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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 58

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Gamble King
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Vorschau

Gamble King

1

Als sie in sein Zimmer tritt, da will er das, was er sieht, zuerst gar nicht glauben. Denn er saß zwei Nächte und einen ganzen Tag am Pokertisch und spielte gegen drei Flusskapitäne, die zugleich auch Eigner ihrer Schiffe waren, um alles oder nichts. Die drei hatten sich nämlich geschworen, ihn klein zu machen, ihn, den man am Mississippi »Gamble King« nennt, den König der Spiele, mag es sich um Poker, Faro, Black Jack oder Drei-Monte handeln. Doch sie haben ihn nicht klein machen können, und wenn sie nach der zweiten Nacht nicht aufgesteckt hätten, würde er ihnen auch noch ihre Dampfboote abgewonnen haben. Aber als ihr Spielkapital aufgebraucht war und sie sich auch gegenseitig nichts leihen konnten, gaben sie auf.

Und so ging er bei Sonnenaufgang des zweiten Tages in sein Hotel und legte sich mit seinem Hut voller Geld im Arm und dem Revolver unter dem Kopfkissen in das wunderschöne Messingbett.

Jetzt ist es Nachmittag. Er wurde wach und sieht nun die Frau.

»He«, hört er sich heiser sagen, »mir ist jetzt eigentlich nicht nach einer schönen Frau in meinem Bett, Oder gibt es Sie gar nicht und träume ich das nur?«

Er hört ihr Lachen. Es ist ein kehliges und dennoch melodisch klingendes Lachen. Es ist das Lachen einer selbstbewussten Frau, die das Leben kennt.

Dann hört er sie sagen: »Ich bin aus Fleisch und Blut, Steve Nelson.«

»Sie kennen mich?«

Sie lacht wieder zu seiner Frage und erwidert: »Wer kennt Sie nicht auf dem Strom? Und man spricht heute hier in Saint Louis überall in den Saloons und Spielhallen von Ihrem großen Spiel, welches zwei Nächte und einen Tag gedauert hat. Ihr Ruf als Spielkönig ist noch um eine Geschichte größer geworden.«

»Na schön.« Er grinst etwas mühsam. »Sind Sie hier, Lady, um von meinem Gewinn etwas abzubekommen?«

Wieder lacht sie, und in ihrer Stimme ist nun auch ein Klang von Herausforderung. Sie geht zu ihm an den Bettrand und setzt sich.

Er könnte nach ihr greifen und sie zu sich ziehen. Doch er tut es nicht. Er sieht sie nur fragend an, hat eine Hand unter dem Kopfkissen, wo sein Revolver liegt, und wartet erst einmal ab.

Dabei gefällt sie ihm sehr mit ihren grünen Katzenaugen und dem rotgolden schimmernden Haar.

Ja, sie ist eine vitale Schönheit mit einem Mund, welcher eine Menge ausdrücken kann an zarten Empfindungen, aber gewiss auch an Mut und Entschlossenheit.

Als er einschlief, hielt er seinen mit Geld gefüllten Hut im Arm. Doch dann drehte er sich mehrmals im Schlaf. Der Hut fiel aus dem Bett. Und überall liegen die Geldscheine herum – im Bett und auf dem Teppich.

Doch sie achtet gar nicht auf das Geld. Sie sieht ihn an.

»Wie kommen Sie überhaupt in mein Zimmer?« So fragt er ziemlich grob.

Abermals hört er ihr kehliges Lachen.

»Ich öffne jedes Schloss«, spricht sie dann. »Denn ich hatte einen guten Lehrmeister. Wir beide hatten den gleichen Lehrmeister, Steve Nelson.«

Nun kommt sein Hirn endlich wieder in Gang. Man hört es zwar nicht knirschen, aber das wäre kein Wunder gewesen, weil seine Gedanken nun hundert Meilen in der Sekunde eilen und die Bilder einiger Erinnerungen in ihm auftauchen.

