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Gangsterjagd in New York 3 - Zwei Action Thriller

Thomas West

Gangsterjagd in New York 3 - Zwei Action Thriller

Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Gangsterjagd in New York 3

von Thomas West

© Serienrechte „Jesse Trevellian“ by Alfred Bekker

© 2014 by Authors

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses Buch enthält folgende Romane

Thomas West: Alte Leichen

Thomas West: Milo muss sterben

Thomas West: Alte Leichen

"Wagen zwölf an Einsatzzentrale, kommen."

"Einsatzzentrale hört, kommen..."

Die Stimmen aus dem Funkgerät klangen verzerrt. Rauschen und Pfeifen überlagerte sie. Der Mann drehte an einem Knopf der vielen Knöpfe des Empfängers herum. Bis er die Frequenz des Polizeifunks exakt eingestellt hatte.

"...eine Tote im Zoo-Restaurant, Captain, wir brauchen die Männer vom Morddezernat, kommen."

"Verstanden, Wagen zwölf, wir informieren den Deputy Inspektor, Ende."

Klar und deutlich klangen die Stimmen jetzt. Der Mann lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. Aus einem ledernen Etui zog er eine filterlose Zigarette und steckte sie sich zwischen die Lippen. '17. Juni', zeigte der Ringkalender auf dem Schreibtisch neben dem Monitor. Ein Weißkopf-Seeadler schwebte über die Mattscheibe - der Bildschirmschoner. Durch die Lamellen der Jalousien vor den Fenstern drang spärliches Licht. Es hatte aufgehört zu regnen.

Der Mann zündete sich die Zigarette an. Im Schein des aufflammenden Feuerzeugs schimmerten seine blauschwarzen Augenbrauen. Und deutlicher waren jetzt die tiefen Falten zu sehen, die sich von den Nasenflügeln zu seinen Mundwinkeln herabzogen. Und die verwachsene Narbe in seiner Kinngrube.

Durch das Chaos von Büchern und Papieren zog er einen schweren Aschenbecher heran. Einen Aschenbecher aus türkisfarbenem Glas und wie eine Muschel geformt. Einige Minuten lang rauchte er schweigend. Auch die Stimmen im Funkgerät auf seinem Schreibtisch schwiegen.

Der Mann zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und nahm ein Stilette heraus. Eine kurze Bewegung mit dem Daumen - klickend sprang die Klinge heraus. Er legte die Zigarette in den Aschenbecher und begann die schwarzen Ränder unter seinen Nägeln herauszukratzen.

Kurz darauf wieder Stimmen aus dem Funkgerät. "Zentrale an Wagen zwölf, kommen."

"Wagen zwölf hört, kommen."

"Der Deputy will Näheres wissen - Alter des Opfers, Verletzungsart, und so weiter, kommen."

"Eine ältere Lady, zwischen sechzig und siebzig. Sie liegt in der Toilette des Zoo-Restaurants. Das Schwein hat ihr die Kehle durchgeschnitten..."

Das Gesicht des Mannes blieb ausdruckslos, aber er nickte langsam. Und in diesem Nicken lag etwas wie Genugtuung - vielleicht sollte man es sogar 'Befriedigung' nennen...

 

*

 

Bengalische Feuer brannten am Nachthimmel über dem East River. Lichtfontänen spritzten auseinander und versprühten unzählige Sterne über dem Fluss. Bunte Lichtreflexe auf dem Wasser, festlich glitzernde Girlanden die Stahlseile der Brooklyn Bridge. Und überall Menschen, Menschen, Menschen.

Vierter Juli: New York City feierte den amerikanischen Unabhängigkeitstag. Das alljährliche Feuerwerk über dem East River war auch in diesem Sommer der Höhepunkt.

"Wundervoll! Ist das nicht wundervoll, Jack?" Kathleen breitete die Arme aus, als wollte sie den Nachthimmel umarmen. "Ich bin dir so dankbar, dass du mit mir hierher gegangen bist!" Der Angesprochene neben ihr nickte und lächelte. Ein scheues Lächeln, ein wenig verkrampft fast, aber Kathleen war viel zu glücklich, als dass ihr das aufgefallen wäre.

Mit hunderten von Menschen standen sie auf dem Fulton Fish Market in Seaport. Der Pier war ein Festsaal ohne Dach und Wände: Getränkestände reihten sich neben Grillbuden. Eine Sechs-Mann-Kombo hatte sich auf einem Podest aufgebaut. Die Band spielte Frank-Sinatra-Songs. Einige Paare tanzten.

Früher, als Hugh noch lebte, war Kathleen Hershel jedes Jahr in der Nacht des 4. Juli hier gewesen. Genau hier, auf diesem Pier am Fulton Fish Market. Früher, als sie noch eine junge Frau gewesen war.

In immer kürzeren Abständen explodierten die Feuerwerkskörper. Taghell glühte der Himmel über Brooklyn Brigde und Williamsburg Bridge. Die Fassaden der Wolkenkratzer leuchteten auf. Eine Fähre glitt auf dem East River vorüber. Der Wind wehte Hochrufe und die Klänge einer Dixie-Band herüber zum Pier. Kathleen hakte sich bei Jack ein. "Ich darf doch?"

Wieder ein Nicken und wieder das jungenhafte Lächeln. Kathleen drückte sich an den so viel jüngeren Mann und strahlte. Ein Glücksfall, ihm vor zwei Tagen begegnet zu sein. Am zweiten Juli, Hughs Geburtstag. Zweiundachtzig wäre er geworden.

Kathleen hatte zweiundachtzig rote Rosen auf seinem Grab arrangiert. In Brooklyn, auf dem Greenwood Cemetery. Jedes Jahr tat Kathleen das. Seit sechzehn Jahren, seit Hughs drittem und letztem Herzinfarkt. Und jedes Jahr steckte eine Rose mehr in dem großzügigen Gebinde.

Der Mann vier Gräber weiter war ihr sofort aufgefallen. Die große, breitschultrige Statur. Der ernste, traurige Blick, mit dem er den roten Marmorgrabstein betrachtete. Der gepflegte Kurzhaarschnitt und der dichte, schwarze Schnurrbart. Das helle Sommerjackett über den sauberen Jeans. Und die geschmackvolle Krawatte. Ein gut aussehender Mann, wahrhaftig, eine Mischung aus Omar Sharif und Harrison Ford.

Der Donner über dem East River verhallte, der Lichterzauber verglühte. Die Band intonierte Sinatras 'New York, New York'. Jack wiegte sich im sanften Rhythmus der Musik. Kathleen passte sich seinen Bewegungen an. Einige der Leute um sie herum begannen mitzusingen. Immer mehr Paare tanzten. Ehe Kathleen sich versah, nahm Jack sie in die Arme. Unter vielen anderen Tänzern drehten sie sich vor dem Podest mit der Band.

Ein wenig hatte sie sich schon gewundert, vor zwei Tagen, auf dem Greenwood Cemetery: Zweimal in der Woche besuchte sie Hughs Grab. Die meisten Frauen und die wenigen Männer, die hin und wieder an den Hughs Nachbargräbern zu sehen waren kannte sie. Manche sogar mit Namen. Aber dieser Mann - Jack, wie er sich später vorstellte - war ihr noch nie aufgefallen.

Sie kamen ins Gespräch, überraschend schnell für Kathleens Verhältnisse. Ein freundlicher, offenherziger Mensch, dieser Jack. Nicht so kalt und unnahbar, wie die meisten Manhatties es waren. Die Geschichte, die er erzählte, ging ihr zu Herzen, weiß Gott. "Mom ging weg, als ich dreizehn war", begann er.

In Ogden, Utah hatten er und seine drei jüngeren Schwestern ihre Kindheit verbracht. Von einem Tag auf den anderen hatte die Mutter die Familie verlassen. Ein anderer Mann, was sonst. Kathleen kamen die Tränen, als sie sich vorstellte, wie die Mädchen nach der Mutter riefen und Jacks Vater mutterseelenallein mit vier kleinen Kindern dastand.

"Ein paar Briefe anfangs, dann jahrelang kein Lebenszeichen", schloss Jack die traurige Geschichte. "Im Herbst vor drei Jahren schließlich die Todesanzeige. Ich bin erst seit dem Frühling in New York City. Endlich hab ich Moms Grab gefunden. Nach sechzehn Jahren wenigstens ihr Grab..."

Die letzten Akkorde von 'New York, New York' verklangen. Übergangslos stimmte die Band ein Elvis-Stück an. Ein ziemlich rockiges Stück, und die Paare um Kathleen und Jack herum ließen sich los. Jeder drehte sich um sich selbst, warf die Arme in die Luft und schüttelte seine Glieder im flotten Rhythmus der Musik. Auch Jack tat das. Sein ernstes Gesicht hellte sich ein wenig auf, er klatschte in die Hände und sang sogar mit.

Kathleen versuchte mitzuhalten. Aber mit zweiundsiebzig ist man kein ganz junges Pferd mehr, selbst eine rüstige Seniorin wie Kathleen nicht. Sie lachte, blies die Backen auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Ich muss was trinken!", schrie sie gegen den Lärm der Musik an. Durch die Menge der Tanzenden hindurch drängte sie sich zu einem der Getränkestände. Jack folgte ihr.

Zwei Luxuskarossen hatten ihren alten Buick zugeparkt. Vor zwei Tagen an der 39th Straße vor dem Greenwood Cemetery. Die Stoßstangen berührten sich fast.

Nicht dass Kathleen eine schlechte Autofahrerin war - im Gegenteil! Jeden Tag saß sie hinter dem Steuer des alten Wagens - Hugh hatte ihn ein paar Wochen vor seinem Tod gekauft. Einkaufen, Arztbesuche, die wöchentliche Fahrten zum Hallenbad und nach Queens zum Bridge-Club, und so weiter, und so weiter - Kathleen benutzte grundsätzlich den Wagen. Selbst, um zum nahen Friedhof zu fahren.

Und mindestens zweimal im Jahr fuhr sie quer durch die Staaten. Einmal nach Jacksonville, Florida hinunter, wo ihre jüngere Tochter mit einem Tierarzt verheiratet war. Und einmal nach Topeka, Kansas, wo ihre ältere Tochter als Lehrerin arbeitete.

Nur das Ein- und Ausparken klappte nicht mehr so wie früher. Eines der wenigen Symptome, an denen Kathleen merkte, dass sie nicht mehr die Allerjüngste war. Jack hatte ihr den Buick aus der Parklücke rangiert. Und zum Dank dafür hatte sie ihn auf einen Drink in ein nahes Straßencafé eingeladen.

"Ich hab schon so lang nicht mehr getanzt, Jack!" Sie spürte die Hitze in ihren Kopf steigen und glaubte, ihr Gesicht müsste rot sein vor Anstrengung. Sie lächelte verlegen. "Darf ich Ihnen noch einen ausgeben?"

