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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 57

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Weiße Bullen
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Vorschau

Weiße Bullen

1

Das Bullkalb ist noch sehr jung. Und jetzt sieht es so aus, als sollte es keine einzige Stunde älter werden. Eigentlich kann es nur noch wenige Minuten dauern, dann werden es die Wölfe bei lebendigem Leib fressen. Denn aus eigener Kraft kann es aus der schlammigen Büffelkuhle nicht mehr heraus.

Ja, das Bullkalb ist ein Büffel, kein Longhornrind. Die Wölfe umschleichen die Kuhle und der Leitwolf sucht nach der günstigsten Absprungstelle. Das Bullkalb versucht herauszukommen. Doch es strampelt sich nur noch tiefer in den Schlamm.

Shad Latimer hält am oberen Rand der Senke, und er ist nur einer der vielen Büffeljäger, die der großen Herde folgen. Das Drama, das sich hier unter ihm bei der Büffelkuhle abspielt, ist nur eine winzige Begebenheit am Rand der großen Herde. Soll er seine wertvolle Munition verschwenden für ein paar Wölfe?

Pulver und Blei sind kostbar an den Rändern der wandernden Büffelherden. Das Schlimmste, was einem Büffeljäger widerfahren kann, ist, dass er in Schussnähe einer großen Herde die Jagd aufgeben muss, weil ihm die Munition ausgegangen ist.

Denn jedes Büffelfell bringt blanke Dollars. Und blanke Dollars braucht jeder Mann in dieser harten Zeit nach dem Krieg. Auch Shad Latimer gehört zu jenen Kriegsheimkehrern, die völlig mittellos neu anfangen müssen.

Deshalb wurde er Büffeljäger.

Nun also zögert er. Und zugleich wird er sich über etwas klar, was er zuerst gar nicht glauben will, sondern für eine Sinnestäuschung hält.

Denn dieses Büffelkalb dort unten im Schlamm, der ihm schon bis zum Bauch reicht, ist weiß.

Zuerst glaubt er, dass es irgendwo in der Nähe Kreidefelsen gibt und das Kalb sich in einer Kreideschlammkuhle wälzte.

Doch nun weiß er, dass es sich um ein fast weißes Bullkalb handelt, das einmal ein weißer Bulle werden wird – sollte es am Leben bleiben und heranwachsen können.

Heiliger Rauch! Ein weißer Büffel!

Shad hat viele Legenden von weißen Büffeln gehört. Weiße Büffel sind den Indianern heilig. Und wenn es irgendwo einen weißen Büffel gab zwischen dem nördlichen Texas und der Montanagrenze im Norden, dann wurde er stets berühmt.

Dieser da unten in der Schlammkuhle, der so kläglich blökt und sich vor den Wölfen fürchtet, der würde vielleicht auch solch ein Zauberwesen werden, ein »Weißer Bulle«, ein Wesen: groß und stark, dessen Körper Wohnung eines großen Geistes wurde, der aus »Wanagi Yata« kam, dem »Sammelplatz aller Seelen«, wie die Indianer sagen.

Das Wolfsrudel dort unten ist groß. Es sind mehr als drei Dutzend Büffelwölfe, also die stärksten unter ihren Artgenossen. Sie sind hungrig, denn sie kamen von weither. Sie stießen nicht dort zur Herde, wo die toten Büffel abgehäutet zu Hunderten auf der Prärie liegen und wo sie sich mehr als satt fressen können, ohne vorher töten zu müssen. Sie stießen hier auf die Nachzügler der Herde und jagten das weiße Bullkalb in die Schlammkuhle.

Shad Latimer überlegt nun nicht länger.

Er hat zwei Gewehre bei sich, nämlich eine schwere Sharps für die Büffel und einen Spencer-Karabiner für anderes Wild und zur eigenen Verteidigung. Auch einen Colt trägt er noch. Er trägt diese Waffe links, und er trägt sie auf eine Art, die dem Kundigen eine Menge über Shad Latimer sagt.

