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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 052

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Black Lady
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Kapitel 15
  18. Kapitel 16
  19. Vorschau

Black Lady

1

Es ist in der nobelsten Spielhalle von Saint Louis gegen Mitternacht, als er sie zum ersten Mal in Wirklichkeit und nicht nur in seinen Träumen zu sehen bekommt. Und so hält er erst einmal staunend inne, denn er kann es noch gar nicht glauben. Doch es ist so. Da sitzt die Frau, von der er in einsamen Nächten träumte. Und einsame Nächte gab es viele auf seinen Wegen.

Er tritt etwas näher an den Pokertisch heran und gesellt sich so zum Kreis der Zuschauer, der voller Spannung das Spiel verfolgt, jedoch respektvollen Abstand hält. Denn dies ist ein wirklich nobler Spielsaloon. Hier spielen Ladys und Gentlemen, aber auch jene Sorte, die sich gut getarnt hat auf der Jagd nach Beute.

Denn so ist die Welt nun mal, und die Menschen sind oft die gierigsten und gnadenlosesten Raubtiere auf dieser Erde.

Oven Quaid – das ist sein Name – achtet vorerst nicht besonders auf das Spiel, obwohl es da offensichtlich um eine ganze Menge geht, sozusagen um alles oder nichts.

Er muss die Frau betrachten. Denn für ihn ist sie wunderschön, schwarzhaarig und grünäugig, ganz und gar wie eine Lady wirkend, eine Frau, die das Leben kennt und sich in einer Männerwelt stets zu behaupten wusste.

Denn auch jetzt versucht sie sich gegen vier hart gesottene Pokerspieler zu behaupten, und Poker ist kein Halmaspiel, Poker ist Krieg.

Offenbar spürte sie seinen Blick, denn sie hebt den ihren und sieht geradewegs in seine rauchgrauen Augen.

Es sind die Augen eines Mannes, der ein richtiger Mann ist und von dem der Strom einer selbstbewussten Männlichkeit ausgeht, die aber nicht herausfordernd, sondern eher zurückhaltend wirkt.

Ihre Blicke tauchen etwa drei Sekunden ineinander, verschmelzen gewissermaßen, und es ist, als hielten sie eine Art Zwiesprache miteinander und als würden sie sich schon lange kennen.

Doch das ist nicht so. Er kennt sie nur aus seinen Träumen.

Dann aber klingt die etwas ärgerliche Stimme eines der Spieler: »Lady, wollen Sie im Spiel bleiben?«

Sie nimmt nun den Blick von Oven Quaid und betrachtet noch einmal ihre Karten. Oven Quaid kann erkennen, wie sehr sie zu jenem Spieler hinüber wittert. Ja, es ist das Wittern einer Raubkatze, der man die Beute streitig machen will.

Die drei anderen Spieler haben schon gepasst, sind ausgestiegen aus dieser Runde.

Die Schöne nimmt nun all ihr Geld, zählt die Hundert-Dollar-Scheine und spricht: »Ich halte Ihren Einsatz und erhöhe um fünfhundert Dollar.«

lm Kreis der Zuschauer stöhnen einige Stimmen. Einer flüstert heiser: »Heiliger Rauch und Vater im Himmel …«

Dann bricht das Flüstern ab.

Der Spieler aber – es ist ein bulliger Typ, der bei seinem Anblick an einen Löwen denken lässt – grinst unter seinem Schnurrbart. Er wirkt sehr gepflegt, ist teuer gekleidet mit einer Brokatweste über dem gefältelten Hemd und unter dem Prinz-Albert-Rock. Aber seine Augen wirken flintsteinhart.

Soeben sah es so aus, als hätte er all sein Geld gesetzt. Denn vor ihm liegen keine Dollarscheine auf dem Tisch.

Und so könnte man annehmen, dass die Lady ihn aus dem Spiel geblufft hat, denn es wird ohne Limit gespielt.

