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Gefährlich sexy, dieser Mann

1. KAPITEL

Matt Crosby betrachtete den Mann, der an dem großen Mahagonischreibtisch saß, mit einer gewissen Distanz. Charles Parker war kein Mensch, mit dem man schnell warm wurde, doch er würde gut zahlen, und er, Matt, hatte viele Ausgaben.

“Ich muss Ihnen das Problem nicht erklären, Crosby”, sagte Charles Parker und schob ihm eine Akte hin. “Diese Frau macht nur Ärger. Sie verzögert ein sehr wichtiges Projekt, und sie muss gestoppt werden.”

Matt ließ sich nicht täuschen. Charles Parkers Interesse galt nicht der Öffentlichkeit, sondern einzig und allein seinem Profit. Er nahm die Akte in die Hand und betrachtete das Foto der jungen Frau, das in die Innenseite des Deckels geheftet war.

Nyssa Blake. Die Frau, die unzählige Protestaktionen ins Leben gerufen hatte.

Sie stand ganz oben auf der Wunschliste eines jeden Bauunternehmers in Großbritannien. Und alle wünschten dasselbe – dass sie verschwinden sollte.

Der beigefügten Kurzbiografie zufolge war sie knapp dreiundzwanzig. Dennoch war sie in der Lage, einen Mann wie Charles Parker in Panik zu versetzen. Und das mit Recht. Sie hatte schon viele Bauunternehmer in die Knie gezwungen.

“Damit darf sie nicht durchkommen”, beharrte Parker ungeduldig.

“Nein, wohl nicht.” Denn wenn man sie nicht bald stoppte, würde sie sich vielleicht in den Kopf setzen, dass sie alles schaffte. Matt erinnerte sich daran, wie er mit zweiundzwanzig gewesen war – voller Ideale und geradezu besessen von dem Wunsch, die Welt zu verbessern. Er hatte sich für unbesiegbar gehalten und war eines Besseren belehrt worden.

Parker warf ihm einen scharfen Blick zu. “Von ‘wohl’ kann hier nicht die Rede sein. Diese Akte enthält so ungefähr alles, was je über sie geschrieben wurde, und meine Sekretärin wird Ihnen einige Videos mit Berichten über ihre letzte Aktion mitgeben …”

“Es ging um ein Einkaufszentrum am Stadtrand, stimmt’s?”

Parker schauderte. “Sie hat einen Botaniker eingeschaltet, und der hat angeblich einige seltene Pflanzenarten entdeckt, von denen noch nie jemand gehört hatte und die auch niemanden interessierten.”

“Einkaufszentren auf der grünen Wiese sind nicht mehr besonders populär. Die zuständigen Behörden waren vielleicht ganz froh darüber, dass sie einen Vorwand hatten, den Bau zu stoppen.” Matt zuckte mit den Schultern, als Parker ihn wütend anfunkelte. “Was soll ich tun?”

“Führen Sie mich nicht in Versuchung.” Parker lachte auf, und Matt kam zu dem Ergebnis, dass er sich ernsthaft Sorgen machte. Gerüchten zufolge hatte Parker Liquiditätsprobleme. Jede Verzögerung würde ihn schlimm treffen. “Am liebsten wäre es mir, wenn jemand sie in ein dunkles Verlies sperren und den Schlüssel wegwerfen würde. Na ja, eigentlich nicht.” Wieder lachte er, um zu beweisen, dass er nur Spaß gemacht hatte.

Matt war nicht ganz überzeugt. “Mit so etwas möchte ich nichts zu tun haben.”

“Wer möchte das schon? Nyssa Blake ist nicht nur der Liebling der Medien, ein lebender Mythos, sondern kommt auch aus einer einflussreichen Familie.” Parker deutete auf die Akte. “Sehen Sie zu, was Sie damit anfangen können.”

Matt legte die Akte wieder auf den Schreibtisch. “Ich glaube Ihnen, dass sie eine echte Plage ist. Mir ist nur nicht klar, was Sie von mir erwarten. Ich weiß, dass einige ihrer Leute über die Stränge schlagen können, aber sie ist das reinste Tugendlamm.”

