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Gangsterjagd in New York 2 - Zwei Action Thriller

Thomas West

Gangsterjagd in New York 2 - Zwei Action Thriller

Cassiopeiapress Krimi Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Gangsterjagd in New York 2

von Thomas West

Ein CassiopeiaPress E-Book

© Serienrechte „Jesse Trevellian“ by Alfred Bekker

© 2014 by Authors

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses Buch enthält folgende Romane

Thomas West: Richter und Rächer

Thomas West: Die zur Hölle fahren

Thomas West: Richter und Rächer

Zypressen, mannshohe Holunderbüsche, Fliedersträuche und wieder Zypressen. Der Mann bewegte sich lautlos über den dicht bewachsenen Gartenhang. Er trug einen grünen Overall.

Die VanHaarens haben wieder einen Gärtner engagiert, würden die Nachbarn denken, sollten sie ihn zufällig beobachten. Aber weder war der Mann Gärtner, noch hatten ihn die Besitzer des Grundstücks beauftragt, ihren Garten zu pflegen.

Der Mann blieb stehen und lauschte. Musik drang vom Nachbargrundstück unterhalb des Hanges. Walzerklänge. Er hob die Rechte und bewegte sie im Rhythmus der Musik. Den Kopf leicht geneigt, spitzte er die Lippen und summte ein paar Takte mit. Geschichten aus dem Wienerwald - eines der schönsten Stücke des alten Strauß. Fand der Mann, der kein Gärtner war.

Er fuhr fort, sich durch das dichte Buschwerk hangaufwärts zu arbeiten. Aus seinem schäbigen Lederrucksack ragten die unterarmlangen Griffe einer Heckenschere.

Im Halbkreis um die rückseitige Fassade des alten Bürgerhauses gruppiert - eine grüne Palisade aus Zypressen. Dahinter begann ein kleines Rasenstück. Es grenzte an die Gartenterrasse des Hauses.

Der Mann schob sich zwischen zwei der mannshohen Zypressen hindurch. Statt quer über den Rasen, ging er über die vermoosten Steinplatten an dessen Rand auf die Terrasse zu. Spuren ließen sich nie ganz vermeiden. Aber man musste sie ja nicht gleich auf dem Silbertablett anbieten.

Er wusste, dass das Arztehepaar, dem die Villa gehörte, erst in zwei Wochen von einer Europareise zurückkehren würde. Und er wusste, dass die halbwüchsige Tochter des benachbarten Schuldirektors immer gleich nach der Schule in das Haus kam, um zu lüften und die Blumen zu gießen. Und jetzt war es früher Abend.

Trotzdem verharrte er sekundenlang bewegungslos lauschend am Treppenabsatz. Keine Bewegung hinter der großen Glasfront, durch deren Tür man von der Terrasse ins Haus gelangte. Kein Geräusch. Nur die Walzerklänge aus dem Gebäudekomplex am Fuße des Hanges.

Lautlos huschte er die acht Stufen zur Terrasse hinauf. Auf der Steinbalustrade zum Garten hin ein Blumentopf neben dem anderen. Azaleen, Rosenstöcke, Yukapalmen, und so weiter.

Der Mann stellte sich hinter einen verblühten Jasminstrauch. Von der Terrasse aus konnte man die Skyline Manhattans auf der anderen Seite des East Rivers sehen. Und rechts die Pfeilerspitzen der Brooklyn Bridge.

Unten, am Ende des kurzen Hanges, ragten drei uralte Ulmen über die Dächer des benachbarten Gebäudekomplexes. Ein altes Bürgerhaus, angrenzende Stallungen und Werkstätten. Alles aus Buntsandstein und zu Luxuswohnungen umgebaut.

Hier, in Brooklyn Heights, fand man viele solcher architektonischen Perlen aus dem letzten Jahrhundert. Heiß begehrte Immobilien bei der oberen Mittelschicht New York Citys.

Zwischen den Stämmen der Ulmen hindurch war ein kleiner Ausschnitt des Innenhofes einzusehen, den die drei Gebäude mit dem Zaun hinter den Ulmen bildeten. Aus diesem Innenhof kam die Musik.

Ein paar Menschen tanzten durch das Blickfeld des heimlichen Beobachters. Andere standen an einem schmalen, langen Tisch. Das weiße Tischtuch berührte fast den Boden des Hofes.

Der Mann zog sich den Rucksack vom Rücken und kramte ein Fernglas heraus. Er nahm sich viel Zeit, die Festgesellschaft auf dem Nachbargrundstück zu beobachten. Die Tanzenden, die Leute am kalten Büfett, plaudernde Paare im Schatten der efeubewachsenen Hausfassaden, und vor allem die kleine Gruppe um den runden Tisch nicht weit hinter den Ulmen.

Die dicken Baumstämme und der gusseiserne Zaun dahinter verdeckten die Gesichter und Körper der Menschen dort unten teilweise. Aber zwei oder drei waren gut zu erkennen.

Ein silberhaariger Mann in weißem Hemd, grauer Weste und mit roter Krawatte zum Beispiel.

Der Mann, der kein Gärtner war, brauchte das Alter des Silberhaarigen nicht zu schätzen. Er wusste, dass er vor wenigen Tagen dreiundfünfzig Jahre alt geworden war.

Oder die Frau des Silberhaarigen. Klein und zierlich. Mit verschränkten Armen stand sie hinter ihm. Sie war noch blasser und schmaler als damals. Und auch nicht mehr blond, sondern rot - mahagoni-rot.

Und die jüngere Frau neben dem Silberhaarigen - auch sie war gut zu erkennen. Rotblondes, offenes Haar, knallgelbes, ärmelloses T-Shirt, schwarzglänzende Lederhosen. Hinter ihr, achtlos über die Stuhllehne geworfen, eine schwarze Lederjacke. Breitbeinig hockte sie da. In ihrer Hand qualmte eine Zigarette.

Die Aufmerksamkeit der drei Menschen schien durch irgend etwas gefesselt zu sein, was sich vor ihnen, auf dem Rasen zwischen den Ulmen und ihrem Tisch abspielte.

Der Mann richtete sein Glas auf den Zaun zwischen den Baumstämmen und zoomte das Bild näher heran. Er konnte einen kleinen, blauen Körper entdecken - ein Kind. Es hockte im Gras unter den Bäumen. Etwa acht Schritte von den Ulmen und damit von Grundstückgrenze entfernt.

Das Kind wedelte mit einem länglichen, biegsamen Gegenstand herum. Ein Stück Papier? Ein Plastikrohr? Schwer zu sagen, was das das für ein Ding war.

Ein kleines, hellbraunes Tier sprang an dem Kind hoch, purzelte ins Gras, sprang erneut hoch. Eine junge Katze.

Ein paar Minuten noch beobachtete der Mann die Szene. Endlich setzte er das Glas ab. "Schön, so eine Feier", murmelte er. In seiner Miene jedoch keine Spur von Wohlwollen. Geschweige denn von gönnerhafter Freude. Wie gefroren wirkten seine Züge.

Er steckte das Glas zurück in den Rucksack und holte eine Kamera heraus. Nacheinander fotografierte er die Menschen unter der Linde. Jedenfalls die, die er sehen konnte. "Schön, so eine Feier..." Er verstaute die Kamera wieder im Rucksack, warf ihn sich über die rechte Schulter und stieg die Treppe hinab in den Garten. "Genießt sie", flüsterte er. "Ein bisschen Zeit habt ihr ja noch..."

Hangabwärts verschwand er zwischen den Ziersträuchern des Gartens.

 

*

 

Die junge Katze sprang nach der Pfauenfeder, versuchte das blaubunte Ding mit den Vorderpfoten zu krallen, ließ sich ins Gras fallen und duckte sich zum nächsten Angriff.

Der Knirps im Gras fuchtelte mit der Feder herum und krähte vor Vergnügen. Ein kleiner Bursche mit erstaunlich dichten, schwarzen Locken. Nicht älter als vierzehn, höchstens sechzehn Monate. Die hellblauen Höschen seines Matrosenanzuges waren von der Windel ausgebeult.

Wesley Harper beugte sich zu dem Zwerg herunter. "Du wirst mal ein furchtloser Löwenbändiger, was Luke?" Er streichelte den Jungen über die schwarzen Locken. Auf seinem braungebrannten Gesicht strahlte der ganze Stolz eines Großvaters über seinen ersten Enkel.

"Erst einmal muss er laufen lernen", sagte eine hohe Frauenstimme hinter ihm.

"Alles zu seiner Zeit", sagte Wesley. "Oliver hat auch erst mit anderthalb Jahren seine ersten Schritte gemacht, erinnerst du dich nicht, Viola?"

Das rotbraune Kätzchen machte einen Satz und packte Wesleys ins Gras baumelnden Seidenschlips. Der große, grauhaarige Mann lachte. Seine gepflegten Hände griffen nach dem Pelzknäuel. "Hey, du Möchtegerntiger!"

Er stand auf und versuchte die Pfötchen des Tieres von dem roten Edelbinder zu lösen. Die scharfen Krallen zogen lange Fäden aus dem Stoff. Der kleine Knabe quietschte entzückt.

"O nein, Wes - deine schöne Krawatte!" Wesley drehte sich um. Auf dem Gesicht seiner Frau die für Viola so typische Mischung aus Vorwurf und Weinerlichkeit. "Was glaubst du wie teuer die war...!"

"Sicher nicht so teuer wie meine Haut", knurrte Wesley. Er setzte das Kätzchen neben seinem Enkel ab. "Und die hat der kleine Möchtegerntiger nicht mal angekratzt - stimmt's Luke?" Der Kleine strahlte seinen Großvater an.

Einen zärtlichen Klaps für die Katze, einen Kuss auf die Stirn des Knirpses - Wesley richtete sich wieder auf und setzte sich zurück auf den Stuhl neben seine ältere Tochter.

Carol grinste spöttisch. Wie sie es meistens tat, wenn sie nicht gerade wütend war. Oder von ihrer neusten Idee begeistert, oder verliebt oder sonst irgendwie berauscht. "Aber wenn du gleich deine Rede hältst, werden alle Augen auf dich gerichtet sein. Und jeder wird die schrecklichen, katastrophalen, entwürdigenden Fäden an deinem Hundertfünfzig-Dollar-Schlips sehen können." Mit den letzten Worten fiel sie zunehmend in den Tonfall ihrer Mutter und äffte deren weinerliche Art nach.