Doch nun greift er in die Innentasche seines Rockes und holt ein Bündel Scheine hervor. »Hier sind noch mal tausend Dollar, Lady. Können Sie noch im Spiel bleiben?«

Es ist nun still, so als hielten sie alle den Atem an.

Denn jeder will die Antwort der Lady hören.

Und sie alle hören ihre Stimme ruhig sagen: »Es sieht so aus, als hätten Sie mich aus dem Spiel bieten können, Mister Lewis.«

»Das haben Sie mit mir auch machen wollen, Lady. Aber ich hatte noch eine Reserve.«

Sie nickt und will sich erheben.

Doch da sagt Oven Quaids Stimme in die Stille: »Lady, Sie haben bei mir einen zinslosen Kredit. Bleiben Sie im Spiel – bitte.«

Wieder begegnen sich ihre Blicke, verschmelzen ineinander, und in jeden von ihnen dringt etwas vom Gegenüber tief hinein. Ja, abermals ist es wie eine Zwiesprache ohne Worte.

Sie nickt ihm zu: »Ich nehme Ihr Angebot an, Mister.«

Und so tritt er vor, holt dabei Geld aus der Jackentasche und wirft es auf den Tisch.

Jener Lewis aber starrt ihn aus schmalen Augen an, hält seine Gefühle jedoch tief in sich verborgen. Dennoch wissen alle, dass dieser Mann jetzt vor Hass innerlich verbrennt.

Oven Quaid ist sich bewusst, dass er einen Todfeind bekommen hat, und alles nur wegen dieser schönen Frau, die er vor wenigen Minuten zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hat. Doch das nimmt er hin. Er hat sich auf seinen Wegen schon mehr als einen Feind geschaffen und ist bis jetzt mit jedem fertig geworden.

Jener Lewis erhebt sich mit einem Ruck und geht. Nun erst sieht man, wie sehr er bei aller Schwergewichtigkeit dennoch wendig und geschmeidig ist.

Er geht einfach davon. Der Zuschauerkreis öffnet sich rasch.

Auch die drei anderen Mitspieler erheben sich, um zu gehen. Einer spricht höflich: »Lady, es war nicht fair von ihm, noch Geld in der Tasche zu haben.«

Sie nickt nur dankend und bleibt sitzen, wartet offensichtlich, dass Oven Quaid sich zu ihr setzt. Und das macht er auch.

Sie sind nun allein am Tisch. Der Zuschauerkreis löst sich auf.

Quaid beugt sich vor und deckt die Karten des Verlierers auf.

Es sind vier Buben.

Er blickt die Schöne fragend an, aber die schenkt ihm nur ein Lächeln, deckt ihr eigenes Blatt nicht auf.

Also fragt er: »Haben Sie nur geblufft, Lady?«

»Was glauben Sie, mein Freund?«

Ihre Stimme klingt kühl.

Dann schiebt sie ihm das Geld hinüber, das er auf den Tisch warf.

»Und warum haben Sie das für mich getan, Mister?«

»Mein Name ist Oven Quaid.«

»Warum also?«

»Weil ich schon sehr lange wusste, dass es Sie gab. In vielen Träumen sah ich Sie vor mir. Und als ich Sie nun in Wirklichkeit sah, da wurde mir klar, dass dies von einem Schicksal so gewollt ist. Oder sind Sie anderer Meinung?«

Ihre Augen schließen sich einen Moment, so als könnte sie auf diese Weise tief in sich hineinlauschen. Dann aber sieht sie ihn mit ihren grünen Augen fest an.

»Ja, es könnte so sein«, murmelt sie. »Wir müssten es ausprobieren.«

Sie holt vom Boden ihre große Handtasche, die dort neben ihrem Fuß stand, und beginnt das viele Geld vom Tisch hineinzuwischen wie in einen Geldbeutel.

