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Gefährliche Flucht – zärtliche Eroberung

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1. KAPITEL

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London, Februar 1814

„Halt dich gerade, Madeline! Und kannst du nicht wenigstens versuchen, so auszusehen, als würdest du dich amüsieren?“

„Ja, Mama.“ Madeline Langley setzte sich aufrechter. „Aber das Stück gefällt mir tatsächlich, und die Schauspieler sind großartig. Nur dass Lord Farquharson“, sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern, „immer viel zu dicht an mich heranrückt und …“

„Bei dem ohrenbetäubenden Lärm in diesem Theater ist das wohl kaum ein Wunder, Mädchen. Wie soll der Baron sonst verstehen, was du sagst?“, fiel Mrs. Langley ihrer Tochter ungeduldig ins Wort.

„Mit Lord Farquharsons Hörvermögen ist alles in Ordnung, Mama.“ Madeline sah ihrer Mutter fest in die Augen. „Ich fühle mich unbehaglich in seiner Nähe.“

Mrs. Langley kräuselte die Nase. „Du ermüdest mich, Kind. Seine Lordschaft zeigt Interesse an dir, und wir müssen unser Bestes tun, ihn in seinen Bemühungen um dich zu unterstützen. Aber er wird nicht um dich anhalten, wenn du weiterhin eine derart finstere Miene aufsetzt. Nimm dir ein Beispiel an Angelina – sie sieht nie mürrisch aus.“ Mrs. Langley schenkte der jüngeren und weitaus hübscheren Tochter ein strahlendes Lächeln.

Angelina warf ihrer Schwester einen gequälten Blick zu.

„Sie muss auch nicht neben Lord Farquharson sitzen“, murmelte Madeline aufsässig. Angelina unterdrückte ein Kichern.

Glücklicherweise hatte Mrs. Langley die letzte Bemerkung nicht gehört. „Still jetzt“, wisperte sie aufgeregt. „Er kommt zurück.“ Sie wandte sich um und lächelte dem Gentleman, der mit einem Tablett Erfrischungen in die Loge kam, auf höchst ermutigende Weise entgegen.

„Mylord, wie ungemein aufmerksam Sie sich um uns kümmern!“, zwitscherte sie und flatterte mädchenhaft mit den Wimpern.

„Selbstverständlich, meine Liebe.“ Lord Farquharson reichte ihr ein Glas Limonade. „Ich könnte es nicht ertragen, wenn Sie oder Ihre reizenden Töchter Durst litten, wo es doch so heiß ist hier drinnen.“

Mrs. Langley machte eine abwehrende Geste. „Unmöglich, Mylord. In einer Loge von so erstklassiger Lage und Ausstattung kann es gar nicht heiß werden. Wir sind Ihnen unendlich dankbar für die Einladung. Meine Mädchen lieben das Theater über die Maßen, müssen Sie wissen, und sie schätzen die schönen Künste – übrigens genauso wie ihre Mama.“

Lord Farquharson entblößte seine spitzen Zähne zu etwas, das einem Lächeln ähnelte. „Ich bin sicher, das ist nicht das Einzige, was sie mit ihrer werten Frau Mutter gemeinsam haben.“ Er maß Angelina mit einem langen Blick, bevor er ihr ihre Limonade reichte.

„Jedenfalls war es tapfer von Ihnen, sich durch das Gedränge zu kämpfen, um uns mit Getränken zu versorgen“, fuhr Mrs. Langley fort.

„Für drei so schöne Damen würde ich noch weit mehr auf mich nehmen“, erwiderte der Baron in heldenhaftem Ton.

Mrs. Langley sah aus, als schmelze sie bei seinen Worten dahin.

Die Schwestern wechselten einen entnervten Blick.

Lord Farquharson wandte sich Madeline zu. „Das Beste zuletzt“, murmelte er bedeutungsvoll und hielt ihr die Limonade hin.

Madeline griff nach dem Glas. Es fühlte sich angenehm kühl und glatt an, ganz im Gegensatz zu Farquharsons heißen, verschwitzten Fingern, die sich wie eine Klaue um ihre legten und sie nicht losließen. Sie unterdrückte einen Schauder. „Ich danke Ihnen, Mylord“, brachte sie mit Mühe hervor und entwand ihm ihre Hand.

Ihre Reaktion schien Lord Farquharson zu gefallen. Er lächelte, als er wieder neben ihr Platz nahm.

Madeline konzentrierte sich auf die Bühne und versuchte, Cyril Farquharsons Gegenwart zu vergessen – was nicht möglich war, da er sich erneut viel zu vertraulich zu ihr herüberbeugte. „Sagt Ihnen die Limonade zu, Miss Langley?“, wollte er wissen.

„Sie ist köstlich, Mylord, danke.“ Madeline roch den Brandy in seinem Atem, der mit dem eigenartig scharfen, holzigen Duft wetteiferte, der Farquharson gewöhnlich umgab. Er war so nah an sie herangerückt, dass sie die Hitze spürte, die sein sehniger Körper ausstrahlte.

„Köstlich …“, wiederholte er träge, und Madeline fand, dass das Wort wie ein Zischen klang, als er es aussprach. Wieder strich er in einer viel zu intimen Art und Weise über ihre Finger, und sie kam zu dem Schluss, dass Limonadetrinken eine knifflige Angelegenheit war, die den Einsatz beider Hände erforderte.

