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Geborgen in den Armen des Scheichs

Liz Fielding

Geborgen in den Armen des Scheichs

1. KAPITEL

Lydia Young stand im Mittelpunkt des Empfangs in einem exklusiven Londoner Hotel. Sie war von Kopf bis Fuß nur eine Fälschung, aber die beste, die es gab. Und das erfüllte sie mit Befriedigung.

Ihr Kostüm, die Nachahmung eines Designermodells, stammte aus der Maschine ihrer Mutter, die früher für einen Couturier genäht hatte. Ihre Schuhe, Handtasche und Armbanduhr waren hervorragende Kopien und von den Originalen kaum zu unterscheiden. Doch diese unverzichtbaren Äußerlichkeiten allein machten noch nicht ihren Erfolg aus. Es war die Perfektion, mit der sie ihre Rolle spielte.

Dafür hatte sie wie eine Schauspielerin ihr Vorbild studiert und gelernt, dessen Gang, Gestik, Mimik und Körperhaltung zu imitieren. Auch die Stimme konnte sie nachmachen, und das weltberühmte strahlende Lächeln beherrschte sie inzwischen so selbstverständlich wie das Atmen, obwohl harte Arbeit dahinter steckte.

Als Doppelgängerin wurde sie stundenweise gebucht, um Club- und Restauranteröffnungen, Vorstellungen neuer Produkte oder anderen geschäftlichen Veranstaltungen Glamour zu verleihen. Und obwohl alle Anwesenden wussten, dass sie nicht die echte Berühmtheit vor sich hatten, ließen sie sich von ihrer Erscheinung und ihrem Benehmen so sehr gefangen nehmen, dass sie sie mit der gleichen Ehrerbietung behandelten wie das Original. Das empfand Lydia als die eigentliche Belohnung.

Während sie sich unter die Gäste mischte und mit ihnen für die Fotografen posierte, fragte sie sich wieder einmal, was später mit den Fotos geschah. Ob sie gerahmt und auf Kaminsimse gestellt wurden, um Freunde und Nachbarn glauben zu lassen, dass sie Englands Liebling persönlich begegnet waren?

Einige Leute sprachen sie auch an. Lydia gab ihnen die Hand, lächelte, beantwortete Fragen und plauderte, als käme sie tatsächlich aus vornehmem Hause.

Schließlich drängte sich der Unternehmensleiter zu ihr und überreichte ihr eine blassrosa Rose, die zum Image ihrer berühmten Doppelgängerin genauso gehörte wie das bezaubernde Lächeln. Und damit endete ihr Auftritt.

Nun war es an der Zeit, ins wirkliche Leben zurückzukehren, ihre Mutter zu einem Krankenhaustermin zu begleiten und danach die Abendschicht im Supermarkt anzutreten, wo sie vielleicht die neue Teesorte ins Regal räumen würde, deren Einführung man soeben mit ihrer täuschend echt wirkenden glanzvollen Anwesenheit gefeiert hatte. Lydia mochte solche ironischen Verknüpfungen ihres eigentlichen Lebens mit dem, das sie nur vorspielte.

Sie eilte durch das Foyer des Hotels zur Garderobe, um sich in Lydia Young zurückzuverwandeln und mit dem Bus nach Hause zu fahren. Aber auch dort würden die Leute sie irritiert anstarren.

Seit ihren Teenager-Jahren drehten sich Passanten nach ihr um und riefen „Rose“ hinter ihr her. Die Ähnlichkeit war tatsächlich frappierend. Mehr noch als die Haarfarbe und die ebenmäßigen Gesichtszüge ähnelten ihre lebhaften blauen Augen denen von Lady Rose. Sie hatte das noch unterstützt, indem sie deren Frisur kopierte und ihre Mutter darum bat, ihr die gleiche kleine schwarze Samtjacke zu nähen, wie Lady Rose sie auf den Zeitungsfotos zu ihrem sechzehnten Geburtstag getragen hatte. Seitdem ahmte Lydia den Stil von Lady Rose nach, so wie die Generation ihrer Mutter den einer jungen Prinzessin nachgeahmt hatte.

