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G.F. Unger Sonder-Edition - Folge 051

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Concho Creek
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Vorschau

Concho Creek

1

Ich kam noch durch die Furt, aber ich ertrank fast darin, weil ich kaum noch die Kraft aufbringen konnte, mich zu erheben. Und schwimmen konnte man in diesem knietiefen Wasser nicht. Ich schaffte es noch bis ans nördliche Ufer und den verdammten Weg hinauf bis zum Saloon. Es war nicht so, dass ich im Saloon einen Drink nehmen wollte. Flüssigkeit hatte ich im Concho Creek genug schlucken müssen. Nein, ich wollte nur zu Menschen. Denn es ging mir verdammt schlecht.

Übrigens: Concho Creek! Es gab im ganzen Südwesten eine Menge Concho Creeks, so wie es auch Orte gab, die Santa Cruz hießen. Den Leuten damals ist eben nicht mehr eingefallen. Jener Concho Creek, in dem ich fast ertrunken wäre, bildete ein Stück Grenze zwischen Mexiko und dem Arizona-Territorium.

Nun, ich schaffte es noch bis zur ersten Stufe der Veranda des Concho Saloons. Danach war es so gut wie aus mit mir. Und mein letzter müder Gedanke war noch: Aaah, rutscht mir doch alle mal …

Ich glaubte also damals, es wäre alles aus und vorbei. Aber das war es nicht. Denn irgendwann kam ich wieder zu Bewusstsein.

Und da lag ich in einem Bett und sah einen Engel mit grünen Augen und rotem Haar über mir. Diese Erscheinung verschwand immer wieder in grauen Nebelschleiern – aber sie kam immer wieder zum Vorschein, als die Schleier wichen.

Irgendwann begriff ich, dass dieser Engel eine schöne Frau war, die sich um mich kümmerte. Und irgendwann brachte ich es fertig, etwas zu sagen.

»Hallo, Honey«, sagte ich, und meine Stimme klang wie eine Blechbüchse, in der ein paar Kiesel klapperten.

Aber sie lächelte auf mich nieder und gab mir zu trinken.

Nun erkannte ich sie auch. Es war Stella Clayton, die Besitzerin des Concho Saloon. Ich hörte sie sagen: »Cash Cannon, was war das für eine Verletzung an Ihrem Arm?«

»Klapperschlange«, sagte ich. »Das war eine Klapperschlange. Ich musste dann ziemlich tief schneiden, damit es genug blutete. Und zum Glück biss mich das Biest dort, wo ich mit dem Mund saugen und ziehen konnte wie ein Kalb am Euter der Kuh. Hab ich es wirklich überstanden?«

Ich sah sie nicken. Ich hatte zuvor nur von ihr gehört, sie jedoch noch nie gesehen. Es gab keinen Zweifel daran, dass sie Stella Clayton war. Denn es gab hier nur einen Concho Saloon, und auf ein paar hundert Meilen gewiss nur eine solche Frau. Sie war bekannt an der Grenze. Das war kein Wunder.

Sie hatte mich bei meinem Namen genannt. »Wieso wissen Sie, dass ich Cash Cannon bin, Stella?«, fragte ich. Meine Stimme war nun schon klarer.

»Ach, einer der Gäste erkannte Sie«, sagte sie und trat etwas zurück, sodass sie hinter das Fußende treten und die beiden Messingkugeln des Bettgestells umfassen konnte.

Wir betrachteten uns eine Weile stumm. Meine Gedanken waren ohnehin sehr langsam. Aber ich begriff, dass sie eine sehr beachtliche Frau war. Sie war nicht nur sehenswert und hatte eine Menge Ausstrahlung – nein, sie musste auch eine Menge Haare auf den Zähnen haben und ziemlich hartgesotten sein. Denn sonst könnte sie nicht hier an der Grenze diesen Saloon führen. Dies war ein Job, den so mancher harte und erfahrene Bursche nicht bewältigen konnte.

