Logo weiterlesen.de
Gale Force - Sturmjagd

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35
  43. 36
  44. 37
  45. 38
  46. 39
  47. 40
  48. 41
  49. 42
  50. 43
  51. 44
  52. 45
  53. 46
  54. 47
  55. 48
  56. 49
  57. 50
  58. 51
  59. 52
  60. 53
  61. 54
  62. 55
  63. 56
  64. 57
  65. 58
  66. 59
  67. 60
  68. 61
  69. 62
  70. 63
  71. 64
  72. 65
  73. 66
  74. 67
  75. 68
  76. 69
  77. 70
  78. 71
  79. 72
  80. 73
  81. 74
  82. 75
  83. 76
  84. 77
  85. 78
  86. 79
  87. 80
  88. 81
  89. 82
  90. 83
  91. 84
  92. 85
  93. 86
  94. 87
  95. 88
  96. 89
  97. 90
  98. 91
  99. 92
  100. 93
  101. 94
  102. 95
  103. 96
  104. 97
  105. 98
  106. 99
  107. 100
  108. 101
  109. 102
  110. 103
  111. 104
  112. 105
  113. 106
  114. 107
  115. 108
  116. 109
  117. 110
  118. Danksagungen

Über das Buch

Seit ihr Vater bei einem missglückten Bergungsauftrag über Bord ging, lässt McKenna Rhodes lieber die Finger von den riskanten Jobs. Dumm nur, dass das auch die lukrativen sind. McKenna steht kurz vor dem Ruin, als ein japanischer Frachter havariert. Die Bergung des Schiffes und die damit verbundene Millionenprämie sind ihre letzte Chance. Doch was niemand ahnt: Auf dem Unglücksschiff befindet sich ein blinder Passagier. Im Gepäck: 50 Millionen Dollar in Inhaberpapieren, die er von der Yakuza gestohlen hat. Und die will ihr Geld um jeden Preis zurück …

Über den Autor

Owen Laukkanen wurde 1983 in Vancouver in eine Familie von Fischern hineingeboren: Sein Großvater, sein Onkel, sein Vater waren alle Berufsfischer an der Pazifikküste, und Laukkanen selbst hat viele Sommermonate als Deckarbeiter für seinen Onkel und seinen Vater verbracht.

Er ist der Autor der Stevens-und-Windermere-Reihe, deren Bücher u.a. mehrfach für den Barry Award, den International Thriller Writers Award for Best First Novel, den Spinetingler Magazine Best Novel: New Voices Award sowie den ITW Award for Best Novel nominiert waren.

Laukkanen war Berichterstatter der World Series of Poker, bevor er sich Vollzeit dem Schreiben widmete.

Aus dem kanadischen Englisch von Eva Bauche-Eppers

 

Für meinen Vater, der mich bis zum Rand des Meeres führte, und für Joey und Suzi, mit denen ich es be- und erfahren durfte.

Prolog

Drei Jahre zuvor; 60 Seemeilen vor der Küste von Oregon

Selbst aus der Ferne war der Frachter riesig. Sechshundert Fuß schwarzer Stahl und grelle Lichter, hilflos den Gewalten des Sturms ausgeliefert. Das Schiff war die Argyle Shore, ein Schüttgutfrachter, der fünfzehntausend Nettotonnen Getreide aus dem Columbia Becken geladen hatte und jetzt manövrierunfähig und parallel zu den Windseen auf die eine große Welle wartete, die sein Schicksal besiegeln würde.

Fünfzig Meter vom sich anbahnenden Drama entfernt, im Ruderhaus des Hochseebergungsschleppers Gale Force, fixierte McKenna Rhodes die Positionslichter des Frachters und hielt auf dessen Bug zu. Sie war an Nächte wie diese gewöhnt. Groß geworden auf den wechselnden Schiffen des Vaters, hatte sie die meisten ihrer dreißig Lebensjahre auf dem Wasser verbracht. Viele Sommer hatte sie auf Schleppern gearbeitet, an der gesamten Pazifikküste entlang, bis hinauf zum Columbia River und noch weiter bis in den Golf von Alaska. Aber die Hochseebergung war in keiner Weise vergleichbar mit dem Schleppen von Lastkähnen. Geld floss nur sporadisch, wenn überhaupt, und war niemals leicht verdient, sondern man musste schon etwas riskieren – wie in dieser Nacht mit der Argyle Shore bei verdammt schlechtem Wetter.

»Bug gegen die See, McKenna.«

Randall Rhodes’ durch ein Megaphon verstärkte Stimme kämpfte sich durch das Heulen des Sturms ins Ruderhaus. McKenna am Fahrstand des Schleppers zwang den Bug in die hochgehenden, von grellweißem Schaum gekrönten Wellen. Sie fühlte sich nicht wohl hier oben, warm und trocken auf der Brücke, während ihr Vater unten auf Deck bei der Mannschaft war und Vorbereitungen traf, die Wurfleine auf den Frachter hinüberzuschießen. Doch ihr Vater hatte darauf bestanden.

»Du wirst eines Tages dieses Schiff führen«, hatte er seiner Tochter so oft gepredigt, dass sie nachts davon träumte. »Du treibst dich lange genug auf dem Wasser herum, du bist mehr als qualifiziert. Also kannst du dich ruhig jetzt schon an den Kapitänsstuhl gewöhnen.«

Der größte Teil der Besatzung des Havaristen war von der Coast Guard in Sicherheit gebracht worden. Sofort nach dem Mayday des Kapitäns war von Astoria ein Jayhawk gestartet, der die gesamte Crew bis auf den Schiffsführer und die Leute, die bei der Bergung mit zupacken mussten, von Bord holte. Bei orkanartigen Böen, die haushohe Wellen aufpeitschten und Gischtfahnen in den Himmel schleuderten, ein fragwürdiges Vergnügen.

Zurück blieb der Frachter mit seiner Notbesatzung, und nun hatte die Gale Force ihren Auftritt: vierundvierzig Meter solider Stahl, zwei bullige Dieselmotoren und eine Crew, die nur darauf wartete, dem Teufel in die Suppe zu spucken. Nach Seerecht galt die Argyle Shore als herrenlos, sobald die Besatzung das Schiff verlassen hatte, und jeder, der es sich zutraute, konnte sie in Schlepp nehmen und kassieren. Als Lohn der Mühen winkte ein Anteil vom Wert des Havaristen, zehn Prozent Minimum, aber Mühen ohne Erfolg wurden nicht honoriert, nicht einmal mit einem lauwarmen Händedruck.

Egal. Innerhalb einer Stunde nach dem Notruf hatte Randall Rhodes seine Leute zusammengetrommelt und war mit der Gale Force ausgelaufen, hinein in Nacht und Sturm. Jetzt, nach einer wahren Achterbahnfahrt die Wellenberge hinauf und hinunter, war die Gale Force am Ziel, und es galt keine Zeit zu verlieren, denn die Konkurrenz hatte ganz sicher auch nicht geschlafen.

Auf dem Bordmonitor neben ihrem Stuhl konnte McKenna ihren Vater und die übrigen Besatzungsmitglieder sehen, die sich auf dem Arbeitsdeck bereitmachten und ihr ungeduldig winkten: Schneller, schneller! Bring uns in Position! Durch die Frontscheibe sah sie hoch oben am Bug des Frachters den Kapitän der Argyle Shore mit seinen Helfern stehen. Sie warteten darauf, dass die Wurfleine hinübergeschossen wurde, um damit den armdicken Schleppdraht anzuholen.

Gewöhn dich daran, auf dem Stuhl des Kapitäns zu sitzen.

»Hohe Schule« nannte ihr Vater es – eine Bergungsaktion in rauer See. Die praktische Ausführung bestand darin, die Gale Force gegen die Wellen zu steuern, quer unter den Bug des Frachters, um dann von Steuerbord die Wurfleine abzuschießen, zweihundertfünfzig Meter Seil, die von einer Rakete durch die Luft gerissen wurden. Das Manöver erforderte Fingerspitzengefühl und hundertprozentige Konzentration. Hohe Schule eben.

Die Seen folgten dicht auf dicht, fast lotrechte Wasserberge, fünfzehn, zwanzig Meter hoch, an denen die Gale Force hinaufkletterte, um an der Rückseite in einen schwarzen Abgrund zu stürzen, bevor es wieder steil nach oben ging. Rechts von McKenna rollte die Argyle Shore von einer Seite auf die andere; die Männer an Deck hatten Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Auf dem Monitor sah sie ihren Vater, der mit der aufgeschossenen Wurfleine über der Schulter und gegen den Wind gebeugt nach vorn stapfte. Wieder stürzte eine Welle über die Back, Schaum brandete gegen die Fenster des Ruderhauses, und McKenna hielt unwillkürlich den Atem an, als ihr Vater unter den brodelnden Wassermassen verschwand. Sie wagte erst wieder Luft zu holen, als die Welle zurückflutete und er immer noch da war, triefend nass, hustend und spuckend und – verdammt nochmal, grinste er etwa?

Nie von anderen verlangen, was du nicht selber tun würdest, McKenna. Der Skipper muss immer mit gutem Beispiel vorangehen.