“Na ja, wenn sie einen Beweis dafür sucht, dass das Gaumont-Kino in Delvering erhaltenswert ist, muss sie schon einen Einbruch begehen.”

“Vielleicht sollten Sie ihr einfach eine Führung anbieten und ihr damit beweisen, dass sie nur ihre Zeit verschwendet? Oder das Kino einfach plattmachen?” Parker ging auf keinen seiner Vorschläge ein, und Matt zuckte erneut mit den Schultern. “Hm, ich schätze, mit einer Vorladung vor Gericht würde sie ihren Heiligenschein einbüßen …”

“Wenn Sie meinen, ich bezahle Sie dafür, dass Nyssa Blake bloß eine Strafe von fünfzig Pfund zahlt und einen Rüffel von der Justiz bekommen, haben Sie sich getäuscht.”

“Wenn Sie vor einer Wand stehen”, erklärte Matt, “haben Sie zwei Möglichkeiten – entweder mit dem Kopf hindurch oder die Wand Ziegel für Ziegel abzubauen.”

Parker schnaufte. “Ich habe keine Zeit für Spielchen. Die Angelegenheit ist dringend.” Er beugte sich vor. “Sie gelten als hervorragender Vermittler, Crosby. Diese junge Frau bedeutet Ärger, und ich möchte, dass sie …” Er verstummte.

“Von der Bildfläche verschwindet?”, beendete Matt den Satz für ihn.

Wieder funkelte Parker ihn an. “Dass Sie sie mir vom Hals schaffen. Angeblich sind Sie ein Genie darin, Leichen im Keller zutage zu fördern …”

“Auf diese Art macht man sich viele Feinde.” Matt betrachtete die ernst dreinblickende junge Frau auf dem Foto. Mit ihr hätte er sich lieber angefreundet …

Parker interessierte sich nicht für seine Probleme. “Wenn Sie lange genug suchen, finden Sie bestimmt irgendetwas. Und wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass ihre Heldin Dreck am Stecken hat, wird diese ziemlich allein dastehen.”

Matt fand die Aussicht darauf, nach dunklen Geheimnissen in Nyssa Blakes Leben zu suchen, alles andere als verlockend. “Die Frau ist zweiundzwanzig, Parker. Und seit sie ihr Studium abgebrochen hat, hindert sie Leute wie Sie daran, sich über Baubestimmungen hinwegzusetzen. Was zum Teufel soll ich Ihrer Meinung nach denn finden?”

“Wie wär’s mit Drogen? Diese Hippietypen rauchen doch alle Hasch, oder?”

“Tun sie das? Nyssa Blake ist kein Hippie, Parker. Außerdem bezweifle ich, dass sie überhaupt raucht.” Matt fixierte sein Gegenüber ausdruckslos. “Sicher wird sie Ihnen sagen, dass Rauchen die Ozonschicht zerstört.”

Parker machte eine finstere Miene. “Dann Sex.”

“Sex?” Matt nahm das Foto aus der Akte und betrachtete es einen Moment. Nyssa Blake hatte ein schmales, ovales Gesicht, blaue Augen und einen roten Pagenkopf. Ihre Haut war klar und zart, ihre Lippen voll. Nyssa Blake war keine klassische Schönheit, doch er zweifelte nicht daran, dass sie alle Blicke auf sich zog, wenn sie einen Raum betrat.

“Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass solche Geschichten sie in ein schlechtes Licht rücken”, wandte er ein. Im Gegenteil – wenn bekannt wurde, dass sie nicht gerade prüde war, würde jeder halbwegs normale Mann im Land sich ihrer Gruppe anschließen wollen. “Meiner Meinung nach sollten Sie auf den finanziellen Aspekt setzen. Wer finanziert ihre Aktionen? Gute PR ist nicht billig. Und die Art der Berichterstattung legt nahe, dass jemand dahintersteckt, der etwas davon versteht.”

“Ihren Angaben zufolge sind es Spenden von Sympathisanten.”

“Das ist eine Menge Sympathie.”