Viola blitzte ihre Tochter beleidigt an, und Wesley betrachtete seinen Schlips. "Scheiß drauf...", murmelte er.

"Dann starren sie wenigstens nicht länger auf dein geschmackloses Unterhemd", schnarrte eine Frauenstimme von der anderen Tischseite. Eine sachlich klingende Frauenstimme mit einem sarkastischen Unterton. Die Stimme von Lilian Benson, Carols ein Jahr jüngerer Schwester und die Mutter des Kleinen. Eine zierlich Frau mit kurzen, schwarzen Haaren. Ihrer Mutter Viola wie aus dem Gesicht geschnitten.

"Und auf deine ständig brennende Zigarette," zeterte Viola, "und auf diese abscheuliche Jacke aus den Flegeljahren deines Vaters..."

Carol steckte die Zigaretten zwischen die Lippen und fasste unter ihre üppigen Brüste. "...und auf meine prächtigen Titten", rief sie laut.

Sie lachte ihr tiefes, rauchiges Lachen und genoss die giftigen Blicke ihrer Mutter und ihrer Schwester.

Auch der smarte Mann neben ihrer Schwester schmunzelte. Streichholzkurze, schwarze Haare, schmales, stoppelbärtiges Gesicht, weißes Jackett. Dr. Charles Benson, chirurgischer Oberarzt am Beekman Downtown Hospital in Manhattan. Und nebenbei Schwiegersohn der Harpers.

Carol hatte ein paar Wochen lang mit ihm gevögelt, bevor sie ihn ihrer Schwester überlassen hatte.

"Übertreib's nicht, Carol", knurrte Wes. Mehr sagte er nicht. Er hatte es aufgegeben seine Älteste erziehen zu wollen und war schon froh, wenn sie bei Feierlichkeiten wie dieser nicht öffentlich eine Pfeife anzündete oder einen Streifen Koks schnupfte.

Der Knirps im Gras packte die Katze am Schwanz und zog sie zu sich heran. Das Tier fauchte und schrie jämmerlich. Lilian sprang auf und lief ins Gras. "Nicht doch, Darling! Das tut dem Kätzchen weh!"

"Wie kann man einem Baby eine Katze zum ersten Geburtstag schenken." Carol verdrehte die Augen.

"Kinder brauchen etwas Lebendiges", behauptete Viola.

"Schon klar, Mom", seufzte Carol. "Sehe ich genauso - sie brauchen etwas Lebendiges. Sie brauchen eine Mutter."

Für Sekunden hielten alle die Luft an. Selbst Benson verging das weltmännische Schmunzeln.

Einer der gefürchteten Seitenhiebe Carols. Keiner am Tisch, den er nicht traf. Luke wurde weitgehend von einem Kindermädchen versorgt. Genau wie die drei Kinder der Harpers von einem Kindermädchen großgezogen worden waren.

"Jetzt ist aber Schluss, verdammt noch mal!", knurrte Wes. Er löste den Knoten seiner Krawatte.

Es war immer das gleiche - seine Familie konnte keine Stunde zusammensitzen, ohne dass nicht kleine Nettigkeiten ausgetauscht wurden. Und regelmäßig artete dieses vertraute Ritual in eine gehässige Beißerei aus. Vor allem, wenn Carol dabei war.

Missmutig drehte er sich um und blickte auf den Hof. Die knapp fünfzig Gäste tanzten zu Johann Strauß Kaiserwalzer, standen plaudernd in kleinen Gruppen zusammen oder belagerten die Tafel mit dem kalten Büfett.

Seit dem frühen Nachmittag plätscherte die Fete vor sich hin. Leute kamen, Leute gingen. Private und offizielle Gäste. Freunde und Bekannte, Kollegen aus dem Bezirksgericht und leitende Beamte des New York City Police Departments.

Selbst ein Vertreter des Bürgermeisters war gekommen und hatte ihm in einer kurzen Rede zum dreiundfünfzigsten Geburtstag und zum zwanzigjährigen Dienstjubiläum gratuliert.

Gestern vor genau zwanzig Jahren hatte Wesley Harper beim Manhattaner Bezirksgericht angefangen. Als kleiner Beamte der Staatsanwaltschaft. Heute war er der leitende Richter des Gericht.

Wesley zog sich die Krawatte aus dem Hemdkragen und warf sie auf den Tisch. "Ich will jetzt Walzer tanzen. Und zwar mit dir, Carol."

"Du wirst doch den Rest des Abend nicht etwa ohne Schlips herumlaufen!" Viola, seine Frau schien ernsthaft erschrocken zu sein über diese Aussicht.

Carol lachte trocken, und Wesley winkte ab. "Scheiß drauf. Kannst mir ja einen aus dem Haus holen." Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das Haus an der Längsseite des Hofes.

Ein prächtiges, efeubewachsenes Gebäude aus unverputzem Buntsandstein und mit großen Rundbogenfenster. Palmen in dunklen Holzkübeln flankierten die beiden Flügel des hölzernen Eingangsportals. Eine dritte stand mitten im Hof.

Er bewohnte es mit Viola und Oliver, ihrem achtzehnjährigen Sohn. Von der Rückfront aus hatten sie einen fast freien Blick auf den East River hinunter und hinüber auf die Skyline Manhattans.

Das gegenüberliegende Haus zur Cranberry Street hatte er zur Hälfte vermietet. An einen Frauenarzt und einen Architekten. In der anderen Hälfte residierte seine Frau Viola und ihre Partnerin Angela Chassedy. Die beiden Frauen betrieben dort eine erfolgreiche Rechtsanwaltskanzlei.

Das Gebäude auf der Schmalseite des Hofes wurden von Wesleys Tochter Lilian und ihrem Mann bewohnt. Auf der gegenüberliegenden Schmalseite war der Hof durch einen kleinen Gartenpavillon und den gusseisernen Zaun vor den Ulmen begrenzt.

Vor zwölf Jahren hatte Wesley das Anwesen gekauft und restaurieren lassen. Eine ehemalige Spedition aus der Zeit, als die Bierfässer noch mit Pferdegespannen angeliefert wurden.

"Los, Carol, jetzt wird getanzt." Er zog seine Tochter aus dem Stuhl und warf einen zärtlichen Blick hinter sich auf seinen Enkel. Die Katze hatte sich die Pfauenfeder geschnappt und huschte durch das Gras auf den Zaun zu. Luke krabbelte ihr hinterher.

Sie mischten sich unter die anderen Tanzenden. "Wann zum Teufel wirst du es endlich lernen, deine scharfe Zunge im Zaum zu halten..." Wesley seufzte und drückte seine Tochter an sich.

Sie fühlte sich fest und straff an. Vollbusig, mit breitem Hüften und nicht einmal einen Kopf kleiner als der hünenhafte Wesley hatte sie nichts von der Zierlichkeit ihrer Mutter.

"Nie", lachte die Fünfundzwanzigjährige. "Ich werd' noch eine Menge lernen - aber das nie."

Lächelnde Gesichter um sie herum. Die tanzenden Paare schwangen sich im Rhythmus des Walzers um die große Palme mitten im Hof. Wesley nickte freundlich nach allen Seiten, während er mit Carol über den Hof tanzte. Die verstohlenen Blicke auf seine verrückte Tochter entgingen ihm nicht. Aber sie waren ihm herzlich gleichgültig. Er war froh, dass Carol sich überhaupt noch die Mühe machte aus SoHo herüber nach Brooklyn zu fahren, um ihre Familie zu besuchen.

Wesley kannte den Grund - ihre abgöttische Liebe zu ihm. Diese Liebe zueinander war nicht das einzige, was Wesley mit seiner ältesten Tochter gemeinsam hatte. Auch das wusste er. Und weil er es wusste, hatte sie fast völlige Narrenfreiheit bei ihm.

Auch Lilian und ihr Doktor hatten sich inzwischen unter die Tanzenden bequemt. Wesley hatte seine Mühe mit Charles Benson. Der Arzt war ihm zu glatt, zu wohlerzogen, zu arrogant. Er mochte keine Leute, die so taten, als bräuchte man nur die vierzehnhundert Gramm Hirn unter der Schädeldecke korrekt zu gebrauchen, um alles im Griff zu haben.

Wesley beobachtete, wie sich zwei Paare zu Viola gesellten, die allein am runden Tisch zurückgeblieben war. Einer musste ja das Kind im Auge behalten.

Wesley versuchte seinen Enkel im Gras vor dem Zaun auszumachen. Halbverdeckt von Tischbein und Stühlen sah er ihn die Katze mit der Pfauenfeder traktieren.

Hoffentlich würde das drollige Vieh nicht auf die Idee kommen ins Nachbargrundstück zu entwischen. Die VanHaarens hatten einen Garten wie einen Urwald - schier undurchdringlich. Ein Labyrinth für eine junge Katze.

Ein Blick auf die fast kniehohe Fundamentmauer des gusseisernen Zauns beruhigte Wesley - zu hoch für Lukes vierbeinige Spielgefährtin.

Der letzte Takt des Kaiserwalzers verklang. Wesley sah sich nach der Stereoanlage im offenen Fenster des Büros seiner Frau um. Niemand machte Anstalten eine neue Scheibe aufzulegen.

Sein Blick suchte Spencer Bush. Sein Freund, der Chefankläger am Manhattaner Bezirksgericht, hatte eigentlich den Job des Disc Jockeys übernommen. Doch statt sich um neue Musik zu kümmern zwinkerte er Wesley verschmitzt zu.

Das Portal zwischen den Palmen öffnete sich. Ein junger Mann in Richterobe und mit einem dicken Buch unter dem Arm trat auf den Hof. Oliver Harper, Wesleys Jüngster.

Hinter ihm, ebenfalls in schwarzer Robe, Angie, die Partnerin Violas. Selbst in dem altertümlichen weiten Gewand sah die blonde Frau verführerisch schön aus.

Angeführt von Perry Sheridan, dem pensionierten Chefankläger des Manhattaner Bezirksgerichtes, traten zwölf Männer und Frauen aus dem Haus. Alles Freunde und Bekannte der Harpers. Wesley begriff: Die Geschworenen.

"Wir eröffnen die Verhandlung gegen Wesley Harper!", rief Oliver mit todernster Stimme. Wesley schmunzelte. Nicht ohne Stolz betrachtete er seinen Sohn. Der Junge besuchte das Brooklyn College in Benson Hurst. Er wollte Jurist werden und in die Fußstapfen seines Vaters treten. Genau wie Wesley in die Fußstapfen seines Vaters getreten war.

