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Ganz unerwartet anders

Marie-Luise Marjan

Ganz unerwartet anders

Ich suchte meinen Vater und fand eine Großfamilie

Mit Sylvia Gredig

Lieber Stefan,

Du wolltest dieses Buch so gern mit mir machen, wie schade, dass Du es nicht mehr lesen kannst. Es ist Dir gewidmet.

Deine Marie-Luise

Inhalt

Vorwort

Mitten im Leben

Kapitel 1

Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Kapitel 2

Verlassenes Kind oder Wunschkind?

Kapitel 3

Von der Sehnsucht zu wissen, woher man kommt

Kapitel 4

Wie vom Himmel gefallen

Kapitel 5

Das Herz-Jahr

Kapitel 6

Verheiratet, geschieden, dreifache Mutter und jetzt auch noch Oma

Kapitel 7

Meine Wunschkinder

Epilog

Weiter geht’s

Vorwort

Mitten im Leben

»Warum arbeitest du denn immer noch?«

In diesem Jahr feiere ich meinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Fünfundsiebzig? Kann doch gar nicht sein, möchte ich am liebsten verwundert rufen. Meist fühle ich mich jünger … und das wird hoffentlich die nächsten Jahre auch noch so bleiben. Einen großen Vorteil hat das Alter: Ich muss meine Koffer nicht mehr selbst tragen, es findet sich immer schnell ein freundlicher Träger! Das kann man nicht hoch genug schätzen, wenn man so oft unterwegs ist wie ich.

Fünfundsiebzig Lebensjahre, das sind in meinem Fall auch über fünfzig Theater-, Film- und Fernsehjahre – populär machte mich 1985 die Rolle der Helga Beimer in der TV-Serie Lindenstraße, die ich bis heute spiele. Jedes Jahr reise ich beruflich und als Botschafterin für die Malteser viele Male quer durch die gesamte Republik und für Unicef und Plan International auch in die ärmsten Länder der Welt. Dieses Jahr besuche ich mein fünftes Patenkind in Haiti. Freundinnen und Freunde begleiten mich meist fürs Leben. Ich fühle mich glücklich.

Doch das war nicht immer so. Zu Beginn meines Lebens, ich bin im Kriegsjahr 1940 geboren, war ich allein. Ein Heimkind. Von der Mutter verlassen, die mich unehelich geboren hatte. Der Vater galt als unbekannt. Mit eineinhalb Jahren nahm mein Schicksal dann eine Wendung: Ich kam zu Pflegeeltern, die mich später auch adoptierten. »Du hast deine Ärmchen nach uns ausgestreckt und uns so unwiderstehlich angelacht«, erzählte Mama Hanni mir oft. Trotz allem war ich also ein fröhliches Kind. Mama Hanni tat alles für mich, was eine Mutter nur tun kann. Bei ihr fühlte ich mich geborgen, verstanden und geliebt wie sonst bei keinem anderen Menschen. Wie oft überstimmte sie in meiner Jugend den liebevollen, aber strengen Vater, der genaue Vorstellungen von einem guten Leben für mich hatte. Leider verstarben beide Eltern viel zu früh.

Meine Familie, das waren für mich fortan die Freunde und Gefährten, meine Theater- und Fernsehfamilie – ich bin nicht verheiratet, und Kinder hatte ich nur in meinen Filmen, bis jetzt dreiundvierzig an der Zahl. Mein Leben ist durch meine Arbeit und mein soziales Engagement mehr als erfüllt.

Dennoch gab es in mir eine stille Sehnsucht. Woher komme ich? Zu wem gehöre ich? Im Gesicht eines anderen mich selbst zu entdecken, die gleichen blauen Augen vielleicht, das habe ich vermisst. Auch noch als ich meiner leiblichen Mutter begegnete, die mir bis zu ihrem Tod fremd blieb. Doch ich bin ein positiv denkender Mensch. Also nicht zurück, sondern nach vorn schauen, das war schon immer meine Devise.

Wie froh bin ich heute, dass ich mit diesem Grundsatz dann doch einmal gebrochen habe und mich endlich auf die Suche nach meinem leiblichen Vater begab. Was habe ich von ihm mitbekommen? Ob er wusste, dass er eine Tochter hatte?