Ich staunte sie an.

Dann fragte sie: »Sie haben kein Pferd mehr und …«

»… keinen Sattel – nicht mal mehr einen Colt«, sagte ich. »Ja, Schwester, ich bin abgebrannt und blank. Ich kann nicht mal das Essen bezahlen, auch nicht das Bett hier. Muss ich jetzt raus?«

Sie hatte einen etwas zu breiten und vollen Mund. Aber es war zugleich auch ein energischer Mund. Er war lebendig und verriet manchmal gewiss mehr, als es Stellas Absicht war.

Dieser Mund wurde nun für einen Moment herb.

»Ich bin ein kranker, armseliger Hund«, sagte ich. »Und sehr viele Freunde, die mir etwas leihen würden, besitze ich auch nicht. Da man aber in diesem Land nichts geschenkt bekommt auch nicht von einer schönen Frau, frage ich Sie, Ma’am, ob ich raus muss. Oh, ich finde auch auf dem Stroh in einer Scheunenecke einen guten Platz.«

Sie begriff plötzlich, was in mir war. Sie sah auf mich nieder und spürte meinen verletzten Stolz. Sie ahnte, wie mir meine Hilflosigkeit zusetzte. Und endlich begriff sie auch, dass ich ein Bursche war, der wahrscheinlich zum ersten Mal auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen war.

»Ich glaube nicht, dass Sie jemandem etwas schuldig bleiben«, sagte sie plötzlich. »Irgendwie zahlen Sie immer. Ich habe schon von Ihnen gehört, Cash Cannon. Wer an dieser Grenze und in diesem Land westlich des Pecos hat noch nicht von Ihnen gehört?«

Damit ging sie hinaus. Ich verfiel schon wieder in einen Halbschlaf. Dieses Gift der Klapperschlange war noch in mir und von meinem Körper längst noch nicht absorbiert worden. Das konnte noch Wochen dauern.

***

Als ich erwachte, hätte ich normalerweise hungrig sein müssen wie ein Wolf nach einem langen Blizzard. Doch ich spürte keinen Hunger. Ich war viel zu schwach und schlapp, um überhaupt noch etwas anderes zu wollen als Ruhe und bewegungsloses Dahinschlummern.

Aber dann kam diese so herrlich anzusehende Stella Clayton wieder. Diesmal brachte sie eine Fleischsuppe. Sie fütterte mich mit einem Löffel. Und danach gab sie mir einen Tee zu trinken, der nach einem toten Hund schmeckte, den man in einer Büffelkuhle gewässert hatte.

Ich schüttelte mich zaghaft, denn viel bewegen konnte ich mich noch nicht.

Sie sagte: »Das ist Blutreinigungstee. Ich habe ihn von Juana, der alten Kräuterhexe, mischen lassen. Sie sagt, dass dieser Tee nach einigen Wochen das Schlangengift aus dem Blut treiben wird.«

»Wochen?«, fragte ich erschrocken.

»Sicher – Wochen, Mister«, sagte sie trocken. »Ich habe mir da etwas aufgeladen mit Ihnen, nicht wahr? Dabei wollte ich nie wieder mildtätig sein und kranke Hunde pflegen. Denn das bringt nichts ein. Warum haben Sie denn das Pferd und Ihren Colt verloren? War auch da die Klapperschlange dran schuld?«

»Nein«, sagte ich. »Aber darüber möchte ich nicht sprechen. Hat man meinen Hut gefunden? Ich muss ihn am Creek verloren haben. Mein Hut hatte ein aus Goldfäden geflochtenes Hutband. Das war ein paar Dollar wert.«

»Pah«, machte sie nur und verließ mich wieder.

Ich war satt und dachte träge über ihre Worte nach.