Randall Rhodes legte die Leine an Steuerbord ab, dann tauchte er vorn am Bug wieder auf, in den Händen den Schussapparat, ein leuchtend gelber Kasten, etwa so groß wie ein Schuhkarton. McKenna hatte die Hand am Fahrstufenregler und dosierte die Motorleistung, als die Gale Force von der nächsten Welle nach oben getragen wurde, bis sie sich fast auf einer Höhe mit dem Vordersteven der Argyle befand. Gleich war der perfekte Moment, um die Leine hinüberzuschießen.

Ihr Vater schaute sich um, suchte hinter der Scheibe ihren Blick. Er grinste tatsächlich, der Verrückte, und sie konnte nicht anders, als das Grinsen erwidern. Das ist genau die Kragenweite des alten Herrn, dachte sie und griff nach dem Hörer des Funkgeräts.

»Argyle Shore, hier ist die Gale Force. Wir schicken euch jetzt die Leine rüber.«

Ein knisterndes Rauschen und die Erwiderung: »Verstanden.« Englisch mit Akzent, in Statik eingebettet. »Wir sind bereit.«

McKenna beugte sich vor und zeigte ihrem Vater durch das Fenster den erhobenen Daumen. Schaute zu, wie er das Schussgerät anhob und den Auslöser betätigte.

Plopp.

Der Winkel war exakt. Die Leine flog in hohem Bogen über das Wasser und landete auf dem Vordeck des Frachters, und es war noch reichlich Lose übrig. Wieder meldete sich knisternd das Funkgerät.

»Hallo, Gale Force, wir holen die Leine ein.«

Bingo! Einen Schritt näher an einem üppigen Zahltag.

Randall machte sich auf den Rückweg nach achtern und verschwand aus ihrem Blickfeld. Der Monitor zeigte ihr Matt Jonas und Al Parent, die noch einmal das Schleppgeschirr überprüften. Sie wartete darauf, dass ihr Vater wieder ins Bild kam, denn sie würde erst dann wieder frei atmen, wenn der Anhang fest und die Crew wohlbehalten unter Dach und Fach war und wenn sie nur noch den Sturm abreiten und den Draht im Auge behalten mussten.

Sie ahnte, was kam, bevor sie es sah. Wieder schoss die Gale Force in ein Wellental, und wie immer machte ihr Magen einen kleinen Satz, aber diesmal hob der Bug sich nicht gleich wieder, diesmal ging es abwärts, endlos abwärts, und McKenna wusste, ohne den Blick zu heben, die nächste Welle war ein Monster.

Sie riss den Hörer vom Funkgerät und brüllte: »Wahrschau! Wahrschau! Freakwave!«

Und schon war sie da, ein Mount Everest des Meeres, füllte ihr gesamtes Gesichtsfeld aus und schlang die Gale Force in sich hinein, grünes Wasser vor den Fenstern, der Kamm irgendwo hoch über ihnen. Der Wasserschlag ließ das ganze Schiff erzittern, die Motoren heulten gequält, und McKenna schoss durch den Kopf: Das war’s. Aus und vorbei!

Aber die Gale Force war ein tüchtiges Schiff. Sie kämpfte sich durch die Welle, schüttelte sich wie ein nasser Hund und fuhr weiter, als wäre nichts geschehen.

McKenna rappelte sich auf und streckte die Hand nach dem baumelnden Hörer aus, um zu fragen, ob hinten alle überlebt hatten, aber eine megaphonverstärkte Stimme kam ihr zuvor.

»Mann über Bord!«, und schlagartig waren die Argyle Shore und ein siebenstelliger Bergelohn das Letzte, woran McKenna dachte.

Das Megaphon verzerrte die Stimme, McKenna konnte den Sprecher nicht identifizieren, aber auf dem Monitor sah sie Gestalten in grellorangefarbenem Regenzeug zum Schanzkleid an Steuerbord rennen. Sie sprang ans Seitenfenster und schaute von oben in das Gangbord neben dem Ruderhaus, wo ihr Vater hätte sein sollen. Nichts, keine Spur von ihm, nur strudelndes Wasser und Schaum und vereinzeltes Treibgut. Der Anblick traf sie wie ein Faustschlag in die Magengrube. »Das Wasser absuchen!«, schrie sie in den Hörer. »Das Wasser absuchen, bis ihr ihn seht, und dann um keinen Preis aus den Augen verlieren!«

Für Situationen wie diese hatten sie trainiert. Randall Rhodes mochte ein Draufgänger sein, aber er war nicht verantwortungslos. Er drillte seine Mannschaft für alle erdenklichen Notfälle – Schiffsevakuierung, Brandbekämpfung, Erste Hilfe. Mit der Stoppuhr wurde kontrolliert, wie lange jeder brauchte, um in den signalroten Überlebensanzug zu steigen. Länger als eine Minute, und derjenige blieb an Land. Sie hatten den Ernstfall trainiert, aber Training zählte nicht viel, wenn der Ernstfall wirklich eintrat und der eigene Vater irgendwo in einem von Sturm aufgewühlten Meer um sein Leben kämpfte.

McKenna schaltete sämtliche Scheinwerfer der Gale Force ein. Funkte den Kapitän der Argyle Shore an und teilte ihm mit, dass auf Grund eines Notfalls die Bergungsaktion abgebrochen würde. Anschließend sendete sie mit angestrengt ruhiger Stimme Mann über Bord auf dem Notfallkanal, auch wenn sie wusste, es war sinnlos. Kein Schiff war nahe genug, um noch rechtzeitig zur Stelle zu sein und bei der Suche zu helfen.

Auf dem Achterdeck warf Matt Jonas den Rettungsring ins Wasser, was allerdings wenig nützte, wenn McKenna es nicht schaffte, die Gale Force zu wenden.

Die Wellen rollten unbarmherzig an, alles verschlingende Ungetüme. Wenn sie den richtigen Zeitpunkt für das Manöver verpasste und die Gale Force von der Seite getroffen wurde, kenterte sie unvermeidlich und riss sie alle mit in den Tod.

Wartete sie andererseits zu lange, verlor die Mannschaft ihren Vater aus den Augen – falls man ihn inzwischen entdeckt hatte –, und bei diesen Wassertemperaturen blieben nur wenige Minuten, bis Unterkühlung ihn lähmte, er das Bewusstsein verlor und ertrank.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Ihre Unentschlossenheit kostete ihren Vater das Leben. Mit diesem Vorwurf quälte sie sich in den kommenden Jahren. Sie hatte gezögert, und deshalb war er gestorben.

Wie zur Salzsäule erstarrt stand sie am Ruder, hoffte, dass der Sturm eine Atempause machte, das Meer sich beruhigte, einen kurzen Moment nur, aber nein. Unaufhörlich jagten die Seen heran, ein Nachlassen war nicht abzusehen. Keine Möglichkeit umzukehren, ohne Schiff und Mannschaft zu gefährden.

Sie war unfähig zu handeln. Später versuchten Matt und Stacey Jonas sie zu trösten, versicherten ihr, es wäre nur eine Minute gewesen, höchstens zwei, aber diese ein, zwei Minuten hatten über Leben und Tod entschieden. Als sie endlich die Erstarrung abgeschüttelt und das Wendemanöver durchgeführt hatte – auf Gedeih und Verderb –, war der von Matt geworfene Rettungsring bereits vier oder fünf Bootslängen entfernt, verschwand in Wellentälern und tauchte nur sporadisch wieder auf. Von Randall Rhodes war weit und breit nichts zu sehen oder zu hören.

»Ich habe ihn verloren!«, schrie Nelson durch das Megaphon. »Die letzte Welle, das Monster, ich hatte ihn, aber jetzt ist er weg, einfach weg.«

McKenna prügelte die Gale Force weiter, ständig in Gefahr, von der achterlichen See überlaufen zu werden. Langsam, aber sicher näherten sie sich dem auf den Wellen tanzenden Rettungsring. Die Scheinwerfer schwenkten durch die Dunkelheit, aber sosehr alle die Augen anstrengten, da war nichts außer aufgewühltem Wasser und weißer Gischt, gespenstisch vor dem nachtschwarzen Himmel. Die Minuten verrannen, und der Sturm tobte mit unverminderter Gewalt, und McKenna stand im Ruderhaus und schaute in den Aufruhr der gleichgültigen Elemente und wusste, ihr Vater war tot.

1

Gegenwart / Yokohama, nach Einbruch der Dunkelheit

Die Pacific Lion, ein Autotransporter, lag fast zweihundert Meter lang wie ein rechteckiger Klotz aus Stahl an der Pier. Am Heck wanderte eine lange Reihe brandneuer Nissans nach und nach die Laderampe hinauf, während mittschiffs, neben einer Gangway, die von der Pier zu einem Schott im Rumpf führte, ein Mann stand und rauchte. Das in Abständen kirschrote Aufflammen der Glut wirkte in der Dunkelheit wie ein Leuchtfeuer.

Tomio Ishimaru steuerte fast im Laufschritt auf diesen Mann zu, dabei hielt er sich möglichst im Schatten. Um auf die Pier zu gelangen, hatte er einen Zollbeamten schmieren müssen, aber das war seine geringste Sorge. In seinem Aktenkoffer steckten Inhaberobligationen im Wert von mehr als fünfundvierzig Millionen Euro – fünfzig Millionen amerikanischer Dollar – aus dem Besitz des Inagawa-kai-Syndikats. Yakuza. Japans organisierte Kriminalität.

