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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 60

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Falken sterben stolz
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Vorschau

Falken sterben stolz

1

Als Sergeant Trige Quint sein Kommando halten lässt, wird es bald still. Die Pferde schnaufen nur noch, und kein klirrender Trab übertönt mehr die Flüche der Reiter.

Die Flüche sind in der Stille nun deutlich zu hören. Einer der hinteren Reiter knurrt aufsässig: »Dieser Narr da vorn wird mit uns doch wohl nicht in dieses Loch hineinreiten?«

Und eine andere Stimme erwidert bitter: »Darauf kannst du wetten, Pinky. Der tut das. Denn er ist Sergeant. Und er hat einen Befehl bekommen. Sergeanten führen immer die Befehle aus, die sie bekommen – immer! Sonst wären sie nicht Sergeanten geworden. Verstehst du das, Pinky?«

Der Sergeant hört dies alles und noch eine Menge mehr, denn auch die anderen Reiter murren und fluchen. Die Furcht lässt sie schwitzen, und auch ihre Aufsässigkeit wird allein aus der Furcht geboren. Überdies kennen sie den Sergeanten nicht. Sie alle kamen neu zu dem Kommando, dem auch der Sergeant angehört. Sie reiten mit ihm zum ersten Mal.

Der Sergeant starrt auf den Schluchteingang – auf ein dunkles Loch, in dem der Teufel selbst verborgen lauern könnte.

Nach einigen Atemzügen wittert er in die Runde. Dann sieht er über die Schulter auf sein Kommando zurück – auf zwölf mürrische, schwitzende und staubige Pferdesoldaten, die am liebsten umkehren und heimreiten wollen – heim, das bedeutet ein lausiges Armeecamp in den Black Hills zwischen Wyoming und South Dakota.

Die Reiter hinter dem Sergeanten haben nicht nur die übliche Ausrüstung für einen Patrouillenritt. Sie führen auch noch Schaufeln und Spitzhacken bei sich, die an ihren Pferden festgebunden sind.

Denn das hier ist keine Patrouille, sondern ein Beerdigungskommando.

Und die Leichen – nun, sie liegen in der Todesschlucht, vor deren Eingang sie halten.

Der Sergeant ruft nun ruhig: »Pinky, herkommen!«

Der gerufene Reiter kommt widerwillig nach vorn. »Was soll’s denn sein, großer Meister?«, fragt er aufsässig, und er selbst ist ein kaltäugiger Bursche mit Pockennarben, die seinen Gesichtsausdruck noch härter wirken lassen.

Wie die meisten dieser Soldaten von Sergeant Trige Quints Kommando kommt auch Pinky aus einem Straflager der Armee, wo man glaubte, ihn für den Rest seiner Dienstzeit klein gemacht zu haben.

Aber das war ein Irrtum. Seine Reden und all seine zur Schau getragene Aufsässigkeit beweisen es.

Er starrt frech in die Augen des Sergeanten.

Sie alle hier sind ein so genanntes »Himmelfahrtskommando«.

Pinky würde die meisten anderen Soldaten als Zeugen auf seiner Seite haben, was immer auch er vor einem Armeegericht aussagen würde.

Und der Sergeant weiß das.

Alle Reiter wissen es.

Fast alle sind Strolche, für die die Armee einst die letzte Rettung war. Aber dann kamen sie auch innerhalb der Armee nicht zurecht. Sie taugen nichts und werden wohl niemals etwas taugen.

Jetzt sind sie Bewährungssoldaten.

Der Sergeant sagt nun ganz ruhig: »Reiter Pinky Brown, reiten Sie als Scout in die Schlucht bis zu den Toten, sehen Sie sich um und kommen Sie dann zurück, um mir Meldung über das zu machen, was Sie gesehen haben. Wiederholen Sie meinen Befehl, bevor Sie sich vorschriftsmäßig abmelden.«

Pinky Brown holt Luft. Er möchte in ein Hohngelächter ausbrechen und diesem Sergeanten sagen, was er ihn kreuzweise könne.