Wer wollte nicht wie eine Ikone aussehen?

Durch ein Foto in einer Lokalzeitung hatte die landesweit größte Doppelgänger-Agentur sie entdeckt, und so war sie über Nacht zu einer zweiten Lady Rose geworden. Auf diese Weise hatte ihre an den Rollstuhl gefesselte Mutter wieder eine Lebensaufgabe gefunden. Sie suchte nach geeigneten Stoffen für die elegante Ausstattung ihrer Tochter und nähte Kostüme und Kleider für sie. Die Auftritte brachten auch Geld in die gemeinsame Haushaltskasse, sodass Lydia seitdem sorgloser lebte, ihren Führerschein gemacht und sogar ein eigenes Auto erspart hatte, um den Bewegungskreis ihrer Mutter zu erweitern.

In der Hotelhalle bemerkte Lydia nun eine merkwürdige Unruhe. Doch anders als gewohnt, zog nicht sie, sondern eine andere Person die Aufmerksamkeit auf sich. Und unversehens stand sie Auge in Auge der Frau gegenüber, die sie vorgab zu sein.

Lady Roseanne Napier. Dem Liebling Englands.

Sie war es leibhaftig von Kopf bis Fuß. Vom entzückenden Hut bis zu den hocheleganten Schuhen.

Lydia drohten die Beine zu versagen, und sie betete, dass sich der Boden öffnen und sie verschlingen möge.

Doch das tat er natürlich nicht. Es war Lady Rose, die mit einem ironischen Lächeln in den Mundwinkeln die Situation und damit den Tag rettete.

„Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Leider ist mir Ihr Name entfallen“, sagte sie und streckte die Hand aus.

Lydia ergriff sie. Nicht nur aus Höflichkeit, sondern auch, um sich daran festzuhalten. „Lydia, Madam. Lydia Young“, stotterte sie.

Sollte sie jetzt einen Knicks machen? Häufig knicksten Frauen vor ihr, doch sie war sich nicht sicher, ob ihre Beine dafür stark genug waren. Vielleicht würde sie sich nicht wieder aufrichten können. Die Situation war peinlich genug, aber zu einer Farce durfte sie nicht ausarten.

Als ihr bewusst wurde, dass sie immer noch die Hand von Lady Rose hielt, zog sie sie zurück und stammelte eine Entschuldigung. „Verzeihen Sie. Ich wusste nicht, dass Sie hier sind.“

„Ach, ich bitte Sie, das ist doch kein Problem.“ Lady Rose nahm sich die Zeit, ein paar Worte mit ihr zu wechseln und sie zu fragen, was sie in dem Hotel mache. Schließlich wandte sie sich wieder ihrem Begleiter zu, von dem es hieß, dass sie ihn heiraten würde, drehte sich aber noch einmal um und sagte: „Mich interessiert allerdings, was Sie dafür nehmen, wenn Sie mich spielen. Ich frage nur so, falls ich mal einen Tag frei nehmen möchte.“

„Für Sie mache ich das natürlich umsonst, Lady Rose. Rufen Sie mich einfach an.“

„Zu einer dreistündigen Wagner-Oper haben Sie heute Abend wohl keine Lust, nehme ich an“, erwiderte Lady Rose und schüttelte den Kopf, ehe Lydia antworten konnte. „Das war nur ein Scherz. So etwas würde ich Ihnen nicht zumuten.“

Obwohl sie lächelte und ihre Worte heiter klingen sollten, hatte Lydia auch Traurigkeit gespürt. Spontan griff sie in ihre kleine Handtasche und reichte Lady Rose ihre Visitenkarte.

„Ich meine es ernst. Sie können mich jederzeit anrufen.“

Drei Wochen später klingelte ihr Handy, und Lydia hörte wieder die Stimme, die sie so gut kannte wie ihre eigene. „Haben Sie es wirklich ernst gemeint?“

Kalil al-Zaki schaute in den winterlich kahlen Garten der Botschaft seines Landes in London und beobachtete, wie die Kinder des Botschafters dort unter der Aufsicht ihres Kindermädchens herumtobten.