Die Sache mit den Papieren war Geldwäsche für Anfänger. Das Syndikat leitete die Profite aus seinen kriminellen Unternehmungen in Scheinfirmen mit nominellem Sitz in der Schweiz, und über etliche weitere Stationen kamen sie in der Form von Inhaberschuldverschreibungen wieder zurück. Statt die Papiere abzuliefern, wie es als Buchhalter des Syndikats seine Pflicht gewesen wäre, hatte Tomio Ishimaru sie diesmal selbst behalten und war nun – theoretisch – ein sehr reicher Mann.

Vorausgesetzt, ihm gelang das Kunststück, lebend aus Yokohama herauszukommen.

Der Mann mit der Zigarette sah Ishimaru kommen und schlenderte ihm entgegen. Er hieß Okura und war in der lange zurückliegenden Schulzeit ein Klassenkamerad Ishimarus gewesen. Heute trug er die Ausgehuniform eines Offiziers der Japanese Overseas Lines, und die Jahre hatten deutliche Spuren in sein Gesicht gegraben.

Okura zog an seinem Glimmstängel. Musterte Ishimaru mit einem schmalen Lächeln. »Endlich«, begrüßte er ihn, »ich dachte schon, du würdest das Schiff verpassen.«

Ishimaru verzichtete darauf, das Lächeln zu erwidern. Okura ahnte nicht einmal ansatzweise, was er getan hatte, um jetzt hier zu sein. Er hatte gemordet. Die Henker des Inagawa-kai waren ihm auf den Fersen. Keine Zeit für hohle Rituale.

»An die Papiere heranzukommen hat länger gedauert als erwartet«, antwortete er. »Wann können wir an Bord gehen?«

Okura ließ den Blick die Pier hinauf- und hinunterwandern. Die Reihe der Neuwagen, fünftausend Stück, war erheblich kürzer geworden. Nicht mehr lange, und die Pacific Lion war zum Ablegen bereit.

»Geduld«, beschied er seinem alten Klassenkameraden. »Wenn ich erst an Bord gegangen bin, bekomme ich die nächsten zwei Wochen keinen festen Boden mehr unter die Füße.«

Ishimaru wechselte den Aktenkoffer in die andere Hand. Schaute nervös über die Schulter. »Du hast wirklich ein sicheres Versteck für mich? Und niemand weiß etwas von unserer Abmachung?«

»Keine Sorge. Auf diesem Kahn gäbe es Verstecke für ein Dutzend blinder Passagiere. Wenn du dich ruhig verhältst und aufpasst, dass dich keiner sieht, ist alles bestens.«

Ishimaru nickte. Suchte wieder mit unruhigen Blicken die Umgebung ab. Fragte sich, wann Okura so ein Geldhai geworden war. Fragte sich, wie viele Spielschulden der alte Freund angehäuft haben mochte. Fragte sich, wie er selbst, Ishimaru, ein Dieb und Mörder werden konnte.

Endlich schnippte Okura den Zigarettenstummel ins Hafenbecken. »Iiyo«, sagte er und drehte sich zur Gangway um. »Willkommen an Bord.«

***

Tatsächlich hatte Tomio Ishimarus Weg an Bord der Pacific Lion Monate zuvor seinen Anfang genommen, in einem von Yokohamas unzähligen verqualmten Jansous – den illegalen Mahjongg-Spielhöllen – des Inagawa-kai. Anfangs hatte er an Zufall geglaubt, später war er sich dessen nicht mehr so sicher.

Von seinem Naturell her war Ishimaru kein Spieler. Er war Buchhalter, ein Mann der Zahlen, und sogar jemand mit einem wenig ausgeprägten Verständnis für Mathematik konnte erkennen, dass es nahezu unmöglich war, in einem Jansou auf Dauer zu gewinnen. Zum einen waren die Gebühren, die von den Betreibern verlangt wurden, obszön. Es erforderte Können, das Haus zu schlagen, erst recht die anderen Spieler am Tisch. Ishimaru besaß weder das Können noch den Hang zum Glücksspiel. Eigentlich wusste er nicht genau, weshalb er überhaupt in das Jansou gegangen war.

Er war Junggeselle, deshalb. Wenig mehr als ein hart arbeitender Lohnsklave. Er hatte kaum Freunde außer seinen Kollegen, Buchhalter des Inagawa-kai wie er, und Angestellte des Syndikats bekamen in vielen Etablissements der Stadt die Getränke umsonst. Ishimaru ging aus, um nicht allein zu sein, um sich in Gesellschaft zu betrinken. Er ging aus, um die bildhübschen Hostessen anzuhimmeln, die sich auf der Jagd nach einem freigiebigen Gönner durch das Gedränge schlängelten und den erfolgreichen Spielern an den Arm hängten.

In einem dieser Jansous hatte er zu fortgeschrittener Stunde Hiroki Okura wiedergetroffen. Und dort an der Bar, während es später und später wurde und die Unterhaltung sich, nachdem Kennst-du-noch und Weißt-du-noch erschöpft waren, der Gegenwart zuwandte, entschlüpfte Ishimaru in einem unbedachten Moment die folgenschwere Bemerkung über seine Anstellung im Syndikat. Und an einer ähnlichen Bar in einem ähnlichen Jansou einige Abende danach hatte ihm Okura zum ersten Mal von seiner Idee erzählt.

»Das ist Selbstmord«, so Ishimarus spontaner Kommentar. »Wir kommen niemals aus Yokohama hinaus; erst recht schaffen wir es nicht, uns ins Ausland abzusetzen.«

Okura lachte und schenkte Sake nach. »Du hast nicht richtig zugehört, Ishimaru-san«, sagte er und schlug ihm auf die Schulter. »Ich bringe uns außer Landes, kein Problem. Du kümmerst dich um die Papiere.«

Okura hatte nicht lockergelassen. Schmeichelte, stichelte, drängte, malte eine Zukunft in leuchtenden Farben. Und Ishimaru? Ihm wurde beim Zuhören klar, dass er sein langweiliges, glanzloses Dasein satthatte. Er hatte es satt, für das Syndikat zu schuften, ihm seine besten Jahre zu opfern, ohne Dank und Anerkennung, hatte es satt, Abend für Abend allein in sein winziges Apartment zurückzukehren.

Okura redete. Ishimaru hörte zu. Und irgendwann hatte er in den verwegenen Plan eingewilligt, die Yakuza-Papiere zu stehlen und mit Okura in die USA zu fliehen.

Die Lion stach um Mitternacht in See. In einer Abstellkammer am hinteren Ende des Mannschaftsdecks schlürfte Ishimaru Tee und verfolgte durch ein Bullauge, wie die Crew die Leinen loswarf und eine ganze Flotte von Hafenschleppern den Riesen von der Pier zog.

Er spürte das Vibrieren der gewaltigen Maschinen des Autotransporters, sah die Lichter des Hafens langsam vorüberziehen.

Bevor er Ishimaru in seiner beengten Unterkunft sich selbst überließ, hatte Okura ihm versichert, dass er keine Angst haben müsse, entdeckt zu werden. »Es wäre schon ein dummer Zufall, wenn dich einer hier findet«, hatte er gesagt. »Aber für den Fall der Fälle schließ hinter mir ab. Sobald ich die Zeit finde, bringe ich dir etwas zu essen.«

»Und Lesestoff.« Ishimaru seufzte. »Zwei Wochen in diesem Loch, und ich verliere den Verstand.«

»Für zehn Prozent von deinem Anteil«, erwiderte Okura, »werde ich sehen, was ich tun kann«, und Ishimaru war nicht sicher, ob er es scherzhaft meinte. Dann ertönte ein Signal, und Okura kehrte auf die Brücke zurück, um das Auslaufen der Pacific Lion zu beaufsichtigen.

Allein in seinem Versteck, sah Ishimaru die Silhouette des nächtlichen Yokohama weiter und weiter zurückbleiben, spürte an den Erschütterungen in Boden und Wänden, dass die Lion Fahrt aufnahm, und wusste, sie befanden sich auf dem offenen Pazifik. Vorerst konnte er sich sicher fühlen. Allmählich wich die Anspannung aus seinem Körper, die verkrampften Muskeln lockerten sich.

Sein Kopf jedoch kam nicht zur Ruhe. Der Adrenalinrausch, der ihn bis hierher getragen hatte, war abgeklungen, ihm folgten eine überwältigende Erschöpfung und die brutale Erkenntnis dessen, was er getan hatte. Die Erinnerung an den schweißfeuchten Pistolengriff in seiner Hand, an die entsetzten Gesichter seiner Kollegen – seiner Freunde –, als sie seine Absicht erkannten und begriffen, dass er sie hintergangen hatte, dass sie sterben würden.

Er war aus Yokohama herausgekommen, lebend. Er war auf dem Weg in die Vereinigten Staaten von Amerika. Er war ein reicher Mann. Doch als Ishimaru sich auf seiner Pritsche ausstreckte, in der Hoffnung auf Schlaf und Vergessen, verfolgten ihn die Gedanken an das Geld und an die drei Freunde, die von seiner Hand gestorben waren, und ihn beschlich die furchtbare Ahnung, dass er an diesem Tag seine Seele verkauft hatte.

