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Gefährliche Glut

1. KAPITEL

Ein lautes Geräusch ließ Julie erschrocken herumfahren. Dann griff sie instinktiv nach ihrer Umhängetasche. Hier in der Gegend musste man höllisch aufpassen. Erst gestern war sie von der Leiterin der Kindertagesstätte gewarnt worden, nie irgendwelche persönlichen Unterlagen in der Wohnung zu lassen. Begehrtes Diebesgut waren in letzter Zeit offenbar Ausweispapiere, sodass Julie jetzt alles in ihrer Handtasche bei sich trug.

„Ms. Simmonds?“

Julie zuckte zusammen. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie den Mann nicht bemerkt hatte, der direkt vor ihrer Haustür stand. Ein kurzer Blick auf ihn genügte, um zu wissen, dass er bestimmt kein Gauner war. Dafür bürgte allein der luxuriöse Wagen, der am Bordstein parkte und anscheinend ihm gehörte. Zumindest hatte Julie das Auto hier noch nie gesehen.

Sie nickte wachsam.

„Und das ist Ihr Kind?“

Jetzt spannte sie sich an, zögerte und drückte ihren kleinen Neffen noch fester an ihre Brust. Dabei versuchte sie entschlossen eine düstere Vorahnung beiseitezuschieben. Immerhin war Josh ja wirklich ihr Kind – wenn auch noch nicht lange.

Sie war bis auf die Haut durchnässt, weil es auf dem Weg zur Kita angefangen hatte zu schütten. Ihre feinen hellblonden Haare fielen ihr in langen dünnen Strähnen über die Schultern, und wahrscheinlich hatte sie vor Kälte schon ganz blaue Lippen. Ausgerechnet in so einem erbärmlichen Zustand musste dieser Mann sie aufhalten und ihr Fragen stellen, die sie nicht beantworten wollte. Josh, die Windeltasche und ihre Handtasche zogen ihre Schultern wie mit Bleigewichten beschwert nach unten.

„Falls Sie ein Geldeintreiber sind …“, begann sie. Ihre Stimme klang dünn vor Müdigkeit und Verachtung, aber sie hatte Herzklopfen vor Angst. Doch Angst wovor? Josh gehörte ihr. Sie hatte nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass dieser Mann versuchen könnte, ihn ihr wegzunehmen. Aber so erging es einem eben, wenn man in ständiger Furcht vor dem Gerichtsvollzieher und nur von der Hand in den Mund lebte. Man fühlte sich schuldig und war nervös, auch wenn es gar keinen Grund dafür gab.

Doch wenn der Mann tatsächlich hinter Geld her sein sollte, verplemperte er nur seine Zeit. Julie reckte stolz das Kinn. Bei ihr gab es nichts mehr zu holen, sogar den Buggy von Josh hatten sie ihr schon weggenommen.

Es war sinnlos, sich selbst zu bemitleiden oder sich zu wünschen, dass ihre Eltern ein Testament gemacht hätten. Am Ende würde sie als einzige Überlebende der Familie sowieso alles erben. Blieb nur zu hoffen, dass das Geld reichte, um Judys Schulden zu begleichen und ein bescheidenes Häuschen zu kaufen, in dem sie mit Josh leben konnte. Obwohl der Anwalt sie bereits vorgewarnt hatte, dass eine endgültige Lösung aufgrund der komplizierten Situation wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen würde.

Bis jetzt stand nur fest, dass ihre Eltern, ihre Schwester und James – der Verlobte ihrer Schwester – sowie dessen Eltern zusammen mit zwanzig weiteren Fahrgästen bei einem schweren Zugunglück ums Leben gekommen waren. Der Schock war unvorstellbar gewesen. Julie und ihr kleiner Neffe Josh waren allein zurückgeblieben, sodass Julie sich jetzt um das Kind ihrer verstorbenen Schwester kümmern musste. Und nebenbei versuchte sie irgendwie auch noch James’ Tod zu verkraften.