"Danke, Kathleen, aber das kann ich wirklich nicht annehmen..." Was für eine sympathische Stimme er hatte.

"Natürlich können Sie, Jack!" Sie bestellte zwei Gläser Sekt, nicht die ersten an diesem schönen Abend. Kathleen hatte nicht mitgezählt. "Ich hab mir ja auch gefallen lassen, dass Sie mich hierher nach Seaport begleitet haben!" Sie nahm die Gläser entgegen und zahlte. Er blickte ihr über die Schulter und schielte auf die Geldbörse hinunter. Kathleen bemerkte es nicht.

"Wer die ganze Woche hinter seinen Büchern brütet, muss hin und wieder mal was Gutes trinken. Oder verbietet Ihr Glaube Ihnen etwa ein Gläschen Sekt am Unabhängigkeitstag?" Jack schüttelte den Kopf und lächelte sein zurückhaltendes und etwas schüchternes Lächeln. Diese unaufdringliche, bescheidene Art - das vor allem war es, was Kathleen gefiel. So hatte sie sich in ihren Träumen ihren Sohn immer vorgestellt.

In jenem Straßenkaffee vor zwei Tagen hatte er ihr erzählt, er sei Theologiestudent im letzten Semester. Natürlich waren sie auf Glaubensdinge zu sprechen gekommen. "Seit dem Tod meines Sohnes kann ich nicht mehr glauben." Ziemlich tief hatte Kathleen den Fremden in ihr Herz blicken lassen. "Seit dem Tag, als Jamie tot in seinem Kinderbettchen lag."

Wie er zuhören konnte! Es gab nicht viele Menschen, in Kathleens Leben, die ihr so zuhörten. Eigentlich nur Liz, ihre ältere Tochter in Topeka. Vielleicht Henry Thompson noch, Kathleens querschnittsgelähmter Nachbar, den sie einmal in der Woche besuchte.

Wenn sie bei Jill, ihrer jüngeren Tochter in Florida war, musste sie selbst meistens zuhören. Jill hatte es nicht einfach in ihrer Ehe. Und bei den Frauen des Bridgeclubs gingen die Gespräche selten über Kinder, Enkel und die unter Frauen ihres Alters üblichen Arthrose-Geschichten hinaus.

Zwei Stunden hatten sie vorgestern in jenem Straßencafé zusammengesessen. Zwei Stunden, die wie im Flug vergingen. Am Ende hatte Kathleen sich ein Herz gefasst und ihn gefragt, ob er sie nicht zu den Feiern begleiten wollte.

Seit Hughs Tod traute sie sich nicht mehr allein unter die Menschenmassen, die sich am Unabhängigkeitstag an den Pieren des East Rivers und des Hudsons versammelten. Schon gar nicht nachts. Und das Feuerwerk fand nun mal am späten Abend statt. Jack hatte sofort zugesagt. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ein reizender, junger Mann!

Sie stießen an und tranken. Aufgekratzt fühlte Kathleen sich und um Jahre zurückversetzt. Als wäre sie erst fünfzig oder vierzig. Die Gesellschaft des Jüngeren schmeichelte ihr. Manchmal bemerkte sie verstohlene Blicke aus der Menschenmenge auf der Tanzfläche und an den Ständen. Vermutlich hielten die meisten Leute sie für Mutter und Sohn.

Das rührte Kathleen, und sie zerdrückte eine heimliche Träne, weil sie an Jamie denken musste. Gott! Wie lang war das her! Sechsundvierzig Jahre - und doch wie gestern. Manche Dinge werden niemals Vergangenheit.

Sie leerte ihr Glas und ließ sich noch einmal zu einem Tänzchen bewegen. Ihre Knie waren weich. Kathleen trank sonst selten Alkohol. Und meistens um diese Zeit lag sie längst im Bett und las einen Liebesroman.

Die Kombo spielte jetzt einen Beatles-Song - 'All you need is love'. Wie geschmeidig Jack seinen kräftigen Körper bewegte! Sie beobachtete ihn, versuchte seine Tanzschritte zu imitieren. Etwas Warmes perlte durch ihren Bauch.

Jesus...! Kathleen, altes Mädchen, was sind denn das für Frühlingsgefühle...?!

Wieder befremdete Blicke aus der Menge. Kathleen stellte sich vor, die Leute würden sie für ein Paar halten. Der Gedanke gefiel ihr, er gefiel ihr sogar gut. Aber sofort drängte sich die Erinnerung an Hughs auf ihre innere Bühne.

Hugh war immer furchtbar eifersüchtig gewesen. Sie versuchte den Gedanken an ihn abzuschütteln - es gelang ihr nicht. Bevor ihr die Tränen in die Augen steigen konnten, wandte sie sich ab. Zurück zum Getränkestand, noch einmal zwei Gläser Sekt ordern.

"Ich weiß, ich trink zuviel." Sie reichte dem milde lächelnden Mann das Glas. "Hoffentlich denken Sie nichts Schlechtes von mir, Jack - aber so jung kommen wir nicht mehr zusammen..." Einer von Hughs Lieblingssprüchen. Sie wischte sich die feuchten Augen aus und stieß mit Jack an.

Später drängten sie sich durch die Menschenmenge auf dem Bürgersteig. Kathleen hatte sich bei Jack untergehakt. Sie schwankte ein wenig.

"Es ist mir peinlich, aber ich glaube, ich kann nicht mehr fahren." Vor der Einfahrt ins Parkhaus an der Front Street blieben sie stehen. "Wenn ich ein Taxi nehme, muss ich den Wagen stehen lassen. Wie komme ich dann morgen nach Brooklyn?"

"Soll ich Sie nach Hause fahren, Kathleen?"

"Das kann ich doch nicht wirklich von Ihnen verlangen", zierte sie sich.

"Ich bitte Sie, Kathleen! Ich habe Sie hierher entführt, jetzt bin ich es Ihnen auch schuldig Sie sicher in ihr Apartment zu bringen."

"Aber nur, wenn ich Ihnen das Taxi zurück nach SoHo bezahlen darf!" Aus Jacks Erzählungen wusste sie, dass er sich dort mit anderen Studenten der Columbia University eine große Wohnung teilte.

"Einverstanden." Sie schmiegte sich an ihn. Der schmale, kastenartige Aufgang zu den Parkdecks war voller Menschen. Schwaden von Auspuffgasen schlugen ihnen entgegen, als sie durch den Ausgang auf Deck VI hinaustraten. Rechts und links des dunkelblauen Buicks stießen Fahrzeuge aus den Parkbuchten. Jack sah sich um, als fühlte er sich beobachtet. Kathleen bemerkte es nicht.

Er schloss die Beifahrertür auf. Kathleen sank kichernd auf den Sitz und legte ihre Handtasche auf ihren Schoß. Sie musste plötzlich daran denken, wie sie zum ersten Mal in Hughs Wagen gestiegen war. Damals, als sie noch zur Highschool ging, und er als junger Immobilienmakler seine ersten Dollars in Manhattan verdiente. Kurz nach dem Krieg war das gewesen. Hugh fuhr damals schon einen Buick. Einen gebrauchten natürlich, und einen viel kleineren.

Manchmal ist die Zeit nicht wie ein Strom, sondern wie ein Meer, dachte sie. Die Tage und Jahre liegen nicht mehr hintereinander, sondern nebeneinander. Menschen, die längst tot sind, lachen einen an, Szenen aus längst vergangenen Zeiten berühren einen, als wären sie Wirklichkeit... und ist das die Vergangenheit auf ihre Weise nicht auch - Wirklichkeit?

Ja, über die Zeit dachte Kathleen nach, als der Theologiestudent namens Jack die Fahrertür öffnete und sich hinter das Steuer schob. Lächelnd tat er das, als wäre er ein wenig verlegen. Er schnallte sich nicht an.

Die Vergangenheit ist gar nicht wirklich vergangen, dachte sie. Jamie ist da, Hugh ist da, der alte rostige Buick ist da... Sie kicherte. Nur die Zukunft... die ist noch nicht da. Oder ist auch sie längst gegenwärtig? Wie die Blüte in einer noch nicht entfalteten Knospe längst gegenwärtig ist...?

Wieder sah Jack sich um. Menschen liefen in kleinen Gruppen zu den parkenden Fahrzeugen. "Warum lachen Sie, Kathleen?", wollte er wissen.

"Ich fange immer an zu philosophieren, wenn ich zu viel getrunken hab", kicherte sie. "Grad hab ich über die Zeit nachgedacht..."

Sie fragte sich nicht, warum er solange zögerte, bis er endlich den Schlüssel herumdrehte und den Motor startete. Der Buick stieß rückwärts aus der Parkbucht. Der adrette Mann namens Jack schielte nach der Borduhr. "Zeit? Es ist gleich halb eins."

"Um die Uhrzeit sollte man in New York City noch nicht schlafen gehen, was, Jack?" Die Vorstellung, Jack würde sie nach Hause bringen und bei ihr im Schlafzimmer landen, drängte sich ihr auf. Sie versuchte sie zu verdrängen.

"Aber das meine ich nicht..." Sie wehrte sich redlich gegen die Bilder in ihrem Kopf - Bilder, in denen sie mit dem jungen Kerl neben ihr im Bett lag. "Nein, Jack, nein - über die Uhrzeit habe ich nicht nachgedacht..."

Statt nach unten fuhr er nach oben aufs nächst höhere Deck. Kathleen nahm es nicht gleich wahr. "Ich meinte die Zeit an sich, verstehen Sie, Jack...? O Gott - meine Zunge ist so schwer... Ich meinte - vor fünfzehn Jahren hat Hugh diesen Wagen gekauft. Vor drei Tagen kannten wir uns noch nicht, und jetzt steuern Sie Hughs Wagen nach Brooklyn und..." Sie riss die Augen auf und sah sich verwirrt um. "Huch? Sie fahren ja nach oben, Jack!"

"Merk's grade", lächelte er. "Bin den Sekt auch nicht gewöhnt - hab mich vertan."

"Das tröstet mich, ich dachte schon, nur ich alte Schachtel hab zu viel getrunken!", kicherte sie.

Auf Deck VII liefen weniger Menschen zu ihren Autos als unten. Natürlich - je später einer einen Parkplatz gesucht hatte, desto weiter oben hatte er parken müssen, weil die unteren Decks voll gewesen waren. Und desto später würde er von den Feiern nach Hause fahren wollen.

Alte Schachtel... Ihre eigenen Worte gellten Kathleen in den Ohren. Eigentlich hätte Jack etwas Schmeichelhaftes sagen müssen - "Sie werden nie wie eine 'alte Schachtel' aussehen, Kathleen", "Ich hätte Sie auf höchstens fünfundfünfzig geschätzt", oder irgend so etwas. Aber er sagte nichts. Kathleen verstummte. Sie schämte sich für ihre sexuellen Fantasien.

