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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 052

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Horse Queen
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

Horse Queen

1

Es war in Santa Fé, als ich sie zum ersten Male sah. Sie beeindruckte mich schon aus einiger Entfernung durch die Art, wie sie sich bewegte. Ja, das war was fürs Auge! Da schritt eine Frau so leicht und geschmeidig dahin, dass sie richtig vollendet wirkte, ganz und gar ohne Makel. Denn auch ihre Proportionen stimmten.

Und dann sah ich sie wenig später aus der Nähe. Nun, sie war gewiss nicht schön, aber auf eine herbe Art anziehend. Ich spürte ihre Ausstrahlung, als mich kurz ihr prüfender Blick traf. Dieser Blick gehörte zu ihrer ganzen Art. So prüfte sie gewiss alles auf dieser Erde, was ihr begegnete, kurz, aber intensiv, ganz und gar ein Mensch, der sich auf seinen Instinkt verließ. Dies sagte mir, dass sie eine Frau war, die das Leben kannte und der kaum noch etwas fremd blieb, weil ihre Wege rau gewesen waren.

Sie war auch nicht allein. Ein Mann begleitete sie. Er war schon älter, und ich kannte auch diese Sorte. Er gehörte zu den Harten. Von Anfang an hielt ich ihn für ihren Beschützer – nein, er war gewiss nicht ihr Mann oder Lebensgefährte.

Ich saß oder hockte wie einige andere Dutzend Neugierige auch auf der obersten Stange eines Corrals und sah der Pferdeversteigerung zu.

Herrliche Tiere wurden stets zu dieser Zeit in Santa Fé versteigert. Es waren Mustangs, die man eingefangen und zugeritten hatte, und einigen dieser Mustangs konnte man noch ansehen, dass ihre Vorfahren mit den Spaniern damals auf diesen Kontinent kamen und arabisches Blut in sich hatten.

Besonders ein schwarzer Hengst interessierte mich, und wenn ich Pferdezüchter gewesen wäre, dann würde ich meine letzten Dollars zusammengekratzt haben, um diesen King bekommen zu können. Man konnte mit diesem Wunderhengst gewiss eine ganz besondere Pferdezucht aufbauen, die dann irgendwann auf tausend und noch mehr Meilen in der Runde berühmt geworden wäre.

Dieser Hengst war wie ein Royal Flush im Poker. Mein Nachbar auf der Corralstange sagte zu mir: »Wollen wir wetten, dass dieser Bursche nicht unter tausend Dollar weggeht?«

Ich schüttelte den Kopf und erwiderte: »Der bringt das spielend.«

Aber ein weiterer Nachbar nahm die Wette an und rief: »Ich setze hundert Dollar dagegen!«

Ich beugte mich etwas vor und sah an meinem Nachbarn vorbei auf diesen Mann.

Ja, auch die Sorte kannte ich, die wagte nämlich alles und verließ sich stets auf ihre Verwegenheit.

Es wurden nun auch noch andere Zuschauer rechts und links von mir zum Wetten animiert. Manche setzten nur zehn Dollar ein, andere wieder mehr.

Und alle waren sie große Sachverständige. Auch einige Wildpferdjäger befanden sich darunter, deren Pferde versteigert wurden.

Aber wir mussten lange warten. Der Versteigerer hatte sich den Hengst für zuletzt aufbewahrt. Unsere Ungeduld wuchs also.

Ich warf immer wieder einen Blick auf die Frau, deren ganze Erscheinung mich von Anfang an so sehr beeindruckte, dass sie mir nicht aus dem Kopfe gehen würde.

Wer mochte sie sein? Woher kam sie? Ich kannte mich in diesem Land zu beiden Seiten des Pecos ziemlich gut aus. Doch ich hatte sie noch in keiner Stadt und auch in keiner der kleineren Ortschaften jemals gesehen. Vielleicht, wenn ich ihren Namen gewusst hätte, würde ich von ihr zumindest gehört haben.

Denn sie war eine besondere Frau.

Sie trug einen geteilten rehledernen Rock, Stiefel und eine rehfarbene Lederjacke.

In ihrem Nacken hing an der Windschnur ein Stetson mit flacher Krone. Ihr goldfarbenes Haar leuchtete in der Sonne. Sie hatte es im Nacken zusammengebunden. Ihre Augen waren von grünbrauner Farbe. Sie standen ziemlich weit auseinander.

