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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 006

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Gun-Sisters
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Die Gun-Sisters

1

Pat McNall kennt sich aus in diesem Land. Früher einmal war er hier Wildpferdjäger und Wagenzugführer, Armeescout und sogar eine Weile Deputy Marshal in Concho Creek City, bevor in der kleinen Stadt die Brunnen versiegten und sie zur Geisterstadt wurde.

Er kennt sich also wirklich aus. Deshalb blieb er auch, nachdem er Lena geheiratet hatte, die ihm bald schon Zwillingstöchter schenkte, wunderhübsche, kleine süße Püppchen.

Dies ist nun schon mehr als fünfzehn Jahre her. Und auch der Krieg der Nord- gegen die Südstaaten liegt schon zwei Jahre zurück. Eigentlich müsste es nun aufwärtsgehen im Land – wenn, ja wenn die verdammten Apachen nicht wären.

Pat McNall hasst Apachen, wie ein Mann sie nur hassen kann.

Zweimal schon zerstörten sie die Hügelfarm der McNalls, brannten alles nieder und töteten alle Tiere. Beide Male kamen die McNalls nur deshalb mit dem Leben davon, weil die Apachen selbst gejagt wurden von der Bürgermiliz und von Skalpjägern. Sie konnten sich nicht so lange aufhalten, bis die McNalls aus dem brennenden Haus kommen mussten, die Verfolger waren ihnen zu dicht auf den Fersen.

McNall weiß das alles noch zu gut, und er hat einen Instinkt für Apachen. Er kann ihre Nähe spüren, sie fast so wittern wie sein Hund, den sie alle einfach nur Hund oder Beißer nennen.

Indes er mit seiner Frau und den beiden Töchtern das Maisfeld aberntet und sie die Bündel zum Wagen tragen, beobachtet er den Hund.

Beißer wittert fortwährend in die Runde, aber besonders aufmerksam in das große Maisfeld hinein. Es regt sich kein Windhauch. Die Sonne steht schon ziemlich hoch. Bald wird es heiß sein. Zu heiß, um arbeiten zu können.

Pat McNall weiß es plötzlich mit untrüglicher Sicherheit.

Das Verhalten des Hundes und sein eigenes Gespür sagen es ihm.

Im Maisfeld, das sie erst zu einem Fünftel abgeerntet haben, stecken Apachen. Es kann nicht anders sein.

Und dafür, dass sie noch nicht angriffen und ihn zu töten versuchten, um die drei Frauen in ihre Hände zu bekommen, gibt es nur eine einzige Erklärung: Es sind vorerst nur zwei oder drei Krieger. Sie warten noch auf den Haupttrupp, die eigentliche Horde. Denn sie sind nur Späher.

Pat McNall kennt die Streifzugtaktik der Apachen zu gut. Sie bewegen sich stets nur in kleinen Horden durch das Land und senden nach allen Seiten Späher aus.

Und wenn sie eine Beute finden, dann sammeln sie sich und schlagen zu.

Letzteres kann jetzt jede Minute der Fall sein.

Und er weiß auch, dass es dumm wäre, nun zur Farm zu flüchten. Sie kämen nicht mehr alle hin. Selbst zwei oder drei Apachen würden dann nicht mehr länger warten, sondern zu schießen beginnen.

Oh, dieses verdammte Maisfeld, denkt Pat McNall. Denn er sitzt mit seiner Familie in der Falle. Bis zur Farm ist es eine Viertelmeile über freies Land. Sie kämen nicht mehr hin. Einen Moment ist er versucht, in das Maisfeld einzudringen und mit dem Colt in der Faust nach den Kriegern zu suchen. Aber gegen drei Apachen in einem Maisfeld hätte er keine Chance.

Wenn Wind wehen würde, könnte er das Maisfeld in Brand setzen. Aber es ist windstill. Das Feuer würde sich zu langsam ausbreiten. Die verborgenen Apachen könnten mühelos entkommen.