Jawohl, ich war ein kranker Hund. Und sie hatte sich mit mir etwas aufgeladen. In diesem Land bekam man nichts geschenkt. Und wenn eine Frau wie Stella Clayton erst damit anfing, kranke Tramps aufzulesen und zu pflegen, konnte sie schnell bettelarm werden.

Aber ich durfte nicht ständig an diese Stella Clayton denken. Ich hatte eine verdammte Menge anderer Sorgen. Es wurde Zeit, dass ich mal an Paco Alvarez und Reece Clum dachte.

Denn diesen beiden Schuften hatte ich meine gewiss nicht rosige Lage zu verdanken. Und ich wusste, sie würden nach mir suchen, würden eines Tages – vielleicht sogar schon in der nächsten Minute – nach Concho Creek kommen.

Was dann?

Ich hatte nicht mal einen Colt, mit dem ich von meinem Bett aus auf die beiden Schufte schießen konnte.

Aber wahrscheinlich hätte ich einen Colt gar nicht halten können. Ich fühlte mich so schrecklich schwach. Es war eine Kraftlosigkeit, die aus dem Innern kam. Dieses Klapperschlangengift hatte mich zwar nicht töten können, doch ich war bis ins Mark ausgehöhlt.

Oha, wie sollte das weitergehen?

***

Drei Tage später ging es mir wenigstens wieder so gut, dass ich aus dem Bett kriechen konnte wie ein kranker Sonora-Wolf aus seiner Höhle.

Stella Clayton hatte mir neues Zeug aus dem Store gebracht.

Nun kam sie mit einem großen Glas Milch und sagte: »Es schmeckt so süß, weil eine Menge Honig darin verrührt ist. Honig und Milch können gewiss nicht schaden, nicht wahr?«

Oha, ich hätte auch Schwefelsäure getrunken, wenn ich die Hoffnung gehabt haben würde, es könnte mir helfen und mir etwas Kraft zurückgeben.

Und so trank ich auch dieses Zeug.

»Ich stehe immer tiefer in Ihrer Schuld, Stella«, sagte ich. »Was werden Sie eines Tages dafür verlangen? Nur Geld?«

Sie trug an diesem Vormittag einen rehledernen, geteilten Reitrock, eine grüne Hemdbluse und eine ärmellose Weste. Darin wirkte sie gar nicht wie eine Saloonbesitzerin, eher wie eine junge Rancherin. Ihr Haar war etwas zerzaust. Wahrscheinlich war sie ein Stück geritten. Sie hielt sich also körperlich fit und scheute sich auch nicht vor einem harten Ritt.

Sie hatte schmale Augen, während sie mich jetzt ansah und über meine Frage nachdachte.

»Wir werden sehen«, sagte sie. »Auf jeden Fall sind Sie mir etwas schuldig, Cash Cannon. Es wird sich schon eine Gelegenheit ergeben, dass Sie Ihre Schuld bezahlen können.«

Sie nahm das leere Glas und ging zur Tür.

Noch bevor sie öffnen konnte, sagte ich: »Mein Fieber vorgestern war wohl schlimm, nicht wahr?«

Sie sah mich über die Schulter an.

»Ja, sehr schlimm«, sagte sie. »Ich ließ Sie pausenlos den Tee von Juana schlucken. Sie hat für jede Art von Krankheit einen Tee. Und weil Sie vom Fieber eine Menge Durst hatten, schluckten Sie stets auch recht brav.«

Ich nickte. Sie wollte nun endgültig gehen. Da fragte ich schnell: »Und was habe ich im Fiebertraum alles geredet?«

Nun sah sie mich nicht länger über die Schulter an, sondern wandte sich mir wieder voll zu.