Ohne seinen Vater wäre Wesley heute nicht das, was er war. Und Wesley würde dafür sorgen, dass Oliver eines Tages sein würde, was er werden wollte. Richter.

"Ich verlese die Anklagepunkte!" Oliver schlug das Buch auf. "Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seine Mitarbeiter durch lautes Fluchen zu erschrecken und den Ruf des ehrwürdigen Bezirksgerichts von Manhattan durch hemmungsloses Singen von Frank-Sinatra-Liedern während der Dienstzeit zu beschädigen."

Feixen auf den Gesichtern der Gäste. Einige kicherten.

"Weiter wird ihm vorgeworfen, seine Angehörigen und engsten Freunde durch lebensgefährliche Hobbies in Angst und Schrecken zu versetzen: Fallschirmspringen, Bergsteigen und Tiefseetauchen." Gelächter wurde laut. Ein paar Leute klatschten und wurden von Oliver zur Ruhe ermahnt. Dann ging es im gleichen Tenor weiter.

Seine Abneigung gegen lange Sitzungen, sein Pünktlichkeitsfanatismus, sein ungeheurer Kaffeekonsum - alles wurde zur Sprache gebracht. Sogar seine heimlichen Zigaretten auf der Toilette und seine Vorliebe für junge Sekretärinnen.

Lautes Gelächter unter den Gästen. Wesley schmunzelte tapfer. Im Nacken spürte er Violas Blicke. Die Sache mit den Sekretärinnen konnte ihr nicht gefallen.

"Sie werden dich freisprechen", flüsterte Carol ihm zu. "Und dich als den menschlichsten Richter, den das Bezirksgericht je hatte für den Bürgermeisterposten vorschlagen."

"Warum nicht gleich als demokratischen Präsidentschaftskandidaten?", murmelte Wesley. Er war gespannt, was sein Filius und die quirlige Angie sich noch alles ausgedacht hatten.

Zunächst aber war er selbst am Zug. "Soweit die Anklageschrift. Dem Angeklagten steht es nun frei, sich zu diesen Vorwürfen zu äußern." Oliver Harper schlug das Buch zu. Auf seinem breiten Jungengesicht ein schelmisches Grinsen.

Alle Augen richteten sich auf Wesley Harper. Der räusperte sich und trat in die Mitte des Halbkreises, der sich um Oliver und Angie gebildet hatte. "Zunächst einmal danke ich dem hohen Gericht, den Damen und Herren Geschworenen und den hochverehrten Gästen dieser festlichen Gerichtsverhandlung, dass sie mir überhaupt soviel Aufmerksamkeit widmen. Und mir sogar das Wort erteilen, obwohl ich doch halbnackt hier vor euch erscheine..."

Er deutete auf seinen offenen Hemdkragen. "...ohne Krawatte!" Schallendes Gelächter. "Scheinbar habt ihr ja das alte Raubein Wesley Harper doch irgendwie gern, sonst hättet ihr ja heute nicht Schlange gestanden, um mir zu gratulieren und mit mir meinen Weinkeller zu leeren und dieses leckere Büfett wegzuputzen."

Gelächter und Beifall. Vereinzelte Hochrufe wurden laut.

Wesley war in seinem Element. Ganz die sympathische, überlegene Vaterfigur, die es gewohnt ist im Mittelpunkt zu stehen, schlug er die Zuhörer in seinen Bann.

"Und nun zu den Anklagepunkten. Selbstverständlich bekenne ich mich in jedem Punkt für schuldig. Und zwar mit dem größten Vergnügen..." Allgemeine Erheiterung und Beifall. "...oder in fast jedem Punkt. In der Tat schätze ich nichts mehr, als eine gute Sekretärin. Aber sagt mal selber - kann ich etwas dafür, wenn die besten Sekretärinnen zufällig auch die hübschesten sind...?"

Die ganze Gesellschaft lachte laut. Die beiden blutjungen Sekretärinnen des Richters erröteten.

Die einzige, die nicht lachte, war Viola. Mit wächserner Miene hockte sie noch immer am runden Tisch unter den Ulmen.

"Und was meine Hobbies betrifft..." Wesley breitete die Arme aus und machte ein bekümmertes Gesicht. "Ich ahnte ja nicht, dass ihr euch soviel Sorgen um mich macht. Aber mal ganz ehrlich - ihr wisst doch alle, wie unausstehlich ich werden kann, wenn ich mich langweile..."

Wieder Gelächter und anhaltender Beifall.

"Ein besonders schlechtes Gewissen habe ich - ich gestehe es - wegen Frankieboys Liedern..." Das Kind schrie. Wesley unterbrach sich und sah zum Rasenstück vor den Ulmen hinüber.

Viola war aufgesprungen, um den Kleinen zu beruhigen. "...unverzeihlich einseitig, ich gebe es zu", fuhr Wesley fort. "Und ich verspreche, mir schleunigst ein paar Scheiben von Queen, Madonna und Michael Jackson zu besorgen, um mein Repertoire zu..."

Viola kreischte so laut, dass ihm der Rest des Satzes im Hals stecken blieb. Alle Köpfe fuhren herum und starrten hinüber zu ihr. Sie stand auf dem Rasen unter den Ulmen, nahe am Zaun. Die Handflächen gegen die Wangen gepresst, blickte hinunter auf das plärrende Kind und wollte gar nicht mehr aufhören zu schreien.

Die Männer und Frauen, die mit ihr am runden Tisch gesessen hatten, sprangen auf und liefen zu ihr. Als würden sie gegen ein Mauer prallen, blieben sie hinter ihr stehen. Zwei der Frauen stimmten ebenfalls ein hysterisches Geschrei an.

Wesley spurtete los. "Was zum Teufel ist passiert!?", brüllte er. Lilian und ihr Mann hinter ihm her. Mit zwei Schritten setzte der Richter über den Rasen.

Der Kleine streckte schreiend beide Arme nach ihm aus. Die Hände waren blutverschmiert. Wie eine Messerklinge schnitt Wesley der Schock ins Herz. Unfähig zu atmen, unfähig sich zu bewegen, stand er für einen Augenblick wie festgewachsen.

Seine Augen weiteten sich - Blutspritzer auf dem blauweiß gestreiftem Matrosenhemdchen, Blutflecken auf dem hellblauen Höschen, und zwischen den Schenkelchen des Babys ein blutiges, pelziges Etwas... ein Katzenkopf.

"Himmel", krächzte Wesley. Er beugte sich zu seinem Enkel hinab. "Mein armes Lukiebaby..." Über ihm heulten Viola und zwei andere Frauen. Lilian stand nur stocksteif da und schien nichts zu begreifen. Wesley nahm das Kind hoch. Der Katzenkopf kullerte ins Gras. Blutverschmierte Händchen klammerten sich in Wesleys weißes Hemd.

Sein Schwiegersohn, Charles Benson, kniete sich neben dem Katzenkopf ins Gras. Mit der Pfauenfeder wendete er den blutigen Fellklumpen hin und her. "Glatt abgetrennt", murmelte er.

"So eine gottverdammte Sauerei!", zischte Carol.

Angewidert wandte Wesley sich ab. Das Kind schrie aus Leibeskräften. Wie ein Äffchen in höchster Panik klammerte es sich an ihn.

Eine Mauer aus festlich gekleideten Menschenleibern versperrte Wesley den Weg in den Hof. Vierzig, fünfzig blasse Gesichter. Stumm blickten sie auf den Katzenkopf im blutigen Gras.

Gleich in der ersten Reihe sein Sohn Oliver. In schwarzer Richterrobe und das dicke Buch wie ein Schutzschild vor die Brust gepresst.

Wesley sah, dass es eine Bibel war...

 

*

 

Niemand war so taktlos, gleich nach dem Vorfall nach Hause zu gehen. Die Gäste der Harpers standen in kleinen Gruppen zusammen. Empörten sich über die geschmacklose Grausamkeit, spekulierten über mögliche Täter. In Brooklyn Heights war man derartigen Vandalismus nicht gewohnt.

Niemand aß mehr etwas, niemand legte Musik auf.

Hinter vorgehaltener Hand einigte man sich auf eine Rachetheorie. Irgendein Krimineller, den Wesley hinter Gitter gebracht hatte, wollte dem Richter sein Jubiläumsfest versauen.

Das war ihm gründlich gelungen. Nach und nach löste sich die Festgesellschaft auf. Nicht einmal eine Stunde nach dem widerlichen Vorfall.

Wesley, sein Freund Spencer Busch, sein Sohn Oliver, und sein Schwiegersohn Charles Benson lehnten eine Leiter gegen den Zaun unter den Ulmen und kletterten auf das Nachbargrundstück. Bis zum Einbruch der Dämmerung durchkämmten sie den Garten.

Sie fanden nichts. Auch nicht den Torso des toten Kätzchens. Nur ein paar Blutspuren.

Später hockten sie um den runden Tisch auf dem Rasen unter den Ulmen. Die Familie Harper und zwei, drei enge Freunde. Auf dem Tisch brannten ein sechsarmiger Kerzenleuchter. Es war dunkel, und Mücken schwirrten um das flackernde Kerzenlicht.

Das Baby schlief auf Wesley Schoß. Oliver trug noch immer die Richterrobe, und Angie das Gewandt der Staatsanwältin. Auf dem Tisch lag das dicke Buch.

"Du musst die Polizei verständigen, Wes", sagte Viola. Ihre dünne, zitternde Stimme sprach Bände - sie stand noch immer unter Schock. Wesley schüttelte missmutig den Kopf.

"Viola hat recht, Wes", mischte Spencer Bush sich ein. "So eine bodenlose Gemeinheit muss bestraft werden."

"Die Cops könnten die Nachbarn abklappern", sagte Charles Benson. "Vielleicht hat irgend jemand etwas beobachtet."

Wesley winkte ab. "Und morgen liest dieses Schwein mit vor Stolz geschwellter Brust in der New York Post, dass es ihm gelungen ist, eine Festgesellschaft zu sprengen..."

"Das wird er auch in der Zeitung lesen, wenn du die Bullen nicht einschaltest." Carol sog an ihrer Zigarette. "Oder glaubst du, einer von den Leuten, die heute hier waren und diese Schweinerei gesehen haben, wird mit seinen Nachbarn in den nächsten Tagen über das Wetter reden?"