Pat McNall begreift plötzlich, dass er sterben wird.

Und wie ist es mit seiner Familie?

Wie viel Zeit ist noch? Diese Fragen schießen ihm durch den Kopf. Und er weiß, dass er etwas in Gang bringen muss.

Es ergibt sich in dieser Minute, dass sie alle zu gleicher Zeit ein Bündel Mais zum Wagen bringen. Sie ernten ja die ganzen Pflanzen, denn sie brauchen auch das Stroh, nicht nur die Früchte.

Und als sie die Bündel auf den Wagen werfen, da sagt er zu seiner Frau und den Töchtern: »Fahrt los. Bringt den Wagen zur Farm. Ich komme gleich nach!«

Er gibt sich Mühe, in seiner Stimme nichts von seiner innerlichen Anspannung mitschwingen zu lassen. Aber sie spüren es dennoch.

Die Zwillinge sind zwei rassig schöne Mädchen. Sie sehen auf den Vater. Und auch Lena sieht ihn an.

»Aber der Wagen ist noch nicht voll«, sagt Lena.

»Voll genug«, erwiderte er. »Und es ist auch zu heiß. Na los, macht schon!«

Seine Stimme drängt, und sie können ihm jetzt ansehen, dass er nervös ist und gewiss nicht nur wegen der Hitze schwitzt. Auch sehen sie, dass er den Colt zurechtrückte und die Sicherungsschlaufe löste, welche die Waffe im Holster vor dem Herausgleiten bewahren soll.

In diesem Land geht kein Mann eine Viertelmeile weit weg von seinem Haus ohne Waffe. Und auch auf dem Wagenbock liegt ein Gewehr, dessen Kolben leicht zu greifen ist.

Lena McNall ist immer noch eine mehr als hübsche Frau. Die schwere Arbeit der vergangenen Jahre hat ihrer Schönheit kaum etwas anhaben können. Sie gehört zu jenem Typ von Frauen, die noch mit grauen Haaren ihre mädchenhafte Figur behalten.

Lena weiß plötzlich Bescheid.

Und so sagt sie zu den Zwillingen: »Hört, was euer Vater sagt! Fahrt los! Sofort, aber ohne Eile. Auf was wartet ihr noch?«

Dabei greift sie nach dem Gewehr, nimmt es vom Fahrersitz und wendet sich Pat zu.

»Ich bleibe bei dir«, spricht sie ruhig. »Verdammt, ich lass mich nicht wegschicken, Patrick McNall.«

Er sieht in ihre Augen und erkennt darin, dass sie Bescheid weiß. Denn auch sie ist ein Kind dieses Landes und schon zu lange mit ihm verheiratet. Sie kennt sich aus und kann in ihm lesen wie in einem Buch. Er kann ihr nichts vormachen – konnte es nie, wenn er versuchte, irgendwelche Probleme von ihr fernzuhalten.

Sie kümmern sich nicht um die Zwillinge, denn sie sind gewöhnt, dass diese in bestimmten Situationen gehorchen, ohne Fragen zu stellen.

Sie hören auch den Wagen anrollen. Die Zwillinge gehen rechts und links neben den beiden Pferden und entfernen sich in Richtung Farm.

Pat und Lena McNall sehen sich immer noch an.

»Vielleicht wird es nicht so schlimm«, murmelt Lena. »Denn ich möchte noch eine Weile mit dir auf dieser Erde Zusammensein.«

»Das möchte ich auch«, murmelte er und hebt seine Hand, streicht ihr über die Wange. »Ich habe verdammt viel Glück gehabt, als ich dich damals bekam«, spricht er weiter. »Du allerdings hättest was Besseres verdient als mich.«

»Nein, ich bekam den Besten«, widerspricht sie, »den Besten von zehntausend und noch mehr.«

Sie hören beide, dass der Wagen nun weit genug davongerollt ist. Die Zwillinge müssten jetzt eine Chance haben, noch lebend ins Haus zu kommen. Und dort können sie sich mit den Schrotflinten verteidigen.