Die Trauerfeiern waren in gewisser Hinsicht sogar noch schlimmer gewesen als die Todesnachrichten selbst. Natürlich hatte Julie als einziges noch lebendes Familienmitglied die Beerdigung für ihre Eltern und ihre Schwester organisieren müssen. Sie fand, dass es richtig war, Judy und James als Verlobte zusammen zu bestatten, aber James’ ältere Schwester Annette hatte diese Idee empört zurückgewiesen und darauf bestanden, dass James neben ihren Eltern begraben werden sollte.

Bei der Trauerfeier hatte Julie Annette zum ersten Mal persönlich getroffen. Und James’ ältere Schwester war genauso gewesen, wie James sie beschrieben hatte: Arrogant, oberflächlich und kalt.

„Halten Sie mit dem Kind ein bisschen mehr Abstand“, hatte sie scharf gesagt, als Julie ihr mit Josh auf dem Arm vermeintlich zu nah gekommen war. „Dieser Mantel hat ein Vermögen gekostet, er ist aus reinem Kaschmir.“

Rocco sah die Schatten, die über die ungewöhnlich ausdrucksvollen dunkelgrauen Augen der Frau huschten. Diese Augen waren das einzig Lebendige an ihr. Sie war sichtlich am Ende.

„Ein Geldeintreiber?“ Er musterte sie verächtlich. „Das trifft es vielleicht nicht ganz.“ Und einen Moment später fügte er hinzu: „Obwohl ich auch gekommen bin, um etwas abzuholen.“

Etwas abzuholen? Bei ihr gab es aber nichts mehr zu holen. Sie setzte – hoffentlich – ein unerschrockenes Gesicht auf, während sie den Mann genauer musterte.

Das kalte Neonlicht der Straßenlaternen verlieh dem südländisch wirkenden Gesicht mit den hohen Wangenknochen einen Ausdruck gnadenloser Arroganz und überzog die olivfarbene Haut mit einem bronzenen Schimmer. Julie glaubte in das Gesicht eines Mannes zu schauen, der weder Mitleid noch Erbarmen kannte.

Rocco war schleierhaft, was seinen jüngeren Halbbruder an dieser halb verhungert wirkenden grauen Maus angezogen haben könnte. Sie wirkte erbärmlich, ja mitleiderregend in ihrem fadenscheinigen, durchnässten Mantel und absolut reizlos – zumindest auf ihn. Aber bestimmt war er ungerecht. Vielleicht begann sie ja auf diese billige Art, die Antonio bei Frauen geschätzt hatte, zu glitzern, wenn man nur genug verbotene Partydrogen und Champagner intus hatte.

Abscheu stieg in ihm auf – Abscheu über den Lebensstil seines verstorbenen Halbbruders und die Frauen, die sich mit ihm vergnügt hatten, vor allem aber Abscheu angesichts der Pflicht, die ihm von seiner Familie auferlegt worden war.

Rocco hatte sich von Anfang an energisch gegen dieses Vorhaben gewehrt, obwohl er jetzt langsam bereit war zuzugeben, dass in diesem Fall Mutter und Kind von seiner Einmischung möglicherweise nur profitieren konnten.

Julie zitterte vor Kälte, sie musste mit Josh ins Haus, aber dieser Typ versperrte ihr den Weg. Der Kleine war den scheußlichen Husten, mit dem er sich bereits seit Winteranfang herumplagte, immer noch nicht losgeworden.

Er hatte von Anfang an mit Problemen kämpfen müssen, nachdem er drei Wochen vor dem offiziellen Geburtstermin durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen war. Zuerst einmal war da die traurige Tatsache, dass Judy ihn eigentlich nicht hatte haben wollen. Dann hatten sich gesundheitliche Probleme dazugesellt, von denen er sich nie richtig erholt hatte und die teilweise auf Judys Unachtsamkeit zurückzuführen waren. Und dann war dieses schreckliche Unglück passiert, wo er in einem einzigen Moment seine Eltern und Großeltern beiderseits verloren hatte.

Aber Julie, die ihren Neffen von ganzem Herzen liebte, war fest entschlossen, ihn für diesen grausamen Schicksalsschlag so gut wie möglich zu entschädigen und das Beste für ihn herauszuholen. Er war schließlich alles, was ihr von James und ihrer eigenen Familie geblieben war.