Doch er lässt es bleiben.

Denn Pinky Brown war ein Revolverheld und ist es gewiss immer noch, obwohl er sich jetzt in der Armee versteckt. Pinky Brown hat im Verlauf seines Revolverlebens schon einige Male dem Tod ins Auge geblickt und dabei auf seinen Instinkt »gelauscht«. Er weiß, dass er sich auf seinen Instinkt verlassen kann. Wenn dieser ihm sagt, dass er den Gegner schafft, wenn er das sichere Gefühl des Sieges spürt – nun, dann wagt er stets alles.

Aber diesmal ist es anders.

Diesmal hat er plötzlich ein ungutes Gefühl. Es liegt nicht allein am Blick des Sergeanten, nicht nur an den kühnen, hellgrauen Augen – nein, es ist auch noch eine Strömung vorhanden. Pinky Brown spürt einen zwingenden Willen.

»Verdammt, Sergeant«, sagt er, »warum gerade ich? Und warum nicht wir alle?«

Da sehen sie alle den Sergeanten grinsen.

»Ganz einfach, Pinky«, sagt der Sergeant. »Wenn es eine Falle ist, bringen die roten Jungens nur dich um – sonst uns alle. Noch Fragen, Reiter Brown?«

Die Stimme klirrt plötzlich, obwohl sie leiser ist.

Pinky Brown schluckt mühsam. Dann sieht er sich um.

Und er sieht, dass sie nun alle gegen ihn und auf der Seite des Sergeanten sind.

Ja, sie alle finden es gut, dass zuerst einer von ihnen nachsehen geht, ob die Luft rein ist; sie finden es gut, weil es keiner von ihnen selbst tun muss. Jedem von ihnen wäre jeder andere Mann recht.

So einfach ist das.

Plötzlich hat der Sergeant sie alle auf seiner Seite.

Pinky Brown flucht bitter. Doch ein Feigling war er nie. Er weiß auch, dass sie alle hier unter Kriegsrecht stehen. Der Sergeant könnte ihn auf der Stelle erschießen. Er ist ja ohnehin nur auf Bewährung wieder bei der regulären Truppe. Jedes Armeegericht würde den Sergeanten freisprechen.

Pinky Brown nickt.

Dann hebt er die Hand an die verbogene Krempe seines Feldhutes, grüßt ziemlich korrekt, wiederholt den Befehl und meldet sich vorschriftsmäßig ab.

Aber als er in die Schlucht reitet, da denkt er immer wieder: Den bring ich bei der ersten guten Gelegenheit um. Den jag ich in die Hölle. Ja, das tue ich, sobald ich kann. Wenn ich heil hier rauskomme …

***

»Absitzen!« Dies ruft der Sergeant knapp. Aber dann fügt er hinzu: »Jeder Reiter behält die Zügelenden in einer Hand. Waffen bereithalten. Ihr könnt ausruhen und es euch sonst bequem machen. Doch scharf Ausschau halten nach allen Seiten.«

Sie gehorchen. Manche kauern sich nieder. Einige hocken sich nach Cowboyart auf die Absätze und deuten damit allein schon an, was sie mal waren, bevor sie zur Armee gingen.

Andere bleiben dicht bei ihren Pferden stehen, so als wollten sie wenigstens an einer Seite gedeckt sein.

Das Gelände ist wild und rau. Überall sind von der Erosion zerfressene Kalksteinfelsen. Dazwischen gibt es Grün. Sie befinden sich an der westlichen Basis eines Plateaus, das von der Schlucht durchbrochen wird wie eine Steinplatte von einem. Riss.

Immer wieder starren sie nach oben zu den Rändern des Plateaus.

