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Gefährlich erotisch

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1. KAPITEL

„Hey Leute, wie geht’s euch? Hier ist KSXX aus dem Herzen von Manhattan. Ich bin Callie Ryder, und ich verspreche euch, das wird wieder eine heiße Nacht.“ Verführerisch tönte die dunkle, rauchige Stimme aus den Bose-Lautsprechern.

Luke Cardasian saß auf dem Beifahrersitz eines nagelneuen Geländewagens, neben seinem Bruder Jack, der den Wagen vor kurzem für die gemeinsame Security-Agentur erstanden hatte. Eigentlich war Luke gegen all diese kostspieligen Anschaffungen, doch zugegebenermaßen machte dieses robuste hochrädrige Gefährt durchaus etwas her. Ein wenig schuldbewusst stellte Luke fest, dass es ihm gefiel, in so einem tollen Auto zu sitzen. Er fühlte sich darin stark und unbesiegbar.

„Heute Nacht werden wir uns mit richtig harten Dingen beschäftigen“, raunte die Stimme aus dem Radio.

Erstaunt blickte Luke auf.

„Lasst uns über Erektionen sprechen: Wie man sie möglichst lange aufrechterhält und was man damit so alles anstellen kann.“

„Was hörst du denn für einen Mist!“, fauchte Luke Jack an.

Luke hatte die letzten sechs Jahre im Ausland verbracht. Als Begleiter war er mit Entwicklungshelfern und Journalisten in Limbasa unterwegs gewesen, einem Land, in dem damals Bürgerkrieg geherrscht hatte. Er kannte das Land gut, denn er hatte einen Teil seiner Kindheit dort verbracht. Bevor er nach Limbasa gegangen war, war er vier Jahre als Mitglied der Navy in vielen verschiedenen Häfen der Welt stationiert gewesen. Er hatte also seit seinem achtzehnten Lebensjahr nicht mehr in den USA gelebt. Erstaunt stellte er fest, wie anders hier alles war. Ein wahrer Kulturschock.

Nachdem der Bürgerkrieg in Limbasa endlich ein Ende gefunden hatte, war Luke heimgekehrt, um seinem Bruder im Familienbetrieb zu helfen, denn ihr Vater hatte sich nach einem Herzanfall aus dem Geschäft zurückgezogen.

„Komm schon, hast du noch nie den Midnight Ryder gehört?“, fragte Jack.

„Wie denn?“, antwortete Luke. „Ich war in den letzten sechs Jahren nur drei Tage hier.“

„Du warst einfach viel zu lange weg, Bruderherz. Hör zu, ich gebe dir einen Rat: Wenn du hier zurechtkommen willst, dann lass dir die Haare wachsen und kauf dir um Himmels willen neue Klamotten.“

„Was passt dir nicht an meiner Kleidung?“ Luke sah hinunter auf sein schwarzes T-Shirt, die Khakihose und die schwarzen Springerstiefel. Seine Kleidung war zweckmäßig. „Wir führen eine Security-Agentur.“

„Die Kunden wollen einen Bodyguard und keinen Guerilla-Kämpfer. Es sieht so aus, als wolltest du mit aller Gewalt gegen die moderne Welt ankämpfen.“

„Es ist wohl eher anders herum, und die moderne Welt kämpft gegen mich“, murrte Luke. „Wenn Frauen im Radio öffentlich über Erektionen sprechen …“

„Was ist daran schlimm?“

„Es ist geschmacklos!“

Jack schüttelte den Kopf. „Du und deine Prinzipien. Sei doch endlich einmal etwas lockerer.“

Es war nicht das erste Mal, dass sie unterschiedlicher Meinung waren. Die Brüder hatten wenig gemeinsam. Luke war ernst, zuverlässig und diszipliniert, während Jack es immer schaffte, sich mit einem kleinen Witz oder einem Lächeln aus unangenehmen Situationen zu retten.

Beide waren in den USA zur Welt gekommen. Als Luke vier gewesen war und sein Bruder sechs, war ihr Vater als Militärattaché nach Limbasa versetzt worden. Dort hatten sie zehn Jahre gelebt, bis ihr Vater wieder in die Staaten zurückbeordert worden war. Luke war gerade auf der Highschool gewesen, als sich sein Vater aus dem Militärdienst zurückgezogen und in Manhattan eine Security-Agentur gegründet hatte.

