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Ganz oder gar nicht

Inhalt

Ich danke meinen Fans, die mich über drei Jahrzehnte auf und neben dem Fußballplatz unterstützt haben. Ich danke meinen Trainern, die mich förderten und formten. Ich danke meinen Ärzten, die mich heilten und mir wieder Hoffnung gaben. Und ich danke von Herzen meinen Eltern, die das Fundament legten, das eine solche Karriere erst ermöglichte.

1.  Kapitel
Meine zweite Halbzeit läuft

HIER DER LODDAR, DORT GRANDE LOTHAR

Es ist noch nicht so lange her, da hielt ich mit meinem Auto an einem serbischen Grenzübergang. Ich reichte meinen Pass durchs Fenster und beobachtete den Gesichtsausdruck des Beamten. Er zog die linke Augenbraue hoch, bückte sich, sodass er mir ins Gesicht blicken konnte, und sagte auf Englisch: »Herr Matthäus, ich werde Ihnen Ihren Pass nicht wieder aushändigen können.« Nicht mehr aushändigen? Wie bitte? Ich war entsetzt und fragte nach dem Grund. Da fing er an zu lachen. »Damit Sie das Land nicht mehr verlassen können. Bleiben Sie hier und kümmern Sie sich um unseren Fußball!«

So etwas passiert mir im Ausland.

In Deutschland dagegen würden mir einige am liebsten den Pass wegnehmen, damit ich nicht mehr ins Land reinkomme.

In Italien wiederum interessiert es nicht, welches Auto ich fahre, ob ich als Fünfzigjähriger eine junge Frau habe, viermal geschieden bin oder mich auf einer Pressekonferenz versprochen habe. Es gibt keine Häme, es gibt keinen Spott, es gibt keinen Neid. Ich treffe auf Respekt und Anerkennung.

Selbst heute, zwanzig Jahre nach meinen Erfolgen bei Inter Mailand, werde ich im Giuseppe-Meazza-Stadion immer noch von Tausenden mit Applaus empfangen, wenn ich die Tribüne hochgehe, um mir mal wieder ein Spiel anzuschauen. Diese Achtung ist unglaublich; dieses Gefühl, dass man weiterhin ein Teil dieser Familie ist. Der Verein ist längst umstrukturiert, neue Angestellte arbeiten in den Büros, aber die Fans vergessen dich nicht. Sie erinnern sich, was du für ihren Verein geleistet, welche Momente du ihren Herzen geschenkt hast. Egal, wo ich in Italien hinkomme, ob auf Sizilien, in Rom, in Verona oder selbst beim Italiener in München – ich habe dort einen Spitznamen: Il grande. Der Große. Wer in Italien »grande« sagt, meint »Grande Lothar«. Nur hier, in Deutschland, bin ich »der Loddar«. Das ist schon kurios, denn ich finde eigentlich nicht, dass ich fußballerisch für Italien mehr geleistet habe als für Deutschland.

In diesem Buch will ich sowohl den Fans in meiner Heimat als auch den Leuten, die mich Loddar nennen, zeigen, wer ich wirklich bin. Ich habe es zu lange den Journalisten überlassen, über mich zu schreiben. Journalisten, denen ich mich oft zu schnell anvertraut habe, die meinen Namen missbrauchten. So entstand ein Image von mir – aber wer kennt mich wirklich? Die meisten haben sich ein Bild von mir gemacht über provozierende Schlagzeilen, abstruse Anekdoten und billige Pointen. Aber ist das Lothar Matthäus? Bin das ich? Ich werde klarstellen, vervollständigen und erklären, was mich ausmacht, warum ich der bin, der ich bin, und was sich hinter manchen Entscheidungen verborgen hat, die für Irritationen sorgten.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich für mein Image auch selbst verantwortlich bin. Zu oft habe ich vergessen, wie interessant ich für die Öffentlichkeit bin. Vielleicht habe ich zu sehr in mein Privatleben blicken lassen, zu viele Interviews gegeben. Nicht unbedingt, weil ich sie geben wollte, sondern – es mag komisch klingen – weil ich ein höflicher Mensch bin und dazu erzogen wurde, auf Fragen zu antworten. Vielleicht war es aber auch mein Kampf um Anerkennung, der mich zu offenherzig werden ließ, zu blind und zu naiv, um zu bemerken, wenn jemand meine Gutmütigkeit ausnutzen wollte. Das gilt für Journalisten, aber auch für Menschen in meinem Umfeld, in denen ich ursprünglich Freunde vermutete. Ich habe erst später realisiert, dass sie nichts anderes waren als Profiteure.

Ich habe daraus gelernt, und trotzdem wird mir dieser Fehler vielleicht auch zukünftig passieren. Ich will mich nicht verbiegen.

HERZ GEHT VOR GEHIRN

Eines kann ich mir jedoch nicht vorwerfen: dass das, was ich der Öffentlichkeit preisgab, unehrlich oder verfälscht gewesen wäre. Ich bin Ehrlichkeitsfanatiker. Ich bin Gerechtigkeitsfanatiker. Und ich bin ein Herzmensch. Das heißt, ich handele aus dem Herzen – so sehr, dass ich mir manchmal wünschte, mehr das Hirn benutzt zu haben. Aber mein Herz überstimmte regelmäßig den Kopf.

Trotz der vielen unliebsamen Dinge, die ich mit dieser Maxime erlebt habe, stehe ich nach wie vor zur Stimme meines Herzens. Weil ich an das Gute glauben will. Weil ich mich um andere sorgen, weil ich vertrauen will. Deshalb bereue ich auch keine Hochzeit, denn sie kamen alle von Herzen. Sie waren alle ehrlich und folgten meinem inneren Leitsatz: Mache es ganz, oder mache es gar nicht! Natürlich hätte ich auch hier zu mir sagen können: »Lothar, bist du wahnsinnig! Nach vier Monaten heiraten? Kann das gut gehen?« Warum nicht? Ganz oder gar nicht.