Sieben Tage später.

Der Zweite Offizier Hiroki Okura kontrollierte die Position der Pacific Lion auf dem GPS-Monitor. Dann rief er in der Kammer des Kapitäns an.

Es war fast Mitternacht, und das Schiff näherte sich der Ausschließlichen Wirtschaftszone der USA, zweihundert Meilen vor den Aleuten. Bisher war die Fahrt bei akzeptablem Wetter ereignislos verlaufen, sie lagen gut in der Zeit. Erst seit Kurzem hatte der Nordpazifik beschlossen, ihnen ein wenig die Zähne zu zeigen. Die Lion pflügte bei einer Windstärke von zwanzig Knoten durch gleichmäßige, bis zu fünf Meter hohe Wellen. Nicht gefährlich für ein Schiff dieser Größe, aber doch so ruppig, dass es sich bemerkbar machte.

Tomio Ishimaru war nicht entdeckt worden. Der abtrünnige Yakuza-Buchhalter hatte die Zeit in seinem kleinen Logis bisher gut überstanden, und der Aktenkoffer mit den kostbaren Papieren ebenso.

Fünfzig Millionen Dollar. Okura hatte seit Beginn der Reise an so gut wie nichts anderes denken können.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich der Kapitän. »Ja?«

»Brücke, Herr Kapitän. Wir nähern uns der amerikanischen 200-Meilen-Zone. Ich brauche Ihre Genehmigung für den Ballastwasseraustausch.«

Am anderen Ende ein nachdenkliches Brummen. »Wir haben ziemlichen Seegang. Vielleicht wäre es besser, mit halber Kraft weiterzufahren, bis es ruhiger geworden ist.«

»Wie Sie meinen. Obwohl, wenn wir zu lange warten, riskieren wir unser Zeitfenster im Hafen von Seattle.«

Der Kapitän schwieg einen Moment, fast konnte Okura ihn denken hören. Im Gegensatz zu den meisten anderen Frachtern, deren Ladung sich dicht oberhalb der Wasserlinie befand, war ein Autotransporter eine Art schwimmendes Hochhaus mit einem ungünstigen Gewichtsschwerpunkt. Für Stabilität sorgten mit Meerwasser gefüllte Ballasttanks, aber ein internationales Abkommen sowie die nationalen Regularien der USA verlangten, dass zweihundert Meilen vor der nächsten Küste das Ballastwasser ausgetauscht werden musste, bevor das Schiff weiterfahren durfte, um die Einschleppung invasiver maritimer Spezies in das jeweilige Ökosystem zu verhindern.

Eine Prozedur nicht gänzlich ohne Tücken. Die Tanks würden vollständig gelenzt und anschließend mit frischem Meerwasser gefüllt, und Okura wusste, der Kapitän – ein vorsichtiger Mann – würde es vorziehen, auf ruhigere See zu warten. Andererseits gab es Terminvorgaben, die eingehalten werden mussten, und die Reederei hatte bekanntermaßen keinerlei Verständnis für unvorhergesehene Verzögerungen. Kapitän Ise riskierte seinen Jahresbonus, wenn er zu viel Zeit verstreichen ließ, außerdem wollte kein Schiffsführer in den Ruf geraten, dass es ihm an der nötigen Entschlusskraft mangelte.

Okura selbst hatte ebenfalls ein Zeitproblem. Er war in Seattle mit einem Käufer für das Paket der Schuldverschreibungen verabredet, und alles hing davon ab, die Angelegenheit so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen. Früher oder später würden die Spürhunde des Syndikats Ishimarus Fährte bis zu den Docks verfolgen und feststellen, dass nach Zeitpunkt des Auslaufens und Zielhafen die Pacific Lion das Schiff sein musste, auf dem der Gesuchte entkommen war. Vorerst. Der Arm der Yakuza reichte mühelos über den Pazifik hinweg zu guten Freunden in den Vereinigten Staaten, und Okura wollte die Papiere zu Geld gemacht haben, bevor das Syndikat seine Problemlöser in den USA aktivierte. Sobald der Käufer gezahlt hatte, verfügte er über die Mittel, sich mit geänderter Identität auf Dauer unsichtbar zu machen.

Endlich schien der Kapitän einen Entschluss gefasst zu haben. »Ich überlasse es Ihrem Ermessen, Mr. Okura. Führen Sie den Austausch durch, wie Sie es für richtig halten.«

»Verstanden, Herr Kapitän.« Okura legte auf und rief den Maschinenraum an. »Brücke«, meldete er sich, sobald der Erste Ingenieur, der Chief, abhob. »Bereitmachen für Ballastwasseraustausch.«

Eine Pause. »Sind Sie sicher? Da draußen sieht es ungemütlich aus.«

»Befehl des Kapitäns«, sagte Okura. »Soll ich ihm melden, dass der Maschinenraum an seiner Kompetenz zweifelt?«

»Das wird nicht nötig sein«, beeilte der Chief sich zu versichern. »Fünf Minuten, dann kann es losgehen.«

Während er wartete, wanderten Okuras Gedanken zu Tomio Ishimaru. Der Erbsenzähler glaubte nach wie vor, dass Okura und er sich rein zufällig in dem Jansou wiederbegegnet wären. In Wirklichkeit hatten Okuras Spielschulden einen kritischen Stand erreicht. Er hatte Ishimaru erkannt und in Erfahrung gebracht, dass sein alter Klassenkamerad für das Syndikat arbeitete. Auf dieser Basis hatte er nach und nach einen Plan entwickelt.

Nun musste er nur noch den Verkauf der Papiere abschließen. Und sich um Ishimaru kümmern. Der Gute hatte seine Rolle gespielt und konnte entsorgt werden. Irgendwann in den nächsten Tagen würde er einen bedauerlichen Unfall haben. Über Bord gehen. Fischfutter. Sayōnara.

Das Telefon klingelte. Der Rückruf vom Maschinenraum. »Wir sind so weit.«

Okura verbannte Ishimaru aus seinen Gedanken. Kontrollierte die Instrumente, ließ sich vom Rudergänger bestätigen, dass die Position stimmte. »Sehr gut. Ballasttanks an Steuerbord lenzen.«

»Ballasttanks an Steuerbord lenzen«, wiederholte der leitende Ingenieur. »Werden gelenzt.« Okura legte auf und trat an die Fensterfront der Brücke. Schaute über den Bug hinweg auf den schwarzen Ozean, während sich das Schiff allmählich, kaum merkbar nach Backbord neigte.

Das war völlig normal. Durch das Leerpumpen der Tanks entstand ein Ungleichgewicht, aber nur vorübergehend, weil frisches, amerikanisches Meerwasser nachströmte. Okura hatte in seiner Zeit auf der Pacific Lion persönlich den Vorgang mehr als fünfzehn Mal überwacht.

Nur – er konnte sich nicht entsinnen, dass die Lion je so schnell übergeholt hätte.

20 Grad, 25 Grad, dreißig Grad. Das Schiff krängte und machte keine Anstalten, sich wieder aufzurichten. Okura hastete, mit wild rudernden Armen um sein Gleichgewicht kämpfend, zum Brückentelefon. »Was ist bei euch da unten los?«, brüllte er den Chief an. »Wir haben Schlagseite.«

Die Stimme des Ingenieurs verriet Panik. »Die Pumpen fördern nicht. Das ganze alte Wasser ist raus, aber es kommt kein frisches nach. Wir wissen nicht, woran es liegt.«

Nein. Okura starrte aus dem Fenster auf eine Welt, die immer mehr in Schieflage geriet, in mehr als einer Hinsicht.

»Kurs halten«, wies Okura den Rudergänger an. »Das Schiff darf sich auf keinen Fall quer zu den Wellen legen.«

Es sah nicht gut aus. Nicht nur krängte das Schiff wegen der leeren Tanks nach Backbord, es war dadurch auch leichter geworden, lag höher im Wasser und verlor noch mehr an Stabilität. Der ohnehin prekäre Schwerpunkt wanderte in den absoluten Gefahrenbereich. Jede von außen wirkende Kraft gegen die Steuerbordseite konnte das Schiff zum Kentern bringen.

»Ruhig halten«, beschwor Okura den Mann am Ruder. »Das Schiff unbedingt ruhig halten.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als es einen gewaltigen Ruck gab und ihm ein heißer Schreck in die Glieder fuhr. Eine Monsterwelle, wie aus dem Nichts entstanden, hatte die verwundbare Steuerbordseite gerammt und die Lage weiter verschlimmert.

Am anderen Ende der Leitung fluchte der Chief. »Ich kann nichts machen!«, heulte er. »Ich krieg’s nicht hin. Wir kentern!«

Die Pacific Lion neigte sich noch schneller nach Backbord. Der Rudergänger konnte sich nicht mehr halten, er rutschte von seinem Platz quer durch den Raum bis zur gegenüberliegenden Wand. Ohne Rudereinwirkung war das Schiff der hochgehenden Dünung wehrlos ausgeliefert, Bücher und Seekarten regneten aus Regalen und von Tischen, Kaffeebecher rollten über den Boden.

