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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 053

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Sterben für dreizehn Dollar
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Vorschau

Sterben für dreizehn Dollar

1

Es war ein schöner Vormittag. Ich war zum Creek geritten, um zu fischen, und ich hatte ein halbes Dutzend Forellen in dem Weidenkorb, den Nelly mir mitgab, als ich sie nach einem sehr frühen Frühstück verließ.

Ich war nun gegen Mittag auf dem Heimweg zu Nelly. Aber wenn ich »Heimweg« sage, dann muss man das nicht so wortwörtlich nehmen. Gewiss, bei Nelly Coburne war ich zeitweilig »daheim«, und sie wollte mich auch gerne heiraten, aber …

Nun ja, lieber Leser meiner Geschichte, wie soll ich das erklären? Irgendwie hielt mich doch letztlich immer wieder eine innere Stimme davon ab, Nelly Coburnes Ehemann zu werden. Denn ich würde bei ihr eine Art Prinzgemahl sein. Gegen sie war ich ein armer Hund. Und bei ihr würde ich mich in ein so genanntes »warmes Nest« setzen. Sie besaß nämlich den Saloon in Santa Angel. Und das war keine kleine Sache.

Aber ich will die ganze Sache von Anfang an erzählen.

Und dieser Anfang beginnt bei meinem Heimweg vom Creek zu Nelly in Santa Angel.

Es waren nur knapp drei Meilen von meinem guten Angelplatz in die Stadt.

Nach etwa einer Meile musste man durch eine Felsengruppe, die wie eine Herde versteinerter roter Elefanten mitten im Grün von Büschen und Bäumen stand. Es war ein stiller, schöner Platz – wenn man nicht das Pech hatte, auf Klapperschlangen zu stoßen, denn diese sonnten sich hier besonders gerne.

Als ich auf dem schmalen Wege durch diese Felsengruppe ritt, stieß ich zwar nicht auf Klapperschlangen, dafür aber auf drei Hombres, die ich mehr als nur flüchtig kannte, sodass ich genau wusste, wie hart und gefährlich sie waren.

Ich war plötzlich sehr wachsam – aber das sah man mir gewiss nicht an. Ich grinste sogar freundlich. Ja, ich wirkte gewiss ziemlich harmlos.

»Hallo, Amigos«, sagte ich, »dies ist ein schöner Tag, nicht wahr?«

Sie grinsten zurück und nickten zustimmend.

Einer war mexikanischer Abstammung, der zweite zumindest halb – und nur einer war ein Anglo-Amerikaner. Und dieser übernahm auch das Reden.

Er sagte: »Wir sind sehr froh, dass du in so guter und friedfertiger Stimmung bist, Noel Quade – sehr froh. Denn mit dir möchten wir wirklich keinen Streit. Deshalb sind wir dir auch entgegengeritten. Denn es wird Zeit, dass wir mal vernünftig miteinander reden. Du siehst in uns die Abgesandten einer Interessengemeinschaft.

Und wir haben dir einen Vorschlag zu machen. Doch zuerst eine Frage. Was verdienst du als bewaffneter Postkutschen-Begleitmann?«

Nun wusste ich schon einigermaßen Bescheid.

Aber warum sollte ich ihnen die Frage nicht beantworten? Was ich verdiente, konnte jeder wissen. Und so erwiderte ich: »Hombres, das ist nicht viel! Für jede Fahrt nach Socorro bekomme ich zehn Dollar Lohn und drei Dollar Spesen. Das sind genau dreizehn Dollar. Und warum fragt ihr?«

Sie grinsten so freundlich wie ich – und sie lauerten gewiss nicht weniger wachsam als ich.

Ihr Sprecher sagte: »Dreizehn Dollar … Oh, das ist verdammt wenig, wenn man bedenkt, dass man so schnell dafür sterben könnte. Denn du sitzt doch ziemlich exponiert auf solch einer Kutsche, nicht wahr? So hoch oben, fast schon unter dem Himmel.«

Ich nickte. Und ich wusste auch, was »exponiert« bedeutete. Denn ich war lange genug in die Schule gegangen. Es bedeutete soviel wie »freisitzend« oder auch »gefährdet«.

Und so nickte ich. »Du siehst die Sache wirklich richtig, Amigo«, sagte ich. »Der Lohn von dreizehn Dollar ist wirklich jämmerlich für solch einen Job. Und was nun, mein Bester?«

Er breitete seine Arme aus, zeigte mir seine Handflächen.