Er war nur ein paar Jahre jünger als sein Cousin und fand, dass ein Mann in den Dreißigern eigentlich eine Familie haben sollte. Söhne und Töchter …

„Ich weiß, wie sehr du beschäftigt bist, Kal. Aber es handelt sich nur um eine Woche.“

„Mir ist immer noch nicht klar, worin das Problem eigentlich besteht.“ Er versuchte, Bitternis und Ärger, die von Tag zu Tag größer wurden, hinunterzuschlucken, wandte sich vom Fenster und den Kindern ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf deren Mutter, die entzückende Frau seines Cousins, Prinzessin Lucy al-Khatib. „Lady Rose wird in Bab el Sama gewiss nichts passieren.“

In dem Feriendomizil der königlichen Familie von Ramal Hamrah war Sicherheit garantiert.

„Du hast recht“, gab Lucy zu. „Aber gestern hat ihr Großvater mich besucht und sprach von Drohungen gegen sie.“

Kalil runzelte die Stirn. „Was für Drohungen?“

„Einzelheiten wollte er mir nicht verraten.“

„Sehr hilfreich. Und warum kam er zu dir und nicht zu Hanif? Er hätte sich doch eigentlich an den Botschafter und nicht an dessen Frau wenden müssen.“

„Ich war es, die Rose angeboten hat, in unser Haus in Bab el Sama zu fahren, wann immer sie möchte.“ Sie hob die Schultern. „Zum Schlachtplan des Dukes gehört es, seine Enkelin nicht zu beunruhigen.“

Zum Schlachtplan?

„Er hielt es für die einfachste Lösung, wenn ich unter einem Vorwand meine Einladung zurückziehe.“

Kalil bildete sich ein zu merken, wenn eine Frau etwas im Schilde führte. Schließlich hatte er eine Mutter, Stiefmütter und so viele Schwestern, dass er sie kaum zählen konnte. Irgendetwas stimmte hier nicht.

„Du glaubst, dass er sich grundlos aufregt?“

„Er hat seinen Sohn und seine Schwiegertochter auf brutale Weise verloren. Verständlicherweise will er seine Enkelin beschützen. Sie durfte nicht einmal eine Schule besuchen …“

„Lucy“, stieß er ungeduldig hervor. Wie kam sie nur auf die Idee anzunehmen, er hätte Lust, auf eine verwöhnte Prinzessin aufzupassen, hinter der die Medien herjagten? Lucy war ihm doch eigentlich wohlwollend gesonnen. „Entschuldigung.“

Sie ging mit einer Handbewegung darüber hinweg. „Irgendetwas wird schon daran sein. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, bekommt auch Mails von Verrückten, aber …“

Aha, es gab also ein Aber. Er hatte es schon vermutet.

„… ich glaube, dass sich nur eine harmlose enttäuschte Seele wegen der Gerüchte um eine Verlobung zwischen Rose und Rupert Devenish Luft gemacht hat.“

„Dann gehst du also davon aus, dass der Duke die nicht ernst gemeinte Drohung nur vorgeschoben hat, um seine Enkelin streng im Auge zu behalten?“ Er selbst glaubte nicht daran. Rose war schließlich kein Kind mehr. Mitte zwanzig musste sie schon sein.

„Vielleicht bin ich ja ungerecht.“ Lucy seufzte. „Natürlich ist sie das Wertvollste, was er noch hat, aber ich finde, er übertreibt seine Fürsorge.“

„Womit er nicht der Einzige wäre“, murmelte Kalil. Wenn er auch vermutete, dass das Image von Reinheit und Herzensgüte nichts weiter war als das Ergebnis einer ausgezeichneten PR-Arbeit, so kauften die Medien es doch gerne ab, zumindest so lange, bis sie etwas Pikanteres auf den Titelseiten zu berichten hatten. „Wenn Lady Roseanne Napier in Ramal Hamrah irgendetwas zustoßen sollte, werden sich die britischen Blätter darauf stürzen.“ Und ihn würden sie verantwortlich dafür machen.

