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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 72

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Zaubercolt
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Zaubercolt

1

Wahrscheinlich waren wir alle nur stolze Dummköpfe, aber wir waren nun mal so und konnten es nicht ändern.

Das galt für uns Warfields genauso wie für die Jaggers.

Denn wir lebten in Feindschaft und ständiger Fehde in den grünen Tälern von Colorado. Irgendwann hatten unsere Alten einmal Streit bekommen und sich gegenseitig erschossen. Wir Söhne hatten die Fehde fortgesetzt, und so erwischte es meine Brüder Jock und Larry. Sie wurden von den Jaggers im Duell zu Krüppeln geschossen, denn die Jaggers hatten stets die schnelleren Colts.

Von uns Warfields waren nun nur noch mein älterer Bruder Duke und ich übrig. Mich hatte man Zane getauft. Ja, Zane, das war mein Name.

Wir hatten auch noch drei Schwestern und drei Schwäger. Zu diesen drei Ehepaaren gehörten sieben Kinder. Und überdies beschäftigten wir ein Dutzend Reiter und Ranchhelfer.

Wir züchteten Pferde, die besten, die man sich denken konnte. Denn wir hatten einen besseren Zuchthengst als die Jaggers. Unser Alter hatte ihn damals eingefangen, ihn mit seinem schnellen Lasso dem Alten der Jaggers sozusagen vor der Nase weggeschnappt. Es war der prächtigste Hengst, den man sich denken konnte, und er wurde zum Stammvater unserer Pferdezucht.

Die Jaggers waren uns deshalb böse, und so entstand schließlich diese ewige Fehde. Nachdem man meinen Bruder Larry schwer angeschossen zu uns gebracht und unsere Mom ihn endlich wieder gesund gepflegt hatte, es also sicher war, dass er nicht mehr sterben würde, machte sie sich auf den Weg in die Berge.

Unsere Mom – sie hieß Kate – war zu einem Viertel eine Arapahoe, und sie war wunderschön gewesen. Als kleiner Junge war ich überzeugt, dass es keine schönere Frau auf der ganzen Welt gab als sie.

Aber nach dem Tode unseres Vaters war sie um viele Jahre gealtert.

Und nicht zuletzt war ihr Hass auf die Jaggers daran schuld.

Nun, sie verließ uns also für einige Tage auf ihrem gescheckten Pferd. Wir wussten, wohin sie ritt. Irgendwo in den Bergen – den Weg kannte nur sie – lebte eine alte Medizinfrau der Arapahoes, die sich damals vor der Vernichtung durch die Soldaten mit wenigen Getreuen retten konnte.

Unsere Mom sagte zu dieser Medizinfrau stets Tante. Also musste sie irgendwie mit ihr verwandt sein. Wahrscheinlich war es wirklich ihre Großtante, also die Schwester ihrer Großmutter.

Einmal – als ich noch ein Junge war – hatte sie mich mitgenommen zu dieser Tante, die mir damals schon wie hundert Jahre alt vorkam. Diese Alte hatte mir ihre Hand auf den Kopf gelegt – und es schienen von dieser Hand irgendwelche Ströme in meinen Kopf einzudringen und sich im ganzen Körper auszubreiten.

Es war ein wunderschönes Gefühl.

Irgendwie begriff ich damals schon, dass ich von dieser Alten mit irgendeiner Zauberkraft ausgestattet wurde.

Nun, unsere Mom verschwand also für einige Tage und Nächte zu ihrer Großtante in die Berge, um mit der uralten Medizinfrau irgendeinen Zauber zu machen.

Es war dann an einem Abend, als sie wieder zurückgeritten kam und uns alle in unser großes Blockhaus rief.

Außer den Kindern, die man schon zu Bett gebracht hatte, folgten alle dem Ruf unserer Mom: mein Bruder Duke, Jock, der sich von seiner Verwundung erholt hatte, aber seinen linken Arm nicht mehr heben konnte, unsere drei Schwäger und unsere Schwestern. Nur Larry lag noch krank im Bett.

Mom hatte Tee gekocht und Brandy hineingegossen. Draußen war es kalt. Überall lag noch der Schnee.

Sie setzte sich an das Kopfende des langen Tisches und nippte erst einmal einige Schlucke Tee vom Tassenrand. Dabei sah sie uns mit ihren grünen Augen der Reihe nach prüfend an. Schließlich blieb ihr Blick auf mich gerichtet. Vor ihr neben der Teetasse lag ein kleines Bündel.