Zu ihrer Erleichterung wurde es dunkel im Saal, und die Musik setzte ein, um den nächsten Akt von Coriolan anzukündigen. Unter tobendem Beifall und begeisterten Zurufen aus dem Parkett betrat der gefeierte John Philip Kemble die Bühne.

„Ein grandioser Schauspieler, finden Sie nicht?“ Lord Farquharson drehte sich zu Mrs. Langley. „Es heißt, dass er am Freitag seine letzte Vorstellung gibt.“

„Ich stimme Ihnen zu, Mylord, ein schrecklicher Verlust für das Theater. Und für mich, die ich eine große Bewunderin von Mr. Kembles Kunst bin.“

Madeline warf ihrer Mutter einen verdutzten Blick zu. Erst am Nachmittag hatte Mrs. Langley ihre Ansichten über den Schauspieler kundgetan, und sie waren keineswegs von Bewunderung geprägt gewesen.

Der vierte Akt war noch nicht weit vorangeschritten, als Lord Farquharson auf einmal verkündete, er habe einen Krampf im Oberschenkel. „Ein Andenken an die Schlacht bei Salamanca“, erklärte er Mrs. Langley und begann, seinen Stuhl zu verrücken. „Ein Säbelstich, um genau zu sein, der sich von Zeit zu Zeit unangenehm in Erinnerung bringt.“ Der Baron schnitt eine Grimasse und streckte sein Bein so aus, dass er damit Madelines Röcke streifte.

Wie ihre Mutter es schaffte, Farquharsons dreistes Verhalten nicht zu bemerken, war Madeline ein Rätsel. Jedenfalls zog Mrs. Langley es vor, den verzweifelten Blick, den ihre Tochter ihr zuwarf, zu ignorieren. „Wie tapfer von Ihnen, Mylord“, erwiderte sie stattdessen.

Lord Farquharson nickte und platzierte seinen Fuß dicht neben Madelines.

„Mama …“

„Was ist, Liebes?“ Mrs. Langley sah konzentriert auf die Bühne.

„Mama!“, wiederholte Madeline energischer.

Lord Farquharson sah anzüglich auf sie hernieder. Ein wissendes Lächeln spielte um seinen Mund. „Sind Sie in Ordnung, Miss Langley?“

„Ich fühle mich nicht ganz wohl“, antwortete sie und fächelte sich hastig Luft zu. „Es ist in der Tat recht heiß hier.“

„Meine liebe Miss Langley“, Farquharsons Stimme troff vor unechter Besorgnis, „kann ich irgendetwas für Sie tun?“

Madeline schüttelte den Kopf. „Ein wenig frische Luft, und mir geht es wieder gut.“ Sie stand auf und machte Anstalten, die Loge zu verlassen.

Endlich drehte ihre Mutter sich zu ihr um. „Muss das wirklich sein?“, fragte sie ungehalten. „Angelina und ich möchten gern bleiben. Kannst du nicht ein bisschen warten?“

Lord Farquharson nutzte die Chance. „Ich fände es außerordentlich schade, wenn Sie alle drei das Stück verpassen würden, meine Damen, zumal Coriolan gleich seinen Monolog hält.“

Mrs. Langley seufzte.

„Mir macht es nichts aus“, erklärte Angelina, aber niemand schenkte ihr Beachtung.

„Was, wenn …?“ Lord Farquharson hielt inne und schüttelte den Kopf. „Nein, allein das Angebot wäre unschicklich, fürchte ich.“

„Nicht doch, Mylord“, beeilte Mrs. Langley sich, ihm zu versichern. „Nichts, was Sie sagen, könnte je unschicklich sein. Ein vertrauenswürdigerer, aufmerksamerer Gentleman als Sie müsste erst noch gefunden werden.“

Madelines Schultern sackten herunter. Sie hatte eine ungute Ahnung, was der Baron vorschlagen würde. „Mama …“, versuchte sie ein weiteres Mal, sich Gehör zu verschaffen.

„Madeline“, unterbrach ihre Mutter sie scharf. „Sei bitte so höflich und lass Seine Lordschaft ausreden.“

„Aber Mama …“

„Madeline!“ Mrs. Langley hatte die Stimme erhoben und sah ihre Tochter vorwurfsvoll an. Sämtliche Köpfe in den umliegenden Logen wandten sich ihnen zu.

Madeline gab auf.

„Liebe Mrs. Langley.“ Lord Farquharson schenkte ihrer Mutter einen Blick, wie er aufrichtiger nicht hätte sein können. „Wenn Sie gestatten, würde ich Miss Madeline gern ins Foyer eskortieren. Dann könnten Sie und Miss Angelina weiter zuschauen. Und selbstverständlich haben Sie mein Wort, dass ich Miss Madeline mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln schütze, notfalls mit meinem Leben.“ Er legte sich dramatisch die Hand auf die Brust. „Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass ich Ihrer Tochter große Zuneigung entgegenbringe.“ Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über seine Züge, das Madeline eine Gänsehaut verursachte.

„Ich hätte nichts dagegen, Madeline zu begleiten“, mischte Angelina sich ein.