Pat und Lena McNall wenden sich wieder dem Maisfeld zu.

Pat sagt hart: »Los, Beißer, such sie!«

Der Hund – er ist so groß wie ein Büffelwolf, nur noch zottiger – knurrt nicht einmal, als er sich in Bewegung setzt. Geduckt erreicht er die erste Reihe der mehr als mannshohen Pflanzen.

Da bekommt er den Pfeil in den Hals.

Gleichzeitig krachen auch Gewehrschüsse.

Die Apachen hatten McNalls Absicht begriffen. Nun wollen sie es doch selbst versuchen und nicht mehr auf die Horde warten. Sie sind zu dritt, und jener, der den Pfeil in den Hals des Hundes schoss, greift nun nach dem Colt. Die beiden anderen schießen mit guten Spencer-Karabinern. Und sie kamen im Maisfeld weit genug nach vom, um zwischen den Pflanzen einigermaßen erkennbar zu sein. Auch verrät sie ihr Mündungsfeuer.

Pat McNall feuert mit dem Colt.

Seine Frau kniet und schießt mit dem Gewehr, repetiert immer wieder blitzschnell durch. Ja, Lena McNall kann schießen, besser als mancher Mann. Dennoch sind sie im Nachteil. Denn sie haben keine Deckung. Von den huschenden Apachen ist stets nur für Sekundenbruchteile etwas zwischen den Maispflanzen zu sehen.

Für Patrick und Lena McNall ist es die Minute des Sterbens. Sie haben keine Chance. Was nützt es ihnen, dass sie einen Apachen töten und die beiden anderen schwer verwunden. Nichts. Denn sie sterben nebeneinander.

Nur ihren beiden Töchtern verschaffen sie einen Aufschub.

Denn eigentlich kann es ja wohl nicht mehr als ein Aufschub sein.

Wenn die Horde kommt, wird sie die Farm zerstören. Und wenn die beiden Mädchen lebend in ihre Hände fallen, werden die Apachen versuchen, ihnen Kinder zu machen. Sie werden die Zwillinge mitnehmen, um Nachkommen zu zeugen.

Denn so haben Apachen schon immer gehandelt.

Da sie von Raubzügen leben, haben sie stets Verluste an Kriegern.

Also rauben sie Frauen, wo sie nur können, und Kinder, vor allem Jungen, um Apachen aus ihnen zu machen.

Den Zwillingen steht Schlimmes bevor, wenn keine Rettung kommt.

***

Sie heißen Sally und Sue, und sie kennen die Welt und deren Menschen noch nicht. Die größte Stadt, die sie jemals zu sehen bekamen, war Tucson. Sie lebten mit ihren Eltern in den Hügeln.

Aber sie erinnern sich noch gut an die beiden Apachenüberfälle, obwohl sie damals noch Kinder waren.

Natürlich begreifen sie, dass ihre Eltern sich für sie opferten.

Aber sie sind klug genug, nicht zum Maisfeld zurückzulaufen.

Sie erreichen das Haus, werfen die Tür hinter sich zu, legen den Querbalken vor und reißen die Schrotflinten aus dem Ständer an der Wand. Sie tun dies automatisch, wie Marionetten, die an Drähten gezogen werden. Sie sind wie betäubt von der Furchtbarkeit des Geschehens. Es ist irgendwie eine gnädige Betäubung, denn so spüren sie nicht den Schmerz über den Tod der Eltern und die Verzweiflung über die Hilflosigkeit und Not, in die sie plötzlich geraten sind. Außerdem sind sie selbst in Gefahr, und der Wille zum Überleben, drängt den Schmerz ebenfalls zurück.

Ihre Eltern haben sich für sie geopfert, dies begreifen sie voll.

Nun müssen sie Lebenskraft beweisen.

