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Wester-Bestseller - Folge 2405

Gefährlicher Bluff

Die Fährte war lang – fast an die tausend Meilen.

Joel Enright verlor sie manchmal, und es dauerte dann Wochen, bis er wieder neue Anhaltspunkte fand. Manchmal wurde die Fährte aber auch deutlich und breit wie die einer mächtigen Büffelherde, denn Noah Sloane ist ein Mann, den man beachten muss, weil er fast überall besondere Zeichen hinterlässt. Und Angie, die in Noahs Begleitung reist, ist eine Frau, der jeder Mann mehr als nur einen Blick schenkt.

Das Paar konnte also seinen Vorsprung nie wirklich ausbauen, weil es da und dort in den Städten immer wieder Vorkommnisse gab, die für einen längeren Aufenthalt sorgten. Deshalb holte Joel Enright stetig auf. Und seit gestern weiß er, dass er die Verfolgten bald eingeholt haben wird. Denn vor ihnen im Nordwesten liegt nur noch eine einzige Stadt, eine wilde Campstadt mitten im Goldgräberland.

Und dies weiß nicht nur Joel Enright. Drei andere Männer, die auf derselben Fährte sind, wenn auch aus vollkommen anderen Beweggründen, wissen es ebenfalls. Seit neun Tagen reiten sie vor Joel Enright. Und er weiß über sie Bescheid, kennt ihre Beweggründe.

Nun aber, da sie alle bis auf wenige Meilen am Ziel sind, muss er endlich handeln …

Als es Nacht wird, begnügt er sich wieder einmal mit einem feuerlosen Camp, isst vom kalten Proviant und verzichtet auf den heißen und starken Kaffee.

Er wartet bis etwa eine Stunde vor Mitternacht.

Dann macht er sich wieder auf den Weg. Der Wind steht günstig für ihn. Er riecht das Feuer früher, als er den Feuerschein entdecken kann, und so lässt er sein Pferd zurück, schnallt die Sporen ab und bewegt sich lautlos wie ein Indianer weiter.

Als er den Rand einer Senke erreicht, geht er zu Boden und kriecht weiter. Bald darauf versperren ihm keine Büsche mehr die Sicht. Er kann das Camp gut übersehen.

Die Pferde stehen am Rand eines kleinen Weihers. Das Campfeuer glüht noch kräftig. Zwei Männer liegen bereits in den Decken, doch sie sind noch wach. Der dritte Mann hockt am Rand des Wassers und reinigt das Blechgeschirr.

Bis nach Bonanza City sind es knapp zwanzig Meilen, doch die Tiere dieser drei Männer waren vollkommen am Ende. So mussten sie hier noch einmal rasten.

Joel Enright gleitet etwas tiefer den Hang hinunter, bis er nahe genug heran ist und gute Übersicht hat.

Dann sagt er kühl und trocken: »Bleibt nur schön ruhig, Jungs!«

Sie machen beim ersten Ton den Ansatz einer Bewegung, doch dann erstarren sie. Denn ihr Verstand hat zu arbeiten begonnen. Sie wollen nun erst einmal herausfinden, wie ihre Chancen aussehen. Sie können sich nicht denken, dass ein einzelner Mann sie überfallen hat. Sie wollen erst wissen, wo die anderen Männer stecken.

Einer von ihnen sagt nun: »Oho, Sie haben uns ja richtig erschrocken, Mister! Aber was soll das? Wir haben weder Geld noch besondere Wertsachen bei uns. Nicht einmal unsere Pferde taugen noch etwas. Wenn das ein Überfall sein soll, dann wird er Ihnen nichts einbringen – gar nichts!«

Nach diesen Worten lachen sie alle drei mehr oder weniger grimmig und fast schadenfroh. Sie sind völlig davon überzeugt, dass es bei ihnen gar nichts zu holen gibt.