Damals hatte sie sich selbst und dem Mann, den sie so sehr geliebt hatte, geschworen, sein Kind zu lieben und zu beschützen. Auch wenn sie nicht hundertprozentig sicher sein konnte, dass Josh wirklich James’ Sohn war.

Dabei war James so stolz und aufgeregt gewesen, als Judy ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte.

Rocco wurde langsam ungeduldig. Er war schließlich nicht umsonst ein Leopardi. Seit der Zeit der Kreuzzüge hatten die Leopardis das Land, in dem sie lebten, ihrem Willen unterworfen und nach ihren eigenen Vorstellungen regiert. Rocco war in einer Welt aufgewachsen, in der das Wort eines Leopardi Gesetz war.

„Ich weiß nicht, was Sie abholen möchten“, begann Julie erschöpft, „aber mein Kind friert. Ich muss ins Haus.“ Sie wollte vor diesem Fremden nicht ihre Handtasche öffnen, aber sie brauchte ihren Schlüssel, um in die Wohnung zu gelangen. Deshalb begann sie jetzt verstohlen, in ihrer Tasche zu wühlen, was mit Josh auf dem Arm allerdings ein kleines Kunststück war.

„Geben Sie mir das Kind, ich halte es solange“, sagte der Mann, nachdem er sie mit einem verärgerten Blick gestreift hatte.

Julie blickte ihn erstaunt an. „Haben Sie auch Kinder?“, rutschte es ihr heraus. Als ihr klar wurde, wie persönlich und unangemessen ihre Frage war, schoss ihr die Röte ins Gesicht.

Sein schroffes „Nein“ machte alles noch schlimmer. Am liebsten wäre sie vor Verlegenheit im Boden versunken. Und dann glitt ihr die Tasche aus den Händen und ihre Geldbörse, ein Bündel unbezahlter Rechnungen von Judy, ihre Schlüssel und verschiedene Ausweispapiere – darunter der Reisepass von Josh als traurige Erinnerung an die nie stattgefundene Hochzeitsreise, auf die sich ihre Schwester so gefreut hatte – das alles landete auf der regennassen Straße.

Als Rocco nach unten schaute und in dem ganzen Berg, der sich aus der Handtasche der Frau ergossen hatte, die Ausweise entdeckte, stutzte er.

Ohne ihren Protest zu beachten, bückte er sich nach ihren Habseligkeiten. Dabei nutzte er die Gelegenheit, um einen unauffälligen Blick in die beiden Reisepässe zu werfen.

Warum schleppte sie die Pässe mit sich herum? War das Zufall oder ein Wink des Schicksals? Als ihm eine dritte Möglichkeit einfiel, verzog er unangenehm berührt das Gesicht.

Gut möglich, dass sie ständig auf dem Sprung war, immer darauf vorbereitet, das Land zu verlassen. Falls ihr der Boden unter den Füßen zu heiß wurde? Das war mehr als verdächtig. Wer konnte schon wissen, in was für Machenschaften sie verstrickt war? Prostitution war ein blendendes Geschäft, das immer noch hohe Profite versprach.

Rocco streckte die Hand nach ihrem Portemonnaie aus, runzelte wieder die Stirn, als er fühlte, dass es praktisch leer war, und hob dann ihren Schlüsselbund auf.

Nachdem er ihr alles zurückgegeben hatte, atmete Julie erleichtert auf. Sie wusste nicht genau, was sie befürchtet hatte, aber jetzt entspannte sie sich etwas, zumindest bis er in herrischem Ton sagte: „Das Kind muss ins Trockene.“ Er legte ihr eine Hand auf den Arm, während er mit dem Kopf auf das Auto deutete. „Da ist mein Wagen.“

Hatte sie sich aus eigenem Antrieb bewegt, oder war es der Wind, der sie, unterstützt von seiner Hand, in die gewünschte Richtung gedrängt hatte? Auf jeden Fall war sie plötzlich zwischen ihm und der Karosserie eingeklemmt. Julie erschauerte.