Es ist eine Menge Geld, vielleicht mehr als zehntausend Dollar, das Geld von fünf Spielern, die hohe Einsätze wagten.

Als sie fertig ist, nickt sie ihm zu und deutet dann auf ihr Kartenblatt, das immer noch nicht aufgedeckt ist.

»Sie wollen doch wissen, Oven, ob ich eine Blufferin bin. Also sehen Sie nach.«

Er dreht die fünf Karten um und sieht einen Straight Flush, also fünf aufeinander folgende Kartenwerte der gleichen Farbe.

Es ist der zweithöchste Kartenwert beim Poker. Nur ein Royal Flush ist höher.

»Mein Name ist Samantha Donovan«, spricht sie und erhebt sich. »Gehen wir, Oven, probieren wir aus, ob uns das Schicksal zusammengeführt hat oder alles nur ein dummer Zufall war.«

Sie gehen hinaus.

Von einigen anderen Tischen und auch von der Bar her klatschen Gäste Beifall. Ja, sie alle hier gönnen der wunderschönen Lady den Sieg.

Und auf Oven Quaid sind nicht wenige der Gäste neidisch.

Es sind auch noch einige andere Frauen im Spielsaloon. Eine lacht etwas schrill und ruft: »Glück muss man haben, Schwester!«

Samantha und Oven treten hinaus in die Nacht. Vom Fluss her kommen die typischen Gerüche. Die Schiffe an den Landebrücken sind alle mehr oder weniger erleuchtet. Hier unterhalb der Missourimündung liegen all die großen Mississippi-Steamer, darunter einige Luxus-Steamer, die wie schwimmende Nobelhotels sind und auf denen Theatervorstellungen stattfinden, ebenso viele Zerstreuungen anderer Art. Aber im Frachthafen liegen die Frachtschiffe, und wenn man den Wind von dorther bekommt, dann kann man die stinkenden Büffelhäute riechen, die dort zu Zehntausenden auf den Abtransport warten.

Samantha hat sich wie selbstverständlich in Oven Arm eingehakt. Als sie sich in Bewegung setzen, übernimmt sie die Führung. Sie bewegt sich leicht und geschmeidig, hält mit ihm Schritt. Für eine Frau ist sie mehr als mittelgroß, aber er überragt sie dennoch um einen Kopf.

Ja, sie sind ein allein schon äußerlich beachtliches Paar. Aber was sie sonst sind, müssen sie erst noch gegenseitig herausfinden.

Und wahrscheinlich verspüren sie jetzt beide die gleiche Neugierde auf das Ergebnis ihres gegenseitigen Erforschens.

Es ist jetzt etwa zwei Stunden nach Mitternacht. Samantha führt ihn eine stille Straße entlang, die ein wenig ansteigt. Er spürt ihren Körper dicht an seinem. Es ist eine laue Sommernacht. Samantha trägt nur ein hauchdünnes Kleid. Es ist ein Kleid, wie es seriöse Ladys tragen. Wahrscheinlich hat sie es in New Orleans erstanden, denn es wurde gewiss in Paris geschaffen und kam mit einem Seeschiff mit vielen anderen modischen Dingen von Europa herüber. Denn New Orleans ist die französischste Stadt der USA seit jenem Tag im Jahre 1718, als die Stadt von Bienville gegründet wurde.

Ja, Oven glaubt, dass Samantha mit einem Dampfboot von New Orleans heraufgekommen ist, eine schöne Frau ohne Beschützer. Doch wahrscheinlich kann sie sich selbst gut beschützen.

Rechts und links der noblen Straße stehen Villen und kleine Hotelpensionen der gehobenen Klasse. Wahrscheinlich hat Samantha sich in solch einem Haus eingemietet.

Aus dem Mondschatten eines alten Baumes tritt plötzlich ein Mann heraus und versperrt ihnen breitbeinig verhaltend den Weg.

Der Mann ist kein anderer als jener Lewis, der vorhin nach seiner Niederlage beim Poker wortlos davonging.