Statt wieder hinunter auf Deck VI fuhr Jack hinauf auf Deck VIII. "Hey, Jack! Was machen Sie?" Besorgt sah sie ihn von der Seite an. Sein Lächeln wirkte seltsam verkrampft. "Ich glaube, ich nehm mir doch lieber ein Taxi. Sie haben mehr getrunken, als ich dachte."

"Kein Problem, Kathleen." Nur ein Pärchen lief Arm in Arm an den Wagenreihen vorbei. Jack stieß in eine leere Parkbucht. "Ich wende mal eben, und dann geht's abwärts."

Das Pärchen erreichte einen schwarzen Honda Civic. Dessen Warnblinkanlage leuchtete einmal auf. Mann und Frau trennten sich am Heck des Wagens, er stieg auf der Beifahrerseite ein, sie auf der Fahrerseite.

Jack beobachtete, wie der Honda langsam aus der Bucht rollte. "Kennen Sie die Leute, Jack?", fragte Kathleen. Sie fühlte sich beklommen plötzlich. "Weil Sie sie so aufmerksam beobachten..."

Jack antwortete nicht, starrte einfach schweigend zum Seitenfenster hinaus. Der Honda fuhr langsam hinter ihnen vorbei. Jack wandte Kathleen das Gesicht zu. Er lächelte nicht mehr. Gleichgültig betrachtete er sie.

"Jack...? Was ist los, Jack...?" Sie merkte selbst, dass ihre Stimme belegt klang. Ein Würgen war da plötzlich in ihrem Hals. Es strengte sie an zu atmen. Es strengte sie an zu lächeln. Es strengte sie an zu sprechen. "Jack...?"

Wie ein wildes Tier sprang er sie an. Presste ihr die Linke auf den Mund und drückte ihren Kopf mit solcher Heftigkeit gegen die Nackenstütze, dass sie wie gelähmt war vor Entsetzen.

Sein Gesicht schwebte über ihrem - eine Grimasse angriffslustiger Brutalität. Kathleen stemmte ihm ihre Fäuste in die Brust, strampelte, wollte schreien. Ihre Finger verkrallten sich in der Haut seines Halses.

Etwas schnappte - kurz, metallen. Etwas blitzte am linken unteren Rand ihres Gesichtsfeldes auf, in Jacks rechter Hand lag es, dieses Etwas. Dann zuckte scharfer Schmerz unter ihrer Kehle. Sie hörte ein hässliches, knirschendes Geräusch.

Seine Hand wich von ihrem Mund. Warm und feucht ergoss es sich über ihre Bluse und sickerte durch den BH bis auf die Haut ihrer Brust. Ihre Hände fuhren nach oben unter ihr Kinn. Alles feucht, alles klebrig, alles warm. Statt eines Schreis drang nur ein gurgelndes Röcheln aus ihrer aufgeschlitzten Kehle.

Sie spürte, wie er ihr die Handtasche vom Schoß nahm und den Autoschlüssel abzog. Sie hörte, wie er die Wagentür aufstieß. Seine Gestalt verschwamm vor ihren Augen. Schritte knallten über Beton. Rasche Schritte, Schritte, die sich entfernten.

Kathleen verlor jeden Halt, kippte seitlich auf den Fahrersitz, prallte in die Sitzschale und hörte doch nicht auf zu fallen. Stürzte weiter und weiter in bodenlose Finsternis...

 

*

 

Stimmen hallten von den nackten Betonwänden wider, Blitzlichter zuckten, am Trassierband vor der Auffahrt ins letzte Parkdeck hatten sich Gaffer und Medienleute versammelt. "Pack", knurrte Milo. Er griff zum Mikrofon. "Tucker an Zentrale, wir sind da."

Ich steuerte meinen Sportwagen in eine Parkbucht und stellte den Motor ab. Wir stiegen aus. Am Absperrband fuhren die Köpfe herum. Männer und Frauen mit Kameras und Mikrofonen liefen uns entgegen.

"Können Sie unseren Zuschauern schildern, was für ein Verbrechen dort oben geschehen ist?", "Ein Sexualmord, wie man hört, können Sie das bestätigen?", "Glauben Sie, dass der Seniorenkiller wieder zugeschlagen hat?" Wie ein Hagelschauer prasselten uns die Fragen entgegen.

Eine Mauer aus acht, neun Reportern baute sich vor uns auf. "Machen Sie Platz!", fuhr Milo die Leute an. "Wir sind nicht hier, um zu quatschen - wir sind hier, um zu arbeiten!"

Statt auszuweichen, lief er frontal in die Gruppe hinein. Typisch Milo - er reagierte schon immer allergisch gegen Schaulustige. Und gegen die Medienhorden sowieso. "Lassen Sie uns durch!" Nach rechts und links teilte er Ellenbogenstöße aus.

"Wir auch, Special Agent!", rief ein junger Bursche in Lederjacke über weißem Hemd und grellbuntem Schlips. "Wir machen auch nur unsere Arbeit! Die Bürger unserer Stadt haben ein Recht..."

"Sorry, Ladies und Gentleman!" Hinter meinem Partner her schob ich mich durch die Reporterhorde. "Wir sind gerade erst verständigt worden. Viel klüger als Sie sind wir also auch nicht." Endlich öffnete sich eine Gasse, und man ließ uns hindurch.

Wir stiegen über das gelbe Trassierband und liefen die Rampe hinauf. Über die Wände des oberen Parkdecks glitten Rotlichtreflexe. Bunter Lack von Kühlerhauben und Heckklappen leuchtete rhythmisch auf. Stimmen waren zu hören, Wagentüren knallten.

Wir bogen um die Ecke - und dann das übliche Bild: Streifenwagen, Ambulanzwagen, zivile Fahrzeuge des New York City Police Departments, ein Leichenwagen, Beamte in Zivil, Beamte in Uniformen, zwei Scheinwerfer auf hohen Teleskopstativen, die einen blauen Buick anstrahlten. Baujahr '83 schätzte ich. Alle vier Türen standen offen.

Wir zückten unsere Dienstmarken. "FBI!", rief ich. "Ein Fall für uns? Das fünfte Revier hat die Federal Plaza verständigt."

Zwei Beamte in Zivil drehten sich nach uns um. Ein junger, hochaufgeschossener Afroamerikaner in einem auffallend eleganten Sommeranzug. Ich kannte ihn nicht. Aber seinen wesentlich älteren, und wesentlich kleineren Kollegen - den kannte ich: Barry Koch. "Wen triffst du garantiert nur in Gegenwart einer Leiche?", tönte er. "Trevellian und Tucker!"

O-beinig schaukelte er uns entgegen. "Hi, Jesse, hi, Milo!" Listig zusammengekniffene Augen, leicht vorgeschobenes Kinn, Schmisse vom Rasieren und ein zerknitterter Anzug von der Stange - anders kannten wir Barry nicht. Nicht zu vergessen sein zerbeulter Hut.

"Mal wieder ein trauriger Anlass, aber immerhin." Er drückte uns die Hände und stellte uns den Schwarzen vor. "Sergeant Sean Benetton, mein Assistent."

"Was treibst du in Downtown, Barry", sagte Milo. "Ich dachte, du schreibst Dienstpläne und tüftelst Beförderungsvorschläge aus oben in der Bronx." Barry war Deputy Inspector des Morddezernats eines großen Reviers im Norden der Stadt, ein ziemlich hoher Polizeibeamte also.

"Falsch gedacht, Special Agent!" Barry stemmte die Fäuste in die Hüften und blinzelte zu Milo hinauf. "Du weißt doch - die Katze lässt das Mausen nicht. Und ein alter Kater, wie ich schon gar nicht. Der Fall des Scheißkerls, den die Presseheinis in ihrer abgrundtiefen Dämlichkeit 'Seniorenkiller' getauft haben, ist Chefsache. Und ich bin der Chef!" Er tippte sich an die Brust.

"Der Serienmörder?" Ich spähte zur Beifahrertür des alten Buicks. Männer in weißen Kitteln knieten dort auf dem Beton und nahmen Fingerabdrücke von der Türverkleidung des Wagens ab. Einer beugte sich ins Innere des Fahrzeugs. Ich glaubte ein Frauenbein zu erkennen. "Seid ihr sicher?"

Barry winkte uns hinter sich her. "Wie isses, Doc - können wir mal einen Blick werfen?"

Die Spezialisten von der Spurensicherung erhoben sich, um uns Platz zu machen. Der Polizeiarzt zog seinen Kopf aus dem Inneren des Wagens. Auch er aus der Bronx - ein Pathologe des Zentrallabors. Ich kannte ihn flüchtig. Er trat beiseite, Milo und ich beugten uns in den Buick hinein.

Die Frau lag mit dem Kopf auf dem Beifahrersitz. Ein Lache geronnen Blutes füllte die Sitzschale aus. Das linke Auge der Toten war nicht zu erkennen, so hoch stand das Blut. Auf der linken Kopfseite war das Haar der Frau nicht mehr weiß, sondern schwarzrot. Ein dunkler, feuchter Spalt klaffte unter ihrem Kinn zwischen Kehlkopf und Kehle. Er zog sich von einem Kiefergelenk zu anderen.

"Bullshit!", fluchte Milo. "Verfluchter Mistkerl..." Er zog seinen Kopf aus dem Wagen und wandte sich ab. "Gott im Himmel, Gott im Himmel... arme Frau..."

So lief das oft ab. Milo machte seinen Gefühlen in Flüchen und Beschimpfungen Luft - manchmal rief er auch Gott an - und ich schwieg.

Kein Job kann ohne ein gesundes Maß von Routine erledigt werden. Jedenfalls nicht gut erledigt werden. Aber angesichts von Mordopfern will sich bei mir bis zum heutigen Tag keine Routine einstellen. Ich hatte die Frau nie zuvor gesehen, wusste nicht ob sie mir sympathisch gewesen wäre, hatte keine Ahnung von ihren guten oder schlechten Gewohnheiten. Trotzdem tat sie mir Leid.

"Sie starb auf dem Beifahrersitz", murmelte ich. Auch ich zog den Kopf aus dem Wagen und richtete mich auf.

"So ist es, Herr Kollege", knurrte Barry. "Was das bedeutet, darüber könnt ihr euch jetzt den Kopf zerbrechen. Ich bin ziemlich sicher, dass es der gleiche Täter ist. Seht euch den Schnitt an, seht euch das Opfer an - der Kerl aus Connecticut und aus dem Zoo hat wieder zugeschlagen. Ich hab gestern schon einen Brief an McKee geschrieben und euch den Fall übertragen. Die Schweinerei hier ist nur die Bestätigung."

Es war der dritte Mord an einer älteren Lady innerhalb von vier Wochen. Den zweiten - den im Zoological Garden der Bronx - hatte Barry also bearbeitet. Der erste in Norwich, Connecticut, war vor nicht einmal sieben Tagen dem gleichen Täter zugeschrieben worden. Wir hatten während eines Briefings beim Chef darüber gesprochen.