Oha, sie gefiel mir mächtig.

Und einige Male warf sie mir einen Blick zu. Uns trennte nur der Vorführcorral, und das waren kaum mehr als zwei Dutzend Schritte.

Ja, sie hatte meine Blicke also registriert. Natürlich wurde sie auch von all den anderen Männern angesehen und bewundert. Aber das war sie gewöhnt. Sie erwiderte keinen dieser Blicke – nur meine.

Aber ich sah ja auch nicht wie ein durchschnittlicher Bursche aus.

Es kam dann endlich der Moment, da man den Hengst aus dem großen Corral in den kleineren brachte.

Der Wildpferdjäger, der ihn gefangen und zugeritten hatte, führte ihn selbst vor.

Ich kannte diesen Wildpferdjäger. Er war zur Hälfte ein Komantsche und hieß Carlos Hibbs, denn seine Mutter war eine Squaw gewesen, sein Vater ein Weißer.

Nun, er führte den Hengst also am Lasso herum. Der Hengst benahm sich ganz friedlich, und dies bewies mir, wie klug er war. Denn gegen das Lasso oder Wurfseil eines erfahrenen Wildpferdjägers hatte er keine Chance.

Das hatte er lernen müssen. Diese Lektion würde er nie vergessen.

Der Versteigerer oder Auktionator brauchte die Vorzüge des Hengstes gar nicht anpreisen, denn es war ja hier sozusagen eine erlauchte Versammlung von Pferdekennern.

Und so begann alles bei achthundert Dollar.

Das war eine Menge Geld. Für achthundert Dollar konnte man sich zu dieser Zeit eine kleine Ranch kaufen mit fast tausend Rindern und einigen Pferden. Yankeedollars waren nach dem Krieg hier in New Mexiko und auch in Texas so groß wie die gleiche Anzahl von Wagenrädern.

Es boten einige Interessenten mit.

Die Frau schwieg noch. Dabei wusste ich, sie hatte es auf diesen Hengst abgesehen. Sie wollte dieses herrliche Tier. Warum war sie sonst hergekommen mit ihrem Begleiter, der sich stets respektvoll hinter ihr hielt?

Als dann bei tausend Dollar niemand mehr mitbieten wollte, da hörte ich ihre ruhige, etwas kehlige und dennoch melodisch klingende Stimme halblaut rufen: »Ich nehme ihn für tausendeinhundert!«

Alles schwieg fast ehrfürchtig.

Es war nun vorbei. Wir sprangen von den Corralstangen. Und auch die stehenden Zuschauer setzten sich in Bewegung.

Die meisten von uns strebten dem Pueblo Saloon zu, darunter auch ich.

Ich warf noch einen letzten Blick auf die Frau, deren Namen ich noch nicht kannte, und verspürte ein Bedauern, weil ich glaubte, dass ich sie nicht wiedersehen würde. Es war heiß geworden, denn nun war später Vormittag. Im Saloon gab es ein kühles Bier.

Ich wusste noch nicht recht, was ich tun wollte. Sollte ich in Santa Fé bleiben oder weiterziehen? Wenig später holte ich mir ein Bier und trat damit wieder auf die Veranda; die von einem Dach beschattet wurde.

In der Ecke saß ein Mann auf meinem Stuhl, dessen Lehne ich fast immer gegen die Wand kippte, sodass ich die Füße auf das Verandageländer legen konnte. Aber als der Bursche – es war ein Cowboy – mich mit dem Glas in der Hand kommen sah, da erhob er sich und machte mir den Stuhl frei.

Ja, ich hatte einen gewissen Ruf in Santa Fé und überhaupt im Land.

Der Cowboy grinste mich an, als wollte er mich so um Verzeihung bitten.

»Wie geht es Ihnen, Mister McRae?«, fragte er höflich.

»Gut, Bill Joe«, erwiderte ich, nahm meinen Platz ein, leerte das Glas halb und stellte es dann neben mir aufs Geländer.

Dann begann ich über die Frau nachzudenken und auch darüber, was sie wohl mit dem Hengst anfangen wollte. Denn er war gewiss kein Reitpferd für sie. Solch ein Tier musste man einfach als Zuchthengst benutzen. Nur dann war der hohe Kaufpreis akzeptabel und würde sich bezahlt machen.

Es sei denn man war ein Millionär. Doch eine Millionärin war die Lady gewiss nicht.