Jetzt aber spricht er mit kehlig grollender Härte: »Ich bin nun mal ein schlechter Verlierer. Das ist euer Pech. Also gebt mir zurück, was ihr mir abgenommen habt. Ich hatte diese grünäugige Katze schon aus dem Spiel geboten, als du dich einmischen musstest. Das war ein guter Trick. Aber jetzt gebt ihr mir alles zurück. Vorwärts! Wirf deine Tasche herüber, du grünäugige Hexe!«

Sein Zorn, den er bisher unter Kontrolle hielt, bricht nun hervor.

Und unter seinem offenen Prinz-Albert-Rock sieht man den Elfenbeinkolben seiner griffbereiten Waffe. Gewiss ist er schnell, so schnell wie ein Revolvermann, der bisher auf all seinen Wegen überleben konnte.

Samantha löst sich von Oven und tritt zwei Schritte zur Seite.

Oven aber spricht ruhig: »Ihr Name ist Lewis, nicht wahr? Nun, Mister Lewis, bevor ich dieser Lady mein Geld anbot, hatte ich sie noch niemals in meinem Leben gesehen. Wir waren kein eingespieltes Paar. Muss ich Ihnen einen Vortrag über Pokern halten? Sie hätten vorher aus dem Spiel aussteigen können.«

Als er verstummt, da schweigt Lewis einige Atemzüge lang, wippt nur leicht auf seinen Sohlen. Dann schüttelt er den Kopf wie ein Mann, der keine andere Möglichkeit mehr sieht. Als seine Hand nach der Waffe greift, deren heller Elfenbeinkolben so deutlich sichtbar ist, da zieht auch Oven.

Seine Waffe, die er links trägt, war bisher unter seiner offenen Jacke verborgen. Dass er die Waffe so schnell in der Hand hat, gleicht wahrhaftig einer Zauberei. Lewis kommt gar nicht mehr zum Schuss. Die Kugel zerschmettert ihm das Schultergelenk, stößt ihn halb um seine Längsachse. Und der Revolver entfällt ihm. Er kann ihn nicht mehr halten.

Und so verharrt er stöhnend und muss die böse und für ihn so schreckliche Erkenntnis erst noch verarbeiten, dass er zum zweiten Mal verloren hat und nun auch noch böse angeschossen ist. Einige Sekunden verharrt er schwankend, und sie hören ihn knurren, als er den Schmerz zu spüren beginnt.

Schließlich stößt er heiser hervor: »Du hättest mich töten sollen, Mann. Denn …«

Er spricht nicht weiter, sondern wendet sich nach links, denn dort öffnet sich eine Gassenmündung. Dann jedoch hält er noch einmal inne, hat sich die Linke auf die zerschossene rechte Schulter gepresst. O ja, er ist ein eisenharter Bursche, der auch jetzt noch auf den Beinen bleibt.

Über seine blutende Schulter hinweg stößt er hervor: »Ihr verdammten Linkshänder! Warum sind Linkshänder stets schneller?«

Aber er wartet nicht auf eine Antwort, sondern taumelt in die Gasse hinein.

Samantha und Oven sehen ihm schweigend nach.

Aus dem Fenster einer der Villen ruft eine Stimme: »He, wer schießt da herum!«

Aber sie geben dem Rufer keine Antwort. Samantha hängt sich wieder bei Oven ein. Sie setzen ihren Weg wieder fort, und nach etwa hundert Schritten erreichen sie das kleine Hotel. Samantha hat den Hausschlüssel. Ihr Zimmer liegt im ersten Stock.

Oben kommt sie in seine Arme.

Und sie sprechen kein Wort. Denn das müssen sie auch nicht.

2

Es ist am nächsten Vormittag, als er erwacht. Im ersten Moment glaubt er, dass er alles nur geträumt hat, wie schon so oft, wenn er im Traum das Bild von einer Frau vor seinen Augen sah, der Samantha so sehr gleicht.