"Er scheint sich langsam von Norden nach Süden herunter zu arbeiten." Zum ersten Mal ergriff der junge Sergeant das Wort. "Irgendwie merkwürdig."

"Und da der Scheißkerl bei der Gelegenheit die Bundesgrenze zwischen New York State und Connecticut überschritten hat, gehört der Fall jetzt euch." Barry tippte sich an den Hut. "Im Lauf des Nachmittags liegt mein Bericht auf McKees Schreibtisch. Grüßt euren Chef von mir."

Sprach's und schaukelte zu einem der zivilen Polizeifahrzeuge. Benetton nickte uns einen Gruß zu und folgte ihm. Irgendwie war er mir sympathisch, der schwarze Kollege.

"Sie ist seit mindestens neun Stunden tot." Der Arzt trat neben uns. Er blickte auf seine Armbanduhr. "Also etwa seit Mitternacht. Es muss sehr schnell gegangen sein. Jedenfalls konnte ich auf den ersten Blick keine Kratzer oder Blutergüsse erkennen. Nichts also, was auf einen Kampf hingedeutet hätte. Aber wir werden sie uns im Lauf des Tages noch genauer ansehen."

Bilder dessen, was er unter 'genauer ansehen' verstand, schoben sich in mein Bewusstsein - Zinkwanne, Knochensägen, Skalpelle und Seziermesser. Ich schüttelte mich unwillkürlich. Es war erst kurz vor neun Uhr. Der Chef hatte mich vor anderthalb Stunden aus dem Bett geholt. Ich hatte noch nicht einmal einen Kaffee getrunken, geschweige denn gefrühstückt.

Der Doc winkte seinen Mitarbeitern am Leichenwagen zu. Zwei Beamte brachten einen Leichensack.

Barrys Dienstwagen rollte an uns vorbei. Sergeant Benneton saß hinter dem Steuer. Ich winkte und lief an die Fahrertür. "Ist sie schon identifiziert?"

Benneton ließ die Scheibe herunter. "Die Jungs vom Fünften erledigen das gerade." Mit einer Kopfbewegung deutete der Sergeant auf einen Streifenwagen. Vor der offenen Beifahrertür lehnte ein Uniformierter gegen das Fahrzeug und telefonierte.

"Danke. Wir sehen uns."

"Hoffentlich nicht so schnell wieder!", knurrte Barry. Der Wagen fuhr an und rollte die Rampe hinunter.

Ein Polizeifotograf hatte sich vor der Beifahrertür des Buicks aufgebaut. Blitzlichter zuckten. Hinter dem Mann warteten die Beamten mit dem Leichensack. "Machen Sie auch ein paar Bilder vom Parkdeck", sagte Milo zu ihm.

"Klar doch", brummte der Mann. "Hätt ich sowieso gemacht."

Der uniformierte Cop tauchte neben mir auf. "Lieutenant Raoul, fünftes Revier." Ich blickte in ein schokoladenfarbenes Gesicht mit wachen, dunklen Augen. Raoul war ein kleiner, bulliger Latino. Er hielt mir einen Notizzettel unter die Nase. "Name und Adresse der Frau, auf die der Buick zugelassen ist."

"Trevellian, FBI", murmelte ich und sah mir die Notiz an. Kathleen Hershel, 83 Linden Boulevard, Flatbush. "Danke, Lieutenant. Wer hat sie gefunden?"

"Ein Autofahrer. Hat seinen Wagen heute morgen neben dem Buick geparkt. Arbeitet drüben im Cannon's Walk. Kellner in einem der Cafés. Steht aber alles in meinem Bericht."

"Wann haben wir den?"

"Spätestens heute Abend." Raoul tippte sich an den Mützenschirm, drehte sich um und ging zurück zu seinem Streifenwagen.

"Scheinen alle froh zu sein uns den Fall aufs Auge drücken zu können." Die Hände in den Taschen vergraben schlenderte Milo auf mich zu. Hinter ihm zogen sie die Leiche der bedauernswerten Frau aus dem Buick und legten sie in den Plastiksack.

"Tja - so eilig, wie sie es haben hier wegzukommen, könnte man fast den Eindruck kriegen."

"Wie gehen wir vor, Partner? Wo fangen wir an - im Büro, oder im Apartment der Toten?"

Ich zog Milo beiseite. Die Kollegen von der Pathologie trugen den Leichensack an uns vorbei. "Wenn es wirklich der gleiche Täter ist wie in Connecticut und im Bronxer Zoo, werden wir eine Sondereinheit bilden müssen."

Der Arzt streifte seine Handschuhe ab und warf sie in seine Tasche. "Ich nehme an, Sie sind besonders scharf auf den Obduktionsbericht?"

"Kann man so sagen", nickte ich. "Wir brauchen die letzte Bestätigung, dass es sich um ein und denselben Täter handelt.

"Davon sollten Sie jetzt schon ausgehen." Er schloss seine Tasche. "Sie hören von mir, Agents - spätestens morgen Vormittag." Er verabschiedete sich und verschwand zwischen den Einsatzfahrzeugen.

"Lass uns in die Federal Plaza fahren und dem Chef und den anderen Bericht erstatten", schlug ich vor. "Wir sondieren die Fakten und planen die Ermittlungen."

"Okay, Partner - nichts überstürzen, hast ja Recht." Wir winkten nach allen Seiten und gingen zurück zur Rampe. "Ich hab das Gefühl, der Fall wird uns noch lang genug beschäftigen."

Ein Abschleppwagen rollte die Rampe herauf. Wir traten zur Seite und ließen ihn vorbei. Er stoppte hinter dem alten Buick.

 

*

 

Es ist Zeit. Zeit, die offenen Rechnungen einzufordern.

Viel zu lange hab ich schon gewartet. Viel zu lange sitzt er schon auf seinem hohen Ross. Viel zu lange heimst er schon Ruhm und Ansehen ein. Es vergiftet mir das Leben, von ihm zu hören, von ihm zu lesen. Er muss endlich stürzen.

O ja - stürzen musst du, Johnny! Ich werde dich vernichten! Ich, die du besiegt zu haben glaubtest!

Ich hätte den Kampf schon vor zehn Jahren eröffnen sollen. Was sage ich - 'vor zehn Jahren'! Vor fünfundzwanzig Jahren! Wie viele schlaflose Nächte wären mir erspart geblieben, wie viel Bitterkeit, wie viel Schwermut...

Es gefällt mir nicht, den Kampf solange hinausgeschoben zu haben. Es gefällt mir nicht, jetzt zur Entscheidung gezwungen worden zu sein. Jetzt, wo es fast zu spät ist.

Dr. Holloway gab den letzten Anstoß, räumte den letzten Zweifel aus. Oder nein - nicht Dr. Holloway: Das Röntgenbild.

Dr. Holloway hängte es an den Wandschirm und knipste das Licht an. Es ist drei Monate her, und mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen, als würde es jeden Tag neu geschehen.

Ich sah meinen Schädel, und ich sah die überdimensionale Walnuss in meinem Schädel, mein Hirn. Den weißen Fleck sah ich nur, weil der Doktor mich darauf hinwies. Ein kleiner, kaum nagelkopfgroßer, weißer Fleck im Stirnlappen.

"Eine Metastase", sagte Dr. Holloway. Und: "Wir müssen operieren."

Eine Metastase... Abscheuliches Wort. Ich dachte, ich sei geheilt. Seit fünf Jahren geheilt. Und jetzt das: Eine Metastase...

Eine Metastase auf dem Röntgenbild meines Schädel hat mich gezwungen, den Kampf endlich, endlich zu eröffnen.

Ich werde operieren. O ja, das werde ich! Werde die Bitterkeit aus meiner Brust operieren. Werde dich, Johnny, aus der Welt der Erfolgreichen und Angesehenen herausoperieren! Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät. Gott! Ich bete, dass es noch nicht zu spät ist!

Ich habe ein neues Tagebuch angefangen, um den wichtigsten Kampf meines Lebens zu dokumentieren. Mag es eines Tages irgendjemand finden und lesen und ein Buch daraus machen - die Geschichte der Ungerechtigkeit, die mir widerfuhr. Die Geschichte einer offenen Rechnung, die bezahlt werden musste.

Alle Rechnungen müssen eines Tages bezahlt werden. Hörst du, Johnny? Alle!

Dies ist mein erster Eintrag. Mein letzter wird aus einem einzigen Satz bestehen: 'Ich habe ihn besiegt!'

Und darunter wird seine Todesanzeige kleben...

 

*

 

Es duftete nach Kaffee. Papier raschelte. Fotos, Ermittlungsprotokolle und Laborberichte gingen von Hand zu Hand. "Wir müssen von einem Serientäter ausgehen, Agents", sagte Jonathan D. McKee. "Organisieren Sie eine Sonderkommission", wandte er sich an Clive Caravaggio.

Es war schon halb elf. Seit einer Stunde sondierten wir die blutigen Fakten dreier Morde. Während ich meinen Kaffee umrührte, betrachtete ich die Fotos vor mir auf dem Tisch. Fotos von Mordopfern.

Eine Frau mit verrenkten Gliedern und durchgeschnittener Kehle im Gebüsch des Stadtparks von Norwich, Connecticut. Eine Frau mit verrenkten Gliedern und durchgeschnittener Kehle in einer Damentoilette des Zoo-Restaurants im Zoological Garden der Bronx. Eine Frau mit durchgeschnittener Kehle auf den Vordersitzen eines Wagens in einem Parkhaus in Seaport.

"Keine Sexualverbrechen, jedenfalls bei den ersten beiden Opfern nicht", resümierte Medina. "Den Laborbericht über den neuen Fall müssen wir noch abwarten."

"Sah auch nicht nach Vergewaltigung aus", sagte Milo.

"Alle drei Frauen über sechzig." Der Chef seufzte und lehnte sich zurück. "Die Frau in Norwich war sogar Ende siebzig. Der Täter hat es also auf ältere Damen abgesehen, auf Opfer von denen er keine nennenswerte Gegenwehr zu befürchten hat."

"Hundesohn", knurrte Jay Kronburg.

"Also - erster Schritt: Wir stellen eine Sonderkommission auf die Beine." Jonathan D. McKee wandte sich wieder an Clive. "Vierzig Agenten werden wir schon brauchen."

Clive nickte. "Zweiter Schritt: Wir analysieren die beiden ersten Morde noch einmal genau - Verletzungen, Opferpersönlichkeiten, Tatorte, und so weiter, und so weiter. Ich möchte eine Synopse aller drei Fälle, eine Tabelle, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sofort sichtbar macht."

"Ich verschwinde für den Rest des Tages hinter dem Computer", bot Orry sich an.

"Danke, Medina - alle Berichte über den neuen Fall werden sofort in Ihr Büro weitergeleitet." Der Chef sah Milo und mich an. "Im neusten Fall gehen wir vorläufig davon aus, dass Wagenhalterin und Opfer identisch sind. Fahren Sie nach Brooklyn hinüber, Jesse und Milo. Schauen Sie sich die Wohnung dieser Mrs. Hershel an, sprechen Sie mit den Nachbarn und so weiter."