»Verworrenes Zeug«, sagte sie. »Aber etwas konnte ich mir zusammenreimen. Sie waren mit etwas Gold unterwegs. Irgendwo hatten Sie Gold gefunden. Aber dann bekamen Sie es mit Banditen zu tun. Sie wurden nachts in Ihrem Camp überfallen und konnten nur noch Ihre nackte Haut retten. Sie mussten alles zurücklassen, also Pferd, Ausrüstung und das Gold. Sie suchten sich einen Weg zu Fuß durch die Berge, wo Reiter keine Chancen hatten. So entkamen Sie der Bande. Es waren wohl am Anfang mehr als nur zwei Banditen. Doch jene, deren Namen Sie im Fieber manchmal nannten, waren wohl die Anführer. Aber dann wurden Sie unterwegs von der Klapperschlange gebissen. Es ist wie ein Wunder, dass Sie noch leben. Was macht der Arm? Ist die tiefe Schnittwunde über der Bissstelle gut verheilt?«

Ich sah sie an und nickte stumm. Und dabei dachte ich darüber nach, ob ich im Fiebertraum dies alles freiwillig losgeworden war, oder ob Stella Clayton mir gezielte Fragen gestellt hatte. Ja, ich erinnerte mich irgendwie tief in meinem Innern, dass ich im Fieber meine letzten Abenteuer noch einmal durchlebt hatte.

Stella hatte an meinem Bett gesessen und wusste nun einigermaßen über mich Bescheid.

Ich sagte: »Stella, ich habe keine Goldader gefunden. Es war nur der Rest einer Goldader in einer alten, stillgelegten Mine drüben in Mexiko. Es war kaum mehr als für dreihundert Dollar Gold. Aber ich machte den Fehler, damit in einem kleinen, mexikanischen Dorf ein paar dringende Einkäufe zu bezahlen. Mein Pferd hatte neue Eisen nötig. Nun, dass ich mit diesem Gold bezahlte, brachte mir die Banditen auf den Hals. Wahrscheinlich sind sie immer noch hinter mir her, weil sie an eine Goldader glauben. Paco Alvarez und Reece Clum sind ja bekannt genug als Grenzwölfe. Ich habe ein paar von ihren Leuten umgelegt, darunter auch Pedro Alvarez, den kleinen Bruder von Paco.«

»Dann sitzen Sie aber mächtig in der Klemme«, sagte Stella trocken und ging hinaus.

Ich war einigermaßen verblüfft, denn ich hatte erwartet, dass sie mich nun aus ihrem Haus weisen würde. Sie musste jetzt begriffen haben, dass man sich mit mir nur Verdruss einhandeln konnte.

Aber sie ging ruhig hinaus, als hätte ich ihr eine ganz unwichtige und gar nicht aufregende Geschichte erzählt.

Ich staunte nicht länger, sondern machte mich endlich auf den Weg, um den Saloon und den kleinen Ort zu besichtigen.

Die Treppe knarrte unter meinem Gewicht, als ich nach unten ging. Ich hatte gewiss mehr als zehn Kilo in den vergangenen Tagen verloren und fühlte mich nur noch als ein Strich.

Doch ich wusste, dass ich auch jetzt noch gute siebzig Kilo wog bei einer Länge von einssechsundachtzig. Und weil ich auch mit knapp neunzig Kilo nicht massig wirkte, kann man sich vorstellen, wie dünn ich jetzt aussah.

Es war ein großer Saloon, der von den wenigen Leuten des kleinen Ortes niemals hätte leben können. Für diese Gegend hier war der Concho Saloon sogar sehr nobel eingerichtet. Er war mehr als eine billige Bodega, wie sie sonst in den kleinen Nestern üblich war.

Es mussten also viele Gäste nach hier kommen, die nicht im Ort lebten.

Ein Mexikaner stand hinter der Bar und putzte Gläser. Er war nicht sehr groß, doch kompakt. Er hatte hängende Schultern, die in einen massigen Hals übergingen, der mit Muskelsträngen nur so gepanzert war. Ein paar Narben in seinem Gesicht waren Zeichen, die mir sagten, dass er einmal Preiskämpfer gewesen sein musste.

Er nickte mir zu.