Doch er begreift schon nach wenigen Sekunden, dass er diesmal nicht träumte, sondern alles in Wirklichkeit erlebte.

Denn Samantha liegt in seinem Arm und schläft noch.

Das helle Tageslicht fällt durchs Fenster herein. Sie hatten die Gardinen und Vorhänge zurückgezogen, um die Kühle der Nacht ins Zimmer zu lassen. Denn es war ein heißer Tag, und auch ihnen ist es mächtig warm geworden während der Stunden, in denen sie sich beschenkten mit Zärtlichkeiten, sich liebten ohne Worte.

Nun betrachtet er sie von der Seite, bläst einmal eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

Doch sie erwacht immer noch nicht. Aber auf ihrem Mund liegt ein Lächeln. Es ist ein Mund mit vollen, lebendigen Lippen.

Er kann sich nicht sattsehen an ihrem Gesicht, denn es ist das starke, eindringliche Gesicht einer Schönheit, die das Leben kennt, ein Gesicht, dem die Liebe nicht fremd ist – und auch die Enttäuschungen der Liebe nicht. Es ist das leidenschaftlich wache, herbe, herrliche und wunderbare Gesicht einer Frau mit großen Augen und großzügigen Konturen.

Und so denkt er: Womit habe ich das verdient?

In diesem Moment öffnet sie ihre grünen Augen und lässt ihn tief hineinblicken.

Ihr Lächeln ist für ihn das schönste Morgengeschenk. Ihre Stimme fragt ruhig und ohne Scheu: »Habe ich dich glücklich gemacht?«

»Ich war im Paradies«, erwidert er.

»Das war ich auch, Oven. Aber das kann nicht alles sein. Wir haben herausgefunden, dass wir uns gegenseitig glücklich machen können. Wir wurden ein Paar, das gewiss nicht mehr voneinander lassen kann. Aber das kann wirklich nicht alles sein. Ich weiß nichts von dir – und du nichts von mir. Warum kamst du nach Saint Louis? Wer bist du, nur ein schneller Revolvermann, ein Abenteurer, ein Spieler? Oder machst du irgendwelche Geschäfte?«

Sie macht eine kleine Pause und lacht dann ein wenig, so als erinnerte sie sich an etwas und wäre deshalb amüsiert.

Dann murmelt sie: »Als ich noch sehr jung war, ging ich mit einem Mann von daheim fort, der seine Frau und seine beiden Kinder verlassen hatte. Doch das bekam ich erst später heraus. Denn damals war ich noch ein dummes Ding von siebzehn Jahren. Inzwischen …«

Sie bricht ab, aber er weiß auch so, was sie gesagt hätte, nämlich, dass sie jetzt erfahren sei.

Und so sagt er: »He, ich habe gewiss keine Frau und Kinder verlassen. Ich kam nach Saint Louis, um ein Dampfboot zu kaufen, es mit Waren vollzuladen und damit hinauf nach Montana zu fahren. Dort suchen mehr als zehntausend Menschen nach Gold. Und die brauchen alles vom Hufnagel bis zum Klavier, einfach alles, was sie bezahlen können mit ihrem Gold. Samantha, ich bin ein Mann vom Fluss.«

Als er verstummt, da denkt sie eine Weile nach. Dann aber kommt die von ihm erwartete Frage: »Und woher hast du das viele Geld? Denn was du vorhast, dazu benötigst du eine Menge Kapital oder? Du kannst mit der Waffe umgehen wie ein Revolvermann. Bist du oder warst du einer? Hast du eine Bank ausgeraubt oder reich geerbt?«

Sie fragt es zuletzt leise lachend.

Aber er spürt, dass es jetzt sehr auf seine Antwort ankommen wird, ob sie beisammenbleiben oder sich trennen werden.