Ist man in einer mitunter verlogenen und sinnentleerten Welt auf der Suche und trifft dabei seine Entscheidungen meist aus dem Herzen, läuft man nun mal Gefahr, häufiger zu scheitern als andere. Ich bin häufiger gescheitert. In der Ehe wie im Fußball. Wobei meine privaten Niederlagen die schlimmsten waren, die ich je erlebt habe, schlimmer als jeder verpasste Pokal.

Meine Prinzipien habe ich deswegen nicht geändert. Selbst dann nicht, wenn ich merkte, dass mein Vertrauen ausgenutzt wurde oder Ausgebufftere auf Traumposten gelandet sind. Auch über die Kollision meiner Werte und Prinzipien mit den Regeln dieser Branche und den Ansprüchen mancher Lebensgefährtin werde ich in diesem Buch schreiben.

SEHNSUCHT NACH RUHE

In den letzten Jahren wurde ich von einer großen Sehnsucht getrieben. Damit meine ich nicht so sehr die Sehnsucht, im Privaten endlich anzukommen, ein letztes Mal zu heiraten, noch einmal Vater zu werden und einen Ruhepol zu finden. Die Sehnsucht hieß, endlich meine Qualitäten als Trainer auch in meiner Heimat zeigen zu können. Im Ausland hatte der Weg meiner Mannschaften ja auf unterschiedlichste Art und Weise meist nach oben geführt. Neben den sportlichen Erfolgen in den Meisterschaften und Pokalwettbewerben und trotz aller unrühmlichen Schlagzeilen habe ich in Österreich, Serbien, Israel und Ungarn vor allem stabile Fundamente hinterlassen. Ich entdeckte viele neue Talente, die heute Nationalspieler sind oder im Ausland unter Vertrag stehen. Die Jungs hatten Respekt vor mir und vertrauten sich mir an, als sei ich ihr Vater. Das macht mich stolz und zufrieden. Ich konnte dabei viel lernen. Auf meinen Trainerstationen begegnete ich den unterschiedlichsten Mentalitäten und entwickelte ein Gespür dafür, wie man mit Spielern individuell umgehen muss. Gerade bei den Multikultimannschaften von heute sind solche Erkenntnisse extrem wichtig. Auch in Deutschland.

Nur hat es in dem Land, in dem ich mit neun Jahren meinen Spielerpass erhielt, mit 18 in die erste Bundesliga wechselte, sieben Meistertitel errang und zweimal den DFB-Pokal hochhielt, für das ich sowohl Weltmeister als auch Europameister wurde, bisher nicht hingehauen. Ich sage nicht, dass es ungerecht ist, in Deutschland noch keinen Trainerjob bekommen zu haben. Vielleicht traut man sich nicht, weil ich zu sehr polarisiere, vielleicht hat man Angst vor dem starken Fokus, der auf mir liegt, oder man ist voreingenommen aufgrund der Geschichten, die aus meinem Leben an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Ich werde in diesem Buch erzählen, wie trotz alledem viele Manager und Präsidenten mit mir redeten und welche Umstände im letzten Moment dazu führten, dass doch nichts daraus wurde.

Inzwischen hat sich meine große Sehnsucht gelegt. Auch weil ich der Bundesliga zumindest zurzeit keine großen Experimente zutraue. Ich habe das Gefühl, dass sich die Liga aus einem Karussell mit 25 Trainern bedient. Fliegt einer raus, kommt direkt der nächste Altbekannte. Man verlässt sich auf die Trainer, die man kennt. Egal wie mittelmäßig oder wie erfolglos. Egal wie oft abgestiegen oder rausgeschmissen. Michael Skibbe wird aus Erfolglosigkeit in Frankfurt entlassen, fünf Monate später ist er Cheftrainer bei Hertha BSC Berlin und überlebt dort gerade mal sechs Wochen. Auf ihn folgt mit Otto Rehhagel ein über Siebzigjähriger, der trotz seiner großen Verdienste auch nicht imstande ist, den Klassenerhalt zu schaffen. Das sind Beispiele einer merkwürdigen Personalpolitik in einem millionenschweren Business, über die nicht nur ich, sondern längst auch Spieler und Fans die Stirn runzeln. Der Fußball kann doch nur profitieren von neuen Leuten, von anderen Gesichtern, von charismatischen Trainern, die auch mal polarisieren. Wenn ich immer nur auf denselben Personalpool zurückgreife, kann sich kaum etwas verändern.

Aus diesen Gründen habe ich meinen Wunsch vielleicht nicht begraben, aber doch losgelassen, damit er meinem Lebensglück nicht mehr im Wege steht.

DIE MEINUNG DER ANDEREN

Klar könnte ich spekulieren: Hätte ich meine Karriere in München beendet, wäre ich heute Trainer vom FC Bayern. Aber ich bin kein Typ, der Dinge aus der Vergangenheit lange mit sich herumschleppt und sein Herz dadurch schwer werden lässt. Ich habe nie lange gefeiert und mir auf Siege etwas eingebildet. Ich habe aber auch Niederlagen oder falsche Entscheidungen nie lange betrauert.

Meine Karriere als Trainer ist bisher nicht so verlaufen, wie ich es mir gewünscht hätte, aber ich kann mich doch nicht hinsetzen und lauthals lamentieren, wie es der Deutsche so gerne macht. Ich habe mein Leben, ich habe meine Freunde, ich bin gesund, ich habe eine gewisse Sicherheit, und ich habe vor allem eines: Freiheit. Und solange ich keinen Trainerjob habe, genieße ich sie. Eine Freiheit, die ein Karl-Heinz Rummenigge vielleicht nicht hat, weil er jeden Tag am Schreibtisch sitzen muss. Daher komme ich auch gut damit zurecht, wenn Karl-Heinz öffentlich äußert, die zweite Lebenshälfte des Lothar Matthäus sei ja bisher nicht so positiv verlaufen. Ich fresse solche Kommentare nicht mehr wie früher in mich hinein, weil ich weiß, dass irgendwann auch wieder andere Zeiten kommen werden.