»Schließen wir ein Abkommen«, sagte er. »Wenn die Kutsche mal angehalten werden sollte, wirfst du nach dem dritten Warnschuss von unserer Seite her dein Gewehr von der Kutsche und versuchst nichts, was uns Kummer bereiten könnte. Dafür schenken wir dir jeweils fünfzig Dollar. Da in jedem Monat zumindest viermal ein Geld- oder Silber-und-Gold-Transport durchgeführt wird, kannst du also leicht zweihundert Dollar nebenbei verdienen. Na, ist das kein Vorschlag?«

Ich nickte.

»O ja, zweihundert Dollar nebenbei wären eine schöne Sache.« In meiner Stimme klang ehrliches Bedauern. »Ich verdiene nämlich einhundertvier im Monat als Begleitmann. Ich käme also auf über dreihundert als Doppelverdiener. Und in einem Jahr könnte ich mir schon eine kleine Ranch kaufen. O ja, das wäre eine große Chance. Nur ist da noch ein kleiner Haken, gewissermaßen ein Häkchen …«

»Was für ein Haken?« Er fragte es schon mit einem leicht drohenden Unterton in der Stimme.

Ich deutete mit dem Daumen gegen meine Brust.

»Da sitzt ein kleines Männchen drinnen«, sagte ich. »Das hat eine Stimme. Und es rät mir ab. Was soll ich da machen?«

Nun grinsten sie böse und unversöhnlich.

Sie waren Banditen, Sattelwölfe, und wer nicht für sie war, war gegen sie.

So sahen sie es jedenfalls.

Einige Sekunden lang schwiegen wir.

Dann kam auch schon die Drohung, die sie sich sozusagen als letzten Hammer aufbewahrt hatten.

Ihr Sprecher sagte fast lässig: »Diese Nelly Coburne bedeutet dir doch viel, nicht wahr? Du liegst doch jede Nacht, die du in Santa Angel verbringst, mit ihr im Bett. Und in Socorro ist es eine gewisse Linda Bondel. Die magst du gewiss ebenfalls sehr, oder nicht? Was müsstest du dir für Vorwürfe machen, wenn den beiden Honeybees etwas zustoßen würde, nur weil du ein dickköpfiger Bursche bist! Na?«

Oha, sie wussten gut über mich Bescheid und kannten sogar meine Liebschaften, obwohl diese zweihundertundfünfzig Meilen voneinander getrennt in zwei verschiedenen Städten auf mich warteten – nämlich hier in Santa Angel und in Socorro.

Ja, ich war schon ein verdammter Hundesohn. Ich hatte zwei Geliebte.

Und beide würden in Gefahr sein, wenn ich mit diesen Banditen nicht gemeinsame Sache machte. Aber eigentlich machte ich ja mit ihnen keine gemeinsame Sache. Ich brauchte nur nicht zu kämpfen versuchen – nur nicht bereit zu sein, für dreizehn Dollar zu sterben. Das war es allein. Sie konnten mich auch vom Bock schießen. Dass sie mir dieses Angebot überhaupt machten, hatte sicherlich nur zwei Gründe:

Sie wollten keine Toten bei ihren Überfällen.

Denn wenn sie mich vom Bock schossen, würden die Gold-, Silber- und Geldtransporte von Aufgeboten geschützt werden.

Und sie wollten auch nicht, dass ich kämpfte. Denn ich besaß in diesem Land einen gewissen Ruf. War ich zum Kampf entschlossen, würden sie mich nicht so leicht vom Bock schießen können. Ich würde mich vorsehen. Und das konnte einigen von den Banditen das Leben kosten. Sie hatten zumindest großen Respekt vor mir.

Was also sollte ich tun?

Sie sahen mich fragend an.

Ich sagte: »Das muss ich mir erst noch überlegen, Amigos. Vielleicht gebe ich sogar unter diesen Umständen meinen Job auf. Wir werden sehen. Und jetzt lasst mich durch!«

Ich ritt vorwärts.

Sie versperrten mir auch wirklich nicht länger den Weg. Sie ließen mich schweigend zwischen sich durch.

Ich sah mich nicht mehr um.

Aber ich fluchte bitter vor mich hin.

Denn ich steckte in der Klemme.

Und auf die gebratenen Forellen bei Nelly freute ich mich überhaupt nicht mehr.

***

Sie schmeckten dennoch gut. Und ich war ja auch kein Bursche von jener Sorte, die sich das Leben besonders schwer machte. Irgendwie ging es immer weiter, fanden sich Auswege, Lösungen, ergaben sich Chancen, Möglichkeiten. Mein bisheriges Leben war zu unruhig und oftmals gefährlich gewesen. Und dennoch hatte ich mich immer wieder durch Kühnheit behaupten können.