“Wir scheinen endlich auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, Crosby.” Parker lehnte sich zurück, und sekundenlang umspielte ein zufriedenes Lächeln seine schmalen Lippen. “Und wenn Sie in der Hinsicht kein Glück haben, sollten Sie vielleicht ihre Familie unter die Lupe nehmen. Ihr Vater war Soldat. Er ist im Golfkrieg gefallen und wurde posthum mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Bestimmt würde seine Tochter alles tun, um seinen guten Namen zu schützen. Und Tote können einen nicht wegen Verleumdung belangen.”

“Lügen können Sie selbst verbreiten. Dazu brauchen Sie mich nicht.”

“Lügen sind nicht genug. Selbst Gerüchte brauchen Nahrung, wenn sie Schaden anrichten sollen. Ich brauche etwas, was zumindest ein Körnchen Wahrheit enthält. Wenn Sie im Leben ihres Vaters auf Frauengeschichten oder finanzielle Probleme stoßen, will ich es wissen. Haben Sie verstanden?” Parker wartete nicht auf eine Antwort. Und Matt hatte es verstanden, auch wenn es ihm nicht gefiel. “Ihre Mutter hat vor drei oder vier Jahren wieder geheiratet”, fuhr Parker fort. “Ihr neuer Ehemann ist James Lambert. Er ist auch Bauunternehmer.” Nachdenklich trommelte er mit den Fingern auf die Akte. “Ungefähr zur selben Zeit hat Nyssa Blake ihr Studium abgebrochen. Da könnte man ansetzen. Sie haben genug Material …”

“Qualität ist entscheidend, nicht Quantität.”

“Jeder hat etwas zu verbergen, Crosby. Wenn Sie bei ihr nichts finden, dann vielleicht bei ihrer Familie. Sie hat mehrere Stiefschwestern. Eine ist Schauspielerin … Ich brauche nur ein Druckmittel.”

“Wenn sie den Mann, den ihrer Mutter geheiratet hat, nicht mag, wird sie kaum einen Rückzieher machen, um ihn oder ihre Stiefschwestern zu schützen. Warum fragen Sie sie nicht einfach, was sie von Ihnen will, Parker?”

“Was sie von mir will?”

“Na ja, sie weiß, dass sie nicht gewinnen kann. Sie wollen ein altes Kino abreißen und an der Stelle einen Supermarkt bauen. Vielleicht haben ein paar Einheimische Tränen der Rührung in den Augen, weil sie sich daran erinnern, wie sie ihre Jugend dort verbracht haben. Aber die meisten Einwohner wollen vermutlich lieber einen Supermarkt. Nyssa Blake kann den Abriss also nur verzögern.”

Nur? Jeder Tag kostet mich …” Parker verstummte abrupt, doch Matt wusste ohnehin um seine prekäre finanzielle Situation.

“Also, warum fragen Sie sie nicht? Möglicherweise reicht es ja, wenn Sie die Fassade des Kinos erhalten. Zeigen Sie sich entgegenkommend. Und wenn Sie dabei lächeln, stellen Sie vielleicht fest, dass Sie der Held sind und Nyssa Blake ihre Anhänger davon überzeugen muss, dass sie ihre Ideale nicht verraten hat.”

“Das ist eine hervorragende Idee, Crosby. Nur leider gehört der Supermarkt zu einer Kette, und daher ist ein einheitliches Erscheinungsbild unerlässlich. Außerdem möchte Nyssa Blake das Kino restaurieren lassen, weil sie der Meinung ist, dass die Stadt es nötiger hat als einen neuen Supermarkt.”

“Tatsächlich?” Parker warf ihm einen scharfen Blick zu, doch Matt fuhr fort. “Es geht schließlich nicht darum, dass eine sechsspurige Autobahn durch ein Naturschutzgebiet gebaut werden soll, sondern um eine Auseinandersetzung mit dem Bauamt. Peanuts. Die Medien werden bald das Interesse verlieren.”

“Glauben Sie?” Zum ersten Mal lächelte Parker amüsiert. “Ich wünschte, ich wäre auch so zuversichtlich wie Sie. Schon möglich, dass es Peanuts sind, aber Miss Blake ist gefährlich wie ein Moskito – eine echte Plage und durchaus in der Lage, einem den tödlichen Stich zu versetzen.”