Und dann sagt er heiser: »Lily?«

Sie lächelt und nickt. »Ja, Bac Cloud war mein Vater. Und einige Jahre war er auch deiner, Steve Nelson. Oder nicht?«

Nun endlich weiß er Bescheid.

»Wie geht es Bac?« So fragt er.

Sie lächelt ernst und traurig. Dann erwidert sie: »Entweder pokert er im Himmel mit den Engeln oder in der Hölle mit den Teufeln, aber auf jeden Fall pokert er. Denn das war sein Leben. Und er wird sich auch im Jenseits nicht geändert haben. Oder doch? Er war ein Spieler durch und durch.«

»Und was bist du?« So fragt er.

Sie lächelt wieder ernst. »Ich bin seine Tochter. Ganz und gar bin ich das.«

»Verdammt«, murmelt er, »du solltest doch eine richtige Lady werden. Er hat dich deshalb in einem noblen Internat in Boston erziehen lassen. Deshalb habe ich dich auch niemals kennen gelernt. Ich habe immer nur von dir gehört. Und manchmal gab er mir deine Briefe zu lesen. Als ich dann erwachsen genug war und er mir nichts mehr beibringen konnte, da trennten sich unsere Wege. Ich war kein junger Wolf oder kein junger Adler mehr. Ich musste mir mein eigenes Revier suchen. Ist er wirklich tot?«

Sie nickt. Und zuletzt sprach er von dir. Er sagte, dass du ihm was schuldig wärest und nun deine Schuld bezahlen könntest – wenn du wolltest.«

Er schließt die Augen. Nun sieht er das Bild jenes Mannes, der wie ein Vater für ihn war, wieder vor Augen.

»Wie ist er gestorben?« Dies fragt er dann.

Ihr Lächeln ist nun sanft. Auch ihr Blick ist wie nach innen gekehrt. Man sieht ihr an, dass sie sich an viele Dinge erinnert. Dann aber spricht sie: »Er war zuletzt ein alter Mann, der seine Herzkrankheit verbarg. Selbst ich merkte nichts. Er starb ganz ruhig im Bett. Und er wünschte sich, dass du an seiner Stelle einigen harten Burschen Revanche geben würdest. Er hat sie ihnen vor einem Jahr versprochen. Nun sollst du an seiner Stelle …«

»Was – wo?« So fragt er verblüfft und ahnt schon nichts Gutes.

Sie betrachtet ihn forschend und versucht mit dem feinen Instinkt einer erfahrenen Frau in ihn einzudringen, ihn irgendwie zu erforschen und besser einzuschätzen. Und sie sieht einen blonden, blauäugigen und auf eine sehr männliche Art prächtig aussehenden Mann, der jedoch kein Schönling ist, sondern männliche Härte erkennen lässt, wenn man ihn auch nur wenige Sekunden lang ansieht. Ja, sie sieht einen Mann, der sich auf rauen und rauchigen Wegen überall behaupten konnte.

Und er gefällt ihr. Ihr Vater hatte ihr eine Menge von ihm erzählt, und so kennt sie ihn jetzt schon ziemlich gut, obwohl sie ihn in diesem Moment zum ersten Mal in ihrem Leben begegnet.

Nein, er ist gewiss kein junger Wolf oder junger Adler mehr wie damals, als er seine eigenen Wege ging.

Sie kann jetzt spüren, dass er voller Misstrauen gegen alles ist auf dieser Erde und längst gelernt hat, niemals jemanden zu schnell an sich herankommen zu lassen.

Aber eigentlich ist das auch bei ihr so, und so ist sie vielleicht das weibliche Gegenstück zu ihm.

Achte auf dich selbst und darauf, dass niemand dich betrügt, dies könnte das Motto von ihnen sein. Und sei niemals ein Schaf, welches die Wölfe fressen.