Nelly spürte dennoch, dass etwas nicht mit mir stimmte.

Wir saßen hinter dem großen Saloonbau im Schatten von Arkaden neben dem Kücheneingang. Der Saloon war aus einer alten Fonda entstanden. Sie bildete noch ein Anhängsel, und es war sehr schön hier in Nelly Coburnes privaten Bereich.

»Was ist los mit dir?« So fragte sie.

Ich sah sie an, und wie immer erfreute mich ihr Anblick und spürte ich jenes prickelnde Gefühl, welches man so leicht nicht erklären kann.

Nelly Coburne hatte eine mexikanische Mutter, und von dieser Mam hatte sie gewiss ihr rassiges, katzenhaftes Äußeres. An ihr war alles dunkel – nur ihre Augen waren von einem wunderbaren Blau. Diese Augen hatte sie von ihrem irischen Vater. Und weil sie außer dem Blau seiner Augen so wenig andere Äußerlichkeiten geerbt hatte, war sie im Innern ganz und gar eine Irin.

Das war ein gewaltiger Kontrast.

Aber auch eine Irin kann lieben – wenn auch etwas anders als eine Mexikanerin. Ich wusste es längst. Und wenn sie nicht die Besitzerin dieses Saloons gewesen wäre, gegen die ich ein armer Hund war, würde ich sie vielleicht doch schon zur Mrs. Quade gemacht haben.

»Was ist los mit dir?« Sie fragte die gleichen Worte nun zum zweiten Male, und ihr fester irischer Blick war auf mich gerichtet.

Einen Moment sagte ich mir, dass ich doch ein übler Bursche war, weil ich sie in Socorro mit Linda betrog. Wahrscheinlich war ich beide nicht wert. Ich taugte nicht viel. Aber ich mochte sie wirklich beide. Jede besaß etwas, was ich besonders gern hatte; bei Nelly war es die Mischung von heißem Feuer mit irischer Lebenskraft. Und bei Linda in Socorro war es der Lebenshunger, eine hungrige Lebendigkeit, die gerne gab.

Nelly Coburne sagte plötzlich wütend: »Zum Teufel mach deine Ohren auf! Ich habe dich zweimal was gefragt! Gib Antwort!«

Nun war sie wütend, böse. Sie ertrug Missachtung nicht.

Ich kam mit meinem Blick gewissermaßen aus weiter Ferne zurück – oder aber auch tief aus meinem innersten Kern und den dort verborgenen Gedanken.

»O Nelly«, sagte ich, »was soll ich dir sagen? In einer halben Stunde werde ich auf dem hohen Bock sitzen und insgesamt fünfhundert Meilen fahren müssen, bevor ich dich wiedersehen kann. Was soll ich tun, wenn Banditen die Kutsche überfallen, weil sie vielleicht Gold, Silber oder auf dem Rückweg Lohngelder für die Minen befördert?«

Sie sah mich wissend an. Und weil sie die Wirtin eines Saloons war, wusste sie sofort Bescheid. Denn bei ihr an der Bar tranken die Guten und Reinen genauso wie die Bösen und Unreinen. Sie kannte sich aus und war verschwiegen. Ja, sie wusste sofort Bescheid.

Und sie sagte: »Wenn du auf dem Bock neben dem Fahrer sitzt, wirst du für alles kämpfen, was man dir anvertraut hat. Du wirst den Job erledigen, für den man dich bezahlt, selbst wenn diese Bezahlung mies sein sollte. Aber du musst nicht als Begleitmann fahren. Du kannst …«

»Ich weiß«, murmelte ich. »Ich könnte hier als Pascha leben.«

»Ja – leben«, sagte sie. »Verstehst du, leben! Nicht sterben. Noel, ich weiß zu gut, was in diesem Lande los ist. Nach dem Kriege wurden viele verlassenen Minen wieder in Betrieb genommen. Sie fördern Gold und Silber. Die wertvollen Transporte müssen jetzt durchgeführt werden. Und in der Gegenrichtung muss Geld ins Land kommen, zum Beispiel Lohngelder, Gelder für weitere Investitionen. Die Banditen werden jetzt immer wieder zuschlagen. Und du wirst für dreizehn Dollar pro Fahrt oben mit deinem Gewehr und einem Colt neben dem Fahrer sitzen. Das muss nicht sein. Bleib bei mir.«

Ich stand auf, ging um den Tisch herum, küsste sie auf den Hals, dann auf den Mund und sagte: »Da ist nur eine Kleinigkeit. Und die ist verdammt wichtig. Ich kann nicht kneifen. Aber sie haben mir schon gedroht. Wenn ich auf sie schieße, sollten sie die Post anhalten, dann würden sie es dich vielleicht spüren lassen, dich, weil du mir eine Menge bedeutest. Verstehst du?«

Sie nickte.