Wie für seinen Vater, hatten Ehre und Idealismus einen hohen Stellenwert für Luke. Deshalb war die Navy genau das Richtige für ihn gewesen. Irgendwann rief dann Mukasi Umbasi an, ein alter Jugendfreund aus Limbasa, und erzählte ihm Schreckliches über Hungersnöte, Landminen und andere Gräuel. Luke wusste sofort, dass er in das Land seiner Kindheit zurückkehren musste, um den Menschen dort zu helfen.

Jack hingegen geriet mehr nach der offenherzigen Mutter, die immer nur das Gute in jedem Menschen sah. Zwar bewunderte Luke seinen älteren Bruder für seine legere Art, doch er befürchtete gleichzeitig, es könnte bei der Zusammenarbeit zu Reibereien kommen. Jack war sehr verschwenderisch, was der Kauf des Geländewagens bewies, und Luke war eher sparsam und zurückhaltend.

„Was stört dich an meinen Prinzipien?“, fragte Luke.

„Du setzt voraus, dass jeder denkt wie du, und erwartest, dass alle deine unrealistische Weltanschauung teilen“, antwortete Jack. „Es wäre wirklich schlimm, wenn alle so wären wie du.“

Luke überging die Bemerkung. Er hatte andere Sorgen: Heute Abend stand ihm sein erster Einsatz als Bodyguard bevor. Jack hatte ihm nicht viele Informationen gegeben, nur dass er eine Buchautorin auf ihrer Lesereise beschützen sollte. Offenbar bekam sie Drohbriefe, und ihre Managerin hatte vorsichtshalber die „Cardasian Personal Security“ engagiert.

Nun befanden sie sich auf dem Weg zu der Klientin. Luke wollte sich über die Hintergründe dieses Auftrags informieren, ehe sie am nächsten Tag gemeinsam nach Los Angeles flogen.

Na dann, an die Arbeit!

Das war es, was er jetzt brauchte – eine Aufgabe, die ihn forderte. Er hatte seit Jahren keinen Sex mehr gehabt, was ihm schwer zu schaffen machte. Deshalb musste er auf andere Gedanken kommen.

Als sie über den Times Square fuhren, fiel Lukes Blick auf eine Plakatwand. Eine schlanke junge Frau mit kurzen feuerroten Haaren war darauf zu sehen. Sie trug einen schwarzen Lederminirock, eine durchsichtige schwarze Wickelbluse, hochhackige Lederstiefel und eine Unmenge Silberschmuck. Ihre strahlenden rehbraunen Augen waren stark geschminkt.

Während sie an der Ampel warteten, konnte sich Luke nicht von dem Bild lösen. Diese Frau hatte eine ungewöhnliche erotische Ausstrahlung. Sie saß auf einem Stuhl, die Beine gespreizt, vor sich ein Mikrofon, und hielt sich scheinbar erschrocken die Hand vor den Mund. Ihr Gesichtsausdruck ließ vermuten, sie habe soeben etwas Anrüchiges ausgeplaudert, und ihre weit geöffneten Augen gaben vor, darüber erschrocken zu sein. Doch das spitzbübische Funkeln ihrer Augen verriet, dass sie den Ausrutscher keineswegs bedauerte.

In dicken Lettern stand über dem Bild: Callie Ryder garantiert Ihnen unerhört guten Sex.

Das also war die Moderatorin dieser geschmacklosen Radiosendung! Luke fand das Plakat abscheulich. Die Frau wirkte aufreißerisch und provokant.

Am meisten ärgerte sich Luke jedoch darüber, dass er sofort auf die aufreizende Pose ansprach. Sein Herz klopfte wie wild, und er spürte eine starke innere Anspannung. Wie sexuell ausgehungert musste er sein, wenn er schon auf eine Reklametafel so stark reagierte?