Etwas Unglaubliches geschah: Ich fand tatsächlich meine Wurzeln, doch nicht nur das, ich fand auch einen Halbbruder und andere Verwandte – meine Familie! Mit siebenundsechzig Jahren öffnete sich eine weitere Lebenstür und dahinter standen plötzlich viele neue Menschen.

Diese Blutsverwandten, die mir nah sein könnten, waren jedoch noch Fremde für mich. Eine kuriose Sache. Wie wächst man zusammen, wenn man sich erst mitten im Lebensfluss begegnet?

In der Familie meiner Adoptiveltern haben wir früher viele Feste gefeiert. Geburtstage, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Anlässe gab es in der großen Verwandtschaft immer. Und man muss die Feste schließlich feiern, wie sie fallen, so heißt es schon im Volksmund. Wer weiter entfernt wohnte, schrieb und erhielt Briefe, und später telefonierte man. Heute kommen Kurznachrichten, E-Mails und Skype hinzu, die Erreichbarkeit ist vielseitiger und schneller. Doch auch heute muss man sich begegnen und miteinander sprechen, um voneinander zu erfahren.

»Günter, wir müssen uns schreiben, damit wir uns kennenlernen«, sagte ich zu meinem neugefundenen Bruder. »Ich werde euch besuchen«, versprach ich den Cousinen und Cousins. Und ich lud alle zu einer großen Familienfeier ein. Seit diesem Fest treffen wir uns einmal im Jahr, und ich staune jedes Mal, wie meine Familie an Kindern und Kindeskindern wächst. Das alles ist so unerwartet geschehen, dass ich anfing, aufzuschreiben, was sich ereignete und was mich bewegte. Und es half mir erst zu verstehen, wie wichtig es für einen Menschen ist, zu wissen, woher er kommt, zu wem er gehört … wer er ist.

»Warum arbeitetest du denn immer noch? Genieße doch endlich den wohlverdienten Ruhestand«, sagen Freunde und Verwandte neuerdings häufig. Schon das Wort »Ruhestand« ist mir ein Gräuel. Da ist zum Glück immer noch etwas, das mich antreibt, Helga Beimer und andere Rollen zu spielen, über mich selbst hinauszuwachsen, und da ist auch immer noch der Wunsch und die Hoffnung, helfen zu können, vor allem Kindern und jungen Menschen in der ganzen Welt, damit sie in ihrer Heimat eine Zukunft haben.

Familie und Herkunft sind sicher wesentlich, genauso wichtig sind jedoch auch Bildung und Chancen. Und wenn Familien das nicht aus eigener Kraft schaffen können, dann liegt es an uns zu helfen!

Kapitel 1

Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

»Marie-Luise hat die gleiche fränkische Figur wie alle Offner-Frauen.«

Die Sonne strahlte am frühen Abend vom Himmel, als würde sie an diesem Tag nicht untergehen wollen. Es war der 9. August 2008, mein achtundsechzigster Geburtstag, jetzt gleich würde ich meine neue Familie und meine Freunde in dem idyllischen Park, in dem alles für den Empfang festlich hergerichtet war, begrüßen. Die Vorfreude ließ mein Herz ein paar Mal stolpern. Im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras, im Blitzlichtgewitter auf einem roten Teppich und sogar bei der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes war ich nicht so aufgeregt gewesen wie in diesem Moment. Und zugleich konnte ich es kaum erwarten, endlich alle zu sehen. Wie würden die Verwandten auf mich reagieren? Sie kannten mich aus dem Fernsehen. Welche Erwartungen hatten sie wohl?

Ich lauschte. Der wunderbare Klang barocker Musik erfüllte den Park. »Wenn mein Bruder einmal zu spielen beginnt, hört er so schnell nicht wieder auf«, hatte Hans W. Geißendörfer, Erfinder der Lindenstraße, mal über seinen Bruder Dieter gesagt. So erhoffte ich es mir für heute! Dieter und sein Bläserensemble machten mir mit ihrer Musik ein großes Geschenk.

Und dann sah ich auch schon die Musiker und noch etwas weiter hinten meine Gäste. In Grüppchen standen sie an den weißummantelten Stehtischen unter den schattigen Kastanienbäumen … Neugierig wanderte mein Blick hin und her, während ich und mein Freund uns ihnen näherten! Ich sah bekannte und unbekannte Gesichter.