»Nimm keine Rücksicht auf mich«, sagte sie. »Und jetzt scher dich zum Teufel und tu, was du tun zu müssen glaubst – oder bleib hier.«

Sie bot mir ihren Mund.

Ich küsste ihn. Es war ein voller, sehr lebendiger Mund. Er küsste mich durstig und fast so als wäre es zum Abschied.

Aber da musste ich mich doch wohl sehr täuschen. Ich ging.

Denn ich hatte einen Job – einen Job für dreizehn Dollar.

***

Im Wagenhof der Post-Agentur warteten der Agent und Jonas Mannerhan auf mich. Jonas war der Fahrer, und er schien mir fast so alt und so vertrocknet zu sein wie eine Mumie. Seine Stimme aber klang immer wie das Meckern eines Ziegenbockes.

Er sah mich an und sagte: »Na, bist du auch nicht zu müde, Noel?«

Seine Frage war eine Anzüglichkeit.

Aber ich grinste nur und erwiderte: »Ach, wenn ich wirklich müde sein sollte, so wird mich deine Fahrerei schon wach halten.«

Das traf ihn sehr.

In seinen Falkenaugen funkelte es zornig, und er stemmte seine magere Brust raus. »Meine Fahrerei …?« So schnappte er. »Wie meinst du das? Ich fahre meine Kutsche so weich, als schwebe sie auf Gänseflaum. Und Gänseflaum, das ist …«

»Ich weiß es, Jonas«, sagte ich. »Es sind die besonders weichen Federn von der Brust, ja? Also, wie auf weichem Flaum fährst du wirklich nicht.«

Er war nun böse. Denn ich hatte seine Ehre als Fahrer gekränkt.

Er fühlte sich als Künstler hoch oben auf dem Bock einer Abbot & Downing-Kutsche mit den Zügelenden eines Sechsergespanns in den Händen.

Er wandte sich an den Post-Agenten Pete Higgins, fragte: »He, Pete, muss ich eigentlich mit dem da fahren?«

Der bullige Pete Higgins grinste. Er war früher einmal der beste und zuverlässigste Fahrer der Linie. Dann bekam er hier in Santa Angel die Post- und Frachtstation als Abschnitts-Agent.

»Ja«, sagt er, »du musst mit ihm fahren, Jonas. Denn die Zeit der ruhigen Spazierfahrten ist vorbei. Wir befördern von nun an fast auf jeder Fahrt Gold und Silber nach Norden und Geld nach Süden. Das könnte schon einige Hombres jucken. Und da ist Noel Quade für uns eine gute Versicherung, die uns dabei hilft, dass die Transportversicherung nicht ihre Versicherung kündigt. Verstanden!«

»Nein«, sagte Jonas Mannerhan. »Ich höre immer Versicherung. Dreimal! Er soll eine Versicherung sein. Und …«

»Ich erkläre es dir unterwegs«, unterbrach ich ihn. »Denn jetzt kommt die Kutsche von der Grenze her. Jetzt geht’s los!«

Die Kutsche kam auch wirklich sechsspännig in den Wagenhof gebraust und hielt neben dem wartenden Sechsergespann, welches Pete Higgins’ Gehilfen schon in Bereitschaft hielten.

Der Fahrer und dessen Begleitmann sprangen herunter.

Sie nickten Jonas Mannerhan und mir zu. Auch die Passagiere kletterten aus der Kutsche, um sich am Brunnen etwas zu erfrischen oder in der Gaststube etwas zu essen.

Es waren sieben Passagiere, vier Männer und drei Frauen.

Als mir eine der Frauen das Gesicht zuwandte und unsere Blicke sich begegneten, da traf es mich wie ein Blitz.

Jawohl, anders konnte man es wohl nicht bezeichnen.

Verdammt noch mal, was war das? Dies fragte ich mich, indes ich in diese grünen Augen sah und dabei ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend spürte. Mir war auch plötzlich ganz trocken im Munde, und ich musste fast wie würgend schlucken.