Okura ließ den Hörer fallen. Klammerte sich an das Geländer, das an der Wand entlanglief. »Festhalten!«, schrie er dem Rudergänger zu, während die Welt sich drehte. »Geben Sie Alarm!«

***

Die Riesenwelle riss Ishimaru aus seinen Träumen von Sand, Sonne und Bikinischönheiten. Er erwachte in der Schwebe, einen Sekundenbruchteil, bevor er schmerzhaft auf einen harten Untergrund plumpste, benommen und ohne zu wissen, wo er war.

Nicht an einem Strand, so viel stand fest. Es war finster hier und kalt, und irgendwie hatte sich der Fußboden nach einer Seite gesenkt. Irgendwo im Schiff heulte eine Alarmsirene los.

Nante koto? Was ist passiert?

Dann fiel es ihm ein. Die Abstellkammer. Die Pacific Lion. Hiroki Okuras Plan und das schöne neue Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nur schien irgendetwas gründlich schiefgegangen zu sein.

Ishimaru versuchte aufzustehen, aber es ging nicht, er lag im Winkel von Wand und Fußboden und hatte Schwierigkeiten mit der Orientierung. Er suchte im Dunkeln nach einem Halt, stieß gegen das festgeschraubte Regal und zog sich daran hoch, spürte, wie sich der Boden unter seinen Füßen immer schneller neigte.

Das Schiff kentert.

Der Alarm schrillte unaufhörlich, aufgeregte Stimmen im Gang vor seiner Tür. »Alle Mann von Bord! Alle Mann von Bord!«

Die Nacht über dem Meer war schwarz, folglich herrschte in dem kleinen Raum fast völlige Dunkelheit, aber in der aufkeimenden Panik dachte er nicht an den Lichtschalter, sondern tastete blind auf den Regalbrettern herum nach einem Pullover, einer Decke – irgendetwas Wärmendem –, aber nein, keine Zeit für das Bedürfnis nach Komfort. Er musste sich beeilen, wenn er nicht mit dem Schiff untergehen wollte.

Er krabbelte in Richtung der Tür und zog sich an der Klinke hoch. Die Tür klemmte, er musste einige Male daran rütteln, bevor sie aufging. Er spähte in den Korridor, der quer durch das Schiff von Backbord nach Steuerbord führte. Hier zeigte sich überdeutlich die schwere Schlagseite der Pacific Lion. Das Schott zum Wetterdeck am jetzt unteren Ende des Ganges – backbord – befand sich gleich neben seiner Kammer, das gegenüberliegende, an Steuerbord, sah er hoch über sich, am oberen Ende des schräg aufwärts führenden Korridors.

Da muss ich hin.

Er griff nach den Handläufen, die links und rechts an der Wand angebracht waren. Trat über die hohe Türschwelle und hangelte sich Schritt für Schritt dem, wie er hoffte, rettenden Ausgang entgegen. Auf halbem Weg fiel ihm der Aktenkoffer ein. Die Schuldverschreibungen.

Fünfzig Millionen Dollar.

Er sah den Koffer bildhaft vor sich, in seinem Versteck unter dem Regal in seiner Kammer. Ihn zu holen würde nicht länger dauern als fünf Minuten. Außerdem würde Okura ihn umbringen, wenn er ihm gestehen musste, dass er den Koffer zurückgelassen hatte.

Das Schiff rollte mit einer nichts Gutes verheißenden Behäbigkeit unter dem Anprall der nächsten großen Welle. Irgendwo in den Ladedecks polterte es hohl, knirschte Stahl, splitterte Glas. Der gesamte Schiffsverbund ächzte unter der Belastung, ein waidwundes Tier im Todeskampf.

Fünfzig Millionen Dollar.

Ängstlich und umständlich drehte er sich um, linke Hand an rechtes Geländer, rechte Hand an linkes Geländer, und lief mit kleinen Trippelschritten den Korridor wieder hinunter. Vor seiner Tür angekommen, ließ er los und rutschte halb auf der Seite liegend über den Boden der Kammer zu den Regalen an der Rückwand. Das Glück war ihm hold. Er schob die Hand unter das Regal und hatte sofort den Griff des Aktenkoffers in den Fingern, doch er hatte sich verkantet, und erst nach verzweifeltem, dann wütendem Zerren, Rucken und Ruckeln konnte er ihn unter dem Regal hervorziehen. Auf Händen und Knien kroch er zur Tür zurück, richtete sich am Rahmen auf und streckte den Kopf in den Flur hinaus.

Die Schlagseite hatte sich verstärkt. Der Korridor war eine Steilwand. Durch das Bullauge in dem Schott neben seiner Kammer sah er über das Wetterdeck brodelndes Wasser und weißen Schaum.

Das Schiff ist verloren. Rette sich, wer kann.

Mit einer Hand den Aktenkoffer an die Brust gedrückt, die andere am Geländer, nahm Ishimaru die Steigung in Angriff, schob sich im Zeitlupentempo vorwärts. Endlich erreichte er die Schiffsmitte, wo ein in Längsrichtung verlaufender Flur den seinen kreuzte. Geschätzte zwei Meter ohne Geländer. Er warf sich nach vorn, machte sich lang, bekam den Handlauf auf der anderen Seite zu fassen, klammerte sich fest und musste einen Moment verschnaufen, bevor er die Beine nachziehen und aufstehen konnte. Mit weichen Knien setzte er den Aufstieg fort und sah das Steuerbordschott näher kommen.

Dann stürzte wieder eine mächtige Welle gegen das Schiff, erschütterte den Stahlkoloss bis in die letzte Schweißnaht und schüttelte Ishimaru von seinem Geländer wie eine reife Frucht.

Er fiel längelang hin; die fuchtelnde Hand griff ins Leere, und er rutschte, den kostbaren Aktenkoffer in der Hand, immer schneller bergab, bis eine Wand ihn aufhielt. Sein Kopf prallte gegen Stahl, und er verlor das Bewusstsein.

2

Seattle, Washington

Ein Uhr dreißig morgens, und McKenna Rhodes war immer noch hellwach, während zweitausend Meilen nordwestlich die Pacific Lion gegen die Naturgewalten kämpfte.

Dort auf dem kenternden Schiff versuchte Tomio Ishimaru sich und seinen Schatz in Sicherheit zu bringen, hier starrte zeitgleich McKenna im Maschinenraum der Gale Force auf die beiden V20-710 Dieselmotoren und wusste nicht, woher zum Teufel sie das Geld für einen neuen Turbolader nehmen sollte.

Es wäre damals klüger gewesen, dachte sie, nach dieser Unglücksnacht alles hinzuschmeißen. Sie hätte in ihren Pick-up springen und nach Osten fahren sollen, zurück nach Spokane, in das Haus ihrer Mutter und in ein normales Leben. Sollten sich die Banken um den Schlepper und die übrige Hinterlassenschaft ihres Vaters – Schulden, hauptsächlich – streiten.

Und eine Zeit lang hatte sie sich bemüht, klug zu sein. Sie hatte die Gale Force an ihrem Liegeplatz im Hafen von Seattle vertäut, hatte die Crew ausgezahlt und sich treiben lassen, von Schuldgefühlen zerfressen und ohne Plan für die Zukunft. Hinausfahren? Nie wieder! Bei dem bloßen Gedanken überfiel sie die Erinnerung an ihren Vater und an ihr Versagen in der Nacht, in der er gestorben war. Durch deine Schuld.

Aber der kalte Entzug hatte nicht funktioniert. Schon als Kind hatte McKenna gespürt, dass sie nach ihrem Vater schlug, mit seinem ausgeprägten Hang zum Meer, und nach seinem Tod machte sich dieses Erbe fast noch stärker bemerkbar. An Land gab es nichts, was sie zum Bleiben reizte, keine Beschäftigung, keinen Ort, keine Art zu leben. Nichts war auch nur halb so aufregend, halb so erfüllend wie auf einem Schiff zu sein und auf dem Meer.

Zu guter Letzt hatte sie mit sich selbst einen Kompromiss geschlossen. Sie besaß nicht die Schatzgräbermentalität ihres Vaters, diese Lust an der Jagd nach den extrem lukrativen, aber auch extrem riskanten Bergungsjobs, die ihm schließlich den Tod gebracht hatten. Aber sie konnte den guten Namen von Randall »Riptide« Rhodes nicht einfach sang- und klanglos dem Vergessen überlassen, und ein gutes Schiff wie die Gale Force durfte nicht am Liegeplatz verrotten.

Die Auftragslage entwickelte sich nicht so positiv, dass sie es sich leisten konnte, die Bergungstaucher zurückzurufen, Matt und Stacey, und je weniger von Court Harrington gesprochen wurde, dem von ihrem Vater entdeckten Einstein der Schiffbauingenieure, desto besser. Ihre Haupteinnahmequelle waren Brot-und-Butter-Jobs, Schleppverbände und Ähnliches, von Alaska bis Mexiko. Kaum das glamouröse Leben, wie es dem alten Mann vorgeschwebt hatte, aber der Schlepper fuhr Geld ein, und das zählte auch etwas.

Auf diese Weise, mit einer reduzierten Besatzung und tatkräftig unterstützt von Nelson Ridley, dem durch nichts zu erschütternden Maschinisten ihres Vaters, hatte McKenna Mannschaft und Schiff über die Runden gebracht, hatte geschuftet und gesorgt und sich einzureden versucht, dass sie dem Namen ihres Vaters Ehre machte.