Also musste sie irgendwo eine Pferderanch besitzen. Aber wo?

Darüber begann ich nachzugrübeln.

Es verging eine Weile. Ich holte mir noch ein zweites Bier heraus und rauchte auch eine Zigarre. Dabei dachte ich nicht nur über die Frau nach, sondern auch über einige Angebote, die man mir gemacht hatte.

Denn eigentlich war ich ein Revolvermann, den man sich zum Schutz anwerben konnte. Bis zum Vortag hatte ich für einen Frachtwagenzugbesitzer gearbeitet, einen fahrenden Händler, der immer dann die größte Menge Bargeld mit sich herumschleppte, wenn er sämtliche Waren seines fahrenden Stores verkauft hatte. Und das waren manchmal zehntausend Dollar und mehr. Aber aus Altersgründen gab er sein Geschäft auf. Es war seine letzte Handelsreise mit den zehn Wagen gewesen.

Ich hatte also keinen Job mehr, wohl aber schon einige Angebote von kleinen Orten für das Marshalsamt und von der Post- und Frachtlinie als Beschützer von Geldtransporten.

Doch ich hatte eine gute Prämie bekommen zu meinem Lohn. Ich musste nicht gleich wieder arbeiten. In meinen Taschen waren mehr als fünfhundert Dollar. Und auf der Bank von Santa Fé hatte ich mehr als zehntausend auf dem Konto.

Ich hätte mir davon in Texas eine große Ranch kaufen können.

Als ich noch darüber nachdachte, da sah ich die Frau kommen, und von Anfang an wusste ich, dass sie zu mir wollte. Ich hatte daran überhaupt keinen Zweifel.

Heiliger Rauch, dachte ich, was wird das?

Sie kam tatsächlich auf die Veranda und verhielt vor mir. Ich erhob mich, nahm meinen Hut ab und hörte sie fragen: »Sind Sie Hay McRae?«

»Der bin ich, Lady«, erwiderte ich. »Was kann ich für Sie tun?«

Bei diesen Worten sah ich ihr fest in die Augen. Sie war einen Kopf kleiner als ich und blickte zu mir hoch. Aber sie kam mir größer vor. Das lag wohl an ihrer Ausstrahlung.

»Ich habe einen Job zu vergeben und hörte, dass ich keinen besseren Mann für diesen Job finden könnte als Sie«, erwiderte sie und fügte nach einem Atemzug hinzu: »Setzen wir uns doch! Allerdings wäre es nett, wenn Sie mir vorher ein Bier herausholen könnten …«

Sie musste den Satz nicht vollenden, denn ich war schon unterwegs.

Von der Tür aus winkte ich dem Barmann zu: »Ein Bier für eine Lady, Charly«, rief ich halblaut. Dann kehrte ich zu der Frau zurück und setzte mich neben sie.

Auf der Veranda waren noch einige andere Gäste. Man saß gern hier draußen und beobachtete das Leben und Treiben auf der Spanish Street.

Aber alle hielten respektvollen Abstand. Sie wussten, dass ich ziemlich böse werden konnte.

Wir tranken unser Bier. Als sie das Glas absetzte, sagte sie zufrieden: »Aaah, das tut gut. Solch eine lange Versteigerung macht durstig. Die Pferde wirbelten eine Menge Staub auf.«

Ich grinste, und ich wusste, wenn ich so lächelte, dann wirkte ich sehr viel jünger. Dieses Lächeln ließ alle Härte aus meinem dunklen Gesicht verschwinden.

»Lady«, sagte ich, »kommen Sie zur Sache, sozusagen auf den Punkt. Warum trinken Sie mit mir auf einer Saloon-Veranda Bier?«

Es war eine klare und ruhige Frage.

Sie nickte auch sofort verständnisvoll und erwiderte ebenso ruhig: »Carlos Hibbs wird und kann es allein nicht schaffen. Er braucht einen guten Partner, der noch besser ist als er selbst. Und er sagte mir, dass Sie besser seien. Also kam ich, um Sie um Hilfe zu bitten.«

Ich erwiderte noch nichts. Doch ich sah plötzlich ihren Begleiter, der gewiss ihr getreuer Ritter und Beschützer war, am Fuße der Veranda an einem der Stützbalken des Daches lehnen. Er war dort aufgetaucht und hielt ein Gewehr in der Armbeuge.

Ja, er war ihr Ritter.