Was war nur los mit ihm? Warum faszinierte ihn diese Frau? Sie war nichts anderes als ein Foto hoch über der Madison Avenue und entsprach zudem überhaupt nicht seinem Frauentyp. Luke stand auf natürliche, rundliche Brünette und nicht auf dürre, provokante Frauen mit feuerroten Haaren.

„Die ist ein echter Knaller“, bemerkte Jack und starrte auf die Plakatwand, bis die Fahrer hinter ihm zu hupen anfingen.

„Aber du bist doch vergeben“, sagte Luke und warf im Wegfahren noch einmal einen kurzen Blick auf das Plakat.

„Hey, nur weil ich verheiratet bin, darf ich keine anderen Frauen gut finden?“ Jack grinste. „Was glaubst du, wer mich auf den ‚Midnight Ryder‘ gebracht hat?“

„Belinda mag so was?“

„Hör einfach mal zu.“ Jack drehte das Radio lauter, während Luke einen genervten Eindruck machte.

„Hallo, Gina aus Queens“, begrüßte Callie die Anruferin. „Um was geht’s?“

„Es geht um meinen Freund, aber es ist mir etwas peinlich.“ Die Frau sprach mit einem harten New Yorker Akzent, ganz im Gegensatz zu Callie mit ihrer gedehnten Sprechweise, die ihre Herkunft aus den Südstaaten verriet.

„Süße, es geht nur um Sex. Wir können ganz locker darüber reden“, ermunterte Callie sie.

Nur Sex?

Luke schüttelte den Kopf. Vielleicht war er altmodisch, aber für seine Begriffe gingen die meisten Menschen viel zu leichtfertig mit dem Thema um. Er hielt nichts davon, einfach so mit irgendeiner Frau ins Bett zu steigen.

„Bekommt dein Freund keine Erektion?“, fragte Callie.

„Nein, nein“, antwortete Gina.

„Dann hält sie nicht lange genug an? Ist es das?“

„Tja …“, stammelte Gina, „… ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.“

„Wieso weißt du das nicht?“

„Er ist fünfundzwanzig und hatte noch nie eine Freundin, und jetzt hat er Angst davor, mit mir zu schlafen.“

„Und wovor genau hat er Angst?“, fragte Callie mit ihrer tiefen Stimme. Luke bekam eine Gänsehaut.

„Also, weil ich bereits mehr Erfahrung habe, glaubt er wohl, er könnte als Versager dastehen.“

„Ist das auch deine Sorge?“

„Kann sein.“ Gina zögerte. „Was sollen wir nur tun?“

„Vögeln, was sonst!“, scherzte Callie.

Luke war schockiert, Gina lachte nur. „Ich mag ihn wirklich gern, aber langsam verliere ich die Geduld. Über zwei Monate gehen wir jetzt schon miteinander. Meine Freunde sagen, mit dem stimmt was nicht, und raten mir, ihm den Laufpass zu geben.“

„Auf keinen Fall, Gina!“, rief Callie mit leicht bebender Stimme. „Ich finde es ausgesprochen süß von deinem Freund, mit dem Sex zu warten, bis ihr beide emotional so weit seid. Du glaubst nicht, welch ungeahnte Möglichkeiten sich dir auf diese Weise bieten.“

Luke war erstaunt darüber, dass diese Frau den armen Kerl nicht sofort als Schlappschwanz abstempelte. Widerwillig musste er seine Meinung über Callie Ryder ein wenig korrigieren.

„Was meinen Sie damit?“, fragte Gina misstrauisch. „Ich verstehe nicht ganz.“

„Du hast die einzigartige Gelegenheit, deinem Freund zu zeigen, was du gerne magst“, erklärte Callie. „Er ist noch jungfräulich. Das bedeutet, er hat noch keine Unarten, die du ihm erst abgewöhnen musst, und hat keine Erwartungen, die du erfüllen musst.“

„Hm, das stimmt. So hab ich das noch gar nicht gesehen.“

„Wenn ihr das nächste Mal zusammen seid, dann nimm seine Hand und zeig ihm die Stellen, an denen du gerne berührt wirst. Bring ihm bei, was dir gefällt und was dich erregt.“

Luke war bemüht, Callies erotischer Stimme nicht zu erliegen. Trotzdem wurde ihm heiß bei der Vorstellung, es wären seine Finger, die gefühlvoll über ihre erogenen Zonen glitten.