“Vielleicht sollten Sie einen Kammerjäger anheuern.”

“Das habe ich. Sie.”

“Ich gelte aber auch als Plage.”

“Auch Sie müssen von irgendetwas leben, und ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Sie in absehbarer Zeit keine Aufträge bekommen …” Parker zuckte mit den Schultern. “Ich bin nicht so pingelig, und wenn Sie etwas über die Frau herausfinden, was ich gegen sie verwenden kann, zahle ich Ihnen zusätzlich zu ihrem Honorar einen Bonus.”

“Ihre Informanten sind nicht auf dem neusten Stand, Parker. Sie müssen mein Honorar verdoppeln.” Matt lächelte flüchtig. “Inflation.” Parker sagte nichts, und Matt hatte das ungute Gefühl, dass er noch mehr hätte verlangen können und es auch bekommen hätte. “Ich möchte zehn Tage Honorar als Vorschuss und die Erstattung aller Spesen.” Dieser Auftrag war zwar nicht nach seinem Geschmack, aber er konnte es sich nicht leisten, ihn abzulehnen. Schließlich musste er seine eigenen Recherchen irgendwie finanzieren. “Und keine schmutzigen Geschäfte”, fügte Matt hinzu.

“Sie halten eine Menge von sich, Crosby.” Das stimmte nicht. Seiner Meinung nach war die Chance, Nyssa Blake etwas anzuhängen, ungefähr genauso groß wie die, in der Lotterie zu gewinnen, einen keltischen Goldschatz in seinem Hinterhof zu finden oder sein Konto auszugleichen. “Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich bar zahle, oder? Ich möchte es geheim halten.” Parker nahm ein Bündel Banknoten aus einem versteckten Safe.

“Wenn die Druckfarbe getrocknet ist”, konterte Matt trocken. Dann nahm er einen Schein und hielt ihn gegen das Licht, als wollte er ihn auf seine Echtheit prüfen. “Das läuft alles über meine Bücher. Wie Sie es handhaben, geht mich nichts an.” Nachdem er das Geld in seine Jacketttasche gesteckt hatte, nahm er die Akte und nickte Parker zu. “Sie hören von mir.”

Image war alles. Das hatte Nyssa auf ihrer ersten Pressekonferenz gelernt. Damals war sie achtzehn gewesen und hatte eine rot gefärbte Punkfrisur gehabt, sich mit Puder blass gemacht und ein schwarzes Kleid getragen, das sie von einer ihrer Stiefschwestern geliehen hatte.

Es war ein sehr dramatischer Auftritt gewesen, und die Presse hatte sie hochgejubelt. Damals hatte sie viel darüber gelernt, wie das richtige Image einer Sache dienen konnte, und sich äußerlich entsprechend angepasst. Heute nahm man sie ernst.

Vermutlich hatte Charles Parker angenommen, sie würde sich nicht mit einem heruntergekommenen Kino abgeben.

Starr betrachtete Nyssa ihr Spiegelbild. Sie hatte das Haar wachsen lassen und trug nun einen Pagenschnitt, doch es war immer noch leuchtend rot. Inzwischen ließ sie sich allerdings von einem Friseur in Knightsbridge stylen, statt selbst mit der Schere ihrer Mutter und einer Packung Henna Hand anzulegen.

Ihre helle Haut bildete einen reizvollen Kontrast zu ihren roten Lippen, die sich nur selten zu einem Lächeln verzogen. Diese Ernsthaftigkeit gehörte auch zu ihrem Image.

Nyssa sprühte ihren Lieblingsduft auf und wandte sich zum Kleiderschrank um, an dem das elegante Designerkleid hing. Natürlich war es schwarz.

Es war aus fließendem Seidenjersey und hatte lange Ärmel. Sie nahm es vom Bügel, streifte es über und knöpfte es vorn zu. Darunter trug sie einen Push-up-BH aus schwarzer Spitze – einen jener BHs, für die auf Plakatwänden geworben wurde und die gelegentlich Verkehrsunfälle verursachten.