Ich war immer zufrieden mit dem, was ich hatte. Ich wäre auch als Raumausstatter oder Innenarchitekt glücklich geworden. Vielleicht hätte ich dann längst das warme Zuhause, das ich suche, vielleicht wäre ich nicht viermal geschieden. Vielleicht müsste ich dann nicht immer Koffer packen. Andererseits hätte ich vieles andere nicht erleben können, großartige Momente, wertvolle Begegnungen und lehrreiche Misserfolge.

2.  Kapitel
Meine Heimat, meine Wurzeln

EINE FAMILIE IN FRANKEN

Ich bin ein Arbeiterkind. Der Lebensinhalt meiner Eltern war die Arbeit, tägliche, harte, ehrliche Arbeit. Blicke ich zurück auf meine Kindheit, sehe ich die beiden eigentlich immer nur arbeiten. Ihnen ist nichts geschenkt worden, und so lernte ich, dass ohne Arbeit auch mir nichts geschenkt werden würde.

Mein Vater Heinz stammt aus Schlesien. Er hat nie viel über seine Heimat erzählt, nur die Geschichte von der Flucht hörten wir immer wieder. Wie sie als neunköpfige Familie ihr Zuhause in Triebel verlassen mussten, weil »der Russe« nahte. Triebel liegt drei Kilometer östlich der Neiße und heißt heute Trzebiel. Mein Großvater war dort Stellmacher, er hatte eine eigene Werkstatt in dem 2 400 Einwohner kleinen Städtchen. Mehrfach war er mit seiner Familie umgezogen, um schließlich hier heimisch zu werden.

Als sich der Zweite Weltkrieg dem Ende neigte und die Radiomeldungen Anfang Februar 1945 immer bedrohlicher klangen, wollten sie alle weg. Es waren zu viele, um rechtzeitig in Sicherheit gelangen zu können. Doch weil sich eines Abends deutsche Soldaten bei meinen Großeltern selbst zum Essen einluden, bekamen sie die Gelegenheit, schon am nächsten Tag mit dem Militärbus nach Hoyerswerda mitgenommen zu werden. Von dort würde ein Flüchtlingszug Richtung Westen gehen. Am 15. Februar 1945 – das Datum weiß mein Vater noch ganz genau – verließen sie ihre Heimat für immer. Sie zogen so viel Schichten Kleidung übereinander, wie sie nur konnten, packten so viele Koffer, wie sie besaßen, und begaben sich auf eine Fahrt ins Ungewisse. Mit 14 anderen Flüchtlingen in einen Güterwaggon gepfercht kam der Matthäus-Clan nach drei Tagen und drei Nächten in seiner neuen Heimat an. Niemand wusste, wo man war. Es hätte das Rheinland sein können, es hätte Ostfriesland sein können. Aber es war Franken. Noch am Bahnhof von Erlangen wurden die Familien aufgeteilt und in alle Ecken der Region geschickt. Für meine Familie ging es nach Höfen, eine kleine Ortschaft westlich von Herzogenaurach. Von Herzen willkommen waren sie hier nicht.

Mein Vater war damals vierzehn Jahre alt und das älteste aller Geschwisterkinder. Er wurde von klein auf hart rangenommen und in die Arbeitsabläufe integriert. Schon auf der Flucht war es an ihm, mit ein wenig Geld in der Tasche aus dem Güterwaggon zu springen, um mit irgendetwas Essbarem zurückzukommen, das alle neun satt machte. »Freiheit«, hat mein Vater mal gesagt, »Freiheit haben wir eigentlich nie groß gehabt.« Obwohl er die Leibesertüchtigung – wie es damals hieß – liebte, reihenweise Goldene Sportabzeichen nach Hause getragen hatte, einen ganz guten Fußball spielte und daher eigentlich immer Sportlehrer werden wollte, schlug er den Berufsweg seines Vaters ein. 1949 schloss er im väterlichen Betrieb seine Zimmermannslehre ab. Eine handwerkliche Tradition, der auch ich mich später anschließen sollte.

Im gleichen Jahr lernte mein Vater meine Mutter kennen. »Aus Blödsinn«, sagt er heute noch. Damit meint er die Weihnachtsfeier des FC Herzogenaurach, auf der man sich in der Gaststätte Zum Weißen Hahn näherkam. Katharina, meine Mutter, war genauso alt wie mein Vater. Sie hatte keine Vertreibung hinter sich, sie war ein Mädchen aus dem Ort. Ihr Vater, der Betreiber des Wasserwerks, wurde an die russische Front geschickt und kehrte nie wieder aus dem Krieg zurück. Obwohl meine Großmutter immer auf ein Wiedersehen hoffte, wurde der Vermisste irgendwann für tot erklärt, damit es wenigstens Witwenrente geben konnte. Meine Großmutter starb leider schon 1954. Zwei Jahre später heirateten meine Eltern. Es war eine nicht gern gesehene evangelisch-katholische Mischehe, die im konservativen Bayern dazu führte, dass ich einige Jahre später selbstverständlich katholisch getauft wurde.

Im Jahr 1960 trat mein Vater seinen Job bei Puma an, als Hausmeister. Er war zwar gelernter Schreiner, wurde aber schnell zum Mädchen für alles, reparierte, schraubte, wechselte Glühbirnen aus, verkaufte Snacks und Getränke und half, wo Not am Mann war. Für einen Arbeitsbesessenen wie ihn war es geradezu ideal, dass er mit meiner Mutter eine Wohnung in der Würzburger Straße 11 fand, direkt neben dem Firmengelände von Puma. Von Tür zu Tür brauchte er nicht mal eine Minute.

Meine Mutter stellte meinem Vater morgens um fünf nicht nur sein Frühstück hin und schmiss den ganzen Haushalt, sondern saß zusätzlich in stundenlanger Heimarbeit für Puma an der Steppmaschine. Ständig bekam sie Kartons unfertiger Fußballschuhe geliefert, um sie mit den nächsten Arbeitsschritten zu komplettieren. Gut möglich, dass ich irgendwann einmal einen Schuh trug, den meine Mutter zusammengenäht hatte.

ICH WAR DER SOHN VON PUMA

Das Leben meiner Eltern stand derart im Zeichen der Arbeit, dass mein Vater seinen Pflichten bei Puma selbst dann nachging, als ich am 21. März 1961 um 15.20 Uhr geboren wurde. Es war der Hausarzt, der meine Mutter ins Krankenhaus nach Erlangen fuhr.