Sally, die einige Minuten älter ist als Sue, sagt heiser: »Die sollen nur kommen, diese Hurensöhne, diese roten Bastarde, denen geben wir es.«

»Ja, Sally«, erwiderte Sue, die bei dem zweiten schießschartenartigen Fenster Stellung bezogen hat und den Doppellauf der Schrotflinte ins Freie schiebt. »O ja, Sally, denen geben wir es, verdammt noch mal! Aber ich würde dennoch gerne nachsehen, ob unsere Eltern noch leben. Sieh doch, da drüben beim Maisfeld rührt sich nichts, gar nichts. Dad und Mom haben vielleicht alle Apachen niedergekämpft. Und wenn sie nicht tot sind, sondern nur bewusstlos, dann …«

»Nein, Sue«, unterbricht Sally die Schwester. »Wir gehen nicht hinaus. Ich kann Mom und Dad liegen sehen. Sie rühren sich nicht mehr. Vielleicht warten die Apachen nur darauf, dass wir nachsehen kommen. Wir bleiben hier und warten ab.«

Indes sie diese Worte wechseln, rinnen ihnen die Tränen über die Wangen.

Die Zwillinge sind verzweifelt.

Und dennoch … Sie wollen am Leben bleiben, davonkommen. Sie wissen, dass Jammern und Klagen ihnen nicht helfen können. Sie müssen jetzt einen klaren Kopf bewahren, dürfen nicht die Kontrolle über sich verlieren. Niemand ist da, der ihnen in dieser Situation Hilfe bringen kann. Sie sind ganz auf sich selbst gestellt. Sie müssen kämpfen.

Das Haus ist fest gebaut. Und dennoch wird das Maisstrohdach leicht in Brand zu setzen sein. Und dann haben sie nur die Wahl, im Haus zu verbrennen, sich selbst zu töten oder sich den Apachen auszuliefern.

Diese drei Möglichkeiten haben sie.

Die Hoffnungslosigkeit ist schrecklich. Und sie müssen deshalb immer wieder wie würgend schlucken. Dann aber wischen sie sich energisch die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können.

Wo sind die Apachen?

Warum zeigen sie sich nicht?

Waren es wirklich nur wenige, die von den Eltern niedergekämpft wurden?

Gibt es keine größere Horde?

Wie lange sollen sie hier im Haus verharren und warten?

Sind die Eltern vielleicht doch nur bewusstlos und verbluten nun?

Es ist schrecklich für die beiden Mädchen.

Doch letztlich sagt ihnen ihr Instinkt, dass sie warten müssen, nichts als warten.

Aber es ist so zermürbend, dieses Warten in Ungewissheit! In diesen Minuten, die sich wie Ewigkeiten aneinanderreihen, werden die Zwillinge um Jahre älter. Die Gnadenlosigkeit und Unbarmherzigkeit der Welt hier wird ihnen nun noch bewusster, als dies ohnehin schon der Fall war.

In diesen Minuten verändert sich etwas tief im Kern der beiden noch so jungen Mädchen. Sie werden hart. Sie errichten gleichsam einen Wall um ihre Herzen, spüren den Panzer der Gefühllosigkeit, der sie zu umschließen beginnt. Nein, Gefühle können sie sich jetzt nicht mehr leisten.

Entschlossen wischen sie die Tränen aus den Augen.

Sie werden mehr und mehr zu zwei zweibeinigen Wildkatzen, die sich von Feinden eingekreist wissen, aber bereit sind, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen.

Und Katzen sind zäh.

Die Zeit vergeht.

Von den Apachen im Maisfeld ist nichts zu sehen.

Offenbar haben die Eltern sie niederkämpfen können, bevor sie starben.

Aber wie wird es weitergehen?

Wie lange werden sie zu diesem entnervenden Warten verdammt sein?

Ringsum ist alles still. Kein Lüftchen bewegt sich. Nur Insekten schwirren in der Luft. Die Mittagshitze beginnt über dem Erdboden zu flimmern.