Dann griff er unter den Schanktisch und holte einen Revolvergürtel hervor.

Im Holster steckte ein Colt.

Der Mexikaner sagte: »Ich bin Toro. Die Señora sagte, dass ich Ihnen dieses hier geben soll.«

Ich trat näher, sah auf die Waffe und erkannte sogleich, dass es die Kanone eines Könners gewesen war.

Zuerst wollte ich nicht – doch dann nahm ich die Waffe aus dem Holster.

Nun fühlte ich es. Der Kolben war besonders gut geformt und innen mit Blei ausgegossen. Oh, er lag prächtig und wie eingewachsen in meiner Hand. Die Waffe hatte einen bunt gehärteten Stahlrahmen und keinen Abzug mehr. Auch vorn das Korn war abgefeilt worden.

Und der Hammer hatte – damit man ihn leichter mit dem Daumen zurücklegen konnte – eine eigenartig geschwungene Form.

Aber sonst war es ein 1860 Army-Colt, Kaliber 44 mit einem zwanzig Zentimeter langen Lauf. Die Trommel war hübsch graviert.

Es war damals das technisch beste Colt-Modell, speziell für die Nordstaaten-Armee entwickelt.

»Er ist geladen«, sagte der Mexikaner hinter der Bar und sah zu, wie ich die Waffe in der Hand wog. Obwohl ich noch keine Kraft in dieser Hand hatte, entging es ihm gewiss nicht, dass ein Fachmann vor ihm stand, der sich in dieses Schießeisen hineinfühlen konnte wie in ein lebendiges Wesen.

»Wem gehört er?«, wollte ich wissen.

Toro, der mexikanische Barmann, leckte sich erst die Lippen, so, als müsste er Zeit gewinnen.

Doch dann sagte er etwas leiser: »Dem Señor. Er war nicht schnell genug damit, als er mit Don Pytaja Coronada kämpfte.«

»Mit Pytaja, dem Banditen?«, fragte ich schnell.

»Mit Don Pytaja de Coronada, der schon einmal General war und eine Armee gen Mexiko City führte«, sagte Toro.

Und nun wusste ich es.

»Welcher Señor?«, fragte ich. »Welchem Señor gehörte diese Waffe. Sie sagten einfach nur Señor. Aber wie war sein Name?«

»Señor Clayton.«

Und nun wusste ich es wieder. Ich erinnerte mich daran, einmal irgendwo die Geschichte gehört zu haben. Stella Clayton war früher nicht allein die Wirtin des Saloons in Concho Creek gewesen. Es gab auch einen Wirt. Und der hieß Jim Clayton. Er war als Spieler und Revolvermann bekannt. Hier an diesem Grenzübergang war er so etwas wie eine Autorität. Durch ihn war Concho Creek zu einem neutralen Ort geworden.

Aber dann – vor etwas mehr als zwei Jahren – war der mexikanische Bandit Pytaja über die Grenze gekommen. Pytaja war wirklich einmal Revolutions-General gewesen. Doch das hatte wenig zu bedeuten.

Jedenfalls kam er über die Grenze und wollte die schöne Wirtin haben. Daher musste er mit ihrem Mann kämpfen.

Pytaja tötete Jim Clayton. Das hatte ich damals gehört und bald wieder vergessen.

Toro beobachtete mich.

Und ich hatte plötzlich viele Fragen auf der Zunge. Ich wollte brennend gern wissen, ob dieser Pytaja damals die schöne Wirtin des Grenz-Saloons bekommen hatte. Aber dann verzichtete ich darauf. Ich würde schon noch dahinter kommen.

Ich band den Revolvergurt mit dem Holster um und sah auch nach, ob die beiden Taschen daran gefüllt waren mit all den nötigen Dingen. Da waren Kugeln, Zündhütchen, eine Pulverflasche, Filzscheiben und andere notwendige Kleinigkeiten.