Ich wuchs mit einem vier Jahre älteren und damit zwei Köpfe größeren Bruder auf. Wolfgang spielte auch Fußball. Zusammen kickten wir mit allem, was uns vor die Füße kam. Wir verstanden uns gut, auch wenn ich immer seine abgetragenen Sachen anziehen und seine alten Fahrräder fahren musste. Wolfgang hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich für ihn nur der kleine Bruder bin. Dennoch wollte ich mich natürlich ständig mit ihm messen. Ich wollte allen beweisen, dass ich mithalten kann. Ich glaube, dass ich durch diese bis zur Erschöpfung geführten Eins-gegen-eins-Spiele im Hinterhof oder im Wohnzimmer sowie die ständigen Ringkämpfe mit Wolfgang angefangen habe zu lernen, mich auch gegen vermeintlich Stärkere durchzusetzen.

Wenn man so will, war dieser Hinterhof die Keimzelle meines Könnens. Wo heute ein weiteres Einfamilienhaus mit gepflastertem Carport steht, lieferte ich mir mit meinem Bruder Zweikämpfe auf einem unebenen Lehmboden, auf dem der Ball ständig versprang. Rechts und links die Gemüsebeete meiner Eltern, unser Tor war die obligatorische Teppichstange. War ich alleine, war die Mauer mein Anspielpartner. Vielleicht habe ich schon hier gelernt, wie es funktioniert, platziert zu spielen, nicht übers Tor zu schießen oder Freistöße ständig in die Wolken zu jagen. Denn schoss ich zu hoch, zersprang die einfach verglaste Fensterscheibe der Oma, die dahinter wohnte. »Halt den Ball flach im Hinterhof!«, schimpfte mein Vater mit mir, der die neue Scheibe nicht nur bezahlen musste, sondern immer auch höchstpersönlich einsetzte.

Das alte Haus steht noch. Wir bewohnten rund siebzig Quadratmeter im ersten Stock, der über eine quietschende und blank gebohnerte Holztreppe zu erreichen war. Vom Flur aus ging es rechts in die große Küche, in der wir uns morgens und abends auch wuschen. Für damalige Zeiten nichts Ungewöhnliches. Toilette und Bad lagen im Erdgeschoss. Vier Mietparteien hatten sich abzustimmen, also musste man vor der Toilette zuweilen auch warten. Das Bad nutzten wir nur samstags, dann war uns für eine Stunde heißes Wasser zugeteilt. Einmal wurde die Wanne vollgemacht, und der Countdown lief. Mein Bruder und ich bekamen je zehn Minuten. In warmem Wasser und Badeschaum zu spielen und zu entspannen, daran war nicht zu denken.

Neben der Küche gab es noch das Wohnzimmer und hinten die zwei Schlafzimmer, eines für meine Eltern, eines für mich und meinen Bruder. Unser Kinderzimmer war kärglich und erinnerte an eine Jugendherberge oder eine Kaserne. Ein Etagenbett aus Holz, zwei Schränke, fertig. Selbst für die Hausaufgaben war kein Platz, dafür setzten wir uns an den Küchentisch. An die Wände hatten mein Bruder und ich Poster von Borussia Mönchengladbach gepinnt, von Berti Vogts und Günter Netzer. Die Deko hatten wir über meinen Vater bekommen, denn Puma war Ausrüster von Mönchengladbach. Der FC Bayern München interessierte uns nicht; für den war Adidas zuständig.

Puma und Adidas gingen aus ein und derselben Herzogenauracher Schuhmacher-Familie hervor. Die zwei Brüder Adolf und Rudolf Dassler gründeten in den zwanziger Jahren eine gemeinsame Sportschuhproduktion und zerstritten sich – nein, das ist untertrieben, sie waren bis aufs Blut verfeindet. 1948 gingen sie getrennte Wege. Adolf (später sein Sohn Horst) baute das Adidas-Imperium auf, Rudolf (später sein Sohn Armin) begründete das Puma-Imperium. Beide stellten in bitterer Konkurrenz Sportschuhe her, Kontakt hatten die Familien untereinander kaum bis gar nicht. Diese Feindschaft war im Dorf kein Geheimnis, von Betrügereien war die Rede und auch von Denunziationen im Nationalsozialismus.

Da meine Eltern durch Puma ihr Geld verdienten und direkte Nachbarn der Produktionsstätte waren, war ich ziemlich schnell nicht nur der Sohn von Herrn und Frau Matthäus. Ich war auch der Sohn von Puma. Ja, ich war sogar das »Maskottchen«. Ab dem dritten Lebensjahr rannte ich in der Firma herum und kannte die 370 Arbeiter persönlich. Auch zum Chef Rudolf Dassler entwickelte sich schon früh eine enge Verbindung. Dassler wusste, was er wollte, er war streng, zu seinen Mitarbeitern aber gleichzeitig wie ein Vater. Ich durfte jederzeit in sein Büro, um von den weggeworfenen Briefumschlägen, die ihn täglich aus aller Welt erreichten, die Marken abzulösen. Es roch immer nach dem Qualm seiner Tabakpfeife, die er über alles liebte. Ich bin mit Rudolf Dassler am Ufer der Altmühl angeln gewesen und zog mit dem Kescher seine 80-Zentimeter-Hechte aus dem Wasser. Ich war auch bei ihm zu Hause. Er nahm sich Zeit für mich, weil er mich in irgendeiner Form lieb gewonnen hatte. Wir waren wie Großvater und Enkel. Dassler schloss mich so sehr in sein Herz, dass er mir nicht nur hin und wieder einen Trainingsanzug, Schuhe oder einen Ball zusteckte, sondern auch meinen Karrieresprung nach Mönchengladbach mit einem noblen Geschenk bedenken sollte.