"Scheiß drauf...", knurrte Wesley. Es klang nicht besonders überzeugend.

"Bitte, Wes", flehte Viola. "Ich fürchte mich plötzlich..."

Wesley antwortete nicht. Er betrachtete die Bibel neben dem Kerzenleuchter. Dann sah er seinen Sohn an. Der hatte seit dem abrupten Ende der kabarettistischen Gerichtsverhandlung den Mund nicht mehr aufbekommen.

"Los, Oliver!" Wesley versuchte einen schnoddrigen Ton anzuschlagen. "Sag mir, was für ein Urteil du deinem Dad zugedacht hattest!"

Der Junge schluckte. "Vergiss es, Dad..."

 

*

 

Zwei Wochen Urlaub. Nichts besonderes eigentlich. Jeder macht mal Urlaub, und erlebt so dies und das bei der Gelegenheit. Warum also davon erzählen?

Wegen der alten Inianerin in Abilene.

Aber hübsch der Reihe nach.

Wir hatten also Urlaub. Milo und ich. Zwei Wochen. Es kommt sehr selten vor, dass mein Partner und ich zur gleichen Zeit Urlaub machen. Aber in diesem hatte es sich so ergeben. Jedenfalls während dieser zwei Wochen im Spätsommer.

Der Entschluss, gemeinsam etwas zu unternehmen, fiel spontan. Im North Star Pub, unserer Lieblingsbar am Sea Port. Es war im Frühjahr gewesen. Wir hatten gerade eine ziemlich üble Sache durchgestanden. Ein gerissener Bursche hatte versucht, ehemalige Komplizen aus der Gefängnisinsel Riker's Island zu befreien. Wir hatten eine Menge riskiert, um ihn daran zu hindern.

Um genau zu sein: Wir hatten unsere Haut riskiert.

Milo war nicht besonders gut drauf, als wir am Abend im North Star Pub den glücklich durchgestandenen Fall feierten. Oder feiern wollten. Denn wie gesagt: Milo war nicht gut drauf. Die Kämpfe der zurückliegenden Tage steckten ihm noch in allen Knochen. Und die richtige Feierstimmung ließ zu wünschen übrig.

"Weißt du eigentlich, dass ich, wenn ich von dir träume, dich immer nur in Schlips und Kragen und mit dem verdammten Schießeisen am Hintern vor mir sehe?", sagte er nach dem zweiten Budweiser.

"Ich war noch nie dabei gewesen. Woher soll ich's also wissen?" Dass mein Partner manchmal von mir träumte, war mir neu. Aber eigentlich normal, wenn man tagaus, tagein zusammenarbeitet. Oder?

"Manchmal auch mit Sturmhaube und kugelsicherer Weste", fuhr Milo unbeeindruckt fort. "Oder in Kampfanzug und mit einem Schnellfeuergewehr..."

"Jetzt übertreib's mal nicht, Partner."

"Ich würd' dich gern längere Zeit als Privatmann erleben. Ohne Schießeisen, ohne Schlips - in Jeans und Unterhemd, in Shorts oder Badehosen vielleicht, und ohne ein Wort über unseren Job zu verlieren." Milo lächelte wehmütig in sich hinein. Die Idee schien ihm zu gefallen. "Wenigstens ein oder zwei Wochen am Stück."

"Da wirst du dich noch ein Weilchen gedulden müssen, Partner. Bis zu meiner Pensionierung gehen noch ein paar Jährchen ins Land. Und ob ich die je erleben werde, wenn wir so weiter machen...?"

"Wir sollten mal zusammen in Urlaub fahren." Milo schien gar nicht zuzuhören. "Das wär's doch."

Und schon war die Idee geboren. Der Chef hatte nichts dagegen, gleich zwei Agenten auf einmal in Erholung zu schicken, und Milo buchte zwei Zimmer in einem kleinen Hotel in Port Washington. Das liegt zwischen Milwaukee und Green Bay am Westufer des Lake Michigan.

Bis zum letzten Arbeitstag rechnete ich damit, dass uns die Kundschaft einen Strich durch die Rechnung machen würde. In dieser Hinsicht bin ich ein unverbesserlicher Pessimist. Aber in dem Fall zu Unrecht - an einem Samstagmorgen Ende August landeten wir in Milwaukee, Wisconsins, und am gleichen Nachmittag bezogen wir unsere Hotelzimmer in Port Washington. Zimmer mit Seeblick.

Ich hatte mir meine ältesten Jeans eingepackt. Turnschuhe trug ich, und unter einer alten Fliegerjacke Feinripp-Muskelshirt. Milo war zufrieden mit mir.

Am zweiten Tag nieselte es. Am dritten Tag Gewitter und Platzregen. Und der Wetterbericht erklärte den Sommer in dieser Gegend der Staaten für beendet.

Nichts war es mit Strandflirt, Surfen und Wasserskifahren. Und man kann nicht zwei Tage am Stück angeln. Jedenfalls ich kann das nicht.

"In Kansas City soll es ein paar absolut heiße Jazz Clubs geben", sagte Milo am vierten Tag nach dem Frühstück. Vor den Hotelfenstern prasselte der Regen auf die Seeterrasse.

Kansas City liegt zwar gut siebenhundert Meilen Luftlinie von Milwaukee entfernt, aber warum soll man sein Leben dahingehen lassen, ohne einen absolut heißen Jazz Club in Kansas City gesehen zu haben? Also stiegen wir ins Flugzeug und flogen nach Kansas City.

Volltreffer. Zwei Tage und drei Nächte wandelten wir auf den Spuren Duke Ellingtons und Charly Parkers in den einschlägigen Clubs auf der Missouri-Seite der Stadt. Wir hatten eine Menge Spaß, lernten interessante Leute kennen und kamen drei Nächte lang kaum ins Bett.

Und dann - wie es eben so geht - fiel mir in einem dieser absolut heißen Jazzclubs ein Plakat ins Auge: Old Abilene Town. Die alte Cowboystadt zur Zeit des Viehbooms. Feuergefechte, sonntags 14.45 und 16.00 Uhr, 15.00 Uhr Original Can Can.

Habe ich gelegentlich erwähnt, dass ich alles über amerikanische Geschichte lese, was ich in die Finger kriege? Vor allem natürlich Bücher über die letzte Hälfte des vergangenen Jahrhunderts - die Zeit des Wilden Westens.

Jedenfalls durchzuckte es mich heiß, als ich das Stichwort Abilene las. Abilene, the Queen of Cowtowns mit ihren beiden legendären Marshals John Smith und Wild Bill Hickok....

Ich machte Milo auf das Plakat aufmerksam. "Willst du hinfahren?", fragte er. Es war ein Samstagnachmittag, unser achter Urlaubstag.

Warum soll man sein Leben dahingehen lassen, ohne wenigstens einmal in Abilene gewesen zu sein?

Noch am gleichen Tag mieteten wir einen BMW - das riss zwar ein unwiederbringliches Loch in unsere Urlaubskasse, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Am nächsten Morgen nahmen wir die knapp hundertfünfzig Meilen nach Abilene, Kansas unter die Reifen.

Unterwegs durchquerten wir ein ödes Provinznest - es hieß Manhattan und wir bogen uns vor Lachen...

Wir kamen früh genug nach Abilene, um noch ein kräftiges Mittagessen zur Brust zu nehmen und mal wieder in einer Tageszeitung herumzuschnüffeln.

"Sagt dir der Name Harper etwas?", wollte Milo wissen. Er hatte eine New York Post erwischt.

"Was für eine Frage!" Ich spielte den Empörten. "Ein frommer Mann, nach dem eines der wichtigsten Dörfer der Welt benannte wurde - Harpersvillage...

"Ich weiß, ich weiß", wiegelte Milo ab. "Ein gewisser Jesse Trevellian wurde dort geboren - aber ich meine einen weniger wichtigen Mann: Wesley Harper, leitender Richter am Manhattaner Bezirksgericht."

"Hatten wir schon zu tun mit, glaub' ich..."

"Dem haben sie während einer Jubiläumsfeier die Katze geköpft und den Schädel seinem Enkel in den Schoß gelegt. Soll ich vorlesen?"

"Bloß nicht." Ich überflog gerade den Sportteil von USA TODAY.

Nach dem Essen nach Old Abilene Town. Dort hatten sie einen ganzen Straßenzug der Stadt originalgetreu dem Abilene während der Zeit John Smiths nachgebildet. Man konnte eine Viehverladestation besichtigen, das Office des Town Marshals, und einen Saloon. Gegen ein Eintrittsgeld natürlich.

Ein paar finster dreinblickende Gestalten betraten den Saloon - mit Munition gespickte Patronengurte um die Bäuche, Revolver in Hüftholstern, breitkrempige Stetsons. Sie lieferten sich eine filmreife Schlägerei in dem Saloon und duellierten sich anschließend auf der Straße. Mit Platzpatronen selbstverständlich.

Alles ein bisschen kitschig, aber sehr eindrucksvoll. Der Wild-West-Enthusiasmus meiner Kindertage spreizte die Flügel und ich war zufrieden.

"Das kannst du in Manhattan umsonst haben", knurrte Milo. "Und mit echten Patronen."

"Was du nicht sagst..."

Anschließend ging es in die Can Can Show. Die spärlich bekleidetenTänzerinnen schmissen ihre langen Beine hoch und zeigten auch sonst recht freimütig, was sie hatten. Milo neigte den Kopf zur Seite und lächelte andächtig. Die Vorstellung gefiel ihm besser, als die Schießerei.

Über gute Freunde kann man auch während eines gemeinsamen Urlaubs nicht viel Neues lernen...

Milo zerrte mich dann ins Eisenhower Center - tatsächlich: Unser verstorbener Präsident war ein Sohn dieser einst so wilden Stadt! - was mich nicht besonders interessierte. Und ich schleppte ihn zur Gedenkstätte des ersten Marshals von Abilene, John Smith. Das wiederum langweilte Milo.

Wenigstens hörte er höflich zu, als ich ihm erzählte, was ich von dem berühmten Marshal wusste.

Der gebürtige Engländer war Berufsboxer gewesen, bevor er 1870 das Amt des Town Marshals von Abilene antrat. Mit bloßen Fäusten zähmte er die wilden Kuhhirten aus Texas. Er verbot das Tragen von Waffen in Abilene, und trug prinzipiell selbst keine. Dabei setzte er auf den ungeschriebene Ehrenkodex der Texaner, das man nicht auf unbewaffnete Männer schoss. Die Texaner wiederum hielten nichts von Faustkämpfen. Also zogen sie den Kürzeren gegen den Marshal. So einfach ging das damals.