Nun beginnt er mit dem Spencer zu schießen.

Er schießt unwahrscheinlich schnell. Eines ist sofort klar nach diesen sieben Schüssen, die er auf die huschenden Wölfe abfeuert: Shad Latimer ist ein außergewöhnlich sicherer und gefährlicher Schütze. Er tötet mit diesen sieben Kugeln fünf Wölfe und verletzt zwei weitere.

Das ist geradezu unheimlich, da die Wölfe sich blitzschnell bewegen und aus der Schussweite seines Gewehres zu kommen versuchen.

Dann wird es still.

Nur das Bullkalb blökt kläglich in der Kuhle. Langsam gleitet Shad Latimer hinunter und lädt dabei den Spencer auf.

Als er dann am Rand des Schlammloches anhält, starrt der kleine Büffel zu ihm empor.

Es ist ein merkwürdiges Bild.

Der Büffel – kaum größer als ein ausgewachsener Bernhardiner – und der Reiter auf dem grauen Pferd betrachten sich.

Der Kleine blökt nicht mehr. Er wirkt nun ganz ruhig – so als wüsste er, dass ihm geholfen wird.

Shad Latimer aber verspürt tief in seinem Kern ein seltsames Gefühl.

Er vermag es nicht zu deuten – und dennoch ist es fast die Ahnung kommender Ereignisse. Ihm ist, als – gäbe es eines Tages noch eine Fortsetzung der Bekanntschaft, als wären Büffel und Mann vom Schicksal füreinander bestimmt.

Er reitet dicht genug an das Schlammloch heran und wirft dem kleinen Burschen das Lasso über den zottigen Kopf. Nach einiger Mühe und Anstrengung schaffen sie es.

Und da steht er nun neben dem schnaubenden Büffelpferd, dieser kleine weiße Kerl. Bis etwas über den Bauch zu beiden Seiten ist er dunkel vom Schlamm. Aber oben ist sein Fell schon sehr hell. Ein paar dunkle Flecken werden noch verschwinden. Ja, er wird eines Tages einer dieser sagenhaften weißen Büffel sein, deren Fell so wertvoll ist für jeden Indianer und die lebend verehrt werden wie Geisterwesen mit Zauberkräften.

»Na los, dann troll dich«, sagt Shad Latimer. »Troll dich zur Herde. Vielleicht findest du eine Kuh, die ihr Kalb verlor. Ich werde dich noch ein Stück begleiten, damit die Wölfe dich nicht noch mal in ein Schlammloch jagen. Na, geh schon, Kleiner!«

Der Kleine blökt nun – aber es ist ein anderes Blöken, nicht mehr so kläglich wie vorhin. Nun klingt es freundlich, mutig, vielleicht sogar dankbar.

Latimer sagt grinsend: »Wenn du ein Zwerghahn wärst, würdest du jetzt auf dem Mist krähen, Kleiner. Na, geh schon, geh!«

Und da trollt sich der Kleine. Er schlägt die richtige Richtung ein, beginnt sogar zu traben. Der Instinkt treibt ihn jetzt zur Herde. Denn dort sind die Mutterkühe mit der Nahrung.

Der Reiter folgt ihm in einigem Abstand. Und das ist gut. Denn die Wölfe sind immer noch in der Nähe. Sie gleiten geduckt durch das hohe Büffelgras.

Die große Herde zieht etwas weiter westlich nach Süden. Der kleine Büffel schwenkt nun ebenfalls nach Westen ein, so, als leitete ihn ein untrüglicher Instinkt.

Und dann sieht Shad Latimer schon die Nachzügler der Herde.

Er folgt dem Kleinen nun langsamer, bleibt mehr und mehr zurück.

Rechts und links von ihm sind immer mehr Büffel. Sie trotten und grasen in loser Formation. Und sie scheinen den Reiter gar nicht zu beachten.