Ihr Outfit war gleichermaßen sexy wie dramatisch. Und so hatte sie es auch beabsichtigt. Wenn nicht gerade der Dritte Weltkrieg ausbrach, würde der verführerische Ausschnitt ihr am nächsten Morgen einen Platz auf der Titelseite aller Boulevardzeitungen garantieren.

In den drei Jahren ihrer Tätigkeit als Umweltaktivistin hatte sie eine Menge gelernt. Und das ging über die Kenntnis hinaus, wie man an einem Sicherheitsbeamten vorbeikam und diesen veranlasste, einem die Tür aufzuhalten, oder wie man zynische Reporter davon überzeugte, dass man im Recht war, und wie man durchhielt, wenn es so aussah, als würde man ganz allein für eine Sache kämpfen …

Nyssa steckte sich gerade die antiken Ohrringe an, als es an der Tür klopfte.

“Nyssa?”

Nyssa wurde nervös und fing an zu zittern, sodass sie beinahe einen der wertvollen Ohrringe hätte fallen lassen. Verdammt! Sie stützte sich einen Moment auf die Kommode und atmete einige Male tief durch, bis sie die Fassung wiedergewonnen hatte. Dann steckte sie den zweiten Ohrring an, setzte ein Lächeln auf und öffnete die Tür.

“Gil!” Nyssa versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr Herz schneller klopfte.

Seit ihre Gruppe so nachdrücklich auftrat und so viele Leute verärgert hatte, versuchte ihr Schwager sie davon zu überzeugen, sich von einem der Fahrer seiner Sicherheitsfirma chauffieren zu lassen, die eine Spezialausbildung hatten. Bisher hatte sie sich hartnäckig geweigert, doch gelegentlich tauchte Gil vor einem wichtigen Ereignis auf, um sie ‘mitzunehmen’. Und er wohnte gut zwanzig Meilen von der kleinen Marktstadt Delvering entfernt. “Was für ein Zufall”, sagte sie mit einem ironischen Unterton. “Du bist gerade vorbeigekommen, stimmt’s?”

“Nicht direkt. Aber ich dachte, du könntest etwas moralische Unterstützung gebrauchen.”

Moralische Unterstützung war das Letzte, was Nyssa von ihrem Schwager wollte. “Ich habe das ungute Gefühl, dass du mich immer noch für ein kleines Mädchen hältst, das sich mehr genommen hat, als gut für es ist. Richtig?”

Sie hoffte, er würde es leugnen, aber er lachte nur. “Schon möglich, allerdings würde ich es nie sagen. Schließlich siehst du heute Abend umwerfend aus.”

“Wirklich?” Es ärgerte sie maßlos, wenn er lachte, doch sie hatte gelernt, ihre Gefühle in seiner Gegenwart nicht zu zeigen. Es war nicht seine Schuld, dass sie sich in ihn verliebt hatte. “War das ein Kompliment?”, erkundigte sie sich daher betont unbeschwert. “Ich bin mir nicht ganz sicher.”

“Nun tu nicht so, du verwöhntes Gör. Morgen wird jeder Mann im ganzen Land lüstern dein Foto betrachten. Reicht das nicht?”

Nein. Natürlich reichte es nicht. Es gab nur einen Mann, der sie verlangend betrachten sollte. Leider war er mit ihrer Stiefschwester verheiratet.

“Nur wenn es sie veranlasst, ans Umweltministerium zu schreiben”, erwiderte Nyssa forsch. “Ist Kitty mitgekommen?”

“Nein, Harry hat einen leichten Schnupfen, und du weißt ja, was sie immer für ein Theater um ihn macht. Sie lässt dich herzlich grüßen”. Gil machte eine kurze Pause. “Weißt du, sie ist ein bisschen erschöpft.” Da sie nicht besonders erpicht darauf war, Einzelheiten über sein Familienleben zu hören, lächelte sie höflich und wollte das Zimmer verlassen. Er hielt sie jedoch zurück, indem er ihren Arm umfasste. “Ich wollte, dass du es als Erste erfährst, Nyssa. Sie ist wieder schwanger.”