Ich aber wusste nun einigermaßen Bescheid. Denn Carlos Hibbs, der ja ein halber Komantsche war, wollte mich als Partner.

Und für diesen Job?

Diese Frage brauchte ich mir eigentlich nicht zu stellen.

Sie hatte einen Tausend-Dollar-Hengst gekauft und musste ihn zu irgendwelchen Stuten bringen. Denn nur das hatte Sinn. An diesem Hengst aber würden noch andere Leute interessiert sein. Und die Kunde, dass er irgendwohin unterwegs war, würde sich in Windeseile verbreiten. Vor allem durch die Postkutschen, die alle dreißig Meilen ihre Gespanne wechselten und über lange Entfernungen schneller als jeder Reiter waren, der mit seinem Pferd nach hundert Meilen einfach nicht mehr weiterkam.

So einfach war das.

Sie sah mir an, dass es hinter meiner Stirn arbeitete, und sagte nur noch; »Ich bin Sheere Harris und habe eine Ranch im El-Capitan-Peak-Land, also in Texas. Ich zahle pro Tag zehn Dollar für jeden von euch Gentlemen. Wollen Sie mir helfen? Ich kann nicht mit euch reiten, denn ich muss so schnell wie möglich wieder auf meine Ranch. Dort warten eine Menge Probleme auf mich. Also, Mister McRae?«

Sie fragte es zuletzt stolz, und der Klang in ihrer Stimme sagte mir, dass sie nicht betteln würde.

Ich konnte ablehnen oder annehmen.

Und so sah ich in ihre grünbraunen Augen und erkannte darin hinter dem Stolz noch etwas anderes. Sie war eine Frau, die um etwas kämpfte.

Ich entschloss mich, weil sie mich beeindruckte und weil ich neugierig war.

Der Weg ins Land des El Capitan Peak war weit, sehr weit. Ich würde mit Carlos Hibbs und dem Hengst lange unterwegs sein für zehn Dollar pro Tag. Es war ein faires Honorar, und gegen Carlos Hibbs hatte ich nichts. Wir kannten uns einigermaßen.

Ich fragte: »Warum sind Sie so weit weg von Ihrer Ranch, Mrs. Harris? Wegen des Hengstes doch gewiss nicht.«

»Nein«, erwiderte sie, »ich versorge die Postlinie zwischen Santa Fé und Galveston mit Gespannen. Nach dem Tod meines Mannes musste ich den Vertrag mit der Postlinie erneuern. Ich musste den Bossen dieser Linie klar machen, dass ich ebenso zuverlässig liefern werde wie es unter der Leitung meines Mannes geschah. Der Vertrag musste auf meinen Namen umgeschrieben werden. Als ich hier den Hengst sah, da wurde mir klar, dass ich solch ein Tier für meine Pferdezucht brauche. Und so ließ ich mir von der Postlinie einen Vorschuss auf spätere Lieferungen auszahlen.«

Als sie verstummte, da hatte sie mir alles gesagt, was zu sagen war.

Was für eine Frau!

Ich deutete auf den Mann, der ihr Beschützer sein musste, denn anders konnte ich ihn mir nicht vorstellen.

»Und wer ist dieser Mann?« So fragte ich ganz ruhig.

»Das ist Tom Hanks«, erwiderte sie. »Den hinterließ mir mein Mann als Vermächtnis. Er ist jetzt der einzige Mensch, auf den ich mich verlassen kann. Seine Treue galt meinem Mann und gilt jetzt mir. Sonst noch Fragen?«

Ich schüttelte den Kopf und dachte wieder: Was für eine Frau!

Dann sagte ich ruhig: »Lady, ich gehe jetzt zu Carlos Hibbs. Wir werden Ihren Hengst ins El-Capitan-Peak-Land bringen. Müssen wir dabei auf Leute achten, die etwas dagegen haben?«

Sie nickte. »Es gibt da einen gewissen Reece Duncan. Der will die Konzession der Postlinie, denn auch er besitzt eine Pferderanch. Mein Mann wurde aus dem Hinterhalt abgeschossen wie ein Stück Großwild. Aber dem Mörder oder seinem Auftraggeber soll das nicht helfen, ich mache als seine Witwe weiter.«

Ich sah in ihre Augen und spürte erst jetzt richtig, was für eine Frau sie war.

Sie leerte das Glas und erhob sich, hielt mir die Hand hin, nachdem ich mich ebenfalls erhoben hatte.