„Sie stürzen sich ständig auf Rose und machen vor ihrer Privatsphäre nicht halt.“

„Sie können nur das fotografieren, was Lady Rose tut“, warf er ein.

„Aber sie tut nichts.“

„Wirklich?“ Er runzelte ungläubig die Stirn. „Sie ist tatsächlich so unschuldig, wie man sagt?“

„Darüber solltest du dich nicht lustig machen, Kalil“, rügte Lucy ihn. „Seit ihrem sechzehnten Geburtstag steht sie im Rampenlicht und wird als Engel des Volkes gefeiert. Schon zehn Jahre kann sie sich nirgendwo hinbegeben, ohne fotografiert zu werden.“

„Dann hat sie mein vollstes Mitgefühl.“

„Das verdient sie auch, Kal. Sie braucht dringend ein bisschen Abgeschiedenheit und Zeit für sich, um herauszufinden, wie es weitergehen soll.“

„Hast du mir nicht erzählt, dass sie heiraten will?“

„Ich habe gesagt, dass es Gerüchte darüber gibt. Wahrscheinlich hat der Duke sie in die Welt gesetzt, zumindest unterstützt er sie.“ Lucy machte aus ihrer Missbilligung keinen Hehl. „Ab irgendeinem Zeitpunkt bekommt das Image der reinen Jungfrau nämlich den Beigeschmack der Altjüngferlichkeit. Dagegen helfen nur Ehe und Kinder. Den standesgemäßen Ehemann, einen Earl, hat der Duke bereits ausgeguckt.“

„Eine arrangierte Ehe also.“ Kalil breitete die Arme aus. „Ist das denn so schlimm?“ Seiner Beobachtung nach waren mit Vernunft geschlossene Ehen haltbarer als Liebesheiraten. „Was sagt denn Hanif dazu?“

„Er glaubt, dass der Duke, wenn er seine Enkelin wirklich bedroht sähe, das auswärtige Amt eingeschaltet hätte und nicht zu mir gekommen wäre, damit ich meine Einladung zurückziehe.“

Der Ansicht war Kalil auch. „Trotzdem wäre es vielleicht am diplomatischsten, Lady Rose zu erzählen, dass das Dach deines Ferienhauses eingestürzt sei.“

„Mit anderen Worten, wir sollten es uns einfach machen und die bequemste Lösung wählen?“ Sie seufzte. „Und was ist mit Rose? Man lässt sie nicht in Ruhe, Kal.“

„Sie hat nie zu erkennen gegeben, dass sie in Ruhe gelassen werden will“, sagte er. Es verging keine Woche, in der sie nicht auf dem Titelbild irgendeines Magazins lächelnd abgebildet war.

„Glaubst du, dass es Sinn hätte?“ Lucy schüttelte den Kopf. „Kalil, ich bitte dich inständig, sie zu begleiten. Obwohl ich fest daran glaube, dass sie nicht in Gefahr ist, möchte ich nichts riskieren und ihr jemanden zur Seite stellen, der auf sie achtgibt. Wenn ich deinen Onkel um Schutz für sie bitte, schickt er seine Leibgarde, und sie wechselt von einem Gefängnis ins andere.“

„Gefängnis?“

„Wie soll man es anders nennen?“ Sie nahm seine Hand. „Ich mache mir große Sorgen um Rose. Nach außen wirkt sie gelassen, aber in Wirklichkeit quält sie sich und ist verzweifelt. Bitte lenk sie ab, Kal. Bring sie zum Lachen.“

Er entzog Lucy die Hand und schüttelte unwillig den Kopf. „Was erwartest du eigentlich wirklich von mir? Dass ich sie beschütze oder dass ich mit ihr schlafe?“ Obwohl er alles getan hatte, nicht in den Ruf eines Playboys zu geraten, klebte er nun einmal an dem Namen al-Zaki. Kalil war der Enkel eines Playboy-Prinzen, der im Exil lebte, und der Sohn eines Mannes, dessen Jagd nach schönen Frauen Reporter jahrelang mit Stoff versorgt hatte. Dass er ein international erfolgreiches Unternehmen aus dem Boden gestampft hatte und Prinzessin Lucys Wohltätigkeitsarbeit unterstützte, zählte dagegen kaum etwas.

„Betrachte das Ganze als diplomatische Mission“, sagte Lucy rätselhaft. „Ein Diplomat ist ein Mann, der im Interesse seines eigenen Landes andere zufriedenstellt. Willst du deinem Land dienen, Kal?“

Was für eine Frage! Sowohl Lucy als auch er wussten, dass es für ihn kein solches Land gab. Doch offenbar sah sie eine Möglichkeit, sein Anliegen voranzutreiben. Die Wiedereinsetzung seiner Familie in ihre Ehrenrechte. Seine Hochzeit mit der Tochter einer angesehenen Familie des Landes und, das war am allerwichtigsten, die Erlaubnis für die Heimkehr seines sterbenden Großvaters nach Ramal Hamrah. Um das zu erreichen, war er allerdings bereit, das Kindermädchen für eine ganze Wagenladung Jungfrauen aus dem britischen Adel zu spielen.

„Prinzessin Lucy“, er verbeugte sich formell, „seien Sie versichert, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, damit Lady Roseanne Napier ihren Aufenthalt in Ramal Hamrah genießt.“

„Danke, Kal. Nun kann ich dem Duke versichern, dass es keinen Grund zur Sorge gibt, weil der Neffe des Emirs persönlich für die Sicherheit seiner Enkelin garantiert.“

„Welcher seiner Neffen das tut, wirst du ihm wohl nicht sagen, oder?“

„Aber natürlich, Kal. Wie sonst soll sich der Duke bei deinem Onkel für den freundlichen Dienst bedanken, dem du ihm leistest?“

„Glaubst du, dass er dankbar sein wird?“

„Was bleibt ihm anderes übrig? Und wenn er es noch so widerwillig tut, der Duke wird den Emir von Ramal Hamrah nicht beleidigen, indem er die Zuverlässigkeit eines Familienmitglieds des Herrscherhauses infrage stellt. Nicht mal eines Verwandten, dessen Großvater versucht hat, eine Revolution anzuzetteln.“ Sie lächelte.

„Wie schätzt du die Reaktion Seiner königlichen Hoheit ein, Lucy?“

„Ihm bleibt wohl keine andere Wahl, als seine Frau zu bitten, dem vornehmen Gast seines Landes einen Höflichkeitsbesuch abzustatten.“, erwiderte sie. „Die Gelegenheit, deine Tante zu treffen, ist das Beste, was ich für dich tun kann, Kal. Den Rest musst du selbst bewerkstelligen.“

„Lucy …“ Ihm fehlten die Worte. „Wie kann ich dir nur …“

Sie legte den Finger auf ihre Lippen. „Pass gut auf Rose auf.“

„Wie hast du es geschafft, so kurz vor Weihnachten eine Woche Urlaub zu bekommen?“

„Mit Charme“, antwortete Lydia bei der Übergabe am Ende ihrer Schicht.

Außerdem hatte sie dem Filialleiter fest versprechen müssen, in den freien Tagen ernsthaft über einen Management-Kurs nachzudenken, zu dem er sie schon seit einiger Zeit drängte. Ihr Chef unterstützte ihre Arbeit für die Doppelgänger-Agentur, indem er Schichten für sie umlegte, doch er wollte, dass sie auch an die Zukunft dachte und etwas Langfristiges in Angriff nahm.

„Vergiss uns nicht, Lydia. Während du dich in der Sonne aalst, werden wir Ärmsten hier zum tausendsten Mal mit Jingle Bells berieselt.“

Lydia konnte ihr Glück selbst kaum fassen. Rose hatte ihr die Chance geboten, einen Traumurlaub in der Wüste zu verbringen. Eine ganze Woche in purem Luxus zu leben, echte Designer-Kleidung zu tragen, keine Kopien, die ihre Mutter hergestellt hatte. Man würde sie wie eine Lady behandeln, nicht nur wie eine, die der Lady zum Verwechseln ähnlich sah.

Ihre überschwängliche Freude dauerte an, bis sie ihr Auto erreicht hatte.

Ihre Kolleginnen und Kollegen dachten, dass sie eine Woche in dem Apartment eines Freundes verbringen wollte. Niemandem hatte sie erzählen dürfen, was sie wirklich vorhatte. Nicht einmal ihrer Mutter.

Seit dem Unfall, bei dem sie ihren Mann verloren hatte, saß sie im Rollstuhl. Ihre Tochter und deren Auftritte als Lady Rose füllten nun ihr Leben aus. Normalerweise planten sie alles gemeinsam. Und ihre Mutter wiederum teilte ihren Spaß daran mit ihren Freundinnen.

Diesmal war alles anders. Es gab keinen öffentlichen Auftritt. Schon der leiseste Verdacht, dass Lady Rose sich von einer Doppelgängerin vertreten ließ, konnte einen Skandal heraufbeschwören. Die Gefahr, dass Lydias Mutter der Versuchung nicht widerstand und ihre beste Freundin ins Vertrauen zog, war zu groß. Ebenso gut hätte ich das Vorhaben auf meiner Facebook-Seite bekannt geben können, dachte Lydia.

Deshalb hatte sie ihrer Mutter erzählt, dass eine Kollegin noch eine vierte Person suche, die mit nach Zypern flog, was sogar stimmte, und hatte es ihrer Mutter überlassen, sie zum Mitfahren zu drängen.

„So eine Gelegenheit solltest du dir nicht entgehen lassen, Liebling“, hatte ihre Mutter gesagt. „Du brauchst dringend Erholung. Um mich musst du dich nicht sorgen. Jenny wird sich um mich kümmern, solange du fort bist.“

Kein Zweifel, die beiden würden sich eine schöne Zeit machen, doch das tröstete Lydia wenig über ihr schlechtes Gewissen hinweg. Sie hatte ihre Mutter getäuscht, um Lady Roses Angebot annehmen zu können.

Kalil waren nicht einmal vierundzwanzig Stunden geblieben, um Vorkehrungen für seine Abwesenheit zu treffen, um zu packen und seinen Großvater in der Klinik zu besuchen. Wieder hatte er dem todgeweihten alten Mann versprochen, dass er ihn zum Sterben in sein Heimatland bringen würde.

Nun stand er an der Treppe des Flugzeugs, das das Ehrenzeichen des Emirs trug, und fragte sich, wie Seine Hoheit wohl reagiert hatte, als er erfuhr, wer der Passagier war.

Es war nicht seine erste Reise in das Land, das sein Urgroßvater einst regiert hatte. Wie sein Großvater und sein Vater, durfte auch er weder seinen Titel noch den Namen Khatib tragen, doch anders als dem alten Mann, war ihm die Einreise nach Ramal Hamrah nicht verboten.

In der Hauptstadt Rumaillah hatte er ein Apartment mit Blick auf das Meer gekauft. Seine Frachtflugzeuge flogen regelmäßig deren Flughafen an, obwohl sie niemals Ladung an Bord hatten. Niemand wagte es, den Emir zu beleidigen, indem er Kalzak Air Services benutzte, und Kalil machte keine Versuche, den Boykott zu brechen oder zu umgehen. Er warb im Land nicht für seine Gesellschaft und machte dort niemandem Konkurrenz. Den Verlust nahm er hin, denn es ging ihm nicht ums Geschäft, sondern um sein Recht, dort zu sein.

Geduldig saß er das Ganze aus und ließ unterdessen den Familiensitz Umm al Sama in aller Ruhe restaurieren. Dem Herrscherhaus, zu dessen Familie er schließlich gehörte, machte er sich unsichtbar, wenn er sich im Land seiner Vorfahren aufhielt. Doch mit dieser Taktik war er nicht weit gekommen, und die Lebenszeit seines Großvaters verrann. Nun musste er zusehen, dass er ihn bald nach Hause brachte, damit er dort in Frieden sterben konnte.

Dafür hätte er alles getan. Deshalb war er bereit, auf eine Frau aufzupassen, der es nicht erlaubt war, ohne Begleitung die Straße zu überqueren.

Er wies sich den Sicherheitsleuten gegenüber aus und stellte sich dem Kabinenpersonal vor, das mit den Vorbereitungen noch nicht ganz fertig war. Ein Steward nahm ihm das Gepäck ab und stellte ihn Atiya Bishara vor, die während des Fluges Lady Rose persönlich zur Verfügung stand. Danach führte er ihn durch das Flugzeug. So konnte Kalil sich davon überzeugen, dass alles in Ordnung war. anschließend begab er sich in die VIP Lounge.

In den Privaträumen des Clubs, die man besonderen Ehrengästen des Luxushotels zur Verfügung stellte, tauschte Lydia in Eile mit Rose die Kleidung. Zehn Minuten, nachdem Lady Rose den Raum betreten hatte, verließ Lydia ihn an ihrer Statt mit Herzklopfen und trockenem Mund.

Als ein dunkel gekleideter Sicherheitsmann sie einholte, hielt sie den Atem an. Würde er sich an der Nase herumführen lassen? Rose hatte ihr versichert, dass der Mann alles, nur sie nicht genau anschauen würde. Doch musste ihm nicht der Unterschied zwischen den beiden Frauen auffallen? Obwohl sie jetzt Roses himbeerfarbenes Seidenkostüm trug, den dazu passenden Hut mit kleinem Schleier und die berühmte, eng am Hals liegende Perlenkette?

Er bemerkte nichts.

Als sich der Hotelmanager näherte, um sie zur Tür zu begleiten, zwang sie sich zu lächeln. Auch dies hier war nichts anderes als ein Job, den sie schließlich beherrschte. Sie streckte ihm die Hand entgegen, bedankte sich bei ihm und trat hinaus in den sonnigen Wintertag.

Rose hatte sie davor gewarnt, was sie da erwartete, denn seit Gerüchte über eine Heirat kochten, war das Interesse der Medien außer Kontrolle geraten. Doch auf einen solchen Tumult war sie nicht vorbereitet gewesen. Auf den Lärm, auf das Blitzlichtgewitter so vieler Kameras. Nicht nur die Fotografen umlagerten sie, auch ganz normale Menschen hatten sich versammelt, um einen Blick auf den Liebling des Volkes zu werfen. Sie machten ebenfalls Fotos oder filmten sie mit ihren Handys. Diesen Leuten gegenüber fühlte Lydia sich verpflichtet, ihre Rolle perfekt zu spielen. Wieder befahl sie sich zu lächeln und dabei das Atmen nicht zu vergessen.

Nun verlangten die Fotografen ihr Recht. „Lady Rose, hier her. Was für ein schöner Hut, Lady Rose.“

Er war extra für diesen Anlass angefertigt worden. Durch seine Extravaganz sollte er auffallen und gleichzeitig von den kleinen Unterschieden zwischen Rose und Lydia ablenken. Außerdem verwischte der dunkel pinkfarbene Schleier mit den winzigen samtenen Schleifchen ihre Gesichtszüge, sodass sie auch auf Fotos nicht scharf zu erkennen wären.

Atmen. Lächeln …

„Wie war das Essen, Lady Rose?“, rief einer der Fotografen.

Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter. Niemand zeigte mit dem Finger auf sie, niemand klagte sie an, eine Fälschung zu sein. „Es war hervorragend“, sagte sie.

„Freuen Sie sich auf Ihren Urlaub, Lady Rose?“

Ihr Selbstvertrauen wuchs. Menschen sahen offenbar wirklich nur das, was sie sehen wollten. Sie lächelte den Mann an, der sie gefragt hatte. „Ich freue mich sehr darauf.“

„Verbringen Sie ihn allein?“, wagte er nachzufragen.

„Ja, aber nur, wenn Sie und Ihre Kollegen auch irgendwo Ferien machen“, antwortete sie und erntete einen Lacherfolg. Ja, so etwas konnte sie. Dann wandte sie den Fotografen den Rücken zu und ging die Treppen hinunter, um an der Menschenmenge vorbeizugehen, wie die Leute es von Lady Rose kannten. Auch sie hatte es zig Mal bei ihren Auftritten so gemacht.

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