PRÜGELKNABE, KLASSENPRIMUS

Meinen Vater habe ich meist nur beim Abendessen gesehen. Er kam oft sehr erschöpft nach Hause, weil er den ganzen Tag unter Druck stand und sich auch selbst viel Druck machte. Ich glaube, er konnte nie richtig abschalten. Das führte dazu, dass er seine Nervosität und Unausgeglichenheit auf die Familie übertrug. Ob wir mal gelacht haben? Bestimmt, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ein entspanntes Leben gab es jedenfalls nicht, dafür war der Alltag zu stressig. Wir sprachen beim Essen auch nicht über die großen Lebensfragen, nicht über die bewegte Familienvergangenheit und – obwohl es eine sehr politische Zeit war – auch nicht über Politik. Es ging um die alltäglichen Probleme, um die Arbeit, die Schule, das Essen, die nächste Schlachtung. Und mir ging es vor allem darum, draußen mit meinen Freunden Fußball zu spielen. Seit ich denken kann, habe ich jede freie Minute genutzt, um gegen den Ball zu treten. Ob allein gegen die Mauer mit selbst ausgedachten Übungen, ob eins gegen eins gegen meinen Bruder oder mit den Nachbarskindern auf dem Bolzplatz.

Die größte Strafe, die meine Eltern verhängen konnten, war Stubenarrest. Die Kochlöffel, die auf meiner Lederhose zerbrachen, der Ast, der immer in der roten Küchenbank bereit lag, oder eine Watschen mit der flachen Hand waren mir lieber, als zwei Tage in meinem Zimmer sitzen zu müssen. Das drohte beispielsweise, wenn ich heimlich mit meinem Bruder geraucht hatte, zu spät nach Hause kam oder nicht, wie versprochen, in die Kirche gegangen war. Aber, doch, wenn man mich fragt: Ich hatte eine glückliche und gute Kindheit – eine freie Kindheit.

Meine Eltern waren fürsorglich, aber streng. Ich hatte keine Angst vor ihnen, nur großen Respekt. Der Ton bei uns zu Hause war derb, aber liebevoll. Da sie beide so viel gearbeitet haben, waren meine Eltern zu beschäftigt, um mich und meine Hausaufgaben zu kontrollieren. Sie überließen uns viel uns selbst, achteten aber sehr darauf, dass die Noten stimmten.

In der Grundschulzeit gab es wenig Grund zur Klage. Ich war einer der besten Schüler meiner Klasse, fleißig und aufmerksam. Nicht nur im Sport, sondern generell. Die Schule hat mir Spaß gemacht, ich hatte sehr gute Noten und kümmerte mich am Nachmittag um die Hausaufgaben. Ich bin gerne mit Zahlen umgegangen, Mathematik hat mich am meisten fasziniert. Auch heute noch. Ich brauche keinen Taschenrechner oder Kugelschreiber, um Zahlen zu multiplizieren oder zu subtrahieren. Ich konnte immer Netto und Brutto unterscheiden und im Kopf mal eben die Steuer ausrechnen. Dabei half mir im Übrigen auch der Aushilfsjob in der Kantine von Puma, wenn ich meinen Vater beim Verkauf unterstützen und das Wechselgeld passend rausgeben musste.

EHRLICH WÄHRT AM LÄNGSTEN

Lebensmottos oder kluge Weisheiten haben meine Eltern nie ausgegeben, vieles blieb unausgesprochen. Denke ich aber über Leitsätze nach, die uns vermittelt wurden, dann könnten es die folgenden gewesen sein:

Man muss ehrlich sein!

Wir müssen uns gegenseitig unterstützen!

Wir müssen nach vorne schauen!

Ja, ganz sicher, diese Prinzipien wurden mir vorgelebt; sie haben mich geprägt.

Mein Vater hat immer geradeheraus gesagt, was er dachte, mit seiner Ehrlichkeit hat er uns durchaus das ein oder andere Mal vor den Kopf gestoßen. Ich gehe davon aus, dass er auch auf der Arbeit nicht nur Freunde hatte. Denn er sagte seine Meinung immer offen und klar. Gleichzeitig konnte jeder zu ihm kommen, wenn er ein Problem hatte.

So ein Mensch bin ich auch. Ich bin immer den ehrlichen, den geraden Weg gegangen, und ich erwarte das auch von meinen Mitmenschen. Wenn jemand ehrlich und korrekt zu mir ist, würde ich meinen letzten Groschen für ihn geben – egal, was in der Vergangenheit vorgefallen ist. Ich bin in der Lage, zu verzeihen und meinen Gegnern versöhnlich die Hand zu reichen.

Andererseits weiß ich auch, dass Ehrlichkeit nicht immer der richtige Weg ist, um weiterzukommen. Meine Ehrlichkeit stand mir oft im Wege, weil ich zu ehrlich war. Doch lieber bin ich ehrlich und dabei mit mir im Reinen, als dass ich mich wie manch anderer hinterlistig hochkämpfe und dabei über Leichen gehe.

DIE SACHE MIT DER KIRCHE

Obwohl in der Wohnung meiner Eltern ein Jesuskreuz hing, war es mit ihrer Religiosität nicht so weit her, dass sie jeden Sonntag in die Kirche gingen. Stattdessen schickten sie meinen Bruder und mich. Es gab keine Begründung, sondern nur die Anweisung: »Ihr geht am Sonntag um zehn Uhr in die Kirche!« Ende der Durchsage. Wir mussten uns fein machen, weißes Hemd, grauer Anzug, rote Fliege und geputzte schwarze Schuhe, dann machten wir uns mit je einem Groschen für den Klingelbeutel auf den Weg in die Messe. Wir Kinder konnten mit der Kirche aber auch nicht viel anfangen. Und so steckten wir die beiden Groschen ein ums andere Mal in den Kaugummiautomaten und gingen Fußball spielen. Um das zu vertuschen, holten wir uns am Ende irgendwoher Wasser und putzten die verdreckten Schuhe. Nicht immer gelang uns die Täuschung.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals zu viert in der Kirche gewesen wären, selbst Weihnachten nicht. Auch an diesem hohen Feiertag bin ich immer mit meinem Bruder alleine hingegangen, wobei wir die Christmette gerne mal unterbrachen, um in der Pizzeria ein Bier zu trinken.