Bis Smith eines Tages zwei Killern in die Arme lief. Unbewaffnet, wie immer... Einer schoss auf ihn, der andere schlug ihm von hinten ein Beil in den Schädel.

"Soviel zum Thema Prinzipientreue..." Milo schüttelte den Kopf. "Und jetzt hab' ich Durst."

Manchmal möchte man seinen Glauben an den Zufall aufgeben. An diesem Sonntag zum Beispiel. Dem neunten Tag unseres Urlaubs. Wir gingen zurück in den Original Wild West Saloon aus John Smiths Tagen, weil dort auch Bier gezapft wurde. Und stolperten ihr gewissermaßen über die Füße. Jener Indianerin von Abilene.

Sie hockte am hintersten Tisch des Saloons vor einer Flasche Whisky. Sie trug keine Feder oder dergleichen in ihrem langen Grauhaar, hatte aber ein buntbesticktes Gewandt an, wie ich es schon auf Fotos von Apachen oder Navajos gesehen hatte.

Sie rauchte eine Pfeife, und ihr Gesicht erinnerte mich an das Gesicht einer gerade ausgewickelten Mumie. Ihre nackten Füße steckten in schmutzigen, ausgelatschten Adidas-Sportschuhen, deren ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war.

Die Greisin war an sich schon eine auffallende Erscheinung. Unsere Neugier entzündete sich vor allem an den Männer und Frauen, die sich um ihren Tisch drängten.

Wir beobachteten die Szene von der Theke aus, wo wir saßen. Der Wirt hörte uns über die Frau sprechen. "Eine Verrückte", erklärte er. "Für ein paar Dollar dichtet sie dir etwas über deine Zukunft zusammen."

Eine halbe Stunde saßen wir bei unserem Bier, betrachteten die Indianerin und ihre Kundschaft und lauschten dem Gemurmel an ihrem Tisch. Mehr als ein paar Gesprächsfetzen konnten wir nicht verstehen.

Irgendwann rutschte Milo vom Barhocker. "Das reizt mich..." Er gesellte sich zu der Gruppe um die Wahrsagerin. Zunächst hörte er nur zu. Schließlich nahm er auf dem freiwerdenden Klientenstuhl ihr gegenüber Platz.

Milo als Ratsuchender bei einer Schamanin - das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich nahm mein Glas und stellte mich neben den Tisch. Die Alte beäugte Milo misstrauisch. "Also, dann erzählen Sie mir mal was über meine Zukunft", grinste mein Partner.

"Blödsinn", krächzte die Indianerin. "Deine Zukunft ist deine Sache. Ich kann dir höchstens ein paar Dinge sagen, die für dich wichtig sind."

"Was für Dinge?", wollte Milo wissen.

"Dinge, die ich sehe."

"Wie sehen Sie diese Dinge?"

"Ich sehe Sie, basta."

Milo nickte langsam. "Gut. Dann legen Sie los."

Die Greisin deutete mit einer Kopfbewegung auf eine Holzschale am Rand des Tisches. "Fünf Dollar." Milo legte eine Fünf-Dollar-Note in die Schale.

Die Indianerin sog ein paar Mal an ihrer Pfeife und nahm einen tiefen Zug. Sie blies den Rauch zuerst an die Decke, dann auf den Fußboden und zuletzt in Milos Gesicht.

Danach ergriff sie seine Hand, schloss die Augen und murmelte ein paar Sätze in einer unbekannten Sprache. Anschließend ließ sie Milo in einen Lederbeutel fassen und ein paar mit Schnitzereien verzierte Knochenstückchen herausfischen.

Sie breitete die Knochen auf dem Tisch aus und blies das Zeug ebenfalls mit dem Rauch aus ihrer Pfeife an. Murmelnd beugte sie sich darüber. Konzentriert betrachtete sie die Knöchelchen, als hoffte sie einen Diamanten darunter zu finden. Schließlich lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und musterte Milo.

"Und? Was sehen Sie?" Ich kenne meinen Partner lange genug. Und sehr gut. Sein Tonfall war eindeutig: Er betrachtete die Sache als einen großen Spaß.

Die Indianerin nicht. Sie schwieg und ihre kleinen Augen schienen sich in Milos Stirn bohren zu wollen. "Du musst höllisch aufpassen, Junge", krächzte sie schließlich.

"So was hab' ich schon befürchtet." Milos Mundwinkel zuckten.

"Stell mir eine Frage", forderte die Alte ihn auf.

"Werde ich noch ein paar schöne Urlaubstage erleben?"

"Nein."

"Schade. Was sehen Sie denn?"

Die Alte antwortete nicht gleich. Sie griff nach der Whiskyflasche und genehmigte sich einen kräftigen Schluck. "Was bist du von Beruf?", fragte sie, während sie die Flasche zurück auf den Tisch knallte.

"Ich züchte Yorkshire Terriers."

"Das kannst du deiner Großmutter erzählen."

Milos Augenbrauen wanderten Richtung Haaransatz. "Was sehen Sie denn?"

"Ich sehe ein paar Menschen. Menschen, die verflucht sind."

"Das ist ja schrecklich!" Milo versuchte krampfhaft nicht zu grinsen.

"Und ich sehe eine Frau."

"Nicht schlecht."

"Eine unanständige Frau."

"Na, prächtig!"

"Du wirst ihr aus dem Weg gehen, oder du wirst mit ihr untergehen."

Darauf fiel Milo nichts ein. "Und sonst?"

"Sonst nichts."

Die Indianerin zog an ihrer Pfeife. Die kleinen Äuglein in ihrem Leguan-Gesicht klebten an Milos Miene. Das Grinsen darauf wirkte etwas bemüht. "Dann war's das wohl", sagte er. Die Alte nickte schweigend.

Milo stand auf. "Besten Dank, Madame." Er stellte den Stuhl an den Tisch und nickte der Greisin freundlich zu. Gemeinsam gingen wir zurück zur Theke.

"Pass gut auf dich auf, G-man!", rief die Indianerin ihm laut hinterher. Sämtlich Köpfe fuhren herum. Neugierige Blicke trafen Milo. Der stand wie vom Donner gerührt. Und ich auch, ehrlich gesagt.

Wir sprachen nicht viel, während wir zum Parkplatz gingen, auf dem unser Mietwagen stand. Erst als wir das Ortsschild Abilenes passiert hatten, brach Milo das Schweigen.

"Du sagst gar nichts, Partner - wie fandst du denn die Show?"

"Ganz witzig. Bis auf den letzten Satz."

"War schon komisch", Milo schüttelte den Kopf. "Wir haben uns seit Tagen nicht rasiert, tragen speckige Hosen und verschwitzte Shirts, und trotzdem scheint uns der Cop aus den Augen zu schauen."

"Was heißt hier uns", protestierte ich, "dir!"

Anderthalb Stunden lang fuhren wir Richtung Kansas City. Die Skyline der Stadt tauchte vor uns in der Dämmerung auf. Wir tauchten in das Labyrinth der Vororte ein, überquerten die Grenze zwischen Kansas und Missouri - sie verläuft bekanntlich mitten durch Kansas City hindurch - und näherten uns unserem Hotel.

Mein Handy orgelte los. Ich presste das Gerät ans Ohr. "Trevellian?"

"Federal Plaza, McKee." Ich wusste auch ohne Wahrsagerin, dass unser Urlaub zu Ende war. "Sorry, Jesse - ich weiß, Sie hätten eigentlich noch vier Tage. Aber ich brauch' Sie und Milo hier."

"Was liegt an, Sir?"

"Kennen Sie Wesley Harper, den Chefrichter am Bezirksgericht?" Ich bejahte.

"Er fühlt sich bedroht. Jemand hat auf sehr geschmacklose Weise eine Feier in seinem Haus gesprengt. Vielleicht haben Sie von der Sache in der Zeitung gelesen. Eigentlich wollte ich den Fall gar nicht annehmen. Aber der Mann hat ein paar gute Freunde in der Stadtregierung."

"Kann man nichts machen, Sir. Wir melden uns bei Ihnen, sobald wir in New York City gelandet sind."

"Danke, Jesse. Und grüßen Sie Milo."

"Bye, bye Wilder Westen - die Wilde Ostküste ruft." Ich steckte mein Handy ein. Ein paar Tage noch, und ich sollte mir wünschen, es in einem der absolut heißen Jazzclubs Kansas Citys verloren zu haben. "Gruß vom Chef."

"Sag' bloß, der Urlaub ist zu Ende!"

"So ist es Partner, und das hat uns die merkwürdige Prophetin nicht ansehen können."

"Zufall, weiter nichts", knurrte Milo. "Was liegt an?"

Ich erzählte es ihm.

"Das darf doch nicht wahr sein?!" Mein Partner war ernsthaft entrüstet. "Wegen einer lächerlichen Katze! So ein Bullshit! Liegt das überhaupt in unserem Zuständigkeitsbereich?!"

"Angriff auf einen Bundesbeamten..."

"War die Katze verbeamtet, oder was?!"

"Muss ich darauf antworten?"

"Wenn jemand meiner Katze den Hals abschneidet, ist das doch kein Angriff auf mich, zum Teufel!"

"Interpretationssache. Ein paar Leute aus der Umgebung Rudis des Eisernen sehen das nun mal anders. Und unser Rudi wiederum hat gute Freunde in Washington. Also müssen wir ran."

"Der kriegt meine Stimme nicht bei der nächsten Bürgermeisterwahl..."

"Take a walk on the wild side, Partner, um es mit den Worten des alten Rockers zu sagen. Wir fliegen nach New York City und suchen den Katzenmörder. Ich liebe die Abwechslung, die unser Job mit sich bringt!"

Es fiel Milo schwer sich von meiner guten Laune anstecken zu lassen. Er beäugte mich von der Seite und machte ein missmutiges Gesicht. "Du scheinst ja ganz wild auf Arbeit zu sein." Dann seufzte er laut, als würde er sich innerlich in den Hintern treten. "Also gut. Fliegen wir eben nach Hause. Wird sowieso höchste Zeit, dass du dich mal wieder rasierst und dir einen Schlips umbindest..."