»Wir wollen nur eure Pferde«, sagt Joel Enright trocken. »Ich komme jetzt, um sie zu holen. Und wenn ihr schießen möchtet, so fangt nur an, wann immer ihr wollt.«

Er spricht die letzten Worte leicht und spöttisch, ganz so wie ein Mann, der alle Trümpfe in der Hand hält und sich absolut sicher fühlt. Als er dann hinuntergeht, hält er nicht einmal den Colt schussbereit in der Hand.

Es ist fürwahr ein gefährlicher Bluff.

Joel Enright geht im Bogen um sie herum. Er benimmt sich dabei wie ein Mann, der irgendwelchen Partnern, die auf die Überraschten zielen, nicht das Schussfeld versperren will. Er hütet sich auch, dem glühenden Feuer zu nahe zu kommen. Obwohl die Montananacht sehr hell ist, kann man ihn nicht recht erkennen. Seine Hutkrempe beschattet sein Gesicht.

Als er die Pferde erreicht, hat er wenig Mühe mit ihnen. Denn die Tiere sind so sehr erschöpft, dass sie vor ihm nicht einmal zur Seite weichen. Sie sind an langen Leinen an Büschen angebunden. Er nimmt zwei der Leinen in die Hand und schwingt sich auf das dritte Tier. Dass es keinen Sattel und auch kein Zaumzeug hat, stört ihn nicht. Er ist ein Mann, der alles reiten kann, was vier Beine hat.

Die ganze Aktion dauerte höchstens eine halbe Minute. Doch drei Männer wie diese hier können in einer halben Minute eine Menge nachdenken.

Und ihr Wortführer sagt nun: »Einen Moment noch, Freund!«

Joel Enright ist schon einige Schritte geritten. Doch er hält an und wendet halb das Pferd.

»Macht euch nur keine Sorgen«, sagt er. »Die Pferde werden nicht gestohlen. Ihr braucht nicht zu denken, dass ich ein Pferdedieb bin. Ich weiß auch ziemlich genau über euch Bescheid. Denn ich reite nun schon neun Tage hinter euch und weiß, warum ihr nach Bonanza City wollt. Aber auch ich habe mit jenem Burschen, dem ihr den Skalp nehmen möchtet, etwas zu klären. Da ich den älteren Anspruch darauf habe, möchte ich nicht, dass ihr mir dabei in die Quere kommt. Ihr findet eure Tiere im Mietstall. Ich werde ihnen für einen Tag Futter- und Unterstellgeld bezahlen.«

Nach diesen Worten verschwindet er mit den Tieren über den Rand der Senke.

Die drei Männer aber bewegen sich nicht.

Erst nach einer Weile sagt einer von ihnen: »Der hat uns reingelegt. Er war ganz allein und hat nur gefährlich geblufft.«

»Und er kannte uns – er wusste, dass wir die Malone-Brüder sind, die hinter Noah Sloane her sind, um ihn zu erschießen, weil er unseren Bruder Jim getötet hat.« Dies spricht der zweite Mann.

Der Dritte aber sagt: »Er hat mit diesem Noah Sloane selbst ein Hühnchen zu rupfen. Also werden wir vielleicht zu spät kommen.«

Sie denken eine Weile darüber nach.

»Vielleicht aber nur«, sagt Duff Malone dann. »Denn Noah Sloane ist einer der schnellsten und gefährlichsten Revolverkämpfer, die es gibt. Es könnte sein, dass dieser Bluffer, der uns die Pferde stehlen konnte, kein Glück hatte, wenn wir nach Bonanza City kommen. Dann haben wir zwei Burschen zu erledigen, einen, weil er unseren lieben Bruder tötete – und den anderen, weil uns die Pferde stehlen konnte, als wären wir Dummköpfe und nicht die Malone-Brüder.«

Damit hat er alles gesagt.

Seine beiden Bruder Stapp und Virg nicken.

☆☆☆

Es ist am Vormittag, als Joel Enright mit den Pferden ins Tal reitet, in dessen Mitte die Goldgräberstadt Bonanza City liegt.

Joel Enright reitet langsam, zieht die drei ledigen Pferde an der langen Leine hinter sich her und sieht sich scharfäugig um.

