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Gefährliche Arten

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. Berlin 2001
  9. Land 2002
  10. Nanjing Januar 2012
  11. Land 2002
  12. Nanjing Mai 2012
  13. Berlin 2002/2003
  14. Nanjing Juli 2012
  15. Berlin 2004/2005
  16. Nanjing August 2012
  17. Berlin 2010
  18. Nanjing September 2012
  19. Berlin 2011
  20. Nanjing Oktober 2012
  21. Berlin 2012
  22. Nanjing Oktober 2012
  23. Berlin November 2012

Über das Buch

Wir waren die Verlorenen, die Seligen, die Gnadenlosen. Die Liebe konnte ja nicht mehr gut schmecken, da steckte doch schon der Dreck von Generationen drin. Sasha und Jannis sind jung und sie wissen nicht, was sie tun; heilig ist ihnen allein ihre Kunst. Ihr Mobiliar suchen sie danach aus, ob man sich an den Kanten anständig verletzen kann. Dann wird Lizzy geboren. Sashas Art zu lieben ist so hilflos wie gnadenlos. Sieben Jahre führt die Familie ein Leben wie ein Drahtseilakt, bis das Seil schließlich reißt. Sashas Kunst wird radikaler, die Künstlerin gefährlich. Sie weiß noch immer nicht, was sie tut, aber das mit erschreckender Konsequenz. Wir erleben: wie eine Frau, die zu mögen uns sehr leicht fällt, zur Mörderin wird. Svealena Kutschkes neuer Roman ist schrecklich und komisch, cool und elegant, anrührend und grausam zugleich. Und dass dieser aufwühlende Höllenritt den Leser am Ende trotz allem seltsam versöhnt entlässt, ist ihre große Kunst.

Über die Autorin

Svealena Kutschke, geboren 1977 in Lübeck, studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim und lebt heute in Berlin. Sie ist Preisträgerin des Open Mike 2008. Ein Jahr später erschien ihr Debüt Etwas Kleines gut versiegeln, über das der Kulturspiegel schrieb: „Ein überraschender Roman, zweideutig und von verstörender Eindringlichkeit.“

Svealena Kutschke

Gefährliche
Arten

Roman

PROLOG

Bloße Füße galten als Obszönität, daran dachte ich, als ich ihre warme Haut unter meinen nackten Sohlen spürte. Sie schlief. Die Leuchtreklame des McDonald’s war erloschen, auch die andere Frau, die meist auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs saß, eine Kupferschale vor den gekreuzten Beinen, schlief. Die linke lag zusammengekrümmt, die rechte auf dem Rücken, die Beine angewinkelt, die Hände über der Brust verschränkt.

Die sechsspurige Straße, die sich zwischen meinem Hotel und dem McDonald’s entlangzog und die ich tagsüber nur mit Mühe überquerte, war still. Schon bald würden die Straßenimbisse wieder öffnen, würde der Geruch von gedünsteten Teigtaschen, gebratenem Gemüse und Reiskuchen sich mit den Abgasen der ersten Autos vermischen. Jetzt war die Luft noch frei von Gerüchen, gab es weder Geräusch noch Bewegung, nur die feuchte Wärme drückte weiterhin auf die Brust.

Ich verlor fast das Gleichgewicht, als ich mein Telefon aus der Tasche fischte, um Lizzy anzurufen, ich musste mich an der Wand abstützen, dann erhöhte ich den Druck. Lizzy konnte über eine Minute tauchen, ohne Luft zu holen, aber sie war auch geübt. Ich lauschte dem Freizeichen, es schien von weit her zu kommen.

Lizzy war immer eine gute Schwimmerin gewesen, dachte ich, beim Babyschwimmen in Pankow hatten mich die missbilligenden Blicke der anderen Mütter getroffen, aber Lizzy kreischte in ungebrochenem Vergnügen, und ich schwamm nun einmal nicht gern.

Ich beobachtete sie durch das Unterwasserfenster, ihre Bewegungen, die so viel ruhiger wirkten als an Land. Ihr Lächeln, nahezu ekstatisch, sobald sie mit dem Kopf unter Wasser tauchte. Im Wasser wirkte sie vollkommen und autark. Ein Wesen, das weder wachsen würde noch vergehen. Lautlos lachend pendelte sie durch das Wasser.