Leider war das Schleppergeschäft von Männern dominiert, und Frustrationen blieben nicht aus. Mehr als ein potenzieller Kunde hatte einen Rückzieher gemacht, als er am Telefon eine Frauenstimme hörte. Sie hatte schon erwogen, Ridley mit seinem breiten irischen Akzent die Akquise zu übertragen.

Ohnehin musste etwas passieren. Drei Jahre magerer Profite und aufgeschobener Instandhaltungsmaßnahmen waren nicht ohne Folgen geblieben. Gale Force Marine war finanziell am Limit, schrieb nicht nur rote, sondern feuerrote Zahlen. Deshalb stand McKenna mitten in der Nacht im Maschinenraum und wartete auf eine Eingebung, die ihr verriet, was sie tun konnte, um den Schlepper wieder seetüchtig zu machen.

***

Der Turbolader des Steuerbordmotors hatte mitten in ihrem letzten Job den Dienst quittiert, einem Schleppzug mit Stammholz vor Cape Disappointment – nomen est omen – an der Mündung des Columbia. Wind um fünfzig Knoten, Seegang entsprechend. Keine Chance, den Columbia Bar zu durchqueren, um irgendwo Schutz zu finden, nicht bei diesen Verhältnissen, deshalb waren sie draußen geblieben, ließen sich durchrütteln, hofften auf Wetterberuhigung und darauf, dass bis dahin nicht zu viele Stämme verloren gingen.

Bekanntermaßen war selbst bei gutem Wetter der Columbia Bar kein Spaß, und mit einem neunzig Meter langen, mit Baumstämmen beladenen Leichter als Anhang und kabbeligen sechs Knoten Gegenströmung aus der Flussmündung konnte es ausgesprochen haarig werden. Und der rechte Turbolader machte natürlich genau dann schlapp, wenn es darum ging, einem ausfahrenden Öltanker auszuweichen.

Zugegeben, es war der erste Vorfall dieser Art. Randall Rhodes hatte schon gewusst, was er tat, als er die Gale Force kaufte, zwanzig Jahre alt, eine Menge Seemeilen unter dem Kiel, aber noch gut in Schuss, und sie galt als überaus zuverlässig.

Gut in Schuss und zuverlässig musste sie auch sein für das, was der neue Besitzer mit ihr vorhatte. Er steckte seinen letzten Dollar – und eine Million weitere von der Bank – in dieses Schiff und machte sich auf die Jagd nach den großen Fischen, brachte verloren gegebene Schiffe gegen eine siebenstellige Prämie, Minimum, ihren Besitzern zurück.

Das Geschäftsmodell hatte bestens funktioniert, bis zu der bewussten Nacht. Nun war der alte Herr tot, und McKenna riss sich den Arsch auf, damit der Name Rhodes an der Küste seinen guten Klang behielt.

***

Ihr Handy klingelte. McKenna wischte sich das Schmierfett von den Händen und schaute auf das Display. Nelson Ridley, ihr Chief, der schon der Chief ihres Vaters gewesen war, ein Dickschädel vor dem Herrn, der die Gale Force so innig liebte, dass er die Schrift an der Wand nicht sehen wollte. Ridley hätte zusammen mit McKenna hinschmeißen können, als McKenna es tat, und bei einer der großen Bergungsfirmen an der Küste anheuern können, Commodore Towing oder Westerley Marine. Dort erwarteten einen Schiffsingenieur seiner Qualität gute Bezahlung, geregelte Arbeitszeiten und als Pfleglinge Schiffe der Oberklasse. Doch er blieb, steckte Zeit, Kraft und fast so viel Geld wie McKenna in das flügellahme Unternehmen, und sie hatte es aufgegeben, ihm zu sagen, er solle sich nach etwas Besserem umsehen.

Sie meldete sich. »Ja? Ridley?«

»Ich habe hier was, Skipper.« Ridleys Stimme klang viel zu aufgekratzt für mitten in der Nacht. »Einen echten Knaller.«

»Du solltest im Bett liegen und schlafen«, antwortete McKenna. »Oder du könntest hier sein und mir mit dem verdammten Turbolader helfen.«

»Später. Hör zu. Heute Abend lief so eine alte Liebesschmonzette im Fernsehen, die meine Frau unbedingt sehen wollte, und rate mal, wer schon nach den ersten Minuten weggeratzt ist? Richtig! Ich bin aber wach geblieben, und dafür wirst du mir noch danken, Mädel.«

»Echt? Warum?«

»Erzähle ich dir lieber persönlich«, sagte Ridley. »Bin gleich bei dir.«

3

Hiroki Okura hatte gerade noch genug Zeit, um Mayday zu funken, bevor der Kapitän befahl, das Schiff zu verlassen.

Kapitän Ise war noch in Pyjama und Morgenmantel. Er hielt sich am Kartentisch fest und hatte mehr Ähnlichkeit mit einem verstörten Greis als mit dem Führer eines Fünzigtausend-Tonnen-Frachters. Aber seine Stimme war kräftig und die Bedeutung seiner Worte klar: Zeit zu gehen.

Die Pacific Lion hatte mittlerweile sechzig Grad Schlagseite, machte nur noch schwache Rollbewegungen und tunkte an Backbord bei jeder Welle ein. Eine etwas stärkere See, und sie kenterte. Bei den Wassertemperaturen in diesen Breiten konnte man nur in einem Rettungsboot hoffen zu überleben. Die Pacific Lion war in dieser Hinsicht vorbildlich ausgestattet, aber die Boote an Steuerbord konnte man vergessen, sie befanden sich zu hoch über der Wasseroberfläche. Nein, sie mussten eins der Rettungsboote an Backbord nehmen und hoffen, dass das Schiff nicht kenterte und sie unter sich begrub.

Der Rest der sechsundzwanzigköpfigen Besatzung hatte sich bereits an dem vorderen Rettungsboot versammelt. Einer der Männer war nur mit einem Handtuch bekleidet, keiner hatte sich die Zeit genommen, in den leuchtend roten Überlebensanzug zu steigen – das Todesurteil für jeden, der ins Wasser fiel und nicht sofort wieder herausgezogen wurde.

Okura murmelte ein Stoßgebet. Dann hangelte er sich nach achtern, um beim Abfieren des Boots zu helfen.

Das Rettungsboot war komplett geschlossen und angeblich unsinkbar, ausgestattet mit Proviant, Trinkwasser, Seefunkgerät und Signalfackeln. Die Pacific Lion besaß vier dieser Boote, jedes einzelne bot ausreichend Platz für die gesamte Mannschaft. Einer nach dem anderen stieg ein, während der Frachter in den unvermindert hoch gehenden Wellen rollte und jeden Moment umzuschlagen drohte.

Aber die Lion kenterte nicht. Innerhalb weniger Minuten war das Rettungsboot voll besetzt und bereit, in den nur wenige Meter darunter tosenden Ozean abgelassen zu werden. Okura zählte die Insassen und stellte fest, dass niemand fehlte – bis auf einen. Der blinde Passagier. Tomio Ishimaru. Der Buchhalter und sein Aktenkoffer. Verdammt!

Okura trat zurück und gab dem Dritten Offizier, der an der Luke wartete, ein Zeichen. »Los! Alarmiert die Küstenwache. Ich komme nach.«

Der Mann machte große Augen. Rief Okura etwas hinterher, aber der hatte sich umgedreht und kraxelte so schnell, wie es unter den gegebenen Umständen möglich war, in Richtung Brücke. Was es war, verstand Okura durch die Kakophonie von Wind, Wellen und gequältem Stahl nicht.

4

»Sie heißt Pacific Lion«, verkündete Ridley. »Ein rund zweihundert Meter langer RoRo-Autotransporter aus Yokohama. Beim Ballastwasseraustausch ist was schiefgegangen, und jetzt treibt sie mit starker Schlagseite ein paar hundert Meilen südöstlich von Dutch Harbor, Alaska.«

Sie saßen an einem Tisch in einer Bar in der Nähe des Hafens, er und McKenna. Die Sperrstunde war längst vorbei, aber Ridley schien den Wirt zu kennen; jedenfalls hatte er ihm ein paar Bier abgeschwatzt und die stillschweigende Duldung der exklusiven Nutzung seiner Schankstube.

»Du bist nicht wirklich der familiäre Typ, kann das sein?«, fragte McKenna. »Da glaube ich, du machst dir zu Hause mit Carly ein paar schöne Stunden, und du hast nichts Besseres zu tun, als mich mitten in der Nacht in eine Kneipe zu schleppen.«

Ridley schaute sich in der verwaisten Schankstube um. Beugte sich verschwörerisch über den Tisch. »Die Ladung besteht aus lauter fabrikneuen Nissans.«

»Mein alter Ford ist mir lieber. Du musst dir was Besseres einfallen lassen, wenn du mich ködern willst.«

»Fünftausend fabrikneue Nissans«, wiederholte Ridley. Seine Augen funkelten. »Allesamt voll versichert. Das Schiff muss hundert Millionen Öcken wert sein. Pi mal Daumen. Und seit einer Stunde, Skipper, ist sie offiziell freigegeben.«

»Seit einer Stunde.« McKenna musterte ihren Maschinisten kritisch. »Ich verstehe nicht, warum du dir das immer noch antust. Wir sind seit Jahren raus aus dem Geschäft.«

»Wahrscheinlich habe ich das nicht mitgekriegt.« Ridley grinste von einem Ohr zum anderen. »Wie auch immer, ich kann zu Hause einfach nicht schlafen, wenn mein Funkscanner nicht eingeschaltet ist. Manche Menschen lassen sich von Walgesängen einlullen, andere von Donnergrollen und Regenrauschen, bei mir sind es die Rufe von Schiffen in Seenot, weltweit, von Panama bis Sibirien. Gibt mir das Gefühl, noch dabei zu sein, vermutlich.«

»Liebe Güte! Wie hält Carly das aus?«

»Ohrstöpsel, Skipper. Extradicht. Und dreißig Jahre wahre Liebe.«

McKenna schwieg. Es war sehr still.Die einzigen Geräusche kamen vom Wirt hinter der Bar, der Gläser polierte und ab und zu ein Gähnen unterdrückte. Auch McKenna musste gähnen und gab sich keine Mühe, es zu verbergen. Sie war plötzlich hundemüde.