Vielleicht, könnte man jetzt spekulieren, ließen uns die Eltern allein in die Kirche gehen, weil sie sich dachten: »Geht hin und findet heraus, wie sehr die Botschaften und die Energien auf euch wirken!« Nein, in Wirklichkeit war es viel banaler. Meine Mutter wollte einfach in Ruhe das Mittagessen vorbereiten. Sie hat ja immer frisch gekocht und nie irgendeine Fertigware aus dem Supermarkt auf den Tisch gestellt. Sonntags fing sie schon um acht Uhr damit an, für die Knödel die Kartoffeln zu reiben. Und mein Vater hat ihr dabei geholfen.

Natürlich habe ich als junger Mensch sämtliche Kirchenrituale mitgemacht, niederknien, aufstehen, sitzen, niederknien, aufstehen, sitzen, diese ganze Litanei. Aber eher rein mechanisch. Ich denke, dass jeder selbst entscheiden muss, was er daraus mitnimmt. Mich hat das Ganze eher kaltgelassen und nicht dazu animiert, am nächsten Wochenende mit Neugier oder gar Spaß in die Kirche zu gehen. Die Predigten waren mir zu abstrakt. Erstens verstand ich die theologischen Anspielungen nicht wirklich, zweitens wurden unsere Eindrücke ja auch nicht zu Hause mit den Eltern nachbereitet. Und in einem Alter, in dem ich es hätte begreifen können, bin ich nicht mehr in die Kirche gegangen.

Bis heute aber habe ich mir die Vorstellung erhalten, dass jemand auf mich aufpasst und dass er das vielleicht sogar noch besser tut, wenn ich an ihn glaube. Letztlich wissen wir nicht, was wahr ist. Ich persönlich glaube, dass jemand mein Leben bestimmt und begleitet. Ich bete nicht, aber ich denke ab und zu an Ihn. Ist Er jetzt da? Schaut Er auf mich, beschützt Er mich? Natürlich bitte ich ihn auch mal um Hilfe, wünsche mir etwas, hoffe auf etwas.

Gerade in den letzten Jahren habe ich mich häufig mit der Frage ertappt: Wo bist Du? Warum hast Du mir nicht geholfen? Warum hast Du mich im Stich gelassen? Warum ist da schon wieder etwas passiert, was nicht in meiner Lebensplanung stand? Wenn ich Heiligabend dagesessen habe und mich bei den Anrufen und SMS an Freunde und Familie fröhlich stellte, suchte ich nach Antworten. Warum sitze ich jetzt schon wieder allein zu Hause, anstatt mit meiner Familie Weihnachten zu feiern? Aber ich habe keine Antwort bekommen. Vielleicht, ja, vielleicht hat der liebe Gott mir ja geholfen, mich schneller als gewöhnlich von meinen Verletzungen zu erholen – den sportlichen wie seelischen.

SPARE UND ARBEITE!

Mit zehn Jahren gab es eine Zäsur in meinem Leben: Meine Eltern bauten ihr erstes Haus. Beide kamen aus einer Generation, die Verlust und großen Mangel ertragen musste und jetzt alles daransetzte, die verlorene Sicherheit wiederzuerlangen. Von nun an wurde alles dem Hausbau untergeordnet, und selbstverständlich mussten wir Kinder mithelfen. Wir machten nicht bloß den Arbeitern die Bierflaschen auf, sondern trugen Zementsäcke und schwere Steine. Samstagmorgens um sechs hatten wir aufzustehen, um mit anzupacken. Viele Arbeiten wurden privat erledigt, um Geld zu sparen. Anderthalb Jahre dauerte die Prozedur – eine harte Zeit. Das Haus wurde am Ortsrand von Herzogenaurach errichtet, rund anderthalb Kilometer von der Fabrik entfernt. Meine Eltern leben heute noch dort – und zwar so, als sei die Zeit von damals, 1971, stehen geblieben.

Alles, was meine Eltern verdienten, steckten sie in dieses Haus. Verzicht war angesagt. Während andere Kinder sonnengebräunt aus den Schulferien zurückkamen, fuhren wir kein einziges Mal in Urlaub. Ich glaube, die weiteste Reise meiner Eltern ging nach Neuschwanstein. Als mir die anderen von ihren Erlebnissen erzählten, überkam mich durchaus das Gefühl, das auch gerne gehabt zu haben. Warum, fragte ich mich, komme ich nicht über das Zelten im Garten hinaus? Es hat finanziell einfach nicht gelangt. Zuerst haben meine Eltern für das Haus gespart, und als es endlich stand, mussten die Schulden abbezahlt werden. Die beiden waren im Gegensatz zu mir aber auch nie begierig darauf zu reisen. Zu Hause gefiel es ihnen am besten. Am wichtigsten war ihnen ein geregeltes Leben, und das haben sie bis zum heutigen Tag. Ich habe als Kind auch nie darüber geklagt, nicht aus Herzogenaurach herauszukommen. Ich wurde so erzogen, dass man Dinge akzeptiert, wenn man sie nicht ändern kann.

Mein Vater lud uns auch nie in ein teures Restaurant ein, wir beschränkten uns aufs Nötigste. Zwar herrschte nie Mangel, wir haben nie Hunger gelitten, aber meine Eltern haben immer aufs Geld geschaut. Daher wurde ich auch nie zum Friseur geschickt, stattdessen kam Giovanni zu uns nach Hause, ein Italiener, der mit der Schere umgehen konnte. Er arbeitete bei Puma und schnitt nebenbei Haare, um sich etwas dazuzuverdienen. Wann immer er in unserer Küche auftauchte, machte ich, dass ich Land gewann. Welches Kind lässt sich schon gerne die Haare schneiden? Das war ein Kampf!