Manchmal hört man die Tiere in den nahen Corrals und Weidekoppeln. Die McNalls besitzen ein paar Pferde, Milchkühe und ein halbes Dutzend Schafe.

Der Wagen mit der Maisladung und dem noch angeschirrten Gespann steht drüben bei der Scheune. Als die Mädchen das Gespann nicht mehr führten, sondern zu laufen begannen, um ins Haus zu entkommen, trottete das Gespann allein bis zur Scheune. Denn daran sind die beiden Tiere gewöhnt. Und Pferde sind nun mal Gewohnheitstiere.

»Sollen wir wirklich nicht hinausgehen und nach unseren Eltern sehen, Sally?«

Sue fragt es heiser.

»Nein«, erwidert Sally. »Das tun wir nicht. Die Kerle warten vielleicht nur darauf, dass wir das Haus verlassen.«

Und wieder warten sie, spüren die Furcht und die Einsamkeit.

Und sie hassen diese Welt, die voller Tod und Grausamkeit ist.

Dann – ganz plötzlich und so als hielte der Hügelkamm im Norden die Geräusche nicht länger mehr auf – hören sie jagenden Hufschlag. Dann krachen Schüsse.

Sally reißt die Tür auf und tritt einen halben Schritt ins Freie, um besser nach Norden blicken zu können.

»Was ist, Sally?«, ruft Sue von drinnen. Doch sie bleibt an ihrem Fenster und lässt das Maisfeld nicht aus den Augen.

»Da kommen zwei Reiter – es sind Weiße«, antwortet Sally. »Sie werden von einem Dutzend Apachen verfolgt. Sie kommen auf unser Haus zu gejagt. Wir müssen die beiden Weißen hereinlassen und ihnen Feuerschutz geben. Hast du verstanden, Schwester! Hei, jetzt hat es wieder einen Apachen erwischt! Die schießen prächtig, diese Cowboys. Ja, es sind wahrscheinlich Cowboys. Sie kommen schnell. Hoffentlich schaffen sie es, damit wir hier nicht mehr allein sind!«

2

Nun, die beiden Reiter schaffen es tatsächlich. Sie wirbeln mit ihren Pferden auf dem staubigen Farmhof eine Menge Staub auf, werfen sich aus den Sätteln und stoßen dabei scharfe Schreie aus. Die Schreie verraten Wildheit, Triumph und Zorn. Ihre Bewegungen sind schnell, geschmeidig – aber nicht hektisch.

Sie nehmen auch ihre Gewehre mit.

Wahrscheinlich aber sind all ihre Waffen leergeschossen. Sonst würden sie gewiss noch auf die Apachen feuern, indes sie sich rückwärts auf das Haus zubewegen.

Dann huschen sie ins Haus, werfen die Tür hinter sich zu und legen den Querbalken vor.

Indes feuern die beiden Mädchen die Schrotflinten durch die offenen Fenster ab. Es sind vier Läufe voll Indianerschrot, das innerhalb einer gewissen Reichweite eine verheerende Wirkung hat.

So vorsichtig und erfahren die Apachen sonst auch sind, diesmal haben sie sich zu sehr an dem verfolgten Wild »festgebissen«. Sie glaubten, die beiden Weißen noch einholen zu können, bevor sich diese vor ihnen in Sicherheit bringen. Es ist die Horde, auf welche die drei Krieger im Maisfeld warteten. Und die beiden Weißen müssen dieser Horde irgendwie in die Quere gekommen sein.

Nun, die beiden Mädchen feuern also ihre doppelläufigen Schrotflinten ab. Es ballert und kracht mächtig im Haus. Draußen aber bricht die Hölle auf. Denn vor allem die Pferde der Apachen bekommen eine Menge ab. Und so springen die getroffenen Tiere auskeilend durcheinander. Auch Apachen werden getroffen. Im wallenden Staub ist das nur undeutlich zu erkennen.