»Wir sind außer Gefecht gesetzt«, erinnerte sie ihren Schiffsingenieur. »Der Turbo, erinnerst du dich? Auch ohne das unternimmt die Gale Force keine Bergungsfahrten mehr.«

»Ich repariere den Turbo.« Ridley ballte unternehmungslustig die Faust. »Wenn ich gleich loslege, kann bei Tagesanbruch schon alles paletti sein. Gegen Mittag können wir auslaufen, wenn wir richtig ranklotzen.« Er wackelte mit den Augenbrauen. »Wer immer diesen Kahn an den Draht nimmt, bringt zehn Millionen nach Hause, wenn nicht mehr.«

McKenna stellte eine Überschlagsrechnung an und musste ihm recht geben. Gemäß den Regularien für die Bergung havarierter Schiffe konnte jeder, der sich der Aufgabe gewachsen fühlte, die Pacific Lion in Schlepp nehmen. Auf eigenes Risiko allerdings, denn es galt der Grundsatz »no cure – no pay«, was so viel hieß wie »Kein Erfolg – kein Geld«. McKenna war mehrfach Augenzeugin solcher Enttäuschungen gewesen und der oft bitteren Folgen, weil nicht einmal die entstandenen Aufwendungen erstattet wurden, die erheblich sein konnten.

»Du verlangst von mir, nach Alaska zu fahren«, sagte sie. »Unsere erste Bergung seit der Argyle Shore. Der erste Job unter meinem Kommando. Ein Hundert-Millionen-Dollar-Schiff. Hast du den Verstand verloren, Nelson?«

»Ganz und gar nicht, Mädel. Du bist für diese Arbeit geschaffen. Ich weiß es. Du musst einfach nur tief durchatmen und ins kalte Wasser springen.«

»In sehr kaltes Wasser. Und vorausgesetzt, ich wäre interessiert, Christer Magnusson von Commodore wird den Auftrag bekommen. Oder Wesley Towing. Einer von den großen Jungs.«

»Die Commodore Titan sitzt in L. A. fest«, hielt Ridley dagegen. »Westerleys bestes Schiff schleppt eine Bohrinsel in den persischen Golf. Uns bleiben mehrere Tage, bevor sie etwas auf den Weg bringen können.«

Jesus, Ridley. Der Mann konnte seinen Enthusiasmus nicht verbergen, und in McKenna regte sich etwas – Gewissensbisse, vielleicht, oder Bedauern –, als sie ihn über den Tisch hinweg anschaute. Trotz seiner unverwüstlichen guten Laune und Unbekümmertheit vermisste er die wilden Zeiten mit ihrem Vater, als die beiden Männer vom gleichen Schlag auf der Suche nach Reichtum und Abenteuer die Meere unsicher gemacht hatten.

Ihr Vater hatte Ridley in einem Hafen auf einer der Fidschi-Inseln aufgegabelt, wo er mit der Gale Force gestrandet war, nachdem sein damaliger Chief sich in eine hübsche Insulanerin verliebt und kurzentschlossen abgemustert hatte. Er bot Ridley den Job an, und Ridley schlug ein, ohne zu zögern, ohne Fragen zu stellen, und schaute nie mehr zurück. Eine Zeit lang hatte er sogar seine Frau Carly mit auf Reisen genommen.

Heutzutage holte Ridley sich seine Dosis Adrenalin, indem er auf seiner liebevoll restaurierten 71er BSA Rocket 3 die Landstraßen im Pazifischen Nordwesten entlangbretterte. Die übrige Zeit half er McKenna, den Betrieb am Laufen zu halten. Er erhielt ein nominelles Gehalt und zahlte mehr zurück, als er bekam, in Form von Ersatzteilen, Werkzeug und Schweiß. Er hatte nie eine Dividende für seine Investition verlangt, und McKenna wusste, das würde er auch in Zukunft nicht tun, aber sein Bemühen, ihr die Pacific Lion schmackhaft zu machen, konnte man möglicherweise als Vorstoß in diese Richtung deuten. Deshalb wahrscheinlich hatte ihr Gehirn, wie sie jetzt bemerkte, bereits selbsttätig begonnen, die Erfolgsaussichten zu kalkulieren. Commodore und Westerley waren die zwei größten Bergungsfirmen im Pazifischen Nordwesten. Wenn ihre stärksten Schlepper nicht zur Verfügung standen, konnte jeder sein Glück bei der Lion versuchen, und mit einem von Ridley hoffentlich reparierten Turbolader hatte die Gale Force tatsächlich genügend Power, um den Job zu bewältigen. Wenn alles klappte, winkte der sprichwörtliche Topf voll Gold. Aber es war ein großes Wenn.

»Wir müssen die Crew zurückholen«, sagte sie zu Ridley. »Matt und Stacey brauchen wir auf jeden Fall. Und ich habe keine Ahnung, ob sie auch nur im Mindesten interessiert wären. Ich habe nicht mehr mit ihnen gesprochen seit …« Sie ließ den Satz unvollendet. Aber Ridley war nicht mehr zu bremsen.

»Ich repariere den Turbo, du rufst die Leute an. Sag ihnen, die Gale Force ist wieder im Geschäft.«

***

So einfach, ja? Ob sie wollte oder nicht, McKenna spürte das Adrenalin. Das war die Droge. Das war es, weshalb ihr alter Herr auf den sicheren Job und das sichere Einkommen gepfiffen hatte. Das war es, weshalb Nelson Ridley noch an der Gale Force herumschraubte, statt sein Können anderswo teuer zu verkaufen. Das war es, weshalb die beste Bergungscrew an der Küste auf einem Schlepper wie der Gale Force anheuerte.

Verdammt, das war der Grund, weshalb McKenna nicht in Spokane Hamburger verkaufte.

»Ich glaube, ich bin dir das schuldig«, sagte sie, aber Ridley winkte ab.

»Du bist mir gar nichts schuldig, Mädel, aber wir können auf Dauer nicht von den abgenagten Knochen existieren, die die anderen uns übriglassen. Nicht, wenn die Unkosten die Einnahmen schneller auffressen, als sie auf dem Konto sind.«

Ein wahres Wort. Gale Force Marine war so gut wie pleite. In einem Jahr, schlimmstenfalls auch früher, würde sie das Schiff verkaufen müssen und auf Jobsuche gehen. Ihre Zeit und Mühe, Ridleys Zeit und Mühe – die ganze Energie ihres Vaters – vergeudet, für nichts und wieder nichts.

Sie stand auf. »Wir müssen auslaufen, sobald es hell wird. Jeder an der Küste weiß, was wir wissen, und auch, dass Commodore und Westerley nicht mitspielen. Da will jeder der Erste am Sahnetopf sein. Das wird ein Wettrennen.«

Auch Ridley schob das Glas weg und erhob sich. »Dann sollten wir keine Zeit verlieren.«

Ist das real? Passiert das wirklich?

»Bring den Turbolader in Gang«, sagte sie. »Dann reden wir weiter.«

Ridley räusperte sich. »Eins noch. Laut der Küstenwache hat der Kahn 60 Grad Schlagseite. Wir müssen ihn aufrichten, bevor wir ihn abschleppen können.«

»Wir nehmen Lenzpumpen mit, kein Problem.«

»Pumpen allein helfen uns nicht. Für den Job brauchen wir Court.«

5

»All in.«

Court Harrington schob sechs hohe Stapel Pokerchips in die Tischmitte, dabei hielt er die Augen hinter der verspiegelten Sonnenbrille starr auf den grünen Filzbezug gerichtet. Das laute Stimmengewirr im Casino wurde zu einer amorphen Geräuschkulisse, ein entferntes Meeresrauschen, überlagert vom Trommelwirbel seines Herzens.

Hoffentlich merkt der Typ auf Nr. 8 nichts davon. Harrington riskierte einen Blick zu seinem Opponenten, einem älteren Mann mit einer LAS VEGAS-Baseballkappe – ein selektiver Spieler, der den ganzen Tag nicht einmal versucht hatte zu bluffen. Diesmal, mit drei Kreuz auf dem Board, hoffte Harrington inbrünstig, der Typ würde ihm den Flush zutrauen.