Lizzy tauchte von der einen Lehrerin, die sich an der Wasseroberfläche hielt, zur anderen, die vor meinem Fenster Wasser trat und mit meinem Baby im Arm wieder aufstieg. Als die Stunde endete und sich alle an der Wasseroberfläche sammelten, tauchte Lizzy erneut. Die Lehrerin musste abgelenkt gewesen sein, nur für eine Sekunde ließ sie Lizzy aus den Armen, und mein Mädchen schwamm los.

Mit ihrem zahnlosen Lächeln tauchte sie auf mich zu. Ich legte die Hände an die Scheibe und schaute in ihre blauen, weit geöffneten Augen. Sie schaffte es tatsächlich bis zu meinem Fenster. Ich presste meine Lippen gegen das Glas, dort, wo ihre weichen Wangen waren. Es war einer meiner glücklichsten Momente mit Lizzy.

Erst, als ich die Schwimmlehrerin das Wasser durchpeitschen sah, ihre aufgeblähten Wangen, den hektischen Blick und die Kraft, mit der sie Lizzy an sich presste, begriff ich, dass Lizzy unter Wasser nicht atmen konnte.

Mama?, fragte Lizzy. Die Haut fühlte sich seltsam weich an unter meinen Sohlen, der Kehlkopf knorpelig. Sie war kräftiger, als ich gedacht hatte, es war schwierig, den Fuß in der richtigen Position zu halten. Ich warf einen prüfenden Blick zu der anderen Obdachlosen, sie schlief. In meinem Rücken fuhr ein Auto vorbei. Ich meinte, schlagende Autotüren und aufgebrachtes Rufen zu hören, ein vorauseilendes Echo, aber das Auto verlangsamte seine Fahrt nicht, bald verklang das Motorengeräusch in der Ferne.

Mama?, fragte Lizzy erneut.

Wusstest du, dass es sich in China nicht gehört, barfuß zu gehen?, fragte ich.

Lizzy schwieg. Frauen dürfen ihre nackten Füße nicht zeigen, fuhr ich fort. Sie tragen entweder Söckchen in den Sandalen oder geschlossene Schuhe. Ist doch komisch, oder?

Mama, ich bin in der Schule.

Was habt ihr denn gerade?

Es ist abends, Mama, heute war unsere Aufführung.

Ich spürte einen beißenden Schmerz an der Wade, als meine Haut aufriss, wieder verlor ich fast das Gleichgewicht, ein letztes Mal erhöhte ich den Druck. Eine Pfütze dunklen Urins breitete sich auf dem Asphalt aus. Ich wusste nicht, von welcher Aufführung sie sprach, sie hatte mir nichts davon erzählt.

War es gut?, fragte ich.

Wir spielen gerade, sagte Lizzy und legte auf. Ich wartete, bis das Display erlosch und der Schmerz nachließ, bis ich keine Kraft mehr brauchte, um aufrecht zu stehen.

Ich ging hinüber zu der zweiten Obdachlosen, die noch immer links vom Eingang schlief, und warf ein paar Münzen in ihre Kupferschale, das Geräusch lauter als erwartet, sie blinzelte und legte die Hand schützend über das Gefäß, eine Bewegung im Halbschlaf, wie von einem Tier. Das Zucken der Läufe meines Hundes, sein erstaunlicher Willen, der Schädel eingeschlagen, die Pfoten noch rennend.

Ein dünnes, dunkles Rinnsal lief bis vor ihren gekrümmten Körper, der Geruch nach Kot, meine nackten Füße auf dem Asphalt, Dreck, Kaugummis, Scherben, und ein jähes Zurückweichen der feuchten Wärme: ein freier tiefer Atemzug, der erste seit Monaten. Ein Schwindel, als hätte ich mich überfressen an dem lauen Wind, der aufgekommen war. Ich ging zurück zum Hotel. Der Portier schaute mir so fest in die Augen, dass ich wusste, er hatte meine nackten Füße bemerkt. Gewinnend lächelte ich ihn an.

Berlin 2001

Deine Mutter hat versucht, in den Freitod zu gehen, sagte mein Vater. Dann hörte ich das Klicken des Feuerzeugs und das Knacken des Korbsessels, als er sich zurücklehnte. Ich fragte mich, wie oft sie es noch versuchen musste, bis ihm endlich die Formulierungen ausgingen, und wunderte mich, dass er nicht bei ihr im Krankenhaus war.