 

*

 

Vierundzwanzig Stunden später am Konferenztisch unseres Chefs. Jonathan D. McKees vertrautes Gesicht, Mandys Kaffee, einen frisch gereinigten Anzug am Leib, die SIG im Gürtelholster und das Gefühl wieder zu Hause zu sein. Nicht verkehrt.

Man ist eben was man ist. Und ich bin nun mal G-man.

Vor uns auf dem Konferenztisch die mageren Ermittlungsunterlagen der City Police im Falle geköpfte Katze Wesley Harper.

Die Sache stellte sich bei näherem Hinsehen doch bedrohlicher dar, als wir zunächst geglaubt hatten. Da hatte nicht nur einfach einer ein Fest verderben wollen. Der Anlass, der Zeitpunkt, die ganze Inszenierung der Katzentötung schien uns sorgfältig geplant worden zu sein.

"Ich kann mir nicht helfen", sagte Milo. "Aber ein rachesüchtiger Vandale hätte eine Gang engagiert oder die Katze einfach totgeschlagen, oder faule Eier auf das kalte Büfett geworfen. Das hier kommt mir vor wie eine Szene aus einem Horrorfilm."

"Nicht ganz abwegig, das als Drohung zu verstehen", sagte ich.

"Der Richter fühlt sich nicht bedroht", warf der Chef ein. "Ganz und gar nicht. Ich kenne Wesley seit vielen Jahren. Der ist hart im Nehmen. Aber seine Frau soll mit den Nerven ziemlich am Ende sein, seit dieses Vorfalls. Sie war es auch, die darauf bestanden hat, uns einzuschalten."

Ich blätterte in den Unterlagen. Sogar einen Bericht unserer Pathologie war darunter. "Das ist ja absurd!", entfuhr es mir. "Sie haben die Katze obduziert?"

Unser Chef schmunzelte. "Den Katzenkopf", korrigierte er. "Von dem Torso fehlt jede Spur. Und auch nicht obduziert. Einer unserer Pathologen hat ihn sich angeschaut. Ergebnis: Das Tier wurde mit einer Drahtschere oder einer Heckenschere enthauptet."

Die Vorstellung ließ mich frösteln. "Widerlich. Trotzdem komm ich mir ein wenig hilflos vor." Ich konnte mich nicht erinnern in meiner Dienstzeit als FBI-Agent schon einmal mit der Tötung eines Tieres konfrontiert worden zu sein. "Was genau ist den unser Auftrag? Wo und wie sollen wir ansetzen?"

"Zunächst mal ein Geständnis, Gentlemen." Der Chef faltete seine Hände vor sich auf dem Tisch, wie er es oft tat, wenn er zu einer grundsätzlichen Erklärung ansetzte. "Ich nehme die Sache nicht allzu ernst. Und ich empfehle Ihnen, das auch nicht zu tun. Es ist nur so, dass Wesley Harper ein angesehener Bürger ist, ein ehrenwerter Mann mit vielen einflussreichen Freunden. Und ein Bundesbeamte. Das Leben und die Gesundheit solcher Leute sind nun mal ein Politikum. Und der Staat ist es Ihnen zumindest ein Zeichen der Wertschätzung schuldig. Geben Sie Ihnen das Zeichen. Besuchen Sie die Harpers, hören Sie sich die Geschichte noch einmal aus ihrem Mund an, halten Sie Augen und Ohren offen, und organisieren Sie einen Personenschutz."

"Für die ganze Familie?", fragte Milo erschrocken.

"Für den Richter und seine Frau. Damit sie sehen: Wir kümmern uns um sie."

Am nächsten Tag meldeten wir unseren Besuch bei den Harpers an. Und stellten den Personenschutz für Wesley und Viola Harper auf die Beine. Reine Routine, hundertmal gemacht.

Im Rückblick muss ich zugeben, dass ich ein paar Tage lang das Gefühl hatte, mit reiner Augenwischerei beschäftigt zu sein. Aber das änderte sich schnell...

 

*

 

"Katz, Katz...?" Der Knirps blickte seine Mutter aus großen Augen an. Sein niedliches Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

Lilian Benson drückte ihren Sohn an sich. "Mein armer kleiner Luke..." Seit dem Tod der Katze war über eine Woche vergangen. Immer noch schien der Kleine das schreckliche Erlebnis nicht verkraftet zu haben.

"Das Kätzchen kommt nicht mehr..." Lilian wiegte ihren Sohn hin und her. "Es ist... es ist plötzlich krank geworden, es ist... es ist einfach nicht mehr da." Mit einem Blick, der um Hilfe bettelte, wandte sie sich an das dunkelhäutige Mädchen neben ihr. "O Gott! Wie soll man das so einem kleinen Kind erklären..."

Sie seufzte und drückte das Kind dem Kindermädchen in den Arm. "Am besten gar nicht." Anne Masters streichelte dem Knaben zärtlich über die schwarzen Locken. "Es ist wie eine Wunde." Das Kindermädchen war höchstens zwei oder drei Jahre jünger als Lilian selbst. "Man muss einfach besonders lieb zu ihm sein und sich noch mehr als sonst mit ihm beschäftigen. Dann heilt die Wunde schneller wieder zu."

Überrascht betrachtete die zierliche Frau das schwarzhäutige Kindermädchen. Anne Masters war kaum zwanzig Jahre alt, las außer der Bibel vermutlich kein Buch und hatte nur ein paar Jahre lang in der Schulbank gesessen - und trotzdem hatte Lilian manchmal das Gefühl, die Jüngere würde mehr vom Leben verstehen, als sie selbst.

"Ich verlass mich auf dich, Anne." Sie küsste ihren Sohn und ging zur Tür. "Sing ihm etwas vor, wenn du ihn ins Bett gebracht hast. Wir sind gegen Mitternacht zurück."

Lilian griff sich ihr Jackett und verließ das Haus. Über den Hinterhof lief sie auf den rückwärtigen Zugang ihrer Garage zu. Aus einem offenen Fenster im Haus ihrer Eltern drang laute Musik. Oliver schien zu Hause zu sein.

Im oberen Stockwerk des an der Straße gelegenen Hauses brannte Licht. Dort oben lag Viola Harpers Büro.

Seit dem verunglückten Fest arbeitete Lilians Mutter noch mehr als sonst. Als wollte sie sich betäuben.

Niemand in der Familie, den dieser ekelhafte Zwischenfall nicht getroffen hätte. Aber Viola Harper reagierte besonders heftig. Übertrieben heftig, fand Lilian. Sie schob es auf die schwachen Nerven ihrer Mutter.

Viola Harper gehörte zu den unzähligen New Yorkern, die regelmäßig einen Psychotherapeuten aufsuchten. Viola zwei bis dreimal im Monat.

Lilian schloss die Garagentür auf. Dankbar dachte sie an Anne Masters. Mit ihr hatten sie einen Glücksgriff getan. Das konnte man nicht anders sagen.

Die junge Afroamerikanerin gehörte zu dem großen Heer von New Yorkern, die sich mit Billigjobs durchs Leben schlugen. Und sie gehörte zu den seltenen Menschen, die das, was sie taten, mit Leib und Seele taten.

Die Bensons bezahlten sie gut. Charles hatte ihr sogar ein kleines Zimmer im Erdgeschoss eingerichtet. Anne benutzte es aber nur, wenn die Bensons auswärts übernachteten oder bis spät nachts unterwegs waren.

Lilian ließ ihren roten Golf stehen und stieg in Charles silbergrauen Saab 9-5. Ihr Mann war mit der U-Bahn in die Klinik gefahren. Das tat er immer dann, wenn sie abends ausgehen wollten und Lilian ihn im Beekman Downtown Hospital abholte. An Tagen wie heute also.

Sie ließ den Wagen aus der Garage auf die Cranberry Street hinausrollen, und steuerte ihn Richtung Brooklyn Bridge. Die Rushhour war längst abgeebbt, und Lilian kam schnell voran.

Die Hektik des Tages begann von ihr abzufallen. Morgens den Kleinen an Anne übergeben, dann den Vormittag über in der Universität, häufig auch die erste Hälfte des Nachmittags, und bis zum Abend in ihrem Arbeitszimmer hinter den Büchern. Wie ihr Bruder studierte Lilian Jura.

Bis vor zwei Jahren hätte sie sich noch nicht träumen lassen, einmal so früh Mutter zu werden. Mit vierundzwanzig schon. Aber dann hatte sie Charles kennengelernt. "Ich will nicht, dass meine Kinder mich mal für ihren Großvater halten", hatte er gesagt. Charles war fünfzehn Jahre älter als sie.

Und er saß fest im Karrieresattel und verdiente gut. Also wurde Lilian schwanger. Ein halbes Jahr vor Lukes Geburt hatten sie geheiratet.

Das Beekman Downtown Hospital liegt fast an der Manhattaner Zufahrt zur Brooklyn Bridge. Mit dem Fahrrad knapp zwanzig Minuten von Brooklyn Heights entfernt. Aber ein Oberarzt, der mit dem Fahrrad in die Klinik kommt - nicht Charles Bensons Stil. Erst recht nicht, seit er den Zweihundert-PS-Wagen angeschafft hatte. Obwohl er während der Rushhour mit dem Saab manchmal eine halbe Stunde und länger unterwegs war.

Auf dem Oberarzt-Parkplatz wartete Lilian. Fast fünfzehn Minuten lang. Sie wurde nervös. Warten kam für sie gleich nach Menstruationsbeschwerden.

Endlich erschien ihr Mann im Eingangsbereich der Klinik. Mit hastigen Schritten eilte er auf den Parkplatz. "Um acht Uhr waren wir verabredet - jetzt ist viertel nach acht!" Lilian setzte eine vorwurfsvolle Miene auf.

"Tut mir leid, Darling!" Zehn Jahre noch, dann wird sie auch den leidenden Ausdruck von ihrer Mutter übernommen haben, dachte Benson, und endgültig aussehen wie sie. "Ein Assistent hat mich in den OP gerufen - vereiterte Galle..." Er zog die Fahrertür auf.

"So genau will ich's gar nicht wissen." Lilian rutschte auf den Beifahrersitz.