„Und Mr. Kembles Auftritt zu verpassen?“, erwiderte der Baron, während Mrs. Langley ihre jüngere Tochter zornig anblitzte. „Dazu besteht nicht die geringste Notwendigkeit, Miss Angelina. Wie ich bereits sagte, ich wäre überglücklich, mich um Ihre Schwester kümmern zu dürfen.“

Mrs. Langley knetete die behandschuhten Finger. „Ich weiß nicht …“, gab sie ihrer mütterlichen Sorge Ausdruck. „Madeline ist mein Augenstern, und …“

„Und das völlig zu Recht“, fiel Lord Farquharson ihr ins Wort. „Es würde jeden Gentleman schmücken, Ihre Tochter umwerben zu dürfen, Madam.“

Mrs. Langley schaffte es nicht, den hoffnungsvollen Ausdruck so rasch aus ihren Zügen zu verbannen, dass er unbemerkt blieb. „Das würde es wohl“, stimmte sie eifrig zu.

„Dann habe ich Ihre Erlaubnis?“

„Aber gewiss doch, Mylord.“

Madeline sah zwischen ihrer Mutter und Lord Farquharson hin und her. „Es wäre unverzeihlich, Seiner Lordschaft den Abend zu verderben“, erklärte sie fest. „Ich bestehe darauf, dass er bleibt und sich den Rest des Stücks ansieht. In der Zwischenzeit werde ich das Damenzimmer aufsuchen und mich ein wenig erholen.“

„Miss Madeline, meine Ehre gestattet es mir nicht, Sie uneskortiert im Theater umherlaufen zu lassen.“ Im Bruchteil eines Moments war der Baron an ihrer Seite und grub seine Fingernägel schmerzhaft in ihren Oberarm.

Madeline biss die Zähne zusammen. „Das ist absolut überflüssig, Mylord“, versuchte sie, sich zur Wehr zu setzen, und machte Anstalten, sich dem Griff des Barons zu entziehen.

„Ich verbiete dir, allein zu gehen“, ließ sich die stählerne Stimme Mrs. Langleys hinter ihr vernehmen. „Was, denkst du, würde dein Vater dazu sagen? Du wirst Lord Farquharsons freundliches Anerbieten akzeptieren und dich für seine Begleitung bedanken.“

Madeline drehte sich um. Sie sah ihrer Mutter in die Augen und kapitulierte. Was sie zu Hause erwartete, wenn sie weiterhin Widerstand leistete, war ihr nur allzu bewusst. Resigniert senkte sie die Lider. „Vielen Dank, Mylord“, murmelte sie in Lord Farquharsons Richtung. „Sie sind wirklich zu freundlich.“

Lucien Varington, Earl of Tregellas, ließ den Blick zwischen der Bühne und Lord Farquharsons Loge hin und her schweifen. Die Anspannung, mit der er den Baron beobachtete, strafte die gelassene Haltung, die er zur Schau trug, ebenso Lügen wie sein anscheinendes Interesse am Fortgang des Dramas. Lucien Varington wartete – er lauerte, um genau zu sein –, und er tat es seit Jahren. Irgendwann wird Farquharson einen Fehler machen, und dann werde ich zuschlagen, dachte er.

Es war nicht das erste Mal, dass Mrs. Langley und ihre Töchter Farquharson begleiteten. Der Baron hatte die Damen zu Kutschfahrten durch den Hydepark eingeladen und gemeinsam mit ihnen den Winterjahrmarkt besucht. Bei dieser Gelegenheit war sogar Mr. Langley dabei gewesen, doch ansonsten schien seine Gattin diejenige zu sein, die die Bemühungen des Schurken um ihre Töchter – jedenfalls um die ältere, weniger hübsche – nach Kräften förderte. Lucien fragte sich, was wohl die tieferen Gründe für Farquharsons Interesse an Miss Madeline Langley sein mochten, zumal die jüngere Schwester zweifellos mehr nach seinem Geschmack sein musste.

Angeekelt verzog Lucien den Mund. Wer, wenn nicht er, kannte das ganze Ausmaß der abartigen Vorlieben Farquharsons? Er verfolgte, wie der Baron der älteren Miss Langley seine Aufmerksamkeiten aufnötigte – seine Hand auf ihre legte, ihren Arm streifte und sogar ihre Schulter berührte –, während die junge Dame wie erstarrt dasaß und das Gesicht abwandte. Farquharsons Vertraulichkeiten waren ihr zweifellos höchst unwillkommen, doch auf ein Eingreifen ihrer Mutter konnte sie kaum hoffen. Der üppige Federschmuck ihres Turbans behinderte Mrs. Langleys Sicht, sodass ihr das unverschämte Verhalten des Barons völlig entging.

Plötzlich sprang Miss Langley auf und schien die Loge verlassen zu wollen. Es kam zu einem Wortwechsel zwischen Mutter und Tochter, in den auch die jüngere Schwester und Farquharson sich einmischten. Schließlich nickte Mrs. Langley dem Baron zustimmend zu, woraufhin dieser Miss Langley am Arm nahm und mit ihr durch den Vorhang an der Rückwand verschwand.

Lucien erhob sich von seinem Stuhl und verließ seine Loge.

„Mylord, ich fühle mich schon viel besser. Wir können gern zu den anderen zurückgehen. Außerdem würde ich es sehr bedauern, wenn Sie noch mehr von der Aufführung verpassten.“ Mit Erschrecken bemerkte Madeline, dass Lord Farquharson sie immer weiter vom Zuschauerraum wegführte.