Weiter vor ihm befindet sich die große Herde. Dort drängen sich die dunklen Riesen zusammen. In einer weiten Senke ballen sie sich – und wirken wie eine elementare Kraft, wie ein Strom.

Eine Kuh trottet auf den blökenden Kleinen zu.

Es ist gewiss nicht sein Muttertier. Doch in solch einer großen Herde gehen den Kühen immer wieder Kälber verloren.

Der Kleine findet also eine Amme.

Shad Latimer kehrt um.

Es gilt den Wagenzug heranzuholen, der noch weiter als einen halben Tagestreck zurück ist. Latimer gehörte zu den Scouts, die ausgeschickt wurden, die große Herde aufzuspüren.

Morgen werden die Büffelgewehre krachen, wird das große Töten beginnen.

Und Tausende von Kadavern werden auf der Prärie liegen, abgehäutet und nackt, allen Aasfressern preisgegeben.

Die Büffelhäute aber werden sich stapeln und zusammengepresst auf vielen Wagen stinken, indes man sie abtransportiert nach Kansas City, das früher einmal Westport Landing hieß und noch immer das große Ausfalltor nach Westen ist, der letzte Hafen für alle, die nach Westen wollen über die Prärie hinweg, die sich dehnt wie ein weites Meer.

Shad Latimer aber fragt sich, ob er noch einmal etwas von dem weißen Bullkalb sehen oder hören wird, später, sehr viel später, wenn aus dem Kleinen ein weißer Bulle geworden ist.

***

Es ist schon später Nachmittag, als Shad Latimer östlich vom Medicine Peak auf Big Mouth Joe Henderson stößt. Er sah ihn schon von Weitem kommen und reitet ihm zwischen zwei Felsen hervor in den Weg.

Big Mouth Joe Henderson erschrickt. Dann macht er seinem Spitznamen alle Ehre und verzieht sein großes Maul zu einem Grinsen.

»Aaah«, sagt er, »das ist aber gut, dass ich dich treffe. Obwohl wir gewiss keine Freunde sind, bin ich richtig glücklich, dich zu sehen. Denn dort hinter mir, mein Guter, da sind mehr Indianer, als du in einer Minute zählen kannst.«

Shad Latimer blickt in die Richtung, aus der Großmaul-Joe kam.

Und er sieht dort nichts, gar nichts.

»Wenn ich mich recht erinnere«, murmelt er, »wurdest du in Laramie von einer Gruppe goldgieriger Leute angeworben, um sie ins Goldland von Montana zu führen. Sie taten mir verdammt leid, diese Leute. Und nicht nur mir. Man hätte sie vor dir warnen sollen. Denn du warst doch schon immer eine Pfeife, nicht wahr? Es sieht dir ähnlich, vor den Indianern wegzulaufen und die Leute ihrem Schicksal zu überlassen. Wahrscheinlich mussten sie dir schon die Hälfte des Führerlohnes sofort bezahlen. Auf die andere Hälfte verzichtest du gern, weil du ja auch nicht den ganzen Bozeman-Weg hinauf bis Montana brauchst. Man sollte dich nicht länger frei herumlaufen lassen, Joe.«

Dieser windet sich im Sattel.

»Ich bin nur abgehauen, um Hilfe zu holen. Du hast doch sicherlich eine Armeepatrouille bei deinem Wagenzug, und mit deren Hilfe …«

Er verstummt ganz zwangsläufig, denn Shad Latimer schlägt ihn mit einem einzigen Hieb aus dem Sattel.

Dann reitet er weiter.

Und er denkt dabei an das rothaarige und grünäugige Mädchen, das zu der Gruppe von Abenteurern gehört, die noch vor dem Winter ins Goldland von Montana wollen.

Er empfindet es plötzlich als großes Unglück, wenn dieses Girl im Tipi eines Oglala die dritte oder vierte Frau sein müsste – und wenn es wie eine Squaw Leder kauen müsste, um es weich und geschmeidig für Anzüge zu machen, Leder, das vorher mit Pferdemist vergraben und so gegerbt worden ist.