Sie fuhren hinauf nach Chinatown. Benson stand auf chinesische Küche, und Lilian hatte sich ihm zu Liebe daran gewöhnt. In seinem Stamm-Restaurant in der Bayard Street dann, bei Peking Ente und Frühlingsrollen, die Alltäglichkeiten des vergangenen Tages: Sie erzählte von ihren Vorlesungen in der Uni, von ihrer nur mühsam voranschreitenden Semesterarbeit, von dem Kleinen, der ständig nach seinem Kätzchen fragte und immer noch keine Anstalten machte zu laufen. Er von zickigen Krankenschwestern und störrischen Kollegen.

Gegen zehn verließen sie das Restaurant und Chinatown und fuhren nach SoHo, in die Varrick Street. Mambo Monday im Sounds of Brasil. Ein Insidertip unter den Musikliebhabern Manhattans. Mindestens an einem Montagabend im Monat besuchten die Bensons den Club. Bei World Music und afro- oder lateinamerikanischen Klängen nahmen sie den einen oder anderen Drink und tanzten ein paar Runden.

Gegen Mitternacht dann, zwischen zwei Musikstücken, eine Lautsprecherdurchsage. Der Fahrer eines silbergrauen Saabs wurde aufgefordert sofort zu seinem Fahrzeug zu kommen. Benson zuckte zusammen - es war exakt sein Kennzeichen, das da ausgerufen wurde. Er spurtete aus dem Club. Lilian zahlte und folgte ihm.

Schon von weitem hörte er das gellende Heulen der Alarmanlage. Ein paar Nachtschwärmer standen um den Saab herum. "Da haben sie aber Schwein gehabt, Sir", rief ihm ein Mann entgegen. Er deutete auf das Seitenfenster an der Fahrerseite - das Auto war nicht verriegelt. "Die Alarmanlage scheint ihn verscheucht zu haben.

Niemand hatte irgend etwas gesehen. Der nervtötende Lärm hatte die Leute angelockt. Benson stellte ihn ab. Er ging um seinen Wagen herum: Kein Kratzer, nichts. Er zog die Tür auf - Autoradio, Telefon, Bordcomputer, alles da. Keine weitere Nahrung für die Neugier der Passanten. Die Leute zerstreuten sich.

Atemlos kam Lilian angelaufen. "Was ist passiert?"

"Jemand hat versucht, meinen Wagen zu stehlen." Er hielt ihr die Beifahrertür auf, und sie ließ sich in den Sitz fallen. "Nicht mal die Spur eines Kratzers - ich frage mich, wie diese Schweine die Zentralverriegelung knacken..."

Er startete den Wagen und fädelte sich in den spärlichen Verkehr nach Süden ein. "Was riecht hier so merkwürdig...?" Lilian neben Benson schnüffelte und machte ein angewidertes Gesicht.

"Von draußen?" Benson senkte die Fenster ab. Kühle Nachtluft strömte ins Innere des Wagens. Sie roch nicht anders als sonst - ein bisschen nach Meer mit einer kräftigen Benzinnote. Die Fenster surrten wieder nach oben. Sofort verstärkte sich der ekelerregende Gestank wieder."

"Fahr an den Straßenrand!", schnarrte Lilian. "Irgendwas in diesem Auto stinkt grässlich." Sie schaltete das Innenlicht ein und untersuchte ihre Schuhsohlen und inspizierte den Fußraum.

Benson überquerte die Kreuzung Broome Street und parkte dann in der zweiten Reihe. Die Pekingente in seinem Magen schien von den Toten auferstanden zu sein. "Was um alles in der Welt ist das...?!"

Er schaltete die Warnblinkanlage ein und drehte sich um. Auf dem Rücksitz lag eine Plastiktüte von Shakespeare & Co. "Hast du Bücher gekauft...?" Seine Stimme klang belegt. Lilian starrte die Tüte an und schüttelte stumm den Kopf. "Es stinkt nach..." Unwillkürlich griff Benson sich an den Hals. "Es stinkt nach Verwesung..." Seine Hand tastete nach dem Knopf für die Fensterabsenkung. Summend versanken alle vier Scheiben in den Türen.

Er hatte vor nicht ganz zwei Jahren das letzte Mal bei Shakepeare & Co eingekauft. Einen Stadtführer von Paris. Benson und Lilian hatten ihren Honeymoon dort verbracht. Wie kam diese Tüte auf den Rücksitz seines Saab?

Die heulende Alarmanlage...

"Was ist da drin, Charley?", flüsterte Lilian. Die Tüte lag quer über der Rückbank hinter dem Beifahrersitz. Was immer das sein mochte, das da so faulig und süßlich aus ihr herausstank - es konnte nicht besonders groß sein: Die Wölbung im hinteren Teil der Tüte hatte etwa die Größe eines Sandwiches.

Benson stieg aus, ging um den Kühler herum und öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite. Die Ente in seinem Bauch schien zum ersten Startversuch anzusetzen, während sein Arm sich nach der Plastiktüte ausstreckte.

Sie war leicht, fast, als wäre sie leer. Bestialischer Gestank entstieg ihr, als er sie mit spitzen Fingern aus dem Wagen zog. Benson schluckte den Brechreiz herunter und presste sich sein Einstecktuch vor den Mund.

Lilian streckte den Kopf zum Wagenfenster heraus. "Kipp es auf die Straße..." Der Ekel verzerrte ihr Gesicht zu einer kabarettreifen Grimasse.

Benson warf die Tüte zwischen dem neben ihnen parkenden Wagen und der Beifahrertür seines Saabs auf den Asphalt. Das Tuch vor Mund und Nase gepresst, bückte er sich und packte einen Zipfel des Tütenbodens. Den kleinen Finger weit abgespreizt zog er die Tüte hoch und schüttelte sie.

Ein hartes Etwas plumpste auf die Straße. Hellbraun, schwarzverkrustet, räudiges Fell, steife Beine, nach unten gebogener steifer Schwanz. Benson zuckte einen Schritt zurück, Lilian stieß einen spitzen Schrei aus und verschwand im Wageninneren.

Benson starrte den kleinen, stinkenden Katzenkadaver zu seinen Füßen an. Sein Verstand suchte nach Auswegen, um nicht glauben zu müssen, dass dies einmal das Kätzchen seines Sohnes gewesen war. Aber es gab keinen Zweifel - dem Kadaver fehlte der Kopf...

 

*

 

Auf dem Klavier flackerten die Kerzen eines dreiarmigen Leuchters. Verstärkt durch den barocken Spiegel über dem Klavier tauchten sie das große Schlafzimmer in eine warmes Licht. Licht wie aus einem wohligen Kindertraum.

Die Schatten der schweren, antiken Möbel zitterten an der Stofftapete. Dezente Musik schwebte durch den Raum - klassische Gitarre.

Wesley Harper schob sich aus dem Bett. Behutsam und leise, um Angie nicht zu wecken. Wie meistens nach ihren wilden Liebesstunden war sie in einen tiefen Schlaf gefallen. Sie lag auf der linken Seite.

Während er sich anzog betrachtete er ihren Körper. Das Kerzenlicht ließ ihr offenes Haar aufscheinen. Wie ein goldener Schleier lag es auf dem Kissen und über ihrer Schulter. Ihre kleinen, spitzen Brüste hoben und senkten sich bei jedem Atemzug. Der breite Mund ihres Gesichtes schien zu lächeln.

Wesley knöpfte sein Hemd zu. Seine Augen wanderten über die geschwungene Linie ihrer Taille und ihrer Hüfte bis zur ihren schlanken Oberschenkeln. Angie war fast vierzig, aber hatte die Haut einer Zwanzigjährigen. Und das Feuer einer Zwanzigjährigen...

Er zog den Knoten seiner Krawatte zu und schlüpfte in sein Jackett. Danach ging er vor dem Bett in die Hocke und küsste Angies Brustwarze. Zwischen seinen Lippen wurde sie augenblicklich hart.

Angela Chassedy schlug die Augen auf und schnurrte wie eine Katze. Sie drückte seinen Kopf gegen ihre Brüste. "Komm noch mal ins Bett..."

"Es ist schon nach Mitternacht, Madame - wir müssen unseren Appetit bis zum nächsten Mal zügeln." Wesley küsste sie auf den Mund und richtete sich auf.

"Wann ist das nächste Mal?"

"Komm morgen nach der Verhandlung in mein Büro." Er grinste. "Aber im Talar. Immer wenn ich dich in dem schwarzen Tuch sehe, stelle ich mir vor, du hättest nichts darunter an und ich würde dich darin vögeln... in meinem Schreibtischsessel."

"Wesley...", flüsterte sie. "Du kannst so herrlich unanständig sein... komm noch mal ins Bett..." Sie griff nach seinem Hosengürtel und wollte ihn zu sich herunter ziehen.

Er machte sich los und küsste ihre Hand. "Ich muss gehen... Viola wird misstrauisch. Träumen Sie von mir, Frau Rechtsanwältin." Er ging zur Tür."

"Wann wirst du mit ihr reden, Wesley?" Angie richtete sich auf.

"Im Augenblick gar nicht." Die Hand an der Klinke blieb Wesley stehen und drehte sich nach seiner Geliebten um. "Seit dieser Schweinerei mit der Katze ist sie nervlich am Ende. Sie war schon zweimal bei ihrem Therapeuten seitdem."

"Ich weiß. Sie hat's mir erzählt." Angie zog sich die Decke über die Brüste. "Ich versteh' das nicht, Wes - sicher: Die ganze Sache war ziemlich makaber. Aber sie reagiert, als hätte jemand euren Enkel entführt. Spricht kaum noch ein Wort, vergräbt sich in ihrer Arbeit und rennt zu ihrem Therapeuten. Was ist los mit ihr?"

Wesley winkte ab. "Du weißt doch, wie labil sie ist. Stell dir vor, ich würde ihr jetzt noch von uns beiden erzählen... dann könnt' ich sie in die nächste psychiatrische Klinik bringen."

Er winkte und verließ Angies Apartment. Die Rechtsanwältin hatte eine Eigentumswohnung am Grove Court in Greenwich Village. Wesley verließ die Wohnanlage mit den sechs Häusern im Kolonial Baustil der Mitte des letzten Jahrhunderts über einen Gartenweg, der zur Barrow Street führte. Dort hatte er seinen weißen Cadillac Seville geparkt.

Sie trafen sich selten in Angies Apartment. Wesley war nicht ganz unbekannt in Manhattan. Ein paar Leute, die im Bezirksgericht arbeiteten, wohnten ebenfalls in Greenwich. Zufällige Begegnungen könnten unabsehbare Folgen haben.