„Aber wenn ich die Führung übernehme, fühlt er sich vielleicht … na, unmännlich?“

„Was ist schlimmer? Dass er sich unmännlich fühlt oder dass du auf ewig unbefriedigt bleibst?“

Gina kicherte.

„Jetzt mal im Ernst“, fuhr Callie fort. „Du musst natürlich mit viel Feingefühl an die Sache herangehen.“

„Wie mache ich das?“

„Du darfst auf keinen Fall fordernd wirken oder seine Technik kritisieren. Er gibt sein Bestes, und Männer reagieren empfindlich, wenn es um ihr Können im Bett geht. Zünde ein paar Kerzen an, zieh dir was Nettes an, leg eine Schmuseplatte auf, und bring ihn dazu, das zu tun, was du gerne magst.“

„Ich glaube, ich kann das nicht. Ich bin nicht wie du, Callie.“

„Natürlich kannst du. Mach ein Rollenspiel daraus, lass dich von deinen geheimen Fantasien leiten.“

„Ein Rollenspiel?“, fragte Gina.

„Stell dir vor, du bist eine wunderschöne, reiche Lady. Klug, elegant und im Bett der absolute Hammer. Du kannst jeden haben, den du willst. Aber du suchst einen Mann, dem es besonders am Herzen liegt, deine Wünsche zu erfüllen.“ Callie fesselte die Zuhörer mit ihrer angenehmen Stimme und entführte sie in eine Welt erotischer Fantasien. Man konnte es deutlich spüren: Sie lebte in ihren Geschichten.

„Die reiche Lady liebt es, die Führung zu übernehmen. Deshalb verschmäht sie die Liebhaber, die Besitz ergreifend sind, und entscheidet sich stattdessen für den jungen, unerfahrenen Stallburschen.“

Luke fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Plötzlich hatte er einen ganz trockenen Mund.

„Es gefällt ihr, dass er rot wird, wenn sie etwas Unanständiges sagt“, fuhr Callie fort. „Sie genießt es, wie er sie mit seinen dunklen, ernsten Augen beobachtet, wenn sie aufs Pferd steigt, und sie liebt ganz besonders seinen intensiven maskulinen Duft.“

Nun spürte Luke, wie er reagierte. Wäre er jetzt zu Hause, könnte er sich schnell Erleichterung verschaffen. Er unterdrückte ein Stöhnen, leicht irritiert darüber, wie empfänglich er doch war.

Eigentlich missbilligte er diese obszöne Radiosendung, doch er musste zugeben, dass ihn die ruchlose Art der Moderatorin faszinierte. Er wünschte, er wäre so einfallsreich und spontan.

Jack stieß ihn mit dem Ellbogen an. „Hab ich dir nicht gesagt, dass sie gut ist?“

„Die Lady beschließt, sich diesen jungen Mann zum Liebhaber zu nehmen“, hauchte Callie ins Mikrofon. „Tief in der Nacht zieht sie ein hauchdünnes Negligee über und huscht zu den Ställen, fest entschlossen, ihn zu verführen.“

Während Callie sprach, erklang im Hintergrund stimmungsvolle Musik.

„Der Stallbursche ist gerade dabei, frisches Heu in die Pferdeboxen zu streuen. Sein Oberkörper ist nackt. Ihr Erscheinen verunsichert ihn, doch gleichzeitig ist seine Erregung spürbar. Er hat Schuldgefühle und weiß, dass es nicht sein darf, doch er hat seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle.“

Luke kämpfte mit sich. Das war zu viel. Eigentlich wollte er genervt das Radio abschalten, doch irgendetwas hielt ihn davon ab.

Es war, als würde er selbst in dem Stall stehen. Er stellte sich vor, er sei der unerfahrene Stallbursche, und die rassige Lady wäre niemand anders als Callie Ryder. Sein Herz klopfte wie wild.

„Langsam geht sie auf ihn zu.“

Der Toningenieur sorgte dafür, dass man das leise Knarren des Holzbodens hörte.