Er hat dieses Mädchen mehrmals in Laramie gesehen.

Ja, sie gefiel ihm.

Aber dann hatte er eine Menge mit seinem Wagenzug zu tun.

Jetzt aber würde er ihr gern aus der Klemme helfen. Und so reitet er auf Großmaul-Joes Fährte zurück, und er sieht auch die Fährten zweier Wagen, die sich als frische Spuren deutlich von den anderen Wagenfährten und Hufspuren abzeichnen.

Als er nach drei Meilen etwa durch die Hügel des Kanaska Creek reitet, dessen Ufer mit leuchtend roten Beerensträuchern gesäumt sind, hört er die Schüsse.

Jetzt ist alles klar für ihn.

Die Indianer haben die kleine Reisegesellschaft überfallen. Big Mouth Joe Henderson sah sie rechtzeitig und brachte sich noch in Sicherheit. Die Leute jedoch, die ihn als Scout und Führer bezahlten, sitzen jetzt mächtig in der Patsche.

Was soll er tun?

Von seinem Wagenzug Hilfe holen?

Oder sich erst ein Bild von der Situation machen?

Er entschließt sich für die letztere Möglichkeit und reitet weiter.

Als er den Kampfplatz in Sicht bekommt, ist alles schon vorbei.

Die beiden Wagen – es sind postkutschenähnliche Gefährte – brennen.

Zwischen den Felsen und Büschen des Kampfplatzes wimmelt es von Indianern und deren Pferden. Es sind mehr als fünfzig Krieger.

Shad Latimer erkennt »Elch-der-im-Wasser-steht«, von den Weißen auch kurz nur »Water Elk« genannt.

Er will schon sein Pferd herumziehen, um fortzureiten – da sieht er das rothaarige Girl mit den grünen Augen, das ihm seit Laramie nicht mehr aus dem Sinn ging.

Ja, er sieht sie. Und sie ist nicht tot wie die anderen Weißen.

Nein, ein solches Girl töten die Indianer nicht.

Solch einen Leckerbissen lässt sich ein Häuptling wie Water Elk nicht entgehen.

Sie steht stolz in der Mitte des Kreises, den Water Elks Krieger zu Pferd bilden. Diese Krieger sehen abenteuerlich aus, denn sie tragen zum Teil die Kleidung der Weißen, die sie eben töteten – also Hüte, Jacken, Stiefel, Hemden.

Jetzt betrachten sie ihre einzige überlebende Kriegsbeute.

Shad Latimer überlegt nicht mehr lange.

Er kennt Water Elk gut genug und verlässt sich ganz und gar auf dessen Klugheit und Geschäftssinn. Deshalb reitet er jetzt vorwärts und genau auf die Indianer zu, die soeben zwei Dutzend Weiße töteten und sich noch im Siegesrausch befinden. Er geht ein ziemlich großes Wagnis ein – und dennoch ist seine Berechnung eiskalt.

Denn wenn er sich mit den Indianern nicht einigen kann – und das hat nichts mit dem grünäugigen Mädchen zu tun –, verliert er vielleicht seinen ganzen Wagenzug mit Handelsware, in den er all seine Ersparnisse und seinen Gewinn von der Büffeljagd investierte, Jahre seines Lebens – und für den er überdies auch noch Schulden machte.

Shad Latimer reitet vorwärts, um sich mit Water Elk zu einigen.

Und er ist bereit, all seine Chips in dieses Spiel zu werfen, ja, er hat sie schon alle im Spiel.

Die Indianer sichten ihn schon bald, und ihr Kreis öffnet sich, wird zu einem Halbkreis, der sich wieder um ihn schließen wird.