Als der Staub sich wieder gesetzt hat, ist von den Apachen nichts mehr zu sehen. Nur zwei Pferde liegen reglos am Boden.

In einiger Entfernung tönt Schnauben und Wiehern – klingen kurze Rufe der Apachen.

Die beiden Männer laden ihre Waffen. Sie tun es ohne hinzusehen, ein Zeichen dafür, wie gut sie mit Waffen umgehen können. Ihre Blicke wandern durch den Raum.

Sie sehen nur die beiden Mädchen, die ebenfalls die Waffen nachladen.

Denn die Apachen werden wiederkommen.

Das ist sicher.

Einer der Reiter fragt heiser: »Seid ihr allein, ihr Süßen?«

»Apachen haben unsere Eltern drüben beim Maisfeld getötet«, erwidert Sally. »Aber Mom und Dad konnten sie noch aufhalten, bis wir das Haus erreicht hatten. Euch hat der Himmel geschickt, denn nun sind wir nicht mehr allein.«

Sallys Stimme zittert vor Erregung.

Die beiden Fremden nicken.

»Oha, ihr Süßen«, sagt dann der Sprecher, »dann habt ihr ja allen Grund, es den Stinkern zu besorgen. Es ist euch doch wohl klar, was die mit euch machen, wenn ihr ihnen lebend in die Hände fallt!«

Die Schwestern geben noch keine Antwort.

Da sagt der andere Mann, der bisher schwieg: »Ich werde es euch sagen, ihr prächtigen Sisters. Die vernaschen euch nacheinander. Und solltet ihr noch Jungfrauen sein, dann macht ihnen das nichts aus. Die knacken euch, damit ihr ihnen Bastarde zeugt, die sie zu Apachenkriegern machen können. Habt ihr das verstanden?«

Sally und Sue nicken, schlucken dabei würgend.

»Na gut«, sagt der erste Sprecher wieder. »Wenn das so ist, dann wisst ihr ja, worauf es ankommt! Nur wenn wir kämpfen wie die Löwen, haben wir vielleicht noch eine Chance.«

Die Zwillinge sagen immer noch nichts.

Doch sie betrachten die Männer eingehend, versuchen auch zu erspüren, von welcher Sorte die Männer sind, die da zu ihnen kamen.

Sie sehen zwei äußerlich gewiss sehr harte und erfahren wirkende Burschen. Anfangs hielten sie die beiden für einfache Cowboys, jetzt sind sie nicht mehr dieser Meinung. Die beiden wirken beachtlicher. Aber wie sollen die Zwillinge sie einstufen? Sie sind noch zu unerfahren, kennen die Welt noch nicht gut genug, um sich ein sicheres Urteil bilden zu können.

Aber sie spüren dennoch, dass da zweibeinige Tiger zu ihnen kamen. Eigentlich müssten sie sich darüber freuen, denn zwei gefährliche Kämpfer bedeuten für sie größere Überlebenschancen.

»Wie heißt ihr denn, ihr Süßen?« So fragt der erste Sprecher, der sie immer noch »Süße« nennt.

»Ich bin Sally. Das ist Sue. Wir heißen McNall. Und Sie?«

Die Fremden grinsen blinkend. Obwohl sie von gleicher Statur sind, also hager, geschmeidig, groß, mit breiten Schultern und schmalen Taillen, sind sie dennoch verschieden. Denn einer ist hellblond und blauäugig, der andere dunkel wie ein Comanche, und hat grüne Augen.

»Ich bin Joe Scarlock«, spricht der Blonde.

»Und ich bin Ben Savage«, sagt der andere. »Ihr habt wohl noch nie was von uns gehört?«

»Nein, Mister Savage«, erwidert Sally spröde. »Sollten wir?«

Sie lachen beide auf seltsame Weise. In diesem heiseren Lachen sind Spott, Bitterkeit und Trotz herauszuhören. Selbst die unerfahrenen Mädchen spüren das.