Sie wickelte es langsam aus.

Und da sahen wir, was es war.

Es war ein Colt.

Wir kannten diese Waffe. Sie hatte unserem Vater gehört. Das Ding war eine Sonderanfertigung von einem berühmten Waffenmeister. Es hatte Kaliber vierundvierzig und einen zwanzig Zentimeter langen Lauf. Der Rahmen war bunt gehärtet und hatte eine gravierte Trommel. Bei dieser Bunthärtung kam es auf das so genannte »Anlaufen« des Stahles an, auf die Temperatur des Härteöls beim Abschrecken und auf viele andere Feinheiten.

Ein berühmter Waffenmeister konnte am Funkenflug des Stahls – wenn er diesen an eine Schleifscheibe hielt – erkennen, wie er zu härten war.

Nun, es war also eine besondere Waffe, die unser Vater damals aus dem Krieg heimbrachte.

Aber dennoch war er damit im Duell gegen Bac Jagger nicht schnell genug gewesen. Denn sie hatten sich beide zu gleicher Zeit ins Herz getroffen.

Wir starrten auf diesen Colt.

Unsere Mom breitete die Hände darüber aus. Und in ihren grünen Augen waren gelbe Lichter. Nun konnte sie nicht mehr verleugnen, dass sie zu einem Viertel eine Indianerin war, die an besondere Kräfte und Zauber glaubte.

Sie sagte langsam Wort für Wort: »Ich war bei meiner Großtante, der großen Zauberin der einst so stolzen Arapahoes. Ich war in ihrer Zauberhöhle und bat sie um einen großen Zauber. Sie sagte mir, dass dieser Zauber sie all ihre Kraft kosten würde und sie danach sterben müsse. Aber sie wolle es dennoch für mich und meine Sippe tun.«

Unsere Mom machte nach diesen Worten eine Pause. Sie atmete tiefer. Und dann wischte sie sich über die Augen.

Als sie die Hand wieder herunternahm, da blickten ihre Augen kühl, hart und zwingend, ganz so, als hätte sie etwas von der hypnotischen Kraft ihrer Großtante mitgebracht.

Sie sprach dann weiter: »Dies ist nun ein verzauberter Colt. Sein Träger wird mit ihm unbesiegbar sein. In dieser Waffe steckt nun ein großer Zauber. Meine Großtante ließ mächtige Kräfte in ihn strömen. Sie starb dabei, so sehr erschöpfte sie das Weitergeben des großen Zaubers.«

Und wieder machte unsere Mom nach diesen Worten eine Pause. Wir sahen ihr an, wie stark sie innerlich aufgewühlt war.

Dann richtete sich ihr Blick wieder auf mich.

»Zane«, sagte sie.

»Ja, Mom?« So fragte ich.

Sie deutete mit dem rechten Zeigefinger auf mich.

»Du, Zane, bist wie deine Brüder nur zu einem Achtel ein Arapahoe, aber dennoch scheint es, als wäre in dir mehr Indianerblut als in ihnen. Du wurdest schon als Knabe unser Jäger. Ich denke mir, dass du die Zauberkraft dieses Colts am besten nutzen wirst. Also nimm ihn und reite nach Mesa Springs.«

Sie verstummte hart.

Wir alle wussten, was ihre Worte zu bedeuten hatten.

Die Jaggers hatten uns die kleine Stadt Mesa Springs verboten. Sie hatten uns gedroht, dass sie jeden Warfield zum Duell fordern würden, der sich in Mesa Springs blicken ließ.

Nur unseren Frauen gestatteten sie, dort für sich und die Kinder Einkäufe zu machen.

Und auf diese Weise hatten sie meine Brüder Jock und Larry zum Duell gezwungen, nach dem es nach dem Tode unserer Väter eine Weile ruhig geblieben war.

Wir wussten auch, dass Mae Jagger, die Frau von Bac und die Mutter der Jagger-Brüder, uns Warfields ebenso hasste wie unsere Mom die Jaggers.

Ich starrte in Moms zwingende Augen.

Und ich begriff sofort, was sie von mir verlangte. Es war mir recht, denn ich war wirklich ein indianerhafter, verwegener Bursche, angefüllt mit jenem dummen Stolz, der nach Rache oder Vergeltung verlangte. Ja, ich wollte den Jaggers zeigen, dass sie nicht alle Warfields von den Beinen schießen konnten, sondern dies auch mal umgekehrt kommen könnte.