Ich zog eine Zigarette aus Mos Packung und fischte zwischen den Laken nach einem Feuerzeug. Mein Vater räusperte sich mehrmals. Ich wartete, da ich annahm, er wolle noch etwas hinzufügen, aber als wir zusammen in aller Stille eine Zigarette geraucht hatten, wurde mir klar, dass er nichts weiter zu sagen hatte, und legte auf. Mo sah mich an. Ich griff nach der Kamera und fokussierte sein Gesicht. Meine Mutter hat wieder versucht, sich umzubringen, sagte ich, man könnte diesen Tag als unser Jubiläum bezeichnen, Mo. Damit drückte ich auf den Auslöser. Almost an orphan, Edition 3, Take one. In den nächsten Wochen würde ich Freunden wie Fremden bei der ersten Gelegenheit, auf Partys und in Cafés, im Supermarkt oder in der U-Bahn unaufgefordert mitteilen, dass meine Mutter versucht hätte, sich zu erhängen, ertränken, ersticken, erschießen, und die irritierten, peinlich berührten oder auch verärgerten Blicke fotografieren. Aus dem Spektrum von Gesichtsausdrücken, Repliken auf eine Anmaßung, einen Einbruch, einen Angriff, machte ich daumenkinogroße Abzüge, die ich gebunden in Tims Galerie verkaufte. Ich hatte mit Tim studiert, er war zwei Jahre vor mir fertig geworden und führte eine kleine Galerie in Neukölln. Zwei Editionen gab es bereits, was die Anzahl der Suizidversuche meiner Mutter allerdings nicht korrekt wiedergab; ich wusste von fünf.

Ihren ersten hatte sie unternommen, bevor sie meinen Vater kennenlernte. Genaugenommen hatte sie meinen Vater durch ihren ersten Selbstmordversuch kennengelernt, er war Psychotherapeut. Sie beendeten die Therapie, um zu heiraten.

Bei ihrem zweiten war ich zwölf Jahre alt. Ich musste sie gefunden haben, allerdings konnte ich mich nicht daran erinnern, so weit war auf meine Psyche Verlass. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, so guter Laune, dass mich das Grauen packte, tötete ich meinen Hamster und sprach wochenlang kein Wort mit ihr. Zuhause wurde von dem Unfall gesprochen, womit wahlweise der Hamster oder meine Mutter gemeint war, nach ihrer Deutung jedenfalls hatte mir der Tod des Hamsters die Sprache verschlagen. Als auch das dritte Haustier eines unnatürlichen Todes gestorben war, schien es meinem Vater angebracht, mir ein Buch zu schenken, das sich mit Wut und Ohnmacht von suizidgefährdeten Angehörigen beschäftigte.

Ich war nicht wütend, ich hatte nur eingesehen, dass ich keine verantwortungsvolle Bezugsperson war. Es lag auf der Hand, ich hatte mich ja nicht einmal ausreichend um meine depressive Mutter kümmern können, was wirklich nicht schwer war, schließlich war sie relativ anspruchslos. Meine Aufgaben waren schlicht. Zum Beispiel war ich dafür zuständig, ans Telefon zu gehen, wenn es klingelte, und im Allgemeinen dafür zu sorgen, dass dies nicht allzu oft geschah, was die Mädchen aus meiner Klasse schnell lernten, ebenso schnell suchten sie sich eine andere Freundin. In dem halben Jahr, bevor sie ihren Kopf in eine Plastiktüte, in den Backofen, eine Schlinge oder was auch immer steckte, war es meine Aufgabe gewesen, direkt nach der Schule nach Hause zu kommen, in einem Sessel im stickigen, abgedunkelten Wohnzimmer neben dem Sofa zu sitzen und auf ihren von Schuppen durchflochtenen Scheitel zu schauen. Manchmal sagte sie grässliche Dinge, ich musste aber in der Regel nicht antworten. Alle zwei Tage ließ ich ihr ein Bad ein, was sie dann aber sowieso meist nicht nahm, hin und wieder brachte ich ihr einen Tee, das war alles. Der Geruch war nicht gut, ansonsten, nichts was nicht zu schaffen gewesen wäre.

Wenn ich mich also schon nicht erfolgreich um jemanden kümmern konnte, der die Bedürfnislosigkeit nahezu in Vollendung lebte, dann sollte ich mich, so meine Meinung, besser nicht in der Pflege eines Haustiers versuchen, jede Schildkröte war eine größere Herausforderung als meine Mutter. Es war also nur zum Besten der Tiere. Das sagte ich ihr, als sie den Hund fand: Es war nur zu seinem Besten.