Shad baut auf Water Elks Klugheit. Er verlässt sich darauf, dass Water Elk seine Krieger zurückhalten wird, um erst einmal zu hören, was ihm der Weiße zu sagen hat. Und wenn hier geschrieben steht »der Weiße«, so stimmt das nur zu einem Dreiviertel. Denn zu einem Viertel ist Shad Latimer ein Comanche.

Als er langsam heranreitet und erst einen Schritt vor der Nase von Water Elks Pferd anhält, schweigen die Indianer. Es sind Krieger aus verschiedenen Stämmen, denn Water Elk ist ein rebellischer Häuptling, der sich keinem der großen Häuptlinge unterwirft und alle gleichfalls rebellischen Krieger um sich sammelt.

»Hokahe«, sagt er zu Latimer, »ich sehe dich – und ich kenne dich. Bist du lebensmüde, Latimer?«

Water Elk spricht ein verständliches Englisch. Er ging einst auf eine Missionsschule. Doch Latimer könnte sich auch in seiner Sprache mit ihm unterhalten. Er erwidert: »Du wirst ein gutes Geschäft machen, Water Elk. Mein Wagenzug kommt noch vor Anbruch der Nacht hier an. Wir sollten absitzen und miteinander reden. Wenn zwei Krieger wie wir gegenseitig gute Geschäfte abschließen können, sollten sie immer miteinander reden. Oder?«

Water Elk ist ein prächtig anzusehender Oglala-Sioux. Er ist in Shad Latimers Alter, also zwischen achtundzwanzig und dreißig Jahre.

Seine schräg stehenden Augen werden schmal.

»Geschäfte?«, fragt er. »Vielleicht mache ich aber keine Geschäfte mit dir, Latimer. Ich könnte einfach deinem Wagenzug entgegenreiten und den Männern dort deinen Skalp zeigen. Ob sie deinen Skalp an einer Lanzenspitze erkennen könnten? Er würde fast wie ein Indianerskalp aussehen. Und ich könnte mir deinen Wagenzug nehmen. Sieh, wie viele Krieger ich bei mir habe.«

Sein Ton wird höhnisch.

Und einige seiner Krieger, die ebenfalls genügend englische Vokabeln beherrschen, sodass sie der Unterhaltung folgen können, nicken und brummen beifällig.

Aber Shad Latimer grinst sie an. Dann wirft er einen Blick zu dem rothaarigen Girl hinüber.

Ihr Gesicht ist pulvergeschwärzt. Sie muss gekämpft haben. Auch ist ihre Kleidung zerrissen. Sie steht immer noch unbeweglich da, hat den Kopf erhoben und erwidert seinen Blick.

Nur eine einzige Sekunde sehen sie sich so an.

Aber auch eine Sekunde kann lang sein, sehr, sehr lang.

In Shad Latimer ist plötzlich der absolute Wille, diesem grünäugigen Mädchen zu helfen, koste es ihn, was es wolle.

Und so nickt er ihr nur kurz zu und sieht dann Water Elk wieder an.

»Es sind zwei Dutzend Wagen«, sagt er. »Und dazu gehören mehr als ein halbes Hundert Männer. Es sind nicht weniger als deine Krieger. Ihr könnt mich jetzt und hier töten. Doch von meinem Wagenzug bekommt ihr höchstens heißes Blei. Doch wenn wir verhandeln, wenn wir über ein Tauschgeschäft reden könnten, dann …«

Er verstummt viel sagend.

Und dann lässt er Water Elk genügend Zeit zum Nachdenken.

Doch viel und lange braucht der Häuptling nicht nachzudenken. Die Vor-und Nachteile liegen auf der Hand.

Da ist eine rothaarige, grünäugige Squaw, die Water Elk gern in seinem Tipi haben würde und von deren Besitz er sich eine Menge Lebensfreude verspricht. Solch eine Squaw wird ihn sicherlich ebenso erfreuen wie der Besitz eines herrlichen und einmaligen Pferdes – oder einer ganz besonders wertvollen und schönen Waffe. Ja, es wäre schon eine Steigerung seines Lebensgefühls, diese Squaw zu besitzen.