Bis heute legen meine Eltern das meiste ihrer Rente beiseite – man weiß ja nie. Wahrscheinlich aus der gleichen Sparsamkeit heraus haben wir viel vom eigenen Garten gelebt. Wir pflanzten in sehr gepflegten Beeten Gemüse an: Tomaten, Erdbeeren, Bohnen, Blaukraut, Endiviensalat. Alles, was man anbauen kann, haben meine Eltern in den letzten vierzig Jahren angebaut. Außerdem hielten wir Stallhasen. Immer mal wieder, meistens an Samstagen, wurden mein Bruder oder ich gebeten, eines der Tiere zu meinem Onkel zu fahren. Also packte ich den Hasen in eine Ledertasche, so, dass der Kopf immer noch ein bisschen herausschaute, damit er atmen konnte, und radelte zu Onkel Heiner, der eigentlich der Cousin meiner Mutter war. Dort war dann Schluss mit lustig. Es gab einen Schlag auf den Hinterkopf, der den Hasen betäubte, dann schnitt Heiner ihm die Gurgel durch, zog das Fell ab und zerlegte den Hasen. Das Fleisch war immer noch warm, wenn ich wieder zu Hause ankam. Obwohl meine Mutter das Fleisch dann weiterverarbeitete, hätten meine Eltern die blutige Verwandlung vom Stallhasen zum Sonntagsbraten nicht ertragen können.

Ich bin stolz auf meine Eltern. Damit meine ich nicht, dass sie seit sechzig Jahren verheiratet sind und meine Ehen damit weit übertreffen, sondern dass sie es schafften, aus wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen kommend zwei eigene Häuser zu bauen (später bauten sie noch für meinen Bruder) und trotzdem eine kleine Summe auf der hohen Kante zu haben. Mehr als diese Sicherheit brauchten meine Eltern nicht. Sie waren nie darauf aus, irgendetwas zu besitzen, was andere hatten, haben sich nicht vergleichen oder messen wollen. Sie haben sich auf ihr eigenes Leben konzentriert und kannten keinen Neid. Mit geringen Mitteln haben sie Enormes geleistet und sich bei alledem nach Kräften um die Familie gekümmert. Sie haben ihr Leben gemeistert, dafür bewundere ich sie. Wenn mein Bruder und ich auch zuweilen etwas rauer angepackt wurden, spürten wir doch immer eine große Liebe. Ich habe die Zärtlichkeit bekommen, die sie mir geben konnten, und ich habe mich immer behütet gefühlt. Das verdient hohe Anerkennung.

Sicher habe ich von meinen Eltern auch gelernt, mit Geld umzugehen und sehr diszipliniert für mein Geld zu arbeiten. Als Kind wurde mein Taschengeld nach dem Alter berechnet: Mit jedem Jahr gab es zehn Pfennig mehr. Mit zehn Jahren habe ich also jede Woche eine Mark bekommen. Ich weiß nicht, was andere Kinder bekommen haben, natürlich erschien es mir zu wenig. Deshalb habe ich immer auch gejobbt. Freitag und Samstag trug ich Wochen-, Mode- und Fernsehzeitschriften wie Gong, Für Sie und Burda aus. Die achtzig Abonnenten in Herzogenaurach konnten sich bei jedem Wetter auf mich verlassen. Und während der Sommerferien arbeitete ich wie selbstverständlich bei Puma, verdiente 800 bis 1000 Mark pro Monat, indem ich im Lager arbeitete, Schuhkartons sortierte und Lieferscheine zusammenstellte.

Bei all der Arbeit blieb ein klassisches Bilderbuch-Familienleben auf der Strecke. Wir vier unternahmen ab und zu einen Waldspaziergang oder bolzten gemeinsam auf dem Fußballplatz. Aber man darf sich das nicht so wie heute vorstellen, wenn sich Familien ein Wochenende lang sehr nahe sind, ausspannen und sich vergnügen. Das gab es bei uns selten. Unsere Zeitabläufe erlaubten nicht, dass man stundenlang zusammen sein konnte. Das Wochenende war zum Beispiel für mich durch mein Hobby, den Sport, besetzt. Ich spielte ja nicht nur Fußball. Ich versuchte mich auch in Tischtennis, Handball und Leichtathletik – mit 14 Jahren lief ich die hundert Meter in handgestoppten 11,2 Sekunden. Das alles passierte im Verein und war sehr zeitaufwändig. Es ging mir bei den anderen Sportarten darum, in der freien Zeit etwas Neues zu entdecken.

Ich habe selten zu Hause gesessen, Däumchen gedreht, nachmittags Fernsehen geschaut, in den Nordbayerischen Nachrichten geblättert oder ein Buch gelesen. Es standen zwar einige Fußballbücher bei mir im Regal: über Franz Beckenbauer, über Uwe Seeler oder über legendäre Weltmeisterschaften, daneben einige Karl-May-Bände mit den Abenteuern von Winnetou sowie Comics wie Fix und Foxi, Micky Maus und Donald Duck. Doch diese Auswahl zeigt schon, dass ich nie eine große Leidenschaft für Bücher entwickelt habe. In die Werke Goethes oder Schillers habe ich mein Leben lang keinen Blick geworfen. Bis heute liegt bei mir kein Buch auf dem Nachttisch. Lieber zappe ich mich vor dem Einschlafen noch einmal durch den Videotext, als ein paar Seiten zu lesen.

Das erste große Fußballereignis, an das ich mich erinnern kann, ist die WM 1970 in Mexiko. Ich habe noch das Viertelfinale in León im Kopf: Deutschland besiegte England 3:2. Oder das Halbfinale gegen Italien, in dem sich Franz Beckenbauer den Arm brach. Bei solchen Anlässen scharte sich die Familie mit Salzgebäck um den Couchtisch und starrte in den ersten Farbfernseher. Ähnlich war es bei der »Sportschau«, dem »Sportstudio«, »Dallas«, »Denver« oder Unterhaltungsshows wie »Am laufenden Band«, »Drei mal neun« oder »Dalli Dalli«.

Es gab auch Zeiten, da habe ich noch gemeinsam mit meinen Eltern die »Hitparade« im ZDF gesehen. Doch beim Thema Musik schieden sich schnell die Geister. Kein Samstag verging ohne die Deutsche Schlagerparade auf Bayern3: Michael Holm, Bernd Clüver, Udo Jürgens, Peter Alexander, so etwas wurde gehört. Heintje war der Lieblingssänger meiner Mutter. Internationale Musik hingegen, englische Songs, kamen nicht auf den Plattenteller meiner Eltern. Für Uriah Heep, Deep Purple oder die Rolling Stones musste ich dann schon in die Disco gehen. Erst später, als ich in Mönchengladbach meine erste Kompaktanlage hatte, begann ich, mir eigene Platten von Elvis, den Beatles, Sweet und Santana zu kaufen. Sie reisen heute noch mit mir.