Nun, bei Tageslicht, hätten ihn die drei Malone-Brüder gut betrachten können. Sie hätten ihn einigermaßen beachtlich gefunden und wahrscheinlich etwas unterschätzt, denn er ist beachtlicher, als er aussieht.

Joel Enright ist grauäugig, dunkelhaarig und hat ein schmales Gesicht. Man schätzt ihn dadurch etwa fünfzehn Pfund leichter und hält ihn auf den ersten Blick auch für etwa fünf Jahre jünger, als er ist.

Das Auffälligste an ihm ist jedoch, dass er seinen Revolver links trägt. Es ist ein ganz normaler Peacemaker Colt mit einem dunkel gewordenen Walnussholzgriff. Das Holster ist weit ausgeschnitten und so gearbeitet, dass der Revolvergriff etwas vom Körper absteht.

Joel Enright bringt die drei Pferde tatsächlich in den Mietstall, zahlt für vierundzwanzig Stunden und sagt dem Stallmann, dass die Tiere von den Malone-Brüdern abgeholt würden. Auch sein eigenes Tier stellt er unter und versorgt es selbst.

Der alte stelzbeinige Stallmann beobachtet ihn dabei, stellt jedoch keine Fragen.

Danach schlendert Joel Enright durch die Campstadt.

Sie ist recht einfach angelegt. Es gibt nur eine einzige Hauptstraße, die von fünf Querstraßen zerschnitten wird. Die Hauptstraße ist die sogenannte South Street, und die fünf Querstraßen, die sämtlich zwischen Zelten und primitiven Hütten enden, sind nummeriert, nennen sich also 1., 2., 3., 4. und 5. Straße. Dies hat Joel Enright schnell heraus.

An der South Street reihen sich die Saloons, Spielhallen, Tanz- und Amüsierhäuser, Hotels und Geschäfte. Und alle Fassaden sind nobel aufgemacht und bluffen wie leichte Mädchen, die sich als Ladys verkleiden.

Joel Enright staunt, wie nobel die größeren Saloons hier ausgestattet sind. Es gibt prächtige Einrichtungen, Bilder und Spiegel an den Wänden, Plüsch und Teppiche, Messing und Kristallleuchter. Die Spieltische, Rouletträder und die Klaviere haben gewiss ein Vermögen an Transportgeldern verschlungen.

Es ist schon später Nachmittag, als Joel Enright endlich zu sehen bekommt, was er mehr als vier lange Jahre nicht sah.

Obwohl er darauf vorbereitet ist – denn er kam ja in diese Stadt, um es zu sehen –, trifft es ihn wie ein scharfer und mitleidloser Stich.

Es ist Angie Hayden, die er aus einem Store treten sieht.

Zuerst hätte er sie gar nicht erkannt. Doch da ist ihre Art, wie sie das Kinn hebt und den Kopf bewegt. Diese Art kennt er, sie war stets so tapfer und lebendig zugleich. Sie war immer schon ein Mädchen, das den Dingen frei ins Auge blickt und keine Zaghaftigkeit kennt.

Nun ist sie fraulicher geworden, reifer, nicht mehr ganz so zart. Doch an ihren roten Haaren kann er sie ebenfalls erkennen. Die tizianrote Farbe hat er bisher noch nie so leuchtend und satt an einer Frau gesehen.

Ihre Augen richten sich plötzlich auf ihn – grüne Augen, die weit auseinander stehen.

Sie betrachten sich eine Weile. Dann kann er erkennen, wie sie unter ihrer gebräunten Haut erbleicht. In der Beuge des linken Arms trägt sie einen Einkaufskorb, der ihr plötzlich zu schwer zu werden scheint. Und mit der Rechten greift sie an den Hals, wie es eine Frau tut, deren Herz plötzlich zu rasen beginnt.

Doch dann hat sich Angie wieder unter Kontrolle. Sie wird sichtlich kühl und beherrscht. Ihr verwunderter, staunender und für einige Atemzüge lang entsetzter Blick wird prüfend und fest.