Er wartet immer noch auf ihre Antwort auf sein scharfes »Was – wo?«

Und so spricht sie endlich: »Das Spiel findet jedes Jahr in Westport statt. Es ist ein Treffen der größten Spieler, welche schon zu Legenden wurden entlang der großen Ströme zwischen New Orleans und Fort Benton.«

Sie macht eine kleine Pause und spricht dann weiter: »So wie mein Vater mir berichtete, ergab sich alles rein zufällig vor fünf Jahren, als noch Krieg war zwischen Nord und Süd. Sie trafen am vierten Juli im Rivermen Saloon aufeinander. Und es wurde ein Riesenspiel, welches eine Nacht, einen Tag und abermals eine Nacht dauerte. Es gab keine Verlierer und keine Gewinner. Alles endete unentschieden. Da beschlossen sie, dass sie sich in einem Jahr wieder am gleichen Ort treffen wollten. So geschah es auch. Jedes Jahr. Aber es gab niemals einen Gewinner, also auch keinen Verlierer. Sie waren sich absolut gleichwertig. Nun soll jetzt am vierten Juli das fünfte Treffen stattfinden. Aber Bac Cloud, mein Vater, kann nicht mehr kommen. – Er sagte mir vor fünf Monaten, dass ich dich suchen solle, damit du dich ihnen an seiner Stelle stellst, damit sie endlich herausfinden können, wer von ihnen der beste Spieler ist, der Gamble King. Dad sagte mir in seinen letzten Minuten, dass er sie durch dich letztlich doch schlagen möchte. Denn du wärest sein Nachfolger. Dich hätte er dazu erzogen. Also müssen wir wohl nach Kansas City, nicht wahr?«

Er staunt sie an.

Doch dann fragt er: »Und wer sind die anderen großen und legendären Spieler?«

Sie lächelt ernst. Dann aber nennt sie die drei Namen: »Red Bull O’Connor, Carter Jennison, Earl Robinhart.«

Als er die drei Namen hört, setzt er sich auf und rutscht im Bett zurück, bis er sich sitzend mit dem Rücken an das Kopfende lehnen kann.

»Oho«, sagt er dann, »das sind wirklich die Größten. Von denen ist jeder ein Spielkönig. Die sind wirklich jeder eine Legende. Von denen gibt es viele Geschichten. Und mit denen soll ich mich an Bacs Stelle messen? Warum sollte ich das?«

Seine Frage zuletzt klingt zornig.

Da lächelt sie nachsichtig und erwidert: »Wenn du dir diese Frage nicht selbst beantworten kannst, dann war meine Suche nach dir und mein jetziger Besuch Zeitverschwendung. Es war nett, dich mal kennen zu lernen, Steve Nelson.«

Sie will sich nach diesen Worten vom Bettrand erheben.

Doch da greift er nach ihr und zieht sie zu sich. Als er sie küsst, da wehrt sie sich nicht.

Doch sie hält einfach nur still, so als wäre in ihr kein Gefühl.

Und da gibt er sie frei, stößt sie fast zurück.

»Du bist ja kalt wie Stein«, murmelt er.

Sie erhebt sich und blickt mit einer Spur von Nachsicht in ihren Augen auf ihn nieder. Dann spricht sie Wort für Wort ganz ruhig: »Du stinkst, Steve. Du hast dich zwei Nächte und fast zwei Tage nicht gewaschen, nicht rasiert. Du bist geräuchert worden von Tabakrauch und hast getrunken. Ja, du stinkst. Du solltest ein Bad nehmen, dich rasieren lassen und frische Kleidung anziehen. Wahrscheinlich bist du diesen drei großen Spielern auch gar nicht gewachsen. Mein Vater überschätzte dich gewiss.«

Nach diesen Worten geht sie hinaus und zieht die Tür sachte hinter sich zu.

Er aber sitzt noch eine Weile im Bett und bekämpft seinen Ärger und den aufsteigenden Zorn.

Dann betrachtet er die vielen herumliegenden Geldscheine.