DER MISSACHTETE TORJÄGER

Mein Leben veränderte sich in dieser Zeit nicht nur durch den Hausbau. Meine Leidenschaft für den Fußball wuchs und wuchs und wuchs. Möglicherweise auch als Fluchtreflex auf den heimischen Druck. Nachdem ich bisher auf sämtlichen Straßen und Wegen Herzogenaurachs gekickt hatte, war ich mit neun dem FC Herzogenaurach beigetreten, dem von Puma unterstützten Club, und schoss im ersten Spiel mein erstes Tor. Ich traf zum 3:0 beim 3:2-Sieg gegen die zweite C-Jugend-Mannschaft des Erzrivalen ASV Herzogenaurach, der von Adidas ausgerüstet wurde. Und weil ich so gut war, durfte ich beim anschließenden Spiel der ersten C-Jugend-Mannschaften auf der Bank sitzen – und wurde am Ende sogar eingewechselt. Es war das einzige Mal, dass ich bei einem offiziellen Spiel mit meinem Bruder zusammen auf dem Platz gestanden habe.

Dabei war mein Bruder doch vier Jahre älter! Wie konnte ich in einer Mannschaft mit ihm spielen? Früher gingen die Jugendteams nur bis zur C-Jugend. Wer jünger war, dem blieb nichts anderes übrig, als mit und gegen die Älteren zu spielen. So musste ich es als Neunjähriger immer auch mit den 13- und 14-Jährigen aufnehmen. Gegen Gleichaltrige hatte ich eigentlich nur in der Schule gespielt, ansonsten war es gegen meinen Bruder und seine Freunde gegangen. Das hat mich wahrscheinlich darauf vorbereitet, mich später in Mönchengladbach als 18-Jähriger schnell gegen gestandene Profis durchzusetzen.

Mit zehn Jahren fing ich an, in der ersten C-Jugend-Mannschaft zu spielen, und avancierte schon da zum Torjäger. Ich lief als Mittelstürmer auf, trug die Nummer 9 auf dem Rücken, aber auf dem Fußballplatz war ich immer der Kleinste. Mein Vorteil aber war: Ich bewegte mich sehr wendig und flink, auch mit dem Ball. Außerdem hatte ich einen guten Schuss; ich konnte nicht nur mithalten, ich war einfach besser. Selbst habe ich das gar nicht so wahrgenommen. Ich hatte einfach nur Spaß am Fußballspielen, wollte gewinnen, mich durchsetzen, es allen zeigen! Das war meine einzige Motivation.

Ich wurde besser und besser, zuletzt spielte ich mit den Senioren in der Landesliga. Mit dieser Mannschaft stiegen wir in die höchste Amateurklasse auf, die dritte Liga. Ich war als 17-Jähriger der Top-Torjäger dieses Teams. Samstagnachmittags lief ich für die Senioren auf, sonntagmorgens ging es mit der Jugend-Mannschaft in der Bayernliga ran. Die beiden Trainer stritten sich häufig um mein Talent. Denn wenn beide Spiele am gleichen Tag waren, musste ich mich für ein Team entscheiden.

In manchen Spielzeiten schoss ich hundert Tore pro Saison. Unser Nachwuchs war wirklich gut. Wir gewannen häufiger mit 12, 15 oder 18 zu null. Mein höchster Sieg war ein 25:0 (zur Halbzeit stand es 12:0, davon hatte ich zehn Tore geschossen). In der zweiten Hälfte wurde ich dann als Libero eingesetzt, weil die anderen auch mal treffen wollten.

Ich habe schon als Kind gelernt, dass Erfolge nicht satt machen, sondern man sie sich immer wieder neu erarbeiten muss. Ich bin daher gerne zum Training gegangen, um mich zu quälen. Ich war hungrig nach guten Ergebnissen, habe jeden Tag daran gearbeitet und war nie zufrieden mit dem, was ich erreicht hatte. Trotz dieser Entwicklung wurde ich nicht auf offiziellem Wege entdeckt. Was jetzt kommt, ist für einen ehrgeizigen Jungen eine grausame Geschichte.

Eltern, die ihre Kinder in einen Fußballverein gesteckt haben, wissen, dass die Besten über das Vereinstraining hinaus in Nachwuchsmannschaften gefördert werden. In Bayern gab es dafür die Kreis-, die Bezirks- und die Bayernauswahl. Ich habe es aber nie weiter als bis zur Bezirksauswahl geschafft.

Bei den Sichtungsturnieren in Grünwald spielten Teams aus den sieben bayerischen Regionen plus die bisherige Bayernauswahl in zwei Vierergruppen gegeneinander. Die drei, vier Spiele, die man bestreiten musste, zogen sich über ein verlängertes Wochenende hin. An der Seitenlinie saßen die Trainer des Verbandes, beobachteten uns und machten sich Notizen. Am Ende versammelten sich alle in einer Art Sitzungssaal, in dem die 22 Auserwählten bekannt gegeben wurden. Wie sehr wartete ich darauf, meinen Namen zu hören! Ich hatte sehr gut gespielt und viele Tore geschossen. Vergeblich. Der Cheftrainer der Bayernauswahl, ich glaube, er hieß Bär, kam anschließend zu mir und meinte, wohl um mich zu trösten: »Du hast ja noch ein Jahr Zeit. Und außerdem bist du zu klein.« Dass ich noch ein Jahr Zeit haben würde, konnte ich als Jüngster der Sichtung ja noch nachvollziehen. Aber dass ich zu klein sei, die Körpergröße also mehr wert sein sollte als die sportliche Leistung, das war für mich ein Schock.

Ich bin nach Hause gegangen und habe meine ganze Enttäuschung an meiner Mutter ausgelassen. Unter Tränen bin ich auf sie los und schrie: »W

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