„Sie streckte die Hand aus und fährt über seine muskulöse, schweißfeuchte Brust. Es riecht nach Leder, Heu, Pferden – und nach ihm“, fuhr Callie fort. „Sie atmet schneller, ihr Blut gerät in Wallung, und eine Woge ungebändigter Leidenschaft bricht über sie herein.“

Luke konnte die Szene klar und deutlich vor sich sehen. Erstaunt stellte er fest, dass Callies Fantasien einem jungfräulichen Liebhaber galten, während er, Luke, davon träumte, von einer lebenshungrigen, erfahrenen Frau verführt zu werden.

„Und dann reißen sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib und lieben sich wild und zügellos. Sie sind erfüllt von unbeschreiblicher Lust, als ihre Körper miteinander verschmelzen.“ Die letzten Worte hatte Callie nur noch dahingehaucht.

Das war zu viel. Ganz deutlich hatte er alles vor Augen. Die Frau, den Stallburschen, wie sie sich umarmten, küssten und liebten. Luke musste schlucken. Hör endlich auf, immer an Sex zu denken! befahl er sich. Aber er konnte nicht anders. Je mehr er sich dagegen auflehnte, umso deutlicher sah er Callie vor sich. Ihre festen, runden Brüste, die sinnlichen Lippen und die langen, schlanken Beine.

Luke rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. Seine Liebesabenteuer der letzten Jahre konnte man an einer Hand abzählen. Neben der Arbeit in Limbasa war nicht viel Zeit für andere Dinge geblieben.

Sogar als er auf Erholungsurlaub in Italien und in der Schweiz gewesen war, hatte er nie etwas mit Frauen angefangen. Er hätte es unfair gefunden, denn es war klar, dass er das Land bald wieder verlassen würde. Überhaupt war er nicht der Typ für ein schnelles Abenteuer.

Er wartete noch auf die Richtige.

Und wartete und wartete.

Kaum einer hätte so viel Geduld gehabt, doch Luke glaubte fest daran, dass sie ihm irgendwann begegnen würde. Scheinbar gelangweilt blickte er aus dem Fenster und tat so, als ob er nicht zuhörte. Luke hatte sich als Außenseiter gefühlt. Da er in zwei grundverschiedenen Welten aufgewachsen war, wusste er nie, wo er hingehörte. Für Limbasa war er zu freizügig und für Amerika zu verklemmt.

Es war Freitagnacht, halb zwölf. Der Broadway bot ein buntes Durcheinander unterschiedlichster Menschen. Elegant gekleidete Theaterbesucher, Gruppen von Teenies auf ihrer Tour durch die Discos, Arbeiter, die nach der Spätschicht noch ein Bier trinken gingen. Die Stadt strotzte vor Leben.

Für Luke war das alles fremd.

Um auf andere Gedanken zu kommen, beobachtete er die vielen Menschen auf der Straße. Er hatte ein gutes Auge für Details, was er seiner militärischen Ausbildung zu verdanken hatte. Meist sah er Dinge, die für andere unsichtbar blieben. In der Menschenmenge entdeckte er eine Frau, die ihre Handtasche unachtsam über der Schulter hängen hatte. Der Verschluss war offen und klapperte bei jedem Schritt.

Ein schlaksiger Junge, der müßig an einer Hauswand lehnte, sah es und folgte ihr.

Der will ihr die Handtasche klauen.

Für Luke war das sofort klar. In Limbasa hatte er gelernt, seinem Instinkt zu vertrauen, was ihm schon einige Unannehmlichkeiten erspart hatte.

„Fahr mal rechts ran“, sagte er zu Jack.

„Was?“

„Der Bengel klaut dieser Frau gleich die Handtasche. Aber er wird nicht weit kommen.“ Luke löste den Sicherheitsgurt und öffnete die Wagentür, noch bevor sie zum Stehen kamen.

„Luke, aber das ist …“

Den Rest des Satzes hörte er nicht mehr. Der Junge hatte sich bereits an die Frau herangemacht. Er schubste sie von hinten, und im gleichen Moment schnappte er sich die Tasche. Dann rannte er blitzschnell um die Ecke. Luke hatte ihn bald eingeholt, bekam ihn am Kragen zu fassen und riss ihn herum.