Er weiß, dass es um die vierunddreißigtausend Dollar sein müssen, die er in zwei Nächten und einem langen Tag gewann.

»Verdammt«, knurrt er, »ich kann jeden anderen Spieler schlagen – jeden! Mein Instinkt wird mir immer die richtigen Zeichen geben. Ich kann auch die ganz Großen schlagen. Auch von mir gibt es schon Legenden. Auch ich bin einer der Großen unserer kleinen Gilde der Spielkönige. Verdammt, sie hat gesagt, dass ich stinken würde. Und sie war kalt wie Stein. Und dennoch weiß ich, dass sie tief in ihrem Kern voller Feuer ist, welches sie wie einen Vulkan ausbrechen lassen kann, wenn sie nur will. Verdammt, sie hat mich herausgefordert.«

***

Es ist einige Stunden später, als er den Speisesaal des Hotels betritt und Lily Cloud allein an einem Ecktisch sitzen sieht. Sie nimmt mit deutlich erkennbarem Appetit ihr Abendessen ein, und im Lampenschein erscheint sie ihm noch schöner als am Nachmittag.

Er aber hat sich äußerlich sehr verändert. Ja, er hat gebadet, sich rasieren und die Haare stutzten lassen. Nun trägt er einen eleganten Anzug, dessen Jacke von einem guten Schneider so gearbeitet wurde, dass man nicht sogleich sehen kann, auf welcher Seite er den Revolver im Schulterholster trägt. Aber er trägt ihn rechts, weil die Linke seine Revolverhand ist, mit der er besonders schnell zaubern und in Sekundenbruchteilen sicher treffen kann.

Ja, er macht jetzt einen gepflegten, eleganten Eindruck. Er ist ein prächtig aussehender Mann und dennoch kein Schönling. Denn er besitzt jene Ausstrahlung, die keiner großen Worte oder Gesten bedarf, um Respekt zu erzeugen.

Er tritt zu Lily Cloud an den Tisch. »Darf ich?« So fragt er und deutet auf den zweiten Stuhl.

Sie blickt lächelnd zu ihm hoch. »Kenne ich Sie?« So fragt sie. »Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Habe ich Sie schon mal gesehen?«

Er grinst und setzt sich. »Ich bin der Mann«, spricht er, »der heute Nachmittag eine Frau aus Stein zu küssen und zum Leben zu erwecken versuchte. Ja, ich bin der Stinker von heute Nachmittag. Aber jetzt dufte ich nach Fliederseife.«

»Ach ja.« Sie nickt. »Jetzt erkenne ich dich wieder. Du bist meines Vaters Ziehsohn, dem er eine Menge beibrachte, indes ich in ein nobles Internat verbannt wurde, wo es einige Lesben unter den Erzieherinnen und Lehrerinnen gab. Ja, jetzt erkenne ich dich wieder. Was willst du?«

»Wir fahren nach Kansas City«, erwidert er. »Ich will mir diese drei Spielkönige ansehen. Und vielleicht werde ich dann ein paar Dollar riskieren. Und unterwegs will ich herausfinden, ob du wirklich kalt wie Stein bist oder in deinem tiefsten Kern ein Feuer brennt, welches ein Mann anfachen kann. Und eine Frage musst du mir sofort beantworten.«

»Dann frage!« Sie lächelt und hat das Funkeln einer Katze in ihren Augen.