Ich rückte die Halfter zurecht und band sie unten am Bein fest. Es passte alles wie für mich angefertigt. Stella Claytons Mann musste meine jetzige Statur gehabt haben.

Toro beobachtete mich.

Plötzlich lächelte er schief. Doch in seinen Augen war keine Abneigung. Er konnte vielleicht nur auf diese Art lächeln.

»Ich habe schon von Ihnen gehört, Señor Cannon«, sagte er. »Und es gibt nicht viele Menschen, die einen Klapperschlangenbiss überstanden haben. Man sagt hier in diesem Land zu beiden Seiten der Grenze, dass solche Menschen eines Tages im Bett sterben, weil sie sonst nicht totzukriegen sind.«

Ich grinste zu seinen Worten.

Dann ging ich hinaus und blinzelte gegen die Sonne. Ich sah mich um und merkte, wie klein der Ort war.

Es gab außer dem Saloon einen Wagenhof, eine Schmiede und eine Poststation. Dazu kamen ein Store, ein Hotel, ein paar Corrals und zwei oder drei Häuser mit den dazugehörigen Nebengebäuden.

Hier in Concho Creek lebten kaum mehr als dreißig Menschen.

Aber es kamen gewiss Reisende, Wagen- und Packtierkolonnen und eine Menge Reiter hier durch. Hier an der Furt war der einzige Übergang weit und breit, wollte man nicht mühsam zu Fuß über die Berge und Hügel klettern oder Umwege reiten.

Ich ging langsam hinunter zum Creek, und ich erinnerte mich wieder daran, wie mühsam ich vor einigen Tagen diesen Weg heraufgetorkelt war und wie sehr ich mir gewünscht hatte, dass jemand mir helfen würde.

Als ich den Creek erreichte, suchte ich mir einen schattigen Platz. Es gab hier ein paar alte Cottonwoods, aber auch Espen. Der Creek führte klares, gut mundendes Wasser. Ich holte mir einige Handvoll heraus.

Und dann dachte ich wieder darüber nach, ob ich schon wieder kämpfen konnte.

Ich erhob mich von dem Stein, auf dem ich saß, und zog einige Male zur Probe den Colt. Oha, war der schwer! Er schien fünfzig Pfund zu wiegen. Mein Handgelenk schien nur die Kraft eines Knabenhandgelenks zu haben. Zum Glück hatte mich die Klapperschlange nicht in meinen Revolverarm gebissen.

Ich war – was den Colt betraf – Linkshänder.

Nachdem ich einige Male gezogen und Anschlag genommen hatte, gab ich es auf. Denn ich war gewiss nicht schneller als ein Farmer. Aber ich war Cash Cannon, ein Revolvermann und Abenteurer der Grenze. Ich war so etwas wie ein Grenzwolf, und wenn ich bis jetzt auch noch nicht vom Gesetz verfolgt wurde, so konnte sich das von einem Tag zum anderen durch einen dummen Zufall ändern.

Ich wusste das.

Als ich vor einiger Zeit drüben die alte Mine durchsucht und dabei ein paar Goldbrocken gefunden hatte, war das eigentlich Diebstahl. Denn die Mine gehörte ja nicht mir. Gewiss, sie war verlassen, wahrscheinlich auch aufgegeben. Aber es war nicht meine Mine. Mein Besitzanspruch auf das Gold war zumindest fragwürdig.

Und von gleicher Fragwürdigkeit waren viele Dinge, die ich in den vergangenen Jahren getan hatte.

Indes ich so am Creek im Schatten der Bäume auf einem Stein saß, dachte ich über mein Leben nach. Ja, irgendwie war auch ich nur ein Grenzwolf.

Und was würde ich in Zukunft sein?

Ich hatte mich noch niemals so sehr in der Klemme befunden.

Und ich war einer schönen Frau verpflichtet, um die schon Revolvermänner und Banditen gekämpft hatten.