Dort oben muss sich vor drei Tagen – wie sie hörten – das furchtbare Drama abgespielt haben. Dakota Horse hatte mit seiner Kriegshorde ein Goldgräbercamp überfallen, alles kleingemacht und drei Frauen geraubt. Eine starke Patrouille folgte ihm, um die weißen Frauen wieder zu befreien. Aber dann geriet die Patrouille in einen Hinterhalt. Sie wurde arg dezimiert, kämpfte sich wieder frei und war dann mit all ihren Toten und Verwundeten auf dem Rückzug, der eine Flucht wurde. Die Indianer jagten die Patrouille über das Plateau auf die Schlucht zu. Der Scout war längst gefallen, und nur er hätte die Soldaten warnen können. Als sie endlich den Abgrund vor den Hufen ihrer Pferde erkannten, war es zu spät. Nur wenige konnten noch abbremsen, doch auch sie wurden von den Indianern in die tiefe Schlucht gejagt. Es gab kein Entkommen für die Patrouille – bis auf einen einzigen Soldaten. Dieser war verwundet vom Pferd gefallen. Die vorbeipreschenden Verfolger schossen zwar auf ihn. Doch auch diese Kugeln töteten ihn nicht. Er schwang sich später auf ein reiterloses Pferd, das den Verfolgten und ihren Verfolgern nachlief. So kam er schließlich nach Camp Joker.

Und nun ist das Beerdigungskommando von Camp Joker hier.

Einer der Soldaten ruft plötzlich: »Indianer! Ich sehe Indianer! Verdammt, da sind überall Indianer!«

Nun erblicken auch noch andere Soldaten die Roten.

Aber zugleich wird klar, dass sich die Indianer nun absichtlich zeigen.

Der Sergeant sagt ruhig über den Rastplatz seines Kommandos hinweg: »Nur ruhig, Männer – ganz ruhig. Die sind schon lange da, und wenn sie gewollt hätten, wären wir alle schon im Jenseits. Die wollen wahrscheinlich mit mir reden. Also ganz ruhig, Leute! Sie haben uns längst als Beerdigungskommando erkannt, und sie achten die Toten, weil sie einst als Tote auch geachtet werden wollen. Bleibt also ruhig, Männer. Und wartet!«

Nach diesen Worten sitzt er wieder auf.

Er erkennt Dakota Horse halb rechts vor sich, und er reitet langsam hinüber. Dakota Horse hat ein halbes Dutzend Krieger hinter sich. Doch er reitet dem Sergeanten nicht entgegen. Er wartet und strömt dabei feindlichen Hochmut aus.

In einem weiten Kreis sind noch viele Indianer zu sehen; es müssen fast hundert Krieger sein. Sie sind gut bewaffnet. Viele sitzen in Armeesätteln. Einige haben sich sogar Uniformteile angezogen.

Sie haben gekämpft, gesiegt und Beute gemacht. Nun zeigen sie das alles voller Stolz.

Der Sergeant reitet im Schritt. Er nimmt sich Zeit. Es hätte keinen Sinn, sich zu beeilen, denn die Indianer kosten die Situation aus. Jede Einzelheit wird in ihre Stammesgeschichte eingehen.

Es dauert also eine Weile, bis er vor Dakota Horse verhält, von dem er weiß, dass er weitläufig mit Rote Wolke verwandt ist.

Aber sie kannten sich schon als Jungen. Er erinnert sich an viele Dinge.

Nun verhalten sie endlich voreinander und betrachten sich ernst.

»Pferdesoldat«, sagt Dakota Horse schließlich verächtlich in englischer Sprache, die er recht gut spricht, weil auch er einmal in Pater de Smets Missionsschule ging, wie so viele Indianer damals, als noch Frieden war und Fort Laramie nicht der Armee, sondern den weißen Händlern gehörte.