»Warum spielst du nicht selbst an deines Vaters Stelle? Hat er dir nicht auch alles beigebracht wie mir? Bist du nicht eine Gamble Queen geworden? Traust du dich nicht gegen die ganz Großen?«

»So ist es«, erwidert sie schlicht. »Ich kann nicht wie ein hartgesottener Spieler denken, nicht wie einer dieser ganz Großen. Sie würden mich auch nicht als Ersatz für meinen Vater akzeptieren. Dich aber werden sie als seinen Sohn ansehen.«

Sie hat nun alles gesagt. Bevor er etwas erwidern kann, tritt die Bedienung zu ihnen an den Tisch und sagt: »Sir, es gibt Hammelbraten oder Fisch. Was möchten Sie?«

»Hammel«, grinst er – und als die Bedienung gegangen ist, spricht er zu Lily: »Vielleicht bin ich gleich ein Kannibale, weil ich Hammel esse, ja, und vielleicht bin ich ein Hammel, weil ich mich auf dieses Spiel einlasse.«

Da schüttelt sie den schönen Kopf. »Nein, Steve«, widerspricht sie ihm, »du bist gewiss kein Hammel. Ich spüre, dass du die Herausforderung annehmen willst. Du hast Blut geleckt wie ein Raubtier. Du willst dich in Westport mit den drei Großen messen. Und vielleicht glaubst du, dass du dann auch mich bekommen könntest.«

»Und? Hätte ich da keine Chance, nur weil du in einem Internat von Lesben erzogen wurdest?«, fragt er fast grob.

Sie lächelt so nachsichtig, dass es ihn ärgert, und so sagt er: »Wir nehmen das nächste Dampfboot nach Westport. Ich glaube, die ›Clara McDonald‹ legt bei Sonnenaufgang ab. Ich werde Plätze besorgen.«

Aber da schüttelt sie den Kopf.

»Ich habe mein eigenes Dampfboot«, erklärt sie ihm. »Es ist die ›Silver Cloud‹. Und du brauchst für deine Kabine nicht einmal Passage zu zahlen.«

Er starrt sie staunend an. »He, was für Überraschungen hast du noch auf Lager?«

Sie hebt ihre geraden Schultern und lässt sie wieder sinken.

»Eine Frau«, sagt sie und lächelt, »sollte immer einige Überraschungen auf Lager haben. Wir können gleich nach dem Abendessen an Bord gehen. Dann sparen wir den Preis für dein Zimmer. Ich bin ja nur zum Abendessen hergekommen, weil ich hoffte, du würdest dir auch den Bauch füllen. Und ich wusste, dass du mit mir nach Westport kommen würdest. Ja, ich wusste es, weil du diese Herausforderung annehmen musst.«

»So, muss ich das?«

Sie nickt. »Du bist ein Spieler, Steve, der sich mit den Großen messen will. Und du bist es meinem Vater schuldig, an seiner Stelle anzutreten. Er wollte es so.«

Der Hammelbraten kommt nun für ihn.

Und so sagt er nichts mehr. Aber als er zu essen beginnt, da jagen sich seine Gedanken. Und er denkt dabei auch: Sie hat ein Dampfboot. Sie ist eine erfolgreiche Frau. Vielleicht ist sie doch keine Lesbe, die mit einem Mann nicht glücklich werden kann. Ja, er weiß genau, was eine Lesbe ist. Er hat es gelesen. Es handelt sich um Frauen mit geschlechtlichen Beziehungen zu Frauen, genannt nach Sappho von Lesbos, und die war eine der größten Dichterinnen von Griechenland und lebte sechshundert Jahre vor Christus auf der Insel Lesbos.

Immer wenn er Lily ansieht, denkt er: Es wäre eine Schande, wenn sie keinen Mann lieben könnte. Sie ist wunderschön.

Es ist zwei Stunden später, als sie zum Hafen gehen. Er trägt sein weniges Gepäck. Es ist nur ein Koffer und eine Reisetasche.

An einer der Landebrücken liegt ein mittelgroßes Dampfboot. Es ist kein Seitenraddampfer und deshalb auch für den Missouri geeignet mit dem großen Heckschaufelrad.

Seitenrad-Steamer verkehren zumeist nur auf dem Mississippi. Auf dem Missouri treiben zu viele Hindernisse. Und schon ein treibender Baum kann ein Seitenrad total zerbrechen.