Meistens mieteten sie ein Zimmer drüben in New Jersey, over there, wie man in Manhattan zu sagen pflegt. Manchmal trafen sie sich auch in einem Hotel in der West Side oder sogar in Brooklyn.

Seit einem halben Jahr ging das. Seit Angies Scheidung. Es gab Stunden, da hätte sich Wesley in den Hintern treten können, weil er sich mit der Partnerin seiner Frau eingelassen hatte. Und es gab Stunden, da gratulierte er sich dafür.

Das waren die Stunden, in denen er zwischen ihren Schenkeln lag oder hinter ihrem göttlichen Hintern kniete.

Natürlich hatte Wesley andere Frauen gehabt. Vor Angie und während der Zeit mit ihr. Sekretärinnen, Staatsanwältinnen, Freundinnen seiner Töchter, Mädchen von der Straße, Call Girls. Wesley hatte einen unstillbaren Appetit. Und Viola, seine Frau, war kalt wie ein Fisch. Schon seit achtzehn Jahren. Seit Olivers Geburt.

Er stieg in seinen Wagen und fuhr hinunter nach Downtown.

Sie sprachen nicht über das Thema. Natürlich wusste Viola nichts von seinen sexuellen Beutezügen. Aber sicher ahnte sie, dass ein vitaler Bursche, wie Wesley einer war, nicht das Leben eines Eunuchen führen konnte.

Von der Affäre mit Angie allerdings durfte sie nicht einmal etwas ahnen. Seine Frau mit ihrer Partnerin und Freundin zu betrügen, schien selbst dem abgebrühten Wesley ziemlich starker Tobak zu sein.

Und nun wollte die gute Angie mehr als nur eine Affäre. Wollte plötzlich mit ihm eine Urlaubsreise machen, wollte wahrscheinlich geheiratet werden. Warum zum Teufel können Frauen einen guten Fick nicht einfach genießen und basta!? Nein - sie wollen geheiratet werden... Wesley seufzte bekümmert.

Es würde ihm schwerfallen, von Angie zu lassen. Selten hatte ihn eine Frau im Bett derart verzaubert. Aber es nützte alles nichts - er musste sehen, dass er irgendwie aus der Sache herauskam.

Wesley fuhr über die Brooklyn Bridge und nach Brooklyn Heights hinauf. Die Hausfassaden der Middagh Street glitten an ihm vorbei, dann die Fassaden der Cranberry Street: Sandsteinhäuser, Holzhäuser, Ziegelsteingebäude im Federal Style - das schummrige Licht der Straßenbeleuchtung verstärkte den Eindruck der verträumten Idylle. Wie meistens, wenn er hier durchfuhr, schätzte Wesley Harper sich glücklich, dass es ihm vor zwölf Jahren gelungen war, das Anwesen in Brooklyn Heights zu kaufen.

Später, vom Garagenfenster aus, sah er Licht im Schlafzimmer seines Hauses brennen. Viola war noch auf. Schade.

Sie musste seine Schritte auf dem Innenhof gehört haben, denn sie erwartete ihn oben am Treppenabsatz vor der offenen Schlafzimmertür. Wie ein Gespenst sah sie aus - zerwühltes Haar, bleiches Gesicht, flackernde Augen.

"Wo kommst du so spät her?", krächzte sie. Er stieg die Treppe hinauf und küsste sie auf die Stirn. Sie stank nach Alkohol.

"Ich hab' dir doch gestern erzählt, dass sich heute der Veteranen-Club trifft. Wir haben eine Bar in Downtown unsicher gemacht."

Wesley war Mitglied eines Vereins von ehemaligen GIs, die am Vietnamkrieg teilgenommen hatten. Sie trafen sich unregelmäßig in verschiedenen Stadtteilen.

Er schob sich an Viola vorbei und zog sie hinter sich her ins Schlafzimmer. "Du siehst elend aus - was ist los mit dir?" Auf dem Nachttisch stand eine halbleere Whiskyflasche. Er drückte Viola aufs Bett, kniete vor ihr auf den Boden und musterte sie besorgt. "Kann dir dein Therapeut nicht mehr helfen?", sagte er mit einem Seitenblick auf die Flasche.

"Ich bin so durcheinander..." Jetzt erst fiel ihm auf, dass sie mit schwerer Zunge sprach.

"Du darfst dir diese Sache nicht so zu Herzen nehmen, Viola." Er nahm ihre Hände und drückte sie. "Ein übler Scherz, weiter nichts! Lass dich nicht verrückt machen!"

"Du hast doch den FBI angerufen?" Sie schien gar nicht zuzuhören.

"Natürlich habe ich das. Auch Spencer hat sich für uns verwendet. Und Leute aus der Stadtregierung, die den Special Agent of Charge persönlich kennen. Morgen werden zwei Agenten vorbeikommen. Sogar Personenschutz bekommen wir. Aber die Sache ist mir ganz schön peinlich, glaub' mir..."

Aus ängstlichen Augen sah sie an. "Wir sind in Gefahr, Wes", flüsterte sie.

"Quatsch!" Er drückte ihre Hände so fest, als wollte er sie wachrütteln.

"Er war es..."

Eine Zornesfalte erschien zwischen Wesleys dichten, weißen Brauen. "Schluss jetzt! Kein Wort mehr davon!"

Viola blickte durch ihn hindurch. "Ich hab' geträumt, dass er es getan hat..."

 

*

 

Der Abend stand von Anfang an unter einem schlechten Stern.

Als Carol Harper die Kneipe betrat, thronte ihr aktueller Lover, Bernie Snyder, bewegungslos an der Theke. Stocksteif, als hätte er ein Queue verschluckt. Krampfhaft hielt er sich an seinem Bierglas fest. Und er schien noch starrer zu werden, als Carol ihn zur Begrüßung ins Ohrläppchen biss.

"Was ist los, Candy?" Carol schwang sich auf den Barhocker neben ihn und musterte ihn misstrauisch. "Hast du dir auf die Sandalen gepinkelt, oder ist schon wieder ein Absagebrief eingetrudelt?"

Bernie hielt sich für einen begnadeten Dichter. Wie etwa ein halbes Dutzend andere Kerle, die hier in Cornelias Street Café regelmäßig die Nächte durchsoffen. Seit Jahren versuchte er einen Verleger für seine Werke zu finden. In seiner Dachwohnung in der Broome Street hatte er zwei Aktenordner voll mit Absagebriefen. Tenor der meisten: Ganz nett, aber unbegreiflich.

"Wer war der Nigger, mit dem du gestern Abend zu dir ins Haus gegangen bist?", sagte Snyder tonlos.

"Das klingt aber rassistisch!" Carol grinste spöttisch, und überlegte fieberhaft, von wem Bernie wohl sprach.

"Lenk nicht ab! Warst du mit ihm im Bett?"

Jetzt fiel's ihr ein - Jack Copeland! Einen Brustkasten wie Stallone, schwarz wie Ebenholz, und eine Stimme wie Coolio. Er arbeitete für die gleiche Werbeagentur, für die auch Carol hin und wieder textete und zeichnete. Gestern Abend hatte er ihr bis nach Mitternacht ein nagelneues Grafikprogramm installiert.

Natürlich hatte ihr der schwarze Adonis Appetit gemacht. Gewaltig sogar. Aber leider war er verheiratet, und Carol legte Wert auf faire Spielregeln.

"Jackey meinst du?"

"Mir egal wie er heißt", schnarrte Bernie, "warst du mit ihm im Bett?"

Wut schoss ihr aus dem Bauch. Ihre Augen wurden schmal, und das Grinsen in ihrem weichen Gesicht wich unverhohlener Verachtung. "Nein, wir waren nicht miteinander im Bett." Sie drehte sich mit dem Rücken zur Theke, und sprach so laut, als würde Bernie auf der anderen Seite des Raumes am Eingang stehen. "Wir haben's in der Küche gemacht."

Es war fast Mitternacht, und Cornelias Street Café hatte nur noch wenige freie Plätze zu bieten. Unzählige Augenpaare hingen plötzlich an Carols Gesicht. "Auf der Waschmaschine", rief sie. "Im Schleudergang."

Bernie sah sich verlegen um. Die Musik in der Literaturkneipe war laut. Aber nicht laut genug. Grinsende Gesichter, überall wohin er blickte.

"Solltest du auch mal ausprobieren." Sie griff in ihre Lederjacke und holte zwei Dollarmünzen heraus. "Aber nicht mit mir. Zum Abschied spendier' ich dir dein Bier." Sie knallte die Münzen neben sein Bierglas auf den Tresen, rutschte vom Barhocker und drängte sich durch die Menschenmenge zum Billardtisch, wo sie Laureen und ein paar andere Freundinnen entdeckt hatte.

Was dann kam war nicht viel besser: Der Kellner drohte ihr für den nächsten derartigen Auftritt einen Rausschmiss an, ihre Freundinnen machten ihr Vorhaltung wegen Bernie, und schließlich tauchte zu allem Überfluss auch noch ein Fotograf auf, dem sie zwei Jahre zuvor für Nacktfotos Modell gestanden hatte.

Damals schon mehr als aufdringlich, wich er auch jetzt nicht mehr von ihrer Seite. Ungefragt lud er sie ein und rückte immer näher an sie heran.

"Kann es sein, dass du nicht allein schlafen willst heute Nacht?", flüsterte sie ihm irgendwann ins Ohr.

"Du hast es erraten", strahlte der Mann.

Carol zog ein Notizbuch aus der Tasche, riss ein Blatt heraus und schrieb dem verdutzten Mann eine Adresse auf. "Ein Privatpuff", sagte sie. "Ich kenn' ein paar von den Mädchen." Sie drückte ihm den Zettel in die Hand. "Für Geld machen die's auch mit Leuten deines Kalibers." Der Mann starrte auf den Zettel und wurde blass.

Sie stand auf und ging zur Theke, um zu zahlen. Bernie hing halb über dem Tresen und schwankte bedenklich. Carols Stimmung war auf dem Nullpunkt. Sie wollte nur noch nach Hause und sich in ihr Bett verkriechen.

Am Washington Square stieg sie in die U-Bahn und fuhr hinunter nach SoHo. An der Spring Street stieg sie aus. Von hier aus waren es noch vier Häuserblocks bis zur Wooster Street, wo sie ihr Apartment hatte.

Sie lief die Spring Street hinunter, überquerte die Sullivan Street und näherte sich der Thompson Street.

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