Sallys Frage »Sollten wir?« steht immer noch im Raume.

Doch die beiden Fremden werden der Antwort enthoben.

Denn nun kommen die Apachen.

Sie schieben den mit Mais beladenen Wagen von der Scheune zum Haus herüber, benutzten ihn als Deckung und Kugelfang. Bald sind sie dicht beim Haus. Es sind nur drei Zimmer vorhanden, nämlich die Wohnküche, die der größte Raum ist, das Schlafzimmer der Eltern und die Kammer der beiden Mädchen.

Aber es ist ein festgebautes Haus.

Deshalb klettern die Apachen auf das Maisstrohdach und beginnen die Strohlagen wegzureißen. Sie wollen von oben ins Haus eindringen.

Noch verzichten sie darauf, es in Brand zu setzen. Sie wollen plündern. Die Belagerten beginnen zu schießen. Ihre Kugel fetzen durch das Strohdach, und dort, wo sich die ersten Lücken zeigen – das Haus hat ja keinen Speicher unter dem Dach – schießen die Schwestern ihre Schrotladungen hinauf.

Zwei getroffene Apachen fallen vom Dach in den Wohnraum und bleiben tot auf dem Dielenboden liegen. Einer fällt zuerst auf den Tisch, der krachend unter ihm zusammenbricht.

Dann ist es plötzlich still.

Es folgen Sekunden nervenzerreißender Anspannung. Dann hört man das Knistern der Flammen.

Die Apachen haben es aufgegeben, in das Haus einzudringen. Sie zahlten bereits einen zu hohen Preis. Nun legten sie Feuer.

Das Knistern der Flammen auf dem Strohdach wird lauter. Und der erste Brandgeruch ist zu wittern.

»Das wär’s wohl, Ben«, knurrte Joe Scarlock und lädt noch einmal seinen Colt auf.

»Ja, das wär’s, Joe.« Ben Savage grinste. »Es geht alles mal zu Ende. Es ist nur mächtig schade um die beiden Gun-Sisters. Ich wette, die sind noch Jungfrauen. Verdammt, jetzt werden die roten Teufel sich über sie hermachen. Die hätten wir gern selbst geknackt, nicht wahr?«

»Gewiss, Ben, gewiss, denn sie sind schön, die reinsten Zuckerpuppen! Die könnten das Paradies sein für zwei Burschen wie uns.«

Er wendet sich an die Mädchen, die noch mit dem Laden ihrer Schrotflinten beschäftigt sind.

»He, seid ihr noch Jungfrauen?«

»Yes, Sir«, erwidert Sally spröde. »Wer hätte uns denn hier in den Hügeln schon verführen sollen?«

Sallys Ausdrucksweise ist sehr direkt. Und Sue nickt dazu.

»Vielleicht wären wir eines Tages von zu Hause weggelaufen«, sagt sie.

Der Brandgeruch wird mit jeder Sekunde beißender. Die ersten Funken fallen von oben nieder. Es kann nur noch wenige Minuten dauern, dann wird das ganze Haus lichterloh in Flammen stehen.

»Ihr könntet euch ja den Apachen ergeben«, ruft Joe Scarlock heiser. »Die lassen euch bestimmt am Leben. Das sind auch Männer. Und ihr seid verdammt süße Mädchen. Die wären doch verrückt, wenn sie euch umbringen würden, versteht ihr?«

Sally und Sue nicken.

Mit den Schrotflinten in den Händen stehen sie da.

Plötzlich spricht Sally: »Wenn wir davonkommen, dann nur mit eurer Hilfe und unter eurem Schutz. Helft uns, dann gehören wir euch. Ihr seid uns lieber als ein Rudel Wilder. Gut so?«

Die beiden Revolvermänner nicken. Ja, sie sind Revolvermänner und Skalpjäger. Und weil sie an ihren Sattelhörnern Säckchen mit Apachenskalpen hängen hatten, wurden sie verfolgt und gejagt.

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