An der Gangway empfängt sie ein bulliger Mann mit den Worten: »Diese Nacht wird es hell genug. Soll ich Dampf machen lassen, Ma’am?«

»Sicher, Vance, sicher«, erwidert sie. Dann stellt sie die Männer einander vor.

»Steve, dies ist der Kapitän Vance Killbourne. Und dies ist Mr. Steve Nelson. Er ist fast so etwas wie mein Bruder und war ein Ziehsohn meines Vaters.«

Die Männer betrachten sich im Schein einiger Laternen. Aber die Nacht ist sehr hell mit Mond und Sternen. Sie können sich sehr gut betrachten.

»Willkommen an Bord«, sagt Killbourne dann. Seine Stimme klingt kühl.

»Vielleicht vertragen wir uns.« Steve Nelson grinst und hält ihm die Hand hin. Killbourne nimmt sie. Sein Händedruck ist fest.

2

Es ist noch nicht Mitternacht, als die Silver Cloud genügend Dampf in ihren beiden Kesseln hat, um in den Strom gehen zu können. Der Steamer vibriert und erzittert und beginnt einen fortwährenden Kampf gegen die starke Strömung, als sie in die Mündung des Missouri einbiegen.

Lily Cloud und Steve Nelson stehen nebeneinander an der Reling des Kabinendecks und blicken auf die Lichter an Land.

Lily spricht nach einer Weile: »Bis nach Kansas City oder Westport, wie es ja früher hieß, sind es etwas mehr als vierhundert Meilen. Dieses Dampfboot schafft etwa sechs Meilen in der Stunde gegen die starke Strömung. Du kannst dir ausrechnen, Steve, dass wir eine ziemlich lange Zeit an Bord beisammen sein werden, viele Stunden also. Wenn wir nicht Tag und Nacht fahren können, werden an die vier Tage und Nächte vergehen, Zeit genug, um uns besser kennen zu lernen, nicht wahr?«

»Ja, so ist es wohl«, erwidert er. »Aber vielleicht solltest du mir erzählen, wie du an dieses Dampfboot gekommen bist. Es trägt den Namen Silver Cloud. Ist dieser Name Zufall?«

»Nein.« Sie lächelt ihn im Mond- und Sternenschein an. »Dieser Steamer hieß Isabelle, aber ich taufte ihn um, weil mein Vatername Cloud ist. Silver Cloud ist doch hübsch, oder nicht?«

»Doch«, murmelt er. »Hast du die Silver Cloud gekauft?«

Sie lacht leise. Es ist ein spöttisches und zugleich sieghaftes Lachen.

Dann spricht sie hart: »Dieses Boot ist ein schwimmender Spielsaloon. Wir befördern nur wenige ausgesuchte Fracht, dafür aber Reisende, die sich die Reise an den Spieltischen zu einem besonderen Erlebnis machen wollen. – Wir bieten ihnen auch besondere Darbietungen von Künstlern. Und auch einige Edelhuren haben wir an Bord. Dies alles gehörte Kapitän Vance Killbourne. Er war der Eigner. Als ich damals an Bord kam, um hier beim Poker einige Hammel zu rasieren, da vergaß Killbourne zum ersten Mal seine Prinzipien, die ihm bisher verboten hatten, mit irgendwelchen Passagieren zu spielen. Aber mich wollte er vom ersten Augenblick an erobern. Und weil ich ihn immer wieder abblitzen ließ – ich hatte nämlich auch meine Prinzipien –, da versuchte er es am Spieltisch. Er wollte mich zu einer Verliererin und so von sich abhängig machen. Aber er schaffte es nicht. Seine beiden Steuerleute fuhren das Boot von New Orleans bis nach Saint Louis hinauf. Er aber spielte mit mir und einigen anderen hartgesottenen Spielern. Es dauerte eine Woche mit wenigen Unterbrechungen, weil wir ja einige Stunden Schlaf benötigten. Aber noch bevor wir Saint Louis erreichten, gehörte dieses Dampfboot mir, dazu alle Barmittel an der Schiffskasse und in seiner Brieftasche. Ich hatte ihn geschlagen. Das war vor einem halben Jahr. Ich war ja auf der Suche nach dir, hatte einige Detektive auf dich angesetzt. Und dann erfuhr ich, wo …«