»Pferdesoldat«, wiederholt er, »mehr ist nicht aus dir geworden – nur ein Pferdesoldat.«

Der Sergeant nickt. »Richtig«, sagt er, »mehr nicht. Und es ist eine schlechte Zeit für einen Sergeanten in der Armee, eine sehr schlechte Zeit. Wollt ihr uns töten? Wir sind nur hier, unsere Toten zu bestatten. Sollen unsere Toten aus dem Jenseits auf euch spucken, weil ihr nicht zulassen wollt, dass wir ihre sterblichen Hüllen der Erde wiedergeben – oder warum sonst habt ihr uns eingekreist?«

Dakota Horse ist ein so genannter »schöner« Indianer, ein geradezu klassischer Vertreter der Sioux, ein Oglala, und die Oglala sind nur einer der sieben Teton-Sioux-Stämme. Dakota Horses Kopf hätte als Modell dienen können für den Indianerkopf auf den Goldstücken.

Diesmal trägt er nur eine einzige Feder, aber die Feder hat viele Einschnitte und Markierungen – und jeder Einschnitt und jede Markierung ist eine Art Tapferkeitsmedaille. Solch eine markierte Feder ist wie eine Ordensschnalle.

Seine nackte Brust ist von Narben bedeckt.

In seinen schrägen Augen glitzert es.

»Komm, Pferdesoldat«, sagt er. »Komm, ich will dir etwas zeigen!«

Er wendet sein Pferd und reitet davon.

Der Sergeant zögert nur kurz. Dann folgt er ihm tatsächlich, ganz und gar so, als machte er sich keine Sorgen um sein Leben.

Die sechs Krieger, die bisher hinter dem Häuptling hielten, lassen auch ihn zwischen sich hindurch, aber dann schließen sie sich an.

Es ist kein weiter Ritt; kaum mehr als eine halbe Meile ist zu reiten.

Der Sergeant denkt an seine Reiter, die ihn jetzt gewiss vermissen werden wie unmündige und hilflose Kinder ihre gute Mom. Sie werden jetzt fluchen und ihn wegen seiner Dummheit verwünschen, und die Furcht wird ihnen Magenkrämpfe bereiten.

Aber er kann darauf keine Rücksicht nehmen und muss darauf vertrauen, dass sie keine Dummheiten machen. Eine Dummheit zum Beispiel wäre, wenn sie sich wieder auf die Pferde setzten und die Flucht versuchten.

Sie kämen nicht weit. Ihr Leben hängt allein davon ab, dass die Indianer ihren Toten – also den Toten der Armee – Ehre erweisen wollen und deshalb zulassen, dass das Beerdigungskommando seine Arbeit tut.

2

Hinter einer lang gestreckten Kalksteinformation begreift der Sergeant dann, wohin der Häuptling ihn geführt hat. Zugleich beginnt er aber auch den Sinn der ganzen Sache zu ahnen.

Denn dort im Schatten der Felsen hocken die drei entführten Frauen. Wegen ihnen rückte damals die Patrouille aus und verfolgte die Indianer. Es war eine verdoppelte Patrouille, also vierundzwanzig Mann, ein Leutnant und ein Sergeant.

Nun sind sie tot.

Und die Frauen hocken dort.

Sie sehen ihn bewegungslos an; es ist etwas in ihren Gesichtern, was ihn an Fatalismus denken lässt. Er erkennt in diesem Moment, dass ihnen nach so wenigen Tagen bei den Indianern nur noch der Glaube an die Unabwendbarkeit ihres Schicksals geblieben ist, der sie wiederum allein dazu befähigt, alles zu ertragen.

»Sprich mit ihnen«, sagt Dakota Horse. »Nimm dir Zeit! Sprich mit ihnen wie ein Bruder zu seinen Schwestern.«

Trige Quint starrt ihn an, und er begreift jetzt, um was es gehen wird.

Dakota Horse will gewiss ein Geschäft machen. Dies ist ziemlich sicher.

Aber er fragt noch nicht; was Dakota Horse will. Er sitzt langsam ab, geht zu den drei Frauen und hockt sich vor ihnen auf die Absätze.

Sie sehen ziemlich zerzaust aus.

