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Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte!

FRANZISKA ROGGER

«GEBT DEN
SCHWEIZERINNEN
IHRE GESCHICHTE!»

MARTHE GOSTELI,
IHR ARCHIV
UND DER ÜBERSEHENE KAMPF
UMS FRAUENSTIMMRECHT

VERLAG NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

PROLOG

Für eine eigenständige Geschichte der Schweizerinnen, für ein stolzes Selbstbewusstsein und für eine gleichberechtigte Zukunft

PROLOG

Die Schweizerinnen haben eine eigene, in sich selbst beruhende unverwechselbare Geschichte, nur wurde sie noch nie erzählt. Die universitäre Wissenschaft hat die den Männern gegengleiche Geschichte der Schweizer Frauen unterschlagen. Sie hat für das immer wieder isoliert erwähnte Kernstück der Frauengeschichte, den Stimmrechtskampf, die Hauptquellen nicht beachtet. Der Sieg in diesem politischen Frauenkampf war auf der Basis einer veränderten Schweiz das Ergebnis einer über Generationen hinweg erprobten Taktik der Schweizer Frauen, die 1971 endlich aufging. Dabei war die politische Gleichberechtigung als Ausgangspunkt für eine nachhaltige und vollwertige Gleichberechtigung gedacht. Dieser Kampf wird in Teil 1 erstmals auch anhand der Akten der federführenden, von links wie rechts unterstützten und präsidierten Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau erzählt, bei der in den nationalen Abstimmungen von 1959 und 1971 sämtliche Fäden zusammenliefen.

Teil 2 beschreibt ein individuelles, weibliches Leben, zurechtgestutzt von den damaligen als frauengerecht empfundenen Einschränkungen, überlagert von äusseren Bedingtheiten und angereichert von weiblichen Vorbildern. Es ist die Lebensgeschichte der Pionierin Marthe Gosteli, die sich im Frauenstimmrechtskampf persönlich und leitend engagierte. Zudem gründete sie auf ihrem eigenen Gutshof in Worblaufen bei Bern das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung. Darin finden sich nicht nur zentrale Dokumente zum Stimmrechtskampf, sondern auch wichtige, bis ins 19. Jahrhundert zurückgehende Papiere zur Vergangenheit der Schweizer Frauen überhaupt. Als Archivarin und Historikerin des Herzens half Gosteli mit, den Schweizerinnen zu ihrer Gleichberechtigung in der Geschichte zu verhelfen, die ihrer Ansicht nach unabdingbar für eine gleichberechtigte, emanzipierte Zukunft ist: «Ohne Gleichberechtigung in der Geschichte keine Gleichberechtigung in der Zukunft.»1

Auch die Frauen in der Schweiz entwickelten sich vom eng eingebundenen Mitglied des Familienverbands zur individuellen Persönlichkeit. Beides gilt es in Teil 3 konkret vor Augen zu führen. Anhand der weit ins 18. Jahrhundert zurückgreifenden Familienpapiere der Familie Gosteli, heute im Staatsarchiv Bern beherbergt, kann die Entwicklung Schritt für Schritt anhand eines Beispiels vorgezeigt werden. Nur mit dem langen Atem durch die Geschichte der Ahnen und Vorfahrinnen sind die Prägungen der Schweizerinnen und gegengleich auch jene der Schweizer zu erkennen. Diese Prägungen, die sowohl Männer wie Frauen imprägnierten, lassen weibliche Diskriminierungen und männliches Machtgehabe begreifen, auf dass beides zu beiderseitigem Vorteil überwunden werden kann.

Abb. 1: Marthe Gosteli, lachend in ihrem Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, das sie im Haus ihrer Vorfahren auf dem Altikofen in Worblaufen 1982 eingerichtet hat. Vor ihr auf dem Tisch liegen Fotos verdienter Stimmrechtskämpferinnen, in ihrem Rücken stapeln sich Archivschachteln mit Dokumenten aus der schweizerischen Frauenwelt.

Ohne eine Geschichte der Schweizerinnen gibt es auch kein stolzes, weibliches Selbstbewusstsein. Ohne eine Geschichte der Schweizerinnen sind auch ihre Stärken und Siege nicht zu erkennen. Die Helvetierinnen versinken entweder in einem Dunst von Unwissenheit oder in einem Sumpf von Niederlagen. Dabei gibt es nebst vielem Unerfreulichem und vielen Diskriminierungen auch erfreulich Bemerkenswertes: stolze Siege, eigenständige Erfolge und schweizerische Stärken.