Was hatte das zu bedeuten? Was wollte er von ihr? Von ihr persönlich ganz bestimmt nichts. Nicht dieser Mann, dem aus jeder Pore Arroganz triefte und Verachtung für alles, was nicht vom Allerfeinsten war. Aus diesem Grund nahm er wahrscheinlich auch ganz schnell seine Hand wieder von ihrem Arm. Jetzt brauchte er sie nur noch durchzulassen. Sie könnte ihn sogar beiseite stoßen. Ihre Hand war schon ganz taub, weil sie immer noch ihre Tasche fest umklammert hielt, und Josh auf ihrem Arm fühlte sich zentnerschwer an, obwohl er eigentlich leicht wie eine Feder war. Vorsichtig versuchte sie ihn zu verlagern.

„Geben Sie ihn her.“

Julie sah alarmiert, dass der Mann die Hände nach Josh ausstreckte, lange schlanke Finger schickten sich an, nach dem Kleinen zu greifen. Julie reagierte nicht und hielt Josh unerschütterlich fest.

„Was wollen Sie?“, fragte sie. „Wer schickt Sie?“

„Niemand“, gab er schroff zurück. „Fragen Sie lieber, woher ich komme.“

„Woher Sie kommen? Ich verstehe nicht.“

„Wirklich nicht? Und wenn ich Ihnen sage, dass ich aus Sizilien komme, geht Ihnen dann vielleicht ein Licht auf?“

Julie wurde ganz schummrig, als ihr zu dämmern begann, was seine Worte bedeuteten. Plötzlich hörte sie das Pochen ihres Herzens in ihren Ohren.

„Aus Sizilien?“, wiederholte sie tonlos.

Sie hatte mit allem Möglichen gerechnet, nur damit nicht. Nein, damit ganz bestimmt nicht. Panik stieg in ihr auf, während sie stammelte: „Wie … wie heißen Sie?“

Rocco war nicht daran gewöhnt, dass man ihn nach seinem Namen fragte. Mit einem verächtlichen Blick auf sie verschränkte er die Arme vor der Brust. Der feine Stoff seines maßgeschneiderten italienischen Anzugs passte sich seinen Bewegungen so geschmeidig an wie eine zweite Haut.

„Mein Name ist Leopardi – Rocco Leopardi. Aber hätten Sie jetzt vielleicht endlich die Güte, mir das Kind – meinen Neffen – zu geben und einzusteigen?“

Seinen Neffen. Dann war er also nicht Antonio, der reiche italienische Playboy, mit dem ihre Schwester im Mai letzten Jahres in Südfrankreich eine Affäre gehabt hatte. Eine Affäre, der Josh möglicherweise seine Existenz verdankte … oder auch nicht. Und Judy hatte Julie das Versprechen abverlangt, James kein Sterbenswörtchen davon zu sagen. Erleichterung durchströmte warm ihren vor Kälte zitternden Körper und veranlasste sie dazu, ihre Wachsamkeit für einen winzigen Moment aufzugeben und unbewusst den Griff um Josh zu lockern.

Rocco, der es sah, befürchtete, dass sie das Kind gleich fallen lassen könnte. Automatisch streckte er die Hände aus und nahm ihr das Baby aus dem Arm, dann öffnete er die hintere Tür des Wagens.

„Was soll das denn?“

Angsterfüllt beobachtete Julie, wie der Mann Josh auf der Rückbank in einen Kindersitz setzte. Er behandelte ihren kleinen Neffen mit äußerster Behutsamkeit, was ihren Argwohn noch verstärkte.

„Ich bringe das Kind nur in Sicherheit, damit wir ungestört reden können. Sonst lassen Sie den Jungen womöglich noch fallen.“

„Was erlauben Sie sich!“, fauchte Julie empört. „Sie wollen ihn mir wegnehmen, stimmt’s? Dazu haben Sie aber kein Recht. Er ist mein Kind.“

Rocco streifte sie mit einem eisigen Blick. So eine dumme Gans! Und hysterisch war sie obendrein. Aber das hätte er sich gleich denken können.