Endlich sagt eine: »Nun, Drei-Winkel-Soldat, was hat sich denn die Armee einfallen lassen, damit wir aus dieser Klemme herauskommen? Oh, wir wissen, dass die Armee schon eine Menge Soldaten verloren hat wegen uns. Ja, das wissen wir. Und dennoch wollen wir immer noch weg von diesen Wilden. Das können Sie sicherlich verstehen. Warum schickte die Armee keinen Offizier als Unterhändler? Sagen Sie uns das.«

Die Sprecherin redet mit einer kehligen Stimme, in der Bitterkeit und Verachtung klingen. Sie ist mehr als hübsch und mag knapp dreißig sein.

Ihr Blick ist gerade und fest. Sie hat rabenschwarzes Haar, blaue Augen und ein paar Sommersprossen. Auf den Sergeanten wirkt sie wie eine Frau, die gewöhnt ist, unter Männern zu leben und sich zu behaupten.

»Ich bin Nelly Ballangher«, sagt sie und deutet auf ihre Nachbarinnen.

»Da, der Rotkopf ist Bell Shane. Und die Blonde heißt Dora Lassitter. Wir waren die einzigen Frauen in der Hellgate-Schlucht. Und wir sind auch die einzigen Überlebenden. Es ist doch manchmal gut, eine Frau zu sein. Nicht wahr?«

Ihre Stimme klingt zuletzt höhnisch.

Trige Quint sieht die beiden anderen Frauen an. Diese sind etwas jünger, aber auch sie sind keine dummen Dinger mehr, sondern Frauen, die das Leben längst schon kennen lernten.

Bell Shane ist sogar eine Schönheit auf eine rassige und etwas herbe Art.

Ihr Haar ist rot wie eine Flamme, und sie hat grüne, schräge Katzenaugen.

Sie lächelt ihn kalt und hart an.

»Hallo, Sergeant«, sagt sie. »Ich hatte schon mehr als einen Mann, aber noch nie einen Indianer. Jetzt sieht es so aus, als bekäme ich davon mehr als ein Hund Flöhe ins Fell. Und diese miese Armee wird uns wohl nicht herausholen, nicht wahr?«

So bitter ihre Stimme klingt und so sehr sie auch die ganze Welt verachtet – er erkennt dennoch in ihrem Blick einen Ausdruck von nur schlecht verborgener Hoffnung.

Er nickt ihr zu.

»Sicher holen wir euch hier raus – sicher, Schwester.«

Er sieht nach der dritten Frau.

Sie ist blond. Sie ist dabei, ihr Haar in Zöpfe zu flechten. Aber ihre nervös zuckenden Finger verraten sie. Wahrscheinlich macht sie die Zöpfe immer wieder auf, um sie neu zu flechten. Ja, sie ist blond – oder besser gesagt: gelbhaarig. Ihr Haar ist so gelb wie reifer Weizen. Und ihre Augen sind wie brauner Samt.

»Ihr müsst uns schon rausholen«, sagt sie. »Denn in der Hellgate-Schlucht ist eine Menge Gold versteckt. Wir kennen das Versteck, denn wir sind die einzigen Überlebenden. Wenn uns die Armee nicht rausholt, dann tut es gewiss ein Aufgebot der Bürgermiliz. Man muss diesem Aufgebot nur sagen, dass man durch uns zu einer Menge Gold kommen kann. Verstanden?«

Er staunt über ihre Lebenskraft. Denn sie hat Angst. Sie ist fast verrückt vor Angst und muss fortwährend Zöpfe flechten, nur um sich zu beschäftigen. Und dennoch behält sie bei aller Angst einen klaren Kopf und wirft ihm nun einen Köder hin.

Gold!

Verdammt, das ist ein Wort. Gold!

Oh, er kennt die Hellgate-Schlucht. Sie ist ein übles, feuchtes Loch. Ein paar kleine Minen, einige Dutzend Claims, ein paar Hütten, dazu ein Saloon mit einem Store – das war alles, was im Hellgate Platz hatte.

