.

Seinetwegen hatte sie lange mit sich gerungen, ob sie die Stelle in Chicago überhaupt annehmen sollte. Aber ein Praktikum an der angesehenen Weiss-Klinik hatte sie einfach nicht ausschlagen können – bloß aus Angst davor, möglicherweise ihrem geschiedenen Ehemann über den Weg zu laufen. In einer Stadt von dieser Größenordnung war ihr diese Gefahr ohnehin verschwindend gering vorgekommen.

Also war sie hierhergezogen, obwohl ihr an jeder Ecke das Lächeln ihres Exmanns auf Bussen, Plakatwänden und den Titelseiten der Illustrierten ins Auge sprang. Es irritierte sie immer noch. Inzwischen hatte sie allerdings gelernt, es zu ignorieren. Meistens jedenfalls.

Ihm jetzt leibhaftig gegenüberzustehen war jedoch etwas ganz anderes. Noch dazu allein. Mit seiner Größe und seiner athletischen Gestalt schien er den gesamten Raum einzunehmen, und bei jedem Atemzug stieg ihr sein warmer, männlicher Duft in die Nase.

Seine klaren braunen Augen, sein dunkles Haar, das sich hinter den Ohren wellte, sein rauer Sex-Appeal, seine auffallend schönen Hände – das alles war ihr so vertraut. Und es beschwor Bilder herauf, die sie jetzt gar nicht gebrauchen konnte.

Wie unfair, dass Devin nach all den Jahren noch immer diese Wirkung auf sie hatte! In seiner Nähe verwandelte sie sich prompt in eine nervös stammelnde Achtzehnjährige, während er von ihr völlig unbeeindruckt zu sein schien. Wie gelassen er auf ihre Wut reagiert hatte! Sie hätte vor Scham im Boden versinken können.

Hätte ich bloß auf Julie gehört.

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