Ich wusste, wenn ich ihre Hand nahm, dann gab ich ihr gewissermaßen mein Wort. Dann musste das wie ein Schwur gelten. Ich erkannte es in ihren Augen. Und so nahm ich ihre Hand.

Sie wandte sich und ging, stieg leichtfüßig die drei Verandastufen hinunter in den Staub der Fahrbahn. Und der Mann, der bisher am Stützbalken gelehnt hatte und dessen Name Tom Hanks war, sah zu mir hoch.

Ich erkannte in seinem Blick ein hartes Prüfen und wusste, dass er mein Todfeind sein würde, wenn ich Sheere Harris enttäuschte und nicht mein Bestes geben würde.

Für diesen Mann war sie gewissermaßen eine Art Heiligtum. Und vielleicht hatte er ihrem Mann sogar etwas geschworen. Ich wusste es nicht, aber ich konnte es mir vorstellen.

Die anderen Männer auf der Veranda sahen nun auf mich, nachdem sie lange genug der Frau nachgesehen hatten. Sie ging zum Pueblo Hotel, wo eine Postkutsche hielt und auf sie wartete.

Nun, nachdem sie und ihr Begleiter eingestiegen waren, blickten die Zuschauer auf mich.

Aber niemand stellte eine Frage. Sie spürten und sahen es mir auch an, dass dies sinnlos gewesen wäre. Ich verließ die Veranda und machte mich auf den Weg zu Carlos Hibbs und dem schwarzen Hengst.

2

Er saß im offenen Mietstall auf der Futterkiste und hatte einen Blechteller auf den Oberschenkeln, aus dem er ein Stew löffelte.

Kauend grinste er mir entgegen, und als ich vor ihm verhielt, da sagte er: »Sie hat also auch dich verzaubert, Hay McRae. Dabei ist sie nicht einmal schön. Aber schöne Frauen haben oft keine Ausstrahlung. Das ist es. Die sind nur schön wie eine schöne Hülle ohne Inhalt. Aber eine wie Sheere Harris …«

Er verstummte und verdrehte die sonst so harten Falkenaugen, als würde er etwas Köstliches genießen in seinen Gedanken.

»Du bist also ein Philosoph, gehörst zu den Wissenschaftlern der Erkenntnis. Nun gut. Amigo, wann endlich können wir losreiten mit dem Wunderhengst? Hat er einen Namen?«

Wieder grinste er breit. Er hatte einen gierigen Mund, der, wenn er so grinste, von einem Ohr zum anderen reichte. Das war wohl sein Komantschenerbe. Aber sonst war er ein prächtiger Bursche, bei dessen Anblick man an einen Puma denken musste.

»Von mir aus gleich«, erwiderte er. »Aber du brauchst wohl noch eine Weile. Dein Pferd jedoch kann ich satteln. Es steht ja hier im Stall.«

»Gut«, erwiderte ich. »Dann sind wir in einer Viertelstunde unterwegs. Ich hole nur meine Siebensachen aus dem Hotel.«

Er nickte zufrieden und kratzte die letzten Reste des Stews aus dem Teller.

Es war dann alles sehr einfach und ging reibungslos vonstatten. Wir waren tatsächlich eine Viertelstunde später schon unterwegs und verließen die Pueblo-Stadt Santa Fé. Der Name bedeutet so viel wie Heiliger Glaube.

Irgendwie passte dies zu uns, denn wir glaubten, wenn auch schlicht und ohne heiliges Drum und Dran, dass wir den Hengst sicher zu Sheere Harris’ Pferderanch bringen würden.

Denn wer sich mit uns anlegen würde, oho …

Als wir Santa Fé hinter uns gelassen hatten, grinste Carlos zu mir herüber. Er hatte den Hengst an der Leine mit einer einfachen Lassoschlinge gesichert.

Er sagte: »Ich habe ihn Duke getauft. Er heißt Duke, und er kennt den Namen schon, denn er spitzt seine Ohren wie ein Hund, wenn er ihn hört. Wie gefällt dir Duke?«

»Gut«, erwiderte ich. »Du hast Geschmack, Carlos. Duke bedeutet Herzog. Und er ist gewiss ein Herzog unter den Hengsten. Nur hat er sein Land verloren. Er ist ein gefangener Herzog, eine Art Sklave. Es wird ihn wenig trösten, dass er bei Reece Harris auf deren Ranch all die schönen Stuten schwängern kann.«

Carlos nickte heftig.