Joel Enright macht keine Bewegung. Er steht nur da und blickt sie an.

Aber plötzlich wendet sie sich um und geht davon.

Er setzt sich in Bewegung und folgt ihr.

Der Weg ist nicht weit. Gleich neben einem Waffen- und Eisenwarengeschäft befindet sich das Sheriff’s Office mit dem Gefängnis. Daneben ist noch ein sehr kleiner Anbau, in dem höchstens zwei Zimmer und eine Kammer sein können.

Durch diese Tür verschwindet Angie. Sie wohnt also dort, und Joel Enright weiß, dass auch jener berühmt-berüchtigte Revolvermann Noah Sloane dort wohnt. Es kann nicht anders sein.

Angie und Sloane reisten den ganzen langen Weg als Mann und Frau. Joel Enright weiß es genau, denn er kennt alle ihre Stationen und Haltepunkte.

Aber sind sie wirklich verheiratet?

Joel macht lange Schritte, erreicht die Tür des kleinen Hauses und öffnet sie, ohne anzuklopfen.

Es gibt keinen Vorraum. Er tritt sogleich ein in ein recht ärmliches Wohnzimmer, welches trostlos und jämmerlich wie eine Gefängniszelle wirken würde, gäbe es nicht bunte Vorhänge, eine Tischdecke, einige indianische Decken und sogar Blumen.

Angie steht mitten darin, starr und bewegungslos.

Joel Enright schließt die Tür hinter sich und lehnt sich dagegen.

Wieder betrachten sie sich eine Weile schweigend.

Doch dann sagt Angie tonlos: »Du bist es wirklich, Joel? Du bist am Leben? Du bist Joel Enright?«

In ihrer Stimme ist immer noch ein Klang von Ungläubigkeit.

Er lächelt schief. Es ist ein freudloses und zugleich irgendwie verächtliches Grinsen.

»Du hättest wohl nicht geglaubt, dass ich euch finden könnte?« Dies fragt er mit grimmiger Verachtung.

Sie weicht vor ihm zurück, bis ihr ein Holzsessel gegen die Kniekehlen stößt. Dann setzt sie sich, als könnten ihre Beine ihr Gewicht nicht länger mehr tragen.

»Du lieber Gott im Himmel«, murmelt sie und bedeckt ihr Gesicht mit beiden Händen.

Joel betrachtet sie lange schweigend.

Dann sagt er hart: »Ich bin euch nicht gefolgt, um den betrogenen wilden Burschen zu spielen. Wenn dir an diesem Noah Sloane etwas besser gefallen hat als an mir, sodass du nicht länger auf meine Rückkehr aus dem Krieg warten konntest, ist das deine Sache. Ich könnte damit zurechtkommen. Doch ich will meinen Sohn! In deinem letzten Brief, den ich im Feld als erhielt, schriebst du, dass ich Vater eines Sohnes geworden wäre. Ich habe den Brief noch. Da ist er!«

Er greift in die innere Tasche seiner ärmellosen Lederjacke und holt seine Brieftasche hervor.

»Hier habe ich deinen letzten Brief an mich«, sagt er. »Und seit ich ihn besitze, habe ich an nichts anderes mehr als an die Heimkehr gedacht. Denn wir waren noch nicht verheiratet – und hatten doch schon einen Sohn. Ich machte mir Tag und Nacht Vorwürfe, dass mein Sohn noch nicht den Namen seines Vaters trug und dass du …«

Er verstummt unbeholfen, sucht nach Worten.