"Wir sollten ein Foto der Frau veröffentlichen", meldete Leslie sich zu Wort. "Wenn sie um Mitternacht herum ermordet wurde, hat sie sich wahrscheinlich das Feuerwerk zum Unabhängigkeitstag angeschaut. Vielleicht hat sie dort jemand gesehen, vielleicht sogar in Begleitung ihres Mörders."

"Kaum anzunehmen, aber trotzdem - gute Idee." Jonathan D. McKee machte sich eine Notiz in den Kalender. "Ich werde das gleich nach unserer Besprechung in die Wege leiten."

"Was halten Sie davon, wenn wir einen Spezialisten hinzuziehen, Sir, einen Profiler." Ich schob die Fotos zusammen. "Jemand der ständig mit Serientätern zu tun hat, sieht vielleicht mehr als wir."

"Daran habe ich auch schon gedacht, Jesse." Der Chef nickte nachdenklich. "Die Spezialabteilung für Serienverbrechen sitzt im Hauptquartier. Ich werde Washington gleich anrufen. Sie sollen einen Fallanalytiker für uns abstellen."

Er griff nach einem Heftordner mit einem Stapel Zeitungsartikeln. "Die Boulevard-Presse hat schon mit den ersten beiden Fällen eine Menge Papier bedruckt. Wir haben gerade das Medien-Sommerloch betreten - ich fürchte, die Morde werden eine Menge Wellen schlagen."

"Und die Bürgerinnen über sechzig in Panik versetzen", sagte Clive. "Wie gehen wir mit der Presse um?"

"Ich verhänge eine Nachrichtensperre." Der Chef trommelte mit den Fingern auf dem Ordner mit den Zeitungsartikeln herum. "Ab sofort - aus ermittlungstaktischen Gründen. Schweigen Sie sich also den Medienleuten gegenüber also aus. Verweisen Sie die Journalisten an unsere Presseabteilung. Vorläufig braucht niemand zu wissen, dass wir mit vierzig Agenten einen Serienmörder jagen."

"Wie nennen wir die Sonderkommission?", wollte Clive wissen.

"Seniorkiller", schlug Leslie vor.

Jay schnitt eine mürrische Miene. "Saublödes Wort", knurrte er. "Haben die Pressegeier erfunden."

"Egal!" Der Chef winkte ab. "Was soll der Name. Hauptsache die Kommission leistet vernünftige Arbeit. Davon abgesehen bringt der Name 'Seniorkiller' die Sache auf den Punkt..."

Eine halbe Stunde später steuerte ich meinen roten Sportwagen über die Brooklyn Bridge. "Anfang Juni der erste Mord in Norwich", sagte Milo neben mir auf dem Beifahrersitz. "Vor zwei Wochen die Frau in der Bronx. Und jetzt, etwas mehr als zwei Wochen danach, die arme Lady im Parkhaus. Ich hab so ein blödes Gefühl, dass er in spätestens zwei Wochen wieder zuschlagen wird."

"Bis dahin müssen wir ihn haben..."

 

*

 

"...eine Riesenspinne, so groß wie meine Hand. Ich seh sie, und denke: Das ist genau das Richtige für Mom..." Die Hände über der Brust verschränkt lag Ted Burger auf der Ledercouch.

"Sie sehen das Spinnennetz und die Spinne, und denken an Ihre Mutter?" Die Altmännerstimme kam von hinten. Aus Dr. Levintons Ecke. Der Psychiater hockte während der Sitzungen immer hinter dem Kopfende der Couch in seinem wuchtigen Lehnstuhl. So dass Ted ihn nicht sehen konnte, während er selbst redete.

"Ja, ich guck die Spinne an, und denk an Mom." Ted sah nur das große Fenster zum Park und die dichtbelaubte Krone der Ulme. Sie wuchs am Rand des Parks, keine zehn Schritte von der Rückfront des Hauses entfernt, in dem Dr. Levington seine Praxis hatte.

"Und was dann, Teddy - Sie sehen also diese kolossale Spinne und denken an ihre Mutter - wie geht der Traum weiter?"

"Ich denke nicht an meine Mutter, ich denke: 'Das ist genau das Richtige für Mom', ich Schwein. Dann nehm ich die Spinne, nehm sie in die bloße Hand, das muss man sich mal vorstellen! Ich trag sie in die Küche. Auf dem Herd steht der große Dampfkochtopf. Ich lüpfe den Deckel, lege das Spinnenviech hinein und knall den Deckel auf den Topf...!"

"Warum beschimpfen Sie sich, Ted? Warum haben Sie sich eben ein 'Schwein' genannt?" Die Stimme des Doktors krächzte ein wenig, sonst aber klang sie ruhig und gelassen, fast unbeteiligt.

"Weil nur ein Schwein seiner Mutter eine Riesenspinne in den Kochtopf legt, nur ein Schwein tut das, kapieren Sie nicht?!" Ted wurde laut.

"Wichtig ist, ob Sie kapieren, Ted. Kapieren Sie, dass Sie sich wie ein Schwein fühlen, nur weil Sie Ihrer Mutter..."

"Sie hat eine Spinnenphobie, Mann! Eine Spinnenphobie - wissen Sie was das heißt?! Sie findet eine Spinne vor dem Wohnzimmerfenster, sie schreit wie ein Tier, sie stürzt in mein Zimmer, kriecht zu mir unter die Decke, und schreit weiter. 'Mach sie weg, Teddy, mach sie tot...!', schreit sie. Und erst wenn ich die tote Spinne aus dem Fenster geworfen habe, kriecht sie wieder aus meinem Bett."

"Sie kriecht in ihr Bett, Teddy?"

"Ja, verdammt, zu wem soll sie sonst ins Bett kriechen...?

Seit einem halben Jahr war Ted Burger bei Dr. Levington in Behandlung. Die New York City Transit Authority hatte ihm das zur Auflage gemacht. Psychotherapeutische Behandlung und Alkoholentzug - das waren die Bedingungen, die ihm die Sozialarbeiterin der Verkehrsbetriebe auf den Tisch geknallt hatte. Die Bedingungen, um den Job behalten zu können. Ted war Subway-Lokführer.

"Wie geht der Traum weiter, Ted, erzählen Sie." Ted hörte das schabende Geräusch eines über Papier jagenden Stiftes. Dr. Levington pflegte, sich während der Sitzungen - 'Sitzungen', was für ein dämliches Wort, fand Ted - Notizen zu machen. Meistens hörte Ted das nicht, weil er wie ein Wasserfall quasselte, aber wenn er es hörte, machte das Geräusch ihn nervös.

"Mom kommt nach Hause... von ihrer Bridge-Runde glaub ich - ja, genau! Aus ihrem Bridge-Club. Sie rief nämlich schon an der Tür: 'Ich hab gewonnen, ich hab gewonnen!' Sie lacht. Dann geht sie schnurstracks zum Herd, lüftet den Deckel ihres Dampfkochtopfes und schreit los..."

Er verstummte. Grübelnd starrte er die Ulme vor dem Fenster an. Ihre Äste schaukelten leicht im Wind. Die Sonne stand hoch im Zenit. Ihr Licht sickerte glitzernd durch die Baumkrone.

"Und dann?"

"Nichts dann." Ted fühlte sich schlecht.

"Der Traum war zu Ende?"

"Ja." Die Sozialarbeiterin der New York City Transit Authority fiel ihm ein. Ihre strenge Miene, ihre tadelnde Stimme. Die Stadt ist sich der Verantwortung für ihre Mitarbeiter bewusst, Ted, hatte sie gesagt, deswegen gibt Ihnen die New York City Transit Authority noch eine Chance. Bedingung: Eine Entziehungskur und eine Psychotherapie....

Ted hatte wiederholt mit Fahrgästen Streit angefangen. Und zweimal hatte er Kollegen verprügelt. Im Suff. Wenn sein Vater nicht als junger Mann jahrelang bei der New York City Transit Authority gearbeitet hätte, wäre Ted seinen Job losgeworden, das wusste er. Schätzungsweise hätten sie ihn gleich gar nicht eingestellt. Damals, vor sechs Jahren, als die Army ihn entlassen hatte.

"Wie wäre er weitergegangen, Ihr Traum? Erzählen Sie es mir, Teddy?"

"Weiß doch ich nicht."

"Ich meine, wenn Sie hätten bestimmen können, wie er weiter zu gehen hat?"

"Ich hätt mich bei Mom entschuldigt, ist doch klar."

Und dann wäre ich freiwillig eine Woche lang zu Hause geblieben, fügte er in Gedanken hinzu. Und hätte mit ihr Talk-Shows und Quizsendungen angesehen und ihr jeden Abend eine Wärmflasche und Kirschlikör ans Bett gebracht...

"Soweit für heute." Länger als vierzig Minuten dauerten die Sitzungen bei Dr. Levington in der Regel nicht. Gott sei Dank! Ted setzte sich auf. Er lächelte vor sich hin.

Levington schlug seinen Kalender auf. "Am nächsten Montag um ein Uhr?"

Ted nickte. Er hatte Zeit. Die New York City Transit Authority hatte ihn krankgeschrieben. Erst wenn er vier Monate lang trocken war, durfte er wieder die Fahrerzelle einer U-Bahn betreten. Er war jetzt seit drei Monaten trocken.

"Sie freuen sich, Ted?", sagte Dr. Levington, der das Lächeln auf Teds Gesicht gesehen hatte.

"Ihr Rat das letzte Mal war gut", sagte Ted.

"Was meinen Sie genau, Ted?" Dr. Levington war ein kleiner, rundlicher Mann mit glänzender Glatze und Doppelkinn. Seine Gesichtshaut war glatt, mit einer Menge Fett unterlegt eben, und man sah ihm seine einundsechzig Jahre nicht an.

"Sie sagten, ich soll mir ein Hobby suchen, ich soll kreativ werden."

"Und? Haben Sie ein Hobby für sich entdeckt, Ted?"

"Mir geht eins im Kopf 'rum, mal sehen..." Ted stand auf, der Psychiater begleitete ihn zur Tür.

Unten auf der McDonald Avenue ging er in einen kleinen Supermarkt und kaufte zwei Dosen Cola und eine Schachtel Pralinen für seine Mutter.

An den Regalen mit den Spirituosen blieb er zögernd stehen. Aber nur für wenige Sekunden - Moms Gesicht erschien auf seiner inneren Bühne. Streng beäugte sie ihn und schnupperte an seinem Mund herum. Er gab sich einen Ruck und ging weiter.

An der Kasse, als er seine Brieftasche auseinanderklappte, wurde ihm seltsam leicht, und lächelte in sich hinein.