„Hab ich dich erwischt“, fauchte er ihn an. „Was fällt dir ein, einer Lady die Handtasche zu stehlen!“

„Lass mich los, du Blödmann!“

„Gib sofort die Tasche her.“

„Klau dir doch selber eine. Das ist meine“, krächzte der Junge. Sein Gesicht lief bereits rot an, denn Luke hielt ihn fest gepackt.

Er lockerte seinen Griff, nahm dem Burschen die Tasche ab und schob ihn vor sich her.

„Hey, was soll das? Nimm deine Pfoten von mir“, protestierte der Junge.

„Du wirst dich jetzt entschuldigen“, fuhr ihn Luke an. Wenn er die Konsequenzen seiner Tat zu spüren bekäme, würde er vielleicht daraus lernen.

„Das kannste vergessen.“

„Ist es dir lieber, ich hole die Polizei?“

Der Junge blickte ihn finster an.

Luke hielt Ausschau nach der Frau und entdeckte sie in der Menge. Völlig außer Atem erreichte sie die beiden, und mit einer tiefen, rauen Stimme keuchte sie: „Was für ein toller Mann! Ich habe meine Handtasche wieder.“

Erst jetzt konnte Luke erkennen, dass sie gar keine Frau war. Die Gesichtszüge waren eindeutig männlich. Sie hatte eine große Nase, ein markantes Kinn, falsche Wimpern und keine Brüste.

Herrje. Er hatte gerade einem Transvestiten aus der Patsche geholfen.

Luke war so verwirrt, dass er den Jungen laufen ließ. Schnell wie der Blitz verschwand dieser in einer Seitenstraße.

„Mein Held.“ Der Transvestit nahm seine Tasche und klatschte theatralisch in die Hände. „Darf ich dir zum Dank einen Drink spendieren?“, fragte er und zwinkerte ihm vielsagend zu.

„Nein, danke“, grummelte Luke leise vor sich hin. Er wollte nur noch weg und hielt Ausschau nach Jack. Schließlich entdeckte er ihn, wie er im Auto saß und sich bog vor Lachen.

„Ich wollte dir noch sagen, dass das keine Frau ist“, sagte Jack, als Luke wieder im Auto saß. „Aber du lässt dich ja gerne von Äußerlichkeiten täuschen.“

„Du findest das lustig, nicht wahr?“

„Und wie!“

„Egal“, murrte Luke. „Sie oder er oder was auch immer. Es ist jedenfalls nicht in Ordnung, dass der Rotzlöffel die Handtasche klaut.“

Jack schüttelte den Kopf. „Der tapfere Ritter, der stets gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt ankämpft.“

„Halt den Mund und fahr weiter, bevor du einen Strafzettel bekommst.“

Luke war verwirrt. War er wirklich so naiv? Konnte er nicht einmal zwischen einer echten Frau und einem Transvestiten unterscheiden?

Offensichtlich. Ein Grund mehr, sich ab sofort nur noch auf die Arbeit zu konzentrieren.

„Na gut“, sagte Luke. „Du hattest deinen Spaß. Jetzt erzähl mir etwas über den Auftrag. Wie heißt die Klientin?“

Jack grinste immer noch. „Die Unterlagen sind im Handschuhfach.“

Luke öffnete die Klappe und zog einen braunen Ordner heraus. Er blätterte in den Papieren und war sichtlich verdutzt, als er ein Foto von Callie Ryder sah.

„Ich verstehe nicht ganz.“ Fragend blickte er zu Jack. „Was soll das bedeuten?“

„Das ist die Auftraggeberin.“

„Bitte?“

„Unsere Callie hat ein Buch über ihre Erlebnisse als Moderatorin dieser Radioshow geschrieben. Aus diesem Grund habe ich auch das Radio angemacht. Du solltest einen kleinen Vorgeschmack bekommen auf das, was dich erwartet.“ Jacks Grinsen war jetzt beinahe boshaft.

„Heißt das, ich soll Callie Ryder als Bodyguard begleiten?“ Ihm wurde plötzlich ganz anders.