Sie ist kein leichtsinniges Huhn mehr. Denn längst hat sie Lehrgeld gezahlt.

Und so erwidert er: »Ich besaß schon mal ein prächtiges Dampfboot. Während des Krieges fuhr ich Konterbande für die Konföderationsarmee in Vicksburg. Ich holte die wichtigen Versorgungsgüter von den Seeschiffen, die im Golf von Mexiko auf Reede lagen. Vicksburg, das man mit Gibraltar verglich, wurde mehr und mehr abgeschnitten, und die mehr als dreißigtausend Verteidiger begannen zu hungern. Es fehlte auch immer mehr an Munition. Und die Kanonenboote der Unionsarmee machten zunehmend stärker und erfolgreicher Jagd auf uns Blockadebrecher. Es wurde ständig gefährlicher, sich in den Mississippi zurückzuschleichen und bis Vicksburg hinaufzukämpfen.«

Er macht nach dieser Einleitung eine Pause. Samantha spürt sein Zögern. Gewiss fragt er sich nun tief in seinem Kern, ob er ihr ein Geheimnis anvertrauen kann. Denn sie kennen sich ja erst weniger als zwölf Stunden, fanden in dieser Nacht nur heraus, dass sie sich gegenseitig das Paradies bereiten können.

Aber langt das?

Ja, sie spürt, dass er sich diese Frage stellt.

Und so will sie sich schon trotzig aus seinem Arm rollen und dabei sagen: »Du musst es mir nicht erzählen. Bleib nur weiter ein vorsichtiger Wolf.«

Doch da hört sie ihn wieder sprechen und mit einem Klang von grimmiger Erinnerung in der Stimme sagen: »Die Yankees schossen meine River Shark in Stücke. Sie kamen mit einigen Kanonenbooten aus dem Yazoo River heraus, als ich mit meiner River Shark den Flusshafen von Vicksburg zu erreichen versuchte. Die schossen mein Dampfboot buchstäblich in Stücke. Ich verlor einige meiner Männer. Mit den anderen konnte ich mich schwimmend an Land retten. Aber wir retteten nur unser nacktes Leben.«

Als er abermals verstummt und einige Atemzüge lang schweigt, da spürt sie, wie sehr ihn die Erinnerung belastet.

Und so wartet sie geduldig.

Er murmelt dann: »Ich hatte alles verloren, meine River Shark, die wertvolle Ladung und mein ganzes, in den vergangenen Jahren angesammeltes Vermögen. Die Yankees hatten mich hart und gnadenlos dafür bestraft, dass ich eine belagerte und fast völlig eingeschlossene Stadt, in der auch Säuglinge mit ihren Müttern lebten, mit lebensnotwendigen Waren versorgte. Natürlich machte ich mit der Konterbande Gewinn. Nein, ich war gewiss kein edler Patriot. Doch ich nahm die Niederlage nicht hin. Wir waren noch zwölf Mann, darunter mein Steuermann und der Bootsmann. Vicksburg stand dicht vor der endgültigen Kapitulation. Wir eroberten zwei Wochen nach dem Verlust der River Shark ein kleines Kanonenboot der Unionsmarine. Und dieses Boot hatte zuvor einen Goldtransport geschnappt, der zum Golf von Mexiko unterwegs war, um von den Seeschiffen weiterhin Konterbande kaufen zu können. Das wurde von Baton Rouge aus organisiert. Von dort erhielt auch ich mein Geld. Aber dieser Goldtransport der Konföderierten – es waren Spenden von den Silber- und Goldfundgebieten in Texas, New Mexiko und Colorado, die von Patrioten gesammelt wurden – konnte Vicksburg nicht mehr helfen. Die Yanks hatten ihn geschnappt. Aber alles wurde unsere Beute, das Kanonenboot und das Gold, das die Yankees schon so sicher zu haben glaubten.«

Abermals macht Oven Quaid eine Pause.