Doch kann er sich das leisten? Ist er so reich?

Er ist ein kleiner, doch so sehr ehrgeiziger Häuptling, der all die vielen unzufriedenen und deshalb rebellischen Krieger der sieben Stämme um sich sammelt. Sein Ehrgeiz ist es, ein großer Häuptling zu werden mit einem Dorf von tausend Seelen, aus dem dann ein neues Volk wird, in dem sich alle Stämme vermischen. Es soll dann keine Oglala, Brule, Hunkpapa, Minneconjou, Two Kettles, Arapaho und Cheyenne mehr geben, sondern nur noch ein großes Volk unter seiner Führung.

Ja, er hofft, der große »Messias« zu werden.

Doch dazu braucht er auch eine ganze Menge materieller Dinge – zum Beispiel Waffen, Werkzeuge und tausend andere Sachen.

Ein Frachtwagenzug aber transportiert solche Kostbarkeiten. Er weiß es. In Montana suchen zehntausende Weiße nach Gold. Die Schätze, die ihnen der Wagenzug bringt, werden ihnen das Leben in der Wildnis erleichtern.

Doch was für diese Goldsucher gut ist, wird auch für seine Indianer gut sein. Sie werden ihn als einen Häuptling preisen, der für sein Dorf sorgt. Vor allen Dingen die Frauen wird er auf seiner Seite haben, wenn er ihnen Stoffe, Nähzeug, Töpfe und all die vielen anderen Dinge geben kann, die ihnen das Leben erleichtern. Und die Meinung der Frauen ist sehr wichtig für einen Häuptling. Zufriedene Frauen machen auch die Krieger froh und willig.

Diese Gedanken schießen ihm binnen weniger Sekunden durch den Kopf.

Er wendet sich im Sattel und blickt auf die rothaarige und grünäugige Squaw, die er so gern gehabt hätte. Es ist Bedauern in seinem Blick.

Er zieht plötzlich sein Pferd herum und reitet zu ihr, hält dicht vor ihr an, beugt sich etwas zur Seite aus dem Sattel nieder und sagt: »Ich hab schon drei Squaws in meinem Tipi. Sie alle sind sehr glücklich. Denn ich bin stark, so stark wie ein weißer Elchbulle. Verstehst du, Grünauge? Vielleicht würdest auch du bei mir sehr glücklich.«

»Vielleicht«, erwidert sie herb und sieht ihm fest in die Augen. Nein, sie begeht nicht den Fehler, ihn zu beleidigen. Nein, sie behandelt ihn wie einen Mann, den sie akzeptieren müsste, wollte er es so haben.

»Vielleicht aber auch wäre der Frieden in deinem Tipi böse gestört durch mein Vorhandensein«, spricht sie nach einer kleinen Pause weiter. »Und vielleicht wäre ich gar nicht so gut wie jede deiner drei Squaws.«

Da grinst er breit. Seine Augen glitzern.

»Du wärst anders«, sagt er kehlig, »anders, verstehst du. Ein Krieger will nicht dauernd Büffelhöcker essen. So ist das auch bei den Squaws. Aber du hast Glück, Grünauge. Ich werde dich eintauschen, wenn dieser Latimer nur genug für dich gibt. Du solltest ihm schöne Augen machen, verstehst du? Es wäre gut für dich und mich, wenn er dich für die größte Kostbarkeit der Welt hielte. Denn wenn er nicht genug gibt, behalte ich dich.«

Er wartet nicht auf ihre Antwort, sondern zieht sein Pferd wieder herum, reitet zu Shad Latimer zurück und sagt: »Also gut, reden wir über Geschäfte.«

Nach diesen Worten sitzt er ab.

Latimer folgt seinem Beispiel.