Julie wurde von Panik überschwemmt. Wusste er womöglich, dass sie nicht Josh’ leibliche Mutter war? Wollte er ihr das Recht auf Josh streitig machen? Männer wie er schreckten vor nichts zurück, wenn sie entschlossen waren, ihren Willen durchzusetzen. Und wenn er Josh wollte … Jetzt hämmerte Julies Herz wie verrückt. Ihr Blick fiel auf ein älteres Paar, das ihnen auf der anderen Straßenseite entgegenkam. Überwältigt von ihrem instinktiven Drang, Josh zu beschützen, öffnete sie den Mund, um zu schreien, obwohl sie es normalerweise hasste, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

„Hören Sie …“ Rocco wollte ihr eben klarmachen, dass sie völlig überzogen reagierte, als er das Paar auf der anderen Straßenseite entdeckte. Da er sofort erriet, was sie vorhatte, reagierte er blitzschnell. Sie stand so dicht vor ihm, dass es ganz leicht war, sie an sich zu ziehen und ihren Schrei zu dämpfen, indem er seinen Mund auf ihren presste.

Eine Frau wie sie zu küssen wäre ihm normalerweise nie eingefallen. Körperlich fühlte er sich nicht angezogen von ihr, und moralisch stieß sie ihn sogar ab, da sie offenbar bereit war, mit jedem Mann ins Bett zu gehen, Hauptsache, die Kasse stimmte.

Rocco bevorzugte Frauen, die nicht nur attraktiv, sondern auch intelligent waren und vor allem stolz. Obwohl er einer der ältesten Dynastien Siziliens entstammte, hatte er sein Vermögen aus eigener Kraft verdient, ein Umstand, der ihm viel mehr bedeutete als seine Herkunft. Deshalb war es für ihn selbstverständlich, dass er sich nur für Frauen interessierte, die ihm in jeder Hinsicht ebenbürtig waren.

Die Frau in seinen Armen hatte sich versteift, und er konnte spüren, wie ihr Herz hämmerte.

Hatte sie Angst? Vor ihm? Rocco fand den Gedanken unerträglich, dass irgendwer vor ihm Angst haben könnte, besonders jemand, der schwächer und verletzlicher war als er selbst. Wie um Himmels willen konnte eine Frau, die sich an seinen fragwürdigen Halbbruder weggeworfen hatte, ausgerechnet vor ihm Angst haben?

Und doch waren ihre vollen Lippen überraschend weich, und die Zerbrechlichkeit ihres Körpers wirkte so entwaffnend, dass er nicht anders konnte, als sie noch enger an sich zu ziehen und sie mit der Zungenspitze zu ermuntern, ihm ihren Mund zu öffnen.

Rocco war es nicht gewöhnt, dass eine Frau sich ihm verweigerte.

Der Grund dafür, weshalb Julie in Roccos Armen lag, wurde unter einer Welle anderer Gefühle und einer gänzlich anderen Art von Panik begraben. Der einzige Mann, von dem sie so gehalten und geküsst werden wollte, war James. Und doch spürte Julie zu ihrem Entsetzen, wie ihr Widerstand erlahmte. Sie fühlte sich auf einmal ganz schwach und fast magisch angezogen von der Stärke dieses Fremden. Voller Sehnsucht reckte sie sich ihm entgegen, ihre Lippen lechzten förmlich danach, sich dem schroffen Befehl seines Mundes zu unterwerfen, dem entschlossenen Druck seiner Zunge. Ihre darbenden Sinne sehnten sich nach der Lust, die sein Kuss in ihr weckte.

So hatte sie früher geträumt, von James gehalten und geküsst zu werden, lange bevor sie beide ein Liebespaar geworden waren, lange bevor sie, Julie, ihre große Liebe an Judy verloren hatte.

Es war schlimm gewesen, als James ihr so behutsam wie möglich beizubringen versucht hatte, dass er sich unsterblich in ihre Schwester verliebt hatte. Als noch schlimmer aber hatte sie es empfunden, als Judy ihr in einem betrunkenen Moment gestand, dass sie nicht sicher sagen konnte, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes war.