Der Griff um ihren Ellbogen wurde fester. „Sehr freundlich von Ihnen, Miss Langley. Aber ich kenne das Stück und kann Ihnen sagen, was weiter passiert. Coriolan wird ermordet, und voller Reue beschließt Aufidius, dass ihm ein ehrendes Andenken bewahrt werden soll.“ Farquharson lachte leise. „Und da Sie nun wissen, wie es ausgeht, besteht keinerlei Grund mehr zur Eile.“

Madeline spürte, wie kalte Furcht in ihr hochkroch. Als der Baron Anstalten machte, sie in einen schmalen Seitenkorridor zu steuern, blieb sie wie angewurzelt stehen. „Mylord, ich danke Ihnen für die Zusammenfassung, doch ich würde mir den Schluss lieber ansehen. Bringen Sie mich bitte zurück.“

Ein träges Lächeln breitete sich auf Farquharsons Zügen aus. Er schnalzte leise mit der Zunge und beugte sich zu ihrem Ohr. „Aber, aber Miss Langley … oder darf ich Sie Madeline nennen?“

„Sie dürfen nicht“, antwortete Madeline entrüstet und versuchte, sich ihm zu entziehen.

Doch obwohl Farquharson von sehr schlankem Wuchs war, verfügte er über erstaunliche Körperkräfte und hielt sie eisern fest. Eine eigentümlich fiebrige Erregung strahlte von ihm aus, die Madeline zuvor nicht an ihm aufgefallen war. Sie warf ihm einen angstvollen Seitenblick zu. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Plötzlich schlang er ihr den Arm um die Taille und riss sie zu sich herum. Madeline schrie auf. „Was tun Sie denn da? Sind Sie wahnsinnig geworden?“, fragte sie entsetzt, als er begann, sie unaufhaltsam rückwärts zu schieben.

„Du wirst besser nicht unverschämt, Madeline“, sagte er kalt. „Und hör auf, dich zu zieren. Ich will mich nur mit dir unterhalten. Ungestört.“

„Dann kommen Sie morgen in die Climington Street. Dort können wir ungestört reden.“ Sie musste Zeit gewinnen, ihm irgendwie entkommen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sicher hatte ihre Mutter bemerkt, dass sie zu lange fort war, und suchte bereits nach ihr … nein. Madeline wusste, dass ihre Mama alles unterlassen würde, was die ersehnte Heirat ihrer Tochter mit einem Adligen gefährden könnte.

Obwohl sie bei jedem Schritt energisch Widerstand leistete, schob Farquharson sie weiter. Als er stehen blieb, sah Madeline, dass sie sich in einer dämmrigen Nische befanden.

„Ein guter Ort für meine Zwecke“, verkündete er spöttisch und packte sie bei den Schultern. Madeline spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach, doch sie zwang sich, wenigstens nach außen hin ruhig zu bleiben. „Was wollen Sie?“, fragte sie mit einer Gelassenheit, die sie nicht empfand.

„Dich, meine Liebe. Was denn sonst?“ Farquharsons Lippen kräuselten sich, während er sie träge musterte.

Madeline biss die Zähne zusammen. „Sie können unmöglich vorhaben, mich zu kompromittieren, Mylord.“

„Nichts läge mir ferner“, erwiderte er glatt und beugte sich zu ihr hinunter. „Ich will nur einen Kuss. Einen einzigen kleinen Kuss.“ Er richtete den Blick auf ihre Lippen, als wolle er sie verschlingen.

Jetzt oder nie. Mit einer heftigen Bewegung entwand Madeline sich seinem Griff und schob sich schnell an ihm vorbei. Doch im nächsten Moment hatte Farquharson sie wieder gepackt und an sich gerissen.

„Du entkommst mir nicht, Madeline“, murmelte er triumphierend und senkte seinen Mund ihrem entgegen …

„Ah, hier sind Sie, Miss Langley …“

Als die tiefe männliche Stimme hinter ihnen ertönte, stieß Lord Farquharson sie so abrupt von sich, dass Madeline beinahe das Gleichgewicht verlor. Mit geballten Fäusten wirbelte er herum und knurrte: „Sie!“

Benommen lehnte Madeline sich an die Wand und starrte ihren unverhofften Retter an. Er war hochgewachsen, elegant gekleidet und von wohlproportionierter, kraftvoller Statur. Sein beinah blauschwarzes Haar wirkte ein wenig unordentlich, doch sein hervorragend geschnittener Frackrock und die dunklen Kniehosen saßen perfekt. Der Gentleman gehörte ganz sicher nicht zu ihren Bekannten, auch wenn er sie angesprochen hatte, als sei dies der Fall.

„Ich war in Sorge um Sie, müssen Sie wissen“, fuhr er fort. „Obgleich ich natürlich überzeugt bin, dass das Benehmen des Barons Ihnen gegenüber nicht das Geringste zu wünschen übrig lässt.“ Der Fremde ließ den Blick aus seinen erstaunlich hellen blauen Augen prüfend über sie gleiten.