Und so nahm ich den Colt in meine Hand, nachdem ich mich erhoben hatte und um den langen Tisch zu meiner Mom gegangen war.

Als ich die Waffe in der Linken hielt, verspürte ich wahrhaftig ein besonderes Gefühl. Es strömte aus der Waffe in meine Hand, ging durch den Arm und breitete sich in meinem ganzen Körper aus.

Verdammt, was war das? War dieser Colt kein totes Ding mehr? War in ihm jetzt tatsächlich eine unerklärliche Zauberkraft? Oder bildete ich mir das nur ein, weil ich damals als Junge vor vielen Jahren mit meiner Mom bei dieser alten Medizinfrau war und den Strom spürte, der von ihrer Hand in mich drang?

Sie alle rings um den großen Tisch beobachteten mich. Ich spürte nicht nur ihre Blicke, sondern auch ihre Teilnahme. O ja, sie alle wussten, was Mom von mir verlangte, was ich auf mich nehmen musste und was mir deshalb bevorstand.

Ich würde töten müssen.

Verdammt, das war es. Ein Jagger würde mir in Mesa Springs gegenübertreten und mich zum Duell fordern. Denn genau dies hatten sie uns gedroht. Dazu mussten sie nun stehen in ihrem Stolz. Ich würde mich mit einem von ihnen schießen müssen.

Und dabei konnte es möglich sein, dass ich ihn töten musste, um selbst am Leben bleiben zu können.

Dies alles begriff ich noch einmal richtig, indes ich so verharrte und der Colt in meiner Hand mir wie ein lebendes Wesen vorkam, nicht wie ein totes Ding – und ich die Blicke und die Teilnahme meiner Sippe spürte.

Ich sah auf Mom, blickte fest in ihre grünen Augen hinein und erkannte in ihnen das gelbe Licht eines unversöhnlichen Hasses.

Ich dachte mit einem Gefühl von Mitleid: Oh, warum ist Mom nur so voller Hass? Warum wurde sie so hart? Vier Söhnen und drei Töchtern schenkte sie das Leben und gab ihnen Liebe und Wärme. Aber als Bac Jagger ihren Mann tötete, wurde sie völlig anders.

All diese Gedanken und Gefühle waren in mir.

Dann hörte ich Mom sagen: »Es darf nicht sein, dass wir Warfields ständig die Verlierer sind und die Jaggers euch Männern die Stadt verbieten, um euren Stolz zu brechen. Reite also in die Stadt, Zane, und zeige ihnen, dass wir unseren Stolz behalten wollen, koste es, was es wolle. Denn wenn wir uns von ihnen aus der Stadt jagen lassen, werden sie uns irgendwann auch aus dem Lande zu vertreiben suchen. Reite, Zane! Mit diesem Zaubercolt bist du unbesiegbar in jedem fairen Duell.«

Ich nickte stumm. Dann ging ich in mein Zimmer und legte mir den Waffengurt um, zog meinen eigenen Colt aus dem Holster und schob den Zaubercolt hinein.

Er saß, wie wenn das Holster nach Maß für ihn gemacht worden wäre. Ich zog ihn mehrmals probeweise mit meiner Linken, denn diese war meine Revolverhand.

Er schien mir wie von selbst in die Hand zu springen und dann sofort ein Teil meiner Hand zu werden, so als ob das Leben in meinem Körper auch ihn lebendig machte.

Heiliger Rauch, was war das für ein Wunder!

Ja, ich glaubte plötzlich daran, dass nun in meines Vaters Waffe ein Geist vorhanden war, von einer uralten Indianerhexe hineingezaubert. O Himmel, gab es denn so ein Wunder? Oder war ich von einer geheimnisvollen Kraft, die in dieser Waffe war, hypnotisiert worden?

Mein Bruder Duke kam zu mir ins Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dann dagegen, so als wollte er mir den Ausgang versperren.

Er sagte bitter: »Ich bin der älteste von uns Warfield-Brüdern. Eigentlich stünde mir dieser verzauberte Colt zu und müsste ich damit nach Mesa Springs reiten, um den Stolz der Warfields zu wahren. Aber Mom hat dich dazu bestimmt. Warum? Sag mir, warum sie dich vorgezogen hat?«

Ich sah ihn im Lampenschein an, und irgendwie tat er mir leid – aber auf eine gewisse Weise beneidete ich ihn zugleich auch.

Ich zuckte mit den Achseln. Dann suchte ich nach Worten, um es ihm erklären zu können. Schließlich murmelte ich: »Du hast es ja selbst gehört, Duke. In mir wurde das Indianerblut von unserer Großmutter nochmals stärker als bei euch, meinen Brüdern. Ich bin wilder, verwegener, habe bessere Instinkte. Ich kann Menschen in der Nacht wittern. Du aber bist anders, Duke, nämlich ruhig, zuverlässig, klug. Wenn Mom nicht mehr ist, wirst du der Boss unserer Sippe sein. Unser Vater gab dir den Namen Duke. Das bedeutet soviel wie Herzog. Du warst von Anfang an von ihm als Nachfolger bestimmt. Wir, deine Brüder, sind nur deine Ritter. So sieht es Mom, und so musst auch du es sehen.«

Er starrte mich misstrauisch an. Doch ich meinte meine Worte wirklich so, wie ich sie sprach. Er erkannte es in meinen Augen.

Nach einigen Atemzügen sagte er heiser: »Irgendwann wird es keine fairen Duelle mehr geben zwischen uns und den Jaggers. Irgendwann wird zwischen unseren Sippen ein richtiger Krieg herrschen. Und dann werden die Warfields und die Jaggers ihren verdammten Stolz vergessen, um überleben zu können. Ich wünschte, Mom würde nicht so voller Hass sein. Sie und Mae Jaggers sollten Frieden schließen zum Wohle unserer Sippe. Denn sonst …«

Er sprach nicht weiter, wandte sich um, öffnete die Tür und ging hinaus.

Ich aber machte mich fertig für den Ritt nach Mesa Springs.

Als ich das Haus durch meinen eigenen Zimmerausgang verließ, hatte einer unserer Leute schon mein Pferd gesattelt. Mein Bruder Jock, dem einer der Jaggers den Arm zerschossen hatte, stand bei meinem Pferd.

Erst als ich im Sattel saß, sagte er zu mir empor: »Ich wünsche mir, dass es Moc versucht. Zerschieße ihm den Arm, so wie er mir meinen zerschoss. Mache ihn zu einem Krüppel, wie ich es bin.«

Jocks Stimme klirrte heiser.

Er tat mir leid in seinem Hass.

Aber wie würde ich mich an seiner Stelle verhalten?

Dies fragte ich mich, indes ich anritt.

Bis nach Mesa Springs waren es etwa neun Meilen durch die Blaugrastäler. Ich ließ meinen Rotfuchs traben – und ich hatte viel Zeit, um nachzudenken.

Oha, ich ritt für den Stolz der Warfields gegen den Stolz der Jaggers.

War es ein dummer Stolz? Hätten wir Warfields vielleicht das Land verlassen sollen? Wäre ein Nachgeben nicht besser gewesen? Es gab ja das Sprichwort, dass der Klügere nachgab.

Doch dieses Sprichwort war in diesem Land nicht anwendbar. In diesem Land gingen die Schwachen und stets die Nachgebenden unter. Hier vermochten sich nur die Starken zu behaupten, jene, die ihren Stolz behielten und danach lebten.

So war es nun mal zu unserer Zeit.

Es war also nicht so, dass ich gehorsam nach Mesa Springs ritt, weil meine Mom in ihrem Hass das so wollte und sie mich mit einem Zaubercolt ausgerüstet hatte.

Nein, ich ritt für uns Warfields und wegen unserer Selbstbehauptung in diesem Land gegen alles, was gegen uns war. Die Jaggers waren gegen uns wie ein Naturelement.

Da um diese Jahreszeit die Tage kurz waren und es früh schon Nacht wurde, kam ich im Dunkeln in Mesa Springs an. Es fehlten bis Mitternacht noch zwei Stunden, als ich die Lichter der Stadt zu sehen bekam.

Ich ritt ruhig und stetig darauf zu. Einige Male fühlte ich nach meinem Colt, und immer überkam mich dann jenes merkwürdige Gefühl, als strömte eine Kraft von der Waffe in meine Hand und von dieser durch meinen ganzen Körper. Ich begann mehr und mehr an den Zauber zu glauben, den die alte Indianerin, der man als Medizinfrau besondere Kräfte nachsagte, in diese Waffe eingegeben hatte.

2

Vor dem Mesa Saloon standen mehr als ein Dutzend Sattelpferde, außerdem noch zwei Wagen der Minen in den Bergen, mit denen die Minenarbeiter abwechselnd nach Mesa Springs kamen, um sich für Dollars ein Mädchen zu mieten, Schnaps zu trinken, zu spielen und manchmal auch mit den Cowboys einen Streit anzufangen.

Als ich mein Pferd anband, trat Mike Mahoun aus der Gassenmündung neben der Saloonecke und näherte sich mir. Nach etwa einem Dutzend Schritten war er neben mir und hielt an. Sein Blechstern blinkte matt im Laternenschein.

»Zane Warfield …«, sagte er. Doch er sprach nicht weiter. Seine Stimme klang wie ein Seufzen.

Mike Mahoun war ein bulliger Mann, wortkarg und stets grimmig wirkend. Seine Unterlippe stieß über die Oberlippe vor. Dies gab ihm einen ganz besonders grimmigen Ausdruck.

Ich fragte kühl: »Ist was, Mike? Willst du etwas?«

Er hob seine Hand und wischte sich über das Gesicht. Dann sagte er: »Moc Jagger ist im Saloon. Ich sollte dich hindern, hineinzugehen, Zane.«

»Versuche das lieber nicht, Mike«, erwiderte ich. »Weißt du, ich will nur einen Drink, vielleicht auch zwei. Und ich möchte etwas spielen und mal andere Gesichter sehen.«

Nach diesen Worten ging ich um ihn herum und die drei Stufen zur Saloon-Veranda hinauf. Mike Mahoun hielt mich nicht auf, doch ich hörte trotz meiner klingelnden Sporen sein bitteres Seufzen und seinen resignierten Fluch.

Mike Mahoun war ein harter und furchtloser Mann. Als Town Marshal schützte er die Bürger der Stadt vor den Bösen. Das war sein Job. Aber er wusste, dass er von uns Warfields oder auch von den Jaggers zum Teufel gejagt werden konnte. Denn wir waren die Mächtigen im Lande. Diese kleine Stadt lebte in unserem Schatten.

Als ich in den Saloon trat, sah ich Moc Jagger sofort. Er stand am Billardtisch und wollte in diesem Moment einen Stoß machen.

Die Luft im Raum war rauchgeschwängert. Es roch nach Drinks, Tabak und Männern. Der mächtige Kanonenofen in der Mitte glühte.

An der langen Bar standen mehr als ein Dutzend Gäste. Sie tranken, würfelten und rauchten.

Beide Billardtische waren besetzt. Auch an den Tischen saßen Pokerrunden beisammen. Die Mädchen des Hauses tanzten mit Gästen zu den Klängen des Klaviers, das wie immer von Charly gespielt wurde.

Moc Jagger hob sein Gesicht und sah zu mir her, als würde ich seinen Namen gerufen haben. Sein Instinkt war der eines Wolfes. Ja, er musste mein Kommen irgendwie gespürt haben.

Und so führte er den beabsichtigten Stoß mit der Kugel gar nicht aus, sondern richtete sich auf und legte den Billardstock quer über die Tischecke.

Das Klavier verstummte.

Jäh war es still im Raum. Das kichernde Lachen eines Mädchens verstummte mit einem Missklang.

Fast alle hier wussten ja, dass die Jaggers den Warfields diese Stadt verboten hatten.

Und nun war ein Warfield gekommen. Jeder hier wusste sofort, was nun geschehen würde.

Moc Jagger hatte gar keine andere Wahl.

Ich schob meinen Hut in den Nacken und trat zum Schanktischende.

Ed Ellis sah mich fragend an. Ihm gehörte der Saloon.

Ich nickte ihm zu.

»Schenk ein, Ed«, verlangte ich. »Und eine Zigarre zum Aussuchen.«

Er zögerte. Unsere Blicke trafen sich. Was er in meinen Augen erkannte, sagte ihm alles. Er war ein ehemaliger Spieler, der sich diesen Saloon kaufte, weil er als Spieler zu alt geworden war. Ed war ein erfahrener Bursche, der sich auskannte mit allen Sorten von Männern. Er konnte nicht mehr lange genug an einem Spieltisch sitzen. Das Stehen hinter der Bar machte ihm nichts aus.

Er füllte mir ein Glas und stellte die Zigarrenkiste vor mich hin. Dann zog er sich von mir zurück.

Auch einige andere Gäste, die zu nahe bei mir standen, wichen von mir zurück. Und Moc Jagger trat hinter dem Billardtisch hervor und sagte laut in die Stille: »He, Zane Warfield, warum bist du gekommen?«

»Weil ich ein Recht darauf habe«, erwiderte ich. »Diese Stadt ist offen für alle Menschen. Und sie gehört nicht den Jaggers. Ihr und wir sind hier nur Gäste.« Ich hob mein Glas, prostete ihm zu und leerte es.

Dann beugte ich mich über die Zigarrenkiste und suchte nach einer Zigarre, deren Farbe mir gefiel.

Aber Moc Jaggers Stimme sagte hart: »Wie gut, dass du deinen Colt mitgebracht hast. Du weißt ja, dass jeder Warfield, der gegen unser Verbot in die Stadt kommt, sich mit einem Jagger duellieren muss. Na komm schon hinter dem Schanktischende hervor, damit ich sehen kann, wenn du nach der Waffe greifst. Los, komm hervor!«

Er wollte also ein Duell.

Aber das hatte ich ja erwartet. Es wäre unfair gewesen, würde ich hinter dem Schanktischende verharrt haben wie hinter einer Mauer, die mehr als meinen halben Körper verdeckte.

Und so verzichtete ich auf die Zigarre und trat hervor.

Nun standen wir uns etwa acht Schritte voneinander entfernt gegenüber.

Es war unwahrscheinlich still, so als hielten alle den Atem an.

Er sagte: »He, Charly am Klavier! Du wirst innerhalb der nächsten Minute mit allen zehn Fingern auf die Tasten schlagen. Dies wird das Zeichen sein für Zane Warfield und mich. Gut so, Zane Warfield?«

Er fragte es mit einem Zähneblinken, und er war ein sandfarbener, hagerer und zäher Bursche, der an einen Wolf der Apachenwüste denken ließ, der sich oft von Klapperschlangen ernähren musste.

»Gut so, Moc Jagger.« Ich nickte. »Aber ich warne dich. Ich kam friedlich her. Dieses Duell wolltest du, nicht ich. Beklage dich nicht, wenn ich dich von den Beinen schieße.«

»Nein, das werde ich nicht«, erwiderte er.

Und dann hämmerte der Klavierspieler auch schon mit beiden Händen auf die Tasten. Unsere Revolver erschienen wie durch Zauberei in unseren Fäusten.

Unsere Reflexe waren nun schneller als jeder Gedanke.

Ich sah dann in seiner Herzgegend die Kugel einschlagen. Sie stieß ihn wie einen Huftritt.

Seine Kugel aber fuhr einen Schritt vor meinen Stiefelspitzen in die mit Sägespänen bestreuten Dielen.

Als mich meine Gedanken und mein Verstand endlich wieder einholten, begriff ich, dass ich Moc Jagger getötet hatte.

Mein Colt war schneller gewesen. Ja, es musste wahrhaftig ein Zaubercolt sein.

Eine Weile blieb es still im Raum. Nur der Pulverrauch breitete sich aus.

Schließlich bewegte sich im hinteren Teil des Raumes ein Mann und sagte laut: »Mister Warfield, ich arbeite für die Jagger-Ranch. Darf ich Mister Jagger heimbringen?«

Ich nickte und sagte dann: »Sicher. Bringen Sie ihn zu Mae Jagger. Und sagen sie ihr, dass sie dies so wollte, nicht wir Warfields.«

Ich hielt immer noch meinen Revolver in der Hand. Nun schob ich ihn ins Holster, wandte mich ab und ging hinaus. Ich vergaß zu bezahlen. Doch Ed Ellis rief mir nichts nach.

Draußen sog ich die frische Schneeluft ein. Meine Gedanken und Gefühle jagten sich.

Ich hatte noch nie im Duell einen Mann getötet. Doch ich war zwei Jahre im Krieg gewesen auf der Seite der Südstaaten. Da hatte ich töten müssen und war dafür belobigt worden.

Am liebsten hätte ich mich jetzt auf mein Pferd geworfen und wäre aus der Stadt galoppiert. Doch das konnte ich nicht, denn ich hatte angefangen und durfte nun nicht aufhören.

Es ging immer noch darum, dass uns Warfields niemand diese Stadt verbieten konnte. Deshalb musste ich bleiben und auf den nächsten Jagger warten.

Oder würde Mae Jagger keinen ihrer Söhne mehr schicken? Würde sie respektieren, dass wir Warfields die gleichen Rechte hatten wie die Jaggers?

Drüben auf der anderen Seite der Fahrbahn trat eine Frau aus dem Schneiderladen. Ich wusste, dass es June Chishum war. Ihre Stimme rief: »Komm, Zane, komm herüber zu mir! Komm!«

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