Samantha wartet geduldig. Dann spricht er weiter: »Wir teilten unsere Beute und trennten uns. Zuletzt waren wir nur noch sieben Mann, denn einige starben beim Kampf um das Kanonenboot. Das alles ist jetzt länger als drei Jahre her. Wir schreiben nun das Jahr 1868. Der Krieg ist vorbei. Und ich machte meinen Anteil an der Beute längst zu Geld, zu Yankeedollars. Denn das Südstaatengeld wurde ja wertlos, Gold war damals für jeden Südstaatler das einzig Wahre. Nun bin ich hier, um ein Dampfboot zu kaufen, das meiner River Shark möglichst ähnlich ist. Und ich habe mein Vermögen im vergangenen Jahr stark vermehrt. Ich rüstete eine Holzfällermannschaft aus und ging mit ihr hinauf nach Montana, schlug Holz am Whiskey River. Und meine Flößermannschaften brachten Dutzende von Riesenflößen den Missouri abwärts bis Omaha, von wo aus der Bau der Union Pacific begonnen wurde. Dort sammelte man Riesenmengen von Bauholz für Brücken und Eisenbahnschwellen, für Eisenbahnstationen und für die Städte, die erst noch gegründet werden müssen. Samantha, ich wurde ein wohlhabender Mann. Und nun will ich wieder eine neue River Shark besitzen und den Missouri bis Fort Benton befahren, Waren jeder Art befördern. Das war mein Leben und wird es auch bleiben. Könntest du es mit mir teilen?«

Er fragt es zuletzt sehr ernst.

Sie schweigt eine Weile. Dann aber erwidert sie leise: »Wenn ich dir mehr von mir erzählt habe und du mehr von mir weißt, dann solltest du mich noch einmal fragen – oder es sein lassen.«

»Du musst mir nichts von deiner Vergangenheit erzählen, Samantha.«

»Aber ich will es. Und deshalb mache deine Ohren auf, Oven Quaid.«

Sie rollt sich in seinem Arm noch mehr auf die Seite, sodass ihr Atem seine Wange streichelt.

Dann beginnt sie: »Als mich jener Mann, mit dem ich von daheim fortlief, beim Poker an einen anderen Mann verloren hatte, brach die Welt für mich zusammen. Ich war damals siebzehn Jahre alt und ein dummes Ding. Doch ich lief dem Mann, der mich beim Poker gewann, nach einigen Tagen und Nächten fort. Das war in New Orleans. Und ich hatte eigentlich nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Ich konnte mich in einem Bordell verkaufen oder als Dienstmädchen ein Unterkommen suchen. Dem Mann, der mich gewonnen hatte und der mich als sein Eigentum betrachtete, hatte ich etwas Geld stehlen können. Aber es reichte nur wenige Tage. Und als ich ziellos durch die Straßen von New Orleans strich, da kam ich an einem wunderschönen Haus vorbei, in dessen Vorgarten wunderschöne Rosen blühten und herrlich dufteten. Eine grauhaarige Lady war mit dem Rosenschneiden beschäftigt. Sie tat es auf eine Art, die wie ein Zelebrieren auf mich wirkte. Ja, man konnte unschwer erkennen, dass sie die Rosen liebte, als wären sie edle Geschöpfe, vielleicht so etwas wie ihre Kinder. Ich hatte innegehalten. Nun blickte sie über den kunstvoll geschmiedeten Zaun hinweg auf mich, und unsere Blicke konnten sich nicht voneinander lösen. Ich spürte irgendwie, dass diese grauhaarige Lady in mir lesen konnte wie in einem offenen Buch. Etwas von ihr drang in mich ein.

Und ich hörte mich fragen: ›Lady, brauchen Sie vielleicht ein Mädchen, das Ihnen zur Hand geht?‹ Ich wartete nach meiner Frage eine Weile und sah weiter in ihre Augen.

’Wer bist du, Kleines?’

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