„Lord Farquharson …“ Madeline verstummte. Wenn sie dem Gentleman erklärte, was der Baron getan hatte, war ihr Ruf ruiniert. Kein Mensch würde ihr glauben, dass er sie gegen ihren Willen hierher gebracht hatte – mitten in der Vorstellung des erfolgreichsten Stücks der gesamten Saison. Der Baron war ein reicher Adliger, Miss Langley ein Niemand. Madeline wusste, was die Leute reden würden. Sie biss sich auf die Lippe und senkte den Blick. „Ich muss zu meiner Mutter und meiner Schwester. Die beiden fragen sich gewiss, wo ich abgeblieben bin.“ Hoffte sie jedenfalls.

Das Lächeln, das daraufhin über die Züge des Fremden huschte, erreichte seine Augen nicht. Lässig wandte er sich Lord Farquharson zu. „Der Baron wird Sie zurückeskortieren“, sagte er ruhig. Sein beiläufiger Ton vermochte indes nicht darüber hinwegzutäuschen, dass er einen Befehl aussprach. „Und zwar sofort.“

Madeline konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die beiden Männer einen gnadenlosen Machtkampf miteinander ausfochten. Lord Farquharson sah aus, als würde er dem Fremden am liebsten einen Säbel in die Eingeweide rammen. Der Fremde wiederum maß Farquharson mit einem Blick, der seinen Gegner wohl in die Knie gezwungen hätte, wäre dieser nicht zur Seite getreten, um ihr den Arm zu bieten.

„Miss Langley“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und deutete eine Verneigung an. Anscheinend fest entschlossen, jede vertrauliche Berührung zu vermeiden und sie stattdessen zu behandeln, als sei sie ein wertvolles Stück Porzellan, führte er sie durch den Korridor zurück zu seiner Loge.

Madeline mochte nicht daran denken, was hätte passieren können, wenn der Fremde nicht aufgetaucht wäre. Ihre Mutter konnte sagen, was sie wollte, aber Lord Farquharson war kein Gentleman, und Madeline nahm sich vor, ihr die Episode in allen Einzelheiten zu berichten, sobald sie nach Hause kamen. Aber wer war dieser Unbekannte, den sie mit Sicherheit nie mehr vergessen würde? Ein eindrucksvoller Mann, dessen klassisch schöne Züge sich in ihre Erinnerung eingebrannt hatten. Ein Schauer überlief sie. Wer immer er war – Madeline konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er ihr Leben für immer verändert hatte.

„Was um alles in der Welt ist nur in dich gefahren?“ Mrs. Langley sah ihre ältere Tochter ärgerlich an. „Du hättest es beinahe geschafft, meine sämtlichen Bemühungen zunichtezumachen.“

„Mama, er ist nicht der Mann von Ehre, für den du ihn hältst“, entgegnete Madeline schroff.

Mrs. Langley verdrehte die Augen und seufzte. „Eine leidgeprüftere Mutter als mich kann es nicht geben.“

Madeline musste sich zusammennehmen. „Ich versuche dir zu erklären, dass Lord Farquharson mich um ein Haar kompromittiert hätte“, versetzte sie so ruhig und gelassen, wie sie konnte.

„Ich vermag dir nicht zu folgen, mein Kind.“

„Er hat versucht, mich zu küssen, Mama!“

Mrs. Langleys Augen weiteten sich ungläubig. „Küssen?“, wiederholte sie mit erstickter Stimme. „Sagtest du küssen?“ Auf ihren Wangen erschienen hektische Flecken.

„Ja, Mama“, erwiderte Madeline aufatmend. Endlich schien ihre Mutter zu begreifen, dass Farquharson ein Wüstling war.

„Oh …! Oh Gott!“, keuchte Mrs. Langley. „Bist du sicher, Madeline?

„Mama!“

„Warum erzählst du mir das erst jetzt, mein Kind?“

Madeline seufzte. „Ich habe dir mehrfach zu verstehen gegeben, dass ich Lord Farquharson nicht mag.“

Ihre Mutter starrte sie an. „Mögen?“, fragte sie stirnrunzelnd. „Was hat Mögen damit zu tun? Hör zu, Mädchen“, fuhr sie aufgeregt fort und nahm Madelines Hand in ihre, „wenn Seine Lordschaft versucht hat, dich zu küssen, wird er dir einen Antrag machen müssen.“

„Mama! Wie kannst du an so etwas überhaupt nur denken?“

„Madeline, wir reden von einem Baron mit gut und gern zehntausend Pfund im Jahr.“ „Und wenn er der König persönlich wäre!“ Madeline spürte, wie Zorn in ihr aufwallte.

Mit zutiefst gekränkter Miene ließ Mrs. Langley sich aufs Sofa sinken. „Dir scheint es absolut gleichgültig zu sein, wie sehr deine arme Mutter darunter leidet, dass all ihre Anstrengungen, ihre unscheinbare Tochter unter die Haube zu bringen, scheitern.“ Mit einem winzigen Spitzentaschentuch betupfte Mrs. Langley sich die Augenwinkel. „Was wird dein Papa dazu sagen, wenn du am Ende als alte Jungfer dastehst?“

„Mama …“ Madeline kniete sich vor ihre Mutter hin. „Ich weiß, dass du nur das Beste für mich willst.“

Mrs. Langley strich ihrer Tochter übers Haar. „Ja, und darum habe ich alles getan, um Lord Farquharson zu ermutigen.“

Madeline erstarrte.

„Wenn du ihn heiratest, hast du ausgesorgt“, fuhr ihre Mutter fort. „Und du wirst Baroness. Stell dir nur vor, Lady Farqu…“

„Mama“, unterbrach Madeline sie ärgerlich, „das, was Lord Farquharson in Bezug auf meine Person vorschwebt, hat mit Heirat nichts zu tun.“

Mrs. Langley lachte. „Unsinn, Mädchen. Wenn wir es nur geschickt genug anstellen, können wir ihn im Handumdrehen dazu bringen, sich dir zu erklären.“

„Ich will ihn nicht“, sagte Madeline so sanft sie konnte.

Ihre Mutter kniff erbittert die Lippen zusammen. „Das spielt keine Rolle. Du heiratest Farquharson. Ich werde dafür sorgen, dass er um deine Hand anhält, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Und dieses eine Mal, junge Dame, gehorchst du. Hast du mich verstanden?“

2. KAPITEL

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Der Ballsaal lag im Lichterglanz Hunderter weißer Kerzen, die von den funkelnden Kristalllüstern und den zahlreichen Wandleuchtern auf die wogende Menge der Gäste herniederstrahlten. Entlang der Wände standen Tischchen und Sessel in der strengen und doch eleganten Linienführung des Sheraton-Stils, der sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit erfreute. Das Orchester spielte ein Menuett, dessen perlende Klänge sich auf das Anmutigste mit dem heiteren Stimmengewirr im Raum vermischten.

Obwohl die Saison noch nicht begonnen hatte, schienen sämtliche Mitglieder des ton in Lady Gilmours Stadtresidenz zugegen. Die Besucher drängten sich im Ballsaal ebenso wie in der weitläufigen Eingangshalle und auf den Stufen der prachtvollen Marmortreppe.

Mrs. Langley war in ihrem Element. Zwar hatte ihr Gatte sich, kaum dass sie mit ihm und den Töchtern eingetroffen war, in eine ruhige Ecke verzogen, wie er es immer bei solchen Gelegenheiten zu tun pflegte, doch sie war fest entschlossen, ihre Chance bestmöglich zu nutzen und jede irgendwie lohnende Verbindung zu knüpfen. Mit Madeline und Angelina im Schlepptau steuerte sie zielstrebig auf die Gastgeberin zu.

„Lady Gilmour.“ Mrs. Langley schlug ihren schmeichelndsten Ton an. „Darf ich Ihnen meine Tochter Angelina vorstellen? Sie wird dieses Jahr ihre erste Saison haben, und ich hege die größten Hoffnungen für sie. Und dies ist Madeline, meine ältere Tochter.“ Sie machte eine wirkungsvolle Pause. „Sie konnte das Interesse eines gewissen sehr geachteten Gentlemans erringen. Mehr darf ich jetzt noch nicht sagen … höchstens, dass …“, Mrs. Langley beugte sich verschwörerisch zu Ihrer Ladyschaft vor und verkündete mit einem Bühnenflüstern: „… wir in allernächster Zeit einen Antrag erwarten.“

Madeline zuckte peinlich berührt zusammen. Flammende Röte schoss ihr in die Wangen. „Mama …“

„Beruhige dich, Kind.“ Mrs. Langley blickte ihre Tochter freundlich an und trat ihr unsanft auf den Fuß, ohne dass einer der Umstehenden es bemerkt hätte. „Ich bin sicher, unser kleines Geheimnis ist bei Lady Gilmour bestens aufgehoben.“

Lady Gilmour lächelte. „Darf ich Angelina einigen meiner Bekannten vorstellen?“, fragte sie höflich.

Sie hätte Mrs. Langley keine größere Freude bereiten können. Unter dem triumphierenden Blick der Mutter begleitete sie das Mädchen zu einer Gruppe junger Herren und Debütantinnen. In ihrer weißen, mit Bändern und Spitzen verzierten Abendrobe, die den Vater ein Vermögen gekostet hatte, wirkte Angelina wie ein ätherisches Wesen aus einer anderen Welt.

„Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester“, zischte Mrs. Langley ihrer älteren Tochter zu. „Was für eine unglaubliche Gelegenheit!“

Binnen einer Viertelstunde war Angelinas Tanzkarte voll. Eine Gruppe eifriger Gentlemen schien bereit, die hinreißende junge Dame für sich zu gewinnen. Mrs. Langley war so benommen vor Glück, dass sie ihre Pläne hinsichtlich einer Verbindung zwischen Madeline und Lord Farquharson völlig vergessen zu haben schien. „Ich wünschte, dein Vater könnte Angelinas Erfolg sehen“, sagte sie seufzend. „Wo er nur wieder ist?“

„Papa hat einen alten Freund getroffen“, antwortete Madeline gehorsam. Sie freute sich, dass es ihrem Vater gelungen war zu entkommen.

„Typisch“, schnaubte Mrs. Langley verächtlich. „Deine Schwester feiert einen gesellschaftlichen Erfolg ohnegleichen, und dein selbstsüchtiger Vater bemerkt es nicht einmal.“ Aufmerksam verfolgte sie, wie der junge Lord Richardson ihre Tochter zur Tanzfläche eskortierte. „Ist sie nicht das hübscheste Mädchen von allen?“, fragte sie und umklammerte Madelines Hand.

„Das ist sie, Mama“, erwiderte Madeline weich. „Angelina ist wunderschön.“

„Und so elegant“, seufzte Mrs. Langley.