Erstens hatten nirgendwo anders auf der Welt die Frauen ihre Wahlrechte gegen einen männlichen Souverän zu erkämpfen. Die Schweizerinnen haben es als einzige geschafft, gegen die Phalanx der Männer anzutreten und zu gewinnen. Die Bedeutung der Schweizer Frauenbewegung war, dass sie trotz grosser Differenzen und selbst mit Frauen, die innerhalb der bestehenden Gesellschaft keine Chance zur echten Gleichberechtigung sehen konnten, in der Frauenstimmrechtsfrage legal und unblutig siegte. Dabei müssen die Schweizer Frauen nicht auf einen leidvollen Weltkrieg zurückblicken, der ihnen aus den Trümmern heraus zu ihrem Recht verhalf. Kriegsbedingte Erschütterungen mögen den Frauen europäischer Länder ihr Wahlrecht früher gebracht haben. Allerdings wurde auch im Ausland möglichst schnell die «verkehrte» Welt revidiert, auf dem Arbeitsmarkt die «natürliche» Privilegierung des männlichen Geschlechts wiederhergestellt.2 Die Schweizerinnen mussten sehr lange auf den Moment warten, wo sie auf gänzlich verändertem Terrain mit organisierter Verweigerung die politische Bevorzugung der Männer aushebeln konnten. Die eigentliche Grösse und Würde der Schweizer Frauen steckt in der Hartnäckigkeit, in der Wiederholung, in der Unbeugsamkeit. Sie siegten erst nach jahrzehntelangem Ausharren mit einer raffinierten Taktik des Widerstands. Ein beispielloser Erfolg!

Zweitens haben die Schweizerinnen seit 1971 Abstimmungs-, Initiativ- und Referendumsrechte, die kein anderes Land seinen Frauen (und Männern) bietet.3

Drittens waren die Schweizerinnen fähig, auch ohne Stimmrecht neben der offiziellen, politischen Schweiz eine funktionierende, gut organisierte Nebenwelt zu schaffen, einen Staat im Vereinsmassstab, um sich, vom offiziellen Politleben ausgeschlossen, doch irgendwie ins Milizsystem des Herrenstaates einzuklinken und für die Männer glaubwürdig und unumgänglich zu werden. Das so gewonnene politische Gespür und das Wissen der Frauen kamen der Schweiz in entscheidenden Kriegszeiten zugute und liessen sie überleben. Mag es in der wirtschaftlichen Männerwelt ausgesehen haben, «als habe es die Frauen nicht gegeben»,4 in der weiblichen Gegenkonstruktion gab es sie seit Jahrzehnten. Die Männer nahmen diese weibliche Welt selten ernst, viele Frauen übersahen sie, und sie schufen ein «Misserfolgsnarrativ» – vielleicht aus Gründen der Selbstdiskriminierung.

Viertens wurde den Frauen nirgendwo auf der Welt so früh der Zugang zu den Universitäten geöffnet. Die allerersten Studentinnen, Doktorinnen und Professorinnen finden sich ab 1867 in der Schweiz. Hier war die Schweiz Pionierin. Und gerade in der organisierten Frauenbewegung gab es viele Akademikerinnen, die ihre erworbenen Kenntnisse für die Emanzipation im beruflichen und politischen Leben einsetzten. Mag die politische Gleichberechtigung viel zu spät gekommen sein, eine akademische Chancengleichheit bestand umso früher. So war die Schweiz, was die Gewerbemöglichkeiten betraf, verhältnismässig avantgardistisch.

Fünftens griffen Frauen in ihrer Geschichte auf das Wissen ihrer Vorfahrinnen zurück. Sie zogen in ihren Vereinigungen neue Mitglieder nach, die sie mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen anlernten. Die Lehrerinnen der Mädchenschulen etwa, die gut und zum Teil an Universitäten ausgebildet waren, begeisterten junge Frauen für ihre Rechte. Sie lernten über Generationen hinweg voneinander. Die Schweizerinnen haben sich in ihren vielen Kämpfen personell, taktisch und vereinsstrategisch aufeinander bezogen, sie haben also eine eigenständige, in sich selbst fortlaufende weibliche Geschichte entwickelt.

Sechstens waren Schweizerinnen fähig, Eigeninitiativen umzusetzen. Wo haben Frauen ein ganzes Spital samt Pflegerinnenschule aufgebaut und betrieben, wie es 1900 die Schweizer Akademikerinnen und Pflegerinnen taten? Nonprofitunternehmungen verdanken weiblichen Kräften ihr Bestehen. Schweizer Frauen haben Mädchenschulen aufgebaut, Heime und Restaurants in eigener Regie geführt. Sowohl die Damen um 1900 wie auch die Frauen um 1980 managten Informationsstellen, schufen männerfreie Räume und gaben Zeitungen heraus.