Dann spricht er weiter: »Ich weiß, dass es schwer war für dich. Du hattest ein Kind und keinen Mann, und du wusstest nicht, ob ich den Krieg überleben und heimkommen würde. Oh, ich weiß genau, wie leichtfertig ich damals war und wie schwer es für dich gewesen sein muss. Deshalb mache ich dir keine Vorwürfe, dass du mit Noah Sloane gingst und nicht länger auf meine Heimkehr gewartet hast. Du konntest wählen. Du warst ja noch frei! Doch ein Kind braucht einen Vater. Ich will meinen Sohn! Ihr habt ihn nicht bei euch! Ihr werdet ihn irgendwo in Pension gegeben haben, denke ich. Nun gut, du wirst deshalb mit mir kommen, Angie, und mir meinen Sohn geben. Dann kannst du zu Noah Sloane zurück. Aber erst will ich meinen Sohn!«

Er sprach die letzten Worte immer härter. In seinen rauchgrauen Augen ist ein kaltes Leuchten.

Sie aber sitzt nun mit im Schoß gefalteten Händen im Sessel und betrachtet ihn auf eine traurige und dennoch nachsichtig und seltsam gelassen wirkende Art.

»Du tust mir sehr leid«, murmelt sie dann.

»Und was sonst noch?«, fragt er sarkastisch.

»Ich bin wirklich Noah Sloanes Frau«, spricht sie. »Er gab deinem Sohn seinen Namen. Ich konnte keinen besseren Mann bekommen. Er war gut zu mir und zu deinem Sohn. Joel, du bist in seiner Schuld. Wenn du hergekommen bist, um Streit zu beginnen, so sage ich dir, dass du in seiner Schuld stehst.«

»Du lieber Gott«, murmelt er dann. »Mein Sohn trägt seinen Namen? Ja, seid ihr denn verrückt geworden?« Er stößt die Frage zwischen den Zähnen hervor.

Angie Sloane erhebt sich langsam. Sie geht zu einer Kommode und holt einen kleinen Kasten heraus, der nicht größer als eine Zigarrenkiste ist. Sie braucht darin nicht lange zu suchen. Sie holt ein zusammengefaltetes Papier heraus und reicht es Joel hin. Dieser macht zwei lange und gleitende Schritte. Er streckt den Arm aus, um es zu nehmen. Man merkt ihm an, dass er sich Angie um keinen Zoll mehr nähern will, als es unbedingt notwendig ist.

»Was ist das?« Er fragt es heiser.

»Lies«, murmelt sie. »Lies nur! Dann wirst du mich vielleicht besser verstehen.«

Er faltet das Papier auseinander.

Und da liest er seine Todeserklärung. Jawohl, dieses Schriftstück erklärt ihn für tot. Es steht da geschrieben, dass Sergeant Joel Enright bei einem Angriff gefallen sei und zwei seiner Untergebenen dies als Augenzeugen meldeten. Die Unterschrift ist von einem Captain, der wenige Tage später selbst gefallen ist, wie Joel mit einem Blick auf das Datum des Schreibens feststellen kann. Er kannte den Captain.

Langsam lässt er die Urkunde sinken.

»Ich muss dir noch einen Schmerz zufügen, Joel«, sagt sie dann.

»Nein!« Er ruft es scharf und wild.

Sie nickt langsam. »Du bist viele Wochen und Monate unserer Fährte gefolgt«, sagt sie. »Du warst also auch in all den wilden Städten, in denen wir Station machten. Konntest du in Kansas City nicht in Erfahrung bringen, dass …?«

Sie zögert. Sie bringt es offensichtlich nicht über die Lippen. Sie möchte ihm nicht nochmals einen heftigen Schmerz zufügen.

Doch er kann es nun spüren, er braucht nur in ihre Augen zu sehen.

»Ist – ist Little Joel tot?« Er fragt es seltsam ernst und misstrauisch zugleich. Sein Gesichtsausdruck aber ist jetzt völlig ausdruckslos.

Sie nickt. »Viele Kinder starben damals in Kansas City. Mit den Wagenzügen war eine ansteckende Krankheit von der Ostküste eingeschleppt worden. Die Ärzte kannten kein Mittel dagegen. Man nennt die Krankheit Diphtherie. Es soll ein griechisches Wort sein und etwa so viel wie Rachenbräune bedeuten. Dein Sohn war nicht zu retten, Joel. Er und viele andere Kinder starben daran. Du hast wohl gedacht, wir hätten Little Joel irgendwo zu anderen Leuten gegeben. O nein! Noah hatte den Kleinen gern wie seinen eigenen Sohn. Niemals hätten wir ihn …«

Sie verstummt. Denn nun kommen ihr wieder die Tränen. Obwohl sie über diese Dinge hinwegkommen konnte, bricht nun alles wieder in ihr auf.