Madeline nickte.

„Und anmutig“, fuhr ihre Mutter fort. „Genau wie ich, als ich in ihrem Alter war.“

Sie waren beide so beschäftigt damit, Angelina und ihren Verehrer beim Tanzen zu beobachten, dass ihnen die Ankunft des Barons völlig entging.

„Welch ein Vergnügen, Mrs. Langley.“ Als sie Farquharsons Stimme vernahm, schrak Madeline zusammen. „Miss Langley …“ Der Baron nahm ihre Hand und hielt sie länger als notwendig. „Ich hoffe, ich komme nicht zu spät, um Sie um ein paar Tänze zu bitten.“

Madeline kniff die Lippen zusammen. „Ich fürchte, ich kann nicht tanzen, Mylord. Ich habe mir heute Vormittag den Knöchel verstaucht.“

Ihre Mutter maß sie mit einem finsteren Blick. „Ich bin sicher, dass du keine Schmerzen mehr hast, Madeline. Ein Tanz mit Seiner Lordschaft wird dich nicht über Gebühr strapazieren.“

„Aber …“

„Madeline!“ Ihre Mutter warf ihr einen ihrer „Warte, bis wir zu Hause sind“-Blicke zu.

Widerwillig hielt Madeline dem Baron ihre Tanzkarte hin. Mit angehaltenem Atem verfolgte sie, wie er sich für den schottischen Reel und – ihr Herz drohte einen Schlag auszusetzen – den Walzer eintrug.

„Gerade noch rechzeitig“, murmelte er maliziös, als das Orchester den munteren Ländler zu intonieren begann. Er umfasste ihren Ellbogen und führte sie aufs Parkett.

Der Tanz war ein Albtraum. Nicht nur, weil Madeline es hasste, im Rampenlicht zu stehen – Lord Farquharson ließ keine Gelegenheit aus, sie zu berühren, ihre Hand zu drücken, ihr mit heißem, feuchtem Atem ins Ohr zu flüstern und seine gierigen Blicke in ihren Ausschnitt wandern zu lassen. Und zu alledem musste sie lächeln, fröhliche Ausgelassenheit vortäuschen und so tun, als würde sie sich köstlich amüsieren. Sie hätte drei Kreuze schlagen mögen, als der letzte Ton der Musik schließlich verklang und Farquharson sie von der Tanzfläche führte. In seinen Augen lag ein Glitzern, das ihr unheimlich war.

„Ihre Tochter besitzt die Grazie eines Schwans“, schwärmte er Mrs. Langley vor.

„Sie sind zu gütig, Mylord.“ Die beiden tauschten ein verständnisinniges Lächeln.

Madeline wandte den Blick ab und zählte langsam bis zehn.

Mrs. Langley ließ Angelina und die wachsende Zahl ihrer Bewunderer nicht aus den Augen. Der junge Mann, der ihre Tochter gerade aufgefordert hatte, war nur ein Baronet? Angelina konnte so viel mehr erreichen. Und irgendwie musste es doch zu schaffen sein, Karten für Almack’s zu ergattern – den einzig richtigen Ort für Angelina, um sich einen passenden Gatten zu angeln.

Madeline ließ den Redeschwall ihrer Mutter geduldig über sich ergehen. Solange sie im Hintergrund bleiben konnte und es keinen Lord Farquharson gab, der ihr seine Aufmerksamkeiten aufzwang, war sie zufrieden. Aber selbst jetzt, da der Baron an der gegenüberliegenden Wand des lang gestreckten Saals stand, warf er ihr immer wieder Blicke zu, bei denen sich ihr die Kehle zuschnürte. Der Walzer rückte unaufhaltsam näher, und plötzlich wusste sie, dass sie ihn um keinen Preis der Welt mit Farquharson tanzen wollte.

Mrs. Langley nahm es kaum zur Kenntnis, als ihre ältere Tochter ihr leise erklärte, sie wolle ein wenig herumschlendern und nach dem Vater Ausschau halten. Madeline atmete auf und begab sich auf die Suche nach Mr. Langley.

Im Ballsaal konnte sie ihn nirgends entdecken, auch nicht auf der Treppe oder in der Eingangshalle. Madeline seufzte. Ihr Papa verstand es einfach zu gut, sich bei gesellschaftlichen Ereignissen unsichtbar zu machen. Nun, dann würde sie noch kurz das Damenzimmer im oberen Stockwerk aufsuchen und dann wieder zu ihrer Mutter gehen …

Madeline war auf dem Weg zurück in den Ballsaal, als sie plötzlich am Ärmel gepackt und zur Seite gezogen wurde. „Miss Langley, welch angenehme Überraschung.“ Lord Farquharson nahm ihre Hand und presste seine heißen, feuchten Lippen darauf. „Haben Sie etwa nach mir gesucht?“ Er trat dicht an sie heran, ohne ihre Finger loszulassen.

Madeline wusste, sie war vor Farquharson sicher, solange sie hier standen, wo unablässig Gäste entlangschlenderten. Andererseits durfte sie die Aufmerksamkeit der Leute nicht auf sich ziehen, außer sie wollte riskieren, dass man das Schlimmste von ihr annahm. „Nein“, entgegnete sie fest und versuchte, sich unauffällig loszumachen.

Es gelang ihr nicht. Farquharsons Griff war wie ein Schraubstock. Er schnalzte boshaft mit der Zunge. „Warum kann ich das so gar nicht glauben?“

„Ich suche meinen Vater. Haben Sie ihn vielleicht gesehen?“ Madeline hoffte, dass Lord Farquharson nicht bemerkte, welche Angst er ihr einjagte.

Der Baron maß sie mit einem lauernden Blick. „Vor nicht einmal zwei Minuten, Miss Langley“, erwiderte er nach einem Moment und runzelte die Stirn. „Sie würden nicht für möglich halten, wo.“

Ja, das klang ganz nach ihrem Papa. Er hasste Bälle und pflegte sich in irgendeinem ruhigen Zimmer zu verstecken, bis sie vorbei waren. „Sagen Sie mir, wo ich ihn finden kann.“

Lord Farquharson lockerte seinen Griff. „Er ging die Dienstbotentreppe hinauf. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass er in die Privatgemächer der Gilmours wollte.“

Doch, ganz gewiss. Ihr Vater würde nicht einmal merken, wo er sich befand. Hauptsache, es herrschte kein lärmendes Gedränge. „Ich danke Ihnen, Lord Farquharson.“ Madeline warf einen betont auffordernden Blick auf ihre Hand, die der Baron noch immer festhielt.

„Sie denken doch hoffentlich an unseren Walzer?“

Wie sollte sie nicht. „Ja, Mylord. Ich denke daran.“

„Sehr gut, Miss Langley.“ Er ließ sie los und trat zurück.

Madeline wartete, bis er um die Ecke des Korridors verschwunden war. Dann machte sie sich auf den Weg zur Dienstbotentreppe.

„Papa?“ Die Steinstufen der ausgetretenen schmalen Stiege fühlten sich kalt an unter den Sohlen ihrer Seidenslipper. „Papa?“, rief Madeline noch einmal, doch niemand antwortete.

Sie gelangte ins zweite Stockwerk. Von den Wänden des stillen, schwach beleuchteten Flurs blickten Lord Gilmours meisterlich porträtierte Pferde auf sie herunter. Wo konnte ihr Vater sein? Madeline blieb vor der ersten der zahlreichen Türen stehen und lauschte. Ob er dort drinnen war? Sie klopfte leise gegen das Eichenholz und wartete.

Nichts regte sich. Madeline drückte die Klinke und stieß sacht die Tür auf. Ihr Blick fiel in ein elegantes, in Blau und Weiß gehaltenes Schlafgemach, in dessen Kamin ein munteres kleines Feuer brannte. Ihr Papa befand sich eindeutig nicht in dem Zimmer, wie sie rasch erkannte, als sie sich suchend umsah. Geräuschlos zog sie die Tür zu, doch plötzlich wurde sie von innen heftig aufgerissen. Zu Tode erschrocken, keuchte Madeline auf, als jemand sie um die Taille packte und in den Raum zerrte.

„So begegnet man sich wieder …“

In dem Moment, da sie Lord Farquharsons Stimme erkannte, verwandelte sich ihre Angst in Wut. Madeline trat und schlug um sich wie eine Besessene, indes mit wenig Erfolg. Farquharson hielt sie eisern umklammert. „Aber, aber, Madeline“, hörte sie ihn sagen. „Warum hast du es nur immer so eilig, mir zu entkommen?“

„Sie haben mich belogen!“, schrie sie ihn an. „Mein Vater ist Ihnen gar nicht begegnet, habe ich recht?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ertappt“, gab er unbeeindruckt zu und zog sie enger an sich.

Sie wurde gegen seine festen Bauchmuskeln gepresst und noch etwas anderes … Hartes. „Lassen Sie mich los!“, verlangte sie beunruhigt.

„Diesmal wird der Earl dich nicht retten, meine Liebe. Er ist gar nicht anwesend, wie ich mich vergewissert habe.“

Cyril Farquharson würde nicht mit sich reden lassen, so viel stand fest. Dennoch beschloss Madeline, sich nicht geschlagen zu geben. Sie zwang sich, Ruhe zu bewahren, und sah dem Baron in die Augen.

Als er spürte, dass sie sich in seinen Armen entspannte, weiteten sich seine Pupillen, und ein unangenehmes Lächeln erschien auf seinen Zügen. „Ich glaube, wir fangen an, uns zu verstehen.“

Das bezweifelte Madeline.

Farquharson lockerte seinen Griff. „Du bist so ein ängstliches kleines Ding“, murmelte er und atmete schwer. Seine Fingernägel gruben sich in die nackte Haut ihrer Oberarme und strichen langsam und schmerzhaft an ihnen herunter.

Madeline versteifte sich. „Sie tun mir weh, Mylord“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie hatte keinerlei Kenntnis von den Dingen, die Farquharson mit ihr vorzuhaben schien, doch in ihrem tiefsten Innern begriff sie, dass er ihr etwas Böses zufügen wollte, und zog vorsichtig ihr Bein zurück. Dann holte sie tief Luft, rammte Farquharson das Knie mit aller Kraft, die sie aufbieten konnte, in die Lenden und stieß ihn von sich. Flüchtig nahm sie noch wahr, dass der Baron sich vor Schmerzen krümmte. Im nächsten Moment war sie bereits aus dem Raum gestürzt und rannte, wie sie nie zuvor in ihrem Leben gerannt war.

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