Er unterbricht sie nun ungeduldig mit den Worten: »Und warum ist dieser Verlierer Killbourne dann noch an Bord? Er hatte alles an dich verloren. Warum hast du ihn nicht von Bord geschickt?«

Wieder lacht sie leise, und es ist das Lachen einer Spielerin, die den Nervenkitzel liebt. Ja, dies glaubt er aus ihrem Lachen herauszuhören.

Nach einer Weile erst spricht sie: »Er ist hoffnungslos in mich verliebt und will nur noch mein getreuer Ritter sein. Er wäre bereit, für mich zu sterben, und hofft, dass ich seine Treue eines Tages dadurch belohnen werde, dass ich mich ihm schenke. Warum hätte ich ihn also von Bord schicken soll? Er ist überdies ein erfahrener Flussschiffer, der den tückischen Strom bis hinauf zu den Großen Fällen oberhalb von Fort Benton kennt. Es gehen viele Dampfboote verloren auf dem Big Muddy, weil ihre Kapitäne nicht gut genug sind. Ich brauche ihn also. Und ich habe Macht über ihn. Nun, ich gehe jetzt schlafen. Wir sehen uns beim Frühstück. Du kannst dir ja noch unseren Betrieb hier an Bord ansehen. Vielleicht spielst du auch etwas, um in Übung zu bleiben. Denn in Kansas City wartet das größte Spiel deines Lebens auf dich.«

Sie legt ihm nach diesen Worten kurz die Hand gegen den Oberarm und verschwindet dann nach wenigen Schritten in ihrer Kabine.

Er verharrt noch und starrt über den silbern glänzenden Strom zum Westufer hinüber. Dort sind nun kaum noch Lichter zu erkennen.

Am Heck der Silver Cloud platscht unaufhörlich das große Heckschaufelrad.

Steve Nelson aber denkt: In was bin ich da hineingeraten, verdammt? Oho, sie ist so schön, dass sie jeden Mann verzaubern und zu ihrem getreuen Ritter machen kann. Werde auch ich ihr bald aus der Hand fressen? Aber das hat noch nie eine Frau bei mir geschafft.

Er ist nun doch neugierig auf das Leben und Treiben hier an Bord. Und so begibt er sich in den großen Saloon, in dem die Roulettekugeln klirren und die Stimmen der Croupiers und Kartenausteiler klingen.

Er sieht da und dort mehr oder weniger schöne und elegant herausgeputzte Frauen. Doch die männlichen Spieler überwiegen. Viele sind nach der letzten Mode gekleidet, so als wäre das Glücksspiel für sie ein Fest.

Der große Saloon der Silver Cloud ist nobel eingerichtet mit Teppichen, Leuchtern, Bildern, erstklassigen Möbeln. Es gibt eine Bar und am anderen Ende eine kleine Bühne für irgendwelche Darbietungen. Nur Spiegel fehlen. Spieler mögen keine Spiegel.

Steve setzt ein paar Dollars beim Black Jack und gewinnt. Auch beim Faro macht er ein paar Dollars. Aber das alles ist für einen großen Spieler natürlich kaum mehr als Hühnerfutter. Er studiert die Leute, beobachtet sie unauffällig, auch die Frauen.

Und bald ist er sich darüber klar, dass die Silver Cloud wirklich eine stromaufwärts dampfende Spielhölle ist. Fast alle an Bord sind dem Glücksspiel verfallene Menschen, für die das Spiel wie eine Sucht ist und die davon nicht lassen können.

Er erkennt nach und nach die berufsmäßigen Spieler, so gut diese sich auch als harmlose Geschäftsleute ...

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