Doch ich besaß immer noch eine Menge Stolz. Und dies hatte Stella Clayton ganz klar und sicher erkannt. Deshalb würde sie wohl auch mit mir keinen Fehler machen. Dies wünschte ich ihr – und auch mir.

Ich hätte vielleicht noch viel über mich nachgedacht in dieser Stunde am Creek. Doch dann sah ich drüben zwei Reiter kommen.

Ich erkannte sie sofort, denn es waren Paco Alvarez und Reece Clum.

Ich wusste, sie ritten immer noch auf meiner Fährte. Sie suchten immer noch nach mir. Aus diesem Grund kamen sie auch nach Concho Creek.

Sie kamen viel zu früh für mich.

Denn ich war noch zu schwach, zu krank, zu langsam.

Ich war ihnen längst noch nicht gewachsen.

Und dennoch musste ich mich ihnen stellen.

Es gab kein Ausweichen.

2

Sie konnten mich im Schatten der Bäume auf dem Stein am Wasser noch nicht erkennen. Und so hatte ich noch etwas Zeit, mich auf das Unvermeidbare vorzubereiten.

Ich musste all meine Wünsche nach Schonung des eigenen Körpers zurückstellen.

Ich musste mich zu jenem unheilvollen Entschluss durchringen, der mir den Tod bringen konnte.

Als sie die Mitte der Furt erreicht hatten, in der ich vor einigen Tagen fast ertrunken war, weil ich vor Schwäche nicht mehr aufstehen konnte im seichten Wasser, da erhob ich mich und ging ihnen bis zum Rand des Wassers entgegen.

Sie hielten nebeneinander an und betrachteten mich.

Die Entfernung betrug etwa acht Schritte, also ungefähr sechs Yard.

Ich begriff, dass sie mich nicht sofort erkannten. Aber das war ja auch kein Wunder. Ich hatte unheimlich an Gewicht verloren. Ich war dünn wie eine Bohnenstange geworden, und dabei knochig. Die Kleidung umschlotterte mich. Und meine ganze Körperhaltung hatte sich verändert.

Früher war ich bei aller sehnigen Hagerkeit doch ein schwergewichtiger Bursche gewesen, dessen Proportionen stimmten. Ich trug jetzt andere Kleidung und war auch nicht mehr bärtig, sondern glatt rasiert.

Das alles gab mir ein völlig verändertes Aussehen.

Doch nach einigen Atemzügen dämmerte es ihnen dann doch. Sie grinsten.

Und Paco Alvarez sagte aus dem Mundwinkel zur Seite: »Reece, sieh dir diesen Amigo an. Kennst du ihn noch?«

»Der könnte in einem Flintenlauf baden«, sagte Reece Clum. »Er ist dünn geworden seit jenem Tag, als wir ihn zum letzten Mal sahen. Vielleicht hat er Fuchsleberpulver gefressen und muss immerzu die Hosen herunterlassen, weil alles, was er ins Maul nimmt, auch schon hinten wieder herausschießen möchte. Hey, er ist es!«

In seiner Stimme schwang unversöhnlicher Triumph.

Seine Augen glitzerten. Er war ein weißblonder Texaner mit sichelförmigem Bart, dessen Spitzen tief über die Mundwinkel hingen.

Und auch Paco Alvarez hatte glitzernde Augen. Er sah aus wie ein Yaqui-Indianer. Er war untersetzt, ein wenig schlitzäugig und hatte hohe Wangenknochen.

»Du hast meinen Bruder Pedro umgelegt«, sagte er. »Du hast ihn einfach in den Bauch geschossen. Weißt du das?«

Ich schluckte mühsam.

»Ihr habt mich mit sechs oder sieben Mann in meinem Camp überfallen«, sagte ich. »Wer ihr wart, bekam ich erst später heraus, als ihr mich in die Berge jagtet. Und ich habe deinen Bruder Pedro nicht absichtlich in den Bauch geschossen.

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