Und dann hatte ihre Schwester ihr von dem reichen sizilianischen Playboy erzählt, mit dem sie im Frühjahr eine flüchtige Affäre gehabt hatte und der jetzt von ihrer Schwangerschaft nichts wissen wollte. Deshalb hatte Judy beschlossen, James in dem Glauben zu lassen, das Kind sei von ihm, weil es ja auch so sein könnte. Immerhin hatte James sie gleich nach ihrer Rückkehr aus Cannes ins Bett gezerrt.

Als Julie daran dachte, wie Judy ihr nicht nur einmal in allen Einzelheiten ihr Sexleben mit James geschildert hatte, klammerte sie sich unbewusst verzweifelt an Rocco. Diese Gespräche mit ihrer Schwester waren die reine Hölle gewesen, aber Julie hatte es irgendwie nicht geschafft, ihnen auszuweichen. Und so verwandelten sich Roccos Küsse unversehens in die Küsse von James, nach denen sie schon so lange hungerte, es war James, der sie berührte, es war James’ Körper, den sie an ihrem spürte. Sie ertrank in ihren Empfindungen, wobei ihr die Intensität ihrer Gefühle ihre Reaktionen diktierte, die gespeist wurden von dem Stolz auf ihre Liebe zu James.

Rocco fühlte sich völlig überrumpelt von ihrer so plötzlich entflammten Leidenschaft. Die Frau presste sich an ihn und öffnete einladend ihren Mund, ihre Atemzüge beschleunigten sich und wurden ebenso ungleichmäßig wie ihre Herzschläge.

Er reagierte instinktiv darauf, indem er sie noch enger an sich zog und die Süße auskostete, die ihren geöffneten Lippen entströmte. Das leise Aufstöhnen, das ihr entschlüpfte, als seine Zunge in ihren Mund eindrang, begriff er als Einladung, mit den Händen über ihren Körper zu fahren und ihre intime Nähe zu suchen.

Die harten männlichen Schenkel, die sich zwischen ihre Beine pressten, brachten Julie schlagartig in die Wirklichkeit zurück.

Dieser Mann war nicht James.

Sobald er ihren Widerstand spürte, ließ Rocco von ihr ab. Abscheu stieg in ihm auf, Abscheu über sich selbst und über das, was er getan hatte. Seit wann hatte er es nötig, sich an Antonios Verflossenen zu vergreifen?

Absolut undenkbar, dass er eine Frau wie sie begehren könnte.

Er küsste sie zwar nicht mehr, aber sie lag immer noch in seinen Armen, erkannte Julie erschauernd. Warum hatte sie seinen Kuss erwidert? War sie verrückt geworden? Er hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit James. Das Paar, das sie auf sich hatte aufmerksam machen wollen, war natürlich längst verschwunden.

Auch wenn Rocco am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht hätte und vor ihr und seinem eigenen Versagen davongelaufen wäre, wusste er doch, dass das unmöglich war. Er stand seiner Familie gegenüber in der Pflicht. Deshalb beschloss er einfach, den Vorfall auszublenden und so zu tun, als sei nichts passiert.

„Wir müssen etwas besprechen“, versuchte er in schneidendem Ton an ihr Gespräch von vorher anzuknüpfen.

„Ich lasse es aber nicht zu, dass Sie mir mein Kind wegnehmen“, stieß Julie verzweifelt hervor, während sie ihre Tränen wegblinzelte.

Rocco schaute sie stirnrunzelnd an.

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Niemand will Ihnen Ihr Kind wegnehmen. Ich bitte Sie nur, mich nach Sizilien zu begleiten, damit wir die unsichere Rechtslage klären können. Das wird nicht viel länger als eine Woche in Anspruch nehmen … höchstens zehn Tage. Und anschließend steht es Ihnen jederzeit frei, nach England zurückzukehren. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.“

Julie musterte ihn. Sein Ehrenwort! Eigentlich hätte es theatralisch klingen müssen, aber seltsamerweise passte es zu seinem Gesichtsausdruck. Der so feierlich war, als ob sie eben einen Pakt geschlossen hätten. Sie spürte, wie ihr der Atem stockte, als ihr bewusst wurde, dass sie eben genickt hatte.