Er hatte es ihr selbst sagen wollen. Bevor jemand anderes es tat. Deswegen war Gil an diesem Abend gekommen.

Obwohl er nie etwas verlauten ließ, war es offensichtlich, dass er von ihren Gefühlen wusste. Er war ein Freund ihres Vaters, allerdings jünger als dieser, und hatte immer darauf geachtet, sie nicht zu verletzen. Und da er genau wie Kitty annahm, es wäre lediglich jugendliche Schwärmerei, behandelte er sie auch wie ein Schulmädchen. Aber sie war zweiundzwanzig. Und sie wollte nicht, dass er nett zu ihr war.

“Das freut mich sehr für euch”, erwiderte sie angemessen fröhlich. “Habt ihr es schon James und Sophia erzählt?” Seit ihre Mutter Kittys verwitweten Vater geheiratet hatte, war Nyssa nicht in der Lage, sie anders als mit ihrem Vornamen anzureden. “Ihr fahrt doch zu James’ Geburtstag, oder?”

“Ja, und bei der Gelegenheit wollten wir es allen sagen. Du kommst doch auch, oder?”

“Wenn ich kann. Es sieht so aus, als würde Parker das Kino abreißen lassen, bevor wir ihn daran hindern können.” Sie runzelte die Stirn.

“Sophia ist bestimmt sehr enttäuscht, wenn du nicht kommst”, erklärte Gil. “Wir können dich mitnehmen, wenn du nicht selbst fahren willst.”

“Nein. Ich versuche es.” Wenn sie hinfuhr, würde sie lächeln und ihre Gefühle überspielen müssen, so wie sie es seit der Hochzeit der beiden tat. Wenn sie nicht fuhr, würde Kitty den Grund erraten und sie bemitleiden. Ihre Mutter würde ebenfalls den Grund erraten und sich Sorgen um sie machen. Und Gil würde sich schuldig fühlen. Aber wenigstens hatte sie nun einen Vorwand, ihn wegzuschicken. “Du solltest zu Hause bei Kitty sein, Gil.”

“Sie wollte, dass ich herfahre. Sie macht sich Sorgen um dich, Nyssa.”

Glaubte er wirklich, es half ihr, wenn sie wusste, dass seine Frau ihn geschickt hatte? “Der ganze Lambert-Clan scheint sich meinetwegen zu grämen, aber es ist wirklich nicht nötig. Hier habe ich viele Freunde, Gil. Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist, dass der Diaprojektor während meiner Präsentation den Geist aufgibt.”

Wie zum Beweis klopfte es in dem Moment an der Tür. “Nyssa? Bist du fertig? Wir warten alle in der Bar auf dich.”

“Ich komme gleich, Pete. Bestell mir bitte einen Orangensaft, ja?”

“Wer ist das?”, fragte Gil. “Dein Freund?” Es klang hoffnungsvoll.

“Freund?” Nyssa legte die Hand auf die Brust und lachte gezwungen. “Was für ein altmodisches Wort! Ich bin erwachsen, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest. Da sagt man Lover.”

“Dass du erwachsen bist, ist mir nicht entgangen. Wie sollte es auch, wenn du so ein Kleid trägst?”, fügte er trocken hinzu. “Also, warum machst du deiner Mutter nicht die Freude und bringst ihn am Wochenende mit?”

Mit Pete, der klapperdürr war und einen Stecker in der Nase trug, würde sie ihrer Mutter wohl kaum eine Freude machen können. Allerdings wäre die Atmosphäre in Gils Gegenwart sicher nicht so gespannt, wenn sie einen Mann dabeihatte. “Ich mache dir einen Vorschlag, Gil. Ich komme zu der Party und bringe vielleicht auch einen Freund mit, aber nur, wenn du mich jetzt in Ruhe lässt und nach Hause fährst.” Bitte, fügte sie im Stillen hinzu, sonst fange ich noch an zu weinen.

Matt war beeindruckt. Er hatte sich die Videos von Nyssa Blakes Pressekonferenzen angesehen, doch es war lediglich eine Aneinanderreihung von Ausschnitten gewesen, die man für die Medien zusammengestellt hatte.