Heiliger Rauch, was war das? Und wie prächtig war dieses Mädchen, das da aus der Kutsche geklettert war, mit geschmeidigen, lockeren Bewegungen.

Sie nahm ihren Blick von mir, sah sich um und ging dann ebenfalls zum Brunnen hinüber. Es gab dort einige mit Wasser gefüllte Holzeimer. Aber ich folgte ihr, sagte: »Einen Moment, Lady!« Und dann ließ ich einen leeren Eimer hinunter, um ihr ganz frisches Wasser heraufzuholen.

Sie beobachtete mich, wartete geduldig.

Und dann nickte sie dankend.

»Wohin fahren Sie, Lady?« So fragte ich, und ich deutete zur Kutsche und fügte hinzu: »Ich werde nämlich oben auf dem Bock sitzen und dafür sorgen, dass Sie sicher ans Ziel kommen. Mein Name ist Noel Quade. Und ich sah noch niemals eine schönere …«

»Halt, Mister Quade! Halt!« Sie sprach es fest, doch nicht unhöflich, eher etwas amüsiert. Ihre Stimme gefiel mir. Sie hatte ein etwas kehliges Timbre und war sehr selbstsicher und fest.

Vielleicht war sie sogar schon verheiratet. Bei diesem Gedanken erschrak ich sehr. Denn dann würde ich keine Chancen bei ihr haben.

Einen Moment lang dachte ich auch daran, dass ich ja eigentlich schon zwei Frauen an zwei verschiedenen Orten hatte, bei denen ich abwechselnd all das bekam, was ein Bursche meiner Sorte sich nur wünschen konnte.

Ich war schon ein verdammter Hundesohn, dass ich nun mit dieser hier anzubändeln versuchte.

Aber sie gefiel mir so sehr. Was sollte ich denn da machen? Ich konnte nicht einfach wegsehen oder so tun, als wäre sie nicht der erfreulichste Anblick in meinem Leben. Sie war für eine Frau nur mittelgroß, wog gewiss keine einhundertundzehn Pfund und hatte kupferrote Haare, welche hinten im Nacken mit einem schwarzen Samtband zusammengebunden waren.

Ihr grünes Reisekostüm war von der gleichen Farbe wie ihre Augen. Es war nicht von allerneuester Mode. Sie war aber gewiss kein Mädchen aus dem Tingeltangel.

Sie trank aus der Schöpfkelle das Wasser.

Und danach sprach sie zu mir: »Dann passen Sie nur gut auf mich auf, Noel Quade. Ich bin Susen Marsh und reise nach Spanish Cruz. Das ist nicht mehr weit. Und deshalb lohnt sich all ihre Mühe mit mir nicht sehr. Denn Sie müssen doch wohl weiter bis Socorro, nicht wahr?«

Sie lächelte bei ihrer letzten Frage geradezu diebisch.

Ich aber macht ein übertrieben trauriges Gesicht und sagte: »So geht es mir immer. Ich sehe immer nur ein kleines Zipfelchen vom Glück. Und es ist so klein, dass ich nicht mal danach greifen und es festhalten kann. Wohnen Sie in Spanish Cruz?«

»Nein«, schüttelte sie den Kopf, trank noch einen Schluck Wasser, tauchte ihr Taschentuch in das Nass und rieb sich das Gesicht damit ab.

Indes war das frische Gespann angeschirrt.

Jonas Mannerhan kletterte auf den hohen Bock und rief mit seiner meckernden Ziegenbockstimme über den Hof: »Es geht los! Wer mit will, soll einsteigen!«

Ich brachte Susen Marsh zur Kutsche, half ihr hinein.

Dann wandte ich mich dem Post-Agenten zu. Dessen Blick war ernst.

Er sagte leise, doch sehr bestimmt: »Pass gut auf, Noel Quade! Ihr habt hundert Pfund Gold und zweihundert Pfund Silber in der Kutsche. Es sind dreißig kleine Barren in zwei Kisten, gut verteilt unter den Sitzbänken. Lasst es euch nicht abnehmen.«

Ich dachte an die Warnung der drei Kerle, die mich beim Heimweg vom Fischen anhielten. Mir war plötzlich gar nicht gut.

Aber ich sagte: »Ich tue, was ich kann, Pete Higgins.«

»Sicher, das weiß ich«, nickte er.

Ich wandte mich ab, nahm noch den Korb vom Boden auf, der mit Kieselsteinen gefüllt war, und kletterte hinauf neben Jonas Mannerhan.