Die Brieftasche war prallvoll. Nicht etwa von dem kargen Krankengeld, dass ihm die New York City Transit Authority zahlte. Das hatte Ted längst für einen neuen Anzug ausgegeben. Vielmehr konnte man davon sowieso nicht kaufen. Die nächste Zahlung würde erst Mitte des Monats wieder den Minusstand seines Kontos verringern.

Er schlenderte Richtung Park, kaufte sich in einem Imbiss zwei Delis mit Käse, eine New York Post in einem Zeitungsladen und eine Packung Rheno in einem Tabakladen.

Als er später über den Parkweg lief und sein Hefegebäck mit Käse verdrückte, war er zufrieden mit sich und der Welt. Vergessen Dr. Levington, vergessen der bescheuerte Traum, vergessen die Sozialarbeiterin der New York City Transit Authority.

Unter einem Ginkgo lagen zwei tote Tauben im Gras. Ted lief über den Rasen. Unter der Krone des Baums blieb er stehen. Genüsslich biss er von seinem zweiten Deli ab, während er die toten Vögel betrachtete. Ihre Federkleid zeigte keinerlei Verletzung. Kein Blut, keine verrenkten Flügel oder Hälse, nichts. Als wären sie in der Luft eingeschlafen und aus dem Himmel gefallen, lagen sie da.

Er ging weiter. Ein Mann saß auf einer der Parkbänke. Ein Gehstock lehnte neben ihm an der Bank. Er trug ein kariertes Jackett, einen weißen Strohhut, und ein ebenfalls weißes, bis oben hin zugeknöpftes Hemd unter dem Jackett. Seine Jeans hatten Bügelfalten, und das belustigte Ted.

Der Mann - Ted schätzte ihn Mitte siebzig - war von Tauben umringt. Ständig griff er in eine Plastiktüte und warf den Vögeln Weißbrotkrumen auf den Weg. Ted beobachte ihn ein Weilchen.

Er sah eine Taube ins Gras hineintorkeln. Sie drehte sich um sich selbst, spreizte die Flügel und fiel hin. Ein paar Mal zuckte der gefiederte Körper noch, dann nichts mehr.

Neugierig trat Ted näher. Es war ein Mann, keine Frau, sicherlich - aber ein alter Mann, ein Mann, der mindestens achtzig Jahre auf dem Buckel hatte.

Eine zweite Taube fiel ihm auf - sie flatterte im Zickzack-Kurs in eine wenige Schritte entfernte Baumkrone hinein. Kurz darauf rauschte ihr Körper durchs Laub und schlug im Gras auf. Ted begriff.

"Scheißviecher, was?" Er setzte sich zu dem Mann auf die Bank. Die Jacke und die Tennisschuhe des Mannes konnten nicht ganz billig gewesen sein.

Überrascht sah der Mann ihn an. Misstrauen verschloss seine Miene zunächst. Er wickelte die Plastiktüte zusammen und stellte sie zwischen seine Beine unter die Bank. "Mag sie auch nicht", grinste Ted. Mit einer kurzen Kopfbewegung deutete er auf die pickenden Tauben.

"Ach...?" Der Mann zog die Brauen hoch. Das Misstrauen in seinen Zügen wich der Neugier.

"Machs immer mit Rattengift." Ted drückte den Verschlussbügel einer der Coladosen hoch. Knallend sprang der Verschluss auf. "Mit Cumarin. Die Biester fressen das Zeug und fliegen weg. Auf irgendeinen Sims, auf irgendein Dach, jedenfalls weit weg. Und dort verrecken sie. Verbluten einfach innerlich. Auf dich fällt kein Verdacht." Er trank.

"Cumarin? Ich nehm E-605", sagte der Mann. "Ist mir scheißegal, wenn mich jemand erwischt." Er betrachtete Teds dunkle Jeansjacke, seinen Schnurrbart, seine Frisur. Offenbar fiel der Check positiv aus, denn die Miene des Alten wurde noch einmal um eine Spur zutraulicher. "Wo machen Sie's, wenn ich fragen darf?"

"Im Morning Side Park." Der Mann kratzte sich am Ohr, und Ted sah den Siegelring an seiner Hand. Sah nicht billig aus, der Ring. "Studier' an der Columbia University. Architektur. Geht mir furchtbar auf den Sack, wenn ich sehe, wie die Biester die alten Fassaden versauen."

Jetzt lächelte der Mann. Er hatte ein schmales glattrasiertes Gesicht. Ted konnte ein paar Goldkronen in seinem Mund schimmern sehen. "Columbia University? Morning Side Park? Ist 'ne Ecke weg von hier."

"Montags und freitags gehe ich immer erst am Nachmittag zur Vorlesung. Wie heute eben. Schau dann vormittags bei meiner Grandma vorbei. Wohnt hier in der Gegend. Ist bettlägrig." Teds Blick glitt über den schwarz lackierten Gehstock - sah nicht aus, wie ein Dekoration. Sein Benutzer machte tatsächlich keinen ganz rüstigen Eindruck mehr. Ted hatte seinen Entscheidung längst getroffen.

"Na, dann kann sich Ihre Großmutter ja glücklich schätzen!" Der Mann streckte ihm die Hand entgegen. Ted sah, dass sie zitterte. "Edward Merchander. Ausprobieren würd' ich's ja schon mal gern, Ihr Cumarin."

"Abgemacht!" Ted drückte die dürre, welke Hand und wusste, dass er gewonnen hatte. "Nennen Sie mich, Jack..."

 

*

 

Wir standen vor einer schweren Eichentür. In Augenhöhe zwei kleine, vergitterte Fenster, durch eine gedrechselte Säule voneinander getrennt und von innen mit Gardinen verhangen.

Der Türknauf war aus Messing, genau wie das wolkenartig geformte Namensschild unter dem Klingelknopf. Es glänzte, als würde es jemand jeden Tag liebevoll wienern. Hugh & Kathleen Hershel war darauf zu lesen.

Zum dritten Mal drückte Milo auf den Klingelknopf, zum dritten Mal tönte ein melodiöser Dreiklang aus dem Inneren der Wohnung, zum dritten Mal lauschten wir vergeblich nach Schritten hinter der Tür. "Nicht zu Hause", sagte Milo. "Sie nicht, und ihr Mann nicht."

"Ich fürchte, sie wird nie mehr jemandem ihre Tür öffnen." Dass Wagenhalterin und Mordopfer identisch waren, schien mir zu diesem Zeitpunkt schon keine Frage mehr zu sein.

Ich drehte mich um und blickte zur gegenüberliegenden Tür. Auch sie aus schwerem, dunklem Holz und mit zwei kleinen Sichtfernstern auf Augenhöhe.

Durch ein gekipptes Treppenhausfenster hörte man den Verkehr auf dem Linden Boulevard vorbeirauschen. So wie die Türen wirkte das Treppenhaus, wirkte das ganze Gebäude an der stark befahrenen Straße: Großzügig, edel und alt. Ein neoklassizistischer Bau aus dem ersten Viertel des letzten Jahrhunderts. Vermutlich Eigentumswohnungen.

Milos Augen folgten meinem Blick. Dr. Henry Thompson lautete der Name auf dem Messingschild neben der Tür gegenüber. "Erkundigen wir uns beim Nachbarn." Kurz entschlossen trat Milo an die Tür und drückte auf den Klingelknopf. Auch hier ein Glockenspiel - es klang höher und lauter, als das in der Wohnung der Hershels.

Eine Frau in einem weißen Hosenanzug öffnete. Eine junge Frau mit kurzen, roten Haaren. Milos Brauen wanderten nach oben. Er setzte seine Charmeur-Miene auf.

"Verzeihen Sie die Störung, Ma'am", lächelte er. "Wir sind vom FBI und würden gern ein paar Worte mit Ihren Nachbarn, den Hershels, wechseln. Wissen Sie zufällig, wann sie gewöhnlich nach Hause kommen?"

Die junge Frau stemmte die Faust in die Hüfte, neigte den Kopf auf die Schultern und lächelte meinen Partner an. Ich sah ihre großen Pupillen, sah, wie sie Milos Blick erwiderte und wusste, dass ich Zeuge eines Flirts wurde.

"Keine Ahnung, Mister", sagte sie mit Samtstimme. "Ich wohn nicht hier." Sie wollte nicht aufhören zu lächeln. "Ich bin Dr. Thompsons Krankenschwester."

"Holen Sie Dr. Thompson bitte." Um die Sache etwas abzukürzen, mischte ich mich ein. "Wir müssen ihn sprechen."

"Haben Leute wie Sie nicht immer was in der Tasche, das Sie 'Hundemarken' nennen?" Sie streckte die Hand aus.

"Eine Spezialistin, ich seh schon", grinste Milo. "'Die üblichen Verdächtigen?', 'Der Knochenjäger'? In welchem Film haben Sie das gesehen...?"

Ich drückte ihr kurzerhand meine Dienstmarke in die Hand. Normalerweise trenne ich mich nicht von ihr. Aber wenn die Frau Krankenschwester war, würde dieser Thompson vermutlich im Bett oder im Rollstuhl sitzen.

"In 'Pulp Fiction'", grinste sie zurück und verschwand mitsamt meiner Dienstmarke.

"'Pulp Fiction'?" Milo runzelte die Stirn. "Kommen da FBI-Agenten vor?"

"Reiß dich ein bisschen zusammen, Partner", knurrte ich. "Du nervst mich..." Milo schnalzte mit der Zunge und grinste spöttisch. Der Schalk ritt ihn mal wieder. Nun gut - manchmal ist der Job nicht anders zu ertragen.

"Kommen Sie bitte!", rief Lady Krankenschwester aus dem Inneren der fremden Wohnung. Wir traten ein und schlossen die Tür hinter uns. Henry Thompson lag im Bett. Seine Arme und Hände ruhten neben ihm, als würden sie nicht zu ihm gehören. Querschnittsgelähmt, schoss es mir durch den Kopf.

"Wir wollen Ihre Nachbarn sprechen, Mr. Thompson" sagte ich, nachdem ich uns vorgestellt und meine Dienstmarke wieder in Empfang genommen hatte. "Mr. und Mrs. Hershel."

"Es gibt nur eine Mrs. Hershel", sagte Thompson. Er war nicht besonders alt - vierzig, fünfundvierzig vielleicht. Seiner schuppigen, trockenen Haut und seiner fettigen, verklebten Haare wegen war er schwer zu schätzen. "Hugh ist schon lange tot. Seit fünfzehn Jahren oder so."

"Und Mrs. Hershel ist unterwegs?"

"Sie wollte heute auf einen Kaffee vorbeikommen. Freitags und dienstags besucht sie mich häufig." Er runzelte die Stirn. "Ist was passiert?"

"Es geht um Mrs. Hershels Wagen", wich ich aus. "Wann haben Sie Ihre Nachbarin zum letzten Mal gesehen, Dr. Thompson?"