Matt war beeindruckt von der Professionalität, aber auch skeptisch. Die Kamera konnte lügen und tat es auch oft. Ein guter Cutter konnte jeden so aussehen lassen, als würde er einen zusammenhängenden Satz über die Lippen bringen. Er wollte die Frau in Aktion sehen. Deswegen hatte er seine Beziehungen spielen lassen und sich einen Presseausweis sowie eine Einladung zur Eröffnung der Kampagne im Gemeindesaal in Delvering besorgt.

Und er war immer noch beeindruckt. Der Gemeindesaal schien aus einem Roman von Jane Austen zu stammen – elegant und mit dem Charme einer vergangenen Ära. Im Fernsehen würde er sich ausgezeichnet machen. Ein Bild war tausend Worte wert, und das hier, so würde Nyssa Blake es den Zuschauern vermitteln, war das England, das sie vor den Kulturbanausen retten würden. Das stimmte natürlich nicht ganz. Das Kino, ein besonders schönes Gebäude aus der Zeit des Art déco, das man eigentlich hätte erhalten müssen, war inzwischen so baufällig, dass es das Fernsehpublikum kaum zu Begeisterungsstürmen hinreißen würde.

Matt hatte den Eindruck, dass einige sehr schlaue Köpfe hinter dieser Organisation steckten, denn man hatte erkannt, dass eine idealistische junge Frau eine hervorragende Sprecherin abgeben würde. Vielleicht hat Parker recht, überlegte Matt, als man am Eingang seinen Presseausweis kontrollierte.

“Danke, Mr. Crosby.” Er befestigte den Ausweis an seiner alten Jeansjacke und nahm die Pressemappe entgegen, die ihm von der jugendlich wirkenden Frau mittleren Alters im Blümchenkleid überreicht wurde. Sie trug das lange Haar offen, und der Name auf ihrem Schild verriet sie als Anhängerin der New-Age-Bewegung.

“Danke”, sagte er lächelnd. “Sky …”

“Gehen Sie einfach durch. Wir fangen gleich an. Anschließend gibt es ein Büfett.”

“Das ist sehr großzügig”, erwiderte er. Er war nicht an Propaganda, sondern an Klatsch interessiert. “Wer zahlt das alles?”

“Unsere Anhänger sind sehr großzügig.” Sie lächelte herzlich. “Wir hoffen natürlich, dass Sie sich mit einer Spende erkenntlich zeigen.”

Lächelnd steckte Matt zwanzig Pfund von Charles Parkers Geld in die Büchse, die sie ihm entgegenhielt. “Könnte ich nach der Pressekonferenz vielleicht ein Interview mit Miss Blake führen?”

Die Frau warf einen Blick auf ihre Liste. “Sie sind Freischaffender, stimmt’s?”

“Stimmt, aber ich soll einen Artikel über Miss Blake schreiben.” Das war nicht ganz gelogen.

“Bei solchen Anlässen ist es immer schwierig, solche Termine zu vereinbaren, Mr. Crosby …”

“Matt.”

“Matt.” Ihr Lächeln wurde noch strahlender, und sie schenkte ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. “Nyssa wird sich hinterher unters Publikum mischen. Vielleicht erwischen Sie sie dann? Oder soll ich sie bitten, Sie anzurufen und einen Termin mit Ihnen zu vereinbaren?”

“Ich gebe Ihnen meine Nummer.” Matt zückte eine Karte, auf der lediglich sein Name stand, und notierte auf der Rückseite die Nummer des Handys, das er eigens für diesen Auftrag angeschafft hatte. Nachdem die Frau sie in eine Mappe mit etwa einem halben Dutzend anderer Karten gelegt hatte, wandte sie sich an den nächsten Besucher. “Wollen wir danach noch etwas trinken?”, fragte er. “Dann könnten Sie mich über die Hintergründe aufklären.”

“Um zehn im Delvering Arms?”, schlug sie etwas zu eifrig vor.

Ich muss mir wirklich einen neuen Beruf suchen, überlegte Matt, als er ins Foyer ging und einen Blick in die Pressemappe warf.

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