»Ja«, sagte er dann, »so war das auf den großen Besitzungen der Sklavenhalter. Die nannten ihre männlichen Sklaven oft nur Böcke oder Hengste und freuten sich, wenn sie den Sklavinnen Kinder machten. Denn umso größer wurde die Sklavenschar. Verdammt, wozu der Mensch nicht alles fähig ist, McRae! He, ist die Geschichte der Menschheit nicht zugleich auch die Geschichte der Unmenschlichkeit? Oder bist du da anderer Meinung?«

»Hör auf, du Philosoph!«, erwiderte ich und fügte hinzu: »Wir können die Menschheit nicht ändern. Doch ich denke manchmal, es ist der Wille der Schöpfung, dass es im Kampf zwischen Gut und Böse auf Dauer niemals einen Sieger gibt. Aber jetzt Schluss mit der Philosophie, Pferdejäger!«

»Ich bin ein halber Komantsche«, erwiderte er. »Und der Indianer in mir lässt mich die Dinge auf unserer Erde anders sehen als ihr Weißen.«

Wir schwiegen nun, ritten weiter Meile um Meile, blieben jedoch nicht ständig auf dem alten Wagenweg der Spanier, sondern nahmen manche Abkürzung. Und der Hengst, den Carlos Duke getauft hatte, trabte brav mit.

Doch wenn ich in die Augen von Duke sah, da erkannte oder spürte ich, dass dieser schwarze Hengst noch längst nicht aufgegeben hatte. Er war schlau und besaß einen feinen Instinkt, der ihn stets richtig leiten würde.

Wenn es ihm gelingen sollte, uns auszubrechen, würden wir ihn nicht wieder einfangen können. Ihn einzufangen, hatte Carlos Hibbs im Wildpferdland oben auf der Mogollon Mesa gewiss nur mit Hilfe einer Falle oder einem anderen Trick zustande gebracht.

Wir beobachteten ständig das Land um uns herum, waren also unablässig auf der Hut.

Aber es versuchte noch niemand, uns den Hengst abzunehmen, der ja mehr als tausend Dollar wert war. Wir waren zu schnell aufgebrochen.

Als wir am Abend einen kleinen Creek erreichten, dessen Quelle ein Wasserrinnsal aus einem roten Felsen war, da hielten wir an und schlugen ein Camp auf.

Carlos kümmerte sich um den Hengst, ließ ihn saufen und rieb ihn ab, ebenso unsere Pferde, indes ich Pfannkuchen mit Speck briet und Kaffee kochte.

Carlos redete ständig mit dem Hengst. Seine Stimme klang dann sanft und einschmeichelnd. Ja, da kam der Indianer in ihm durch. Die Roten lebten nun mal im Einverständnis mit der Natur und hatten zu deren Lebewesen ein ganz anderes Verhältnis als wir Weißen.

Das war nun mal so.

Wir hockten uns ans Feuer, aßen unser Abendessen und rauchten danach.

Plötzlich sagte Carlos: »Sie werden kurz vor Tagesanbruch in der so genannten grauen Stunde oder während des Komantschenmonds, wie die Komantschen die sterbende Nacht nennen, den Versuch machen, uns den Hengst abzunehmen.«

»Ich weiß«, erwiderte ich. »Es werden bestimmt ein paar böse Pilger hinter uns her sein. Und ich denke, dass es Tote geben wird.«

Er zeigte mir im Feuerschein seine blinkenden Zahnreihen. Und sein Mund wirkte nun noch breiter und gieriger.

Freute er sich schon auf den Kampf und das Töten?

Ich war mir noch nicht richtig klar über ihn.

Was war stärker in ihm? Das Blut seines weißen Vaters oder das seiner Mutter?

***

Wir schliefen die ersten Stunden ziemlich sorglos und verließen uns auf den Hengst. Denn der würde nicht ruhig bleiben, wenn sich uns etwas näherte, mochte es sein, was es wolle. Er würde schnauben, scharren, stampfen, vielleicht sogar warnend wiehern.

Solch ein Hengst, der als Wildhengst eine Herde führte, sicherte und beherrschte, der hatte stets alle Sinne in Bereitschaft und ein feines Gespür für alle Zeichen.

Wir hatten den Duke, diesen vierbeinigen Herzog seiner Rasse, mit zwei ...

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