"Dienstag. Am Vormittag schaute sie vorbei. Bevor sie zum Friedhof ging." Er wandte den Kopf. "Warst du nicht hier, als Kathleen den Kuchen brachte, Vera?"

"Ja, das war am Dienstagvormittag", bestätigte die Krankenschwester. Sie stand neben Milo und rollte irgendwelches Verbandszeug zusammen.

"Ihr ist was zugestoßen, stimmts?" Seine Stimme wurde heiserer. Sorge stand in seinem Gesicht.

"Wir wissen es noch nicht, Mr. Thompson", sagte ich wahrheitsgemäß. "Was können Sie mir über Ihre Nachbarin erzählen? Über Mrs. Hershels Lebensrhythmus, über Ihre Gewohnheiten, über ihre Freunde?"

Die Krankenschwester mit dem schönen Namen Vera schob zwei Stühle ans Bett. Wir setzten uns, Milo zuckte Stift und Notizblock, und Thompson erzählte. Mit stockender Stimme zunächst, dann flüssiger und mehr, als ich erwartet hatte.

"Kathleen hat ihren festen Wochenplan, wissen Sie?", begann er. "Dienstags und freitags schaut sie bei mir rein, wie gesagt. Freitagabends fährt sie zu ihrer Bridgerunde nach Queens..."

Wir erfuhren von Kathleens Hershels regelmäßigen Besuchen auf dem Greenwood Cemetery. Wir erfuhren, dass sie jeden Donnerstag zum Schwimmen ins Hallenbad ging und zwar immer frühmorgens, wenn sie das Becken fast für sich allein hatte.

"Coney Island liegt vor der Haustür", wundert ich mich. "Ging sie auch im Sommer nie zum Strand?"

Er verstummte und blickte mich aus großen Augen an. Ein Seitenblick Milos erst machte mir klar, dass ich von Thompsons Nachbarin gesprochen hatte, wie von einer Toten. "O Gott...", stöhnte Thompson. "Was ist geschehen? Bitte sagen Sie es mir, Mr. Trevellian..."

Ich hätte mir auf die Zunge beißen können. Aber es war zu spät. Also schenkte ich ihm reinen Wein ein. "Wir haben Mrs. Hershels Wagen gefunden. Eine weibliche Leiche lag in ihm. Wir befürchten, dass es sich um Mrs. Hershel handelt."

"O Gott, bitte nicht..." Seine Augen wurden feucht. "Sie glauben nicht, was für ein reizender Mensch Kathleen ist, das muss ein Missverständnis sein... und sie ist so vorsichtig... o Gott, o Gott..."

Die Nachricht traf ihn hart. Ich machte mir klar, dass Kathleen Hershel für diesen gelähmten Mann eine der wenigen Brücken zur Außenwelt gewesen sein musste.

"Ging sie deswegen nicht an den Strand?", hakte Milo nach.

"Ich glaub schon... Sie mied große Menschenansammlungen. Seit Hughs Tod ist sie nicht ein einziges Mal drüben in Manhattan gewesen."

Wir erfuhren von den beiden Töchtern der Frau. Sogar den Namen einer ihrer Bekannten aus dem Bridge Club konnte er uns nennen.

"Einen Schlüssel für Mrs Hershels Wohnung haben Sie zufällig nicht."

"Nein. Sie müssen mir Bescheid sagen, sobald Sie Gewissheit haben, Mr. Trevellian." Zum Abschied berührte ich seine leblose Hand. Sie fühlte sich kalt und trocken an. "Kathleen war mehr für mich als nur eine Nachbarin, verstehen Sie?", sagte er.

"Ich glaub, ich verstehe gut", sagte ich leise.

Reichlich gedämpfter Stimmung verließ ich das große Krankenzimmer. Flüchtig überflog ich die Rücken der unzähligen Bücher in den Regalen rechts und links der Tür: Handbücher der Algebra, Lehrbücher der Geometrie, Geschichte der Mathematik seit der Antike, und ähnliches.

Vor der offenen Wohnungstür stand mein Partner und flirtete mit Schwester Vera. "Wow!", hörte ich die junge Frau rufen. "Mit einem FBI-Agenten essen gehen...! Wissen Sie was, Mister Tucker? Da sag ich glatt 'ja'..."

Während ich den Erkennungsdienst anrief, tauschten sie Visitenkarten aus.

Unser Team von der Spurensicherung kam eine halbe Stunde später. Die Kollegen nahmen Fingerabdrückte vom Türknauf der Hershel-Wohnung und bearbeiteten das Schloss mit ihren Spezial-Dietrichen. Bald sprang die Tür auf und wir konnten das Apartment betreten.

Zwei Dinge stachen uns in die Augen, als wir durch die fünf oder sechs Räume schritten: Es war genauso edel und großzügig, wie das ganze Haus. Und es sah aus, als hätte eine Horde Hooligans darin gewütet - aufgeschlitzte Matratzen neben dem Doppelbett, umgekippte Schubladen auf Teppichen und Parkett, Wäsche und Kleider vor dem offenstehenden Garderobenschrank, und so weiter, und so weiter...

"Sie saß auf dem Beifahrersitz, nicht wahr?" Die Hände in den Hosentaschen vergraben betrachtete Milo das Chaos.

"So, wie sie im Wagen lag, nehme ich an, dass sie auf dem Beifahrersitz gestorben ist." Um uns herum schlüpften die Kollegen vom Erkennungsdienst in ihre weißen Kittel, streiften sich Latexhandschuhe über und klappten ihre kleinen Laborköfferchen auf.

"Und hast du irgendwo einen Autoschlüssel gesehen?"

"Nein. Im Zündschloss steckte keiner." Ein Bild stand auf dem Kamin. Es zeigte das vergnügte Gesicht eines dicken Mannes in den Sechzigern. Hugh Hershel, schätzte ich.

"Die meisten Leute haben den Wohnungsschlüssel am gleichen Bund wie den Autoschlüssel, oder?"

"Da ist was dran, Partner", sagte ich. "Da ist wirklich etwas dran..."

 

*

 

"Leg die Zeitung weg, Darling." Laura Doolittle stellte die verchromte Thermoskanne mit dem frischen Kaffee auf den Tisch. Ihrem Mann gegenüber setzte sie sich an den runden Esstisch. Oder besser: Der aufgeschlagenen Samstagsausgabe der New York Post gegenüber. "Frühstück, Tom!" Sie klopfte mit dem Teelöffel gegen ihre Tasse. "Weg mit der Zeitung!"

Langsam sank die Zeitung, und das Gesicht von Thomas Doolittle wurde sichtbar - ein kantiges, breites Gesicht mit buschigen, grauen Brauen und vollen, breiten Lippen.

Kurzes, graues Stoppelhaar bedeckte den mächtigen Schädel von Thomas Doolittle. Ein Schädel, auf dem sich nicht der geringste Ansatz einer Glatze zeigte. Tom hätte gut und gern als Ende fünfzig, Anfang sechzig durchgehen können. Dabei war der hünenhafte Mann neun Jahre älter als seine kleine, zerbrechlich wirkende Laura - nämlich vierundsiebzig.

"Was ist los, Darling?" Als sie ihrem Mann heute morgen im Bad begegnet war, hatte noch dieser für ihn so charakteristische halb vergnügte, halb listige Zug auf seiner Miene gelegen. Jetzt wirkte er plötzlich finster und grimmig.

"Sind die Microsoft-Aktien schon wieder gesunken?" Sie griff sich die Thermoskanne und schenkte Kaffee ein. Aromatischer Duft verbreitete sich über dem Frühstückstisch.

"Er hat doch wieder zugeschlagen", brummte Tom.

"Wer? Der Staatsanwalt gegen Bill Gates?"

"Quatsch!" Er hob die Zeitung und las vor. "Seniorenkiller tötet Frau in Parkhaus an der Front Street..."

"O Gott, wie schrecklich." Es klang nicht wirklich entsetzt, der Toast interessierte Laura im Moment mehr. Sie nahm eine Scheibe aus dem Toaster. Man las ja von so vielen Morden in der Zeitung, oder nicht?

"Front Street - weißt du, wo das ist?" Fast vorwurfsvoll stierte Tom seine Frau an. Sie schüttelte den Kopf, während sie ihren heißen Toast mit wieder einmal viel zu harter Butter zu bestreichen versuchte. Sie hatte vergessen, die Butterdose aus dem Kühlschrank zu nehmen, bevor sie am Morgen ins Bad gegangen war.

"Du weiß nicht, wo die Front Street ist?" Tom legte die Zeitung auf den freien Stuhl neben sich und stand auf. Er bewegte seinen massigen Körper zum Fenster und deutete hinaus. "Dort drüben ist sie! In Seaport! Nicht mal eine halbe Meile Luftlinie entfernt!"

Zwei prächtige Samurai-Schwerter hingen neben japanischen Kirschblütenmotiven rechts und links des Fensters. Ein fernöstlicher Rahmen gewissermaßen für den unbezahlbaren Ausblick, den man von der Nordseite des Hauses aus hatte. Aus dem Esszimmerfenster der Doolittles nämlich konnte man auf den East River hinunter blicken. Und auf die Skyline Manhattans drüben, am anderen Ufer. Und etwas weiter rechts spannte sich die Brooklyn Bridge über den East River.

Tom und Laura bewohnten eine restaurierte Villa in der Orange Street in Brooklyn Heights. Eine Villa aus der Gründerzeit.

"So nah?" Jetzt huschte wirklich ein Anflug von Sorge über Lauras feines Gesicht. "Um Gottes Willen...!" Sie biss von ihrem Toast ab und schlug ihr Frühstücksei auf.

Tom kam zurück an den Esstisch und setzte sich wieder. Um erneut zur Zeitung zu greifen. "Eine Frau aus Brooklyn, mein Alter..." Wie fassungslos schüttelte er seinen großen Schädel. "Einfach so ermordet... noch dazu in ihrem Wagen..." Tom hielt Autos für Heiligtümer auf vier Rädern. Er hatte jahrzehntelang Autos verkauft. "Stell dir das mal vor...!"

"Iss endlich, Darling. Dein Ei wird kalt." Laura legte ihm eine Scheibe Toast auf den Teller. "Und dein Kaffee auch."

"Es ist der Gleiche." Tom konnte nicht aufhören in die Zeitung zu starren. "Es ist der 'Seniorenkiller', er hört nicht auf..."

"'Seniorenkiller'...!" Laura verdrehte die Augen und schnitt eine weinerliche Miene. "Was für ein abscheulicher Begriff - typisch New York Post! Warum kannst du nicht die New York Times lesen? Wie Henry und Marc und wie Billy."

"Ein Mord direkt vor unser Haustür!" Tom fühlte sich unverstanden und wurde laut. "Bitte Laura" Stell dir das doch mal vor!"