Siebtens übernahmen die Schweizerinnen bei der Gestaltung schweizerischer Zukunft die Vorreiterinnenrolle. Die Schweizerinnen nahmen den Weg zu einer gerechteren, gegengleichen Gleichberechtigung nach 1971 unter die Füsse, weit früher als die Männer. Sie mussten sich nämlich lange vor den Schweizer Männern damit auseinandersetzen, wie eine individualisierte Gesellschaft weit weg vom Familienverbund, der als wirtschaftliche, soziale, gesellschaftliche Interessengemeinschaft funktioniert, aussehen müsste. Die Schweizer Männer konnten sich noch lange als Oberhaupt eines allerdings stark geschrumpften Familienbundes fühlen. Erst zögerlich wurden sie gewahr, dass sie sich in eine neue Rolle schicken mussten. Der Schweizer Mann hält heute fest, dass er zwar als traditionelles Oberhaupt der Familie ausgedient, «aber seinen neuen Platz noch nicht gefunden» habe.5 Dass den Schweizer Frauen ihre Rechte weit über ein nachvollziehbares Datum hinaus verweigert wurden, war eine Diskriminierung. Dass die Schweizer Männer ihre neuen Rollen über ein nachvollziehbares Datum hinaus vertagen, ist in der Konsequenz stimmig. Und eine späte Rache?

TEIL 1

Die unterschlagene, eigenständige Geschichte der Schweizerinnen: ihre Hartnäckigkeit, ihre Taktik des Widerstands und ihr Sieg

Teil 1 zeigt den politischen Kampf der Schweizer Frauen erstmals anhand der wichtigsten bis anhin unterschlagenen Hauptquellen. Das Grundlagenmaterial für diese Historie liegt im Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, das von Marthe Gosteli, einer der frauenpolitischen Pionierinnen, gegründet wurde. Erzählt wird, wie sich die Schweizerinnen mit der Forderung nach politischer Gleichberechtigung vorerst auf das weibliche Frauenstimm- und -wahlrecht konzentrierten und wie sie auf der Basis einer veränderten Schweiz und einer über Generationen hinweg erprobten Taktik 1971 siegten. Nicht zuletzt dank des langen Kampfs für politische Rechte besitzen die Schweizerinnen eine eigene, in sich selbst beruhende unverwechselbare Geschichte – die aber bis heute nie erzählt wurde. Bezüge zu Marthe Gostelis Leben, das in Teil 2 behandelt wird, sowie ihre Bemerkungen als eine zeitgenössische Mitkämpferin sind bereits in diesen Teil 1 eingestreut.

DER LANGE WEG BIS ZUR STIMMRECHTSNIEDERLAGE VON 1959

Der Paukenschlag der SAFFA von 1928 und das Vorbeikriechen der Stimmrechts-Schnecke

Immer wieder hatten sensationelle Auftritte und erregende Statements einzelner Schweizerinnen auch in früheren Jahrhunderten aufhorchen lassen. Noch nie aber hatten die Frauen ihre Verdienste und Wünsche so sichtbar und einmütig, so öffentlich und national dargestellt wie an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit SAFFA 1928 in Bern. Die Schweiz war begeistert.

Den Schwerpunkt setzten die berufstätigen Frauen. Die Promotorinnen der SAFFA waren Frauenberufsverbände. Die Schweizerinnen waren nicht mehr nur in bäuerlichen Grossfamilien aufgehoben. Viele arbeiteten ausser Haus als Handwerkerinnen, Gewerblerinnen oder Dienstleisterinnen. Ende der 1920er-Jahre gab es unzählige stellenlose Lehrerinnen und Sekretärinnen.

In dieser nationalen Schau zeigten die Schweizerinnen, wozu sie imstande waren. Um alle für die SAFFA arbeitenden Frauenkomitees aufzuzählen, brauchte es im Ausstellungskatalog 13 eng bedruckte Seiten. Damals war jede fünfte Einwohnerin Mitglied in einem der 1626 Frauenvereine. Die heutige Sicht mag trügen; nicht nur besonders bewusste Frauen wirkten in Vereinen mit, es war normal, vornehmlich in gemeinnützigen Frauenvereinen mitzutun. Die Frauenstadt der SAFFA war von der Architektin Lux Guyer in lockerem Pavillonstil auf knapp 100000 Quadratmeter auf dem Viererfeld erbaut worden. Vierzehn Gruppen vom Hausfrauenverein Bern bis zu den Schweizerinnen im Ausland präsentierten rund 5600 Schaunummern. Das SAFFA-Orchester bestand aus lauter Musikerinnen. Eine eigene SAFFA-Zeitung und ein Theaterstück wurden kreiert, ein SAFFA-Gedicht und ein SAFFA-Walzer geschrieben.