Er nickt den drei Frauen zu.

Dann erinnert er sich daran, dass diese Nelly Ballangher immer noch auf eine Antwort wartet.

Er sagt: »Die Armee in Camp Joker hat keine Offiziere mehr, die sie auf Patrouille schicken könnte. Deshalb bekam ich dieses Kommando. Wir kamen her, um unsere Toten zu begraben – mehr nicht. Ich werde dem Major Meldung machen und ihm ausrichten, was Dakota Horse mir gewiss gleich noch auftragen wird. Ich …«

Er verstummt, denn er wollte sagen: »Ich würde mir an eurer Stelle nur wenig Hoffnungen machen, was ein baldiges Freikommen angeht. Es wird verdammt lange dauern, bis die Armee hier etwas unternehmen kann.«

Ja, dies hätte er fast gesagt.

Denn er ist ein rauer Bursche in einem rauen Land, in dem man ständig den Tatsachen ins Auge sehen muss und die Dinge auch stets beim Namen nennt.

Aber dann fällt ihm noch rechtzeitig ein, dass er es diesen drei unglücklichen Frauen so nicht sagen kann.

Und so murmelt er: »… werde tun, was ich kann.«

»Und das wird verdammt wenig sein«, sagt Nelly Ballangher grob.

Sie blicken ihn dann stumm an, sagen nichts mehr.

Und er weiß nicht, was er ihnen sagen könnte. Denn alles wäre wahrscheinlich nur gelogen.

Er erhebt sich aus seiner hockenden Haltung und klettert wieder auf sein Pferd.

Als er Dakota Horse ansieht, sagt dieser trocken: »Es kommt ein Frachtwagenzug nach Camp Joker. Vom Missouri her. Dort wird das Schiff ausgeladen. Bald kommen die Wagen in die Nähe von Camp Joker. Wenn sie dort ankommen, werden die Soldaten dort keinen Mangel mehr haben an Proviant, Ausrüstung, Werkzeugen und Waffen mit Munition. Aber diesen Wagenzug will ich. Verstehst du? Der ganze Wagenzug ist zu einem Ort zu bringen, den ich noch bestimmen werde und wo ihn viele Stämme erwarten. Dafür lasse ich diese drei weißen Frauen unberührt von uns frei. Wenn nicht …«

Er verstummt und grinst breit, aber ohne Freundlichkeit.

Sergeant Trige Quint zuckt leicht zusammen. Denn er weiß, dass die Armee niemals auf diese Erpressung eingehen wird. Drei weiße Frauen für einen ganzen Wagenzug. Das kann die Armee nicht machen. Denn wenn Dakota Horse dieser Coup gelingen sollte, dann ist er der neue Messias, an den die jungen und ungeduldigen Krieger aller Stämme glauben werden.

Sie werden zu ihm strömen, um ihm dabei zu helfen, die Black Hills von den Goldsuchern zu reinigen.

Für Sergeant Trige Quint ist völlig klar, dass sich die Armee nicht auf diese Weise erpressen lassen wird.

Nicht einmal ihre Befreiung wird man vorerst versuchen. Dakota Horses Kriegshorde ist zu stark. Der Major kann es sich nicht leisten, noch mal eine Doppelpatrouille zu verlieren. Dann wäre Camp Joker nicht mehr zu verteidigen. Dakota Horse könnte es dann überrennen.

All diese Gedanken schießen dem Sergeanten in Sekundenschnelle durch den Kopf, indes er den Häuptling ansieht und dieser auf seine Antwort wartet.

Ja, was soll er antworten?

Es kann nur eine einzige Antwort geben, will er für die drei Frauen noch etwas Schonung herausholen.

Er nickt Dakota Horse zu und sagt: »Ich werde dem Major im Camp genau berichten. Mehr kann ich nicht tun. Du weißt ja, ich bin nur ein Pferdesoldat mit drei Winkeln.«

Dakota Horses Augen glitzern, und sie wirken jetzt noch schräger.