Sie wirkte jetzt etwas entspannter, aber wahrscheinlich nur, weil ihr jetzt endlich die ersehnte Aufmerksamkeit zuteil wurde, überlegte Rocco. Er sollte sie möglichst schnell ins Flugzeug verfrachten, dann konnte sie wenigstens ihre Meinung nicht mehr ändern. Da sie die Pässe für sich und das Kind bei sich hatte, gab es keinen Grund, die Abreise noch länger hinauszuzögern. Roccos Privatmaschine wartete am Flughafen und war jederzeit startklar.

„Fürs Erste jedoch schlage ich vor, dass wir uns zu dem Kind ins Auto setzen. Hier draußen ist es zu ungemütlich“, fuhr Rocco fort, während er ihr die Beifahrertür aufhielt.

Julie zögerte.

„Jetzt steigen Sie schon ein“, forderte er sie mit mühsam gezähmter Ungeduld auf. „Ich versichere Ihnen, dass Sie und das Kind von meinem Vorschlag nur profitieren können.“

Profitieren? Was sollte das heißen? In welcher Hinsicht profitieren? Julie bekam heftiges Herzklopfen.

Rocco sah, dass sie überlegte. Achtung, Geld!, dachte er zynisch. Da wird sie gleich hellhörig.

„Aber warum? Ich meine, ich weiß, dass Ihr Bruder …“ Sie brachte es nicht über sich zu sagen, dass sein Bruder Josh’ Vater sein könnte, weil sie damit zumindest theoretisch die Möglichkeit einräumte, dass Josh nicht James’ Sohn war. Aber das durfte nicht sein. Obwohl es jetzt natürlich vorrangig um Josh ging. Wenn die Familie dieses reichen Playboys, mit dem ihre Schwester eine Affäre gehabt hatte, bereit war, in irgendeiner Form zu Josh’ Unterhalt beizutragen, war dagegen doch eigentlich nichts einzuwenden, oder? Und welches Recht hätte sie, ihrem Neffen dieses Geld vorzuenthalten?

Ganz so einfach allerdings stellte sich die Sache auch wieder nicht dar. Was war, wenn Antonio Leopardi Josh für sich allein beanspruchte? Wenn er ihn ihr wegnehmen wollte?

Im Licht der Straßenlaterne sah sie das verächtliche Glitzern in diesen bernsteinfarbenen Augen … Raubtieraugen. Die Augen eines Leoparden.

„Antonio war mein Halbbruder. Und er war Sizilianer, deshalb ist dieses Kind ebenfalls Sizilianer und ein rechtmäßiger Erbe. Das ist in unserer Familie Gesetz.“

In seinen Worten schwang eine Warnung mit, die so uralt und dunkel war wie die Geschichte Siziliens, aber in Julies Ohren hallte noch etwas anderes nach.

„Antonio war Sizilianer?“, wiederholte sie. „Was soll das heißen?“

„Was es immer heißt, wenn man von einer Person in der Vergangenheitsform spricht“, erwiderte Rocco schroff. „Mein Halbbruder – der Vater Ihres Kindes – ist tot. Obwohl die Familie Leopardi Ihnen bedauerlicherweise keinen Ersatzliebhaber stellen kann …“, wieder traf sie ein – noch verächtlicherer – Blick, „… nimmt sie ihre Verantwortung gegenüber ihren Nachkommen doch sehr ernst.“

Inzwischen fühlte sich Julie wie betäubt und war schon ganz steif vor Kälte. Es war fast, als ob Kummer und Stress der letzten Monate schlagartig ihren Tribut forderten. Schwer vorstellbar, dass sie vor nicht allzu langer Zeit eine selbstbewusste junge Frau gewesen war, die eine viel versprechende Zukunft als Assistentin in der Londoner Kommunalverwaltung vor sich hatte, mit einem stetig wachsenden Freundeskreis. Sie hatte sich mit drei anderen jungen Frauen ein Apartment geteilt, die ebenso wie sie selbst als städtische Angestellte arbeiteten. Aber diese Zeiten waren ein für alle Mal vorbei.

Bei der Aussicht, sich die Bürde der Verantwortung für das Kind, das sie so sehr liebte, mit einer richtigen Familie teilen zu können, fühlte sie ganz unvermutet Erleichterung in sich ...

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