Sie hocken sich nieder – und Water Elks Krieger sitzen ebenfalls ab. Nur einige bleiben auf ihren Pferden und beobachten die Umgebung.

Es ist ein makabrer Verhandlungsplatz für »Geschäftsabschlüsse«, denn in der Nähe rauchen noch die Reste der abgebrannten Wagen. Tote liegen da und dort. Auch die Indianer hatten Verluste. Einige Verwundete von ihnen müssen versorgt werden. Und ein paar tote Krieger bindet man über ihre Pferde und schafft sie fort. Dies alles sieht Shad Latimer immer wieder mit schnellen Blicken und registriert es. Er hat sich auch so gesetzt, dass er das rothaarige Mädchen beobachten kann.

Sie blickt immer wieder zu ihm her – aber sie wirkt beherrscht und stolz dabei. Ihre Lebenskraft imponiert ihm. Er hätte sie vor einigen Tagen schon gern in Laramie kennen gelernt. Nun aber ist dieser Wunsch in ihm noch sehr viel stärker.

Water Elk sagt zu ihm: »Also gib mir einen Wagen voller Gewehre, einen Wagen voll Schießpulver und Blei, Patronen und Messer – und zwei Wagen mit all dem anderen Zeug, über das sich die Goldgräber in Montana so sehr freuen werden: Töpfe, Decken, Werkzeuge, Stoffe, Nähzeug, Fallen, Mehl, Zucker, Rosinen und …«

Er zählt noch eine Menge anderer Dinge auf. Und er weiß, was in solch einem großen Frachtwagenzug alles transportiert wird. Denn er wuchs bei Laramie auf. Damals war Fort Laramie noch ein Handelsfort. Es gehörte noch nicht der Armee, sondern weißen Händlern und Handelsgesellschaften. Rote und Weiße lebten damals noch in Frieden miteinander. Am Laramie Creek standen oft ein halbes Dutzend Dörfer. Pater de Smet hatte Missionsschulen errichtet. Und es gab noch unzählige Büffel.

Ja, damals war alles noch sehr viel anders. Water Elk und Latimer erinnern sich beide daran.

Doch jene Zeit ist vorbei. Die Büffelschlächter, der Eisenbahnbau und der Zustrom der Goldgräber nach Montana haben die Indianer erkennen lassen, dass es ihnen an den Kragen geht. Und alle Verträge, die sie bisher mit den Regierungsbeauftragten schlossen, wurden von den Weißen gebrochen.

Ja, jene Zeit ist vorbei.

Shad Latimer schüttelt den Kopf als Antwort auf Water Elks Forderungen.

»Wenn ich dir Waffen gebe«, sagt er, »hängt die Armee mich auf, sobald sie dahinter kommen sollte. Keine Waffen also. Aber Werkzeuge und …«

»Einen ganzen Wagen voller Gewehre«, unterbricht ihn Water Elk und deutet mit dem Daumen über die Schulter hinweg hinter sich auf das grünäugige Mädchen. »Sie ist schöner als jede andere Squaw«, sagt er dabei. »Sie ist so einmalig wie ein weißer Büffelbulle oder wie ein weißer Elch. Für sie musst du eine Menge geben. Oder ich behalte sie und hol mir die Gewehre im Kampf.«

Er starrt Latimer herausfordernd an. Seine schrägen Augen glitzern.

Doch auch Latimers Augen sind etwas schräg, denn er ist ja zu einem Viertel ein Comanche. Auch Latimers Augen glitzern. Es sind hellgraue Augen.

Er spürt, dass der Häuptling nicht blufft.

Water Elk will jetzt als »Geschäftsmann« einen großen Sieg erringen und seinen Anhängern zeigen, dass er auch ein erstklassiges Verhandlungstalent ist, das es versteht, alles Erreichbare herauszuholen.

In Water Elks Augen erkennt Latimer den festen Entschluss. Und er versteht diesen Häuptling gut. Water Elk muss sich erst noch einen Namen machen unter den Stämmen.

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