Joel Enright tritt langsam zum Fenster. Er blickt starr hinaus auf die Straße. Er nimmt die Dinge draußen kaum wahr.

Ich habe alles verloren, was ich nur verlieren konnte, so denkt er und wendet sich zur Tür.

Als er sie öffnen will, sagt Angie hinter ihm: »Joel …«

Er blickt über die Schulter.

»Was ist? Es gibt doch keine Fragen mehr! Es gibt nichts mehr, was unklar blieb. Alles ist geklärt. Ich wünsche dir Glück mit Noah Sloane. Was tut ihr hier in dieser Stadt? Wollt ihr nach Gold suchen, oder wird er hier wieder einmal mehr als Revolvermann und Spieler arbeiten?«

»Er spielt nicht mehr«, sagt sie herb. »Er wurde hier zum Deputy Sheriff verpflichtet und begleitet für Sonderprämien die Goldtransporte zur Schiffslandestelle.«

»Warum nimmt er solch einen Job an?« Er fragt es bitter. »Immer nur Arbeit als Revolvermann oder als Spieler. Kann er dir nichts anderes bieten?«

Sie nickt. »Doch, das will er! Wir brauchen nur noch zweitausend Dollar. Dann will er sich in Kalifornien eine Farm kaufen, auf die er das Vorkaufsrecht hat. Ich werde es dort gut haben. Ich habe Angst, dass …«

Sie bricht ab, und sie beißt sich auf die Unterlippe. Zu spät erkannte sie, dass sie im Begriff war, sich irgendwelche Ängste und Nöte von der Seele zu reden.

Joel Enright betrachtet sie seltsam. Dann geht er wortlos hinaus.

Und als er draußen ist, sieht er vor einem Store einen Wagen halten. Aus diesem Wagen klettern die drei Malone-Brüder mitsamt ihren Sätteln und dem wenigen Gepäck heraus.

Er bleibt stehen und betrachtet sie aus einiger Entfernung. Sie blicken zu ihm her, doch wenn sie ihn erkennen, so zeigen sie es nicht.

Als er sieht, dass die drei Malones sich zum Mietstall begeben, weiß er, dass sie eine Weile beschäftigt sind. Und so geht er in den nächsten Saloon. Es ist der Starlight Saloon, und er ist sehr nobel aufgemacht.

Joel Enright hat das unbändige Verlangen, sich zu betrinken. Der Schmerz brennt schlimm in ihm, macht ihn böse und ungerecht. Er befindet sich in einem gefährlichen Zustand.

Und so kippt er ziemlich schnell drei Whiskys herunter.

Plötzlich fühlt er sich beobachtet. Er wendet den Kopf und entdeckt am anderen Ende der langen Bar einen schlanken und fast elegant wirkenden Mann.

Dieser Mann trägt die dunkle Berufskleidung der Spieler, also einen sogenannten Prince-Albert-Rock, und dazu ein blütenweißes Hemd, Seidenkrawatte und einen funkelnden Diamanten darin.

Als dieser Mann sich entdeckt sieht, bewegt er sich und kommt zu Joel hin. Er nickt ihm zu und sagt zum Barmann: »Jeffrey, dieser Gent bekommt in meinem Saloon alles frei und vom besten Stoff.« Nach diesen Worten grinst er etwas schief und fragt: »Oder sind Sie zu stolz, Enright, um von mir etwas anzunehmen?«

»Dass Sie hier sind …«, dehnt Joel Enright seine Worte, und er wirkt nicht besonders freundlich dabei. »Aber eigentlich hätte ich es mir denken können.

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