»Da kommt sie!«, hörte man einen Gast erfreut rufen, und alle wandten sich zu uns um. Jetzt strahlten die Sonne und ich um die Wette! Herzlich grüßte ich in die Runde, um danach jedem Einzelnen die Hand zu geben. Und während der Begrüßungschampagner gereicht wurde, wechselte ich mit allen ein paar erste Worte. Lauter sympathische Menschen, dachte ich erleichtert.

Ich verdanke es meinem Beruf, dass ich meine Familie nach so vielen Jahren gefunden habe. Wenn ich keine Schauspielerin geworden wäre, hätte ich nicht das Glück gehabt, von der ARD für ein neues Sendeformat angefragt zu werden, in dem Prominente auf Spurensuche gehen sollten: Das Geheimnis meiner Familie, so der Titel der Reihe. »Wir suchen mithilfe eines Ahnenforschers nach deinem leiblichen Vater und deinen Wurzeln«, hatte Heiko Schäfer, der beauftragte Regisseur der ARD, im Frühjahr 2007 erklärt.

Und auf diese ungewisse und sehr persönliche Reise sollte ich den Zuschauer mitnehmen? Wollte ich das? In aller Öffentlichkeit nach meiner Herkunft forschen? Andererseits hatte mich das Format gereizt, das englische Vorbild, Who Do You Think You Are?, von der BBC produziert, feierte große Erfolge. Außer mir waren drei weitere Folgen mit Peter Maffay, Armin Rohde und Christine Neubauer in Planung.

Manches sprach gegen eine Teilnahme, vieles dafür. Letztlich besiegte mein großes Bedürfnis, endlich Gewissheit über meinen leiblichen Vater zu erhalten, alle Zweifel.

Seit diesem Filmdreh weiß ich nun: Mein leiblicher Vater ist Anton Offner. Ich wäre unter anderen Lebensumständen also eine Offner geworden. Mein Vater starb 1943 mit nur siebenundzwanzig Jahren den »Fliegertod«, wie es in seiner Todesanzeige heißt. Er war wie so viele in dieser Zeit Soldat, Pilot im Nachtgeschwader der Wehrmacht. Er hat wohl nie erfahren, dass er eine Tochter hat. Seine Familie in Würzburg jedenfalls wusste nichts von einem Kind.

Die Nachkommenschaft der Familie meines Vaters lebt zum Teil noch heute in Würzburg, dieser schönen Stadt am Main, von der man rundum auf Weinberge schaut.

Ich selbst habe das Frankenland in den letzten Jahren häufiger besucht, ich fühle mich in diesem Landstrich richtig heimisch. Und nun weiß ich, dass Geselligkeit, gutes Essen, guter Wein … all das, was einen Genussmenschen ausmacht, mir tatsächlich im Blut liegt. Ich bin nicht nur Westfälin, sondern auch halbe Fränkin!

Was war also naheliegender, als – in der Heimatstadt meines leiblichen Vaters – mein erstes großes Familienfest zu feiern! Natürlich auch mit den Freunden, die zu mir gehören.

Eine Gästeliste entstand.

Ganz oben auf die Liste hatte ich »Günter und seine Familie« geschrieben, Günter ist mein Halbbruder mütterlicherseits – auch ihn habe ich erst durch die Filmrecherchen gefunden! Wir haben absolut nichts voneinander gewusst, eine unglaubliche Entdeckung war das! Dann notierte ich die Namen der Cousins und Cousinen, die ich während der Dreharbeiten bereits kennengelernt hatte. Doch wie hießen die Verwandten, die ich noch gar nicht kannte? Ich rief Cousin Alfred an, der geduldig versuchte, mir am Telefon meine Verwandtschaft namentlich näherzubringen. Doch mir schwirrte der Kopf. »Das ist der Sohn von … das die Frau von …«, ein Stammbaum, sogar mit Bildern, den er für mich anfertigte und mir schickte, half weiter.

Beim Anblick des Fotos, das während der Dreharbeiten meiner Spurensuche entstanden war und das Alfred über dem Ahnenbaum platziert hatte, musste ich schmunzeln: vier Nasen, Offner-Nasen, waren darauf zu sehen. So im Halbprofil sah man die Ähnlichkeit von uns Offner-Nachkommen vortrefflich. Vor allem Cousin Erichs und meine Nase können die gemeinsame Herkunft nicht verleugnen.

Dann sah ich mir den Stammbaum genauer an: Meine Großeltern väterlicherseits hatten acht Kinder, meine Tanten und Onkel, die leider alle nicht mehr leben. Aber es gab zwei Cousinen und vier Cousins, also meine Generation. Und deren Kinder. Ich wollte sie am liebsten alle kennenlernen. So kam ein Name zum andern, und am Ende war diese große Festgesellschaft herausgekommen, über die ich mich jetzt so freute. – Keine Frage, dass so eine besondere Feier, auch einen besonderen Ort braucht. Ich bekam den Tipp, dass man in der Zehntscheune des Juliusspitals, die inmitten eines einzigartigen Parks liegt, herrlich feiern könnte.

Wenn es einmal läuft …

Gästeliste, Location, Termin, der Rahmen fürs Fest war gesteckt. Doch wie die unbekannten Verwandten einladen? Kurzentschlossen bat ich Alfred, sie und ihre Familien in meinem Namen einzuladen. Es war wirklich verrückt! Ich wollte zu einem großen Familienfest laden und kannte die meisten Verwandten kaum und manche noch gar nicht!

Meine Freude war riesig, als mir Alfred mitteilte: »Sie sind gespannt dich kennenzulernen, Marie-Luise. Sie kommen alle!«

Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, wen ich als Ersten begrüßt habe. Ich war so aufgeregt in diesem Moment, ich erinnere mich nicht mehr. Nicht vergessen habe ich jedoch den Glanz in den Augen meines Halbbruders Günter – er, seine Barbara und Sohn Ralph waren in festlichen Trachten gekommen, und ich hätte sie am liebsten gleich alle drei auf einmal umarmt.

Günter, der wie ich gleich nach der Geburt von unserer Mutter in ein Heim gegeben worden war, ist wohl dadurch umso mehr ein Familienmensch. Wir haben beide die große Sehnsucht in uns, unsere Lieben um uns zu scharen, in Gemeinschaft festzuhalten. Dabei verlief sein Leben völlig anders als meines, er war fünfunddreißig Jahre lang in einem Allgäuer Busunternehmen angestellt. Wir sehen uns auch nicht sehr ähnlich, aber wir teilen das gleiche Schicksal. Wenn einer nachempfinden konnte, was mir dieses Fest bedeutete, dann wohl mein Bruder.

Und vielleicht noch meine Freundin Traudel – sie trat vor Aufregung von einem Bein aufs andere. »Ich bin so auf deinen Bruder gespannt«, sagte sie, nachdem sie mich zum Geburtstag fest gedrückt hatte. »Wo versteckt er sich denn? Er ist doch eine stattliche Erscheinung, wenn ich es im Film richtig gesehen habe.« Neugierig reckte sie den Kopf.

Traudel durfte bei solch einem Anlass wirklich nicht fehlen – und sie hätte sogar eine Urlaubsreise abgesagt, um an diesem Tag bei mir zu sein.

»Komm, Traudelchen, dahinten ist er …« Ich nahm meine Freundin frohgelaunt an die Hand, und auch Fritz, ihr Mann, folgte uns. Gerade hatte ich meinem Bruder und seiner Familie die beiden vorgestellt, da sprudelte es auch schon aus Traudel heraus.

»Ich freu mich so mit Marie-Luise und Ihnen, dass Sie sich gefunden haben. Und Sie haben das im Film ganz hervorragend gemacht. Anscheinend haben Sie das schauspielerische Talent auch im Blut.« Traudel, klein und zierlich, strahlte Günter an, der eher befangen dreinblickte. Fritz kam ihm zu Hilfe. »Nun ist aber gut. Man kann es auch übertreiben – wir Franken sind eher bescheiden und machen nicht so viel Aufhebens.«

Herrlich! Es war so schön, wie Verwandte und Freunde so selbstverständlich miteinander ins Gespräch kamen.

»Komm, Cousine«, Alfred nahm mich beim Arm, »Günter und Traudel kennst du schon, jetzt kommen die Neuen. Darf ich dir deinen Cousin Karl Offner und seine Frau Herma vorstellen?« Cousin Alfred wies auf ein Paar, das halb hinter mir stand. Ich wandte mich um. Den beiden war die Verblüffung ins Gesicht geschrieben, auch noch als wir uns die Hände reichten. »Du bist das Ebenbild meiner Schwester Christel«, erklärte mir Karl seine Verwunderung. Christel war erst im letzten Jahr verstorben, während meiner Spurensuche, ich hatte sie nicht mehr kennengelernt. »Wirklich wahr«, bekräftigte er noch einmal. »Die großen hellen Augen und die Bögen deiner Brauen, die Nase und die Stirnpartie …« Mit der Hand zeichnete er die Bögen in der Luft nach.

Für mich war das völlig neu, dass jemand aus meiner Familie auf mich zukam und sagte, ich würde einer Verwandten ähnlich sehen. Das war in meinem Leben in einer Adoptivfamilie und später ohne Familie so gut wie nie vorgekommen! Und so muss auch ich verwundert geschaut haben.

»Wie schade, dass Christel nicht mehr dabei sein kann … ihr hättet wie Schwestern ausgesehen.« Karl lächelte. Ich spürte trotzdem, wie nah ihm dieser Moment ging.

»Wir haben aber auch Ähnlichkeit«, sagte Cousine Maria, die sich dazugestellt hatte, und fügte dann grinsend hinzu: »Marie-Luise hat die gleiche fränkische Figur wie alle Offner-Frauen.«

»Genau, meine Rundungen sind rein erblich bedingt!«, bestätigte ich, und wir mussten alle lachen.

Um uns herum war ebenfalls angeregtes Geplauder zu hören. Der Offner-Clan hatte sich so vollzählig viele Jahre nicht gesehen; und meine Freunde waren sich, wenn überhaupt, auch lange Zeit nicht begegnet.

Den Filmemacher Heiko Schäfer und den Ahnenforscher Markus Weidenbach, denen wir unsere Zusammenkunft überhaupt erst verdankten, hatte ich natürlich auch eingeladen.

Als sich alle miteinander bekannt gemacht hatten, setzte erneut das Bläserensemble ein und spielte ein paar Spirituals und Gospels. Beim Zuhören beruhigten sich mein vor Glück so aufgewühltes Herz und der von der ganzen Begrüßerei leicht erhitzte Kopf wieder.

Alle Gäste, die Musiker eingeschlossen, lustwandelten schließlich gemeinsam durch den Park. Früher war das mal ein Botanischer Garten gewesen, die Ginkgos und Tulpenbäume erinnern noch daran. Wir bestaunten den figuren- und schmuckreichen Auvera-Brunnen, zogen vorbei am Gartenpavillon, der gelb-weiß in der Abendsonne leuchtete, und spazierten unter den Arkaden hindurch zur Besichtigung der Spital-Apotheke, die original aus der Zeit des Rokoko erhalten ist. Danach überzeugten wir uns im Kellergewölbe unter dem historischen Fürstenbau von der heilsamen Wirkung des Frankenweins, der hier in unzähligen alten Holzfässern lagert.

Von Musik, Champagner und Wein beschwingt, ging es schließlich durch den beleuchteten Tordurchgang ins Hochgeschoss der Zehntscheune, wo bei weit geöffneten Fenstern für den geselligen Teil des Abends eingedeckt war.

Anders als am Vormittag, als ich nachgeschaut hatte, ob alles wie gewünscht hergerichtet war, stand jetzt auf dem Tisch für Geschenke in einem breiten Sektkübel ein üppiger Rosenstrauß! Ich ahnte, wer ihn geschickt hatte. Hans W. Geißendörfer, mein Chef, Produzent der Lindenstraße, hatte leider absagen müssen. Doch den Blumengruß hatte er sich nicht nehmen lassen. Er weiß, wie sehr ich Blumen liebe. Wie die gesamte Lindenstraßen-Familie hatte auch er meine verrückte Familiengeschichte ganz nah miterlebt und sich so sehr mit mir gefreut.

Nicht bloß die Beimer-Sippe, sondern das gesamte Set beim WDR hatte sich in den letzten Monaten oft genug anhören müssen, welch unglaubliche Ereignisse in meinem Leben passiert waren. Besonders nah ging es Bill Mockridge, der Helga Beimers zweiten Ehemann Erich Schiller spielt. Er ist wie ich als Kind adoptiert worden. Er selbst ist aber schon viele Jahre ein glücklicher Großfamilienmensch.

Und nun saßen die Menschen, die mir viel bedeuten, weil sie jetzt endlich meine Familie sind, und die Menschen, die mir viel bedeuten, weil sie schon viele Jahre meine Familie sind, alle zusammen, aßen, tranken und sprachen miteinander. Wie wunderbar! Und natürlich, bei so einer Gelegenheit geht es nicht ohne eine feierliche Rede.

»In Würzburg, im Fränkischen, liegen deine Wurzeln«, hob Cousin Erich nach dem fränkischen Buffet zu einer Rede an. »Dabei ist Würzburg, so wie es heute ist, nicht mehr das, was es einmal war. Es musste erst aus Ruinen neu auferstehen. Würzburg war bis zum März 1945 von Großangriffen der Alliierten weitgehend verschont geblieben – man kann sich vorstellen, wie traumatisch es für die Bewohner war, als in den letzten beiden Wochen des Zweiten Weltkrieges nahezu die gesamte Innenstadt in nur wenigen Minuten in Schutt und Asche bombardiert wurde und Tausende von Menschen unter sich begrub. Durch den Krieg hatten viele Würzburger Familien ihr Zuhause verloren, und manche hatten keine andere Wahl, als sich im Umland oder woanders ein neues Zuhause zu schaffen. Unsere Familie hatte Glück im Unglück. In der Büttnergasse, in der wir mit unseren Eltern gelebt hatten und aufgewachsen waren und die fast vollständig zerstört wurde, konnten wir nur zwei Häuser von unserem alten Zuhause entfernt eine neue Wohnung beziehen. Und dort leben Hannelore und ich noch heute.«

Stadtgeschichte schreibt eben auch Familiengeschichten – das brachte uns Cousin Erich in seiner Rede näher –, und ich bekam dazu ein Buch von ihm mit vielen historischen Aufnahmen, auch von der Büttnergasse, und natürlich Fotos von meinem Vater.

»Immer wenn ein Flugzeug über Würzburg kreiste, riefen wir Kinder: ›Da sitzt Onkel Anton drin!‹«, setzte Erich seine Rede fort. »Dein Vater war bei uns Kindern sehr beliebt! Wenn er zu Besuch in die Büttnergasse kam, tänzelten wir so lange um ihn herum, bis wir wieder einen Spezialauftrag bekamen. ›Bitte besorgt mir im Wäschegeschäft in der Augustinerstraße sechs weiße Kragen‹, sagte er zum Beispiel und gab uns einen Musterkragen seiner Fliegeruniform mit. Sobald wir es erledigt hatten, bekamen wir natürlich eine Belohnung.«

Während Erich aus seiner Kindheit erzählte, hatte ich den stattlichen jungen Mann, der mein Vater gewesen war, lebendig vor Augen. Ich fühlte mich dieser vergangenen Zeit und dem Ort, an dem ich niemals gewesen war, plötzlich sehr nah. Ich lauschte Erichs Worten gebannt, um ja nichts zu verpassen.

»Und Onkel Toni sah nicht nur gut aus, er ließ sich für uns Kinder auch immer etwas einfallen. Einmal sollten wir uns alle die Hände waschen und unsere Sonntagskleider anziehen. Onkel Toni lud uns zu einer Theateraufführung ein. Vorher schaute er sich aber genau unsere Fingernägel an, ob auch keine Trauerränder darunter und sie wirklich sauber waren.«

Durch Erichs Kindheitserinnerungen wurde aus der großen Lücke in meinem Leben plötzlich ein buntes Puzzle aus Bildern und Geschichten. Und als die Gespräche an den Tischen längst andere Themen umkreisten, hing ich für einen Augenblick noch den Gedanken an meinen Vater nach. Wie gern hätte ich ihn kennengelernt, hätte selbst gern lebendige Erinnerungen an ihn, hätte als Kind an ihn gedacht, wenn ein Flugzeug am Himmel zu sehen war. Ein Pilot war er gewesen, ein Mann, der den Himmel stürmen wollte. Auch meine leibliche Mutter war eine Kämpferin gewesen, hatte es in ihrem Leben zu etwas bringen wollen und es auch erreicht. Anscheinend speisen sich mein eigener starker Wille, meine Lebensfreude und Lebenskraft aus beiden elterlichen Wurzeln.

Ein bayrisches »Auf geht’s« holte mich zurück in die Feststimmung. Mein Bruder Günter, der einige Jahre in einer Band gespielt hat, hatte sein Akkordeon vor der Brust und griff beherzt in die Tasten. Dass uns die Liebe zur Musik verbindet, das hatten wir beim Kennenlernen in den letzten Monaten schnell herausgefunden.

Und dann leuchteten auf einmal viele Teelichter vor mir auf dem Tisch, von jedem Gast eins, die zusammen ein großes Herz ergaben. Und während mir ein Geburtstagsständchen gesungen wurde, blinzelte ich die Freudentränen fort.

Danach griffen die Musiker noch einmal zu ihren Instrumenten. Zu Livemusik tanzt es sich immer noch am besten, und ich musste auch nicht lange warten, bis ich aufgefordert wurde. »Darf ich bitten, liebe Cousine …«

Ich fühlte mich an diesem Abend reich beschenkt, und ich meine jetzt natürlich nicht die einzelnen persönlichen Gaben: Ich habe Gewissheit über meine Herkunft gesucht – und ich habe meine Familie gefunden. Was für ein unfassbares Glück!

Früher trafen sich die Verwandten meiner Adoptivfamilie nach einem Fest am nächsten Tag noch zum Resteessen. Eine schöne Tradition, finde ich, ein Fest im Nachschlag noch einmal gemeinsam ausklingen zu lassen.

Wir trafen uns am nächsten Morgen und wanderten durch die Weinberge zur Steinburg. Und beim weiten Blick über die Stadt beschlossen wir, uns auch im nächsten Jahr in großer Runde wiederzusehen.

In diesem Jahr zu meinem Geburtstag findet nun das neunte Familientreffen statt. In den letzten Jahren waren immer mehr Kindeskinder dazugekommen. Ein großes Fest mit Alt und Jung. Es reisen inzwischen nicht nur Verwandte aus Österreich und ganz Deutschland an, sondern auch Verwandte mit indonesischen Wurzeln – dazu Freunde aus allen Himmelsrichtungen – bunter geht es nicht!

Peter Hofmann, ein Sohn von Cousine Johanna, rief mich nach einem Jahrestreffen einmal an. Ich hatte ihm wie auch den anderen ein Foto von unserem Treffen mit der ganzen Familie zur Erinnerung geschickt. Er bedankte sich mit den Worten: »Marie-Luise, ich wusste gar nicht, dass ich so viele Verwandte habe. Das ist großartig, wie du die ganze Familie zusammenbringst.«

Ist doch wirklich verrückt, dass ein Kind erst verloren gehen muss, damit es dann Jahrzehnte später für den Familienzusammenhalt sorgt.

Kapitel 2

Verlassenes Kind oder Wunschkind?

»Deine Eltern sind doch gar nicht deine richtigen Eltern!«

Bis zu jenem Tag im Frühjahr 1956, als die Wahrheit wie ein übermächtiger Schatten meine Jugendjahre verdunkelte, war meine Welt völlig in Ordnung gewesen. So in Ordnung, wie es für ein Kriegskind eben sein kann. Ich lebte mit meinen Eltern in Hattingen an der Ruhr, und ich wusste es nicht anders, als dass dies meine Familie war.

In meinen frühesten Kindheitserinnerungen höre ich ein Sirenenheulen. Oft hatte ich schon geschlafen, stand aber sofort hellwach in meinem Kinderbett und wusste, gleich kommt Papa ins Schlafzimmer, hebt mich aus dem Bett und läuft mit mir und Mama über die abenddunkle Straße. Mama hatte den Rucksack, der im Flur bereitstand, dabei. Darin waren die wichtigsten Papiere, eine Decke für mich, Trinkwasser. Manchmal auch etwas zu essen. Man wusste ja nie, wann man wieder nach Hause kam und ob es dann das Zuhause noch gab.

Fliegeralarm gehörte in den Jahren 1944 und 1945 zum Alltag dazu. Er trieb die Menschen unter die Erde. Meine Eltern und ich fanden Schutz in einem großen Luftschutzkeller, der im Verwaltungsgebäude des gegenüberliegenden Geschäftshauses des Lebensmittelhändlers Hill eingerichtet worden war. Bänke und Stühle standen darin, schnell hatte jede Familie aus der Straße ihren Stammplatz. Wir saßen immer mit Familie Groene zusammen, die über uns im zweiten Stock wohnte. Groenes hatten Zwillinge, die nur wenig älter waren als ich, und eine Tochter, Elvira, die bereits vierzehn oder fünfzehn gewesen sein muss.

Von Mama weiß ich, dass ich nicht einmal in dem kalten Kellergemäuer meinen Sinn für Späße verloren habe. Denn selbst die Leute aus unserer Straße, die sonst gern mit mir lachten, warteten in diesen Bombennächten nur mit sorgenvollen Gesichtern auf das Signal der Entwarnung. Wer sich unterhielt, sprach leise, vielleicht um diejenigen, die mit geschlossenen Augen dasaßen, nicht zu stören.

Ich saß immer zwischen meiner Mutter und Elvira. Das große Mädchen hustete jedes Mal in dem Keller. »Sie ist nicht krank«, sagte ihr Vater dann und strich ihr zur Beruhigung über den Rücken. »Es ist die Angst.«

Ich schob meine kleine Hand in Elviras, und wir hielten uns fest. »Du musst keine Angst haben«, sagte ich zu ihr. »Ich habe doch auch keine Angst.« Das erzählte mir später Mama.

Hatte ich wirklich keine Angst? Jedenfalls meine ich, nie geschlafen zu haben in diesen Kellernächten. Dafür war ich dann doch zu aufgeregt. Ich beobachtete die Leute um uns herum, vor allem eine sehr alte Frau uns gegenüber, die das tief zerfurchte Gesicht meist gesenkt hielt. Dann sah ich nur ihre schmalen Lippen, die sich unaufhörlich bewegten. Aber ihre Stimme hörte man nicht.

»Mama, was macht die Frau?«, fragte ich Mama.

»Sie betet«, war Mamas Antwort.

Manchmal ermahnte mich Papa, die Füße still zu halten. Dann hatte ich mir in Gedanken vorgestellt, wie ich in unserem Garten um den Pflaumenbaum und die Johannis- und Stachelbeersträucher hüpfte.

Oder ich fragte Mama: »Wann backen wir wieder?« – Ich weiß nicht, wie Mama es geschafft hat, aber wir haben damals trotz rationierter Lebensmittel oft Plätzchen gebacken. Wenn wir mal wieder kein Mehl hatten, schrotete sie eine Hand voll Weizenkörner in der großen Kaffeemühle. Die Körner hatten wir im Sommer auf einem der Stoppelfelder selbst aus den Ähren geschlagen. Egal woraus Mamas Plätzchen waren, für mich waren sie immer die allerbesten. Und ich half ihr gern, wenn sie in der schmalen Küche aus nichts etwas Wunderbares zauberte. – An Mamas Antwort damals im Luftschutzkeller erinnere ich mich nicht. Aber wenn irgendwie möglich las sie mir meine Wünsche von den Augen ab. »Morgen, Marlies, morgen backen wir« – das könnte sie mir im dämmrigen Licht zugeraunt haben. Marlies war der Name, den ich bei der Geburt erhalten hatte. Heute heiße ich auch ganz offiziell Marie-Luise mit Vornamen, so kennen mich die Menschen.

Meine rege Fantasie verkürzte und erleichterte mir das Warten im Luftschutzkeller. Wenn aber dann das dumpfe Krachen und Wummern von einschlagenden Bomben zu uns unter die Erde drang, das Gemäuer über uns bebte, war es vorbei mit den Träumereien.

»Komm, mein Kind, komm her!«, rief Mama dann und zog mich ganz nah an sich heran. Die Angst in ihren Augen alarmierte auch mich. Ich vergrub mein Gesicht im Stoff ihres Kleides und kam erst wieder hervor, wenn die Einschläge draußen endlich aufgehört hatten.

Vor allem im März 1945 fielen Tausende von Sprengbomben auf Hattingen herab. Wie offene Münder klafften die Lücken in Häuserreihen. Doch die zerstörten Häuser waren nicht immer das Schlimmste, das wir am nächsten Tag auf den Straßen sahen. Mal lagen Leichen mitten auf dem Weg, mal ragten reglose Körperteile aus Steinschutt hervor. Die Toten wurden in Schubkarren fortgebracht. »Schau nicht hin, schau da nicht hin!«, rief Mama entsetzt, wenn wir zu unserem Schrebergarten liefen, in dem sie Kohlköpfe und anderes Gemüse gepflanzt hatte und Papa Hühner hielt. Wir sprachen nie über das, was wir gesehen hatten. Nicht an dem Tag, nicht am Abend, nicht später. Niemals.

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