„So ist es.“

„Es macht dir Spaß, mich in unangenehme Situationen zu bringen.“

„Irgendwie schon.“ Jack zwinkerte ihm zu. „Überleg doch mal – du und Callie, ganz allein unterwegs.“

„Ja, im Auto“, brummte Luke. Ihm war nicht wohl bei der Sache.

„In Hotels“, berichtigte Jack.

„Wie lange? Drei Wochen?“

„Ja. Stell dir doch einfach vor, du machst Urlaub. Als Kind hast du dich immer wahnsinnig gefreut, wenn wir weggefahren sind. Und unterwegs kann so einiges passieren, wenn du verstehst, was ich meine.“

Luke konnte sich ausmalen, was ihn erwartete. Er würde einundzwanzig Tage lang mit dieser Wahnsinnsfrau unterwegs sein, sein Verlangen nach Sex würde immer größer werden, doch sein Anstand würde es verbieten, sich an sie ranzumachen.

Wirklich toll.

„Manchmal werden Träume wahr“, sagte Jack lachend.

Von wegen Träume! Für Luke war es ein Albtraum.

2. KAPITEL

„Nach den Nachrichten bin ich wieder für euch da“, hauchte Callie ins Mikrofon. „Ruft mich an, dann werden wir unsere überaus interessante Unterhaltung über die Fakten des Lebens fortsetzen. Keine Hemmungen! Lasst uns über Sex sprechen.“

Das rote Licht über der Studiotür von Radio KSXX erlosch, und die Studiotechnikerin Barb Johnson startete das Nachrichtenband. Callie setzte den Kopfhörer ab, nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und fuhr sich mit den Fingern durch ihre kurzen, leuchtend roten Haare. Ihre zahllosen silbernen Armbänder und – reifen klimperten jedes Mal, wenn sie sich bewegte.

„Wow, Cal, das mit dem Pferdeburschen war eine tolle Geschichte!“ Barb fächelte sich Luft zu. „Mir ist ganz schön heiß geworden.“

Ehrlich gesagt hatte das Szenario mit der dreisten Lady auch Callie nicht kalt gelassen. Heimlich träumte sie davon, einen jungen, unerfahrenen Mann zu verführen und ihn unter ihrer Anleitung zum besten Liebhaber aller Zeiten reifen zu lassen.

Callie hatte sogar eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie dieser Rohdiamant von einem Liebhaber aussehen sollte. Er sollte groß sein, schlank und unerhört männlich. Sie stellte sich eine moderne Ausgabe von Sir Galahad vor: großherzig, loyal, selbstbewusst. Und sie wäre diejenige, die sich seiner annehmen würde.

Als sie sich ihren Helden vorstellte, bekam sie eine Gänsehaut.

Callie musste schlucken. Ihr war, als sehe sie ihn vor sich stehen.

Sie konnte sich nicht erklären, warum sie es so erregend fand, mit einem unerfahrenen Mann Sex zu haben. Lag es daran, dass sie gerne die Führungsrolle übernahm? Diese Fantasien beherrschten immer wieder ihre Gedanken. Die Anruferin aus Queens hatte ihr heute Abend die Möglichkeit geboten, vor den Zuhörern ihre eigenen, tief verborgenen Wünsche auszubreiten.

Sie wusste, dass ihre Hörer genauso empfanden wie sie. Heute war sie ziemlich aufgewühlt, ihre Geschichte hatte mit Sicherheit auch die Zuhörer nicht kalt gelassen. Jetzt hoffte sie nur noch, dass sie keine Probleme mit dem Programmchef bekam, denn eigentlich hatte sie heute die Grenzen überschritten.

„Ich muss gleich Thaddeus anrufen. Er soll sich schon mal bereit machen, denn ich fahr jetzt nach Hause“, sagte Barb. Seit fünfundzwanzig Jahren war sie mit ihm verheiratet. „Ich bin so richtig in Stimmung.“

Barb war etwas über vierzig und eine dunkelhäutige Schönheit. Sie trug einen äußerst feminin geschnittenen Hosenanzug und bildete damit einen augenfälligen Kontrast zu Callie in ihrem grünen Minirock, dem schwarzen Trägertop und den Springerstiefeln.

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