Die Minuten schlichen dahin, während Nr. 8 im Kopf die Möglichkeiten durchspielte. Es war der vierte Tag des Main Events der World Series of Poker, das bei einem Buy-in von zehntausend Dollar in diesem Jahr mehr als sechstausend hoffnungsfrohe Siegesanwärter angelockt hatte, die auf Ruhm und Reichtum spekulierten. Siebenhundert hatten bis jetzt überlebt, und davon würden höchstens sechzig mit einem Plus in der Tasche nach Hause fahren. Wegen der billigen Baseballkappe und seiner vorsichtigen Spielweise hatte Harrington Nr. 8 unter Tourist einsortiert, der auf Nummer sicher gehen und jedes Risiko vermeiden würde.

Aber der gute Mann ließ sich wahrhaftig Zeit, fixierte Harrington über den Tisch hinweg, als wollte er ihm hinter die Stirn schauen, und plauderte dabei in liebenswürdigem Ton. »Du hältst Kreuz, stimmt’s? Ich hätte nach der vierten Karte erhöhen sollen.«

Harrington antwortete nicht. Bloß keine Signale geben. Stattdessen sortierte er seine Chips, studierte die Karten auf dem Tisch, versuchte durch reine Willenskraft den Typ zu bewegen, sich zu entscheiden.

Endlich lehnte Nr. 8 sich zurück, schaute noch einmal seine Karten an, schob sie seufzend zusammen und legte sie auf den Tisch. »War eine gute Hand«, sagte er zu Harrington. »Nächstes Mal lasse ich dich nicht lange genug mitspielen, um auf einen Flush zu spekulieren.«

Warten wir’s ab. Harrington warf seine Karten – zwei rote Siebenen – zu den anderen und sammelte seine Chips ein. Ich muss nur daran denken, dass ich dir aus dem Weg gehe, wenn du wirklich mal auf Risiko spielen willst.

***

Pause, zwanzig Minuten, die letzte Unterbrechung für heute. Harrington folgte den anderen Teilnehmern in das Foyer des Casinos. Siebenhundert Spieler schwärmten aus, ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend: Toilette, Nikotin, Nahrungsaufnahme. Harrington reihte sich in die Schlange am Imbissstand ein und nutzte die Wartezeit, um auf sein Handy zu schauen. Ein verpasster Anruf, out-of-state. Die Nummer sagte ihm nichts, nicht auf Anhieb.

Dann fiel der Groschen, und er musste einmal tief Luft holen. Er drückte Rufwiederholung, blickte auf, merkte, dass er vor dem Tresen angekommen war, und bestellte einen Cheeseburger. Kramte das Portemonnaie aus der Hosentasche, während er dem Rufton lauschte. Dann klickte es, und da war McKenna Rhodes und hörte sich ganz genauso an wie früher, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen.

»Court. Hallo.«

»Hallo.« Harrington nahm seinen Cheeseburger in Empfang und winkte ab, als die Bedienung ihm das Wechselgeld reichte. »Lange nichts von dir gehört. Wie lange eigentlich genau?«

McKenna antwortete nicht gleich. »Ein paar Jahre, nehme ich an«, sagte sie dann. Ihre Stimme hatte einen seltsamen Unterton, als wäre etwas im Busch. »Hör mal, weshalb ich anrufe … Hast du eine Minute für mich?«

Harrington ging mit seinem Burger zu einem Tisch, setzte sich und wickelte ihn aus dem Papier. »Fünf Minuten«, antwortete er. »Aber wirklich nicht mehr. Ich könnte mich aber später wieder melden, in ein paar Stunden oder morgen.«

»Zu spät. Es geht um einen Job. Hast du Interesse?«

Ein Job.

Mit sechsunddreißig war Court Harrington auch jetzt noch einer der jüngsten Schiffbauingenieure in den Vereinigten Staaten – und einer der fähigsten weltweit. Absolvent des angesehenen Webb Institute auf Long Island und anschließend des MIT, hatte ein alter Professor ihn auf das Bergungswesen als interessantes Tätigkeitsfeld gestoßen und ihn Randall Rhodes empfohlen, der jemanden für einen speziellen Job suchte, ein Containerschiff, das vor der kolumbianischen Küste auf ein Riff gelaufen war. Der Rumpf war beschädigt, und die Gewässer in der Region galten als ökologisch extrem sensibel. Rhodes wollte von ihm wissen, ob es möglich wäre, das Schiff vom Felsen zu lösen, ohne dass Treibstoff austrat. Obwohl – wie er Harrington mitteilte, als er ihn am Flughafen von Cali abholte – die örtlichen Behörden das Projekt bereits als chancenlos ansahen.

»Es gibt immer eine Chance«, hatte Harrington entgegnet, hatte dem Kapitän die Hand geschüttelt und seinen Laptop gezückt. »Mit den Modellen, die meine Software möglich macht, könnten wir Atlantis vom Meeresgrund heben.«

Zugegeben, das war übertrieben, ein bisschen, aber das von Harrington entwickelte Hydrostatik-Programm hatte ihm seinen Doktortitel eingebracht. Es versetzte ihn in die Lage, exakte, detaillierte Bildschirmmodelle aller Schiffstypen zu erstellen, auf oder unter der Wasseroberfläche, und sichtbar zu machen, wie Veränderungen der Umgebung – von Menschen gemacht oder natürlich – die Stabilität des Schiffs beeinflussten. Eine unbezahlbare Hilfe, wenn es darum ging, havarierte Schiffe so weit flottzumachen, dass man sie in den Hafen schleppen konnte. Und nicht zu vergessen, von den Eigentümern den Bergelohn einstreichen.

Er hatte Randall Rhodes geholfen, das Schiff in Kolumbien zu bergen, und der Skipper der Gale Force war von seinen Fähigkeiten so beeindruckt, dass er Court den Vorschlag machte, ab sofort exklusiv für Gale Force Marine zu arbeiten, auf Abruf, bei einer monatlichen Grundvergütung mit einem Bonus für jeden erfolgreichen Einsatz. Harrington schlug ein, wenn auch nicht ohne die Zusicherung, dass er seine freie Zeit weiterhin auf seinem Segelboot in Myrtle Beach verbringen könne, faulenzen, Videospiele spielen und beim Spring Break mit Studentinnen flirten.

Es war der Beginn einer fruchtbaren Partnerschaft, die vier Jahre währte, Court ein hübsches Sümmchen Geld einbrachte und einen Ruf wie Donnerhall in der gesamten Branche.

Die Kehrseite der Medaille war, dass er die Beziehung zur Tochter des Kapitäns selbst für seine Verhältnisse massiv vergeigte. Derselben McKenna Rhodes, die ihn jetzt anrief, um ihm einen Job anzubieten.

***

»Ein Autotransporter«, hörte er McKenna sagen. »Oben in Alaska. Beim Ballastwasseraustausch an der 200-Meilen-Zone ist was schiefgegangen. Buchstäblich, übrigens. Das Schiff hat ungefähr 60 Grad Schlagseite.«

»Oh.« Harrington spürte ein verräterisches Rühren in den Eingeweiden. Bezweifelte, dass die Zeit noch reichte, um den Cheeseburger zu vertilgen und sich den drängenden geschäftlichen Erledigungen zu widmen, bevor er zurück in den Saal musste. »Na ja, schade, McKenna, aber ohne die Einzelheiten zu kennen, kann ich dir keine große Hilfe sein. Wenn du magst, könntest du ja die relevanten Daten an mein Hotel hier in Vegas faxen.«

McKenna zögerte, dann lachte sie verlegen. »Wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich gehofft, du würdest mit uns rausfahren.«

»Raus? Wohin? Zu dem Havaristen?«

»Du bist der Beste in deinem Fach«, sagte McKenna. »Egal, was zwischen dir und mir gewesen ist …« Sie verstummte. Als sie weitersprach, war ihr Ton sachlich und entschieden. »Court, ich könnte dich wirklich hier brauchen. Die Mannschaft könnte dich brauchen.«

Zwei Minuten noch, bis das Spiel weiterging. Zu spät für den Abstecher in die Porzellanabteilung, und aufessen musste er am Tisch, was nicht gern gesehen wurde. Er hastete aus dem Zelt und durch das Foyer zu dem für die Pokerspieler reservierten Saal, der Letzte der letzten Nachzügler.

»Schlechtes Timing«, sagte er. »Hör zu, McKenna, ich würde dir – würde euch – wirklich gern helfen, aber ich stehe so kurz davor, hier richtig groß abzuräumen, und das kann ich nicht sausen lassen.«

»Wie groß? An meinem Ende geht es um einen Scheck über zehn Millionen.«

»Nicht schlecht, aber das hier sind die Weltmeisterschaften im Pokern, und ich liege momentan, was die Anzahl der Chips angeht, an zweiter Stelle. Dem Sieger winken 8,6 Millionen.«

Am anderen Ende herrschte Stille. Harrington schob sich durch die Schwingtüren in den Saal. Kurvte durch das Labyrinth der Tische zu seinem Platz.

»Wie lange brauchst du?«, fragte McKenna schließlich.

»Um das Turnier zu gewinnen? Noch eine Woche, geschätzt. Dann noch ein paar Tage, um zu feiern.«

»Zu lange. In einer Woche könnte das Schiff auf dem Meeresgrund liegen.«

Harrington erreichte seinen Tisch.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Gale Force - Sturmjagd" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen