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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 07

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Cowboy-Wege
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Vorschau

Cowboy-Wege

1

Der Staub wallte wie dichter Nebel, als wir die Herde in die Verladecorrals von Abilene trieben, und Old Mossy, unser Leitstier, stellte sich an, als hätte er zuletzt noch Locokraut auf der trockenen Prärie gefressen.

Wir hatten uns die Halstücher über Mund und Nase gezogen und wirkten wie maskierte Banditen. Doch so atmeten wir weniger Staub ein. Er brannte nur in unseren geröteten Augen, die wild und ungeduldig blickten.

Ja, wir waren jetzt wild und voll Ungeduld. Denn wir waren endlich am Ziel. Tausendfünfhundert Meilen hatten wir die gehörnten Biester getrieben und dabei alle sieben Höllen durchquert. Jetzt lockte die Stadt Abilene mit ihren Vergnügungen und Sünden. Und Old Mossy, der verdammte Bulle, wollte nicht in den verdammten Corral. O verdammt, verdammt, verdammt!

Wie oft war uns dieser Fluch unterwegs über die Lippen gekommen! Wir hatten ihn gebrüllt, gestöhnt oder nur geflüstert.

Verdammt, warum waren wir Cowboys, Herdentreiber, Aufpasser für blöde Rindviecher!

Old Mossy, der unsere Treibherde den ganzen verdammten Weg von San Antonio heraufgeführt hatte und selbst am Red River nicht in Panik geraten war, als wir den Fluss im Gewitter durchfurteten, weil wir hinüber mussten, bevor das Hochwasser kam, griff nun vor dem Corraleingang unseren Pecos an.

Oha, Pecos war ein prächtiger Bursche, einer unserer besten Reiter. Er kannte sich aus mit halbwilden Rindern, und wenn er im Sattel hockte, dann schien er mit dem Pferd verwachsen zu sein.

Aber das alles nützte ihm in diesem Augenblick überhaupt nichts.

Old Mossy schlitzte seinem Pferd mit dem spitzen Horn den Bauch auf, dass die Gedärme nur so herausquollen.

Pecos kam gut aus dem Sattel.

Dann hatte er auch schon den schweren Colt in der Faust und begann zu schießen.

Denn Old Mossy griff nun ihn an.

Wir konnten Pecos nicht helfen, denn zwischen ihm, Old Mossy und uns waren Rinder, brüllende Longhorns, die nun in Panik geraten wollten, weil Old Mossy, der Leitstier, verrückt geworden war.

O Vater im Himmel, eine Stampede konnten wir jetzt noch weniger gebrauchen als draußen auf der freien Prärie.

Pecos ließ seinen Colt krachen. Er versuchte Old Mossy mit seinen Kugeln aufzuhalten. Denn ausweichen konnte er ihm kaum. Überall waren Rinder. Und vor einem Mann zu Fuß hatten diese halbwilden Longhorns keinen Respekt – nur vor Reitern.

Pecos jagte drei Kugeln in Old Mossys Schädel. Vergebens. Old Mossy erwischte ihn dennoch.

O verdammt, Pecos würde keinen Spaß mehr haben in Abilene.

***

Am nächsten Vormittag waren wir fertig mit der Verladearbeit und dem dabei notwendigen Zählen. Auch unsere Pferderemuda – es waren mehr als zweihundert gute Rinderpferde – wurde gut verkauft.

Der Treibherdenboss zahlte uns aus.

Unser Treiberlohn war dreißig Dollar für jeden Monat, ein Dollar pro Tag.

Da wir länger als fünf Monate unterwegs waren, bekam jeder etwas mehr als einhundertfünfzig Dollars, dazu noch eine Prämie, die unterschiedlich war. Ich erhielt eine der höchsten Prämien, so dass ich im Ganzen zweihundertundzwanzig Dollars besaß. Oha, das war gewaltig viel Geld damals! Dafür musste ein Cowboy auf der Ranch länger als ein Jahr arbeiten.

Wir fühlten uns wie wahre Kings. Denn wir glaubten, mit unserem Geld ganz Abilene kaufen zu können – vor allen Dingen die Mädchen dort, nach denen wir uns sehnten wie Hirsche nach der Hirschkuh in der Brunstzeit.

Wir gingen in die Badeanstalt hinter dem Barbierladen. Dort hatte man auch Gelegenheit, Unterwäsche, Hemden und Hosen zu kaufen. Denn wir waren abgerissen und stanken nach Schweiß, Staub, Pferden, Rindern, dem Rauch der Campfeuer, Leder, Kautabak und wer weiß noch was für Dingen.

Es gab eine Menge Holzwannen. Über einem Feuer dampfte es aus einem gewaltigen Wasserkessel. Zwei Neger waren fortwährend damit beschäftigt, Wasser zu schleppen und das Feuer in Gang zu halten.

Es gab auch schon Schnaps zu trinken.

Das taten wir in den Holzwannen, indes wir darauf warteten, dass uns das heiße Wasser gewissermaßen aufweichen und tief in unsere Poren eindringen würde. Dabei verbrauchten wir riesige Stücke Duftseife, um über den Gestank Herr zu werden, den wir ausströmten.

Übrigens, ihr Leser meiner Geschichte, mein Name ist Joshua Pilldarlik. Aber meine Kameraden nannten mich nur Josh oder Laredo. Denn ich kam aus Laredo.

Wir gingen dann nach einer Stunde etwa ins Hotel zu Pecos.

Denn inzwischen hatten wir gehört, dass er noch am Leben war und dies wahrscheinlich auch bleiben würde. Ich ging mit Jesse, Chuck und Wade. Mehr als wir vier wären auch gar nicht in das kleine Zimmer hineingekommen. Vor uns waren schon andere von unserer Mannschaft da gewesen. In Pecos Hut lagen schon eine ganze Menge Dollarscheine. Jeder von uns spendete was für Pecos, aber wir taten es unauffällig. Er sollte es nicht merken. Es hätte zu sehr nach Almosen ausgesehen. Obwohl er das Geld nötig brauchen würde, hätte er es zurückgewiesen, das gehörte nun mal zum Cowboystolz.

Wir besaßen ja außer unserem Stolz nicht viel – nur den Sattel, das Pferd und die Waffen. Ja, es war üblich, dass wir eines der Treibherdenpferde behalten konnten.

Pecos lag bewegungslos im Bett und versuchte unter seinem Schnurrbart zu grinsen. Man hatte ihn schon gewaschen und sogar rasiert. Bevor wir etwas sagen konnten, sprach er mit gepresster Stimme, der man anhörte, wie stark seine Schmerzen waren. Ihm wurden ja nicht nur einige Rippen und Knochen gebrochen. Er war von einer Hornspitze böse aufgeschlitzt worden.

Ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. Aber der Doc hier war ein alter Feldarzt aus dem Krieg, der sich mit solchen Wunden und Brüchen gut auskannte.

Pecos sagte: »Aaah, macht euch nur keine Sorgen. Ich werde schon wieder.«

Wir glaubten ihm nicht, ließen es uns allerdings nicht anmerken. Wir heuchelten also Freude, Zuversicht und rissen dumme Witze.

Jesse erzählte nun, was wir vorhin unten auf der Straße vor dem Hotel erlebt hatten. Da war nämlich die Postkutsche vorbeigefahren, und einer von uns hatte zum Fahrer hinaufgerufen: »Hoi, Kutscher, ist deine Arche Noah schon voll?« Und da hatte der Kutscher eine einladende Bewegung gemacht und zurückgerufen: »Nein, Cowpuncher, noch nicht! Es fehlt noch ein Stinktier, hahaha!«

Wir lachten wieder laut durcheinander. Auch Pecos versuchte es. Doch es wurde nur ein Stöhnen daraus. Er sagte schließlich: »Haut ab, Jungens, oh, haut ab. Die Mädchen warten auf euch. Aber holt euch nur nicht die Lustkrankheit der Seefahrer. Passt nur gut auf euch auf, Jungens!«

Wir gingen scheinbar zögernd und widerwillig, aber wir waren froh, dass er uns wegschickte. Denn er bot einen armseligen und niederdrückenden Anblick.

Sein Lebensweg würde bitter enden. Ein unabänderliches Schicksal hatte es wahrscheinlich so bestimmt.

Nachdem er den Doc bezahlt hatte, würde er vielleicht noch eine Weile in diesem Hotelzimmer liegen können. Aber bald schon würde sein Geld aufgebraucht sein, und in dieser harten Welt gab es nichts geschenkt.

Die Menschen hier waren hinter dem Geld von uns Herdentreibern her wie der Teufel hinter einer armen Seele. Die Stadt war als Verladebahnhof für texanische Rinderherden gegründet worden.

Man wusste hier, dass wir nach einem langen Treiben die Taschen voll Geld hatten. Und man versuchte, uns möglichst viele Dollars wieder abzunehmen.

Pecos würde für jede Hilfe zahlen müssen.

Wenn er schlau war, besorgte er sich ein billigeres Lager im Mietstall und wartete dort auf seine Genesung, die ja noch viele Wochen dauern konnte.

Seine Zukunft war ungewiss.

Aber das war bei uns nicht anders.

Denn wenn wir auch bald wieder einen Job annehmen konnten, auf einer Ranch oder bei einem Herdentreiber, würde dies nicht ewig so weitergehen. Unser Schicksal war ungewiss.

Als wir auf die Straße traten, sagte Wade: »Ich hatte schon mal die Gelegenheit, in Nogales eine reiche Witwe zu heiraten. Ja, sie wollte mich, war verrückt nach mir. Da wäre ich aller Sorgen ledig gewesen, was die Zukunft betrifft.«

Wir hielten an und sahen in sein Gesicht.

»Und warum hast du sie nicht geheiratet?« Ich fragte es sanft und verständnisvoll, mochte seine Antwort so oder so ausfallen.

Er wischte sich über sein Indianergesicht.

»Ach«, sagte er, »sie nannte mich einen feurigen Hengst und erwartete in diesem Sinne eine Menge von mir. Sie war auch mehr als zehn Jahre älter und wollte vor dem Altwerden noch einmal den Himmel erleben. Ja, sie fürchtete das Alter und deshalb aß sie jede Menge Knoblauch. Sie stank aus allen Poren nach Knoblauch. Ich konnte nicht bleiben. Aber wenn ich an Pecos denke …«

»Aaah, Pecos hatte Pech – wir haben Glück«, unterbrach ihn Chuck. »Uns passiert das nicht! Wir reiten frei unter dem Himmel. Kommt, kaufen wir uns ein Mädchen!«

Wir nickten und machten uns auf den Weg.

Als wir Molly Savages Etablissement betraten, wo uns die dicke Chefin persönlich willkommen hieß und uns wortreich das Paradies versprach, fiel sie mir gleich auf – nein, nicht Molly, sondern Sue.

Dass sie Sue hieß, wusste ich da allerdings noch nicht. Ich sah sie nämlich zum ersten Mal. Sie wirkte noch sehr jung, und sie hatte ihr weizengelbes Haar zu zwei Zöpfen geflochten und mit roten Schleifen geschmückt. Sie besaß himmelblaue Augen und sah so unschuldig aus wie ein Engel.

Heiliger Rauch, dachte ich, was macht die hier in diesem Haus?

Molly bat uns indes an die Bar und schenkte uns einen Willkommensdrink ein. Dabei redete sie mit ihrer einschmeichelnden Stimme, lächelte wie ein Posaunenengel, und hatte dabei kalte, abschätzende Augen.

Und dann war plötzlich die Kleine mit den blonden Zöpfen neben mir und hängte sich an meinen rechten Arm.

»Hey, du bist aber mächtig groß, Texas«, sagte sie. Ihre Stimme klang kehlig, und aus der Nähe sah ich, dass sie nicht mehr so jung war, wie es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Sie war eine erfahrene Frau, gewiss älter als ich. Und in ihren Augen und den feinen Linien unter der Puderschicht, waren die Zeichen von rauen Wegen. Ich wusste, dass dieser Frau kaum noch etwas fremd war auf dieser Erde.

»Ich bin Sue«, sagte sie. »Und du gefällst mir sehr, Texas. Weißt du, es kommen viele Cowboys in unser Etablissement. Doch ich suche mir aus, mit wem ich nach oben gehe. Er muss mir gefallen. Und du bist einer von dieser Sorte.«

Oha, ich war kein blöder Hammel mehr. Ich wusste, sie wollte meine Dollars. Aber ich wollte auch etwas von ihr. Und sie sah so aus und ließ mich spüren, dass ich einen fairen Gegenwert dafür bekommen würde.

Also leerte ich das Glas, das Molly mir hingeschoben hatte, und ging mit Sue nach oben. Es war die einfachste und natürlichste Sache der Welt.

Ich war ein Cowboy, der fünf lange Monate Rinder durch alle sieben Höllen getrieben hatte.

»Ich bin Joshua Pilldarlik aus Laredo«, sagte ich zu Sue.

»Gut, Josh«, sagte sie. »Du wirst noch lange an mich denken – auch dann noch, wenn du wieder daheim in Texas bist.«

2

Ich blieb den ganzen Tag, die ganze Nacht und dann noch bis zum späten Vormittag des nächsten Tages, obwohl ich wusste, dass jede Stunde vier Dollar kosten würde.

Vielleicht – nein, wahrscheinlich – war ich doch ein blöder Hammel.

Aber diese niedliche Sue hatte mich in ihren Klauen und gab mich nicht mehr her. Als ich dann endlich doch ihren weiteren Versuchungen widerstehen konnte und mir die Stiefel anzog, da versuchte sie nicht länger, mich zu halten.

Aber sie begann zu weinen.

Wahrhaftig, sie weinte dicke Tränen, schluchzte herzzerbrechend.

Und dann klagte sie darüber, warum sie mich nicht schon viel früher und womöglich in Texas kennengelernt hätte, damals noch, als sie als neuntes Kind armer Siedler in einer armseligen Hütte lebte und mit dem erstbesten Mann fortlief, der sie mitzunehmen bereit war.

»Aus uns, Josh, wäre ein ganz besonders glückliches Paar geworden. Wir hätten es zu etwas gebracht und prächtige Kinder großgezogen. Doch das Glück, an einen Burschen wie dich zu geraten, hatte ich nicht. Stattdessen habe ich drei Kinder von drei verschiedenen Kerlen, die im städtischen Waisenhaus von Saint Louis leben und für die ich jeden Monat fünfundsiebzig Dollar aufbringen muss. Josh, schenke mir noch etwas Geld, das ich nicht mit Molly verrechnen muss, ja? Hilf mir für meine drei Kinder und …«

Oha, sie weinte und klagte zum Steinerweichen.

Und ich war ziemlich sicher, dass sie mir was vormachte und ein ganz geriebenes Luder war.

Aber ich war Texaner.

O Leute, ich muss wohl erklären, was ein texanischer Cowboy ist und wie sein Verhältnis zu Frauen ist.

Texas, so sagt ein altes texanisches Sprichwort, ist ein Paradies für Männer und Hunde und die Hölle für Frauen und Ochsen.

Und weil alle Texaner genau wissen, wie schwer es ihre Mütter, Ehefrauen und Schwestern haben, sind ihnen die Frauen heilig, und auch den liederlichsten gegenüber benehmen sie sich respektvoll und ritterlich.

Frauen sind von jeher das Kostbarste in Texas.

Selbst zu Huren vermag ein richtiger Texaner nicht mies zu sein.

Und so erging es mir auch jetzt.

Ich hatte mit dieser Sue viele Stunden verbracht, und manchmal glaubte ich wahrhaftig, dass ich mehr für sie war als nur ein zahlender Gast in ihrem Bett. Sie verschaffte mir zumindest die Illusion von Liebe, Wärme und herzlicher Zärtlichkeit.

Und so musste ich ihr Weinen und ihre Klagen ernst nehmen.

Oh verdammt, ich war gewiss ein blöder Hammel!

Aber vielleicht waren ihre dicken Tränen echt – und vielleicht hatte sie tatsächlich drei Kinder von drei verschiedenen Kerlen. Ja, möglich war es schon.

Und so ließ ich mehr als die Hälfte meines schwer verdienten Geldes bei ihr.

Als ich die Tür hinter mir zuzog, hörte ich sie sagen: »Gott segne dich, Laredo-Boy! Er soll dich auf allen Wegen beschützen. Denn du bist der allerletzte Ritter auf dieser Erde.«

Ich ging hinunter.

Sollte ich wütend sein über mich? Oder sollte ich mich freuen über das erlebte Glück der letzten Stunden, obwohl es so fragwürdig war, weil ich es mir kaufen musste? O verdammt, ich war nur ein texanischer Cowboy! Was wollte ich mehr! Bald würde ich wieder reiten und unter dem freien Himmel liegen in sternenklaren Nächten. Ja, ich würde noch lange an Sue denken und an alles, was sie mir gab.

Dennoch spürte ich auf den letzten Stufen der Treppe in mir einen Groll hochsteigen. Mir war nicht besonders gut, denn ich fühlte mich ausgebrannt, verkatert, irgendwie innerlich leer.

Unten hockten einige Gäste. Es waren Cowboys wie ich, aber sie gehörten zu einer anderen Mannschaft. Es waren ja inzwischen weitere Herden eingetroffen. Ganz Abilene war nun voller Rindertreiber.

Einer der fremden Cowboys sagte: »Oha, du bist wohl der ausdauerndste Bock von ganz Texas! Wir hörten, dass du schon an die vierundzwanzig Stunden dort oben …«

»Halt’s Maul«, grollte ich. Er war mir von Anfang an nicht sympathisch. Er gehörte zu der Sorte, die mir nicht schmeckt.

Und wahrscheinlich war es umgekehrt ebenfalls so.

Gewiss war er ein Raufbold, und das lange Warten darauf, dass eines der Mädchen frei wurde für ihn, hatte ihn gewissermaßen unter Druck gesetzt.

Er sprang auf und stellte sich mir in den Weg.

Dann tippte er mit seinem Zeigefinger gegen mein Brustbein und rief dabei: »Ich wette, ich kann ihn so umstoßen! Ich gehe jede Wette ein, dass er dort oben seine ganze Kraft gelassen hat. Und ich werde nicht das Maul halten, Langer. Im Gegenteil, ich kann dir was auf dein Maul geben. Willst du?«

Er war kleiner als ich, aber gewiss nicht leichter. Er war ein Bursche mit einem dicken Hals und sich schräg abwärts senkenden Schultern, in denen eine gewaltige Muskelkraft vorhanden war, die in seine langen Arme überging. Ich kannte die Typen.

Und da war wieder dieser verrückte Cowboystolz in mir.

Nein, ich konnte nicht um ihn herumgehen, um nach der Tür und durch diese hinauszugelangen. Ich konnte es einfach nicht.

Cowboystolz.

Und so gab ich es ihm. Meine Linke traf seinen Leib unter der Gürtelschnalle. Und als er sich verbeugte, riss ich das Knie hoch und traf sein Kinn.

Da war er alle.

Aber seine Sattelgefährten wollten ihn rächen.

Und es waren auch noch ein paar Jungens von meiner Mannschaft da.

Auch sie waren verkatert wie ich und wussten, dass der Spaß vorbei war. Der größte Teil ihres Geldes war in andere Taschen gewandert, und bald würde wieder der Ernst des Lebens beginnen. Sie fühlten sich ausgeplündert und ausgenommen.

Die andere Mannschaft aber war noch gierig auf alle Sünden und wartete schon viel zu lange. Es prallten also zwei Mannschaften aufeinander, von denen jede andere Beweggründe dafür hatte, Dampf abzulassen.

Molly Savages Stimme gellte über unsere Köpfe: »O ihr Stinkböcke, ich schlage euch die Schädel ein, oh, ihr werdet es noch bedauern, auch nur die kleinste Unordnung gemacht zu haben!«

Sie kletterte hinter der Bar auf den Stuhl, auf dem sie sonst hockte und vom Stuhl auf die Bar. In jeder Hand hielt sie eine Flasche.

Und wahrhaftig, sie begann mit den Flaschen wie mit Keulen nach jedem Kopf zu schlagen, der in ihre Reichweite kam.

Die Hölle war los.

Wir hatten es mit einer Mannschaft zu tun, die wir mit unserer Treibherde unterwegs überholt hatten im Wettrennen zur Furt am Cimarron. Das wollten sie uns jetzt ebenfalls heimzahlen.

Jemand stieß mich in Molly Savages Reichweite.

Und da bekam ich auch schon eine der Flaschen auf den Hut. Es war ein Schlag wie von einer Kriegskeule. Ich ging zu Boden und war für eine Weile ausgeschaltet.

***

Es ging mir gar nicht gut. Oh, mein armer Kopf! Es dauerte auch eine Weile, bis ich mich an alles einigermaßen zu erinnern vermochte.

Als ich die Augen öffnete, war das Tageslicht, das durch das Gitter in die Zelle fiel, fast so schmerzvoll wie Dolche, die mich stachen.

Und ich war auch nicht allein in der Zelle. Sie hockten überall. Einige stöhnten, andere fluchten, grollten.

Ich setzte mich auf und hielt meinen Kopf. Dann sah ich mich um.

Sie alle betrachteten mich bitter. Johnny Mahoun, der vom Brazos kam, sagte unfreundlich: »Angefangen hast du, nicht wahr? Warum ließest du dich von diesem Ohrenarsch von der Pfeil-L-Herde herausfordern? Die werden uns alle Dollars abnehmen und aus der Stadt jagen.«

Ich erwiderte nichts. Mein Kopf schmerzte zu sehr. Aber andere Stimmen mischten sich ein. Sie begannen zu streiten. Die einen gaben mir recht, die anderen schimpften mich einen Dummkopf, der sich herausfordern ließ.

Aber dann kamen der Stadtmarshai und zwei seiner Deputies.

Sie brachten uns zum Stadtrichter. Es ging alles ganz schnell. Wir hatten Molly Savages Etablissement ziemlich demoliert. Und so mussten wir unsere Taschen leeren.

Neben mir fluchte Jimmy Ladun und flüsterte immer wieder bitter: »Nun bekomme ich Lily nicht – nun habe ich keine Chance mehr, Lily zu bekommen. Oh, was bin ich für ein blöder Hirsch. Ich bin doch nur für einen Drink in diesen verdammten Laden gegangen – nur für einen Drink und …«

Ich hörte nicht länger zu, aber ich wusste, was Jimmy Ladun so bedauerte.

Er hatte ein Mädchen am Concho Creek. Wenn er mit zweihundert Dollar heimgekommen wäre, hätte ihm der zukünftige Schwiegervater die gleiche Summe geschenkt. Dann würde ihm auch die Bank vierhundert Dollar geliehen haben. Und mit achthundert Dollar konnte man sich in Texas eine kleine Ranch kaufen mit Rindern und Wasserrechten.

Das alles war für Jimmy Ladun nun nicht mehr möglich. Er war wieder ein armer Cowboy.

Der Richter sagte uns zum Schluss: »Dieses Gericht verzichtet darauf, auch eure Pferde und Sättel zu requirieren und zur Versteigerung zu bringen. Denn dann würden wir euch nicht loswerden. Ihr alle habt binnen einer Stunde diese faire Stadt zu verlassen. Raus hier!«

Er klopfte mit einem Holzhammer auf den Tisch.

Und wir drängten hinaus. Die meisten von uns trugen die Zeichen der Schlägerei und würden sie vielleicht das ganze Leben lang behalten.

Ja, wir waren Narren.

Aber nur solche wilden Narren konnten halbwilde Rinder von Texas Tausende von Meilen durch die Hölle treiben und dieser Stadt hier die Existenz ermöglichen. Ja, nur Kerle von unserer Sorte schafften das.

***

Als wir uns am späten Nachmittag vor der Stadt und noch jenseits der Verladerampen und Corrals versammelten, waren wir mehr als vier Dutzend. Es kamen noch einige andere hinzu, die nicht an der Schlägerei beteiligt waren, aber keinen Dollar mehr besaßen, weil man sie ausgenommen hatte wie tote Fische, bevor man sie an Stecken übers Feuer hielt.

Wir waren eine müde, marode, angeschlagene und verkaterte Bande.

Und wir befanden uns in einer bösen Stimmung. Jemand sagte: »Wenn wir wollen, könnten wir diese verdammte Hurenstadt klein machen. Wir brauchen uns das nicht gefallen lassen. Wollen wir?«

Wir kochten wahrhaftig vor Hass und Wut. Denn vor nicht langer Zeit hatten wir Texaner mit dem ganzen Süden den Krieg verloren. Texas war arm geworden wie eine Kirchenmaus. Dann wurden plötzlich die Rinder etwas wert. Doch man musste sie hierher nach Kansas treiben. In Texas zahlte man zwei Dollar für jedes Longhorn auf dem Huf. Unser Treibboss hatte dreizehn Dollar und fünfzehn Cents für jedes Tier bekommen. Und wir hatten mehr als zehntausend Stück ans Ziel gebracht.

Ohne uns war kein Rindergeschäft möglich bis hin zu den Abnehmern der Konservenfabriken im Osten. Nicht nur die Rinderbesitzer in Texas, sondern auch diese Stadt, die Eisenbahn und die Fleischfabriken verdienten durch uns.

Und nun hatte man uns wie den letzten Abschaum behandelt, nur, weil wir aus verschiedenen Gründen eine Art Koller bekamen und ein Hurenhaus kleinmachten.

Einige von uns holten ein Rind aus den Corrals. Wir sammelten trockenen Rinderdung, holten aus den Bahnschuppen auch einige Kistenbretter und anderes brennbares Zeug.

Dann nahmen wir das Rind aus und drehten es über der Feuersglut.

Es war Nacht geworden.

Wir hatten Hunger.

Der Weg nach Texas war weit.

Kaum einer von uns besaß noch einen Dollar.

Was würde werden?

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