Von dem dritten erfuhr ich durch einen Zettel, der auf dem Küchentisch lag, als ich mit ein paar neuen Shirts nach Hause kam, ich hatte meine Mutter zwei Stunden allein gelassen, aber wenn mein Vater von der Arbeit kam, waren die Geschäfte immer schon zu. Deine Mutter hat einen Suizidversuch unternommen, stand auf dem Zettel. Viele Grüße, dein Vater. Unternommen. Mittlerweile bekam das Ganze Ausflugscharakter. Ich hatte kein Haustier zur Hand, und die Katzen aus der Nachbarschaft mochten mich nicht und waren zu schnell, also setzte ich mich in den Keller vor das Regal mit den Alkoholika und erarbeitete mir gewissenhaft und rapide den ersten Rausch meines Lebens.

Erst der vierte Versuch fand mich vorbereitet. Ich hatte ein Semester Kunst studiert und war dabei, Mo mit einer Kamera über Friedhöfe zu jagen, durch U-Bahn Stationen oder Hotelfoyers, Hauptsache, er machte irgendwas kaputt, oder sich lächerlich. Mo pinkelte gerade in einen Mülleimer an der Warschauer Straße, das Licht der Straßenlaterne radierte die Konturen aus seinem Gesicht und der Strahl des Urins funkelte, als mein Vater anrief und sagte, es tue ihm sehr leid, meine Mutter habe versucht, sich zu entleiben. Ich schaute auf die Gleise hinunter und fragte mich, was eigentlich so kompliziert war an der Sache, dass man es jedes Mal vermasseln konnte, Zug abwarten, springen und gut. Meine Mutter hat sich aus dem Fenster gestürzt, sagte ich zu Mo. Seinen entsetzten Gesichtsausdruck hielt ich fest, Almost an orphan, Edition eins, Take one.

Als ich zwei Stunden später neben Mo im Auto saß und wir alle zwanzig Minuten hielten, um Tankstellenkaffee zu trinken, fragte Mo mich, warum meine Mutter es diesmal versucht hatte. Wahrscheinlich hat ihr das Publikum für ihr Martyrium gefehlt, sagte ich. Mein Vater arbeitet den ganzen Tag, da war das doch ein guter Weg, ihr Elend in Erinnerung zu rufen. Als wir tanken mussten, schnappte ich mir die Kamera und ging zur Kasse. 27,95 bitte, sagte der Tankwart. Meine Mutter hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, antwortete ich und drückte den Auslöser.

Die nächsten Tage verbrachten wir zunächst mit verschränkten Armen und Sicherheitsabstand im Krankenhaus, dann unentwegt Bier trinkend zu Hause.

Ich kam einfach nicht darüber hinweg, wie erfrischt meine Mutter immer wirkte, nachdem sie sich körperlich erholt hatte. Nichts gab ihr so viel Kraft wie ein missglückter Selbstmordversuch. Sie hielt sich nicht lange mit Schuldgefühlen auf. Als hätte sie nicht gerade versucht, sich mit einem Strick am Deckenhaken aufzuhängen, sondern bloß eine mittelschwere Midlifecrisis überstanden, verweigerte sie nach wie vor jede Therapie und schrieb sich stattdessen in einer imposanten Anzahl von VHS-Kursen ein. Ich fotografierte den herausgebrochenen Deckenhaken, den rissigen, in breiten Flechten abgeplatzten Putz. Frontcover, Edition 1.

Die letzten Suizidversuche hatten meiner Mutter rudimentäre Kenntnisse des Französischen, Spanischen, sogar des Russischen und Chinesischen beschert, sie wusste mit Aquarell und Acryl umzugehen und verfasste melancholische Haikus. Ich fotografierte ihr nervös strahlendes Gesicht, Backcover Edition 1. Unentwegt redete sie von den Plänen, die sie noch hatte, Reisen, die sie unternehmen, Tänze, die sie erlernen wollte. Ich hätte mir am liebsten die Zigarette im Trommelfell ausgedrückt und meinem Vater, der mit einem wächsernen Lächeln zu allem nickte, die Bierflasche über den Kopf gezogen. Mo und ich vögelten jede Nacht, verschämt und leise, in der beklemmenden Zeitkapsel meines Jugendzimmers, hätten wir es nicht getan, hätte ich wohl als Nächstes mein Glück an einem Deckenhaken versucht, und zwar mit zuverlässigem Equipment. Als wir wieder aufgebrochen waren und Mo nach zwei Stunden stummer und bedrückender Autofahrt vorschlug, Harold and Maude aus der Videothek auszuleihen und nur die fingierten Selbstmordszenen anzusehen, beschloss ich, dass es Zeit war, bei ihm einzuziehen.

Ich legte meine Füße aufs Armaturenbrett und beobachtete Mo, der mit einer Hand lenkte und mit der anderen eine Zigarette aus der Packung fischte. Der Schein des Feuerzeugs ließ seine Haare noch röter erscheinen. Als er mir eine halbe Ecstasy in die Hand drückte, war ich geneigt, sein Haar für die eigentliche Lichtquelle zu halten.

Jetzt aber mal ehrlich, platzte es aus mir heraus, als die Ausfahrt Berlin-Kreuzberg vor uns auftauchte. Wen wollte sie mit diesem Bindfaden denn erhängen? Der hätte ja nicht mal für meinen Hamster gereicht.

Nun ja, sagte Mo vorsichtig, der Strick war immerhin stabil genug, den Haken aus der Decke zu holen. Aber du hast recht, fügte er nach einem Seitenblick schnell hinzu, der Haken war wahrscheinlich schon mit dem mickrigen Efeu überfordert, das war ganz offensichtlich.

Nun waren wir also beim sechsten Versuch, ich begann die Edition 3 und Mo hatte mit Anna geschlafen. Ich schaute auf meinen Teller mit dem Rührei, das Mo uns gemacht hatte, wie immer, wenn wir aus dem Club kamen. Ich habe mit Anna geschlafen, hatte er gesagt und mir den Teller gereicht, dann hatte das Telefon geklingelt, mein Vater und ich hatten eine Zigarette geraucht, jetzt war das Rührei kalt und Mo nahm mich in den Arm. Wollen wir Harold and Maude schauen?, fragte er, wie damals, vor mittlerweile vier Jahren.

Er roch gut, aber ich brauchte keinen Trost. Du kennst doch meine Mutter, sagte ich. Wahrscheinlich hat sie sieben Schlaftabletten genommen, zehn Minuten bevor mein Vater nach Hause kam, vielleicht sollte ich ihr eine Bedienungsanleitung schreiben, so schwer kann das doch nicht sein. Mo schaute immer noch besorgt, aber er musste grinsen. Ich zog ihm das T-Shirt über den Kopf, raus damit, sagte ich, was ist los mit dir und dieser Anna?

Mo schob mich weg, sah mich an, er war blass, 36 Stunden hatten wir am teigigen Elektro-Teint gearbeitet. Mo hatte seinen zweiten Roman abgegeben, ich hatte mein Studium beendet und war mit einem Stipendium gerade noch an Hartz IV vorbeigeschrammt, wir hatten das gebührend gefeiert und ein paar fremde Menschen geküsst.

Süße, sagte Mo und strich mir über die Wange, wollen wir nicht ein anderes Mal darüber sprechen? Ich lächelte und legte meine Hand so auf seinen Oberschenkel, dass die Glut meiner Zigarette seine Haut verbrennen musste. Nein, sagte ich, jetzt ist gut.

Mo fluchte und rieb sich die verbrannte Stelle, dann nahm er meine Hand und sprach so schnell, als hoffte er, ich würde nur die Hälfte verstehen. Er zählte noch weitere Namen auf, womöglich alphabetisch geordnet, sicher war ich mir nicht. Er wisse, sagte er und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, dass wir vereinbart hätten, beim Küssen sei die Grenze, dennoch habe er sich im letzten Jahr nicht dran gehalten, die Lesungen, die Hotelzimmer, der Alkohol, er würde nicht verlangen, dass ich das verzeihe, schuldlos aber sei ich nicht. Wir müssten erwachsen werden, unser Leben sei kein Kinderspielplatz, unsere Liebe schon gar nicht. Ob ich nicht meine, dass wir einen Preis zahlten für unsere Freiheit, ob ich nicht auch glauben würde, dass es uns unverwundbar mache, auf eine ungute Art. Dass er sich manchmal fühle, als wären wir, als sei unsere Beziehung ein Hologramm.

Er schaute mich an, als erwartete er, dass ich entweder in Tränen ausbrechen oder mit den Fäusten auf ihn losgehen würde. Ich wusste, dass er sich so eine Reaktion wünschte. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich fühlte nichts, vielmehr war ich überrascht, dass er mir nicht vorher davon erzählt hatte. Ich konnte mich nicht erinnern, dass wir eine Grenze festgelegt hatten, mit Sicherheit hatte ich diese Regel gebrochen. Von daher war ich erleichtert, und sowieso verstand ich nicht, wie es mir wehtun sollte, wenn Mo mit anderen Frauen schlief.

Ehrlich gesagt, Mo, sagte ich und schaute ihm ins Gesicht, ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum wir diese Regel überhaupt aufgestellt haben. Ich habe die ganze Zeit mit anderen Männern geschlafen, nicht nur im letzten Jahr. Mo sagte etwas, aber so leise, dass ich ihn nicht verstand, so leise, wie er nur sprach, wenn er sehr aufgebracht war.

Ich lachte und öffnete einen Ordner auf meinem Desktop. Er hieß Loveboutique. Die Männer waren handverlesen, ausnahmslos alle waren in festen Beziehungen und studierten an der Kunsthochschule. Es waren typische Unipärchen, sodass ich auch die Freundinnen kannte, zumindest flüchtig. Einen Tag, nachdem ich ihren Freund so betrunken oder high gemacht hatte, dass er sich zur Untreue hinreißen ließ, (ich blieb nüchtern, schließlich musste ich unsere Position zur Webcam kontrollieren) lud ich die Freundinnen unter verschiedenen Vorwänden (Referate, Unterlagen, Projekte, Proteste) zu mir nach Hause ein, kochte Kaffee, verwickelte sie in Mädchentratsch und nahm auch unsere Unterhaltungen heimlich mit der Webcam auf. Die Videos zeigten abwechselnd Szenen des schwitzenden, zwar ziemlich betrunkenen, dennoch aber beherzt zugreifenden Mannes und der lächelnden Frauen, die ihre sentimentalen Beziehungslegenden zum Besten gaben.

Mo stand hinter mir und scrollte durch die Unterordner, die die Namen der Frauen trugen. Hier, das ist die Freundin von Michael, sagte ich. Als er sie betrogen hat, waren sie gerade zusammengezogen. Das hier ist die Freundin von Hannes, er hat sie durch den Verlust ihrer Schwester begleitet, die bei einem Autounfall gestorben ist. Ich bot ihm an, ihm eins der Videos vorzuspielen, er schüttelte sehr bestimmt den Kopf, und setzte sich auf das Sofa. Er hatte lange kein Wort gesagt, das fiel mir jetzt erst auf.

Ich stand auf und ging zu ihm, setzte mich auf seinen Schoß, lächelte ihn an und begann, verführerisch an seinem Ohr zu knabbern. Mo sprang auf und stieß mich fort. Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?, schrie er. Ich lag auf dem Boden. Was nicht mit mir stimmte? Ich war mit dem Hinterkopf auf die Kante des Tisches geschlagen, ich blutete und musste mit 12 Stichen genäht werden.

Als ich aus dem Krankenhaus kam, saß Mo betrunken am Rechner. Er schaute nicht einmal auf, als ich das Zimmer betrat. Als er zum ersten Mal etwas zu mir sagte, war auch ich betrunken. Er habe sich die Videos angesehen, selten habe er etwas Perfideres gesehen. Wie ich diese Frauen der Lächerlichkeit preisgab und nicht zuletzt uns. Wie er bisher gedacht hatte, es sei auf verdrehte Art gerade der Beweis unserer Liebe, dass wir auch andere küssten.

Er sagte, dass es die Beliebigkeit war, die er fürchtete, dass wir nicht besser waren als die anderen, die ihre Partner verließen für jemanden, der schöner, klüger, interessanter war, wir wären nur weniger konsequent. Irgendwann nannte er mich abgebrüht und sadistisch und legte mir tatsächlich eine Therapie nahe. Ich schrie ihn an, keine Sätze, nur seltsame Sprachtrümmer, guttural und primitiv. Danach knallte ich die Haustür hinter mir zu, stattete unserem Dealer einen Besuch ab und rief Tim an.

Minztee, wiederholte ich, frische Minze. Ich verlagerte mein Gewicht und stellte den linken Fuß, neben dem gerade eine Bierflasche zerplatzt war, auf den Fußabtritt eines Barhockers. Mir war nach Vodka, aber Tim schwor, dass Alkohol die Wirkung des Kokains verwässere, und ich brauchte das perfekte Destillat. Ein Haufen schwitzender, gieriger Menschen drückte in drei Reihen gegen den Tresen, jemand reichte leere Flaschen von hinten über meine Schulter. Der Barkeeper schob Biere über die Theke und warf die Münzen ohne hinzuschauen in die Kasse. Wechselgeld gab es nicht. Ungefähr 15 Getränke wanderten an mir vorbei, bevor der Barkeeper mir eine Tasse mit abgeschlagenem Henkel rüberschob. Als ich bezahlen wollte, winkte er ab. Es war einer der Läden, in denen Tee als gefärbtes Wasser durchging.

Tim schüttelte den Kopf, als ich mit einer Tasse überschwappenden Hagebuttentees zu ihm zurückkehrte. Der Beutel schwamm auf der Oberfläche. Bist du krank?

Ich weiß nicht, sagte ich, vielleicht? Welche Krankheit muss man denn haben, um Hagebuttentee zu bestellen?

Bei einem Punkkonzert am Kotti? Weiß nicht, was Schlimmes.

Na, dann kommt’s ja hin, sagte ich und lehnte mich neben Tim an die Wand.

Er war ein minimales Stück kleiner als ich, was dazu führte, dass ich, wenn ich neben ihm an der Wand gelehnt stand und den Kopf auf seine Schulter legte, immer ein wenig Angst um meine Halswirbelsäule hatte. Die Sehnen traten gespannt hervor, die Wirbel waren überdehnt. Eine kleine ruckartige Bewegung könnte großen Schaden anrichten. Das beruhigte mich.

Ein paar Typen pogten wild herum. Sie waren schon Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig, und man sah ihnen an, dass sie aus einer Erinnerung heraus tanzten, ihre Jugend imitierten. Wenn sie jemanden ernsthaft anrempelten, schreckten sie auf, entschuldigten sich lachend, schulterklopfend und prostend, um danach übergangslos in diese Mimikry einer Trance zurückzufallen. Nach nur wenigen Stücken stellten sie sich schnaufend und lächelnd an den Rand, zufrieden mit sich auf diese selbstironische Art, die uns allen Schutz bot.

Tim und ich stellten unsere Getränke ab und ich legte meinen Kopf auf seine Schulter und schloss die Augen. Wir tanzten durch Wogen von schwitzenden Menschen und Tims Halsbeuge, in die ich mein Gesicht gelegt hatte, war bald nass und warm von meinem Atem. Und bald fühlte ich auch etwas. Auch wenn ich wusste, dass es nur die Erinnerung an Glück war, fehlte mir im Gegensatz zu den anderen jede ironische Distanz. Ich betrachtete die tanzende Menge, ihren zurückweichenden Haaransatz, das in der Mitte schüttere, sorgfältig gelegte Haar und wusste, dass auch sie Angst hatten, genau wie ich. Und das machte mich, wenn auch nur kurz, nahezu euphorisch.

Ein paar Lines später waren Mo und ich unsterblich. Ich hockte auf dem Klodeckel in einer rührend verwahrlosten Kabine, den Fünfer noch in der Nase und tippte eine recht gefühlvolle Nachricht an Mo. Dann fischte ich mir einen Typen von der Bar, dem ich ausgiebig und stolz von Mos und meiner Freizügigkeit erzählte, von unserer Liebe, die auf jedes possessive Regelwerk verzichtete. Um ihm das zu beweisen, nahm ich ihn mit nach Hause und vögelte ihn in unserer Küche. Als Mo hereinkam, lächelte ich ihn an und war mir tatsächlich keiner Schuld bewusst. Für etwa fünf Sekunden. Dann zerfiel ich, schneller als der Typ in seine Schuhe kam. Noch bevor er die Haustür hinter sich schließen konnte, begriff ich, dass ich Mo so wehgetan hatte, dass es nichts gab, was ich hätte sagen können. Ich hatte ihm so wehgetan, dass er nichts sagen konnte. Mit hängenden Armen stand er in der Küchentür und bemerkte nicht einmal, dass der andere inzwischen verschwunden war. Am nächsten Tag zog er aus.

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