Der schenkte mir nur einen Seitenblick und knurrte: »Bist du schon wieder hinter ein paar Röcken her?«

Ich grinste nur und stellte den Korb mit den Steinen zwischen uns, nahm die doppelläufige Schrotflinte über die Knie und sah zur Seite, wo das Gewehr griffbereit neben mir in einer Halterung steckte.

Dann ging es los.

Jonas lenkte die Kutsche in einem eleganten Bogen aus dem Hof auf den Wagenweg, der hier in unserer Stadt zugleich auch die Hauptstraße war.

Dann fuhren wir nach Norden und ließen die kleine Stadt hinter uns.

Unser frisches Gespann trabte hurtig. Ich brauchte noch nicht mit Steinen auf die Pferdehintern zu werfen.

2

Whip-Jonas – so wurde er auch genannt – fuhr solch eine Kutsche wirklich wie ein Künstler, und er kannte jeden Fußbreit der Strecke. Wahrscheinlich hätte er die Kutsche sogar mit verbundenen Augen fahren können.

Die sechs Pferde versuchten bei ihm auch keine Tricks und Eigensinnigkeiten. Sie liefen schön gleichmäßig, denn sie kannten seine meckernde Stimme gut genug, auch die Art, wie er mit der Peitsche knallte. Er schlug die Tiere nie, aber er konnte ihnen eine Fliege von den Ohrspitzen knallen.

Seine Peitsche hatte einen silberbeschlagenen Stiel. Gewiss hatte sie ihm an die zwei Monatslöhne gekostet. Diese Peitsche war für ihn das Gerät eines Künstlers, und er war so stolz darauf wie zum Beispiel ein Revolvermann auf einen besonders schönen Colt.

Unterwegs zerschlug er zweimal vom hohen Bock herunter mit dem Peitschenende einer Klapperschlange das Genick. Es war nämlich keine Maultiertreiberpeitsche, sondern eine sehr lange Kutscherpeitsche, deren Schnurende dünner war als das Ende einer Maultiertreiberpeitsche.

Dass er damit den beiden Klapperschlangen mehr als nur die Haut aufriss, sondern ihnen mit der Lederschnur das Genick brach, ließ erkennen, wie blitzschnell und messerscharf der Schlag jeweils war.

Es war schon später Nachmittag, und die Schatten fielen lang nach Osten.

Der Wagenweg führte durch einen engen Hohlweg zum Hurtado Creek hinunter.

Als wir aus dem Hohlweg herausfuhren, erreichten wir auch schon die flache Furt des Creeks. Wir fuhren hinein. Das Wasser reichte bis zu den Radnaben.

Jonas ließ die Pferde hier stets zwei oder drei Maulvoll Wasser nehmen, mehr nicht. Sie wollten auch zumeist nicht mehr, denn ihr Instinkt beriet sie gut. Tiere sind da oft vernünftiger als labile Menschen. Diesmal hätte sich unser Gespann Fassbäuche ansaufen können. Denn so schnell ging es nicht mehr weiter.

Ich sah, dass die Banditen uns in der Klemme hatten.

Es waren vier.

Und sie umgaben die Kutsche.

Wahrscheinlich hatten sie noch einen fünften Burschen irgendwo, der mich oder auch Jonas über Kimme und Korn hinweg betrachtete und den Zeigefinger am Abzug hatte.

Wahrscheinlich visierte er mich an.

Ein Schuss krachte.

Das rechte vordere Führungspferd stürzte.

Nun konnten wir mit der Kutsche ganz gewiss nicht aus dem Creek hinaus.

Die Kugel des zweiten Schusses pfiff dicht an meinem Ohr vorbei.

Und deshalb ließ ich die Schrotflinte auf meinen Oberschenkeln liegen und den Spencer-Karabiner in der Halterung stecken.

Auch meinen Colt zog ich nicht.

Ja, ich hob meine Hände.

Für dreizehn Dollar wollte ich mich nun doch nicht vom Bock schießen lassen.

Es fiel mir wirklich sehr leicht, gar nichts zu unternehmen und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen.

Nein, für dreizehn Dollar wollte ich nicht sterben. Die Banditen waren maskiert. Aber ich kannte die Stimme ihrer Sprecher, denn ich hatte sie heute am späten Vormittag schon mal gehört. Ja, es war der Bursche, der mich mit den beiden anderen abgepasst hatte.

»Werft einfach all eure Schießdinger in den Creek«, verlangte er im gemütlichen Plauderton. »Dann spürt ihr auch nicht mehr eure Versuchung.

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