Er nickt leicht.

»Der Major soll eine Stunde nach deiner Ankunft eine weiße Flagge hissen«, sagt er schließlich kehlig. »Dies ist das Zeichen seines Einverständnisses. Ich werde dann einen Boten schicken, der euch sagen wird, wohin ihr den Wagenzug zu bringen habt und was ihr tun müsst, nachdem ihr ihn abgestellt habt. Du kannst reiten, Pferdesoldat.«

Das letzte Wort spricht er wieder mit seiner ganzen Verachtung.

Der Sergeant wendet sich im Sattel und blickt zu den drei Frauen hinüber.

Sie erwidern seinen Blick, und er sieht ihnen an, dass sie jetzt darauf warten, dass er ihnen etwas sagen wird, an das sie sich klammern können.

Doch was kann ihnen ein Sergeant schon für Hoffnungen machen?

Indes er sich noch müht, irgendwelche Worte zu finden, sagt die dunkelhaarige Nelly Ballangher zu ihm: »Brechen Sie sich nur keinen ab, Sergeant. Wenn Sie nicht wissen, was Sie uns sagen sollen, dann halten Sie lieber den Mund. Aber sagen Sie Ihrem Vorgesetzten, der die Entscheidung zu treffen hat, dass wir ihn und die verdammte Armee bis in alle Ewigkeit verfluchen werden, wenn man uns nicht herausholt aus dieser Klemme. Sagen Sie ihm, dass diese Wilden bald über uns herfallen werden und man uns dann vielleicht hundert Meilen weit kreischen hört. Verstanden, Sergeant?«

Er nickt nur.

Dann reitet er davon.

Die drei Frauen tun ihm leid.

Und er verspürt in diesen Minuten ein Gefühl der Verachtung gegen die Armee, deren Uniform er trägt.

***

Die Soldaten würden am liebsten ein Freudengebrüll ausstoßen oder ein Halleluja anstimmen, als sie ihn kommen sehen. Es geht ihnen gefühlsmäßig jetzt so wie hilflosen Kindern, die auf ihre heimkehrende Mom warteten und schon in großer Sorge über sie waren.

Er nickt ihnen zu und grinst sie an.

»Hat sich einer vielleicht schon in die Hosen gemacht?« Aber er wartet selbstverständlich nicht auf eine Antwort. Überdies weiß er, dass die meisten dieser Reiter Hartgesottene sind.

»Aufsitzen! Wir reiten in die Schlucht!«

Sie starren ihn an, aber dann bewegen sie sich willig.

»Und damit ihr ruhiger werdet«, ruft er über ihre Reihe hinweg, »kann ich euch verraten, dass uns die Indianer unsere Arbeit tun und danach auch unbehelligt abreiten lassen werden. Vorwärts!«

Sie folgen ihm in die Schlucht.

Und bald darauf treffen sie auf Soldat Pinky Brown, der schon auf dem Rückweg ist. Pinky Brown ist gelb und grün im Gesicht.

Er starrt in die hellen, harten Augen des Sergeanten. Dann grüßt er vorschriftsmäßig.

»Die Toten liegen eine Meile weiter, Sergeant«, meldet er. »Oder vielmehr die Überreste von Menschen und Pferden. Die sind ja schon alle fast aufgefressen von diesen verdammten Aasfressern. Dort bei den Toten sind Wölfe, Kojoten, Geier, sogar Raben – verdammt noch mal, sogar riesengroße Raben. Wir alle werden …«

»Schon gut, Soldat Brown«, unterbricht ihn der Sergeant. »Reihen Sie sich wieder ein.«

Aber Pinky Brown starrt ihn feindselig an.

»Warum haben Sie mich denn in dieses Loch geschickt, wenn Sie mit diesen Affen dann doch nachgerückt kommen?« Er ist wütend, weil er die schrecklichen Dinge allein erleben musste. Sergeant Quint betrachtet ihn kalt.

»

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