"Ich bitte dich, Darling - vor unserer Haustür ist er ja nun grad nicht geschehen!" Laura ließ ein Kügelchen Süßstoff in ihren Kaffee plumpsen. "Und außerdem - was glaubst du, wie viele Morde in unserem Land verübt werden? Gerade jetzt, während du dir den Kopf über diesen einen Mord zerbrichst, gerade jetzt passiert wieder einer, mindestens einer! Iss endlich."

Tom legte die Zeitung beiseite und machte Anstalten sein Ei zu köpfen. "Es geht nicht um irgendwelche Morde in irgendeinem Slum an irgendwelchen herumstreunenden Drogensüchtigen! Es geht um Morde an Menschen deines und meines Alters, Laura - verstehst du das? Um Morde an Menschen deiner und meiner Schicht mitten in Manhattan!"

Sie angelte eine kleine, flache Plastikschachtel aus dem liebevollem Arrangement aus Kerzen, Brötchenkorb, Toast und Marmeladenschüsselchen und legte es vor Toms Teller. "Deine Tabletten."

Tom litt seit ein paar Jahren unter Bluthochdruck. Laura achtete streng darauf, dass er seine Medizin pünktlich einnahm. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, noch mindestens zehn Jahre mit ihm zu verbringen.

"Er wird weitermachen, Laura - er wird wieder morden!" Tom griff nach der Zeitung. "Sie schreiben hier, die Polizei gehe von einem Serientäter aus. Weißt du, was das bedeutet?"

"Gott, ja!" Ihre Geduld war nicht direkt am Ende, aber das Thema begann nun doch, ihr ein wenig auf die Nerven zu gehen. "Ich lese hin und wieder auch einen Krimi, Darling. Aber du scheinst mir entschieden zu viel von diesem Zeug zu lesen! Dein Ei wird kalt. Dein Kaffee auch, und nimm deine Tabletten!"

Wieder legte Tom die Zeitung beiseite. Er seufzte, köpfte endlich sein Ei, und goss heiße Milch in seinen Kaffee. Laura bestrich ihm den Toast mit Butter. Wenn Tom erst einmal mit dem Frühstück begonnen haben würde, würde er die verflixte Zeitung endlich vergessen.

Zum Leidwesen seines Arztes war Essen so ziemlich das Wichtigste für Tom Doolittle. Abgesehen vielleicht von den Börsengeschäften und der ehrenamtlichen Arbeit im Club. Selbst der Sex war in den letzten zwei Jahren etwas mehr in den Hintergrund gerückt. Es machte Laura nicht viel aus.

"Ich muss die Sache im Club ansprechen", brummte Tom mit vollem Mund. Mit vollem Mund zu sprechen war nicht seine einzige schlechte Angewohnheit. "Jawoll - wir setzen das auf die Tagesordnung des nächsten Clubtreffens." Er blickte auf. "Ist doch nächste Woche, oder?"

"Bitte, Darling!" Laura legte Toast und Löffel in ihren Teller. "Du machst die Leute scheu, weiter nichts!" Sie nahm ihre Serviette vom Schoß und tupfte sich die Lippen ab. "Du weißt doch, wie ängstlich Josephine und Rachel sind..."

Der 'Club' war eine feste Institution im Leben von Laura und Tom. Eine äußerst wichtige Institution. Vor zwei Jahren erst hatten Tom und sein bester Freund Henry Moreland den Club als gemeinnützigen Verein eintragen lassen. Seitdem hieß er offiziell 'Young Seniors Association', was ungefähr dasselbe wie 'Verein für junge Alte' bedeutet. Tatsächlich aber gab es den 'Club' schon so lange, dass keines seiner Mitglieder ein genaues Gründungsdatum nennen konnte.

Schon wieder stand Tom auf. Er hastete aus dem Esszimmer in sein Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch neben der Tastatur lag sein Kalender. Er warf einen Blick hinein. "Am Montag!", rief er. "Am Montagabend ist Vorstandssitzung!"

Angefangen hatte es mit dem 'Club' im Grunde genommen in Vietnam. Tom, sein bester Freund Henry Moreland, dessen Klassenkamerad Marc McKenzie, und ein New Yorker namens William Allenby hatten bei der gleichen Marineeinheit gekämpft. Alle vier stammten aus Brooklyn, und alle vier überlebten den Krieg.

Anfang der siebziger Jahre, nach dem Ende des Vietnamkrieges also, trafen sie sich regelmäßig in einem Veteranenclub. Andere Männer stießen zu dem Kleeblatt.

Marc, der einen hohen Posten in der Wall Street hatte, versorgte Tom mit günstigen Krediten, damit der seine Honda-Vertretung in Brooklyn-Flatlands aufbauen konnte. Fahrzeuge von Honda verkauften sich wie frische Bagels, und Tom steckte einen fetten Teil seiner Gewinne in Henrys Schuhgeschäfte an der Fifth Avenue und in der East Village. Und so weiter.

Irgendwann stießen die Frauen dazu, irgendwann der eine oder andere Angestellte, und Ende der achtziger Jahre, kurz bevor Tom und Marc in den Ruhestand gingen, trafen sich bis zu vierzig Leuten, wenn der 'Club' ein Strand-Picknick veranstaltete, einen Schriftsteller für eine Lesung einlud, oder sonst etwas Aufregendes vom Zaun brach.

Laura mit ihrer sozialen Ader schließlich war es gewesen, die irgendwann Mitte der neunziger Jahre auf die Idee gekommen war, den Club für Menschen jenseits der fünfundsechzig zu öffnen.

"Es gibt so viele wunderbare Menschen unseres Alters", hatte sie nach einem Theaterbesuch gesagt. Tom hatte die gesamte Mannschaft auf seine Kosten in ein skandinavisches Restaurant in der 13th Straßen eingeladen, ins 'Aquavit'. "So viele wunderbare Menschen mit soviel Zeit. Und die meisten von ihnen sind einsam..."

Genau das hatte Laura damals gesagt. Und was soll man lange erzählen? Drei Jahre später wurde der offizielle Verein gegründet. 'Young Seniors Association', wie gesagt.

Zweimal im Monat irgendeine Kulturveranstaltung, an mindestens einem Wochenende im Monat eine Party, eine kleine Zeitung, die Henry auf seinem Computer herstellte, Gesundheitsberatung, Yoga, Finanzberatung durch Marc, Astrologiekurse, Kochkurse, und weiß Gott was noch alles.

Tom kam zurück ins Esszimmer. "Jawoll - ich werde die Sache im Club ansprechen." Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Als hätte sein Ei ihn geärgert, rammte er den Löffel in das Dotter.

"Was um alles in der Welt willst du damit bezwecken, Darling?" Laura sah befriedigt, dass seine Aufmerksamkeit sich endlich auf das Frühstück richtete.

"Eine Diskussionsrunde mit Pressevertretern oder Polizisten, eine Selbsthilfegruppe, ein Kampfsportkurs - was weiß denn ich?" Er richtete sich auf. Von einem Augenblick auf den anderen verschwand der finstere Ausdruck von seinem Gesicht. Er lächelte wieder, und Laura nahm es erleichtert zur Kenntnis. "Ist Betty nicht Polizistin?" Er sagte das, als hätte er nach vielen Stunden ein kniffliges Rätsel gelöst.

"Sie war Polizistin", korrigierte Laura.

"Sie ist Polizistin", beharrte Tom. "Ich verkauf auch keine Autos mehr und werde trotzdem im Grunde meines Herzens immer ein Autoverkäufer bleiben."

"Wieso denkst du an Betty Freemont?"

"Warum ich an sie denke? Das ist doch klar!" Tom schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Zwei gelbbraune Toastscheiben sprangen aus dem Toaster. "Sie ist Polizistin, also hat sie Beziehungen zu irgendwelchen noch aktiven Bullen. Was folgt daraus? Sie kann uns irgendeinen Spezialisten besorgen, der uns ein paar Vorträge über Serienmörder hält. Und über Methoden, wie man sich gegen so einen Wahnsinnigen schützen kann..."

"'Methoden des Selbstschutzes vor Serienmördern'..." Laura stellte sich den Seminartitel auf einem Plakat vor. Sie seufzte und schüttelte den Kopf. "Vergiss deine Tabletten nicht, Darling..."

 

*

 

Das Wochenende konnten wir abhaken. Der Fall beanspruchte rasch unsere gesamte Zeit. An Feierabend war nicht zu denken.

Am Samstagvormittag fuhren Milo und ich mit einer Frau namens Elizabeth Hershel in die Bronx hinauf. Eine Lehrerin aus Topeka, Kansas - die Tochter von Kathleen Hershel.

Wir brachten sie ins Zentrallabor. Ein verflucht schwieriger Gang - für die Frau sowieso, aber auch für Milo und mich. Auf der Hinfahrt hockte Elizabeth Hershel blass und versteinert im Font unseres Dienstwagens. Auf der Rückfahrt saß Milo neben ihr und hielt sie fest. Sie war neben der Zinkwanne mit der Leiche ihrer Mutter zusammengebrochen - buchstäblich zusammengebrochen. Sie weinte laut, die ganze Fahrt über.

Wir brachten sie nach Brooklyn in die Wohnung ihrer Mutter. Dort kochte ich ihr einen Kaffee, während Milo neben ihr auf einer Couch saß. Noch immer den Arm um sie gelegt, hörte er sich die Familiengeschichte der Hershels an.

Gegen Mittag klingelten wir bei Thompson. Schwester Vera ließ uns ins Apartment. Wir setzten die völlig aufgelöste Frau neben Thompson ans Bett. Die beiden hatten sich schon gekannt, als sie noch Kinder waren. Wir mussten es dem querschnittsgelähmten Mathematiker überlassen die trauernde Tochter von Kathleen Hershel zu trösten.

"War es eine tragische Familiengeschichte, die sie dir erzählte?", fragte ich Milo auf der Rückfahrt nach Manhattan.

"Nein - eine glückliche..."

Am frühen Nachmittag in der Federal Plaza dann die erste Konferenz der Sondereinheit. Ich sah die Frau neben dem Chef gleich, als ich den großen Konferenzsaal betrat.

Sie hatte dunkles, halblanges Haar, ein weiches Gesicht mit großen, grünen Augen und trug schwarze Hosen und einen dunkelgrauen, langen Wollpullover darüber. Nicht gerade das, was man beim FBI als Business-Look versteht. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen - aber nicht deswegen fiel sie mir auf.

Orry übernahm die Moderation. Über einen Beamer projizierte er direkt aus seinem Computer Tabellen, Skizzen, Fotos und Zahlen an die große Leinwand an der Stirnseite des Saales. Er kommentierte die Laborberichte, die Fotos von Tatorten und Opfern. Die meisten der etwa vierzig Agenten schrieben eifrig mit. Auch Milo. Hin und wieder stellte jemand eine Frage.

Ich beobachtete die Fremde neben Jonathan D. McKee. Auch sie machte sich Notizen. Von Zeit zu Zeit beugte sich unser Chef zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Nichts von dem, was Medina vortrug und präsentierte, war wirklich neu.

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